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So war das, und es war nicht bloße Theorie. Da haben wir gelebt, der eine so, der andere ein wenig anders, doch alle unter dieser Fuchtel. Die uns krümmte, die Täter wie die Opfer. Die uns die klare Sicht nahm in einem alles durchdringenden gesellschaftlichen Nebel. In dem die Konturen von Täter und Opfer verschwammen. In dem Schweigen und Dulden, Wegsehen und Weghören, ein bequemes, wenn auch lustloses Einverständnis das System erhielt, bis ihm dieses massenhafte Einverstandensein entzogen wurde und es zur Verwunderung aller sang- und klanglos in sich zusammensank, so als habe jemand das Ventil eines aufblasbaren Gummitieres geöffnet. Leben in einem Klima, in dem die bewusst verbreitete Unsicherheit der Staatssicherheit ein Instrument der Herrschaft war und der Spruch Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser eines der zentralen, zynischen Ideologeme. In dem das geschürte Misstrauen eines jeden gegen jeden Staatsdoktrin war – und eine Krankheit in uns allen, chronisch, da unbehandelt, ständig zum Ausbruch bereit, da die Erreger in der Luft zum Atmen schwebten, mit Blicken, Gesten, Händedruck, ja Kuss übertragen wurden, in die Köpfe stiegen und die Herzen versteinten, ein schleichendes, atmosphärisches Gift, eine landesweite Luftverschmutzung, poststalinistischer Smog, der flächendeckend über allem lag.
Nun hat sie mich wieder, die Vergangenheit, von der ich weiß, dass ich ihr, selbst wenn ich wollte, nicht entkomme, auch hier nicht in Amerika. Nur ein paar Tage Ruhe wollte ich in diesem Land, an dessen Brücken die gesprayten Graffiti keine politischen Parolen zeigen, sondern nicht selten dies: Trust Jesus. So einfach könnte alles sein. Ein Vergessen und ein neuer Glaube, was gegenwärtig viele meiner Landsleute praktizieren, die das höchst Unangenehme, sich selbst zu befragen, vermeiden wollen – und mit eben dieser bewährten Art kollektiven Verdrängens nicht vermeiden werden, die Übel der Vergangenheit in die Zukunft zu transplantieren. Sie meinen, sie wären geheilt, und sind doch nur schmerzfrei, weil betäubt. So einfach könnte das sein auf dem Campus von Middlebury in Vermont, diesem grünem Hügel der Seligen, der gepflegt und rein und reich ein geschützter Ort ist für alle, die hier lernen, lehren, ein Ort von einer Sauberkeit, die fast klinisch ist, bewohnt von reinlichen, freundlichen, hochintelligenten und hochmotivierten Studenten, die in den Pausen über die grünen Wiesen eher wandeln als gehen und dabei französisch, spanisch, russisch, deutsch, chinesisch, italienisch, japanisch plaudern, die nicht schreien, pöbeln, rempeln, streiten, die auch von Erotik nichts spüren lassen, fast geschlechtslos und unisex in ihren Knieshorts, T-Shirts und Reebok-Turnschuhen, engelgleich, Mädchen wie Jungen, in Reinheit schweben, vergeistigt nahezu, dabei nicht etwa blässlich oder streberisch verklemmt, von einer selbstauferlegten Disziplin des Lernens, mit einer nicht erzwungenen Akzeptanz der Regeln, sieben Wochen ausschließlich die gewählte Fremdsprache zu sprechen, weder Zeitung zu lesen noch Radio zu hören oder fernzusehen. Sie sind von einer nahezu klösterlichen Sanftmütigkeit, die angenehm ist und doch etwas vermissen lässt – vielleicht die Rebellion der Jugend. Für alles ist gesorgt, für Essen, Telefon, Computer, Freizeit, aus einem Fenster perlt Vivaldi, einer skandiert im Gehen Klopstocks „Frühlingsfeier“, am Abend hat Büchners „Woyzeck“ Premiere, und übern Campus fährt im Schritttempo die unbewaffnete, freundlich grüßende College-Security, und man tritt auf die Straße in Gedanken und kann darauf vertrauen, dass alle Autos halten, ohne Hupen und Bremsenquietschen und ohne dass jemand wütend brüllt. Ein abgehobener Ort, eine wolkig weiche Enklave des Lernens, ein friedliches Biotop, dem man sich anvertrauen kann, eine unaufdringliche, weitläufige Obhut, die nicht die Geborgenheit des Käfigs ist, nicht die des Stalls, in dessen Enge und Dunst ich bis vor Kurzem lebte.
