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Viviane fühlte tatsächlich die Planken unter ihren dünnen Korksohlen vibrieren. Der Mann, der die Stufen emporstieg, musste groß, schwer und sehr wütend sein. Mit jeder Sprosse, die er erklomm, wurde sein Tritt derber.
Tief hinter ihre Stute geduckt, knurrte Viviane leise: „Da kommt eine unerwartete Komplikation, aber damit werde ich fertig, keine Bange. Ihr wartet wie verabredet auf mein Zeichen.“
Aus den Wasserfässern, Stroh- und Heuballen kam zustimmendes Brummen in elf verschiedenen Tonlagen. Viviane nahm es nur nebenbei wahr. Sie konzentrierte sich voll und ganz auf sich selbst. Sie musste sich wappnen, denn die bangen Blicke, mit denen die drei Frauen zur Luke starrten, versetzten sie in Kampfbereitschaft. Sie ahnte, dass ihr keine Zeit bleiben würde, über richtige oder falsche Taktik nachzudenken.
Auch Merdin machte sich zum Angriff bereit, doch er hatte offensichtlich Schwierigkeiten, sich zu entspannen, seine Kiefer mahlten, ein Augenlid zuckte. Vielleicht lag es an den Frauen, die nun aufgeregt miteinander tuschelten, vielleicht war es auch das schlagartig kreischende Baby, was ihn die Fäuste ballen und die Ader am Hals hervortreten ließ. Als die schweren Stiefel die letzten Sprossen emporstampften und ein dunkler Haarschopf, Kopf und Schultern sichtbar wurden, tastete Merdin nach seinen Schwertern. Sie waren nicht da.
Kein Langschwert, kein Kurzschwert, er hatte keines davon – er hatte das originale Schwert eines Zenturios. Seine rechte Hand griff nach links, packte den Schwertgriff, doch Viviane riss drohend ihren Finger hoch über den Pferderücken und Merdins Hand zuckte zurück. Er schaute wie ein gescholtenes Kind zu ihr hinüber. Diesmal konnte sie nicht darüber lachen. Ihr verschlug es den Atem, allen verschlug es den Atem bei dem Anblick, der sich ihnen nun bot.
Mit einem mächtigen Satz sprang ein riesiger Mann aus der Luke, stampfte zur Reling und schleuderte ein zappelndes, schmutziges Bündel weit über Bord. Noch im Flug klaffte das völlig verdreckte Tuch auseinander, winzige Beine strampelten sich frei, riesige blaue Augen suchten Halt, dünne Fingerchen griffen ins Leere …
Laut klatschte das Baby ins Wasser.
Die drei Frauen kreischten auf, brüllten, fluchten, schworen Rache … Viviane kannte kein Halten mehr. Tief hinter ihre Stute gebückt, riss sie sich die Kleider vom Leib.
Stola, Tunika, Haarnadeln, rosa Seidendahlie flogen ins Stroh. Sie schaute auf, lugte über Dinas Rücken. Der Riese hatte nichts bemerkt; mit mächtigen Schritten stampfte er wieder zurück über das Deck, den Blick stur auf die Luke gerichtet. Abrupt zuckte sein Kopf nach rechts, wo die Frauen in die Knie sanken und laut schluchzten. Doch das war es nicht, was seinen Blick auf sich gezogen hatte; es war Merdin. Merdin hatte den rechten Daumen gehoben - er hatte erkannt, was Viviane vorhatte, und schon glitt sie bäuchlings über die Reling -, doch der Riese bezog die Geste prompt auf sich. Er grinste breit, machte sogar eine kleine Verbeugung, als würde er sich geehrt fühlen, und hob ebenfalls den rechten Daumen. Dann stampfte er weiter über das Deck.
Viviane ließ sich am Schiffsrumpf hinab; die Finger fest an die Reling geklammert, hing sie da. Wo war das Baby? Sie schaute abwärts, sah nichts als trübes, brackiges Wasser, das langsam dahinfloss – kein Baby. Sie stieß sich mit dem linken Fuß ab, hing jetzt nur noch an der linken Hand. Sie reckte sich. Da war es! Dreißig Schritt entfernt, etwa mittig im Fluss, sah sie einen großen, hellen Fleck im Brackwasser treiben. Unter Wasser!
