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So brach’s aus ihm heraus, und ich wusste ihm nicht viel zu sagen. Dass er jederzeit zu mir kommen könne, wenn er mich brauche. Dass er versuchen solle, ihr trotz allem zu vertrauen, um ihr die Möglichkeit zu lassen zurückzufinden. Er aber winkte ab, es sei zu spät, einer von beiden müsse aus der Welt, und alles spräche dafür, dass er es sei. Drei Tage später war sie tot. Ertrunken in der Ostsee, wo sie mit dem anderen war, sie schwamm hinaus, immer weiter, der andere rief, sie hörte nicht, der andere kam zu spät. Jens überlebte ihren Tod. Doch wie.
Nach einem Jahr noch ist es, als wäre alle Farbe aus ihm gewichen, er ist ein Schatten seiner selbst, eine Skala von Grautönen, die von Selbstanklage bis Misanthropie reicht und tief getönt ist von Misstrauen, Bindungsangst und einem generellen Schutzsyndrom, das alles abwehrt, was an seine offene Wunde rühren könnte. Er ist der ständig Misstrauische, der nichts lieber möchte, als wieder zu vertrauen, doch so tief verletzt ist, dass er fürchtet, was er sehnlichst wünscht. Aber davon spricht er nicht. Er spricht von illusionslosem Realismus, von Autonomie und von der Unmöglichkeit der Liebe. Es ist eine der stillen Tragödien, deren Inhalt auch Vertrauen ist. Er will nicht hören, dass seine Eifersucht ihre Untreue auch provoziert haben könnte, dass Barbara sein Misstrauen lediglich rechtfertigte, da er ihr keinen Grund mehr gab, gut zu sein. Er will nicht sehen, wie sein in sie gesetztes Vertrauen eine solch hohe und hehre Erwartung an den Himmel der Liebe projizierte, dass sie sich unter Druck gesetzt und davon überfordert fühlen musste, so dass sie sich dieser moralischen Nötigung durch Flucht entzog. Er aber verschließt die Trauer wie die Schuld und ist nach außen hin der neue Typ: der Single, der allein zurechtkommt, sich selbst genug ist, der die Frustration vorwegnimmt, um sie später zu vermeiden, der nichts verlieren kann, weil er nichts gibt, was er nicht auch zurückerhält.
Und darin gleicht er Laura, der Studentin, die im „Woyzeck“ die Marie spielte. Laura ist Mitte Zwanzig, hat schon eine Ehe hinter sich, und ich sah sie auf dem Campus ausschließlich in Hosen und mit Rucksack, nie mit Rock, und nur im Stück mit einem Kleid, sie läuft Marathon, trainiert täglich nur für sich, ohne die grellen und eigens dafür hergestellten Accessoires der Freizeitindustrie, läuft für sich und lebt für sich, in Boston. Vertrauen zu einem Mann? fragt sie zurück, als ich sie danach frage. Wozu? fragt sie und sagt: Ich bring mich nicht in diese Lage, einem Mann vertrauen zu müssen, und umgekehrt verlang ich auch von keinem Mann, mir zu vertrauen. Ich wäre, er wäre überfordert. Ich bleibe in jeder Phase selbstständig, und wenn ich mit einem Mann etwas Gemeinsames tue, dann weil ich es will, nicht, weil ich muss. Ich bin und bleibe unabhängig. Wieso sollte ich fürchten, ausgenutzt und betrogen zu werden? Wenn ich mit einem Mann schlafe, dann weil er mir gefällt, weil ich es will, und also muss ich ihm nicht vertrauen, da er mir nichts nehmen kann, was ich ihm nicht gebe. Außerdem nehm ich genau so viel von ihm. Das ist unverpflichtete Liebe, ein Vertrag für eine Nacht, der am Morgen seine Gültigkeit verliert und keinen von beiden zu mehr verpflichtet, und sollte es eine zweite Nacht geben, dann mit neuem Vertrag zu gleichen Bedingungen. Vertrauen ist für mich Schwäche: Ich gebe mich auf, ich gebe vor allem meinen Geist auf und fange an zu glauben und muss mich nun auf jemanden verlassen und bin irgendwann wirklich verlassen.
