Beatrice – Rückkehr ins Buchland

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„… Bücher!“, rief Quirinus. „Ich habe zwar noch lange kein lückenloses Sortiment, so wie Sie. Aber das gedruckte Wort wird bestimmt irgendwann zu einem Kuriosum. Dann gehört es gänzlich in meine Lokalität. Alles, was mit Kultur zu tun hat, erlebt in diesen Tagen eine wahre Inflation, denke ich.“ Eine kurze Pause folgte. „Wie hieß denn der weise Mann, den Sie vorhin erwähnten?“
„Das war Herr Plana.“
„Herr Plana?“ Quirinus kicherte spitzbübisch. „Ich kannte ihn. Nicht gerade ein Sympathieträger, der Gute. Aber ich mochte ihn trotzdem. Er war ein bisschen wie ich. Aber alles in allem war er mir zu – wie sagt man? – moralin. Philosophie ist was für Leute, die zu viel Zeit haben. Ich habe nie Zeit.“
„Sie kannten ihn? Sie meinen bestimmt, Sie kennen ihn aus meinem Buch, oder?“
„Aus Ihrem Buchland?“ Quirinus begann wieder damit, auf der Stelle zu tänzeln. Irgendetwas erheiterte ihn auf das Heftigste.
„Ja“, sagte Bea ungeduldig, „ich bin die Schriftstellerin.“
„Oh, Sie dürfen sich schon Schriftstellerin nennen? Oder sind Sie vielmehr noch eine Autorin? Ein Buch allein macht per Definition doch noch keinen Schöngeist.“
Beinahe hätte Bea ein unartikuliertes „Häh?“ von sich gegeben. Es geriet zu einem unterdrückten Schnauben.
Quirinus kratzte sich am Hinterkopf. „Wie soll ich es erklären? Vielleicht so: Sie atmen. Das kommt von ganz allein. Sie müssen es zwar tun, aber Sie denken für gewöhnlich nicht darüber nach. Eine unbewusste Handlung Ihres Körpers.
Eines Tages – und ich will nicht behaupten, dass dies ein Glückstag für Sie sein wird – werden Sie genau so unbewusst Literatur im Kopf haben. Alles, was um Sie herum passiert, werden Sie dann im Geiste mit Worten ausformulieren. Sie werden bei jedem Gespräch, das Sie führen, überlegen, wie diese Szene Ihres Lebens in einem Buch lauten würde. Dann beschreiben Sie wortgewandt, was Ihr Gegenüber tut, wie es aussieht, obwohl Sie es direkt vor sich stehen sehen. Und jedem Moment, jeder Situation, der Sie sich stellen, begegnen Sie mit der Frage: Was wäre wenn?
Das wird geschehen. Nicht, weil Sie es so wollen. Nicht, weil Sie es können. Nicht, weil Sie es müssen. Sie werden es einfach tun. Genauso wie Sie gerade atmen, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden.
Wenn es so weit ist, dann kennen Sie den Unterschied zwischen einem Autor und einem Schriftsteller.“
Beatrice zuckte mit den Schultern. Aus Prinzip wollte sie auf diese kleine polemische Rede nicht eingehen. Bei Herrn Plana hätte sie diese Belehrung vielleicht ernst genommen. Doch dieser Typ hier vor ihr … Nein, das war ihr zu aufgesetzt. Mit aller zur Verfügung stehenden Ignoranz ging sie an Quirinus vorbei, griff nach einem zerfledderten Buch auf einem Tisch und blätterte demonstrativ lustlos darin herum. Als sie es wieder zuschlug, ohne tatsächlich ein Wort gelesen zu haben, blieb ihr Blick auf dem Titel kleben. Überrascht las sie den angeblichen Autor.
Vorsichtig, als könne der Einband plötzlich explodieren, legte sie Romeo und Julia von Edward de Vere zurück an seinen Platz. Daneben entdeckte sie Sir Francis Bacons Don Quichote.