Viviane stieß sich ab und sprang.
Sie bemühte sich, so geräuschlos wie möglich einzutauchen, Füße voran, lang gestreckt; trotzdem konnte sie den kurzen Schlag beim Eintritt ins Wasser nicht verhindern. Unter Deck war es im Moment verdächtig still; die Seeleute gönnten sich garantiert ein paar Becher Wein, ließen sich womöglich noch von den Sklavinnen bedienen. Von dort drohte keine Gefahr, aber an Deck … Der Riese polterte wahrscheinlich gerade die Leiter hinab, ein lautes Platschen würde ihm bestimmt nicht verborgen bleiben. Und wenn schon. Merdin würde sich um ihn kümmern. Sie musste ein Kind retten.
Vivianes Kopf samt Rumpf schoss aus dem Wasser; hastig sah sie sich um, das Baby war weg, war längst schon weitergetrieben. Sie musste hinterher, musste mehr in die Mitte.
Ein Atemzug und sie warf sich kopfüber ins Trübe; unter Wasser war sie schneller. Mit kräftigen Stößen tauchte sie voran. Sie konnte lange die Luft anhalten, sie würde viel schneller sein als die Strömung. Sie musste das Baby einholen, doch sie fand es nicht.
Sie fand es einfach nicht. Viviane holte stärker aus, schaufelte das Wasser hinter sich; die Augen weit offen, sah sie nach oben, unten, rechts, links, gerade aus … Wo war das Baby? Es war schier zum Verzweifeln. Nichts war zu sehen außer Schlamm, Kieselsteine, Krebse, ab und an Fische; langsam kam ihr der Verdacht, sie würde es nie finden. In dieser trüben Brühe schien alles zu verschwinden – das Baby und auch ihre Hoffnung.
Es war sinnlos.
Eine jähe Trägheit ergriff von Viviane Besitz, lähmte ihre Glieder, erdrückte sie wie eine sanfte, warme Woge und schob sie rückwärts, statt vorwärts. Nein. Nein! Sie durfte nicht aufgeben, und das war auch keine Trägheit, die sie rückwärtsschob, das war warmes Wasser! Warmes, salziges Meerwasser! Die Flut hatte eingesetzt, klar und voller Fische! Hechte, Barsche, Grundeln, Forellen, Dorsche und mitten unter ihnen schwamm das Baby! Bei allen Göttern, da schwamm das Baby! Wie ein Fisch im Wasser! Es paddelte ihr entgegen, den Mund weit offen, selenruhig lächelnd und von der Flut getragen.
Viviane riss die Augen auf und ehe sie begriff, streckte sie die Arme aus und fing das Baby ab; die Fische zogen weiter.
Für einen Moment betrachteten sich die beiden, Viviane und das Kind, landeinwärts getragen von der Flut. Sie strahlten sich an, als wäre diese Zusammenkunft unter Wasser mitten im Fluss eine Art Verabredung, getroffen vor langer Zeit und nun eingehalten. Unendlich glücklich schob Viviane das Kind hinauf gen Wasseroberfläche und schon holten sie das nach, auf das sie offensichtlich beide recht lange verzichten konnten.
Viviane trat kräftig nach unten aus, hob das Baby an, prüfte seine Atmung und stellte verblüfft fest, dass es überhaupt kein Wasser geschluckt hatte, kein winziges bisschen. Natürlich wusste sie, dass Babys lange tauchen konnten, aber es war etwas völlig anderes, dieses Phänomen auf solch spektakuläre Art selbst zu erleben. Ein wahrhaft göttliches Ereignis, und jetzt lächelte dieses Kind sie auch noch an; fast hätte sie vergessen, warum sie beide überhaupt hier im Fluss waren. Sie spürte die vielen Fische an sich vorbeiziehen und wandte sich um Richtung Schiff. Der Weg bis dorthin war weit. Doch was waren schon ein paar Hundert Schritt, wenn man sich von der Flut tragen lassen konnte? Viviane zwinkerte dem Baby zu, legte es sicher auf ihre Brust und stieß sich rückwärts ab.