Und eben hier überkommen mich die Erinnerungen an das sich selbstauflösende Land, in dem ich aufwuchs. Aufwuchs wie jedes Kind: von der Natur bestimmt, darauf zu vertrauen, beschützt, genährt, geliebt zu werden. Das Privileg des Menschen. Der nicht wie sonst die Kreatur im Augenblick des Schlüpfens sogleich um sein Leben fürchten muss. Wir dürfen glauben, und weil wir es dürfen, glauben wir, es müsste so sein und zeitlebens so bleiben. Die Mutter: die Wärmende, Nährende, Bergende. Der Vater: der festere, doch zärtliche Griff, das Spiel, die Stimme der Warnung und des Verbots. Alle anderen Menschen Brüder, Schwestern, die Welt ein Freund: kindliches Vertrauen. Die erste Welt. Welt ohne Argwohn. Urvertrauen. Der schöne Glauben, alles geschähe zum eigenen Besten und alle wollten das Beste in der denkbar besten aller Welten. Nestwärme. Umhegte Kindheit, die das begrenzte Gehege nicht wahrnahm. Die die Wärme und Überschaubarkeit des heimischen Stalles schätzte, da er schützte vor dem unbekannten Draußen, wo der Wind ging und das Fremde weste, die Gefahr, das Böse. Hier das Gute, dort das Böse: der fein übersichtliche Dualismus, mit dem sich seit Menschengedenken so trefflich herrschen lässt. Das Teile-und-Herrsche setzt allerdings voraus: Lass dich teilen, werde beherrschbar.
Wann wurde das kindliche Vertrauen das erste Mal erschüttert? Beim ersten neugierigen Blick aus der Tür, beim ersten zagen Schritt vor diese, als wir im Rücken spürten, etwas Unerwünschtes zu tun, und später dann, im Wiederholungsfall, bestraft wurden mit zeitweisem Liebesentzug? Als wir dunkel ahnten, dass Behütetsein auch Beschränkung bedeutete, die Nähe auch Enge, Bindung auch Fessel, dass die begrenzte, feste Ordnung den Freiraum einschränkte und als Eingesperrtsein empfunden wurde? Und dann die Worte: Glaub mir, vertrau mir, da draußen ist nichts von Belang, da draußen ist Gefahr, der Feind, das Böse, das darfst, das sollst, das musst du glauben, du musst uns nur ganz fest vertrauen, dann geht’s dir allzeit gut. So sprachen die frühen und früheren Autoritäten: Eltern, Erwachsene, der Übervater Staat. Du musst: das Empfehlen, dies die Lektion, war Befehl, dessen Nichtbefolgen geahndet wurde. Die Welt des kindlichen Vertrauens bekam Risse, Sprünge, brach entzwei. Ein schmerzlicher Verlust, der zeitlebens die Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies wachhielt, den Wunsch zu retardieren weckte, zurückzukehren in die widerspruchsfreie, warme Welt voll Harmonie, die uns einst barg wie eine Höhle: am besten zurück in den Leib der Mutter.
Doch es kam noch schlimmer. Unser Vertrauen wurde nicht nur enttäuscht, es wurde auch missbraucht, um uns zu täuschen, zu belügen, in Abhängigkeit zu halten und uns einzureden, der Verzicht sei in Wahrheit ein Gewinn. Das machte zweifeln, trotzig, zornig, das ließ uns manchmal aufbegehren, bis man uns die Zähne oder die Instrumente zeigte. Doch daneben blieb die schöne Erinnerung an die süße Bequemlichkeit, sich freiwillig in die Obhut eines anderen zu begeben, sich fallenzulassen in eine Sicherheit, die wir nicht selber herzustellen brauchten. Wider die Einsicht weiter zu glauben, konnte nun nicht mehr unschuldig sein. Das Kindliche wurde das Infantile. Oder berechnend, wobei das Erfahrene verdrängt werden musste aus Furcht, verlassen zu sein, indem man sich auf niemanden und nichts mehr verließ.
