Beatrice – Rückkehr ins Buchland

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„Klar“, sagte Bea perplex und fragte sich insgeheim, wer die Kleine ausgewechselt hatte. Wie ein Wirbelwind stürmte Chaya nach draußen, an Ingo vorbei, der ihr ebenso erstaunt wie Bea hinterherblickte.
Er steckte den Kopf zur Tür herein, ohne jedoch seinen Füßen zu gestatten, ins Antiquariat zu schreiten. „War das diese Chaya?“, fragte er.
„Ja.“
„Hast du mir nicht erzählt, dass sie sehr passiv und vielleicht ein bisschen gaga ist?“
Bea schnappte sich ihre Jacke und den Ladenschlüssel. „Von gaga war nie die Rede“, sagte sie und schloss beim Hinausgehen sorgsam die Ladentür hinter sich ab. „Sie ist etwas … merkwürdig.“
„Ja, so hast du mir sie gestern beschrieben. Merkwürdig.“ Ingo gab ihr herausfordernd einen leichten Klaps auf den Po. „Das heißt mit anderen Worten gaga.“
„Für gaga bist du der Spezialist.“
„Oh, dieses Kompliment gebe ich gerne an dich zurück. Wie war es heute auf der Arbeit?“ Ingo reichte Bea den Arm und sie hakte sich bei ihm unter.
„Nichts Besonderes“, antwortete sie, „nur dass ich eine kleine Lesesession für Chaya gemacht habe. Sie scheint die Geschichte regelrecht aufzufressen. Ich kenne nur einen, der mir so konzentriert zugehört hat.“
„Lass mich raten.“ Ingos Stimmung wurde eine Nuance schlechter. „Herr Plana?“
„Warum sagst du das so komisch?“
Ingo seufzte. „Keine Ahnung. Vielleicht, weil Plana dir immer noch auf eine Art und Weise nahe ist, die ich nicht …“
Bea wartete kurz, ob Ingo den Satz beenden würde. Er tat es nicht. Offenbar war es ihm unangenehm. „Bist du eifersüchtig auf den alten Mann?“
„Nein“, beeilte sich Ingo zu sagen, „wie könnte ich eifersüchtig auf einen Toten sein?“
„Ja“, sagte Bea nachdenklich, „das frage ich mich gerade auch.“
„Was hältst du davon“, fragte Ingo, um möglichst schnell das Thema zu wechseln, „wenn wir uns das Kuriosum mal gemeinsam anschauen? Ich bin neugierig, was das für ein Laden ist. Als ich eben daran vorbeigekommen bin, war der Laden noch offen. Diesem Quirinus möchte ich gerne mal auf den Zahn fühlen.“
Bea blickte nach vorn. Chaya war schon außer Sicht. Ob sie Quirinus mit einer Umarmung begrüßen würde, um ihm dann voller Enthusiasmus von Pippi Langstrumpfs Abenteuern zu berichten? Wie würde Quirinus darauf reagieren? Bea stellte fest, dass sie das wirklich brennend interessierte. Vor allem, weil sie sich eine entsprechende Szenerie so überhaupt nicht ausmalen konnte. „Quirinus auf den Zahn fühlen? Das ist eine gute Idee.“
„Ich habe nur gute Ideen!“ Ingo schnalzte mit der Zunge und ließ die Augenbrauen bedeutungsvoll wippen. Dann ging er im Stechschritt los und zog Bea neben sich her.
Das letzte Licht des Tages mogelte sich an den Streifen der Markise vorbei ins Schaufenster. Die Auslage hatte sich innerhalb eines Tages komplett gewandelt. Auf rotem Samt standen nun unzählige Telefone. Die meisten davon waren uralt, hatten Wählscheiben, Kurbeln oder sogar beides. Der Apparat aus dem Antiquariat hätte sich hier problemlos einreihen können. Auch ein scheinbar prähistorisches Handy, groß wie ein Koffer und mit einer langen, langen Antenne lag dort. Um dem Anblick etwas Abwechslung zu verleihen, waren im Hintergrund einige Computer, Lochstreifen-Apparaturen und Magnetband-Lesegeräte installiert. Ganz in der Mitte, auf einem mit Samt ausgelegten Podest, stand ein modernes E-Book-Lesegerät. Ein kleines Verkaufsschild wies es als iRead aus. Der angegebene Preis war exorbitant.
