- -
- 100%
- +
3
Lektoren sitzen an Schreibtischen. Links der Stapel ungelesener Manuskripte, rechts die gelesenen, oder umgekehrt, da liegt der Spielraum für Individualitäten. Dazwischen der Kopf. Der liest. Fabeln findet. Raucht. Handlungsstränge knüpft. Muster und Motive entdeckt. Begabung spürt. Fleiß anerkennt. Zur Uhr schaut. Und schließlich in Schubladen katalogisiert. (Im Übrigen ist es immer leichter, für andere als für sich weise zu sein.)
Schublade 1: Literatur aus Literatur. Fabelführung, Konflikt-Konstellation und Stil sogar erscheinen wundersam bekannt. Geklaut darf werden, wenn: es keiner merkt, wenn: dadurch Besseres entsteht. Manch einer muss, um etwas zu finden, erst wissen, dass es da ist. Alles das braucht nicht bewusst zu geschehen. Höflich gesagt: Das Subjekt des jungen Autors ist in diesem Falle zu zaghaft. Notwendig aber ist es in jedem Fall. „Denn Dichten ist eine geistige Hervorbringung und der Geist existiert nur als einzelnes wirkliches Bewusstsein und Selbstbewusstsein.“ (Hegel)
Schublade 2: Die hemmungslos gefluteten Gefühlsschleusen. Alles kommt auf einmal: Bildungsgut, Gefühle, Bekenntnisse, Allergien. Das sind autobiografische Entwicklungsgeschichten in wenig distanzierter Schreibweise. Aber nichts hindert so sehr, genial zu sein, wie das Bestreben, es zu scheinen. Jeder Mensch ist unverwechselbar, einmalig. Nicht jede Biografie muss deshalb lesenswert sein. Allerdings: Die Reflexion über das Ich ist Voraussetzung zur Gestaltung der äußeren Realität.
Schublade 3: Das Abseitige, gesellschaftlich bereits Überholte, das illustrativ Historische. Hier finden sich die Fleißarbeiten. Oft mit Herzblut geschrieben. Deswegen nicht selten tragisch. Zum Beispiel: Eine zweibändige Entlarvung des Aberglaubens in Thüringen im Jahre 1919. Oder: Das Schicksal der dressierten Zirkusrobbe Betty zur Zeit des Kapp-Putsches. Offensichtlich fehlt diesen Autoren ein wenig der Kontakt zur gesellschaftlichen Praxis.
Schublade 4: Die künstlich gestreckten Manuskripte. Die Möglichkeiten eines Stoffes werden überschätzt, das Gegenteil ist seltener. Der kleine Stoff wird auf Länge getrimmt. Mit seitenfressenden Landschaftsbeschreibungen: Vordergrund, Mittelgrund, Hintergrund. Mit Dialogen der Art: Nein, sagte er. / Ja, sagte sie. / Nein und nochmal nein, sagte er, irgendwie erregt. / Doch, sagte sie und ihre Nasenflügel bebten leicht … Zum Wein wird Wasser gepanscht. Die Sache schmeckt fad.
Schublade 5: Die theoretische Literatur. Da wird kühn ein Theorem genommen und dieses umschrieben. Es entsteht die literarisch ornamentierte Illustration des Theorems. Die Aufgabe der epischen Poesie aber ist noch immer, letztes Hegel-Zitat: „… das Geschehen einer Handlung darzustellen und deshalb nicht nur die Außenseite der Durchführung von Zwecken festzuhalten, sondern auch den äußeren Umständen, Naturereignissen und sonstigen Zufällen dasselbe Recht zu erteilen …“ Unter anderem.
Schluss der Schubladenzieherei. Andere haben andere Schubladen. Es gibt Probleme mit jungen Autoren. (Aber nicht nur mit denen.) Es gibt sie, weil etwas getan wird. Die Manuskripte, die gut sind, gehen in die Druckereien. Sie werden öffentlich. Sie sind bekannt. Die in der Schublade bleiben da. Über sie war zu reden.
