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2.10.89
Die Lage spitzt sich zu, die Massenflucht geht weiter. Krenz umarmt in Peking den fünfundachtzigjährigen Schlächter vom Platz des Himmlischen Friedens, Honecker bereitet den 40-Jahre-Jubel vor, die Stimmung im Volk ist depressiv bis aggressiv. Die Politgerontokraten klammern sich an die Macht, die, so Mao, aus den Gewehrläufen kommt. Dies die Gefahr, die Drohung.
23.10.89
Mittwoch, 18.10., endet die Honecker-Ära, glanzlos. Die DDR gärt: Massenflucht und Massendemonstrationen, überall werden Resolutionen verfasst, in denen gefordert wird, nicht mehr gebeten. In dieser Lage reagiert die Partei. Der neue Generalsekretär Krenz, „gewählt“ wie in Rom: Rauch aus dem Kamin des ZK-Gebäudes, der neue Papst. Drei (3) Leute werden ausgewechselt, nicht mehr, alle andern bleiben. Krenz im Fernsehen: ein mieser Mime, schmeichelt sich dem Volk an mit wölfischer Stimme, die Kreide fraß. Die Presse ändert ihren Ton, will, dass die Leute von der Straße kommen, bietet den Dialog an. Die Sprache ist verräterisch: „… die sozialistische Demokratie noch wirksamer entfalten …“ – als hätte es die jemals gegeben, „… die Medien noch lebensnaher gestalten …“ – als wären sie je lebensnah gewesen, noch mehr, stärker als bisher, vor allem mehr arbeiten – als läge es daran, dass die Wirtschaft krankt. Zu hoffen ist, das Volk lässt sich diesmal nicht wieder betrügen und besteht auf strukturellen Änderungen.
4.11.89
Die erste freie Großdemonstration auf dem Alex. Transparente mit knallharten Forderungen und kreativem Sprachwitz. Das Volk auf der Straße erzeugt den Veränderungsdruck. Eine Dynamik ist im Gange, an die niemand vor drei Monaten geglaubt hätte.
5.11.89
Das Volk erzwingt politischen Wandel. Die letzten Wochen, Tage spannend wie ein ganzes Jahrzehnt. Die Politbürokraten mit dem Rücken zur Wand, sie aber texten: Mit dem Gesicht zum Volke. Wohl wahr. Noch einmal die Lust des Veränderns, noch einmal Aufbruch und Hoffnung. Ein Volk findet seine Würde und Stimme wieder. Der Reform-Zug beschleunigt, die alte Partei rennt ihm außer Atem nach. Wer weiß, auf welchem deutschen Bahnhof die Reise endet.
29.11.89
Am Morgen im Roten Rathaus, unabhängiger Untersuchungsausschuss. Die Schuldigen lügen massiv, vertuschen, haben nichts gesehen, gehört, getan, sind vollkommen unschuldig. Wie gehabt. Der andere Teil der Wahrheit: die Post-Stalinisten ducken sich ab und versuchen, sich und die alten Mechanismen über die Runden zu retten.
10.12.89
Die kulturellen Deformationen. Der real pervertierte Sozialismus hat gewachsene Kunst vernichtet, doch keinen neuen Stil geschaffen. Die Städte verkommen, zerstört durch einen Krieg des schlechten Geschmacks. Auf dem Land die über Jahrhunderte gewachsene Infrastruktur nach 45 und bei der Zwangskollektivierung vernichtet, ersetzt durch provisorische Barackenarchitektur. Beschädigt auch die Alltagskultur: die Sprache, die Umgangsformen, die Kultur des Streits.
21.12.89
Ceausescu nannte gestern sein demonstrierendes Volk Konterrevolutionäre und Faschisten. Unser Sprachsensorium ist geschärft. Vor Wochen noch nannte man bei uns das demonstrierende Volk Staatsfeinde, Mob und Abschaum, die Munition war ausgegeben, Pläne für Internierungslager und schwarze Listen waren fertig. Uns blühte eben jener himmlische Frieden, der jetzt in Rumänien wütet. War der Conducator bislang nur lächerlich, ist er nun blutig, ein anachronistisches Monstrum, behängt auch mit zwei Karl-Marx-Orden dieses Landes. Wir, die wir nur knapp seinen Brüdern im Geiste entgangen sind, fordern von der Regierung, den Mörder öffentlich einen Mörder zu nennen.
15.1.90
Besetzung, Begehung des Hauptquartiers der Stasi in der Normannenstraße. Die Tore wurden von innen geöffnet, und die Menschen liefen durch das riesige Objekt, Stolz und Unglauben in den Gesichtern.