So Laura, die moderne Marie des ausgehenden zwanzigsten Jahrhunderts. Und wie ich so reden hörte, kam ich mir vor wie der alte Woyzeck. Versetzt in unsere Gegenwart, ohne angekommen zu sein, ein Schwebezustand, die Flugphase eines Sprungs: abgesprungen, doch nicht aufgekommen, fort von und hin zu etwas, doch mitten in der Luft. Und so ließ ich es sein, Vertrauen eine Tugend zu nennen und Misstrauen eine Schwäche. Es schien mir noch immer nicht grundsätzlich falsch, doch völlig unpassend, dies Laura zu sagen. So als tauchte ein Naosaurus aus dem Perm unter den ersten Vögeln im Jura auf. Wir, Woyzeck, als lebende Fossilien im Holozän. Wie sagtest du zum Hauptmann? Es muss was Schön’s sein um die Tugend, Herr Hauptmann, aber ich bin ein armer Kerl. Ja, Woyzeck, das bist du. Und vielleicht sind wir das alle.
Noch ehe ich das Gefühl haben könnte, etwas Praktikables, Griffiges gefunden zu haben, ist die Zeit von Middlebury abgelaufen. Abschied von Jane und Bruce und Laura. Der College-Berg, die grünen Berge von Vermont bleiben hinter mir: Burlington, Boston und New York.
Und dort das Chaos: John-F.-Kennedy-Airport. Oder „worldport“, wie er sich selber nennt. Nicht zu Unrecht, denn in das überlaufende Gefäß aus Beton und Glas schüttet es aus der Luft unaufhörlich Menschenmassen aus aller Welt, die sich hektisch schieben, reiben, stoßen, bis sie mit Bussen oder Taxen einen Ausweg aus der Enge finden oder aber wieder in die Luft geschleudert werden unter dem Gebrüll der Düsen. Sie (und ich als Gleicher unter ihnen) kamen mir vor wie Fische, die, aus ihren vertrauten, heimatlichen Revieren gerissen, in ein Glas geschüttet werden und nun verstört, entfremdet durcheinanderstrudeln, nach Luft schnappen und mit großen Augen gegen die Glaswände des JFK-Aquariums prallen. Das Gefühl, verlorenzugehen, namenlos zu sein, nie wieder aufzutauchen, hinausschwimmen zu können aus dem chaotischen Wirbel. Die zu große Nähe, ohne jemandem nah zu sein. Dieses dichte Aufeinanderrücken, das Flucht oder Aggression auslöst. Diese Fremde unter Fremden, die das Bedürfnis weckt, einen Halt zu finden, einen Menschen in der Masse, der zum Vertrauten werden könnte. Bei mir ist es in solcher Bedrängnis immer eine Frau, nach der ich suche: kindhaft, ohne jede männliche Ambition. Es ist ein Regredieren mit dem Wunsch, an der Hand genommen zu werden: ein Riesenbaby auf Reisen.
Die ganze Stadt: das größere Aquarium. Die Taxifahrt von Penn-Station über die siebte Avenue und die 42. Straße durch den Queens-Midtown-Tunnel hinaus zum Kennedy-Airport wie eine Fahrt quer durch Hölle. Heiß und laut und stickig. WAR ZONE N. Y. C., les ich im Vorüberfahren auf einem T-Shirt einer Schwarzen. Die Ampeln schalten zwar noch rot-gelbgrün, doch hält sich keiner dran, sie fahren alle zugleich auf die Kreuzung und drängen und hupen, bis der andre weicht. Die überlangen, scheibenverspiegelten Chevrolets, in denen vermutlich die Leute mit dem großen Geld sitzen. Im Stau eine bettelnde Gestalt mit nichts auf dem Leib als einem Paar zerfressener Hosen, der Körper über und über von Geschwüren bedeckt. Der Fahrer vor mir gnadenlos, er fährt, sobald ein freies Stück Straße vor ihm ist, herzstockend schnell und wechselt derart riskant die Spuren, dass ich die Augen schließe. Auch eine Form des Vertrauens, die resignative, weil mir sonst ja auch nichts übrigbleibt.
