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„Ja sicher, aber die Familie bleibt zum Glück jetzt davon verschont. Es betrifft nur noch die lieben Besucher.“ Lachend ließ der Junge sie allein, und Alina sah ihm fragend nach. Raven verspürte keine große Lust sich von einer Horde kichernder, alberner Mädchen waschen und danach ankleiden zu lassen. Außerdem, was wäre in dieser Zeit mit seiner kleinen Fee. Im Zimmer konnte sie nicht bleiben, sie hatte ihn noch nie ohne seine derbe Kleidung gesehen. Er konnte sich schönere Anlässe vorstellen, sich ihr zu offenbaren als von dummen, sich zuzwinkernden Mädchen umringt.
Doch, als der Augenblick gekommen war, musste er zugeben, das der Dragon an alles gedacht hatte. Es klopfte leise an ihrer Tür und als Raven sie hereinrief, betrat eine Gruppe älterer Frauen still ihre Gemächer. Sie wurden von seiner Tante Sonja angeführt, deren Blick, als sie den Raum betrat, sofort auf Alina fiel. Sie ging jedoch zuerst zu Raven und umarmte diesen herzlich.
„Raven, wie schön, dass du seid so langer Zeit mal wieder den Weg zu uns gefunden hast, sei Willkommen auf Avalla.“ Glücklich betrachtete sie ihn. „Du bist sehr stattlich geworden, junger Mann, aber nicht zu stattlich um deiner alten Tante nicht noch einen Kuss zu geben,“ lachte sie und ließ sich von Raven zart auf die Wange küssen.
„Sonja, ich freue mich auch, mal wieder einige Zeit hier verbringen zu dürfen,“ erwiderte er erfreut und führte sie danach zu Alina.
„Mein Gemahl erwähnte ihre Schönheit, aber das hätte ich nicht erwartet.“ Sonja blickte entzückt auf Alina herunter. Auch Sonja war groß und ihre Haltung entsprach der einer Schlossherrin. Ihre Haltung war stolz und erhaben, ihr Gesicht trotz ihres Alters noch schön, und ihre Züge klar. Nur ihre wilde, rote Mähne und die verschmitzt funkelnden, blauen Augen standen da im Wiederspruch zu ihrer Haltung. Diese ließen einen starken Willen, und ein ebensolches Temperament erwarten.
„Lieber Neffe, bitte verzeih mir, dass ich bei eurer Ankunft im Hof nicht zugegen war, aber meine jüngste, Sassa, liegt im Fieber und wir erwarteten ja keinen so lieben Besuch.“ Sie ergriff wieder kurz seine Hände um sie zu drücken. Dann sah sie wieder zu Alina.
„Na, Schatz, möchtest du heut Abend nicht besonders schön für den da sein?“ Sie zwinkerte Raven vergnügt zu, und während die anderen Frauen mit ihrer Arbeit begannen, einen Bettler in einen Fürsten zu verwandeln, führte die große, rothaarige Sonja Alina ruhig aus dem Raum. Diese blickte sich mehrmals ängstlich zu Raven um, und verstand nicht, was hier mit ihr geschehen sollte.
„Hab keine Angst, mein Kind, wir werden dich so schönmachen, das dir nachher alle Männer in der Halle zu Füßen liegen werden.“ Alina dachte kurz und mit einem schaudern an Karaks Worte, doch als Sonja sie entkleidete, sie ordentlich wusch, ihr das Unterkleid überstreifte und ihr anschließend das lange Haar aufsteckte, begann es ihr langsam doch zu gefallen.
„Mein Gemahl tat gut daran, mich zu bitten eines der Kinderkleider zu nehmen.“ Sie zog Alina schließlich das kleine, helle Kleid über den Kopf, verschnürte es danach sorgfältig an deren Rücken und drehte sie dann langsam zu sich herum.