Vor dem Laden gab es ebenfalls eine Neuerung: Eine weiße Parkbank war vor dem Fensterbrett platziert worden. Darauf saß, in äußerst männlicher Pose, Quirinus. Mit gespreizten, weit ausgestreckten Beinen, nach links und rechts über die Rückenlehne gelegten Armen, schaute er Bea und Ingo durch eine schwarze Ray Ban Sonnenbrille entgegen. Breit grinsend rief er: „Wie herrlich, dass so kurz vor Ladenschluss noch so zwei liebreizende Kunden den Weg zu mir finden. Je später der Abend, umso schöner die Gäste! Da ist was Wahres dran. Ich sehe Ihnen an, lieber Ingo, dass Sie heute ein grandioses Geschäft bei mir tätigen werden. Treten Sie nur heran. Mein fachkundiges Personal wird Ihnen Dinge zeigen, von denen Sie gar nicht wussten, dass Sie sie brauchen.“ Auch wenn die Worte mit Quirinus’ Mund gesprochen wurden; sie klangen nicht, als wären sie seine eigenen. Aufgesetzt und gespielt kam es rüber, als ob ein Prolet die Sprache feiner Herrschaften verwenden wollte.
„Woher weiß er meinen Vornamen?“, fragte Ingo leise, doch bevor Bea auch nur mit den Schultern zucken konnte, öffnete sich die Tür und der Verkäufer eilte auf die Straße. „Ah!“, machte dieser, löste Ingo aus Beas Arm, um ihn dann eilends in den Laden zu führen. „Ich vermute, ich habe genau das Richtige für Sie.“ Das Manöver geschah so schnell, dass an Gegenwehr nicht mal im Ansatz zu denken war.
„Setzen Sie sich an meine grüne Seite, Frau Liber. Genießen wir die Sonne, solange sie für uns noch scheint.“ Quirinus reckte den Hals, damit das letzte Sonnenlicht des Tages die Gelegenheit bekam, möglichst viel von seiner Person zu erwischen. Da er nicht gewillt war, etwas zur Seite zu rutschen und auch die Arme auf der Rückenlehne beließ, platzierte sich Bea soweit es ging nach außen. Deshalb saß sie recht unbequem auf einer Pobacke und stützte sich mit einem Bein ab.
„Kommen Sie ruhig etwas näher. Ich beiße nicht“, sagte Quirinus. Widerwillig gehorchte Bea den Gesetzen der Höflichkeit. Doch da der Kuriositätenhändler immer noch keine Anstalten machte, seinen Komfortbereich zu verkleinern, hatte Bea nun seine Hand fast im eigenen Nacken, was ihr äußerst unangenehm war.
Nachdem sie ein Weilchen schweigend dagesessen hatten, nahm Quirinus endlich die Hand fort und deutete vergnügt auf die andere Seite der Straße. Dort lag eine leere, rote Getränkedose. „Gesehen?“, fragte er lakonisch.
„Ja.“
„Ein Kuriosum, so eine Dose.“ Quirinus nahm die Hand runter und legte sie auf seinen Bauch, den er beiläufig zu streicheln begann. „Es hat lange gebraucht, bis erkannt wurde, dass es nichts Dämlicheres als diese Art der Verpackung gibt. Aluminium ist ein Umweltsünder hoch drei. Der Abbau ist eine Vergewaltigung der Natur. Und obwohl man das Metall wunderbar wiederverwenden könnte, ist es viele, viele Jahre in der Müllverbrennung gelandet. Ein Kuriosum. Weißblech ist übrigens kaum besser.“
„Ich wusste gar nicht, dass es Cola in Dosen noch zu kaufen gibt“, warf Bea ein.
„Vom Markt sind sie nicht. Auch ich habe immer ein paar Paletten im Sortiment“, merkte Quirinus an. „Direkt neben den Einwegplastikflaschen.“
„Die sind doch nicht selten“, stellte Bea verblüfft fest.