„Sind das Scherzartikel?“
Quirinus hüpfte an ihre Seite und lachte. Dann erkämpfte er sich ein ernstes Gesicht und sagte mit dunkler Stimme: „Sehe ich aus wie ein Komödiant?“
„Aber Romeo und Julia wurde von William Shakespeare geschrieben!“
„Wirklich?“ Quirinus legte den Zeigefinger auf den eingeprägten Namensschriftzug. „Aber hier steht doch deutlich ein anderer Name gedruckt. Wie könnte Gedrucktes lügen?“
„Was ist denn das für eine Begründung? In meinem Antiquariat gibt es unzählige Ausgaben von Romeo und Julia, wo Shakespeare als Urheber verzeichnet ist.“
„Tja, die Sache mit der Wahrheit. Mit Herrn Plana hätte man da stundenlang drüber diskutieren können. Vorausgesetzt er ließe eine Meinung neben der eigenen zu.“ Quirinus ging einige Schritte tiefer in den Raum. „Möchten Sie sich nicht noch etwas mehr umschauen? Vielleicht finden Sie ein paar gut erhaltene Stücke für den Weiterverkauf in Ihrem Hause.“
Widerstrebend wagte sich Bea zum nächsten Tisch. Dort fiel ihr ein blaues Buch in die Hände. Das Cover zeigte eine Hand mit emporgerecktem Daumen. „Gesichtsbuch?“
„Das ist so eine Art anonymes Poesie-Album. Man stellt sich damit auf die Straße und bittet Passanten, sich darin einzutragen. Man kann auch Fotos einkleben oder lustige Sprüche reinschreiben. Gefällt mir, diese nette Idee. Sie konnte sich leider nicht durchsetzen.“
Bea sparte sich einen Kommentar und schaute schon nach dem nächsten Stapel mit Büchern. „Anonymus?“
„Ein begnadeter Schriftsteller“, behauptete Quirinus, „hat schon in den verschiedensten Genres etwas geschrieben. Ich bin ihm mal persönlich begegnet und hab’ mir einige seiner Werke signieren lassen.“
Mit wachsendem Erstaunen nahm Bea ein weiteres Taschenbuch. Es war gelb und in schwarzer, fetter Druckschrift stand dort: „Was-willst-Dudenn-Verlag?“
„Dieses Haus hat Sachbücher produziert“, erläuterte Quirinus süffisant, „konnte sich aber auf dem Markt nicht behaupten.“
„Warum?“
„Schauen Sie sich die Überschrift genauer an.“
Bea las laut: „Rechtschreibung for Anfängers“
„Das passiert, wenn man das Outsourcing zu weit treibt. Im Impressum steht irgendwo klein printed in Korea.“ Quirinus tippte sich seitlich an die Nase. „Ich habe fast die komplette Auflage aufgekauft. In einem Kuriositätenladen geht so was ganz gut. Dafür habe ich einen Riecher.“
„Das sind nicht unbedingt Bücher, die es in meinem Antiquariat gibt“, stellte Bea fest. Ein Schmunzeln konnte sie sich nun doch nicht verkneifen. Da sich ihre Laune sichtlich verbessert hatte, änderte auch Quirinus sein Gehabe. Er wurde ruhiger, weniger überdreht und seine Gesichtszüge bekamen einen Schuss mehr Ernsthaftigkeit.
„Och, ich kann mir schon vorstellen, dass es diese Werke tief vergraben in Ihrem Fundus gibt. Was ich hier anbiete, ist doch nur ein winziger Ausschnitt aus dem großen Land der Bücher.“ Während Bea sich fragte, ob der Kuriositätenhändler vielleicht mehr über sie und ihren Keller wusste, als er preisgab, fasste er sie sanft unter dem Arm und führte sie in die hinterste Ecke des Raumes. Erst jetzt fiel ihr auf, dass der Raum eine ungewöhnliche Form hatte: Es gab nicht nur vier, sondern fünf Wände. Sie bewegten sich durch eine architektonische Wabe. Jede gemauerte Wand hatte mittig eine Tür. Instinktiv ahnte Bea, dass dahinter eine weitere Wabe zu finden war. „Das Haus sah von außen gar nicht so groß aus.“
„Meinen Sie?“ Quirinus machte einen winzigen Hüpfer, den man auch als kurzes Stolpern deuten konnte. Im nächsten Augenblick hatte Bea ein beklemmendes Gefühl. Es kam ihr vor, als würde sich die Perspektive verändern. Alles rückte auf sie zu, ohne dass da wirklich Bewegung war. Die Distanzen blieben gleich und verkürzten sich gleichzeitig. Ein Meter ist ein Meter, bleibt ein Meter, redete sich Bea innerlich ein. Und doch …
„Ist Ihnen nicht gut? Sie wirken etwas bleich.“
„Ich glaube, es wird Zeit, dass ich gehe.“
„Einen klitzekleinen Moment noch! Verraten Sie mir, was Sie hier sehen?“ Mit ausgestrecktem Arm deutete Quirinus in eine Nische zwischen zwei Regalen. Dort war ganz eindeutig …
„Nichts“, antwortete Bea wahrheitsgemäß.