4
Es genügt nicht zu sagen: Wenn die Kraft auch versagt, allein der Griff nach Ruhm ist ruhmvoll. Junge Autoren brauchen Behutsamkeit: Sie sind verletzbar. Junge Autoren brauchen Forderungen: Ohne Widerstand entsteht nichts Bedeutendes. Wer Prosa schreibt, muss etwas zu sagen haben. Wer etwas sagen will, sollte über Erfahrung verfügen: Kunsterfahrung, Lebenserfahrung, politische Erfahrung. Ausbildung der Persönlichkeit und der literarischen Methode müssen ein simultaner Prozess sein.
Die Verlage können einiges tun. Die Zirkel. Aber wo ist Raum? Raum, um sich zu artikulieren? Die Rubrik „Neue Namen“ in der Zeitschrift NDL reicht nicht aus. Es wird viel geschrieben bei uns hier. Aber wo gedruckt? Und wo sind die erfahrenen Autoren, wo? Patenschaften wie Gorki/Babel oder Brecht/Strittmatter sind schöne Erinnerung. Doch elegisch. Erfahrung ist nicht lehrbar, sie muss erlebt werden. Lektoren können lediglich etwas helfen beim Prozess des Sich-bewusst-werdens und beim Bewusst-machen von Problemen. Hilfe beim Erkennen der Individualität, des Wollens und nicht zuletzt des Könnens.
Die Literatur der kommenden Jahre keimt im heutigen Klima. Es liegt an uns allen, wie sie aussehen wird.

UNGEHALTENE REDE
Rotes Rathaus Berlin, 7. Juni 1979
Mag sein, ich verstehe nicht, was hier geschehen soll, doch habe ich des Präsidenten besonders pointierte Rede nicht so verstanden, als solle sie das Ende aller Diskussion bedeuten. Ich halte mich an einen Satz in ihr, der sagt, Meinungsstreit sei Lebensteil und nicht abzuschaffen, ohne Wichtigstes zu beschädigen. Versuchen wir doch, vor dem Schaden klug zu sein.
Ich melde mich zu Wort als Mitglied des Verbandes, der mir wichtig war, und rede als Beteiligter, der als Autor, als Lektor und bis zur Kollektiv-Entlassung als Redakteur der Zeitschrift „Temperamente“ an der Kultur des Landes Anteil nahm und hatte, anfangs enthusiastisch hoffend auf die versprochenen tabufreien Räume, wiederholt darin enttäuscht, nun aber, heute, hier nachhaltig irritiert und betroffen.
Mir scheint, es geht um mehr, als heute auf der Tagesordnung steht. Die Szene ist zum Tribunal geworden. Gerichtet soll werden, neun Exempel statuiert, angeblicher Statutverstöße wegen. Wenn hier gerichtet wird, werden wir unsrer Rolle nicht gerecht.
Es gibt vermutlich niemanden hier im Roten-Rathaus-Saal, der behaupten würde, Geschichte könne widerspruchs- und konfliktfrei verlaufen. So hübsch allgemein gesagt, ist das kein Problem. Die Schwierigkeiten im Umgang mit den Widersprüchen beginnen eben dort, wo sie konkret werden, wo sie unsere sind. Wir müssen entscheiden, ob wir sie aussprechen oder verschweigen, ob wir bereit sind, zu hören und darüber zu reden oder ob wir uns die Antithesen um die vorsorglich verplombten Ohren schlagen, ob wir die Dinge nur hinter vorgehaltener Hand im Pausengespräch bereden oder offen, was auch und nicht zuletzt heißt: öffentlich benennen. Mir scheint, die Entscheidung ist schon gefallen. Ich spüre heute und befürchte für morgen zunehmende Polarisierungen, ich beobachte Verhärtungen, vernehme Verdächtigungen, sehe Misstrauen, wiewohl öffentlich von engem Vertrauen die Rede ist (und „eng“ ist hier wohl das Zutreffende daran), und frage, wem das nützen soll. Der Literatur des Landes? Uns? Dem Verband? Dem Land? Oder jemandem oder etwas, was weit darübersteht? Stellungskriege, Grabenkämpfe verheeren die Landschaft, Totalverteidigung zerstört, was zu schützen vorgegeben wird.