Zu meinem Halt auf dem Airport wird die Frau am PANAM-Schalter, die wunderbarerweise die Zeit findet, ohne Routine aufzublicken und freundlich zu lächeln, und meinen Namen sogar in ihrem Computer findet, was mich mit dankbarer Rührung erfüllt und wieder hoffen lässt, dass es mich wirklich gibt. Sie nennt mir Zeit und Flugsteig, gibt mir die Bordkarte und nimmt mein Gepäck, doch leider mich nicht bei der Hand.
Beim Rückflug dann der Blick voraus in Skepsis: das Land im Umbruch, das Neue, bislang Unbekannte zu Hause als das Fremde, das Unvertraute. Wieder wird ein Stück mehr verändert sein, was mir bekannt war, auch vertraut, was mit den Jahren Heimat wurde, an der auch ich beteiligt war, wenn ohne Begeisterung, so doch durch einfache Anwesenheit. Soll man dem Neuen vertrauen? Oder nicht? Oder ist die Frage falsch gestellt? Ist wiederholtes Vertrauenwollen nicht das Fortsetzen alter Verhaltensmuster unter gründlich veränderten Bedingungen? Das blinde Stolpern aus der geschlossenen Anstalt ins Freie, die neuerliche Euphorie, die in Enttäuschung enden wird? Die bequeme Formel: Vorwärts und schnell vergessen, sie wird notwendig ins neue Fiasko führen. Vertrauen wagen, ohne die Augen zu schließen – könnte das die Lösung sein? Sich einlassen, ohne sich selbst aufzugeben, wozu die eigene Geschichte ebenso gehört wie das Träumen nach vorn, über unsere begrenzte Gegenwart hinaus.
Wir alle inszenieren ein Stück, und dieses Stück ist unser Leben. Das Fatale daran ist, dass wir es ohne Probe, auf offener Bühne tun und uns keine Gelegenheit gegeben wird, es noch einmal, besser, aufzuführen. Ob wir bei der Dramaturgie des einmaligen Stücks das Vertrauen als Leitmotiv verwenden, ist allein unsere Wahl.
Wie sagte der Doktor zu Woyzeck: Kerl, Er tastet mit seinen Füßen herum wie mit Spinnfüßen.

PRESSFREIHEIT
Es scheint, wir haben sie schon. Auch ohne neues Mediengesetz hat sich die alte Presse flugs zur neuen gewandelt. Oder gewendet. Beziehungsweise gewendelt. Dabei haben wir die alte Presse noch deutlich vor Augen.
Die tägliche Langeweile. Das Tschingtarassabumblahblah des Jubel-journalismus. Die Protokoll-Protuberanzen im Stil feudalabsolutistischer Titularienbücher. Die klischierte Sprache, die normierte Versatzstücke in Großplattenbauweise montierte. Die Inflation des Superlativs. Das ermüdende Wiederholen der Hohlformeln: ewig, heilig, unverbrüchlich, stabil, dynamisch, grenzenlose Treue, Ergebenheit, ruhmreich, absolutes Vertrauen. Das Verzaubern der Realität bis hin zum Hinwegzaubern, sodass zuletzt selbst zwischen den Zeilen nichts mehr stand. Die entmündigende Monopolisierung der Wahrheit, die zur Lüge verkam, sodass der Volksmund textete: Beim ND stimmt ooch bloß det Datum. Und schließlich der Höhepunkt des Niedergangs: die mit freundlicher Beihilfe der Tschekisten aus Lichtenberg erzählte Menthol-Zigaretten-Mär des nämlichen Zentralorgans. Das alles ist uns Zeitungslesern wohlbekannt. Und es funktionierte lange, viel zu lange. Doch nicht ewig, wie geplant. Es kam, wie Abraham Lincoln sagte: „Man kann manche Leute immer für dumm verkaufen. Man kann alle Leute manchmal für dumm verkaufen. Aber man kann nicht alle Leute immer für dumm verkaufen.“
Und nun soll es nur einer gewesen sein? Nein, nicht etwa der dafür Verantwortliche, sagt der einst dafür Verantwortliche. Es war der über ihm, der über allem stand. Nicht Hermann war’s, es war Honecker, sagt Hermann. Das nun ist wirklich hübsch. Honecker also ganz allein. Wenn nur er es war, muss dieser Mann gottähnlich gewesen sein, vielarmig wie Schiwa, der mit dem Zensurgriffel gleichzeitig und flächendeckend die Landesmedien beherrschte. Wenn es denn so gewesen sein sollte, müssten wir uns ernstlich fragen, ob wir gut beraten sind, solch einen begnadeten Omnipotenten abzulösen. Wenn aber nicht, was zu vermuten ist, dann müssen ihm ein paar Sterbliche schon dabei geholfen haben.