22.2.90
Der Stoff der nächsten Jahre: die Trauerarbeit, die Frage nach der Mitschuld. Was hätten wir wissen, erkennen können? Warum vermieden wir die konsequente Analyse? Aus Furcht, das Verderbte, aussichtslos Misslungene illusionslos zu konstatieren, weil wir uns dann hätten moralisch entscheiden müssen: zu Widerstand oder Flucht. Der Selbstbetrug, der bequeme, an die Lernfähigkeit des Totalitarismus glauben zu wollen. Die hilfreiche Illusion von der Aufklärung der Macht durch Vernunft. Das kindliche Festhalten an einer Utopie aus dem 19. Jahrhundert, die schon 1930 in der Sowjetunion pervertiert worden war. Das Abstumpfen des Gewissens angesichts deutlichster Zeichen: Wahlbetrug, Totalüberwachung, Machtarroganz. Das Wissen ohne Folgen, das Hinsehen, ohne zu reden, das geflüsterte Murren, kein lauter Protest. Psychologisch ein Verdrängen, ethisch ein Versagen, politisch ein Stabilisieren. Wie uns, wie mir das geschah, diese Geschichte ist schreibend zu erkunden, zu erkennen.

VOM KULT ZUR KULTUR
1
„Berlin ist das Letzte. Der Rest ist Vorgeschichte. Sollte Geschichte stattfinden, wird Berlin der Anfang sein.“ Was wie ein althochdeutscher Zauberspruch klingt, ist von Heiner Müller und vor Jahren erst geschrieben.
Die Mauer fiel und begrub unter sich den Staat, den sie schützen sollte vor den eigenen Bürgern. Berlin, die Rose aus Zement, hat sich des Keuschheitsgürtels aus Stacheldraht entledigt und ist nun frei zu freien: die andere Hälfte von sich selbst.
Die Stadt hat eben jetzt die große Chance, zur europäischen Kulturmetropole zu werden. Manch einer spricht gar von der Kulturhauptstadt Europas. Doch sollten wir vermeiden, wieder einmal vollmundig an der Tafel einer Kultur zu sitzen, bei der, so Karl Kraus über uns Deutsche, Prahlhans Küchenmeister ist. Es müsste genügen und wäre mehr als genug, wenn aus der Berliner Hochzeit eine Hoch-Zeit der Kultur entspränge. Die Stadt, die andre Dichter Hure, Babel, Nessel und Ninive nannten, kann nun werden, was sie für kurze Zeit schon einmal war: ein Biotop, in dem Kultur gedeihen kann.
2
Es war einmal. Zwischen Wilhelm und Adolf, deren kultureller Horizont am teutonischen Stahlhelmrand endete, wurde Berlin von einer Kultstätte dumpfer Selbstherrlichkeit zur europäischen Kulturstadt der zwanziger Jahre.
Ein Grund dafür war gewiss die republikanische Verfassung. Res publica heißt öffentliche Sache, und eine solche ist auch die Kultur. Ein weiterer die Offenheit der Stadt, der Strom in sie hinein, wo sich Heterogenes vermischte: das Eigene mit dem Fremden, Tradition mit Avantgarde, Westliches mit Östlichem, Konservatives mit Radikalem, Südliches mit Nördlichem, Utopie mit common sense, Repräsentatives mit Experimentellem, Hermetisches mit Agitatorischem, Subversives mit Affirmativem, Rot mit Weiß und Schwarz (was auf wundersam alchimistische Weise Gold ergab: die goldenen Zwanziger), Liebesgott Eros mit Schicksalsgöttin Ananke oder Erkenntnisdrang mit Notwendigkeit, welche, so Freud, die Eltern der Kultur sind.
Hierzu ein kurzer Blick in die Bevölkerungsstatistik jener Jahre. 1925 lebten unter 4 Millionen Berlinern 106.500 Ausländer. 22.500 Polen. 17.000 Tschechoslowaken. 15.200 Österreicher. 10.300 Russen. 3.000 Schweizer. 1.400 Engländer. 1.100 Nordamerikaner. 660 Franzosen. Berlin, so wird vorausgesagt, wird in den nächsten 10 Jahren ein Bevölkerungswachstum auf 6 oder 7 Millionen erleben.