Glauben, vertrauen wollen wider besseres Wissen: Das zwanghafte Aufrechterhalten einer Illusion, das Entschuldigen gegenwärtiger Praxis mit dem alles und alle versöhnenden Ziel, das Heben des Blicks zum Horizont hin, dem wir uns zu nähern meinten und der doch fern blieb, ja, sich gar entfernte, das Heben des Blicks, um den Schmutz auf dem Weg nicht wahrzunehmen, wobei man, hoppla, schon mal über etwas stolperte, doch mit einem Scherzlied auf der Stelle weiterschritt, eine makabre Melodie mit dem inquisitorischen Refrain, der heilige Endzweck rechtfertige die wenig menschenfreundlichen, doch offenbar unvermeidlichen Mittel. Der freiwillige Verzicht auf den Widerspruch, die Skepsis, die Distanz. So werden Anachronismen über die Zeiten gerettet. Die Bequemlichkeit des Vertrauens als Stütze der Gesellschaft. Der kindhafte Status der lebenslangen Unmündigkeit vom Vormund Staat nicht nur aufgezwungen, auch vom Mündel angenommen und also selbstverschuldet. Der Opportunismus als Produktivkraft. Blindes Vertrauen nicht als Defekt der Augen, sondern als Weigerung zu sehen. Das Delegieren von Verantwortung als ein feinvernetztes System allgemeiner, staatstragender Verantwortungslosigkeit. Die Zurücknahme der Fähigkeit zu zweifeln. Die selbstgerechte Zueignung der Rolle des machtlosen Opfers mit den populären Floskeln: Ich kann da sowieso nichts machen, die da oben machen eh, was sie wollen. Der Rückzug ins gemütliche Private als Mitschuld, ohne Täter zu sein. Vertrauen aus Trägheit. Vertrauen als Selbstschutz, denn wer vertraut, stellt nichts in Frage, und also braucht ihm auch nicht nachgestellt zu werden.
Weshalb haben Sie noch im Herbst 89 gehofft, es würde sich eine neue, menschliche Form des Sozialismus entwickeln lassen? fragt mich einer der Studenten auf dem Zauberberg. Gute Frage. Und ich antworte: Die enttäuschte Hoffnung irrt quälend umher, ein Gespenst, das den Rückweg zum Friedhof verloren hat. Ein Satz von Bloch. Und eben dieses blochsche Gespenst, nicht das von Marx im Kommunistischen Manifest an die Wand gemalte, geht eben jetzt um in Europa, dem östlichen. Die Hoffnung, die trotz der offenbaren Perversionen darauf vertraute, auf dem rechten, dem gerechten Weg zu sein. Eine Epochenillusion des zwanzigsten Jahrhunderts, die nun vergeht und als Verlust empfunden wird, als Ent-Täuschung, obwohl der Verlust einer Täuschung doch eigentlich Gewinn sein und begrüßt werden sollte.
Das alles scheint mir in der Rückschau von der Höhe des Zauberbergs und stark verkleinert durch die Europa-Ferne wie eine ungebührlich ausgedehnte Kindheit, eine selbstvollzogene Infantilisierung, die nun erkannt und mit dem Ruf quittiert wird: Wie konnte ich, wie konnten wir? dem Staat, einer Ideologie vertrauen, da dies doch völlig fehl am Platze ist, verschenkte Liebesmüh an taubem Liebesobjekt, da dort ausschließlich Kontrolle nötig ist und die Kultur der Transparenz statt der Unkultur der Transparente, hinter die sich so viel Unrat kehren lässt: Und der untergehende real pervertierte Sozialismus kann tatsächlich behaupten, eine ganze Menschheitsepoche vorausgewesen zu sein, denn wenn es der Zarismus nur zu potjomkinschen Dörfern brachte, so sein Nachfolger zu potjomkinschen Städten, ja Staaten. Und Menschen.
Genug hiervon und über zwei Episoden hin zu etwas, das mir entschieden näherliegen sollte: ich, mein Selbstvertrauen. Zunächst die Episoden, die eine von Bruce, die andere von Jane.
Bruce ist hier bei den Anfängern, wiewohl schon achtundzwanzig Jahre alt. Er war Rechtsanwalt in New-York-City, stieg aber aus und wollte etwas Neues, bewarb sich bei einer US-Firma, die im Herbst einen Unternehmensberater in Deutschland suchte, allerdings mit einer Bedingung: perfekte deutsche Sprachkenntnisse. Okay, sagte Bruce, der zu diesem Zeitpunkt kein Wort Deutsch sprach, okay, das lern ich diesen Sommer, no problem. Und er kam nach Middlebury in die deutsche Sommerschule, belegte sieben Wochen Deutsch, ist jetzt in der fünften und spricht bereits, ohne jede Hemmung, zwar nicht perfekt, doch durchaus verständlich, verblüffend gut angesichts der kurzen Zeit.