Ich ahne, man kann in solch gereizter Stimmung, in der die Gräben armiert werden, leicht zwischen die Fronten geraten und missverstanden werden. Die einen sagen: Seht, wie er sich zwischen den Standpunkten windet! Die anderen: Jetzt hat er die Seite gewechselt! Obwohl ich dazwischenstehe und närrisch mit der weißen Fahne wedle.
Solch unglückliche Lagen hat es auch vor uns schon gegeben, und ich meine, wir könnten vielleicht aus der Geschichte lernen, zumal es sich bei dem Konflikt, an den ich hier erinnern will, um Traditionen handelt, zu denen sich dieser Verband im Statut, das hier zur Anklage der neun Kollegen herhalten muss, bekennt.
Im Frühjahr 1932 kulminierte die Kontroverse zwischen der bürgerlichdemokratischen und der proletarisch-revolutionären Literaturbewegung, es war die Zeit vor der Reichspräsidentenwahl. Heinrich Mann setzte sich damals öffentlich für die Wiederwahl Hindenburgs ein, um, wie er meinte, den Damm gegen die faschistische Gefahr zu befestigen. Johannes R. Becher reagierte darauf in einem offenen Brief in der „Linkskurve“ mit dem Titel „Vom ‚Untertan‘ zum Untertan“, worin er Heinrich Mann bescheinigte, dass er unwiderruflich (!) zu seiner Gestalt zurückgekehrt sei. Becher nannte ihn Rahmabschöpfer und Schmarotzer, verstockter Anpasser und gar einen Agitator der faschistischen Volksgemeinschaft. Wir wissen, wie die Sache endete, und ich bringe diese Historie nicht, um Kongruenzen zu konstruieren, sondern um analoge Haltungen vorzuführen. 1933 übernahm Hitler die Zügel, Hindenburg reichte ihm das teutonische Steinbeil als Zepter, und Becher wie Mann trafen sich wenig später im Exil wieder. Klüger durch Schaden, nun deutlich sehend, dass sie Bündnispartner waren und sind, und so finden sie, spät, zu einer differenzierteren Sicht. Becher korrigiert in dem 1936 geschriebenen Essay „Aus der Welt des Gedichts“ die zugespitzte Polemik von 1932. Er schreibt: „Wo steht ein Dichter? Dort, wo er als Dichter steht: inmitten des Besten, was er geschaffen hat. Nicht unbedingt dort, wo er seine Unterschrift hinsetzt und sich politisch bekennt.“ Mir scheint, die Worte sind bedenkenswert.
Ich frage: Werden Ausbürgerung, Ausreisen, Ausschlüsse zu einem guten Ausgang führen? Werden damit nicht sogenannte Fälle nur für den Augenblick, also scheinbar, gelöst, zugleich aber ständig neue geschaffen? Und schmerzen nicht auch die amputierten Glieder? Führt das forcierte Kämpfen nicht auch zu späteren Krämpfen?
Lasst mich zum Schluss sagen, dass ich kein besseres krampflösendes Mittel weiß als die kontroverse und zugleich tolerante Diskussion des Strittigen, die Diskussion, wo sonst als hier in diesem Verband.
Ich denke, niemand erwartet von mir, dass ich, überzeugt, das Falsche zu tun, die Hand für die Ausschlüsse meiner Kollegen hebe.
DER LAUTLOSE KRIEG
1
Als der Krieg begann: Diesen Satzanfang wird es nach einem nächsten Krieg nicht geben. Noch möglich war und ist Erzählen nach dem, der vor fünfzig Jahren begann. Dem größten seiner Art, der bislang üblichen. Welt-Krieg genannt, doch nicht die ganze Welt erfassend. Menschen verschlingend, doch nicht die Gattung Mensch. Sechzig Millionen Opfer, und doch Millionen, die er überleben ließ und die von ihm erzählen können mit eben diesem Satzanfang: Als der Krieg begann. Sich erinnernd. Uns, die in ihm und später Geborenen, erinnernd.
