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„Vivian, Achtung, die Luke geht auf! Ich glaub, die Römer kommen an Deck! Ja, unsere Schiffspassagen sind gleich in Sicht!“
Viviane blinzelte heftig. Jetzt war sie tatsächlich in Gedanken versunken und hatte sogar Honignüsse geknabbert, ohne es zu merken, was ihr – bei den Massen an Pfeffer drum herum – eigentlich hätte auffallen müssen. Wenn Merdin nicht ihre Hand getätschelt hätte, wäre ihr die Bewegung auf dem vorletzten Schiff flussabwärts entgangen. Da erschien eindeutig ein Kopf in der Luke, dann schob sich der restliche Körper heraus.
„Donar steh uns bei, es beginnt“, hauchte sie. „Merdin, ich hab Angst. Ganz schreckliche, schreckliche Angst. Diese armen Maiden, in welcher Verfassung werden wir sie vorfinden? Wie zerrüttet werden sie sein, körperlich wie geistig, nach all der Zeit?“ Sie verschränkte ihre Finger mit seinen und holte zittrig Luft. „Und da ist noch etwas … Ich würde was drum geben, wenn ich nicht töten müsste. Ich hab doch noch nie in echt …“
„Ganz ruhig, Vivian. Denk jetzt nicht daran. Wir wollen die Maiden befreien und das werden wir tun. Deine List wird gelingen. Und falls es Komplikationen gibt … Wir können blitzschnell denken, kämpfen und improvisieren. Vielleicht kommt es nicht mal zum Kampf. Wenn doch, hältst du dich einfach raus. Mit den paar Seemännern werden wir allemal fertig, keine Bange.“
Viviane fühlte seinen starken Händedruck und atmete gleich viel ruhiger.
„Bei allen Göttern, deinen und meinen, was bin ich froh, gerade dich an meiner Seite zu haben, mein teuerster Bruder.“
Sie schenkte ihm ein liebevolles Lächeln und schaute ihm tief in die Augen. Am liebsten hätte sie sich darin verloren, in diesem himmlisch strahlenden Blau, doch etwas hinderte sie daran. Sie wusste nicht genau, was es war oder wie sie es benennen sollte … sie zwang sich, wegzusehen.
Seufzend starrte sie das Flussufer entlang zum vorletzten Schiff. An Deck redete gerade ein Seefahrer recht überschwänglich auf die beiden Römer ein, während sich Letztere die Kleider richteten. Besonderen Wert schienen sie auf den Faltenwurf ihrer Togen zu legen, sie zupften und begutachteten, zupften und begutachteten … Vom Ausfertigen irgendwelcher Dokumente konnten doch weder Toga noch Tunika derart verrutschen.
Prompt kroch Viviane ein Schauder über den Rücken und es wurde ihr mächtig flau im Magen. Doch es war nicht Angst, die sie erbleichen ließ, es war auch nicht Mitleid für diese armen Frauen dort auf dem Schiff. Sie wusste nicht einmal genau, ob es überhaupt ein Gefühl war, was sie da wahrnahm. Es fühlte sich eher wie ein Ding an, für das sie noch keinen Namen hatte.
Es wand sich in ihren Eingeweiden, streckte sich und dehnte sich, wälzte sich in ihrem Blut und kreischte: ‚Ich will mehr Blut! Viel mehr Blut! Lass mich raus! Ich will kämpfen! Ich will töten! Ich will siegen!‘ Dabei wollte sie doch gar nicht töten. Selbstverständlich wollte sie siegen und um das zu erreichen, musste sie höchstwahrscheinlich kämpfen. Aber am liebsten hätte sie auf Letzteres verzichtet, und töten … nein, das wollte sie erst recht nicht. Nicht nur aus Gnade für ihre Gegner, sondern auch weil das Ding in ihr, dieses blutgierige Biest, sonst noch stärker geworden wäre. Womöglich wuchs es aus ihr heraus und machte sich selbstständig. Wo blieb dann die gute, freundliche Viviane mit all ihrem Mitgefühl? Andererseits hatte sie stets und ständig diese jungen Maiden vor Augen, sah sie zusammengedrängt und schwach, gepeinigt, geschändet, gefoltert. Was nützte diesen hilflosen Wesen ihr Mitleid? Wäre nicht eine Viviane, die nur aus Zorn und Hass und Blutgier bestand, genau das Richtige für sie? ‚Ja! Lass mich kämpfen! Lass mich töten! Lass mich raus!‘
Genau deshalb hatte sie das Schiff bis jetzt nur einmal, bei ihrer Ankunft, angesehen und dann nicht wieder. Dieses Chaos tief in ihr drinnen war schlichtweg nicht auszuhalten gewesen. Wer wollte schon einen Kampf gegen sich selbst ausstehen, ihr Mitgefühl gegen das Ding ohne Namen? Wer würde diesen Kampf für sich entscheiden? Sie hatte alles betrachtet, bloß nicht dieses vorletzte Schiff. Sie wollte sich nicht vorstellen, was dort gerade mit den gefangenen Frauen passierte.