Dieses Selbstbewusstsein ist mir ebenso fremd wie ich es bewundere, und ich attestiere mir selbst ein gestörtes Selbstvertrauen. Doch am Abend irritiert mich ebenjener Bruce mit einer scharfen Beobachtung meines Verhaltens. Wir sitzen nach der Premiere des „Woyzeck“ bei „Mister Up’s“, den wir, streng nach dem Sprachgelübde, kein Wort Englisch zu sprechen, „Herr Oben“ nennen, und trinken dünnes amerikanisches Bier. Die Stimmung ist gut, und gegen eins sagt Bruce zu mir: Sie müssen sehr selbstbewusst sein. Wieso? frag ich, irritiert von dem Befund. Nun, sagt Bruce, Sie sind als Einziger den ganzen Abend an einem Platz sitzengeblieben, alle anderen, ohne Ausnahme, haben die Stühle gewechselt. Er hat recht, es war mir nicht bewusst, und er deutet auch das Ganze. Sie, sagt er, erwarten, dass man zu Ihnen kommt, Sie stellen keine Fragen, Sie geben Antworten. Gut gesehen, Bruce, doch auch recht gedeutet? Zeugt nicht in Europa genau das Gegenteil von Selbstbewusstsein, nämlich auf die Menschen zuzugehen, andre ohne Scheu und Versagensängste und Minderwertgefühle anzusprechen? Ich weiß nicht, was ich von mir halten soll, denn hätte Bruce recht, bekäme das konstatierte Selbstbewusstsein einen Beigeschmack von Selbstzufriedenheit. Mir will eher scheinen, die ausgestellte Selbstsicherheit, die so statisch ist, trägt in sich den Zweifel, sie könnte, in Bewegung, sich als labil erweisen.
Und nun zu Jane. Sie bat mich, einen Brief in deutscher Sprache auf grammatikalische Fehler durchzusehen. Sie schrieb an den Direktor eines deutschen Zoos: Sehr geehrter Herr Professor Soundso, ich bin Jane McKim, graduierte Studentin der Zoologie, und besitze durch mein Studium sowie durch Praktika in verschiedenen, bedeutenden Tierparks der USA große Erfahrungen, speziell bei den Paarhufern. Ich würde meine theoretischen wie praktischen Kenntnisse Ihrem Tierpark für ein Semester gern zur Verfügung stellen … usw. Ich sagte: Liebe Jane, ganz falsch, du musst schreiben: Sehr geehrter Herr Professor, ich habe von Ihnen und Ihrem bedeutenden Zoo schon sehr viel Positives hier in den Vereinigten Staaten gehört, und deshalb wende ich mich an Sie mit der Bitte, in Ihrem Zoo ein Praktikum absolvieren zu dürfen. Mein spezielles Interesse gilt den Paarhufern, und ich bin davon überzeugt, es gibt keinen besseren Mentor und Platz als Sie und Ihren Zoo, um meine bescheidenen Kenntnisse sowohl wissenschaftlich wie praktisch zu erweitern … usw. usf. Jane schüttelte lächelnd den Kopf, unsicher, ob ich sie nicht etwa veralbern wolle, sagte aber schließlich: Okay, ich glaub’s dir, aber komisch seid ihr schon da drüben in Europa, sehr komisch.
Und Bruce und Jane sind nicht allein, allerorten stößt man hier auf dieses verblüffende Selbstvertrauen. Es scheint ein Stück Amerika, dieses positive Denken, dieses selbstbewusste Vorwärtsgehen, diese Überzeugung, alles zu können, zu erreichen, wenn man nur will.
Oben auf dem Berg von Middlebury ist alles sanfter, doch unten im Tal, im Ort, wo sich die Autos stauen und der Otter Creek rauschend über das felsige Wehr fällt, da benutzt Texaco das Wort Vertrauen auf seine Weise, und das klingt so: You can trust your car to the man, who wears the star, the big bright Texaco star. Entzaubert das Wort, säkularisiert, abgesunken in die Sprache der Werbung. Monochrom, eindeutig, wie der Spruch bei „Mister Up’s“: Do something – lead, follow, or get out of the way. Da trete ich dann schon lieber beiseite, lasse die Führenden und die Geführten passieren und staune, wie man die Welt immer wieder und wo auch immer in diese handlichen Entweder-oder-Maße presst. Dort das geradlinig Gesunde, hier das Zaudern, angekränkelt von des Gedankens Blässe. Entscheidungsschwäche, mangelndes Selbstvertrauen, endloses Kreisen um das polychrom changierende Sowohl-als-auch. Das klingt, als wäre diese Haltung edler, als läge in ihr ein Heil. Da nun aber liegt es ziemlich sicher nicht.