Die Frauen krümmten sich vor Schmerz, Wut und Trauer. Wehklagend streckten sie die Arme gen Himmel und flehten ihre Götter an, das Baby zu retten. Die Götter im Himmel, die Götter auf Erden, die Götter unter der Erde, im Wasser, im Wind … irgendeiner musste doch helfen können.
Merdin konnte es nicht mehr mit ansehen. Vorsichtig fasste er eine Frau an der Schulter, rüttelte sie ein wenig und beugte sich nah an ihr Ohr. Prompt hörte sie auf zu wimmern und Merdin nutzte seine Chance.
„Hilfe ist längst da“, flüsterte er hastig. „Seid still und gebt auf die Luke acht. Ich will keine neue Überraschung.“ Er drückte noch einmal ihre Schulter und ging.
Sofort herrschte Ruhe.
Verständnislos starrten sich die drei Frauen an, dann schauten sie Merdin hinterher, der hinüber zu den Pferden eilte. Er klopfte einmal kurz gegen eines der Wasserfässer und griff sich den Eimer daneben. Sorgsam prüfte er dessen Henkel, Knoten und Seil, schließlich beugte er sich über die Reling und ließ ihn langsam ab. Während er zusah, wie der Eimer geräuschlos am Schiffsrumpf hinabglitt, murmelte Merdin wie zu sich selbst: „Wenn ihr das gesehen hättet. Vivian hat es tatsächlich geschafft. Sieht gut aus, das Baby bewegt sich, es lacht sogar. Sachte nun. Sie muss den Schöpfeimer greifen, ausleeren und das Kleine hineinlegen. Gar nicht so einfach; jetzt fängt es auch noch an zu strampeln und holt mit seinen winzigen Fäusten aus. Bloß gut, dass die Tamesas hier schön behäbig dahingleitet; ja, die Flussgöttin meint es gut mit unserer Vivian. Oh weh, jetzt ist sie abgerutscht. Nein, keine Bange, nur der Eimer ist ihr entglitten, das Fischlein zappelt noch an ihrer Schulter. Nochmal, Vivian, pack den Eimer. Ja, gut. Leg den kleinen Zappler rein, ich zieh ihn hoch, keine Sorge. Was sagst du, Zoak? Das Fischlein ist genauso quirlig wie du? Na, zum Glück passt es in einen Eimer. Vielleicht hat es später mal Lust, in einem Wasserfass transportiert zu werden, aber bis dahin … Ruhe jetzt, Zoak, gleich hab ich’s, und ihr wartet auf mein Zeichen.
Erst das Baby, danach kümmern wir uns um den Rest.“
„Improvisieren ist prima“, gluckste Merdin und lugte in den Eimer. In diesem Moment fühlte er sich so glücklich, als hätte er die gesamte Rettungsaktion schon erfolgreich hinter sich und all seine Wünsche wären wahr geworden. Noch einmal schaute er auf Viviane hinunter, auf seine Vivian, die gemütlich Wasser trat und eine kurze scheuchende Handbewegung machte. Lachend gestikulierte er, sie wäre gleich die Nächste, und beugte sich aus ihrem Sichtfeld.
Vorsichtig stellte Merdin den Eimer ab, dann breitete er seinen Mantel auf dem Stroh aus, zerrte seine Tunika über den Kopf und legte sie fürsorglich auf den Mantel. Nun erst hob er das wild strampelnde Baby aus dem Eimer. Es war ein kleiner Junge, und zum Dank für seine Rettung urinierte er fröhlich drauflos. Merdin konnte gerade noch rechtzeitig die Arme vor und zur Seite strecken.
Es dauerte nicht lange, da versiegte der Strahl. Merdin legte den Kleinen auf seine immer noch schön warme Tunika, deckte ihn gut damit zu und rieb ihn rasch, aber sanft trocken. Nebenbei prüfte er Atmung, Herztöne und Reflexe. Der Kleine ließ alles ruhig mit sich geschehen. Ja, er beobachtete Merdin die ganze Zeit aus seinen großen blauen Augen, als wüsste er genau, was er da tat. Vielleicht wunderte er sich auch, wo seine Retterin abgeblieben war. Merdin musste schmunzeln. Geschickt zog er seine Tunika von dem Kleinen ab und schlug ihn nun warm und trocken von Kopf bis Fuß in seinen Mantel ein. Am Ende schaute nur noch das niedliche Gesichtchen heraus, die fein geschwungenen Lippen verzogen sich zu einem faszinierenden, zahnlosen Lächeln; offensichtlich fühlte sich der Kleine wohl. Während Merdin die Enden seines Mantels gut feststeckte, damit sich das agile Kerlchen nicht freistrampeln konnte, sah er aus den Augenwinkeln die drei Frauen näherkommen.
