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Mit großer Geste präsentierte sie ein winziges Fläschchen aus Tannenholz und zog den Korken heraus.
Merdin sprang sofort rückwärts, aber Viviane hielt neugierig die Nase darüber. Prompt jaulte sie los und hastete mit wild fuchtelnden Armen hinter Merdin. Alle Krieger rundum brachen in schallendes Gelächter aus.
„Ja, das beißt“, lachte Uathach und machte sich einen Spaß daraus, hinter Viviane herzulaufen und: „Ich beiß dich, ich beiß dich!“ zu rufen. So schaffte die eine johlend, die andere jaulend immerhin drei Runden um Merdin, bis dieser das Fläschchen erwischte und den Korken gleich hinterher.
„Ich hab die Nase voll“, schnaubte er, drückte den Korken auf die Flasche und zeigte in die Runde. „Die lachen alle schon. Denken wohl, das gehört mit zum Spektakel.“
„Passt doch“, fauchte Uathach und zeigte auf das Fläschchen. „Unsere Vivian ist wieder nüchtern, das ist ein Grund zur Freude. Und nun auf in den Kampf.“
„Hm“, brummte Merdin und verstaute das Fläschchen im Weidengeflecht des Streitwagens, wo es seiner Meinung nach auch hergekommen war. Dann baute er sich demonstrativ noch einmal vor Uathach auf, funkelte sie herausfordernd an und nickte knapp.
Viviane schaute vom einen zum anderen, denn sie verstand diesen angriffslustigen, fast beleidigten Blick von Merdin nicht. Sie entschied sich, dem keine Beachtung zu schenken, und eine warme Woge aus Dankbarkeit und Zuneigung wallte in ihr auf. Kurzerhand zog sie Uathach fest in die Arme, bevor sie sich auf Dina schwang. Merdin saß schon auf seinem großen Hengst Arion und gab den Kriegern Handzeichen, um die Bahn freizumachen. Daher konnte sie ihm nur das Knie tätscheln, was er jedoch nicht einmal bemerkte, so beschäftigt war er mit seinen Anweisungen. Also kniff Viviane ordentlich hinein und schon hatte sie seine vollkommene Aufmerksamkeit. Sie feixte, er lachte und wollte sie nun seinerseits ins Knie zwicken, doch dazu kam es nicht mehr.
„Zeigt, was ihr könnt“, knurrte Uathach und klatschte der kleinen weißen Stute schwungvoll aufs Hinterteil.
Im wilden Ritt preschte Dina über die Lichtung, immer weiter und schneller, bis sie im letzten Moment auf der Hinterhand wendete und stillstand. Die Krieger rechts und links der Bahn atmeten erleichtert auf – sie waren schon drauf und dran gewesen, noch ein Stück zur Seite zu springen, doch diese Blöße wollte sich keiner geben. So viel Temperament hatte niemand dem kleinen Pferdchen zugetraut; das erkannte Viviane am beifälligen Gemurmel rundum und heimste gerne das Lob dafür ein. Doch sie wandte nur kurz den Kopf nach rechts und links. Sie hatte jetzt Besseres zu tun, als sich in Bewunderung zu sonnen: Sie musste sich vollkommen auf die Gegenseite konzentrieren.
Merdin stand schon bereit und hielt seinen Speer hoch.
Fast gleichzeitig trieben sie ihre Pferde an. Merdin warf seinen Speer. Viviane klammerte sich an Dinas Mähne, riss ihren Schild hoch und kippte zur Seite weg. Der Speer schrammte kaum merklich über ihren Schild, Dina verfiel in gemächlichen Trab und Viviane hievte sich wieder auf ihren Rücken.
Ein lautes Seufzen ging rundum und eine der ältesten Kriegerinnen sprang vor, um den Speer aus der Wiese zu ziehen. Triumphierend schwang sie ihn über den aufgetürmten grauen Haaren, huschte flink an ihren Platz zurück und gab Viviane ein Zeichen: Die Bahn war wieder frei.
Viviane schmunzelte. Nun hob sie ihrerseits den Speer und Merdin wurde blass.
Spätestens jetzt war jedem klar, dass der Tag nicht langweilig werden würde.