Verlässlich ist das Eindeutige. Das festumrissene, konsistente Ich. Das Ich, das sich tautologisch definiert: Ich bin ich. Und: Ich bin so, wie ich bin. Nicht sehr ergiebig, doch äußerst praktikabel. Jemanden du zu nennen, setzt ein Ich im Gegenüber voraus. Wo dies nicht ist, geht das Du ins Leere, daneben, zwischen die Facetten, aus denen dieses Ich besteht, das sich selbst nicht kennt und ständig pendelt zwischen wechselnden Identitäten. Heute so, morgen so, und übermorgen wieder anders. Das macht das Leben schwierig, für diese Menschen und die neben ihnen. Sie mit dem Pluralis majestatis anzusprechen, machte Sinn, nicht: Sag mir, wer du bist, sondern: Sagt, wer Ihr seid. Dabei sind sie ausgesprochen umgänglich, weil anpassungsfähig, wenn nicht anpassungssüchtig. Ich finde, dass besonders – halten zu Gnaden – Frauen dazu neigen. Wobei dies zunächst ein Lob der Frauen ist, die, wenn sie lieben, bedingungsloser lieben als die meisten Männer. Doch dieses hingebungsvolle Sichvergessen ist der Anfang vom Ende eines ebenso häufigen wie tückischen Beziehungsmusters. Sie passt sich an, geht auf in Liebe, dem temporären Irresein, dem lustbetonten Realitätsverlust, und meint, die eigene Identität im anderen zu finden, im Verschmelzen. Hingabe als Aufgeben. Und der Mann wähnt, so, wie sie sich gibt, sei sie wirklich, und er freut sich und hält es für ein Geschenk des Himmels, dass sie so wunderbar zusammenpassen, und beginnt, an die Ausnahme dauernden Glücks und immerwährenden Friedens zu glauben. Doch dann schwindet die Phase der Verzauberung, und sie sieht, sie hat sich aufgegeben, ist nicht mehr sie selbst, ist eine Spiegelung des Mannes, angepasst, eingepasst bis zur Unkenntlichkeit. Und nun schlägt das um, das exklusive Liebesspiel ist aus: Sie behauptet sich, grenzt sich ab, sagt grundsätzlich das Gegenteil, auch wenn es absurd ist, und wirft dem Manne vor, er dominiere sie, sie habe sich verloren und müsse ihn verlassen, um sich wiederzufinden. Der Mann (und ich verberge nicht mein tiefes Mitgefühl für ihn), der nun aus allen Wolken und kopfüber ins kalte Wasser fällt, gleicht bei all dem eher einem Karpfen denn einem Hecht, von einem Hai ganz zu schweigen, der Mann ist der Schuldige, ohne eigentlich tätig gewesen, ohne ein Täter zu sein.
Woraus folgt, dass es schwer möglich, wenn nicht gar unmöglich ist, jemandem zu vertrauen, der seiner selbst nicht sicher ist. Wie auch umgekehrt zu gelten scheint, dass ein verlässliches Ich eine Bedingung dafür ist, sich auf ein Du zu verlassen: Selbstvertrauen als Basis des Vertrauens.
Das klingt bestimmt (und man sollte es auf jeden Fall mit fester Stimme sprechen), als sähen wir ein Licht bei unserem Nachtschwimmen im Meer des Begriffs, das uns trägt, solange wir schwimmen, das wir spüren, aber nicht fassen können, doch hat sich nichts verändert: Das, was wir für einen Leuchtturm halten wollten, ist nur das Licht auf unserm eignen Kopf, das nichts erhellt, was wir nicht selbst beleuchten, und das ist das Nächstliegende.
Der uns Nächste, der naheste Mensch, der Eine, Einzige, der Liebste, dem wir vertrauen, dem wir uns anvertrauen, der uns, sofern wir das unverschämte Glück haben, mit dem uns liebsten Menschen auch verehelicht zu sein, angetraut wurde mit dem Akt der Trauung. Die Liebe zu einem Menschen als höchste Form des Vertrauens. Und weil das so ist, gibt es hier auch die tiefsten Stürze, die langwierigsten Verletzungen, die größten Enttäuschungen. Nach großer Enttäuschung … ist wohl das häufigste idiomatische Kürzel im Annoncenteil der Zeitungen, in dem Menschen Menschen suchen, Nähe, neues Vertrauen. Enttäuschtes Vertrauen: Diese Wunden sind tief, weil der Getroffene wehrlos war, ungepanzert, weich, geöffnet, vertrauensselig, und der Schmerz ist groß. Oft beschrieben, besungen, öfter noch durchlitten in stummer Verlassenheit, zeigen wir aufs Herz, unsere vitale Mitte, und, siehe, es liegt offen: gebrochen, blutend, durchbohrt.
Etymologisch kommt das Wort Vertrauen von Treue her, und insofern ist es nicht ganz falsch, einen Vertrauensbruch Untreue zu nennen, auch wenn das manchem modernen oder gar schon postmodernen Zeitgenossen anachronistisch in den Ohren klingen mag, der den Wortstamm nur im monetären Bereich, als Veruntreuung von Geld, gelten lassen möchte. Missbraucht ist das Wort, o ja, doch deshalb unbrauchbar? Wollten wir alles Missbrauchte aus unserm Wortschatz tilgen, wir würden arm, und nicht nur an der Sprache, auch am Reichtum des Empfindens. Heimat, Volk, Vaterland: alles missbraucht, oft und gründlich, und Vertrauen auch. Noch sind die Transparentlosungen auf der Netzhaut gespeichert, die wir bis vor Kurzem lesen und verinnerlichen sollten, zum Beispiel die, weiß auf rot: Unsere Liebe und unsere Treue unserem sozialistischen Vaterland! Kompakt gepresster Wortschrott.