Schwer stützten sie sich aufeinander und obgleich sie immense Schmerzen litten, trieben sie sich gegenseitig zur Eile. Ihre Gesichter glühten vor Anstrengung, aber auch vor Glückseligkeit.
„Danke dir, danke dir. Bei allen Göttern, danke dir“, keuchten alle drei außer Atem, sobald sie dicht neben Merdin standen. „Wie hast du das gemacht? Wie …“
„Welche von euch will ihn haben? Frisch aus dem Wasser, der kleine Fisch! Sieht jetzt allerdings mehr nach einem fetten, roten Würmchen aus.“
Merdin musste lachen, weil die Frauen mit großen Augen dastanden und keine Antwort gaben.
„Nun guckt nicht so entgeistert! Ihr könnt es ruhig glauben! Der Kleine lebt! Gesund und …“ Merdin starrte auf das Baby, das immer noch zwischen seinen ausgestreckten Armen hing, dick verpackt in seinem Mantel, den Kopf schlaff nach vorne gekippt, Augen zu, Mund auf …
„Eingeschlafen. Wie kann man in der Position schlafen?! Na, egal, ich muss mich sputen. Hier, nimm du ihn.“
Er drückte der erstbesten Frau das Baby in den Arm, griff sich den Eimer - eigentlich brauchte er nur das Seil, aber wozu den Knoten lösen? – und ließ ihn wieder abwärts.
Jetzt erst kam Bewegung in die Frauen. Keine dachte mehr an Leid oder Schrecken; sie waren so mit dem Baby und mit dem Stammeln von Dankesworten beschäftigt, dass sie gar nicht bemerkten, wie das Seil an der Reling scheuerte. Doch just in dem Moment, da Viviane neben dem strahlenden Merdin an Bord kletterte, verschlug es ihnen erneut die Sprache. Mit offenen Mündern starrten sie auf Vivianes klatschnasse Zöpfe, ihre Brüste unter dem völlig durchweichten römischen Busenband, die Muskelstränge am Bauch, die langen Beine, die rot lackierten Fußnägel, Fingernägel …
Viviane war sich ihrer schlecht sitzenden Frisur und der Rinnsale auf ihrer eingecremten Haut wohl bewusst, doch sie hackte mit einer herrischen Geste die Luft in zwei Teile und zischte: „Jetzt ist keine Zeit zum Starren. Wenn ihr euer Los und das eurer Leidensschwestern ändern wollt, dann gebt ab sofort keinen Mucks mehr von euch. Absolut keinen Laut. Und jetzt leise, ab zum Heck und rein ins Zelt.“ Deutlich zeigte Viviane die Richtung an und machte scheuchende Handbewegungen. „Hurtig, hurtig!“
Auch wenn sie schon wieder nichts begriffen, setzten sich die Frauen folgsam in Bewegung und gaben sich redlich Mühe, so schnell wie möglich über das Deck zu schleichen. Sie nahmen sich nicht die Zeit, zurückzublicken.
Zufrieden formte Viviane mit den Fingern einen Trichter und drückte ihre Lippen dagegen.
Als die Frauen einen Raben dreimal krächzen hörten, blieben sie doch stehen und drehten sich um. Sie sahen Männer aus Fässern, Heu- und Strohballen steigen, und endlich verstanden sie. Ihre Blicke trafen sich, beide Seiten reckten die Fäuste und jeder schlich, so schnell er konnte, an seinen Platz.
Wie geisterhafte Schattenkrieger huschten die Männer übers Deck und die Leiter hinab, mit einem letzten Winken schloss Merdin die Luke von unten.
Der Zelteingang wurde zugezogen.