„Du bist wunderschön,“ sagte die Ältere ergriffen, „wie eine kleine Elfenprinzessin. Möchtest du dich jetzt betrachten?“ Alina nickte schüchtern und Sonja führte sie zum hohen Spiegel des Ankleidezimmers. Verblüfft sah Alina in ihn hinein. Das Bild von ihr war so klar und deutlich, ganz anders als die Bilder von ihr im See, die sie sonst nur kannte. Ihr Haar war jetzt kunstvoll Aufgesteckt und nur eine dicke Strähne fiel ihr in sanftem Schwung auf den Rücken herab. Auf ihrer Stirn lag ein kleiner, blauglänzender Stein, der über eine dünne Kette mit ihrer Frisur verbunden war. Um den Hals und an jedem Handgelenk trug sie jeweils noch einen. Doch am meisten beeindruckte sie das Kleid, das sie nun trug. Es hatte die gleiche Farbe wie ihre Augen, irgendwie zwischen blau und grün, doch seine Farbe war blasser. Seine weißen Säume waren breit und aus kunstvoll gearbeiteter Spitze. Es war zudem überall mit diesen glitzernden Steinen besetzt, doch diese waren sehr viel kleiner als der auf ihrer Stirn. Alina betrachtete sich hingebungsvoll, und nur ganz leicht berührte sie ihr Spiegelbild, als würde es sich unter ihrer Berührung wie flüchtig auflösen. Sie konnte es kaum fassen, was die große Sonja aus ihr gemacht hatte.
„Oh,“ meinte diese noch, „ich habe noch etwas vergessen.“ Sie verschwand kurz im Nebenzimmer, tauchte aber bald wieder auf und hielt noch etwas in den Händen.
„Das sind Schuhe, sieh, man zieht sie über die Füße, Augenblick, ich helfe dir,“ sie zog Alina die kunstvoll gearbeiteten Schuhe an, „so, jetzt bist du fertig.“ Sie sah Alina liebevoll lächelnd an.
„Nun geh zur großen Halle und verdrehe allen meinen Söhnen die Köpfe.“ Alina nickte nur scheu und verließ still das Zimmer. Sie fand den Weg zur Halle allein, hatte aber ihre liebe Not mit den Schuhen, diese drückten sie und taten ihr schnell weh. Als sie sich einen Moment im Flur alleine wähnte, zog sie diese schnell aus und stellte sie in eine kleine Nische in der Wand, um sie später wieder holen zu kommen. Barfuss und ihr schönes Kleid vorn hochhaltend, wie Sonja es ihr gezeigt hatte, setzte sie rasch ihren Weg fort.
Als Raven die große Halle betrat, konnte er seine kleine Fee noch nirgends entdecken. Der große Raum war festlich mit Tüchern und Wandteppichen geschmückt und fast alle Familienmitglieder konnte er schon entdecken. Unter diesen auch Karak, wie er jetzt und erleichtert feststellte. Der Dragon winkte ihn zur langen Tafel, an der die meisten bereits saßen und ungeduldig auf den Beginn der Essen warteten.
„Komm, mein Sohn,“ meinte der Dragon grinsend, „setz dich zu mir. Deine Kleine ist noch nicht hier. Wahrscheinlich putzt meine gute Sonja sie heraus wie einen dieser kleinen, bunten Vögel deines Reiches. Nun, wir wissen ja, wie die Frauen sind.“ Raven sah den Älteren nun ebenfalls grinsend an und konnte es nicht bestreiten.
„Nach unserem gemeinsamen Mahl werden wir alle zum Jagdsaal gehen, um dort am Kamin deine Geschichten zu hören. Also, überlege schon mal gründlich, was du uns zum Besten geben wirst.“
Da betrat Alina leise und, wie sie gehofft hatte, möglichst unauffällig die große, hellerleuchtete Halle. Doch alle Gesichter wandten sich zu ihr um und die Blicke der Anwesenden blieben auf ihr haften. Ein leises Raunen ging durch die Anwesenden. Ihre Schönheit war an diesem Abend so blendend, so rein und strahlend, das alle Geflügelten, die hier beisammensaßen, sich immer an sie und diesen Abend erinnern würden. Raven blieb von ihrem Anblick wie verzaubert sitzen, während der Dragon sich lächelnd erhob und ihr ruhig entgegenging.