Aber da waren wir schon einmal. Und nicht nur wir im Osten. Liebe, Treue, sozialistisches Vaterland: Lassen wir das „sozialistisch“ weg oder setzen wir ein „national“ vor das „sozialistisch“ – schon sind wir in unserer gemeinsamen Vergangenheit. Doch unsere Losung heißt: Vorwärts, wir müssen zurück!
Und da hören wir Meister Eckehard in mittelalterlichem Halbdunkel seine Reden der Unterweisung halten: … es gibt nichts, predigt er, woran man besser erkennen kann, ob man ganze Liebe habe, als Vertrauen. Sehr schön, sehr wahr. Und sehr wahrscheinlich kommt man diesem Mysterium als Mystiker auch näher als mit der kahlen Vernunft, die das Geheimnis, das Schwebende, das sich nicht auf den Begriff bringen lassen will und kann, als irrational bezeichnet oder gar beschimpft. Doch wahr ist auch der Umkehrschluss: Wo Misstrauen ist, kann keine ganze Liebe sein.
Oder Woyzeck. Wie er über die Bühne hetzt, gejagt von seinen Furien, wie er, noch ahnungslos, seine Marie fragt, was da unter ihren Fingern glänze, und sie ihm antwortet: Ein Ohrringlein, hab’s gefunden! Worauf er sagt, er habe so noch nix gefunden, zwei auf einmal … Noch weiß er nichts vom schönen, dummen Tambourmajor, doch spürt er schon, da ist etwas, ist jemand, und eben das ist der Moment, da die schwere Krankheit in ihn fährt, sich ausbreitet und Kopf und Herz erfasst: Die Eifersucht ist injiziert, die Krankheit, die selbstzerstörerische Raserei. Hirnwütig, sagt Marie, als der schon wissende Woyzeck sie anstarrt und klagt: Ich seh nichts, oh, man müsst’s sehen, man müsst’s greifen können mit Fäusten. Und wie er dann, hin- und herrennend, hilflos wütet: Hat er da gestanden? Da? Da? Und so bei dir? So? Und wenig später dann: Du hast einen roten Mund, Marie. Du bist schön wie die Sünde. Marie: Franz, du redst im Fieber. Woyzeck: Ich habe ihn gesehen … Jeder Mensch ist ein Abgrund, es schwindelt einem, wenn man hinabsieht. Sie geht wie die Unschuld! Nun, Unschuld, du hast ein Zeichen an dir. Weiß ich’s? Weiß ich’s? Wer weiß es? Und Woyzeck stürzt davon, stürzt in die kalte Hölle des Zweifels, fällt in das bodenlose Nichts seiner einzigen, tödlichen Liebe. Und dann spricht’s aus der Wand, etwas zieht ihm zwischen die Augen wie ein Messer, und der rot aufgehende Mond ist ihm ein blutig Eisen. Das mörderische Ende ist bekannt. Das Stück ist Fragment geblieben: Wir, Schreiber, Regisseure, Schauspieler und Zuschauer zugleich, inszenieren es in Generationen fort, ohne zu einem guten Schluss zu kommen.
Woyzeck und Marie. Oder eben Jens und Barbara. Ihn kenne ich seit 20 Jahren, sie seit fünf, als sie zusammenzogen. Er schrieb, sie malte: ein beneidenswert konfliktfreies Paar, meinte ich, bis mir Freund Jens eines Abends einen Monolog hielt, die Chronik seines geweckten Misstrauens, der Beginn vom Ende seines Traums. Er war allein, sie unterwegs, doch telefonisch nicht dort zu erreichen, wo sie angegeben hatte. Als ich kam, hatte er schon einiges getrunken. Und dann brach es aus ihm heraus:
Fünf Jahre, sagte er, im ersten sagte ich, es sei mit ihr so schön, dass ich sterben könnte, weil Glück mir nicht steigerbar schien. Damals hätte mir eine Trennung wehgetan, heute tötet sie. Fünf Jahre freiwillige Treue, unbedingtes Vertrauen, kein Gedanke an Verrat, und ich bin sicher, es war auch bei ihr so. Vor zwei Monaten spürte ich, wie sie sich zurückzog, von mir entfernte, es war ein Ahnen, kein Wissen. Ich, beunruhigt, fragte nach, und sie sagte, sie habe jemanden zufällig getroffen, der sie irritiere. Der Hieb zwischen die Augen. Das Bedürfnis, sie zu umarmen – und gleichzeitig wegzustoßen, mich ihr zu Füßen zu werfen, sie zu erniedrigen. Sie sagte, es sei ein Verhängnis, das Leben gemein, was doch nur heißen