Allein Viviane blieb auf dem Deck zurück und war froh über ihren Posten als Späher. Während sie sich die Zöpfe auswrang, die Haut mit ihrer langen Seidenstola trocken rubbelte und zurück in ihre schöne warme Tunika schlüpfte, beobachtete sie aufmerksam die Gegend flussauf, flussab.
Das gesamte Hafengelände war nun menschenleer, auch die Schiffe rechts von ihr.
Offensichtlich waren alle Arbeiter nach Hause gegangen und die Seefahrer vertrieben sich ihre Zeit irgendwo an Land.
Nur links von ihr, auf dem letzten Schiff, herrschte reges Treiben. Es schien bald auslaufen zu wollen. Männer eilten hierhin und dorthin, schleppten Lasten, riefen sich etwas zu, lachten; der Kapitän bellte Befehle. Doch niemand, kein Einziger von ihnen, nahm sich die Zeit, herüberzublicken.
Viviane konnte das nur recht sein; gleichwohl fand sie es eigenartig, wenn zwei Schiffe so nah hintereinander am Ufer lagen. Andererseits musste man schon direkt hier bei ihr an Bord sein, um die Situation richtig deuten zu können. Doch halt, was hatte Akanthus gesagt? ‚Zufällig steht uns ein großes Handelsschiff zur Verfügung. Es wird euch im Hafen ausreichend Deckung verschaffen.‘ Erleichtert atmete Viviane aus. Das tat gut.
Scheinbar den Sonnenuntergang genießend, lehnte sie an der Reling. Bis auf gedämpftes Geschrei und Gepolter aus dem Bauch ihres Schiffes war nichts zu hören. Die Pferde waren satt und dösten im Stehen vor sich hin. Viviane hatte nichts mehr zu tun, als sich die Zöpfe aufzudröseln und die nun offenen Haare noch ein bisschen besser zu trocknen.
Doch nein, zu früh gefreut. Rechts von ihr blitzte etwas golden auf.
Schnell ließ Viviane ihren Blick über das Schiff zu ihrer rechten Seite gleiten.
Wie alle anderen Handelsschiffe, die hier im Hafen lagen, war es lang und breit und hatte einen plumpen Rumpf. Dennoch wirkte es schnittiger als die anderen. Es dauerte eine Weile, bevor sie erkannte, woran das lag: Die anderen Schiffe, ihres inbegriffen, hatten nur ein großes Segel – dieses Schiff jedoch verfügte über drei, ein großes und zwei kleinere.
Im Moment waren sie komplett gerafft. Vom kleinsten, vorne am Bug, kam das goldene Blinken. Es bewegte sich ruckartig, geradezu nervös, und schien von einer bestimmten Stelle aus gesteuert zu werden. Der Farbe nach zu urteilen, wurde es nicht von der Lichtreflexion auf einer Waffe hervorgerufen.
„Trotzdem, höchst verdächtig“, murmelte Viviane und schirmte ihre Augen mit den Händen ab. „Aber dieses mickrige Segel versperrt mir die Sicht, egal ob gerafft oder nicht.“
Sie stellte sich auf die Zehenspitzen.
„Reicht nicht.“
Sie kletterte auf Dina und stellte sich auf deren Rücken.
„Nicht hoch genug“, grummelte Viviane und schaute sich nach Alternativen um.
Arion hob den Kopf, als wollte er mitsuchen. Nein, er hob nicht den Kopf, er winkte damit, und zwar ziemlich ungeduldig. Viviane hätte beinahe laut gelacht. Ganz sachte setzte sie einen Fuß auf seinen Rücken, dann den zweiten …
„Ah, das ist sehr nett, danke dir, mein Großer.“ Viviane krallte ihre Zehen in Arions Fell und schaute zum Nachbarschiff hinüber. Endlich erkannte sie, was da so blinkte und blitzte.
„Ein großer goldener Teller?“
Viviane balancierte auf den Zehenspitzen, was Arion sehr zu gefallen schien, er hielt absolut still.