Das war der alte Krieg. Der seit Jahrtausenden tausendfach geführte, der seine Potenz zu töten immens gesteigert hatte, doch unfähig blieb, alles Leben auszulöschen. Er begann damit, wie vordem auch, dass eine Landesgrenze überschritten wurde. Doch dieser alte und in Europa vorerst letzte der gewöhnlichen überschritt an seinem Ende noch eine Grenze. Die eigene. Der alte, müde und satt vom Würgen und Schlingen, bauchhöhlenschwanger von gesoffnem Blut, platzte auf und stieß aus der zu eng gewordenen Panzerhaut ein plumpes Eisenei. Die Stunde einer infernalen Niederkunft. Der Beginn eines neuen Zeitalters, des nuklearen. Es war die Missgeburt der Bombe, die, detonierend, heller strahlte als das Licht der Welt und Menschenschatten auf Ruinenwände brannte. Geburtsname: Little Boy. Geburtsdatum: 6.8.1945. Geburtsort: Hiroshima. Ein perfektes Monstrum war geboren, das sich spaltend weiterheckte und ungeheuer wucherte, eine Kopfgeburt instrumentellen Denkens, der Ethos und Vernunft entglitt und im kalten Klima demonstrierter Stärke mörderisch gedieh.
Der neue Krieg, der mögliche, stolz zeigte er die Instrumente und wuchs, mutierte immerfort und füllte seine Arsenale. Ein neuer Krieg, ein schlanker, spitz statt stumpf, nicht stiernackig wie der alte, der auf Masse setzte, Landmasse, Menschenmasse, Massenmord, der eisenklirrend über Länder feuerwalzte, steckenblieb und ohne Rücksicht auf Verluste um sich biss und schlug, bis ihm die Luft ausging, die ihm genommen wurde. Der alte war verheerend. Der neue, lässt er die Instrumente los, wird nicht mehr zu beschreiben sein. Der alte ließ noch einen Anfang zu. Der neue ist das Ende.
2
Allein ein Poseidon-U-Boot trägt 16 Raketen mit je 10 Sprengköpfen. Sie haben eine Sprengkraft von insgesamt 6,4 Megatonnen TNT. Das ist mehr als alle im Zweiten Weltkrieg verschossene Munition.
Die Hiroshima-Bombe hatte eine Sprengkraft von 13,5 Kilotonnen TNT. Sie tötete 100.000 Menschen. Die gesamte Sprengkraft der heute weltweit vorhandenen Kernwaffen entspricht etwa 1 Million Hiroshima-Bomben. Das sind etwa 3 Tonnen TNT pro Kopf der Weltbevölkerung.
3
Ein Alb. Ein Traum, in ihm ein Zwilling, siamesisch, mit zwei Köpfen und einem gemeinsamen Unterleib, in Brusthöhe, herznah, verwachsen. Giovanni und Giacomo. Giovannigiacomo. Showfreak im Zirkus Welt. Oben die Bühne mit billigem Flitter, Diskolicht und poppiger Pappe. Unten die zahlenden Massen, wir. Die Show läuft nonstop. Nur mühsam hält der Zwilling die Balance auf seinen beiden Beinen, die voneinander wollen und nicht können. Die Stirnadern geschwollen. Vier Arme ringen, schlagen, wehren ab, wobei schwer auszumachen ist, welche Hand von welchem Schrei gesteuert wird. Sie umklammern einander, gehen sich an die Kehlen, zeigen sich die geschärften Hieb- und Stichgeräte, stoßen jedoch nicht zu. So stehen sie, schwankend, keuchend, belauern und bedrohen sich, schrecken ab durch Muskelspiel und können doch die Angst, die sie beherrscht, nicht verbergen. Blutsbrüder, zunehmend gelähmt in feindseliger Umklammerung. Gezeichnet von der Anstrengung, fortwährend zu drohen, den Argwohn ständig wachzuhalten und nicht zu wissen, wie der Tod des anderen den eigenen vermeiden könnte. Denn das wissen sie: Stirbt einer vor dem anderen, folgt der Sieger dem Besiegten bald schon nach. Ratloses Geschling, ein Blutkreislauf. Die Leute unten werden langsam ungehalten. Wollen was sehen für ihr Geld. Wollen sich amüsieren. Sie sind des aussichtslosen Schaukampfs müde, fordern Giovanni und Giacomo auf, vierhändig Klavier zu spielen und zweistimmig zu singen, Giovannigiacomo jedoch verharrt in seinem kämpferischen Starrkrampf, unfähig zur Bewegung. Labiles Gleichgewicht des Schreckens. Tickende Stille auf der Bühne. Nichts von Belang geschieht, der Traum tritt schmerzend auf der Stelle, unerträglich.