konnte, es sei über sie gekommen wie ein Schicksal, gegen das sie wehrlos sei, als müsse sie sich entscheiden, was sie jedoch nicht könne. Ein paar Tage später sagte sie, sie habe ihn ein zweites Mal getroffen, diesmal bewusst, sie sei zu ihm gegangen, weil sie es musste, und sie habe sich in ihn verliebt, doch passiert sei nichts. Das sei die Wahrheit, sagte sie. Die Wahrheit! Frauen zwischen zwei Männern: Sie belügen keinen – und beide, ihre Wahrheit ist gespalten wie ihre Liebe. Und ich? Ich will dem nicht und muss doch zusehen, ich brauche, liebe sie, muss die Eine, Einzige verlässlich spüren, oder alles kommt ins Rutschen. Diese Abhängigkeit, diese Verfleischung der Gefühle, die den Kopf, der gern oben bleiben möchte, hinunterzieht in schwarze Strudel. Was tun, was tun? Nichts, ich kann nichts tun. Ich liebe sie und muss doch Abstand gewinnen, sie bergen, ohne sie einzusperren, sie halten, ohne von ihr in den Abgrund gerissen zu werden, das Konträre zugleich. Lähmende Traurigkeit, Alkohol, und ich will stark sein, nicht verhärten, nicht in Selbstmitleid zerfließen. Das naive, freiwillige, kindliche Vertrauen der ersten fünf Jahre ist verloren, die Unschuld dahin. Muss ich nun auf ihre, meine Liebe verzichten, mich mit ihr arrangieren, illusionslos, sogenannt erwachsen, abgeklärt? Ich will nicht! Doch so geht’s mit Stolz nach unten, die Flügel breit, den Kopf hoch, ohne zu winseln, lautlos, kampflos, sieglos. Oder sollte ich trumpfen, kämpfen, fordern? Ich schnecke mich ein, zieh mich zurück, die Fühler draußen, doch fürchtend, sie tritt darauf. Wenn ich genau wüsste, dass sie wüsste, was sie will: ein Leben mit mir, wäre ich bereit, unser Leben ihr zuliebe zu ändern. An ihr ein vorher nie gekannter Egoismus, eine Kälte, ein Schweigen, das ihre Geheimnisse birgt. Von mir hängt nichts ab. Vor ein paar Tagen sagte sie, ich müsse versuchen, mir ein zweites Leben zu sichern, ein autonomes, das auch ohne sie lebbar sei. Sie als mein einziger Halt – damit sei sie überfordert. Alles ist hohl unter mir. Und immer das Gefühl, sie sagt mir nicht die volle Wahrheit, um mich zu schonen. Ihr Schweigen, mir zuliebe, die Lüge aus Liebe. Merkwürdig, wie sich Hass und Güte ergänzen, wie ich selbst, wenn sie mich verletzt, ihr nicht wehtun möchte. Selbst als sie eines Nachts spät kam, sehr spät, sich zu mir legte, zärtlich zu mir war, mit mir schlief, und danach sagte, sie müsse etwas gestehen, sie sei vorher bei ihm gewesen. Wie das zusammenbringen, ohne wahnsinnig zu werden? Herzrasen, schlaflose Nächte, am Morgen neben mir die braunäugige Lüge, die zu Recht entrüstet ist, denn sie belügt nicht sich, nur mich. Sie ist wahr, wenn sie mir sagt: Ich liebe dich, und sie ist wahr, wenn sie ihm sagt: Ich liebe dich. Ich möchte von ihr los und kann es nicht, liebe die, die mich zerstört, bin krank und fliehe nicht den Schmerz. Sie geht schwimmen, in die Sauna, pflegt sich, ist schön wie nie. Ich mit Kopfschmerzen, ohne Appetit, Lebensunlust und einem Knoten im Hirn: Die ich liebe, muss ich verlassen, um zu überleben. Sie ist wie eine Eiserne Jungfrau: Indem sie sich an mich schmiegt, bohrt sie mir die eisernen Spitzen ins Herz. Sie hat ein Foto von ihm bei sich, sie schreibt ihm Briefe, und sagt mir zugleich, ich sei ihr Liebster, von dem sie sich niemals trennen könne, der Einzige, der Vertraute, das Leben, der Andere sei der Tod. Wie das zusammenbringen? Lüge oder Wahrheit: es ist gleich, die Wahrheit ist nicht mehr heilsam, sie zerstört wie die Lüge. Telefonanrufe, bei denen aufgelegt wird. Muss ich sie mir aus der Seele brennen, ehe das Gift umläuft? Noch sind das nur Krämpfe, nicht die tödliche Dosis. Und sie sagt: Aber ich will dir nicht wehtun! Und