„Genau! Das sollte aber eigentlich nicht so sein. Mir fehlt hier ein ganz wichtiges Exponat, das ich mir beschaffen möchte. Ich bin mir sicher, es zu einem guten Preis weiterverkaufen zu können.“
„Ja?“ Bea stöhnte. Warum wurde ihr so schwindelig? Mit klaustrophobischen Anwandlungen hatte sie doch noch nie zu tun gehabt.
Quirinus packte sie fester. Vielleicht stützte er sie. Vielleicht verhinderte er aber auch nur, dass sie flüchtete. „Es ist ein ganz besonderes Werk. Einfach göttlich! Könnten Sie es mir besorgen?“
„Welche ISBN-Nummer hat es?“ Ihre Stimme hörte sich so fern an.
„Oh, nein. Das gute Stück hat keine ISBN-Nummer. Es stammt aus Zeiten weit vor dem Buchdruck.“
„Interessant“, keuchte Bea. Irgendwie schaffte sie es, sich aus dem Griff des Kuriositätenhändlers zu winden, wankte zurück, fort von ihm, zur Tür, durch die sie gekommen war. Um ein Haar wäre sie gefallen. Ihren Tunnelblick richtete sie mühsam und gegen eine Ohnmacht ankämpfend auf das Schaufenster. Tageslicht! Sie musste raus.
Frische Luft.
Offener Himmel.
Asphalt.
Ein Auto hupte. Jemand schimpfte lautstark. Eine Stoßstange hatte sich unangenehm nahe vor ihrer Stirn platziert. Bea schöpfte tief Atem und stellte fest, dass sie auf dem Mittelstreifen der Straße kniete. Sie richtete sich auf und torkelte benommen auf den Bürgersteig. Auf der gegenüberliegenden Seite sah sie den Kuriositätenladen. Durch das Fenster erkannte sie Quirinus und seinen Gehilfen. Irgendwo dahinter stand Chaya, die man nur noch als Schatten erahnen konnte.
Die Drei schauten Bea nach, als sie ihren Weg Richtung Antiquariat fortsetzte.
Wenn sie nicht gestorben sind
Auf dem Brett vor dem Schaufenster des Antiquariats saß Ingo. Die Beine weit ausgestreckt und mit dem Kinn auf der Brust vermittelte er den Eindruck eines Passanten, der ein Päuschen für ein Nickerchen eingelegt hatte.
Bea kannte diese Pose besser. Ihr Mann dachte nach.
Und außerdem war er sauer. Stinksauer.
„Hi“, sagte Bea leise, als sie zu ihm herantrat.
Ingo blieb regungslos. „Kannst du mir bitte verraten, wo du gewesen bist? Ein Zettel in der Ladentür ist ja wohl nicht die richtige Methode, um mal eben früher Feierabend zu machen. Ich wollte dich eigentlich abholen, damit wir zeitig loslegen können. Ich habe hier zwei Stunden auf dich gewartet.“
„Loslegen?“ Bea war mit den Gedanken noch halb in Quirinus’ Laden. Zwei Stunden hatte dies doch gar nicht gedauert … Ihr Puls raste zwar nicht mehr so, aber dafür hatte sich ein unangenehmer Kopfschmerz hinter den Schläfen breitgemacht.
„Wir wollten in den Keller“, erinnerte Ingo sie genervt.
„Du wolltest mit mir ins Buchland?“, fragte Bea endgültig perplex. Sie fühlte sich vollkommen ausgepowert.
„Nein“, sagte Ingo gedehnt. „Ich meine den Keller unserer Wohnung. Wir wollten heute ausmisten.“ Endlich hob er den Kopf und schaute sie an. „Du bist ja total durch den Wind. Was ist passiert?“ Das klang jetzt ehrlich besorgt.