„Bei den alten Göttern, Sonja, du hast dich selbst übertroffen,“ raunte er. Als er sie erreichte, bot er ihr seinen Arm, den sie dankbar ergriff und führte sie durch die zurückweichende Menge.
„Komm, mein Kind, du musst hungrig sein und mein Neffe ist schon ganz verrückt vor Sehnsucht nach dir.“ Mit seinen Worten zauberte er ihr ein süßes Lächeln ins Gesicht und er dachte bei sich,
wenn die Götter mich über Nacht nur verjüngen könnten, Raven hätte eine ernsthafte Konkurrenz um ihre Gunst. Doch dann sah er den Blick, mit dem sie seinen Neffen ansah und begriff, dass sie wegen keinem Mann seines Volkes, egal ob jung oder alt, ihre Entscheidung überdenken würde.
Sie gehörten zueinander, egal, was die alten Legenden sagten.
Er brachte sie zur Tafel, übergab sie an Raven, nicht ohne dem leise zu bekunden, dass dieser mit offenem Mund einem gähnenden Schaf glich. Dann klatsche er laut in deine mächtigen Hände und rief dann, breit grinsend, dass jene, die jetzt noch nicht an der Tafel weilten wohl hungrig ins Bett müssten. Daraufhin begann das üppige Festmahl und die Speisen wurden der Reihe nach Aufgetragen. Alina war etwas verwirrt wegen der Vielfalt und dem ganzen Silberzeug, Essgeschirr, wie Raven ihr leise sagte. Das meiste kannte sie nicht und sie schaute während des ganzen Essens immer wieder zu Raven und tat es ihm gleich. Das Mahl dauerte lang und war sehr umfangreich. Angefangen von Fasan, über Schwein bis zum Rind, sowie viel Obst und Gemüse, eben alles, was der Stall und der frühe Garten jetzt schon hergaben. Männer wie Frauen unterhielten sich vergnügt und es wurde viel gelacht und gescherzt. Doch auch das längste Essen nimmt irgendwann ein Ende und so begab es sich, dass sich die Gesellschaft anschließend geschlossen und gesättigt ins Jagdzimmer begab.
Das Jagdzimmer war ein ebenfalls großer Raum, aber durch die ganzen Felle, welche die Wände und den Boden schmückten, sehr gemütlich und von dem Feuer im Kamin sanft erhellt. Im Feuerschein glänzten Waffen an den Wänden, und viele Gemälde, meist Darstellungen von Löwen, Wölfen oder Bären zierten diese zusätzlich. Alina fühlte sich hier, nach dem ganzen Trubel der vergangenen Stunden, wirklich wohl. Auf den dicken Fellen am Boden sitzend, wollten sie jetzt alle Ravens Geschichten lauschen. Dieser setzte sich nah ans Feuer, und Alina auf seinem Schoß haltend begann er langsam und ruhig zu erzählen. Angefangen damit, warum er sein Reich einst verlassen hatte um zu suchen was er lange nicht fand. Er sprach sehr leise, so das hier jetzt Stille herrschte, aber auch sehr ausführlich von den Dingen im Norden. Von den Menschen, die er dort überall vorfand. Von Veränderung, von Einsamkeit und Verfolgung und von der Ausrottung ganzer Volksstämme. Er berichtete von Plünderungen ganzer Dörfer und den Feuern, in denen die Menschen die Bewohner verbrannten, derer sie habhaft wurden. Er sprach auch von Alina und wie er sie fand. Es herrschte eine tiefe Stille im diffusen Licht des Saales, und alle lauschten seiner ruhigen, traurigen Stimme. Doch als er zu der Stelle seiner Geschichte kam, an der er und Alina auf die alte Burgruine und deren Inhalt gestoßen waren, ging ein entsetztes Raunen durch den Saal. Er schilderte ihr Erleben danach in allen Einzelheiten und wenig später herrschte bedrückende Stille im Raum. Der Dragon sah Raven ernst an und fragte diesen ruhig,
„Und du bist dir sicher, dass über dem Kamin zwei steinerne Figuren saßen die Männer unseres Volkes darstellten?“ Alina antwortete statt Raven mit einem nicken.