Quirinus grunzte belustigt. „Aber sie sind ein Kuriosum. – Ein Kuriosum, wenn man den gleichen Maßstab wie bei der Dose ansetzt. Wussten Sie, dass die Einwegflasche die Glaspfandflasche fast vollständig aus den Läden verdrängt hat? So knapp kann das Erdöl dann wohl nicht sein. Plastik hier. Plastik da.“
Ein Teenager näherte sich der Dose. „Jetzt kommt der spaßige Teil des Tages“, kommentierte Quirinus. Er beugte sich interessiert vor. „Eine Dose auf dem Bürgersteig plus ein Halbstarker auf dem Weg nach Hause. Was glauben Sie, Frau Liber, wird passieren?“
Bea verstand, was Quirinus meinte. Bevor sie antworten konnte, holte der junge Mann mit dem rechten Bein weit aus, um der Dose einen kräftigen Tritt zu versetzen.
„Das wird guuuut“, freute sich Quirinus.
Als der Fuß die Dose traf, hätte es eigentlich ein lautes Scheppern geben sollen. Es machte allerdings nur stumpf „Klack“. Das Behältnis, offensichtlich gar nicht so leer und so leicht, wie es äußerlich den Anschein erweckte, kullerte knirschend knapp einen Meter weit. Der junge Mann brach mit schmerzverzerrtem Gesicht zusammen. Mit beiden Händen umklammerte er den Fuß und wälzte sich wie ein Mittelfeldspieler nach einem groben Foulspiel über den Boden.
„Blei“, erklärte Quirinus lakonisch. „Ich hatte noch etwas übrig. Hab gestern die Dose damit ausgegossen. … es gibt Geschichten, die folgen zwangsläufig unsichtbaren Regeln. Man kann sie prima ins reale Leben übertragen. Die Ich-trete-eine-Dose-Story ist der allerbeste Beweis. Ein herrliches Klischee, das durch meine winzige Abwandlung sogar eine Pointe bekommt.
Wir sollten hineingehen, bevor der Hauptdarsteller dieser kleinen Anekdote nachfragen kann, von wem die Dose stammt. Ich bin außerdem neugierig, ob Ihr Mann in meinem Fundus fündig geworden ist.“
Das Innere des Kuriositätenladens hatte sich auch geändert. Zwar waren die Wände, die sich um das Schaufenster bogen, noch immer voller Regale. Doch die Exponate waren komplett ausgetauscht worden. Da waren Spieluhren, Plastikroboter und Handys, Schneidebrettchen mit Brotmesser, Tablet-PCs und leere Konservendosen, die mit einer Schnur verbunden waren. Neben der Tür, die zum Bücherraum führte, stand nun eine englische Telefonzelle. Auf unterschiedlich hohen Podesten in der Mitte des Raumes hatte jemand verschiedenste Schreibutensilien platziert. Gänsefedern, Kugelschreiber, Füllfederhalter und Stempel in allen Größen.
„Na, mein Lieber“, sprach Quirinus Ingo gönnerhaft an, „haben Sie etwas in meinen Schätzen gefunden?“
Überrascht stellte Bea fest, dass ihr Mann tatsächlich einen kleinen Drahtkorb in der Hand hielt. Der Verkäufer legte gerade einen in Leder eingebunden E-Book-Reader hinein. Dabei strahlte er, als hätte er den Rockefellers einen Trabanten zum Preis eines Lamborghinis aufgeschwatzt. „Das ist doch jetzt nicht dein Ernst“, entfuhr es Bea.
Ingo lächelte verlegen. „Wenn man ihn zuklappt, sieht er aus wie eines deiner Bücher.“
„Wenn man ihn aufklappt“, sagte Bea mit aller ihr zur Verfügung stehenden Ironie, „kannst du sogar darin lesen.“
„Ja, aber es passen 3500 Titel drauf. Ist doch nett.“
„Wie viele Bücher hast du in diesem Jahr gelesen?“
„Äh. Vier.“ Ingos Blick huschte hilfesuchend zum Verkäufer. Der nickte ihm auffordernd zu. „Ich kann sogar die Schrifthöhe variieren.“
„Siehst du schlecht?“
Ingo suchte die Flucht im Angriff: „Was hast du bloß gegen E-Books?“
„Herr Plana hätte gesagt …“, begann Bea.
„Du bist nicht Herr Plana“, unterbrach Ingo. Es klang grober, als es gemeint war.