„Ich wollte nur Chaya noch schnell ein Eis spendieren und dann nach Hause bringen. Quirinus hat sie nicht abgeholt.“
„Wer ist Chaya? Und wer ist Quirinus?“ Ingo stand auf, um Bea sanft zu umarmen. „Du bist ja nassgeschwitzt!“
„Ich hatte eben so was, was man wohl einen Anfall nennt. Platzangst oder so.“
„Du zitterst.“
„Jetzt, wo du es sagst, fällt es mir auch …“ Ihre Beine gaben nach und wäre Ingo nicht da gewesen, um sie aufzufangen, hätte sie gleich ein zweites Mal Bekanntschaft mit dem Asphalt gemacht.
Ingo hatte Bea nach Hause gebracht und sie irgendwie die Treppe hoch geschafft. Sie lag nun auf der alten Couch im Wohnzimmer und schlürfte einen Beruhigungstee, den ihr Mann ihr gemacht hatte.
Sie fühlte sich immer noch leicht fiebrig, doch langsam aber sicher kam das Leben zurück in ihre Glieder.
„Tja“, sagte Ingo zögerlich. Er hatte sich ans Fußende gesetzt und massierte ihr die Waden. „Wie es aussieht, müssen wir unsere Aufräumaktion noch um einen Tag verschieben.“
„Prokrastinieren“, murmelte Bea.
„Pro kastrieren? Was redest du?“
Bea brachte ein dünnes Grinsen zustande. „Prokrastinieren. Das sagt man, wenn man unangenehme Dinge aufschiebt.“
„Ich sag’s ja: Du liest zu viel. Auf solche Worte kommt man nur, wenn der Sprachschatz aus der Truhe hüpft.“
„Bist du mir böse?“
„Wegen des Kastrierens?“
Bea schüttelte den Kopf. „Dummerchen. Wenn wir das Aufräumen verschieben, bist du mir dann böse?“
„Nur, wenn du mir nicht erzählst, was denn eigentlich passiert ist. Es scheint für dich ein ereignisreicher Tag gewesen zu sein.“
Der Abend kam schnell, die Nacht folgte rasch. Während die Sterne am Himmel hochkrochen, erzählte Bea Ingo alles der Reihe nach, überging aber weitestgehend ihren Ausflug in den Keller. Sie wusste, dass sie ihn damit nur verstören würde. Ingo hörte aufmerksam zu, nickte hin und wieder, blieb aber schweigsam bis zum Schluss. Schließlich endete ihre Erzählung.
„Hört sich an, als ob die Buchland-Geschichte doch noch weitergeht“, sagte Ingo. Er klang auf eine unbestimmte Art traurig. „Bist du dir sicher, dass du nicht schreibst?“
Ein Hauch von Empörung lag in Beas Stimme: „Was? Ja!“ Als ob sie ihm so was nicht erzählt hätte.
Ingo rieb sich nachdenklich den Nacken. „Ich weiß nicht. Ich kann mich an damals kaum noch erinnern. Unsere Zeit im Buchland, weißt du? Für mich verschwimmt das alles in einem Nebel. Mir kommt es manchmal vor, als wäre es nicht wirklich passiert.“
„Vielleicht ist es nicht wirklich passiert“, sagte Bea, die sich diesbezüglich selbst nie vollkommen sicher war. Das war auch der Grund, warum sie ihr eigenes Buch immer und immer wieder las. „Ich bin die Protagonistin in meiner eigenen Geschichte gewesen. Das geht doch nicht.“
„Irgendwie muss es ja passiert sein. Sonst würde uns jetzt nicht Planas Antiquariat gehören.“ Ingo zögerte. Doch da er sonst immer das Thema mied, wartete Bea ab, ob er noch mehr sagen wollte. Ein Seufzen leitete seinen nächsten Satz ein: „Das, was du geschrieben hast, wurde zur Realität. Deine Phantasie … Ähm. Nein …“ Er lächelte hilflos. Entweder konnte er es nicht in Worte fassen oder er wagte es nicht. „Bevor ich mich mit der Fortsetzung deines Romans auseinandersetze, sollte ich mich eventuell mit dem Original noch mal ins stille Kämmerlein begeben.“
„Du willst mein Buch lesen?“
„Wie sollen wir sonst vernünftig darüber reden?“
„Gar nicht. Nicht, wenn es dir um eine Fortsetzung geht. Ich werde keine Fortsetzung schreiben. Fortsetzungen sind meistens kacke. Nur weil Buchland ein Fantasyroman geworden ist, muss das Teil ja nicht gleich in Serie gehen. Nicht jeder Mist muss eine Trilogie werden.“