„Nein, das ist kein goldener Teller. Das ist auch kein goldener Spiegel“, murmelte Viviane und reckte ihren Hals. „Das ist ein Astrolabium.“
Arion gab ein leises Schnauben von sich, Dina stimmte mit ein und Viviane erklärte, ohne den Blick zu senken: „Das ist ein Höhenmesser für Sterne. Sehr praktisch, wenn man auf einem Schiff unterwegs ist. Tagsüber richtet man es auf die Sonne, nachts auf die Sterne. So findet man immer seinen Weg. Hm. Der Mann – ich glaube jedenfalls, dass es ein Mann ist, wenn ich mir die Arme so angucke – weiß aber bestimmt, dass sein Schiff vor Anker liegt und die Sonne im Westen untergeht.“
Viviane gluckste über ihre eigene Intelligenz. „Also dürfte er den Sonnenstand bloß abmessen, um die Zeit zu bestimmen. Hm. Wozu braucht er die genaue Zeit? Doch nur, wenn er mit jemandem verabredet ist. Oder die Besatzung kommt gleich und sie machen sich auch zum Auslaufen fertig.“
Viviane schürzte die Lippen, Arion und Dina schauten sich an, als würden sie ebenfalls überlegen. Unter Deck kreischten auf einen Schlag viele Frauen gleichzeitig los, dazwischen ging ein eindeutig männliches Brüllen in Fiepen über - Viviane verspürte den heftigen Drang, diese Geräusche mit etwas zu überdecken.
Laut summte sie eine Melodie vor sich hin und gab sich Mühe, nur auf diese zu hören. Es nützte wenig. Das erneut aufblitzende Astrolabium bot eine bessere Ablenkung. Wie gut, dass sie eine freie Sicht darauf hatte. Bei der Gelegenheit fiel ihr ein, sie könnte statt zu summen auch reden, egal was ihr einfiel, Hauptsache laut.
„Wisst ihr, meine Guten“, sagte sie daher zu ihren Pferden, „wenn die Segel nicht so lasch hängen würden, hätte ich gar nichts bemerkt. Bei Hall und allen Göttern, was bin ich froh, hier oben bei euch zu sein und mir sinnlos Gedanken über ein fremdes Schiff zu machen. Merdin hat es wesentlich schlechter getroffen. Wer weiß, was die Maiden da unten mit ihren Peinigern treiben. Mir, an ihrer statt, würden tausend Arten von Rache einfallen.“
Nachdenklich schaute sie hinüber zum Zelt, wo zum Glück alles ruhig blieb. Die drei Frauen schienen sich strikt an ihre Anweisung zu halten, aber sicherlich lauschten auch sie dem Kreischen unter Deck. Jetzt schwoll es zu einem hohen, frenetischen Johlen an, vermischt mit dem Winseln eines Mannes, als wäre ein ganzes Heer von Rachegöttinnen am Werk.
Arion und Dina war das egal, sie blieben wie stets gleichmütig stehen.
„Die Rache eines geschundenen Weibes kann grausam sein, doch wahrlich, die Rache vieler hat infernalische Ausmaße“, sagte Viviane laut in einen gellenden Schrei unter Deck hinein und kraulte Arions Rücken kräftig mit den Zehen. „Ob der Erwartete wohl schon im Anmarsch ist?“
Sie schaute einmal rundum in die immer noch menschenleere Umgebung und konzentrierte sich wieder auf das Nachbarschiff. Als ein besonders wilder, lang anhaltender Schrei von unten heraufdrang, hätte sie sich am liebsten die Ohren zugehalten, doch es war ihr wichtiger, die Hände als Blendschutz über den Augen zu lassen. Nur die Daumen konnte sie entbehren und drückte damit fest auf ihre Gehörgänge.
Viviane gab sich alle Mühe, die Brutalität auszublenden, die unter ihr ständig von Neuem aufbrauste wie ein Meer im Sturm; jetzt schien eine Frau alleine zu wüten.
„Bei Hall und allen Göttern“, grummelte Viviane laut vor sich hin, „ist das gruselig. Bei diesem hohen Gekreische stehen mir alle Haare zu Berge. Das Weib da unten tobt ja wie ein ganzes Dutzend Furien. Wer weiß, was der Mann mit ihr gemacht hat, um derart massakriert zu werden. Oh! Was passiert dort drüben bei dem Mann auf dem anderen Schiff?!“ Rasch balancierte sie wieder auf den Zehen.