Auch Merdin rettete sich mit einem raschen Abkippen vor dem Speer, doch kaum hatte er sich wieder aufgesetzt, drängte Viviane ihre Dina dicht an seine Beine und der Nahkampf hoch zu Ross begann.
Rasend schnell hieben und stachen sie aufeinander ein. Kurzschwerter, Äxte, Messer … eine Waffe nach der anderen schlugen sie sich aus den Händen, mal durch brutale Gewalt, mal durch List und Tücke. Jeder Würgegriff brachte ihre Zuschauer zum Stöhnen, und wenn Viviane in allzu arge Schräglage kam, kreischten manche sogar auf. Alsbald gingen sie mit bloßen Händen aufeinander los.
Prompt rissen sämtliche Zuschauer ihre Fäuste hoch, verpassten der Luft Hieb um Hieb und manch einer grölte noch Ratschläge, wie Viviane ihren hochtrabenden Gegner vom Pferd fegen könnte.
„Denk an zwölf Monde harte Arbeit“, knurrte Merdin durch die Zähne und grinste breit. Viviane hätte ihn am liebsten in die Wange gezwickt. Stattdessen täuschte sie mit rechts an und stach mit links nach seinen Augen, die jedoch rechtzeitig aus ihrer Reichweite gebracht wurden.
Sie hielt sich an die abgemachte Bewegungsfolge, die sie beide auswendig kannten. Schließlich hatten sie sich ein Jahr lang auf dieses Spektakel vorbereitet. Außer ihnen wusste nur Uathach, was für ein langwieriger Prozess das gewesen war. Gemeinsam hatten sie spektakuläre Bewegungsabläufe ausgeklügelt und sehr, sehr langsam eingeübt. Erst vor einem Mond hatte ihnen Uathach erlaubt, in diesem atemberaubenden Tempo zu agieren, das jetzt sämtliche Gemüter in Aufruhr versetzte.
Die Einzigen, die absolut stillstanden, waren Arion und Dina. Nicht mal ihre Ohren zuckten. Sie bewegten sich nur, wenn sie von ihren Reitern dazu aufgefordert wurden, wie nun von Viviane.
Ein leichter Schenkeldruck, ein wenig Gewichtsverlagerung und ihre kleine Stute reagierte wie ein echtes Schlachtross, indem sie eine winzige Seitwärtsbewegung machte. Viviane nutzte den geschaffenen Freiraum, um rasch an ihrer Seite hinunterzurutschen, unter ihrem und Arions Bauch durchzukriechen und Merdin vom Pferd zerren.
Dieser hatte nun nichts weiter zu tun, als schön erschrocken zu kreischen und die Hand über die Augen zu heben, als würde er nach Viviane Ausschau halten, obwohl sie längst auf seinem Bauch saß. Viviane hatte nichts weiter zu tun, als seinen Blick falsch zu deuten und sich hastig nach einem Angreifer aus dem Hinterhalt umzudrehen. Schon lag sie auf dem Rücken und die Krieger lachten. Ja, sie klatschten wie wild die Hände zusammen und brüllten: „Noch mehr! Noch mehr!“
Selbstverständlich ließen sich Viviane und Merdin nicht lange bitten.
Seite an Seite ritten sie über die Lichtung, glitten auf halber Strecke von den Pferden und rannten schnell wie der Wind nebenher. So gekonnt sprangen sie wieder auf Dina und Arion, dass es eine Freude war, ihnen zuzusehen. Die Beifallsbekundungen wollten gar nicht mehr aufhören, daher trieben sie das gleiche Spiel noch einmal in die Gegenrichtung. Eine dritte Strecke wurde nicht in Angriff genommen – Merdin hob schwer atmend die Hand und japste gut verständlich, er müsse sein Pferd schonen.
Alle Krieger lachten, doch keiner war bereit, das Ende des Spektakels zu akzeptieren. Sie klatschten und brüllten wieder im Takt: „Noch mehr! Noch mehr!“
Viviane kam das gerade recht. Sie hatte jetzt nichts weiter zu tun, als an einen großen, saftigen Apfel zu denken.