Es ist fatal. Das auffällig eilfertige Bemühen, einige wenige Schuldige zu benennen und zu bestrafen, erinnert stark an 1945. Schuld war der Psychopath Hitler, es gab den Nürnberger Prozess, und das sollte es dann schon gewesen sein. Bewältigung? Oder Verdrängung? Verdrängen, um nicht über die eigene Mitschuld nachzudenken, um möglichst schnell und ohne größere innere Umbauten den äußeren Umbruch zu überstehen. Man liest und hört in den Medien die alten Namen (und nicht nur dort) und man staunt, wie enorm wandlungsfähig der Mensch doch ist. Wohin man sieht: ein Volk von Opfern, kaum Täter. Aber ich erinnere mich doch der Lektoren, Redakteure, Dramaturgen, die mir die Texte amputierten oder verboten, ohne dass Genosse Schiwa hinter ihnen stand und ihnen die Hand mit dem Rotstift führte. Wo sind sie hin? Ohne Zweifel: Die Zeiten ändern sich. Bleiben die Schnellwender dennoch dieselben? Oder werden sie, was zu hoffen ist, geändert von den Zeiten?
Doch auch das ist wahr: Nicht nur der Zeitungsleser litt, es litten auch die Journalisten. Nicht alle, aber viele. Sie hatten es nicht leicht. Zumal jene, die in Leipzig Journalistik studierten (am Roten Kloster, wie es trefflich hieß) und die dort hörten, die Medien, welch elitäre Arroganz! seien der Organisator der Massen. Ausgebildet als Grabenkämpfer in der großen Klassenschlacht, in vorderster Front im Schützengraben, in dem die Befehle des nahen Gegners wegen natürlich nur geflüstert werden durften, diszipliniert, reglementiert, legen sie nun die drückenden Eisenhüte ab, steigen aus dem Graben und sehen ihre Chance: frei zu werden in einer neuen, freien Presse.
Die neue, freie Presse: Was braucht sie, um sich diesen Namen zu verdienen? Unbestechlichkeit, Wahrhaftigkeit, Genauigkeit, Gerechtigkeit, Neugier, Eigensinn, Spaß am Dekuvrieren des Erhabenen, satirische Schärfe, mitmenschliches Einfühlen, Wortwitz und analytische Tiefe. Einen neuen Geist. Neues Denken.
Marx schrieb von der Kommune in Paris: „Aber in der Tat, die Kommune machte keinen Anspruch auf Unfehlbarkeit, wie dies alle die alten Regierungen ohne Ausnahme tun. Sie veröffentlichte alle Reden und Handlungen, sie weihte das Publikum ein in alle ihre Unvollkommenheiten.“
Ohne in das alte, wohlfeile und missbrauchte Muster zu verfallen, alles und jedes mit einem Marx-Zitat passgerecht zu belegen, noch eins von ihm, das vor 13 Jahren gestrichen und als Provokation gewertet wurde, als es einem Heft der Zeitschrift „Temperamente“ vorangestellt werden sollte. Es stammt aus der Neuen Rheinischen Zeitung Nr. 2 aus dem Jahre 1848.