„Warum fragst du?“ Wollte Raven von ihm wissen.
„Nun,“ erwiderte der, „es gibt da eine alte Legende, nach der die Aufstände dort, in Ranguhl begonnen haben sollen. Es heißt in ihr, dass die Menschen sich erhoben, jedes Leben dort töteten und danach den schlimmsten aller Flüche über sie verhängten. Sie sollten tot, aber deren Seelen dennoch gefangene ihrer Körper bleiben. So sollten sie, ewig auf Erlösung hoffend, dort unberührt bis zum Ende der Welt ausharren.“ Der Dragon räusperte sich und schluckte die Trauer herunter.
„Es wurden auch die beiden Statuen erwähnt. Laut der Legende stellen sie die Wächter der Toten dar. Und erst, wenn sie fallen, finden auch die Seelen der Gemeuchelten ihren Frieden,“ der Dragon seufzte tief. „Nun, es mag auch nicht immer alles stimmen, aber es ist gut zu wissen, dass ihre verlorenen Seelen jetzt, nach so langer Zeit, von euch befreit wurden.“
Raven sah die Trauer in den Augen des Älteren und begann, den Rest seines Berichtes zu erzählen.
Nachdem er geendet hatte, senkte sich wieder tiefes Schweigen über die Anwesenden, von denen sich nach und nach einige erhoben und langsam die Halle verließen. Alina verstand die plötzliche Trauer nicht und dachte, sie sollten sich doch Freuen, der Befreiung der Seelen wegen. Doch, auch Raven hielt sie nur ruhig in seinen Armen und sah den Anderen mitfühlend nach. Alina wusste nicht um die Menschen, und wie weit diese jetzt schon vorgerückt waren. Wie eng der Platz jetzt für die alten Völker unter den Kreuzen wurde, und wenn nichts dagegen geschah, diese entgültig von der Welt verschwinden würden. Der Dragon erhob sich jetzt ebenfalls und trat auf beide zu.
„Kommt mit, ich möchte euch jetzt etwas zeigen.“
Er nahm eine der Fackeln von der Wand, führte sie aus dem Raum durch dunkle Gänge und eine gewundene, steile Treppe hinauf. In einem engen Korridor blieb er vor einer kleinen Tür stehen.
„Ich komme nicht mehr oft hier herauf, war wohl das letzte Mal vor Jahren hier, aber als ich dich sah, kleines Mädchen, fiel es mir sofort wieder ein. Ich möchte, das du es dir ansiehst.“
Damit schloss er die Tür auf und trat gebückt ein. Nachdem ein kleines Feuer im Kamin brannte sahen sich beide neugierig in der engen Kammer um. Sie stand voller alter Möbel, alter Gemälde, kaputtem Spielzeug, alten Kleidern und ähnlichem. Eben all den Sachen, die man irgendwann als überflüssig befunden und hier heraufgebracht hatte. Der Dragon ging zu einer der hinteren Ecken und zog einen großen, mit einem alten Tuch verhüllten Gegenstand hervor. Allem Anschein nach handelte es sich dabei um ein großes Bild.
„Komm, mein Kind, setz dich ans Feuer,“ bat er sie, und als sie saß stellte er es vor ihr nieder.
„Raven, ich sagte dir ich hätte diese Augen schon einmal gesehen. Ich war damals noch ein Knabe und spielte allein am Wald oben auf den Klippen, als eines dieser Wesen aus ihm hervortrat. Ich sah sie nur kurz, denn sie sind auch uns gegenüber sehr scheu. Dieses Bild ist aus meiner Erinnerung entstanden und ich sah nie wieder ein Wesen wie sie. Doch du, mein Kind, du hast ihre Augen.“ Danach zog er langsam das schmutzige Tuch fort.