Mit hungrigem Blick wedelte sie Merdin Luft zu und ließ Dina so lange im Kreis um ihn herumtänzeln, bis er sich mit schiefem Grinsen die Lippen leckte. Die Krieger im Rund johlten anzügliche Bemerkungen, die Kriegerinnen quietschten vor Vergnügen und ein paar von ihnen giggelten laut: „Guckt euch mal den Arion an! Der tut genauso verliebt wie Merdin!“
Das brachte Viviane ein wenig aus dem Konzept, doch Dina tänzelte ohne ihr Zutun weiter und tatsächlich schaute ihr Arion fast genauso hinterher, wie es Merdin für sich selbst eingeübt hatte. Natürlich leckte sich Arion nicht die Lippen, aber seine witternde Haltung, sein Blick … warum war ihr das noch nie aufgefallen? Oder besser: Wann hatte dieser Schelm damit angefangen? Arion, wohlgemerkt – bei Merdin war es ja bloß gespielt.
Viviane beugte sich näher heran und hauchte Merdin einen Kuss auf die Wange. Dina rieb sich an Arions Hals, wie sie das jedes Mal beim Proben getan hatte. Plötzlich befürchtete Viviane, ihre Stute würde heute einfach stehen bleiben.
Doch weit gefehlt. Mit einem kessen Schweifwedeln schritt Dina über die Lichtung und ließ Arion samt Reiter in Schockstarre zurück.
„Du Trottel!“, „Hör auf zu sabbern!“, „Der ist voll im Tran!“, grölten die Krieger und fanden noch derbere Sprüche, die zum Glück in der allgemeinen Heiterkeit untergingen. Nicht, dass sich die beiden derartige Beschimpfungen zu Herzen nahmen.
Wie eingeübt blieben sie ruhig, bis Viviane auf halber Strecke wendete. Nun kam wieder Leben in beide. Merdin grinste besonders verträumt und streckte die Arme aus, als wollte er Viviane mit einem langen, dicken Tau einholen. Arion tänzelte auf der Stelle, als müsse er erst mal die Seile dafür verdrillen. Dabei machte er einen dermaßen langen Hals und witterte Dina nach, dass Viviane nur staunen konnte, wie artig er auf seiner Position ausharrte. Sein ganzes Gebaren sagte: ‚Vorpreschen! Viviane runterschubsen! Selber aufsteigen!‘ Es war einfach genial.
„Arion taugt wahrlich fürs Theater“, gluckste Uathach, mittlerweile ohne Helm und restlicher Kriegsmontur, die blonde Haarmähne wieder verzottelt. Geschäftig reichte sie Viviane das kleinste Blasrohr aus ihrer Sammlung hinauf. Dann präsentierte sie – wie aus dem Nichts – einen Federkiel, hinten buschig, vorne mit einer Spitze aus Silber versehen, und tauchte diese in ein winziges Tontöpfchen mit roter Farbe. „Pass auf, Vivian! Du musst zwei Fingerbreit höher zielen und eine Elle nach rechts. Bruder Wind hat aufgefrischt, findet das Spektakel wohl aus so lustig. Ich hab die ganze Zeit nichts anderes gemacht, als seine Stärke abzuschätzen und jeden Schuss zu kalkulieren.“
„Uathach, du bist genial! Danke, das mache ich, sollst ja stolz auf mich sein.“ Verschmitzt wedelte Viviane mit dem Blasrohr und streckte die Hand nach dem Federkiel aus.
Arion hörte sofort auf zu tänzeln und Merdin hob die Hand über die Augen; er schaute dermaßen verdutzt, dass jeder in der Runde dachte, nun käme etwas, das für die Reitervorführung nicht geplant gewesen war.
War es eigentlich auch nicht, doch Viviane hatte darauf bestanden. Sie hatte den Nahkampf hoch zu Ross verlieren müssen, etwas anderes wäre für Merdin unvorteilhaft gewesen. Deshalb wollte sie nun wenigstens eine Art Gleichstand erreichen. Selbstverständlich hatten sie auch dies geprobt und Merdin wusste genau, was er zu tun hatte.
Er lachte lauthals.