„Es ist eine gewöhnliche Anforderung an jedes neue Organ der öffentlichen Meinung: Begeisterung für die Partei, deren Grundsätze es bekennt, unbedingte Zuversicht zu ihrer Kraft, stete Bereitschaft, sei es mit der faktischen Macht das Prinzip zu decken, sei es mit dem Glanz des Prinzips die faktische Schwäche zu beschönigen. Diesem Verlangen werden wir nicht entsprechen. Wir werden erlittene Niederlagen nicht mit täuschenden Illusionen zu vergolden suchen.“
Die alte Presse der alten Partei, die sich doch marxistisch wähnte, hat sich daran nicht gehalten. Bleibt zu hoffen für die neue.

NACHRUF AUF EINEN VERBAND
Nachdem die DDR im Orkus der Geschichte verschwunden ist, aus dem kein orphischer Gesang sie wieder hervorholt, folgen ihr die Einrichtungen nach, die ihren Namen trugen. So auch der Schriftstellerverband.
Die einen attestieren ihm, er sei einer der Transmissionsriemen der Partei gewesen, eine politische Organisation zur ideologischen Gleichschaltung ihrer Mitglieder, instrumentalisiert von der heillosen Politik der herrschenden Diesseitsreligion Kommunismus, korrumpiert von den primitiven, doch wirkungsvollen Machtmitteln Zuckerbrot und Peitsche, missbraucht von Funktionären des Geistes, die hofften, durch die Nähe zur geistlosen Macht mit einer Marmorbüste im Pantheon des Poststalinismus verewigt zu werden. Nun wird es nicht mal ein Abdruck aus Gips.
Die anderen reklamieren, der alte Verband sei mehr als eine bevormundete und bevormundende Einrichtung des vormundschaftlichen Staates gewesen, er habe sich um die sozialen Belange seiner Mitglieder gekümmert, habe mitunter Widerspruch angemeldet, gröbste kulturpolitische Dummheiten zu verhindern gesucht, Reglementierungen gemildert und Öffentlichkeit geschaffen für so manches, was unterm Teppich bleiben sollte. Sie bestehen darauf, dass er keine monolithische Vereinigung notorischer Jubler und Jasager war, sondern ihm viele kritische, moralisch integre und literarisch relevante AutorInnen angehörten.
Das eine ist richtig, das andere nicht falsch, und beides ist jeweils die Hälfte der Wahrheit. Für die ganze braucht es wohl größeren Abstand und noch einige Zeit.
Das Jahr 1979 gehört zweifellos zu den finstersten Kapiteln der Verbandsgeschichte: Am 7. Juni wurden neun Schriftsteller unter der Regie des präsidialen Exekutors, Hermann Kant, aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen. Neben Stefan Heym auch Klaus Schlesinger, Kurt Bartsch, Klaus Poche und andere. Eine Amputation ideologischer Chirurgen. Doch der Phantomschmerz blieb und hielt über die Jahre die Erinnerung an das begangene Unrecht wach.
Es gibt Täter und Opfer, und zwischen diesen Polen liegt ein weites Terrain, in dem die Grenzen verfließen. Hier ist der bevorzugte Ort, wo sich jeder Einzelne selbst befragen sollte, was er getan hat und was unterlassen, was er hätte wissen können und nicht wissen wollte, wo er schwieg und wo er hätte reden und schreiben müssen. Auch ich.
Dass dieser alte, von der SED funktionalisierte Schriftstellerverband seit dem letzten Herbst nicht mehr existierte und spätestens seit dem außerordentlichen Kongress im März 1990 ein personell, programmatisch und strukturell erneuerter Verband war, ist kaum zur Kenntnis genommen worden. Nunmehr mittellos, stellt er mit dem Jahresende seine Tätigkeit ein. Es gibt keine Staatsflagge überm Sarkophag, der Denkstein ist eine abgebrochene Säule, der letzte Gang jedoch mehr eine Überführung denn ein Begräbnis.