Städte, in denen sich eine solch internationale Mischung herstellt, müssen entscheiden, ob sie dabei melting pot oder salad bowl sein wollen. Die Kultur, aus gutem Grund, zieht die Salatschüssel dem Schmelztiegel allemal vor. Wird ein Salat bereitet, werden die Zutaten nicht in eine heiße Pfanne geworfen, verrührt und bis zur Unkenntlichkeit gesotten – die Bestandteile, lediglich gewürzt nach lokaler Sitte und gut gemischt, bleiben sichtbarlich erhalten. Auf solch behutsame Weise könnten wir dann den Berliner Salat haben: vitaminreich, bunt anzusehen und sehr gesund. Multikulturell – so heißt dafür das Mode- und Zauberwort unsrer Tage.
3
Kultur, gottlob, lässt sich politisch nicht dekretieren. Sie muss lediglich wachsen dürfen und bedarf dazu des Bodens und eines günstigen Klimas. Ist das gegeben, gedeiht sie nahezu von allein, grünt und blüht und lebt in Konkurrenz und in Symbiose, vereint in Vielfalt und in Widerspruch: ein lebendiger Organismus, vernetzt und verletzlich, und insofern der Pflege bedürftig.
Aha. Spätestens an dieser Stelle hören Politiker die Nachtigall deutlich trapsen. Ganz recht, Kultur kostet Geld. Doch zahlt sie sich auch aus. Was ein Land, eine Stadt für die Kultur tut, wird sie diesen mehrfach vergelten. Städte wie Paris, Amsterdam, Zürich, New York oder Salzburg wissen, was sie an ihr haben. Was ausstrahlt, zieht auch an. Und nicht nur die Touristen. Kultur ist eine Humusschicht, auf der allerlei gedeiht, neue Ideen vor allem. Sie stellt nicht lediglich nur dar, was ist, sie regt an, spielt durch, bereitet geistig vor, was werden soll. Sie erzeugt eine Nachfrage, meint Walter Benjamin, für deren volle Befriedigung die Stunde noch nicht gekommen ist. Kultur als Investition in die Zukunft.
4
Berlin sucht derzeit Investoren, insonderheit der ramponierte Osten dieser Stadt. Nachdem die Transparente von den Fassaden sind, sieht man die ruinösen Hinterlassenschaften besser. Not aber macht erfinderisch.
Und so hat die neue Kulturverwaltung der ärmeren Stadthälfte einen Kulturatlas entwickelt, der in Europa werben soll für Kulturprojekte. Unter anderem für das Filmkunsthaus Babylon am Luxemburgplatz. Den Prater in der Kastanienallee. Das Projekt Tacheles in der Oranienburger Straße. Die Kulturfabrik Pfefferberg in der Schönhauser Allee. Die Kulturbrauerei Ecke Sredzkistraße.
Da wird zentral avisiert, was künftig dezentral funktionieren soll. Kein Widerspruch: Die neue Verwaltung will, bravo und bravissimo, nicht mehr Obergärtner sein (in der realsozialistischen Vergangenheit, requiescat in pace, waren’s nicht selten die Böcke, die da rigide gärtnerten), der mit Rasenmäher und Herbiziden den Wildwuchs verhindert und jedes Kräutlein, das da unverschämterweise einfach so wachsen will, zum Unkraut erklärt und der Ruhe und Ordnung halber jätet. Jede lebendige Hochkultur wächst von unten auf, vom Boden her. Wer diesen versiegelt, weil ihn das anarchische Gären, das kreative Keimen und das unkontrollierbare Wimmeln in den unteren Regionen beunruhigt, entzieht sich selbst den Nährstoffstrom, trocknet aus, verholzt, stirbt ab und bricht im ersten Sturm des Herbstes. So geschehen 1989.
5
Es wird einmal. Die märchenhafte Eingangsformel, ins Futurum gewendet, sieht die Perspektive Berlins entweder als Modellstadt, in der es einen neuen Frieden zwischen Kultur, Ökonomie und Ökologie geben wird, oder als kommerzielle Kapitale, in der so ziemlich alles kollabiert: Verkehr, sozialer Frieden, natürliche Umwelt.
Die Vereinigung der beiden Hälften wird nur dann etwas Neues bringen, wenn es gleichberechtigt, ohne Unterwerfung, abgeht, ohne die triumphale Selbstgerechtigkeit der jüngsten Sieger der Geschichte, die denen im Osten empfehlen, ihre Biografien im nationalen Müllcontainer zu entsorgen und sich flugs ein westliches Outfit zuzulegen. Die Chance besteht im Überwinden des dualistischen Entweder-oder zugunsten des pluralistischen Sowohlals-auch.