4
Das Erwachen ein globales Erschrecken: Der Suizid, zu dem die Menschheit fähig ist, kein Traum. Die Gefahr, zwar nicht gebannt, jedoch benannt: spät, die Hoffnung ist, noch nicht zu spät. Der neue Krieg, der täglich mögliche, ist, wenn er wirklich wird, weder zu gewinnen noch zu überleben. Das erkannt zu haben, ist viel. Ist es genug?
Was hat uns denn bislang vor dem bewahrt, was demnächst nicht abzuschaffen ist? Die gewachsene Vernunft, der zum Homo sapiens gereifte Homo faber? Die symmetrisch drohende Vernichtung, das Gleichgewicht der Waffen? Die nackte Angst vorm Untergang? Die massenhafte Friedenssehnsucht? Die Einsicht führender Köpfe? Das mit der Menschenmacht synchron gewachsene Gewissen?
Oder hat sich der aus dem alten Krieg gekrochene neue selbst daran gehindert auszubrechen? Hat er sich selbst gelähmt, indem er so monströs gerüstet ist, dass er sich im Ernstfall mit der ausgelöschten Menschheit selbst abschafft? Hat er sich wandeln müssen, um sich zu erhalten? Freuen wir uns zu früh, wenn der ausbleibende Countdown des atomaren Endes uns schon wie eine Rettung scheint? Starren wir auf die Gefahr, das uns Bekannte, und nehmen eine andere nicht wahr? Was hilft es, wenn wir das Schweigen der Waffen Frieden nennen?
5
Der lautlose Krieg hat längst begonnen. Er findet täglich weltweit statt. Er ist ein gänzlich neuer, ein abgehobener, gereinigter Krieg, der, praktisch nicht mehr führbar, theoretisch ausgefochten wird. In ihm triumphiert die Logistik über die Strategie, die Zahl über den Namen, die Zeit über den Raum. Statt Kriegskunst Rechenkunst. Statt Materialschlacht Kosten-Nutzen-Rechnung. Statt Kriegsspiel im Sandkasten Computerschlacht am Monitor. Aufrechnen der Daten und Anzahl vorhandener Waffen, entscheidende Größe: die Geschwindigkeit. Berechnung von Schlag und Gegenschlag. Die mathematisierte Größe für den Menschen: Megatote. Zahlen, Varianten, Wahrscheinlichkeiten. Digitalisiert, binärkodiert. Simulationen und Szenarien. Und immer schnellere, genauere, tödlichere Waffen, damit die Rechnung dort aufgeht, wo sie allein aufgehen kann: auf dem Papier.
Wissenschaft und Technik machen’s möglich. Sie stellen die permanent perfektionierten Waffen für die Logistiker bereit, sie produzieren die Beschleunigung, verkürzen die Reaktionszeiten, delegieren Intelligenz an Waffen, erhöhen die Effizienz des Tötens und eskalieren so ständig die Modelle, bereiten endlos vor, was sie vermeiden wollen: das Ende.
Die gigantisch hohen Kosten sind bekannt: etwa 1 Million Dollar pro Minute, und das stündlich, täglich, jährlich. Aber es ist nicht das Geld allein. Obwohl bis jetzt rein theoretisch geführt, ist der lautlose Krieg real und fordert täglich Opfer.