Eine besonders scharfe Antwort lag Bea bereits auf der Zunge, doch Quirinus, der sich offenbar gerade köstlich amüsierte, sagte: „Ah! E-Book-Lesegeräte. Die Cola-Dosen unserer Zeit. Hier sieht man Blech, Kunststoff, Aluminium, ein Sondermüll-Akku und etwas Silikon. Auf der anderen Seite zeigt sich ein Produkt aus nachwachsenden Rohstoffen, das biologisch abbaubar ist.“ Er drehte sich zu Bea: „Man soll sich dem Neuen nicht verschließen, sage ich immer.“ Jetzt wandte er sich Ingo zu. „Aber man darf es hoffentlich hinterfragen, ohne dass jemand böse wird.“
„Sie mögen auch keine E-Books?“, fragte Ingo irritiert.
„Doch! Doch!“ Quirinus legte einen Arm um Ingos Schulter und führte ihn in Richtung Kasse. „Ich bin der Inhaber eines Ladens voller Kuriositäten. Ich bestreite meinen Unterhalt mit so was.“ Ohne Punkt und Komma plapperte Quirinus einfach weiter, während er mit rascher Feder eine Quittung vorbereitete. „Sie haben eine gute Wahl getroffen! Egal, aus welchen Tiefen des Antiquariats Ihre Frau ein Buch hervorholt, Sie werden es sich schon vorher – vielleicht sogar kostenlos – aus dem Internet besorgen können. Irgendwann ist das Internet die wahre babylonische Bibliothek. Fitzek, Flemming oder Follett sind nur einen Klick entfernt. Ich kenne da ein paar Plattformen, auf denen Sie ganz umsonst … Ach, das kriegen Sie noch raus. Aber selbst wenn Sie Ihre Bücher kaufen möchten, sind Sie billiger dran. Buchhändler! Wer braucht die schon?“ Das alles klang nicht so, als würde er sich über Ingo lustig machen. Nein. Es hörte sich wie eine halbwegs sachliche Beschreibung der gegebenen Tatsachen an … wenn sie von einem fleißigen Versicherungsvertreter vorgetragen wurden. „Alles in allem – wenn Sie drei Jahre lang so richtig, richtig viel lesen – sieht die Umweltbilanz auch viel besser aus; besser als die beim althergebrachten Buch.“ Nun, zum Schluss seiner Ausführungen zwinkerte Quirinus Beatrice zu. Verschwörerisch. Hinterlistig. Teuflisch. „Im Allgemeinen habe ich natürlich nichts gegen Buchhändler.“
Blindbuch
Da Ingo ziemlich verschnupft auf Beas Reaktion reagiert hatte, sprachen sie den Rest des Abends nur noch das Allernötigste miteinander. Die Aufräumaktion im Keller wurde nicht mal in Erwägung gezogen. Ingo fläzte sich auf das Sofa im Wohnzimmer und probierte demonstrativ die diversen Funktionen des Lesegerätes aus. Immerhin gab es auch zahlreiche „Apps“, die über das reine Lesevergnügen hinausgingen. Das Wort „Kuriosum“ durchfuhr Beatrice. Nachdem Ingo sich über eine Stunde mit dem ergänzenden Computerprogramm für seinen PC und den dazugehörigen Updates beschäftigt hatte, widmete er sich eine weitere Stunde einigen Minispielen. Schließlich blieb er bei einem Enhanced E-Book hängen. Ob er es tatsächlich las, konnte Bea nicht feststellen. Der mitgelieferte Soundtrack quäkte allerdings blechern und lautstark aus einer kleinen Öffnung an der Unterseite des Geräts und passte sich seinem angeblichen Lesefortschritt an. Mal blieb die Musik leise und unauffällig, mal schwang sie sich zu epischen Höhen auf.
Da sie sich nicht wirklich gestritten hatten, bemühte sich Bea in keinster Weise um eine Versöhnung. Sollte ihr Mann noch ein bisschen im eigenen Saft schmoren und mit dem Teil glücklich werden. Ausgerechnet ein E-Book-Reader! Sie kam sich verraten vor. Und seine Aussage, dass sie nicht Herr Plana sei, machte sie tatsächlich wütend. Als ob sie es nicht wüsste. Sie war kein Auktoral. Das hatte sie auch nie von sich behauptet.