Wie lange waren sie jetzt auf diesem Schiff? Wie oft hatte dieses Schiff schon irgendwo vor Anker gelegen? Immer mit ähnlicher Fracht? Und wenn ja, was taten die Seefahrer wohl mit so vielen Frauen, bis sie irgendwann im Zielhafen ankamen – weit, weit über dem Meer, wo ihr Handelsgut zum nächsten Sklavenmarkt verfrachtet wurde? Was nützte es den Frauen dort auf diesem vorletzten Schiff, wenn sie, Viviane, die Ärztin und Drachenkriegerin, wie gelähmt war vor lauter Angst vor sich selbst?
„Schau, Vivian, sie laufen die Planke runter, genau wie uns die Wirtin beschrieben hat. Der eine schwankt, als würde er gleich umfallen und ist so dünn wie eine Bohne. Der andere trippelt auf kurzen Beinchen und ist so dick wie ein Kohlkopf.“
„Oh ja, sehr interessant. Bohne hat eine grüne Tunika und Haare so wirr wie Bohnenkraut. Kohlkopf trägt eine zartgrüne Tunika und sein Schädel ist kahl. Die Namen passen perfekt.“ Aus schmalen Augen beobachtete Viviane die Römer, die am Flussufer verharrten und majestätisch zu dem Seefahrer hinaufwinkten. Am liebsten hätte sie mit Pfeil und Bogen auf die drei angelegt. Vergiftete Blasrohrpfeile wären auch gut geflogen oder ein paar Schleudersteine. Oder sie hätte vom Dach springen und ihnen entgegenstürmen können mit dem Schwert in der Hand, mit zwei Schwertern, mit der Axt, mit bloßen Händen … alles wäre richtig gewesen, alles zusammen.
Die Vorstellung war allzu verlockend, und sie war froh, wieder Merdins starken Händedruck zu spüren. Er hegte ähnliche Gedanken, das wusste sie, auch wenn er nichts sagte, und plötzlich war es ihr wichtig zu trällern: „Komm, mein teuerster Bruder, runter zur Caupona, wir wollen unsere Schiffspassagen in Empfang nehmen!“ Schon eilte sie Merdin voraus über die Dachterrasse und die Treppe hinunter. Sie wurde immer schneller, bis sie durch eine schmale Tür in das hintere Ende des Speiseraums preschte. Nun rannte sie fast vorbei an Tischen und Korbstühlen und der ewig langen Theke, bis diese einen Knick nach rechts machte und auslief. Dort, am Eingang, an der Schmalseite der Caupona, stand die Wirtin mit ihrem ältesten Sohn hinter der Theke. Sie stellten gerade ein neues Fass Wein auf, hielten aber sofort inne, als Viviane und Merdin um die Ecke bogen.
Beim Anblick ihrer grimmigen Mienen wusste die Wirtin sofort Bescheid. Sie schickte ihren Sohn fort, um den anderen Drachenkriegern Meldung zu machen. Dann schlug sie, wie mit Viviane verabredet, ein paar Eier auf. Rasch trennte sie Eigelb von Eiweiß, gab eine Prise Salz in Letzteres und langte hinter sich auf ein Regal, wo schon ein Zwiesel bereitlag. Dieser war letzten Winter aus der Spitze eines Tannenbaums gefertigt worden, mit eingekürzten Ästen und glatt geschnitzt. Wenn der Stiel geschickt zwischen den Handflächen gerieben wurde, verquirlten die kleinen Astenden alles Mögliche an Essbarem und Trinkbarem, ja, Soßen rührten sich fast von alleine sämig.