Die künftige Kultur Berlins müsste dann den Widerspruch, alternative Ideen, antizipatorische Phantasie und selbst die Gegenkultur nicht mehr als subversiv bemisstrauen, sondern willkommen heißen. Berlin als Heimstatt der Ketzer, Träumer, Fantasten und Experimentatoren. Berlin als Impulsgeber, Forum, Drehscheibe, Schnittpunkt und Fokus östlicher und westlicher Kulturen. Die Kultur als eine Komposition von Zukunftsprojektion und Geschichtsbewusstsein, von Basis- und Hochkultur, von Ernst und Witz, von Produzenten und Destruenten, von kommunalen, freien und kommerziellen Initiativen.
Notwendig wird Berlin dafür ein Talent zur Unordnung brauchen, was hier auf traditionell preußischem Boden zwar schwerfallen, aber nicht unmöglich sein dürfte. Und es braucht den Mut zur schöpferischen Destruktion, dem ständigen Stirb-und-werde alles Lebendigen. Wandel und Wechsel als das Beständige, die Veränderung als das Stabilisierende – so hätte Berlin kulturelle Zukunft.
Mit Glanz. Doch ohne Gloria.

UNZEITGEMÄßE GEDANKEN
Ein Gespenst geht um in Europa: das Gespenst der Utopielosigkeit. Es folgt dem Brautgang Osteuropas gen Westen auf dem Fuße nach. Die blasse Braut (… nach schwerer Enttäuschung, steht in ihrer noch druckfeuchten Heiratsannonce) eilt ihrem beleibten Bräutigam in die Arme, um sich mit ihm vor den Augen der Welt zu vereinen. Hochzeit ist angesagt in Europa, doch ob es eine Hoch-Zeit werden wird, hängt daran, ob sich die Brautleute eine Perspektive geben, die übers bloße Morgen, über den Vollzug der Kopulation hinausweist, in eine Zukunft hinterm Horizont, der sich im Nähern stets entfernt. Einer Vision wird das vermählte Europa bedürfen, um zu dauern, einer gänzlich neuen, gespeist aus dem reichen gemeinsamen Fundus und den Erfahrungen der Trennungszeit, da die Eheleute der zu tiefen Wasser wegen nicht zueinanderkommen konnten.
Solch ein Entwurf müsste die westlich proklamierte individuelle Freiheit mit der östlich, ursprünglich intendierten kollektiven Gerechtigkeit verbinden. Beides hat es einzeln wirklich und wahrhaftig nie gegeben. Die kollektive Gerechtigkeit pervertierte im Osten zu repressiver Nivellierung, zu einem administrativen Reglement, das nicht etwa, wie tolldreist behauptet, der Menschheit eine Epoche voraus war, sondern zwei zurückfiel: in die Strukturen des Ancien régime. Und der Okzident, der Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit versprach? Sind dessen hehre Werte in der Praxis nicht zu ungerechter Freiheit bunt verflacht, und wird die im Konsum kollektiv verdrängte Ungerechtigkeit nicht unabweisbar evident, weiten wir den eurozentrierten Blick ins Globale?
Was Ernst Bloch vor 70 Jahren beschrieb, ist heute, leider, noch immer nicht hoffnungslos veraltet.
„Soweit also musste, konnte es schließlich mit uns kommen. Wes Brot ich ess’, des Lied ich sing’. Aber dieser Tanz um das Kalb und Kalbsfell zugleich und nichts anderes dahinter war doch überraschend. Das macht, wir haben keinen sozialistischen Gedanken. Sondern wir sind ärmer als die armen Tiere geworden; wem nicht der Bauch, dem ist der Staat sein Gott, alles andere ist zum Spaß und zur Unterhaltung herabgesunken. Wir haben Sehnsucht und kurzes Wissen, aber wenig Tat … In uns allein brennt noch dieses Licht, und der phantastische Zug zu ihm beginnt, der Zug zur Deutung des Wachtraums, zur Handhabung des utopisch prinzipiellen Begriffs. Diesen zu finden, das Rechte zu finden, um dessentwillen es sich ziemt zu leben, organisiert zu sein, Zeit zu haben, dazu gehen wir, hauen wir die metaphysisch konstitutiven Wege, rufen was nicht ist, bauen ins Blaue hinein, bauen uns in Blaue hinein und suchen dort das Wahre, Wirkliche, wo das bloß Tatsächliche verschwindet – incipit vita nova.“
Das bloß Tatsächliche: Utopie ist offensichtlich nicht ersetzbar durch Bruttosozialprodukt und Wachstumsraten, nicht durch kurz- oder bestenfalls mittelfristige Politikinhalte, nicht durch Diesseits und Jenseits versöhnende Religionen. Gegen die Macht des Tatsächlichen, gegen die Zwänge des Entweder-oder, in denen wir Täter und Opfer zugleich sind, muss ein Kraut wachsen bei Strafe des Untergangs, der ein Suizid wäre: das heilende und kräftigende Wunderkraut der Utopie, des Hoffens, des Tagträumens nach vorn.