Andererseits … Plana war der Protagonist ihrer Geschichte. Durch diese Geschichte war das Buchland erst möglich geworden. Und das Buchland war nun real. Herr Plana war auch real gewesen. Seine Gedanken waren irgendwie aus ihrem Kopf gekommen und hatten seine Person erschaffen. Oder hatte sie alles falsch verstanden? Wieder stand sie auf dieser Treppe, die sich spiralförmig in den Himmel streckte und beim Beschreiten doch nicht nach oben führte.
Dem Tag war endgültig die Farbe vergangen. Das bläuliche Schwarz der Nacht kroch durch die Straßen. Ingo war auf dem Sofa eingeschlafen. Der Reader lag noch eingeschaltet in seiner erschlafften Hand.
Beatrice nahm das Gerät und suchte nach der kleinen Taste, die einen nach oben offenen Kreis mit einem senkrechten Strich zeigte. Sie fand stattdessen einen winzigen Hebel an der Seite. Darin eingraviert, so klein, dass es kaum lesbar war, standen die Worte: „Hiermit sollest du den Apparath ausschaltigen.“
Natürlich: Wenn man sich ein solches Gerät in einem Kuriosum zulegte, musste man mit Überraschungen dieser Art rechnen. Also tat Beatrice wie ihr geheißen und sortierte alsdann den Reader im Bücherbord zwischen den Werken von Bruce Sterling und H.G. Wells ein.
Aus dem Schlafzimmer holte sie Ingos Plumeau und deckte ihn damit vorsichtig zu. Ein zaghafter Kuss auf die Stirn (die er sofort angestrengt zusammenzog), ein leises „Ich liebe dich“. Danach ging sie zur Garderobe, zog sich eine Jacke über und machte sich auf, um ein paar Gedanken zu sortieren, denn an Schlaf war für sie gerade nicht zu denken.
Die Straße war menschenleer, das Schaufenster des Antiquariats dunkel wie ein Loch in der Zeit. Auch die anderen Läden waren unbeleuchtet. Warum ihre Füße sie gerade hierhin getragen hatten, wusste Beatrice nicht. Schon hatte sie den Schlüssel in der Hand, schloss auf und stand im nächsten Augenblick zwischen den geliebten Büchern.
Sie wisperten wieder!
Aufgeregt.
Fordernd.
Wissend.
„Was wollt ihr mir sagen?“ Beas Stimme war nur ein Hauchen. Sie wagte es nicht, laut zu sprechen, weil sie Angst hatte, ihre Freunde mit ihren Worten zu verschrecken. Die Antwort, die sie erhielt, war so vielstimmig, dass sie nichts verstand.
Was blieb, war das Gefühl, dass etwas Neues und Wichtiges sich ankündigte. Doch bevor sie nachfragen konnte, was genau das sein könnte, läutete hinter ihr die Ladentür. „Wir haben geschlossen“, sagte Bea mechanisch, noch ehe sie sich überhaupt darüber wundern konnte, dass um diese nachtschlafende Zeit jemand das Antiquariat betrat. Sie drehte sich um und sah …
„Chaya, was machst du denn hier?“
Da Beatrice das Licht nicht eingeschaltet hatte, blieben die Gesichtszüge des Mädchens im Halbdunkel verborgen. Dennoch hatte sich das Kind auf subtile Art verändert. Irgendwie wirkte sie nicht mehr so zerbrechlich. Der Kopf hatte sich den restlichen Proportionen des Körpers ein klein wenig angepasst. Er schien nicht mehr viel zu groß im Vergleich zum dünnen Hals. War das möglich? Oder spielte Beatrice’ Wahrnehmung ihr einen Streich?
„Ich wollte das Buch zurückbringen.“ Aus einer kleinen Umhängetasche zog sie Pippi Langstrumpf heraus. „Ich habe es leer gelesen.“
Leer gelesen? Beatrice hatte natürlich schon öfters diese Formulierung zu hören bekommen. Die Leute sagten so was. „Ausgelesen“, „zu Ende gelesen“ oder eben „leer gelesen“. Doch aus Chayas Mund klang es, als würde sie es nicht im übertragenen Sinne meinen. Als sie einen Schritt nach vorne tat und das hereinfallende Mondlicht ihre Wangen streichelte, sah Bea diesen Gesichtsausdruck, der ehrliches Bedauern und eine unausgesprochene Bitte um Entschuldigung widerspiegelte.