Zu der Bilanz gehören die Hungertoten in der Dritten Welt: Im „Jahr des Kindes“ 1979 verhungerten von 120 Millionen geborener Kinder 12 Millionen, das ist 1 Hiroshima alle drei Tage. Die verschwendeten Ressourcen, die verbrauchte Energie beim ständigen Üben dessen, was dadurch verhindert werden soll, die ausgeraubte, beschädigte, vernichtete Natur, gefleddert vom errüsteten Frieden, der die Biosphäre des Planeten derart schädigt, dass er, was er zu erhalten meint, zwar nicht mit 1 Atomschlag, doch nach und nach und immer schneller ebenso nachhaltig in Frage stellt – das Überleben des Naturwesens Mensch. Die den militärtechnischen Fortschritt forcierende, massenhaft verschleuderte Intelligenz, die pervertierte Kreativität, die missbrauchte Wissenschaft. Die Zukunft, die mehrfach auf dem Spiel steht, obwohl die zukünftigen Generationen nicht mit am Spieltisch sitzen. Ein unverantwortbares Vabanque-Spiel. Für das wer haftet? Die einschüchternde Dominanz der Drohung, die uns duckt und Dringliches vertagt: planetarische Gerechtigkeit und ökologisches Handeln. Und, was vielleicht das Ärgste ist, das Leben bei ständiger Lebensgefahr verengt das Blickfeld, entrückt den Horizont, hinter dem die Utopien noch immer auf uns warten.
6
Warum, so frag ich mich, nachdem der letzte Satz geschrieben schien, schreib ich an keiner Stelle: Ich? Warum zum Beispiel nicht von den Kampfhubschraubern, die, während ich dies schreibe, im Tiefflug übers Dach donnern, nichts vom verdünnten Düsendröhnen im Luftraum darüber und den Schallmauer-Durchbrüchen, die mich zusammenzucken und die Scheiben beben lassen? Weshalb bemühe ich die Menschheit? Weshalb Zahlen, die nicht ernüchtern können? Weshalb abstrakt: der Krieg, obwohl der konkret ist wie jedes andre Wahre auch? Weshalb der wortaufwendige Faltenwurf der Stirn? Um meine Ängste zu verhüllen? Um verbal zu überspielen, wo mir die Sprache stockt? Um hinter vielen Worten zu verbergen, dass ich ratlos bin?
So tue ich, als ob. Als ob ich kühlen Kopfes sei. Als ob ich emotionslos wäre. Nicht betroffen, nicht hin- und hergerissen zwischen Hoffnung und Enttäuschung. Objektiviere, um nicht subjektiv zu werden, da emotionales Reagieren als intellektueller Makel gilt, das den Verstand in Mitleiden-Schaft zieht. Sachlichkeit als Tugend, Freisein vom Subjektiven als effiziente Denkmethode hochgepriesen. Die Errungenschaft wird mir suspekt, da ich rational beschreiben will, wo das Treffende geschrien werden müsste: Wahnsinn! Immer wieder: Wahnsinn! Doch schrei ich nicht, ich schreibe. Im Hinterkopf das anerzogene Stereotyp, dass, wer schreit, unrecht hat. Also bewahr’ ich Haltung. Verliere nicht den Kopf. Beherrsche die Gefühle. Lass mich nicht irremachen und such den Irrsinn zu erklären.
Ich schreibe, wo ich schreien müsste. Und weiß, das kann nicht alles sein.

125. MORALISCHE EPISTEL
Zum letzten Mal: Seneca grüßt seinen Lucilius. Sei es ein Ende oder ein Hinübergleiten in etwas anderes, ich fürchte es nicht, da ich nirgendwo so eingeengt sein werde wie hier. Der befohlene Freitod, dessen Art ich selbst bestimmen darf, lässt mir Zeit, Dir den Traum von meinem Ende zu beschreiben, der mich einige tausend Jahre in die Zukunft riss, unsere.