Bei der grimmigen Miene, mit der die Wirtin den Zwiesel zwischen den Handflächen rubbelte, hätte man allerdings etwas anderes im Krug vermutet als Eiweiß. Nun gut, es war nicht einfach nur Eiweiß. Es war eine Art Geheimwaffe, wenn sie auch weder erschrecken noch wehtun würde. Viviane wollte es anfangs gar nicht glauben, aber ihre Gastleute hatten ihr versichert: Mit Eischnee brächte man Eisberge zum Schmelzen, römische seien besonders empfänglich. Dann hatte die Wirtin eine Kostprobe zum Besten gegeben und gezeigt, was es noch zu beachten gab. Viviane hatte nur staunen können – zum einen über die Fingerfertigkeit und zum anderen über die Raffinesse dieser Druidin, die vom Alter her gut ihre Mutter hätte sein können.
Sie staunte auch jetzt darüber, wie das Eiweiß unter diesen fähigen Händen immer höher schäumte. Es war ein faszinierender Vorgang, doch sie wandte den Blick ab, ging zu Merdin, der unschlüssig an einem Tisch nahe dem Eingang stand, und schubste ihn auf einen dazugehörenden Korbstuhl. Sie brauchte nur den Finger zu heben, schon gähnte er und fläzte sich in eine gelangweilte Schräglage – als Erbe eines adligen römischen Ritters war er für langes Sitzen ohne Pferd unter sich nicht geschaffen.
Viviane war sehr zufrieden mit seiner Pose. Sie setzte sich auf den Stuhl neben Merdin, reckte den Hals, um zu prüfen, ob die Straße durch die offene Tür gut im Blick lag, und beschäftigte sich nun mit sich selbst.
Sie hatte jede Menge zu tun. Sie musste graziös dasitzen; sie musste das mordlustige, nach Blut kreischende Biest in ihrem Innern in ein wohlig schnurrendes Schmusekätzchen verwandeln; und sie musste sich auf zwei Frauenschänder freuen.
Wider Erwarten schaffte sie all das recht schnell, obwohl die freudige Erwartung mit der Zeit verging und einem leicht gereizten Mienenspiel Platz machte. Offenbar waren die Frauenschänder in einem früheren Leben als Schnecken unterwegs gewesen; es dauerte ewig, bis sie in Sicht kamen.
Der eine mit schlaksigen, der andere mit gewichtigen Schritten, schlenderten sie die Hafenstraße entlang direkt auf die Caupona zu. Kaum zur Tür herein riefen sie nach Wein aus Mediolanum – den besten, unverdünnt, einen ganzen Krug voll – und schlenderten zu dem Tisch hinüber, an dem Viviane mit Merdin saß. Dabei hielten sie die Augen stets auf Viviane gerichtet, und so war sie es auch, die beide ansprach.
„Bei Neptunus und Mercurius, ich hoffe, das Schiff ist nun endlich zum Auslaufen bereit?!“ Sie setzte eine Miene auf, als würde sie schon ewig auf dieses Ereignis warten. „Konnte die Freigabe erteilt werden? Darf es fahren?“ Graziös schlug sie die Beine übereinander und wippte höchst pikiert mit dem rechten Fuß.
Beim Anblick ihrer rot lackierten Fußnägel vergaßen die Römer, dass die fremde Römerin erst gestern angekommen war. Sie vergaßen zu fragen, von wo genau sie herkam, wie ihre Eltern hießen und wie diese ihren gehobenen Lebensstil finanzierten. Ja, es schien sogar, als könnten die Römer rein gar nichts mehr denken, nachdem Viviane einmal mit ihren Fingern geschnippt hatte. Sofort zuckten ihre Köpfe hoch und ihre Blicke saugten sich an Vivianes Schmollmund fest, bis sie unvermittelt ihr Kinn reckte. Prompt rutschten die Blicke ihren schlanken Hals hinab und blieben an ihrem Busen hängen.