„Mit dem kurzen Elderstab hast du keine Chance auf die Entfernung!“
„Abwarten“, johlte Viviane zurück. „Das ist beste Qualität!“ Sie hielt das Blasrohr für alle gut sichtbar hoch und rief laut: „Absolut gerader Wuchs! Ich habe jeden Hollerbusch aus der Gegend inspiziert! Ein Prachtstück von Holunder, bearbeitet von einem Meister! Guckt nur alle hin!“
Ein Raunen machte die Runde und jeder Krieger schaute zu Akanthus, der sich grinsend verbeugte.
„Angst?“ Feixend setzte Viviane das Blasrohr an die Lippen. „Keine Bange, ich ziele nicht auf deine Beine!“
„Oh weh!“ Merdin versteckte sich hastig hinter seinem Schild.
Der Pfeil flog schnell und prallte mit einem sehr leisen Schlag auf das Holz.
„Ha! Ein Mückenstich! Eine Handbreit weiter weg und er wäre lasch abgesackt!“
„Ich nenne das ‚Berechnung‘“, trällerte Viviane und lenkte Dina langsam rückwärts.
Uathach tauschte währenddessen die Blasrohre aus und knurrte: „Prima Treffer. Für den nächsten drei Finger und anderthalb Ellen zugeben.“
„Mach ich.“ Viviane nickte voll konzentriert und Uathach tätschelte ihr beruhigend den Arm.
Merdin hingegen lachte höhnisch.
„Was treibst du da? Dein Elderstab mag größer sein, aber du gehst viel zu weit rückwärts! Treibt dich der Wind fort oder soll das noch mal so eine trudelnde Mücke werden wie eben?!“ Grinsend demonstrierte er mit seinem Zeigefinger, wie es einer Mücke im Sturm erging, riss jedoch hastig seinen Schild hoch, als Viviane das neue Blasrohr ansetzte.
Wieder stach der Pfeil kaum in das Holz und Merdin spottete lauthals, als Nächstes kämen verhungerte Mücken. Viele Krieger lachten und riefen, sie würden auch bald verhungern.
Viviane ließ sich davon nicht beirren.
Ruhig nahm sie das dritte und vierte Blasrohr von Uathach entgegen, schoss ihre Pfeile ab und lenkte Dina stückweise rückwärts. Beim fünften und längsten Blasrohr verschwand sie zwischen den Bäumen. Nur Merdin und Uathach konnten sie noch richtig sehen, alle anderen reckten die Hälse, um nichts zu verpassen – selbst Akanthus, der genau wusste, was Viviane damit bezwecken wollte.
Merdin spürte – wie fast jedes Mal bei ihren Proben – den deutlich stärkeren Einschlag in seinen Schild; diesmal johlte er anerkennend.
„Das war ein Hit! Endlich hat der Schuss im Holz gesessen, wie es sich schickt! Aber warum hast du nicht mal woandershin gezielt? Ich hätte die kleinen Stiche sowieso kaum gemerkt! Oder hast du Gift an den Pfeilen?!“
Bei dieser reichlich späten Vermutung wurde Merdin ganz hektisch. Bibbernd duckte er sich hinter seinen Schild, zog die Füße hoch, stieß sich das Kinn an den Knien … Rundum lachten alle über sein ängstliches Gebaren. Er klapperte sogar laut mit den Zähnen, doch er grinste dabei. Über solche Spötteleien konnte Viviane nur ausgiebig gähnen. Gelangweilt wedelte sie mit der Hand, Uathach solle sich um die Angelegenheit kümmern, sie sei näher dran.
Das ließ sich ihre Freundin nicht zweimal sagen. Gemütlich schlenderte sie zu Merdin, klopfte gegen seinen Schild und gurrte: „Du kannst vorkommen. Vivian will dich nicht vergiften. Sie will bloß ein kleines Zeichen setzen.“
„Ach, ein Zeichen sollte das werden!“ Merdin drehte seinen Schild um, sodass er die Außenseite sehen konnte, starrte übertrieben darauf und jauchzte unvermittelt.
„Sie hat ein Kreuz aufgezeichnet!“, rief er in die Runde und hielt seinen Schild hoch, damit es jeder sehen konnte. „Sie hat tatsächlich ein Kreuz fertiggebracht! Drachenbrüder! Drachenschwestern! Guckt euch das an! Guckt euch das an!“
Er ließ Arion langsam an den Kriegern vorbeigehen, präsentierte ihnen seinen Schild und deutete auf die roten Punkte, die Viviane mit ihren Pfeilen eingestochen hatte.