Ich also in der von uns fortgeschrittenen Welt, in einem Fahrzeug. Genannt Automobil. Selbstbeweger: ein hybrides Wort. Du musst Dir vorstellen, es war Nacht, über uns kein Mond, kein Stern und also eine Schwärze uns voraus, die dem Auge vorenthielt, was sie in sich barg, und das konnte alles sein: das Gute wie das Böse, Glück und Gefahr, Anfang und Ende. Unter uns die Straße, grau und ölbefleckt, sie jagte unaufhörlich auf uns zu und tauchte unter uns geräuschlos fort, kein Stein, kein Halm auf ihr bot den Blicken halt, alles floss und war rasendes Verschwimmen, grelles Aufscheinen, stummes Verschwinden. Auf dieser Straße ich in diesem metallenen Geschoss, das sich windschlüpfrig in die Dunkelheit bohrte. Außen heulte, pfiff der Wind zerteilt vorbei, innen wehte kein Hauch, gedämpft war das Rollen der Räder von Federn und Polstern, das Tempo, die Wucht und Gewalt dem Körper nicht spürbar und nur dann zu ahnen in diesem wohltemperierten, bequemen Innenraum, wenn ein Insekt auf das Glas dicht vor meinem Gesicht prallte und zu einem gelblichen Brei zerplatzte. Vor uns das Licht der Lampen, das jedoch nicht weit griff, vielleicht zwei-, dreihundert Schritt, bewältigt in Sekundenschnelle. Beklemmend. Und doch auch faszinierend. Ich presste meine Knie aneinander, sah angestrengt voraus, soweit es das begrenzte Licht erlaubte und bebte innerlich, jenseits unseres eingeengten Blickfeldes könnte etwas sein, was wir nicht voraussehen konnten: eine hohe Mauer, ein tiefes Loch, ein toter, umgestürzter Baum, ein Mensch, ein Tier, der Rand der Welt – plötzlich herausgewachsen aus der Ungewissheit vor uns, zu spät, um zu reagieren. Dieses komfortable Geschoss war keine Sänfte, kein Pferdegespann, von ihm gab es kein Abspringen im letzten Moment. Ich war, sah ich, Gefangener der Geschwindigkeit. Umgeben von Bequemlichkeit und trotz vorhandener Türen unentrinnbar eingeschlossen. Während mir der Schweiß ausbrach ob dieser vorsätzlichen Raserei bei beschränkter Sicht, schien der Fahrer offenbar zu hoffen, darauf zu vertrauen oder gar vorauszusehen, alles vor ihm müsse sein wie das hinter ihm Liegende: neu zwar, doch ähnlich dem Bekannten, und also zu beherrschen. Es war ein Spiel, erschrak ich, ein Spiel um alles oder nichts, auf Leben und auf Tod. Durchaus, es konnte sein, wie er vermutete. Was aber, es wäre unversehens anders? Und wie wir derart in die Schwärze vor uns rasten, kam mir das Licht der Lampen wie eine an den Schiffsbug gesteckte Fackel vor: erfinderische Einfalt, wo kein Leuchtturm Richtung gibt. Ach was, raunte wer (einer der Insassen, ich, der Zeitgeist jener fernen Tage?), ist bisher alles glimpflich abgegangen, wird auch in Zukunft nichts passieren. So wird Optimismus fatal zum Überleben nötig. Das Glück als letzter Notausgang. Dies, Lucilius, die völlig irreale Szenerie. Nun zu den Personen.
Der Fahrer neben mir starrte schweigend (fast hätte ich geschrieben: stoisch, wenn diese ausgestellte Seelenruhe nicht von Gewöhnung und Überforderung etwas stumpf gewesen wäre), starrte also auf das lächerliche kurze Stück beleuchteter Straße, und ich ahnte, welch gewaltigen Vorteil er hatte: Er lenkte mit seinen Händen, dirigierte mit den Füßen die Geschwindigkeit und besaß die Macht, das Gefährt zu beschleunigen oder abzubremsen, durfte also wähnen, es im Griff zu haben, während ich neben ihm, ohne jede Möglichkeit des Eingriffs oder Ausstiegs, allem ausgeliefert, deutlich spürte, wie er das Ganze zwar vorwärtsbewegte, aber nicht wirklich beherrschte, und dennoch ein trügerisches Gefühl von Sicherheit verströmte. Ich fand, wir fuhren zu schnell.