Die Pflanze scheint nur ausgestorben mit dem mondialen Scheitern der missratenen Praxis einer ursprünglich menschenfreundlichen Idee. Und selbst dort lebt sie weiter als utopische Spore, so im marxschen Kernsatz, dass die Freiheit des Einzelnen die Bedingung für die Freiheit aller ist. Sie lebt als Spore in Mythos und Märchen, in den libertinen Sozialutopien wie in der Poesie der Völker, und was 2.000, 3.000 Jahre widrige Wetter überstand, überlebt auch (und ziemlich gelassen) die historisch läppischen 40 Jahre pervertierten Sozialismus. Zwar ist das Bild der Utopie so schwer beschädigt, dass man nicht zu Unrecht meinen könnte, das größte denkbare Übel sei die Realisierung einer Sozialutopie, zwar sind die heroischen Illusionen der Gutgläubigen bitter enttäuscht, der mythische Gehalt pseudowissenschaftlich reduziert von eilfertigen Philosophen, die sich selbst als Ideologieproduzenten bezeichneten, womit sie ihren Salto rückwärts trefflich selbst benannten. Im Kern aber lebt die Spore, verkapselt zwar und ziemlich unansehnlich, doch keimfähig bei klimatisch günstigen Bedingungen. So überlebt die Utopie im Stillen, sie ist vertagt, womöglich gar verjährt, verbannt ins Reich des reinen Wünschens, in die Welt der bloßen Worte, ins Erinnern an das, was kommen soll.
Wärme braucht’s zum Keimen. Und Feuchtigkeit. Ein multikulturelles Biotop, erwärmt von globaler Solidarität, befeuchtet aus den Quellen des Mythischen wie des Antizipatorischen. Und sehr wahrscheinlich beseelt von einer neuen Naivität, die nicht notwendig infantil sein muss, massenhaft bevölkert von einem Geist, wie ihn Charles Fourier beschreibt.
„Der menschliche Geist, der fünfundzwanzig Jahrhunderte lang an dieser Aufgabe gescheitert ist, wird vor einem neuen Kampf gewiss zurückschrecken. Doch wenn Heerführer und Soldaten niedergeschlagen sind, bedarf es zuweilen nur eines Kindes, um neue Hoffnungen zu wecken. Der zehnjährige David richtete Israel auf, als er Goliath besiegte. Jeanne d’Arc, ein einfaches Hirtenmädchen, begeisterte die französische Armee und führte sie zum Sieg … Gerade meine Unscheinbarkeit gibt mir das Recht, die Zügel in die Hand zu nehmen, wenn alle Welt sie schleifen lässt, wenn der menschliche Geist nur noch seine Ohnmacht beklagt und mit Voltaire ausruft: Welch tiefe Nacht umgibt noch die Natur!“
Der Ausgang des Menschen aus dieser selbstverschuldeten Umnachtung als der Beginn eines neuen Age of Enlightenment im geistigen Biotop Europa? Fourier, der Unwissenschaftliche, der Utopist (was die Virtuosen der instrumentellen Vernunft selbstredend synonymisch gleichsetzten), sah diesen Ausgang aus Ohnmacht und Unmündigkeit in der Versöhnung von Nützlichkeit und Vergnügen, in der Synthese von Arbeit und Harmonie und der Kreation sogenannter „sozialer Leidenschaften“. Die Aufhebung der Entfremdung, die befreite Arbeit – eine Utopie, ferner als je. Das Angebot in Ost und West hieß: Freizeit statt Freiheit. Im Westen mehr, im Osten weniger, doch hier wie da zu wenig. Freizeit als Freiheit von Arbeit, als reduzierte Arbeitszeit. Es geht jedoch um die Freiheit der Arbeit selbst.
Wie auch immer die neue Utopie heißen, aus welchen Quellen sie sich speisen und wo auch immer sie entstehen mag, sie wird freiheitlich, ganzheitlich, interdisziplinär und global sein müssen, um konkret zu sein.
Literatur und Poesie waren immer utopische Laboratorien und sie werden es, ist zu hoffen, bleiben. Der beste Teil der deutschen Literatur, die in den letzten 40 Jahren in der nun kollabierten DDR geschrieben wurde, hatte dieses utopische Potential in sich. Vielleicht war es unter anderem das, was sie auszeichnete und was, so wünschte ich, auch nach den Vereinigungen der beiden Deutschländer und Europas, die nicht der Weisheit letzter Schluss sein können, erhalten bleibt.

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