Für die künftige Vertretung der Interessen und Rechte der AutorInnen im geeinten Deutschland ist gesorgt: Der Verband deutscher Schriftsteller (VS) in der IG Medien steht bereit, die ostelbisch heimatlos Gewordenen aufzunehmen. Er wird, so ist zu hoffen, allen seinen Mitgliedern die Bedingungen sichern und erstreiten, die ihnen ihr Eigentliches erlauben: frei zu sein, das zu schreiben, was sie, ohne äußere Zwänge, schreiben müssen.

17 JAHRE LEBEN
Tagebuch-Notate 1973–1990
18.2.73
Literarisch hineingeboren in die Zeit, da Literatur das Leben meistern helfen sollte, das Land allseitig stärken, die Arbeitsproduktivität kraft des Bewusstseins heben, die Zeit um den VI. Schriftstellerkongress 69, auf dem erstaunliche Redner auftraten, die mit verbalem Senkrechtstart bereits nach wenigen Sekunden über den Wolken waren, zu verstehen nur noch für jene, deren Empfänger im gleichen ideologisch-synthetischen Wellenbereich arbeiteten. Christa Wolf wurde gescholten, rote Kongressmappen verteilt, deshalb der Witz: „Rotmäppchen und die böse Wolf“. Die Jungen wurden zu glätten versucht, das Markige und Hohltönende füllte die Luft, das Leise überjubelt. Und so erschien mir die Anspielung, die sorgsam versteckte Kritik wie eine Heldentat. Das schleichende Einüben der Selbstzensur, der Zucker zum Versüßen des Schlafs, die Peitsche steht sichtbar in der Ecke.
6.3.73
Auffällig die Inflation des Adjektivs „echt“: echtes Gefühl, echte Begeisterung, echtes Gespräch, echter Klassenstandpunkt. Dito „ehrlich“: ehrliche Meinung, ehrliches Bekenntnis, ehrliche Diskussionen etc. Untrügliches Zeichen, wie viel Unechtes, Unehrliches, wie viel Schein statt Sein um uns, in uns ist.
31.8.73
Unglaubliches Becher-Gedicht gefunden: Dort wirst du, Stalin, stehn, in voller Blüte / Der Apfelbäume an dem Bodensee. / Und durch den Schwarzwald wandert seine Güte / Und winkt zu sich heran ein scheues Reh. Aber, so offiziell: In der DDR hat es Stalinismus nie gegeben.
28.1.74
Das bleibt aber unter uns: idiomatische Redewendung elitärer, dosierter Informationspolitik. Solange diese Wendung nicht in den Zeitungen steht, sollte man Zirkel, Versammlungen, wo so gesprochen wird, demonstrativ verlassen. Dieses Unter-uns-gesagt: Es gibt keine Demokratie für einige Wenige, es gibt nur die für alle – oder keine. Demokratie ohne Volksbeteiligung: ein sprachlicher Irrwitz, reale Farce.
5.10.74
Schrittweiser Abbau der großen Hoffnungen nach dem 8. Parteitag. Erhofft waren das Ende des schweigenden Gänsemarsches, des Händchenhaltens und des verdächtig lauten Singens, das Ende der Tabus, der Beginn des öffentlichen Meinungs- und Ideenstreites, der sozialistischen Demokratie. Aber: Nach einem verhalten kritischen Artikel wird Chefredakteur entlassen, die Nützlichkeit des Meinungsstreits wird theoretisch beteuert, praktisch jedoch administrativ verhindert. Keine Transparenz, sondern Transparente.
12.1.75
„Er hat sein Vaterland verraten“: Kann man verraten, wofür oder wogegen man sich zu entscheiden keine Möglichkeit hatte? Ist der Bürger mit seiner Geburt Staatseigentum? Ist er jemals gefragt worden, war es ihm erlaubt, wahr zu antworten? Die befestigten Grenzen: Stubenarrest für ein ganzes Volk. Wofür aber wird es bestraft?
23.7.75
Unser endgültiger Sieg über die Natur wird der gigantischste Suizid in der Weltgeschichte und das Ende der Menschheitsgeschichte werden. Vorwärts?