Schwer seufzend warf Viviane ihr rechtes Bein in die Höhe und das linke hinterher, sodass ihre Seidenkleider luftig flatterten, ehe sie wieder alles an sich raffte. Eine Handvoll Seide, noch eine Handvoll … ihr rechtes Bein senkte sich graziös und das linke schmiegte sich mit sanftem Druck darüber. Ein dumpfer Schlag ließ die Römer zusammenzucken. Wer störte? Gerade jetzt, wo die feine Seide festklemmte, rosa zwischen zarten Schenkeln.
Erst nach einem strafenden Blick zur Seite stellten sie fest, dass niemand sie ablenken wollte: Die Wirtin hatte bloß den bestellten Krug Wein und zwei Becher abgestellt, und eine Schale mit schaumig geschlagenem Eiweiß.
Letztere war für Viviane und sie stürzte sich darauf, als hätte sie seit drei Tagen nichts mehr gegessen; der Faltenwurf ihrer Stola geriet in Schwung und ihr Busen kam hervorragend zur Geltung.
„Oh, ich liebe diese Delikatesse“, jauchzte sie und vergaß, sich ordentlich hinzusetzen. Halb über den Tisch gebeugt tauchte sie einen winzigen Silberlöffel in den weißen Schaum, hob ihn an und ließ sich nun zurücksinken. „Ja, dieser Eischnee ist besonders gelungen … wie eine luftige Wolke!“ Sie betrachtete den extrem hohen Schaumberg auf ihrem Löffel und saugte ganz vorsichtig daran. „Mmh, steif und … ah, so lecker!“
Die beiden Römer merkten nicht, wer ihnen Wein einschenkte. Sie starrten weiter auf Vivianes glänzend rote Lippen, den Schaum, den sie Zug um Zug einsaugte, und hoben die Becher dank jahrelanger Übung automatisch an die Münder. Erst, als der Berg auf Vivianes Löffel nur noch ein Hügelchen war und sie ihn mit einem gezierten: „Deliziös!“ in den Mund schob, fiel ihnen auf, dass sie das Trinken vergessen hatten.
Schnell schlürften sie gierige Schlucke aus ihren Bechern und hätten beinahe wieder alles ausgespuckt, als Viviane den Löffel mit langer Zunge abschleckte.
Viviane sah aus den Augenwinkeln, dass die beiden sie mit Blicken verschlangen, und schob einen winzigen Klecks Eiweiß wieder zurück auf den Löffel, um ihre Zungenspitze noch einmal darüber gleiten zu lassen. Bohne biss fast in seinen Becher, Kohlkopf tropfte der Schweiß von der Stirn, Merdin fläzte sich noch römerhafter auf seinem Stuhl und hatte schon halb die Augen zu.
„Wirklich hervorragend!“ Beschwingt tauchte sie ihren Löffel wieder tief in „dies schaumige Vergnügen!“
Oh ja, es war wirklich ein Vergnügen gewesen, befanden die beiden Römer, sobald sie allein am Tisch saßen. Mit glasigen Augen bestellten sie noch einen Krug Wein und einen dritten, denn Viviane hatte ihnen reichlich Sesterzen dagelassen. ‚Eine kleine Vergeltung für die Mühen, die sie verursacht hatte‘, so waren ihre Worte gewesen. Und sie hatte darauf bestanden, einen doppelten Aureus für die Schiffspassagen zu bezahlen. Ein Binio müsse sein, denn was man von anderen bekomme, müsse man immer ordentlich vergelten, am besten doppelt, wenn man es schaffte. Dabei hatte Viviane süffisant gelächelt und den Binio mit spitzen Fingern überreicht, damit die Prägung von Nero im Profil auch gut zu sehen war.
Leider kam diese Römerin nicht wieder zurück – als Appetithäppchen wäre sie hervorragend geeignet – aber sie waren auch mit einer neuen Ladung Sklavinnen als schlichte Hauptspeise zufrieden. Sie grinsten sich an und bestellten noch einmal Wein, den besten, unverdünnt.
Viviane und Merdin ritten unterdessen zum Anleger, wo der Kapitän des Schiffes schon zu ihrem Empfang bereitstand. Allerdings schien er etwas anderes erwartet zu haben, denn bei Vivianes Anblick geriet er arg ins Wanken.
„Mein … meine Schöne, du bist so jung“, stotterte er fassungslos. „I… ich habe nicht erwartet …“ Er ruderte mit den Armen, als bräuchte er unbedingt Rückenwind.