Alina sah neugierig auf das langsam enthüllte Bild und blickte schließlich erstaunt in das schöne Anglitz ihrer Mutter. Der Dragon besah sich sehr genau ihre Reaktion und bemerkte bei ihr einen Ausdruck des Erkennens und des Schmerzes. Ja, sie kannte solche Wesen. War vielleicht sogar unter ihnen Aufgewachsen. Doch wie nahe er mit seiner Vermutung der Wahrheit kam, sollte er jetzt noch nicht erfahren. Auch Raven betrachtete das ungewöhnlich schöne Bild, doch auch ihm entging Alinas Blick nicht.
Das Bild war sehr gelungen und ausdrucksstark. Es zeigte ihnen den Waldrand mit der Wiese davor, so wie der Knabe sie einst sah. Auf der Wiese stand eine vom Sonnenschein umspielte, prachtvolle, leuchtend weiße Stute, auf deren Stirn ein kurzes, goldenes Horn prangte. Ihre lange, weiße Mähne wehte in einer ewigen Briese und ihre sonderbar blaugrün gefärbten Augen blickten ihnen voller Stolz und Erhabenheit aus dem Bild entgegen. Jetzt erst bemerkte Alina ihren Irrtum, dies war nicht ihre Mutter, aber zweifellos eine Schwester aus deren Volk. Mit Tränen in den Augen berührte sie ganz zart den gemalten Kopf des Einhorns und fragte sich wieder, warum Mutter sie verlassen hatte. Sie konnte ihre Tränen nicht mehr zurückhalten und schluchzte lautlos auf. Sofort war Raven bei ihr und schloss sie fest in die Arme.
„Warum tust du das, Dragon, warum quälst du sie so?“ Raven sah aufgebracht zum Älteren auf, doch dieser ignorierte ihn und wandte sich stattdessen an Alina.
„Es gibt eine alte Legende in der von einem Kind erzählt wird, einem kleinen, weißen Mädchen, das unter den Gehörnten aufwächst und später zur Führerin der Völker wird. Bist du dieses Kind?“ Er beugte sich zu beiden nieder, hob ihr Gesicht und sah ihr dann tief in die leuchtenden Augen, „ich muss es wissen, bist du dieses Mädchen?“ Sie sah wütend und mit tränennassem Gesicht zu ihm auf. Erst Mutter, dann der alte Drache und jetzt auch noch der Dragon. Alle erzählten ihr immer das gleiche, ob sie es hören wollte oder nicht. Warum sie? Sie verstand es nicht und auch wenn ihr Herz ihr sagte, das es alles stimmte, auch wenn sie tief in sich fühlte, dass sie alle recht hatten, gefiel es ihr nicht. Sie riss sich heftig von Raven los und stürzte aus der Kammer.
Sie floh durch die dunklen Gänge, fort von den Legenden, fort von ihrer Aufgabe, dem Versprechen, das sie ihrer Mutter einst gab, fort von alle dem. Verzweifelt fragte sie sich warum, warum sie, warum konnte sie nicht leben wie alle anderen auch, in Frieden und Glück? Wer hatte sie zur Führerin der Völker erkoren und immer wieder warum, warum. Sie liebte Raven, das wusste sie jetzt ganz tief in ihrem Herzen, doch durfte sie jemals mit ihm in Frieden leben, durfte sie jemals
mit ihm Glücklich sein? Sie bezweifelte dies und rannte weinend weiter durch die dunklen Flure. Schließlich erreichte sie atemlos ihre gemeinsamen Räume, durchquerte sie erschöpft und ließ sich müde und immer noch schluchzend auf das große Bett fallen. Raven traf kurze Zeit nach ihr ein und legte sich gleich ruhig zu ihr.
„Ist es wahr?“ Sie sah zu ihm auf und es lag soviel Qual, soviel Verzweiflung in ihrem Blick, das er spürte, irgendwie einfach wusste, das es stimmte. Seufzend zog er sie an sich, und sie barg ihren kleinen Kopf an seine Brust und weinte still weiter.