„Und was ist, wenn dir das Buchland gerade mitzuteilen versucht, dass du um das Schreiben der Geschichte nicht herumkommst?“
„Schon klar. Ich mache einen simplen Abklatsch vom ersten Teil. Aber halt! Geht ja nicht. Herr Plana ist ja aus dem Reigen der Figuren ausgeschieden.“
„Dafür hast du jetzt diesen Quirinus. Der könnte das Klugscheißen übernehmen.“
„Sorry, dem fehlt es eindeutig an Klasse.“
„Wenn es nicht um eine Fortsetzung geht, worum dann?“
„Es wird einfach Zufall sein. Mir ist bestimmt nur der Kreislauf abgesackt, nachdem ich im Kuriosum etwas zu viel nachgedacht habe. Neue Abenteuer brauche ich nicht. Mir reicht es, Bücher zu verkaufen.“
„Reicht das auch deinem Buchland? Und reicht es deinem Herrn Plana? Und reicht es dir wirklich? Ich nehme dir nicht ab, dass du nur Bücher verkaufen willst. Ich kenne dich dafür zu gut. Was willst du wirklich?“
Bea verstand zunächst nicht, worauf Ingo hinauswollte, doch dann fiel der Groschen. „Herr Plana hätte gewollt, dass ich seinen Platz einnehme.“
„Als Auktoral?“
„Als Auktoral.“
„Die eigentliche Frage war, was du willst.“
„Ich weiß nicht. Kennst du das Gefühl, dass man etwas mit aller Macht haben oder machen will, aber man weiß nicht, was es ist?“
Ingo blickte zum Kühlschrank, in dem früher allerhand Flaschen gestanden hatten. Er trank nicht mehr. – Nicht, weil er es nicht wollte, sondern weil er es nicht durfte. Doch das Verlangen nagte stetig an ihm. Manchmal zerfraß es ihn sogar. Er wusste also ganz genau, wonach es still in ihm schrie. Noch hatte er es im Griff, trotzdem war es da. Immer. „Ich kenne das Gefühl. So ungefähr.“
Bea bezweifelte es. Wie sollte sie das, was ihr unbewusst seit Monaten durch den Kopf ging, in Worte fassen? Sie konnte es ja nicht mal für sich selbst benennen. „Ich kann dir nicht sagen, was fehlt. Etwas fehlt. Etwas, was man vermisst, obwohl man es nicht zwingend braucht. So wie draußen am Himmel gerade der Regenbogen fehlt.“
„Es ist finsterste Nacht“, stellte Ingo irritiert fest.
„Ja.“
„Da kann gar kein Regenbogen sein.“
Bea verdrehte die Augen. Wenn sie nicht in der Horizontalen gewesen wäre, hätte sie vermutlich sogar trotzig aufgestampft. „Ich hab doch auch keine Ahnung, wie ich es anders beschreiben soll. Vergiss es! Vielleicht ist es, weil … weil … Manchmal kommt es mir halt vor, als würde die Tapete an der Wand die Buchstaben der Welt verdecken. Die Realität versteckt nur die Phantasie.“
„Und du denkst, du könntest diese Wirklichkeit mit der Schreibmaschine einfangen und verändern. Ist es nicht so? In deinem Roman hast du es damals so gemacht. Du könntest uns jetzt, wenn du dich an die Schreibmaschine setzen würdest, einen Porsche vor die Tür schreiben. Oder ein paar Millionen aufs Konto.“ Ingo schien dieser Gedanke tatsächlich zu gefallen.
Ein Hauch von Ärger streifte Beas Züge. „Ich glaube nicht, dass das so funktionieren würde. Was ich schreibe, ist kein gewollter, bewusster Vorgang. Ich konstruiere nicht … Zuerst ist die Geschichte da. Erst dann kommen die Worte, die ihr die Gestalt geben. Herr Plana würde sagen, dass man nicht schreiben soll, weil man es will. Man soll schreiben, wenn man es muss.“ Quirinus hat es auch so formuliert, durchfuhr es Bea.
„Würde Herr Plana das?“ Ingo zog skeptisch eine Augenbraue hoch. Doch dann wanderte auch ein Mundwinkel in die Höhe und nahm dem Ganzen die Schärfe.