Bea nahm das Buch entgegen. Selbst für ein Kinderbuch lag Pippi ungewöhnlich leicht in der Hand. Es erinnerte an ein Stück Pappmaché in Form eines Buches, wie es in Möbelhäusern verwendet wurde, damit die ausgestellten Schränke nicht so leer aussahen.
Eigentlich hätte Bea fragen können, warum Chaya gerade mitten in der Nacht das Buch zurückbringen wollte oder woher sie wusste, dass Bea hier war. Stattdessen fragte sie: „Was hast du mit dem Buch gemacht?“
Denn als sie das Buch aufschlug und die Blätter zwischen ihren Fingern hindurchgleiten ließ, … rieselte zarter Papierstaub auf den Boden. Die Seiten waren grau und ungewöhnlich dünn. Sie erinnerten an ein Gebetsbuch. Die Schwärze der gedruckten Buchstaben zeigte haarfeine Risse. „Was hast du mit dem Buch gemacht?“ Beatrice wiederholte die Frage. Es gelang ihr kaum, den Blick von Pippi zu lösen.
Chaya war einen Schritt zurückgewichen. Eine Antwort war ihr jedoch nicht über die Lippen gekommen. Verstört und ängstlich schaute sie zu Beatrice auf. Aber sie sagte nichts.
Als Beatrice ungeschickterweise ihre Frage ein drittes Mal wiederholte, flog die Ladentür auf und Chaya verlor sich auf der Straße wie ein Schatten in der Dunkelheit.
„Hier geht’s nicht mit rechten Dingen zu“, flüsterte Bea verwundert und benutzte damit eine Floskel, die auf abertausenden Klappentexten ein Zuhause hatte. „Das hätte Herrn Plana irgendwie gefallen.“ Es hätte ihm sogar ein Schmunzeln ins Gesicht gezaubert.
Der brüchige Einband zerfaserte zusehends zwischen Beatrice Fingern. In wenigen Minuten würde das Buch wahrscheinlich endgültig aus dem Leim fallen. Nie hatte sie ein Buch als so leblos empfunden. Vielleicht war es Zeit für etwas Buchland-Zauber. Eine Nacht inmitten der Artgenossen würde der gedruckten Version von Pippi Langstrumpf bestimmt gut tun. Beatrice schob das Buch zurück an seinen ursprünglichen Platz im Regal und beschloss, herzhaft gähnend, diesen merkwürdigen Tag enden zu lassen. Morgen würde wieder alles beim Alten sein.
Beatrice stellte fest, dass nichts wieder beim Alten war. Während die ersten Kunden im Laden stöberten und die üppig beladenen Auslagen betrachteten, klebte Beas Blick immer wieder entgeistert an dem schwarzen Strich fest, der durch die Lücke in den ansonsten geschlossenen Reihen im Bücherregal entstanden war. Dort, wo sie gestern das Kinderbuch eingeschoben hatte, lag ein klägliches Häuflein Staub. Wie konnte das sein? Wie konnte ein Buch innerhalb so kurzer Zeit zerfallen? Das hatte Beatrice noch nie erlebt. Schon gar nicht hier im Antiquariat. Hier starben keine Bücher! Hier lebten sie auf. Egal, was es zu bedeuten hatte: Es konnte nichts Gutes sein. Aber wenn sie Antworten finden wollte, gab es nur einen Ort, an dem sie danach suchen konnte. Während der Zeiger langsam über das Zifferblatt ihrer Armbanduhr kroch, überkam sie mehr und mehr ein Gefühl der Unruhe. Die Angst, dass etwas ihre Bücher bedrohte, machte sich schmerzhaft spürbar in ihren Knochen breit. Da war noch immer das Wispern um sie herum. Doch entgegen aller Erfahrungen, die sie bislang zwischen den Büchern gemacht hatte, klang es nun kläglich, geradezu krank.
Kurz vor Mittag entschied sie kurzerhand, den Laden zu schließen. Wenn in ihrem Antiquariat Bücher verschwanden, duldete es keinen Aufschub. Dass sie einer ihrer besten Kundinnen, Frau Richter, dabei die Tür quasi vor der Nase zusperrte, nahm sie in Kauf.
Sie eilte zum Maschinentelegraphen, ließ den Hebel an der richtigen Stelle einrasten und riss die Tür zur Kellertreppe auf. Sie war schon die ersten Stufen hinuntergerannt, bis sie abrupt stehen blieb.