„Ach. Was hast du denn erwartet?“, trällerte Viviane in bester latinischer Mundart und beugte sich von ihrer kleinen Stute zu ihm hinüber. „Eine hässliche alte Jungfer, die ihren kranken Onkel noch einmal lebend sehen will, und die deshalb auf einem Sklavenschiff mitschippern muss, weil gerade nichts Besseres vor Anker liegt? Oder eine hässliche alte Jungfer, die auf besagtem Sklavenschiff mitschippert, damit sie noch rechtzeitig einen Gatten abkriegt, bevor sie vertrocknet?“ Sie stach einen rot lackierten Fingernagel unter sein Kinn und klappte ihm den gerade zum Protest ansetzenden, weit aufgerissenen Mund zu. „Nun ja. Eine Jungfer bin ich. Doch wie du siehst, brauche ich mir ansonsten keine Sorgen zu machen. Oder was denkst du?“
„Oh nein, ich denke gar nichts! Ich dachte auch gar nichts“, beteuerte der Kapitän. Er schüttelte vehement den Kopf, obwohl Vivianes Finger immer noch unter seinem Kinn steckte und sie genau das ausgesprochen hatte, was er wirklich gedacht hatte. „Ich war nur …“ Er riss die Hände hoch und bettelte fast: „Schönste der Schönen, schau mich bitte nicht so tadelnd an! Und versteh mich bloß nicht falsch! Es ist alles für eure Reise vorbereitet. Ich habe ein Zelt an Deck und genügend Platz für die Pferde …“ Hastig schielte er zu Merdin, konzentrierte sich jedoch gleich wieder auf Viviane. „… und ich bin begeistert von deinem Liebreiz! Doch du kannst unmöglich auf meinem Schiff mitfahren! So gerne ich das auch hätte!“ Mit einem entschuldigenden Lächeln sah er zu Merdin. Um ihn machte er sich offensichtlich keine Sorgen.
„So, so.“
Viviane zog ihre Hand zurück und glitt von ihrer Stute. Ehe sich der Kapitän das Kinn reiben konnte, hatte sie ihm drei Finger darum gekrallt und fauchte: „Ich bin es nicht gewohnt, abgewiesen zu werden. Gerade eben wurde mir von höchster Stelle versichert …“
„Das ist kein abschlägiger Bescheid, oh schönste aller Römerinnen!“, quiekte der Kapitän und deutete rasch auf sein Schiff. „Es liegt an den anderen Weibern! Du kannst unmöglich mit diesen dreckigen Barbarenweibern auf einem Schiff hausen. Sie schreien und kreischen und jaulen. Ich fürchte um deine Sicherheit! Du bist so jung, du bist so schön!“
„Wenn ich also eine hässliche alte Jungfer gewesen wäre, hättest du damit kein Problem?
Ts, ts, ts.“ Viviane spitzte die Lippen und beugte sich ganz nah an den Kapitän heran.
„Da, wo ich herkomme, habe ich schon viele Barbarenweiber schreien hören. Sie können von mir aus nackt und von Kopf bis Fuß beschmiert sein; sie können toben und kreischen so viel sie wollen; Hauptsache, ich komme schleunigst an mein Ziel. Ansonsten …“
Sie deutete auf Merdin, der mittlerweile ebenfalls vom Pferd gestiegen war und nun mit der Hand auf dem Schwertknauf neben sie trat.
„Zenturio“, jaulte der Kapitän und sprang rückwärts, wodurch Viviane lächelnd sein Kinn freigab. „Gut, gut. Wenn dir die Umstände nichts ausmachen und für deine Sicherheit gesorgt ist …“ Er machte eine hastige Verbeugung und bedeutete Viviane, sie dürfe nun an Bord gehen.
Sie reckte Kinn und Nase in die Höhe, stolzierte an ihm vorbei und trällerte gelangweilt:
„Mein teuerster Bruder wird sich um den Rest kümmern.“
„Den Rest?“ Der Kapitän wusste nicht, was er tun sollte – auf Vivianes Wölbungen vorne starren, die sich unter ihren feinen Gewändern abzeichneten, oder auf deren Faltenwurf, der so neckisch auf ihrem Hinterteil wippte, oder …
„Schluss mit Müßiggang! Fracht an Bord! Flut setzt bald ein!“
Der Kapitän zuckte zusammen und starrte verständnislos auf Merdin. Dieser wedelte ungeduldig mit der Hand in Richtung zweier Fuhrwerke, die mit Stroh-, Heuballen und Fässern beladen am Flussufer warteten. Sofort sprangen etliche Träger herbei, die bis jetzt im Schatten einer Weide herumgelungert hatten.