„Es ist tatsächlich ein Kreuz“, murmelten die Ersten, wobei sie verdutzt auf den Schild starrten. „Sie hat wahrhaftig ein rotes Kreuz aufgezeichnet!“
Eifrig drehten sie sich zu ihren Nachbarn um und zeigten mit den Fingern auf den Schild.
„Habt ihr das gesehen?! Ihr letzter Hit hat das Zentrum getroffen! Schaut hin! Der starke rote Punkt befindet sich mittig im Kreuz! Das ist ein kleines Sonnenrad, gar kein Zweifel!“
Schwer beeindruckt wandten sich die Krieger Viviane zu und musterten sie von Kopf bis Fuß, obwohl sie immer noch weit hinten im Wald auf Dina saß und gar nicht richtig zu sehen war. Viviane wurde zunehmend rot unter ihren blauen Hautmustern.
Sie ärgerte sich ein winziges bisschen. Genaugenommen war das Kreuz nicht klein; es maß mehr als zwei Handspannen von Punkt zu Punkt. Sie hätte besser getroffen, wenn sie absolut nüchtern gewesen wäre. Die Pfeile waren ihr doch ein wenig abgedriftet, aber dafür war der letzte so perfekt windschief im Zentrum gelandet, dass es am Ende wieder gerade aussah. Man musste nur den Kopf zur Seite neigen – schon konnte man Norden, Osten, Süden und Westen deutlich erkennen.
Zum Glück hatte sie die rote Farbe genommen, wie Uathach ihr geraten hatte. Schwarze Punkte wären nicht so gut sichtbar gewesen, man hätte sie gar als Maserung im Holz abtun können.
„Guckt sie euch an!“, tönte Merdin und streckte den Schild weit von sich. „Das Symbol der vier Himmelsrichtungen auf einen Schild geblasen! Ein Sonnenrad, auf diese Entfernung! Habt ihr je solche Treffer gesehen, derlei Kunstfertigkeit?!“
„Nein!“, jubelten alle Krieger im Chor. „Vivian ist die Beste mit dem Elderstab!“ Prompt fiel einigen auf, was sie da gerade verkündeten, und sie verpassten ihren Nachbarn unauffällige Rippenstöße. Allesamt brüllten sie hinterher: „Uuuuathach ist die Beste mit dem Elderstab! Sie ist die beste jüngste Lehrmeisterin und Vivian ihre beste jüngste Schülerin! Sie können wahrlich stolz aufeinander sein!“
Uathach drehte sich prustend um und zwinkerte Viviane zu.
Viviane freute sich, wie glücklich ihre Freundin nun die Faust in Siegerpose reckte, und zwinkerte lachend zurück. Ja, sie musste sich kichernd hinter ihren Händen verstecken und den Kopf schütteln. Wenn jemand vor fünf Jahren prophezeit hätte, dass sie eines Tages stolz aufeinander sein würden, wäre er wahrscheinlich mit zwei Ohrfeigen abgezogen, denn damals hatten sie sich überhaupt nicht leiden können.
Immer wollte Uathach recht haben, weil sie bereits ein Jahr Heilkunst absolviert hatte, bevor Viviane anfing. Immer wollte Uathach die Beste sein und Viviane hätte ihr das auch gegönnt, denn schließlich war Uathach eine Königstochter, eine gelehrige Schülerin der Medizin und eine faszinierende Kriegerin. Noch dazu äußerst klug, gut aussehend und üppig gebaut. Doch ständig hatte sie Viviane spüren lassen, dass sie selbst klein, mager und nicht von hoher Geburt war.
Deswegen waren sie öfter aneinandergeraten, und irgendwann hätten sie sich wohl ernsthaft geprügelt, wenn sie in Vivianes erstem Jahr nicht zufällig beide krank geworden wären. Es war eine seltsame Krankheit – genauer, eine Trägheit – die sie tagelang ans Bett fesselte. Alle anderen Mädchen vergnügten sich draußen im Sonnenschein, sie jedoch lagen artig nebeneinander – zum gegenseitigen Zähne-Einschlagen fehlte ihnen schlichtweg die Kraft. Was konnten sie tun, bis es ihnen besser ging?