„Was zum …“
Die in Stein geschlagenen Stufen wanden sich wie ehedem hinab. Die Finsternis wurde von den Glühbirnen in die Fugen zwischen den Steinen verbannt, doch ihr Licht wurde feucht glitzernd zurückgeworfen. Von der halbrunden Decke hingen kleine, schleimig grüne Stalaktiten herab. In der Luft schwebte ein unangenehmer Geruch, der an faulende Eier erinnerte.
„Es wäre schön, wenn ich jetzt meinen Herrn Plana an meiner Seite hätte“, flüsterte Bea in die Kälte, die ihren Atem in weiße Dunstschwaden verwandelte. „Ein Auktoral wüsste, was das zu bedeuten hat.“
Weitaus langsamer setzte sie ihren Weg hinunter fort. Dabei musste sie aufpassen, dass sie nicht ausglitt, denn mit jedem Schritt wurden die Stufen glitschiger. Moos, Schimmel und Schwamm hatten sich ausgebreitet, machten den Abstieg zu einem gefährlichen Unterfangen.
Unten angekommen nahm sie sich die Taschenlampe. Die Beleuchtung reichte zwar bis in die Abteilung mit den aktuellen Kinderbüchern, aber ihr Instinkt sagte ihr, dass etwas zusätzliches Licht nicht schaden konnte. Die Regale mit den Grüffelos und Elfen waren nicht weit entfernt und im Vergleich zu den restlichen Themengebieten relativ überschaubar. In einer Viertelstunde konnte sie da sein, sich ein neues Exemplar von Pippi nehmen und schleunigst wieder …
Entsetzt hinderte sie sich daran, den Gedanken zu Ende zu spinnen. Sie liebte das Buchland! Es war doch kein Ort, von dem sie fliehen wollte. Beatrice hob die Schultern, reckte das Kinn vor und wagte endlich, ihren Weg mutig fortzusetzen. Immerhin war hier unten alles in Ordnung. Was auch immer da im Treppenabgang passierte: Es passierte nur dort.
Alles in Ordnung!
Irgendwo knackte es.
Etwas Anderes trippelte über den steinernen Boden.
Kicherte da etwas? Oder jemand?
Bea drehte sich langsam um. Der Gang hinter ihr war genauso leer wie der Gang voraus. „Buh!“ Nein, das hatte niemand gesagt. Es lag nur unausgesprochen in der Luft.
Beatrice schluckte trocken. Der Kloß im Hals blieb davon unbeeindruckt. Er ließ ein zaghaftes „Hallo?“ der Kehle entweichen. Ein Echo, das unnatürlich laut zurückhallte, kam einer Antwort gleich. „Hallo!“
„Ist da jemand?“
Das Echo zerhackte ihren Satz. Aus allen Richtungen drangen ihre Worte zu ihr zurück. „Ist da jemand … da jemand … jemand … ist … da … jemand … da ist jemand.“
Herr Plana, dachte Bea, hätte jetzt gesagt: „Das Echo, welches Bücher erzeugen, ist nicht akustischer Natur.“ Nein, hier unten konnte es nicht so einen Widerhall geben. Sie hielt sich doch nicht in einer Schlucht aus Kalk und Granit auf. Hier gab es nur Holz und Papier.
Das Licht über ihr flackerte. Noch bevor sie nach oben blicken konnte, machte es über ihr leise „patsch“. Dann rieselten kleine Glasscherben herunter. Schützend hob sie die Arme über ihren Kopf, spürte, wie warme Splitter von ihr abprallten und mit leisem Klirren auf dem Boden aufschlugen. „Patsch, patsch, patsch.“ Überall um sie herum wiederholte sich das Geschehen und ließ sie schließlich in absoluter Finsternis zurück.
Vorsichtig ließ Beatrice die Arme sinken, schüttelte sich, um das Glas vom Körper zu bekommen. Ein paar kleine Schnitte brannten in der Haut, doch alles in allem war sie wohl unverletzt. Sie erlaubte sich, wieder zu atmen, und rang die aufkommende Panik nieder. Das Zittern ihrer Finger bekam sie auch in den Griff. Sie schaffte es, die Taschenlampe einzuschalten.