Nun wusste der Kapitän auch wieder, was zu tun war. Er eilte über das Deck seines Schiffes, um den Männern eine gute Stelle für den provisorischen Pferdepferch zu zeigen. Abrupt blieb er stehen und geriet schon wieder ins Wanken.
Viviane war längst dort. Sie stand genau an der richtigen Stelle und deutete gebieterisch auf die Planken. Sie bestimmte, in welchem Abstand die Ballen und Fässer aufgestellt wurden. Sie bestimmte, welches Stroh aufgeschüttet und welcher Deckel geöffnet wurde. Sie führte ihre kleine Stute höchstpersönlich in den provisorischen Pferch und legte ihr Heu vor. Wahrscheinlich hätte sie ihr auch noch den prächtigen Sattel abgenommen, wenn sich nicht eine Hand auf ihren wohlgeformten Arm gelegt hätte.
Als wäre er gerade aus tiefem Schlaf erwacht, starrte der Kapitän von der Hand des Zenturios zu Vivianes Schmollmund hinauf und krächzte: „Schönste aller Römerinnen! Darf ich dir das Zelt zeigen?!“
„Das Zelt? Selbstverständlich. Sehr gerne.“
„Wunderbar“, jauchzte der Kapitän und war schon drauf und dran, Viviane von ihrer Stute wegzuziehen, bis ihm einfiel, dass seine Finger an ihr nichts zu suchen hatten. Zu seinem größten Vergnügen kam Viviane freiwillig an seine Seite, ja, sie rückte so dicht auf, dass er glückselig frohlockte: „Ich habe es am Heck aufgestellt. Windgeschützt, weitab von jeglicher Dekadenz, ich meine, jeglicher Unannehmlichkeit. Was ich damit sagen will …“
Er wurde leicht verlegen und flüsterte: „Ich muss dich darum bitten, dortzubleiben, das wird dir die Reise sehr erleichtern. Es ist alles den Umständen entsprechend bequem und sauber, ja geradezu klinisch rein, und für die anfallenden Arbeiten, oh Schönste …“
Vivianes Hand, die seinen Arm tätschelte, ließ ihn vergessen, dass er der Schönsten ein paar Sklavinnen ausleihen wollte, sogar kostenlos.
„Davon gehe ich aus“, gurrte ihm Viviane ins Ohr. „Mach dir keine Sorgen um mich, du flotter Seemann. Ich werde bestimmt zurechtkommen. Außerdem habe ich noch meinen teuersten Bruder.“ Glucksend hakte sie sich bei dem flotten Seemann unter und zog ihn fest an ihre Seite.
„Ja“, jauchzte der Kapitän und zwinkerte ihr verschwörerisch zu. „Der Gute kümmert sich um den Rest.“
Es dauerte gar nicht lange und Viviane stand allein auf dem Deck. Die gesamte Schiffsbesatzung war unten bei den Sklavinnen, inklusive Merdin.
Viviane gestattete sich ein grimmiges Lächeln.
Der Kapitän war ganz begeistert gewesen, als Merdin seinen Fuß auf ein kleines Weinfässchen gestellt, einen prall gefüllten Münzbeutel gezückt und verkündet hatte, nun wolle er den wackeren Seeleuten etwas Gutes tun und sich auch selbst ein wenig Vergnügen gönnen. Es dürfe gerne auch etwas mehr sein, wenn er verstehe.
Und wie der Kapitän verstanden hatte. Man konnte förmlich sehen, wie er die Preise für Vergnügungen aller Art ausrechnete und nebenbei einen Becher Wein nach dem anderen in seinen gierigen Schlund kippte. Er konnte Merdin gar nicht schnell genug die Leiter abwärts komplimentieren.