„Zieh mich jetzt bloß nicht damit auf!“, warnte Bea. Aber auch ihr ging der Ernst verloren. Mit einem Lachen sollte man solche Gespräche immer beenden. Sie taten es.
So wurde dies eine jener Nächte, in denen Bea die Realität mit ihren Träumen zudeckte und in den Schlaf schickte. Ihre Begegnung mit Morpheus und den Oneiroi blieb ihr nicht im Gedächtnis haften. Als sie jedoch am folgenden Morgen erwachte, fühlte sie sich nicht mehr so ausgelaugt und leer.
Sie lag noch immer auf dem Sofa. Ingo hatte sie gestern offenbar noch unter die alte Steppdecke gepackt und war dann selbst leise ins Schlafzimmer gegangen.
Jetzt stieg Bea der aromatische Duft eines guten Kaffees in die Nase. Auf dem Wohnzimmertisch stand ein Becher, aus dem eine dünne Dampffahne emporwehte. Auf der Tischplatte lag einer dieser kleinen gelben Klebezettel. Darauf geschrieben waren drei Buchstaben: „HDL“. Außerdem platzierte sich ein Semikolon mit einer Klammer dahinter. Viele Worte machte Ingo in den wichtigen Dingen des Lebens wirklich nicht.
Nachdem sie sich aufgerichtet hatte und während ihr Körper innerlich seine Checkliste abspulte, nippte sie an der kostbaren Ambrosia.
„Wie geht es dir?“ Ingo trat zur Wohnungstür herein. In der Hand hielt er eine Papiertüte vom Bäcker. Bea wusste nicht, wann er zum letzten Mal frische Brötchen für sie gekauft hatte.
„Besser.“
„Das ist schön. Du hast auch wieder ein bisschen Farbe im Gesicht. Trotzdem solltest du es heute langsam angehen lassen.“
„Und was ist dann mit dem Keller?“
Ingo grinste schief. „Den können wir kastrieren.“
Der Tag meinte es gut mit Bea. Das Wetter zeigte sich von seiner sommerlichen Seite und das Gemüt der Kunden im Antiquariat erwies sich ebenfalls als sonnig. Natürlich gab es auch die Speziellen, die mitunter anstrengend, meistens aber amüsant waren. Da war zum Beispiel der Herr im Nadelstreifenanzug, der unbedingt dieses eine, bestimmte Buch für sein Kind haben wollte.
„Wie heißt es denn?“, fragte Bea freundlich.
„Wozu brauchen Sie denn den Namen meiner Tochter?“
„Nein“, erklärte Bea geduldig, „den Namen Ihrer Tochter möchte ich nicht wissen. Aber wie das Buch heißt, müssen Sie mir schon verraten.“
„Pfft“, machte der Herr. „Keine Ahnung. Es ist blau.“
Solche Gespräche brachten die besondere Würze in den Arbeitstag. Und zwischendurch blieb Bea immer genug Zeit, um selbst in einem Buch zu schmökern.
Gegen Abend flatterte eine Abwechslung anderer Art mit dem Wind herein. Schmal, klein, unproportioniert erschien Chaya in der Tür. Gekleidet in eine grau gestreifte Strumpfhose, ein schwarzes Röckchen und ein ebenso schwarzes Shirt, ging sie mit geneigtem Kopf auf Bea zu. Die Haare umwehten sie dabei, gaben ihr eine finstere Aura, während ihre Augen Bea auf unheimliche Art und Weise fixierten. Es hätte Bea vermutlich nicht gewundert, wenn die Pupillen plötzlich rot aufgeblitzt hätten. Instinktiv wich sie hinter den Verkaufstresen zurück, obwohl das Mädchen ihr gerade mal bis zum Gürtel reichte. „Was zum …“
Chaya blieb vor der Kasse stehen und legte die vermeintliche Boshaftigkeit wie einen alten, schweren Mantel ab. Die Schatten aus ihren Zügen verschwanden. „Hallo Frau Liber.“
„Hallo … Chaya.“ Bea schluckte. „Kann ich was für dich tun?“
„Lesen“, antwortete Chaya. Ihre Körperhaltung änderte sich subtil. Leicht x-beinig drückte sie die Knie zusammen, ein Fuß drehte sich so weit, dass nur noch die Schuhspitze den Boden berührte. Eine Schulter hob sich um ein paar Millimeter, die andere senkte sich ebenso. „Wenn es Ihnen nichts ausmacht. Sie können so schön vorlesen“, erklärte sie mit schüchternem Augenaufschlag.