weint. Doch sie tut’s. Auch hier keine Lösung: Geht sie, geh ich, bleibt sie, bleib ich, ist da der gleiche Schmerz, der Widerspruch nicht lösbar. Sie sagt: Ich will mit dir leben und träumt von einem Leben ohne mich. Und ich sage ihr böse Worte, die mir so wehtun wie ihr. Ich will nicht mehr ihre Berührung, das Kirren über den Körper, der sich nach ihr sehnt, doch stolz bleiben will und kalt zu bleiben versucht. Vertrauen, so kostbar, so verletzlich, so unbeeinflussbar vom Willen: Es ist, als liefe etwas in mir ab. Doch ich bin zu feig, mich wegzuschaffen, hoffe noch immer, doch kommt nichts, zu dem ich nicht gehe, solange ich gehen kann. Sie sagt, sie habe nun genug Kraft und Selbstvertrauen, um nicht unterzugehen, um, wenn ich sie verlassen würde, was sie verstehen könne, alles in Arbeit, in Bilder umzusetzen. Und mein Kopf ist zu, fixiert auf dieses Drama, das ich nicht schreibe, das mir geschieht. Ich renne durch die Wohnung, wühle in ihren Sachen, finde einen Liebesbrief an ihn, der handelt vom Fliegen, sie, nackt, verkrallt in sein Haar. Der Andere wird mir zum Jesus, ihre Liebe zu ihm schwärmerisch, und sie zur Gläubigen, hingebungsvoll, bereit, ihm die Füße zu küssen. Vorher glaubte ich, die Gefahr sei ein anderer Mann, nun aber ist es ein Gott. Konkurrenzlos in ihrem Herzen. Dann wieder ein ungetrübter Tag mit ihr und die Hoffnung, alles könnte vergehen und narbenlos verheilen. Sie gibt sich mir hin, und es ist wie ein Opfer: Sieh, heißt das, so gut bin ich zu dir. Und ich zerre die Wahrheit hervor, Stück für Stück wie ein einsamer, beleidigter, wütender Hund, zerre und weiß doch, was ich da hervorziehe, wird mich erschrecken und womöglich verschlingen, erschlagen. Ich kann es nicht lassen und weiß doch, mache ich weiter, geht alles zum Teufel. Sie gesteht, mit ihm geschlafen zu haben, und sagt: Jetzt müsstest du konsequent sein und gehen. Als wollte sie es. Und sagt gleich darauf: Wenn ich sie verließe, machte ich den größten Fehler meines Lebens, etwas Schreckliches, Zerstörerisches. Ich versteh nichts mehr, sie nicht, mich nicht. Vertrauen als Droge, als Traum, aus dem ich nun erwache und dennoch danach süchtig bin. Sie sagt, sie hätte sich von dem Anderen getrennt, ruft ihn aber am nächsten Tag an, legt auf, als ich komme. Am Abend sagt sie, sie wolle ein Kind von mir, am Morgen, sie wolle sich von mir trennen, nicht für immer, für ein halbes Jahr. Sie sagt, sie wolle einander Ausschließendes: Geborgenheit und Freiheit, Zweisamkeit und Alleinleben, Ruhe und Rausch, Stetigkeit und Wahnsinn, sie wisse nicht mehr, wie leben, und alles sei im Moment wahr. Wir reden, wo Worte nichts ändern können, aneinander vorbei. Sie sagt, sie habe kein Problem mit der Treue, und schon gar nicht moralisch, Treue sei da, wenn die Liebe lebe, das müsse sie sich nicht vornehmen, sie sei es, sie sei in ihr. Sie war für mich die Eine, der liebste, verlässliche Mensch, der Halt, die Freude, das Vertrauen. Ich bin in ihr verwurzelt und sehe nun: Sie ist nicht die Erde, sie ist der Tod. Ihre Wahrheit ist der Augenblick, darauf lässt sich nichts bauen. Ich bin enterdet. Allein. Sie hört mich nicht mehr. Sie schreibt mir: Ihre Liebe zu mir sei ihre Wärme, ihr Sinn in der Welt, aber sie habe mir wehgetan, sei schuldig, habe zerstört, was sie brauche, sie sei bodenlos und zerstöre sich selbst, sie hasse sich und denke an den Tod, der alles löse. Am Abend bevor sie fuhr, schrie sie: Hilf mir, hilf mir, bitte, halt mich fest! Am Morgen packte sie ihre Sachen und verschwand. Hinterließ einen Zettel: Alles endet, die Liebe wie das Leben, ich möchte bleiben und muss gehen, wenn ich jetzt nicht springe, vermeide ich das Ertrinken, lerne aber das Schwimmen nie …