Mit gelangweilter Miene schlenderte Viviane über das Deck hinüber zu den Pferden. Da sich niemand in Hörweite befand, hätte sie nun in gewohnter Weise auf die Tiere einreden können, doch zur Sicherheit tat sie es in der Sprache der Latiner. Dina und Arion verstanden sie trotzdem.
Ruhig fraßen sie ihr ein paar kleine Äpfel aus den Händen und steckten ihre Köpfe danach in den Berg Heu, den sie ihnen aufgeschüttet hatte. Doch kaum schlitzte Viviane die Stricke der anderen Heuballen auf, hörten sie beide auf zu fressen und schauten ihr interessiert zu. Arion rupfte sich ein Stück vom nächstbesten Ballen ab.
Viviane wollte ihn schon wegen seiner Gefräßigkeit rügen, doch er hatte so ein seltsames Funkeln in den Augen, sodass sie ihm stattdessen zuzwinkerte. Als sie den ersten Deckel an den Wasserfässern anhob und Arion ihr einen sanften Nasenstüber in den Rücken verpasste, hätte sie beinahe laut gelacht. Das konnte sie sich natürlich nicht leisten, daher zwang sie sich, über Holzfässer nachzudenken. Wer auch immer diese erfunden hatte, dem konnte sie gar nicht genug danken. Denn die Einstiegsöffnung, durch die man normalerweise ins Fass kletterte, um es zu säubern, bot auch genug Platz für einen Drachenkrieger mit Gepäck.
„Wartet auf mein Zeichen“, flüsterte sie, während sie den letzten Deckel kaum merklich schräg auf seinem Fass platzierte, und das dumpfe Grollen aus dem Inneren brachte sie zum Schmunzeln. Fast hätte sie dieser Rettungsmission eine lustige Seite abgewinnen können, doch das Lächeln rutschte ihr aus dem Gesicht, als unter Deck ein lautes Johlen ansetzte.
Das waren eindeutig die Seemänner. Wahrscheinlich teilten sie gerade die Sklavinnen unter sich auf.
Kurz wunderte sich Viviane, warum von den Frauen kein einziger Laut kam, aber vielleicht hatten sie es mit der Zeit einfach aufgegeben, sich zu wehren. Wahrscheinlich besaßen sie auch gar keine Kraft mehr dazu.
„Gleich vorbei“, knurrte Viviane, als die Männerstimmen wieder und wieder anfingen zu johlen. Bedächtig trat sie hinter Dina, atmete ruhig und behielt die Luke zum Unterdeck im Blick.
Alsbald stiegen drei Frauen nacheinander daraus empor. Alle drei hätten hübsch sein können, wenn sie nicht zerzauste Haare gehabt hätten, wenn ihre Kleider nicht zerrissen und ihre Gesichter nicht grün, blau und gelb geschwollen gewesen wären. Hinter der letzten kam Merdin in Sicht. Er schaute sofort in Vivianes Richtung und warf ihr einen Blick zu, in dem sich Kummer, Zorn, Ekel, Entsetzen und Abscheu mischten.
Viviane nickte kaum merklich und atmete erleichtert auf, als sie sah, dass Merdin sein Gefühlschaos rasch in den Griff bekam. Er behandelte jede einzelne der Frauen mit Respekt, redete sanft auf sie ein und dirigierte sie nach rechts Richtung Zelt. Seine höfliche Art schien keinerlei Wirkung zu zeigen.
Mit leerem Blick schlurften die Frauen kraftlos vor ihm her, wobei die erste noch am aufrechtesten ging. Sie schien in besserer Verfassung als die anderen beiden, doch das täuschte. Kaum wollte sie sich unter der Zeltleinwand hindurchbücken, presste sie die Hände auf die Rippen und atmete scharf ein. Die zweite hinkte stark und ihr rechter Arm hing schlaff herab; mit dem linken stützte sie die dritte, die stöhnend ein Bein nachzog, der Fußknöchel dick geschwollen.
Ihr Stöhnen wurde jäh von Babygeschrei übertönt. Abrupt richtete sich die Frau mit den gebrochenen Rippen wieder auf, biss die Zähne zusammen und starrte mit den anderen beiden zur Luke hinüber, von wo das Greinen zu kommen schien. Mit einem Schlag ging es in gepresstes Wimmern über, und ein Paar Stiefel stampften nun die Leiter empor.