„Ich glaube, den Lärm hat er jetzt gehört. Oder? Sieht aus, als würde er sich das Astrolabium unter den Arm klemmen und … oh weh, er kommt!“
„Bei Hera und allen Harpyien, was war das für ein grässliches Quietschen?! Albische Streitwagen kurz vor dem Krepieren, weil sie das Fett an den Radnaben vergessen haben?!“
Loranthus gluckste über seinen eigenen, manchmal recht skurrilen Humor und rückte sich das Astrolabium unter der Achsel zurecht. Kurz überlegte er, ob er es lieber als Waffe in der Hand behalten sollte – wo Streitwagen quietschten, waren die berühmtberüchtigten albischen Krieger nicht weit. Jetzt musste er richtig lachen. Ein Astrolabium als Waffe – wahrscheinlich würde er sich damit nur selbst erschlagen. Im Diskuswerfen war er schon immer eine Katastrophe gewesen. Er hatte ihn nie weit schleudern können, aber dafür in alle möglichen Richtungen.
In Erinnerung an seine Trefferquote duckte er sich hastig unter dem gerafften Segel des Schiffes durch und verspürte den heftigen Wunsch, lieber auf dem Bauch weiterzurobben.
„Hierzulande können einem die schrecklichsten Dinge passieren“, flüsterte er seinem Astrolabium zu, während er sich so klein es ging zusammenfaltete und über das Deck huschte wie ein Blitz in Menschengestalt. „Wenn ein Räuber denkt, du wärst aus purem Gold, ist mein Leben nichts mehr wert“, erklärte er und streichelte sein Astrolabium liebevoll. „Dabei bist du bloß vergoldet und ich werde umsonst massakriert. Und aus dir machen diese albischen Barbaren eine neue Flöte, natürlich äußerst kunstfertig; du wärest sehr hübsch anzusehen. Bei Pan, allen Nymphen und Satyrn!“ Er fasste sich an den Kopf und zog seine kurzen schwarzen Locken in die Länge. „Bin ich wirr im Kopf?! Ich rede mit einem Astrolabium! Egal, es ist sowieso niemand hier. Also, bei Pan und seinen Ziegen, keine Panik, Loranthus! Unauffällig anschleichen ist die Devise.“
Betont langsam bückte er sich tief unter das größte durchhängende Segel und trippelte in dieser Position weiter, bis er fast gegen das Heck prallte. Rasch kauerte er sich hin, atmete tief durch und lauschte.
Das seltsame Quietschen war eindeutig vom Schiff nebenan gekommen. Jetzt war es nicht mehr zu hören, aber das konnte sich ja wieder ändern.
Er würde es sich hier auf der Stelle gemütlich machen und warten. Zaghaft streckte er ein Bein aus, dann das zweite …
„Nein.“ Loranthus zog die Beine schnell wieder an. Hinsetzen kam nicht infrage, Ausstrecken schon gar nicht. Erstens wollte er wissen, was dieses verdächtige Geräusch verursacht hatte, zweitens konnte er aus der Hocke schneller über Bord springen. Schwimmend kam kein Barbar hinter ihm her.
Mit der Hand über den Augen musterte Loranthus den Sonnenstand und seufzte schwer. Er hätte mit seinem Vater, seinem Leibsklaven und der Besatzung an Land gehen sollen, aber nein, er musste ja Bauchschmerzen bekommen. Mittlerweile ging es ihm wieder gut, dafür hatte er jetzt andere Sorgen. Oder bildete er sich das bloß ein?
Zaghaft lugte er nun doch über die Reling … und zuckte zurück.
Auf dem Nachbarschiff stand diese extravagante Römerin zwischen den Pferden, die Stola wie ein Tuch über dem Kopf und … und sie winkte ihm zu.
Hektisch überlegte Loranthus, was er jetzt tun sollte. Wegen der Stola und der Entfernung konnte er ihr Gesicht zwar nicht richtig erkennen, aber ganz offensichtlich hatte ihn diese Römerziege gesehen. Viele Möglichkeiten blieben also nicht, wenn er sich nicht blamieren wollte.