„Ähm. Weiß denn dein Cous- dein … Quirinus, dass du hier bist?“
„Er hat mich hergeschickt.“
Na, dachte Bea, der macht es sich ja einfach. „Ich weiß nicht, ob ich Zeit dafür habe.“ Chaya deutete auf das Buch, in dem Bea gerade noch gelesen hatte und was jetzt neben der alten Anker-Kasse stand. Ertappt! „Was möchtest du denn vorgelesen bekommen?“
Das Mädchen setzte sich im Schneidersitz auf den Boden. Genau dort und genau so, wie die Kinder es gestern bei der Leserunde getan hatten. „Suchen Sie etwas aus.“
„Okay“, sagte Bea und ging zu den Kinderbüchern. Sie streckte wieder mal einen Arm aus, ließ wieder die Hand an den Buchrücken vorbeistreifen. Zumindest wollte sie es so tun. Doch sie griff zunächst ins Leere. Es war, als wären alle Bücher kollektiv einen Schritt zurückgetreten. Allerdings konnten Bücher eigentlich keine Schritte gehen, weder vor noch zurück. Verblüfft schaute Bea genauer hin. Vor den Büchern war ein Zentimeter mehr Platz als sonst. Sie konnte deutlich einen kleinen staubfreien Bereich vor ihnen erkennen. Nur ganz links stand noch ein mutiges Buch auf seinem angestammten Platz. Astrid Lindgren? Ja, warum nicht?
„Was hältst du von einem Ausflug mit Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminz Efraimstochter Langstrumpf ins Taka-Tuka-Land? Wir könnten den Neg- äh- Südseekönig besuchen. Das ist ein Buch, das ein Kind in deinem Alter einfach kennen muss. Ich würde dir gerne daraus vorlesen.“
Chayas Miene blieb unverändert ruhig.
„Du musst nicht gleich eine Laola-Welle starten. Aber etwas mehr Begeisterung hätte ich schon erwartet. Soll ich was anderes vorlesen?“
Chaya drückte den Rücken durch und saß nun stocksteif und aufrecht wie eine Yoga-Schülerin. „Taka-Tuka Langstrumpf wäre toll. Ich freue mich darauf.“ Eine Tonbandansage klang enthusiastischer.
„Nicht so überschwänglich“, sagte Bea ein wenig argwöhnisch, schnappte für sich und das Kind jeweils ein Sitzkissen und hockte sich neben sie auf den Boden. Das angenehme Knistern und Rascheln erfüllte leise und doch unüberhörbar den Raum, als sie das Buch aufschlug und die ersten Seiten umblätterte. Dann begann sie gefühlvoll von der Villa Kunterbunt, der kleinen, kleinen Stadt mit ihren hübschen und gemütlichen Straßen, den niedrigen Häusern und den Gärten mit den Blumenbeeten zu erzählen.
Um sie herum setzte sanftes Wispern ein. Es war kaum hörbar, klang beschwörend und machtvoll, zugleich aber auch kindlich und aufgeregt. Die Bücher, es waren die Bücher! Sie flüsterten wieder. Ja, sie flüsterten wieder. Erst dadurch fiel Bea auf, dass sie irgendwann vorher offenbar verstummt sein mussten.
Bis Feierabend blieben sie ungestört und schafften es, drei der kurzen Kapitel zu lesen. Als Ingo eintraf, um sie abzuholen, sprang Chaya wie eine aufgezogene Feder auf. Sie lachte, hüpfte, tanzte. Nicht wie Quirinus, nein, es war die fröhliche, kindliche Art, wie man es bei Grundschülern sieht, die zuvor etwas zu lange still bleiben mussten. Chaya warf singend ihren Kopf hin und her. Das diffuse Licht der Abenddämmerung zauberte dabei einen rötlichen Schimmer in ihre fliegenden Haare. Vielleicht waren die Haare auch tatsächlich leicht rot; Bea vermochte es nicht recht zu erkennen. „Darf ich mir das Buch bis morgen ausleihen?“, fragte Chaya, nahm es Bea aber schon aus der Hand, ohne die Antwort abzuwarten.