Der Erste, der von ihrem lauten Gekicher angelockt wurde, war Akanthus, und er freute sich, dass seine Medizin nun offenkundig wirkte. Viviane hatte ihn bis heute im Verdacht, für Krankheit und Genesung selbst gesorgt zu haben. Doch wie überraschte ihn sein eigener Heilerfolg: Viviane und Uathach waren seit ihrer Zwangsstilllegung unzertrennlich. Niemals wieder ein böses Wort oder eine böse Tat. Wenn die eine etwas nicht konnte, brachte die andere es ihr bei.
„Alles hervorragend erledigt“, gluckste Uathach, die nun unvermittelt vor Viviane stand.
„Ich bin höchst zufrieden mit dir, meine Kleine, und dafür geleite ich dich nun höchst feierlich zur Feststätte zurück.“ Kurzerhand zog sie Viviane vom Pferd, legte ihr strahlend den rechten Arm um die Schultern und rüttelte alles, was daran hing, kräftig durch.
„War also doch nicht umsonst, wie ich dich unter meine Fittiche genommen habe. All die Jahre voller Mühsal und Tobsuchtsanfälle …“
Uathach wischte sich ganze Sturzbäche imaginären Schweißes von der Stirn und stöhnte vor Anstrengung. Unvermittelt griff sie Viviane unter die Arme und hob sie mit einer Leichtigkeit an, als wäre sie aus Stroh.
„Ja, das hat sich wirklich gelohnt“, lachte diese und tänzelte mit den Füßen durch die Luft „Das fühlt sich prima an! Mach weiter!“
„Die Grashalme, die kitzeln?“
„Das Gras, der Südwind, das Kampfspektakel, die blaue Farbe … einfach alles!“
„Ach, und meine Kraft? Pass auf, du kleiner Grashüpfer!“
Uathach packte fester zu und zog Viviane noch höher, sodass sie weit über den Grashalmen schwebte und jauchzte: „Beim Geweih von Cernunnos, du bist das stärkste Weib! Ich bin so glücklich, dass du meine Freundin bist! Keiner fühlt sich heute so leicht und frei wie ich!“
„Das möchte ich meinen. Immerhin wirst du von einer zukünftigen Königin der Nebelinsel auf Händen getragen. Wer könnte das noch von sich behaupten?“
Fragend schauten sie sich an und prusteten gleichzeitig los.
Es gab tatsächlich niemand anderen, den Uathach jemals umhergetragen hätte. Sie trug nur ihren Stolz, ihre Waffen und manchmal eben Viviane. Das war ihr beider größtes Vergnügen, seitdem sie ihre Freundschaft entdeckt hatten, und Viviane vermutete, dass sie gerade deswegen umhergeschleppt wurde. Zum einen war Uathach fast zwei Köpfe größer, zum anderen war es wohl eine Art Wiedergutmachung für all die üblen Tage, die sie vorher miteinander durchlebt hatten.
„Ich könnte dich noch ewig so weiterschleppen! Doch halt, Seitenwechsel und Endspurt, jetzt wird gefeiert!“ Uathach sprang um Viviane herum und hob sie auf ihren linken Arm. „Ach, da kommt ja noch ein Helfer angestolpert! Da schaff ich’s vielleicht doch noch zum Met, bevor ich das Fass auslecken muss! Gib mal Rückenwind, kleiner Grashüpfer!“
„Ganz wie zukünftige Nebelkönigin wünschen!“
Lachend flatterte Viviane mit den Armen und Uathach trabte mit einer Leichtigkeit vorwärts, die selbst den entgegenkommenden Merdin zum Staunen brachte. Er verlangte aber dennoch, sie solle ihm die Hälfte abgeben und schob seine Hand unter Vivianes freigewordene Achsel. Nun konnte diese noch leichter und viel, viel höher durch die Luft sausen. Allerdings hing sie ein bisschen schief, weil Merdin ein winziges Stück größer war als Uathach und auch mehr Kraft hatte – beides wollte er gut sichtbar zur Schau stellen.