28.8.75
Verlautbarungen der marxistischen Partei: … stets haben wir recht behalten … die Partei, die Partei hat immer recht. Marx aber schrieb: „… die Kommune machte keinen Anspruch auf Unfehlbarkeit, wie dies alle die alten Regierungen ohne Ausnahme tun. Sie veröffentlichte alle Reden und Handlungen, sie weihte das Publikum ein in alle ihre Unvollkommenheiten.“ Marx vermurkst.
1.9.75
Grotesk die geistige Defensive der Gesellschaft, die vorgibt, der anderen um eine ganze Epoche voraus zu sein. Bitter die Unmündigkeit des Volks, das, theoretisch, das Sagen hat. Anachronistisch das Einzäunen des befreiten Menschen.
7.10.75
Die Umgangsformen unserer Repräsentanten werden immer bürgerlicher, schlimmer noch: feudalabsolutistischer: Jagdrechte, eingezäunte Absonderung, Staatskarossen, gestaffelte Privilegien, Hofhaltung, Protokoll bis hin zu Zeremonien. Wieso glauben sie, diese Formen übernehmen zu müssen, sich zu absentieren, um zu repräsentieren? Gehören die Repräsentanten der Klasse eigentlich noch zur Klasse? Wäre nicht vorstellbar, sie gingen ins Freibad Pankow, wenn sie schwimmen wollten, säßen mitten im Parkett, nicht in der Fürstenloge, äßen, was alle essen, schirmten sich nicht ab vorm Volk, dessen Teil zu sein sie unablässig behaupten?
16.2.76
„Kramladen“ in Weißensee: eine Veranstaltungsreihe, getragen vom Publikum, wird abgewürgt. Bettina W. darf nicht auftreten, Klubhausbeirat wird einfach aufgelöst, die Auflöser sind selbstredend nicht anwesend, nur Stellvertreter: der Dr.-Dichter W., die Stasi und jede Menge bestellte Claqueurs. Die Dogmatiker siegen, der Sozialismus verliert ein weiteres Mal.
30.3.76
Die Utopie lebt als Axolotl in den abgesoffenen Uranschächten des Erzgebirges, bleich und blind.
20.4.76
Die hiesigen Medien lassen die Sonne ununterbrochen scheinen. Dadurch republikweit Bodenerosion, fehlende Feuchte, kein reinigendes Gewitter. Wo die Luft derart trocken ist, wird exzessiv gesoffen. Das Land dürstet nach Wahrheit, die Spiegel sind mit Parolen überklebt, die Ohren verstopft mit ideologischen Wortpfropfen, Sprachknete erschwert das Vorwärtsgehen. Die Arbeit der Vielen, die Macht der Wenigen.
25.8.76
Preußischer Sozialismus: freudlos, grau, militant, verbeamtet, ohne Spontaneität und Humor, eng, intolerant, eckig, von ärmlicher Ölsockel-Sauberkeit. Klingelnde Worthülsen: ewig, heilig, grenzenlose Treue und Ergebenheit, absolutes Vertrauen, unverbrüchliche Freundschaft, ruhmreich, volle Übereinstimmung …
30.11.76
Schwarzer November. Anfang: Einberufung zur Armee, ein halbes Jahr. Ende: Ausbürgerung Biermanns. Verhöre durch Stasi-Offiziere, die sogenannten VO (Verbindungsoffizier, Jargon: Vau-Null) der Armee, die das Gespräche nennen. Ur-Ängste: Demütigung und Bedrohung.
13.1.77
Stimmung im Lande: Resignation, Sich-abfinden mit nichtfunktionierender Infrastruktur (Mangel, Bürokratisierung), Immunität gegen Medienjubel, subjektive Überlebensstrategien: Korruption, Schiebereien, Rückzug ins Private. Die listige Gleichgültigkeit des Mündels Volk. Der Zusammenhang zwischen Mündigkeit, Verantwortlichkeit und Kreativität! Stattdessen: Vernichten der Basisinitiativen, Züchten der Uninteressiertheit, lieblose Geschmacklosigkeit, Zudecken der Fehler mit Polit-Posaunen, autoritäre Erziehung, Überwachung, fehlende Öffentlichkeit, Rechtsunsicherheit, deshalb die wuchernde Staatssicherheit.