Die Spur der Drachen
Beim ersten Vogelgezwitscher verspürte Viviane den starken Drang, sich ausgiebig zu rekeln, und wäre beinahe vom Ast gefallen. Gerade noch konnte sie sich festklammern und einen erschrockenen Blick nach unten werfen. Prompt wechselten sich bei ihr Blinzeln, Stirnrunzeln, Augenaufreißen und -zukneifen in rascher Folge ab. Nur den Klammergriff behielt sie bei und mit ihm die Erkenntnis.
Sie war wach, kein Zweifel. Doch wieso war sie auf einer knorrigen Buche, erste Etage, aufgewacht?
Von der guten Aussicht – wenn es irgendwann hell würde – mal abgesehen, war ihr Schlafplatz eher ungewöhnlich, ja, geradezu exzentrisch, und noch dazu weit weg von den anderen. Zum Glück war die Astgabel, auf der sie lag, breit und voller Moos, und zwei flauschige Wolldecken sorgten für Behaglichkeit. Dennoch, gemütliche Wärme hin und weite Sicht her – wieso lag sie nicht unten auf der Erde wie jeder normale Mensch?
Das Korma war schuld. Offensichtlich hätte sie nicht so viel von dem Gebräu in sich hineinschütten dürfen. Aber nachdem das Kampfspektakel vorbei war, hatte ihr Merdin auch nicht mehr das Horn weggenommen, sondern sogar höchstpersönlich nachgefüllt.
Nebenbei hatte er Viviane mit saftigem Braten und anderen Leckereien versorgt und sie mit ihren neuen Drachenbrüdern und -schwestern bekannt gemacht. Durch seinen Vater kannte er alle und Viviane fühlte sich sehr geehrt, weil sich der höchste Druide eine ganze Weile nur mit ihr unterhielt.
Zum Beispiel fand er es interessant, dass auch Vivianes Clan Cernunnos als Gott der Anderswelt verehrte. Noch mehr faszinierte ihn, dass sie beide die gleiche Augen- und Haarfarbe hatten – so grün wie Moos und so rotbraun wie das Holz des fernen Mahagoni –, während sein Sohn die blauen Augen und kupferroten Haare seiner Mutter hatte. Manch einer hätte darin ein Zeichen gesehen, lachte er; schon waren sie im Gespräch über Vivianes Blasrohrschießen und umringt von vielen Bewunderern.
Bis in die Nacht hinein hatten sie gefeiert, geredet und getanzt – nicht nur zu den mitreißenden Trommelklängen, sondern auch zu anderen Instrumenten und Gesang, denn einige der Drachenkrieger waren Barden und beherrschten die Kunst der Unterhaltung auf das Vortrefflichste.
Natürlich gab es auch andere, die recht passabel singen oder Instrumente spielen konnten, und nach dem siebten oder achten Horn voll Korma fiel Viviane ein, dass auch sie dazugehörte. Sie hatte extra ein paar lustige Tanzlieder eingeübt.
Weil sie nackt zu ihrer Initiation kommen musste, hatte sie Uathach nicht nur mit dem Bereitstellen der Pferde beauftragt, sondern auch damit, ihre kleine Zinnpfeife mitzubringen.
„Beim Geweih von Cernunnos“, stöhnte Viviane beim Gedanken an diese Erinnerung und hielt sich die Augen zu. „War das peinlich.“ Mit langsamen Bewegungen schob sie sich auf dem Ast rückwärts und kroch unter die Decken. Jetzt dämmerte es langsam, auch bei ihr im Kopf.
Nach der höchst speziellen Ankunft der Pferde hätte sie es eigentlich wissen sollen, aber nein, betrunken wie sie war, hatte sie quer über die Lichtung nach ihrer Tin Whistle gebrüllt. Uathach hörte sofort, schlenderte gemächlich zu ihr herüber und verkündete lauthals, gleich gäbe es was zu bestaunen – und der Drache auf ihrer Brust schien zu grinsen, als sie sich das letzte Stück Hirschbraten in den Mund schob.
Das kam Viviane nun doch etwas verdächtig vor. Sie stützte ihr Kinn auf Merdins Arm, damit sie besser über ihren ausgestreckten Finger sehen konnte, und rief: „Has mein Dn Whsle midbrachd, wie ichs dir g’sagd hab, hicks?!“