„Gut, du bist also die Führerin, du bist das Kind der alten Völker, das Kind des Lichtes. Aber welche Legende, welcher Zauber, welche Aufgabe soll uns je trennen können? Nichts und niemand wird uns daran hindern können, zusammen zu bleiben.“ Er streichelte ihr langsam und versonnen über das lange, weiche Haar.
„Du wirst mich zu meinem Reich begleiten und alle, die dir folgen, werden dort auch mit Freude aufgenommen. Dort wird für alle ein Platz zum Leben sein.“ Sie sah ihn nicht mehr ganz so verzweifelt an, doch immer noch glitzerten Tränen in ihren Augen.
„Ein Platz ohne Menschen.“
Neue Feinde
Sonja war am nächsten Morgen sehr beunruhigt und nach dem gemeinsamen Frühstück in der großen Halle trat sie zu Alina und schaute diese besorgt an.
„Der Dragon hat mir alles, was gestern abend geschehen ist, erzählt und ich habe ihn verflucht dafür,“ sie nahm Alina in ihre Arme, „es tut mir leid das du darüber so außer dir warst. Männer sind Trampel und besitzen die Mäuler von Rindern, entweder sie mahlen mit dem Gebiss oder sie brüllen nur dumm rum.“ Sie hielt Alina etwas von sich ab und lächelte jetzt.
„Komm, mein Schatz, du brauchst neue Kleidung,“ sagte sie wieder verschmitzt, „ich habe zwar fast nur Söhne, aber wir werden schon etwas Passendes für dich finden.“
Alina freute sich ehrlich und folgte Sonja gern durch das große, helle Schloss. Bei den privaten Gemächern blieb Sonja stehen und meinte nur kurz,
„Warte hier einen Augenblick auf mich, ich möchte noch einmal zu Sassa schauen.“ Damit betrat die große Frau einen der Räume und Alina schlich nach einiger Zeit leise näher und spähte durch die halb geöffnete Tür neugierig ins Innere des Raumes. Dieser Raum war zweifellos ein Kinderzimmer, liebevoll und hübsch Eingerichtet und dennoch spürte Alina, dass hier jetzt Dunkelheit herrschte. Langsam und still betrat sie das Zimmer und schaute sich zögernd um. Im angrenzendem Raum, dem Schlafzimmer der Kleinen, vernahm sie leise Stimmen und sie ging langsam näher.
„Samara, wie geht es ihr?“ Hörte sie Sonja grade sagen.
„Nicht besser, Mutter, ich fürchte das Fieber wird bis zum Abend noch höher,“ antwortete eine junge, sanfte Stimme und Alina betrat zögernd den sonst stillen Raum. Beide Frauen blickten sich zu ihr um, und wenn Alina jetzt nicht wüsste, dass diese Mutter und Tochter waren, würde sie beide für Schwestern halten, sosehr ähnelten sie sich. Doch strahlte Samara noch die Wildheit der Jugend aus, während ihre Mutter mehr in sich ruhte.
„Samara, das ist die Gefährtin von Raven,“ meinte Sonja ruhig, „und dies ist Samara, meine älteste Tochter.“ Beide nickten sich nur kurz zu.
„Wir waren gestern in der Halle nicht anwesend, weil Sassa, meine Kleinste, im Fieber liegt und wir bei ihr gewacht haben. Mögen die Götter diesen Fluch von ihr nehmen.“ Sonjas Blick wandte sich wieder traurig ihrer kleinen Tochter zu, die unter Fellen begraben in dem viel zu großen Bett lag. Alina ging langsam näher und betrachtete das kleine Wesen unter den Decken. Sie war nicht älter als drei Sommer. Ihre kurzen, blonden Locken klebten an ihrer feuchten Stirn und ihre kleinen, pummeligen Wangen glühten im Fieber. Die Augen wie im ewigen Schlaf geschlossen, ließ nur das sanfte heben und senken der Decke erkennen, dass dieses Kind noch lebte.
„Unsere Heilerin hat alles versucht ihr zu helfen, und wir haben die Hoffnung auch noch nicht aufgegeben, aber es steht langsam immer schlechter um sie.“ Sonja wischte sich mit einer knappen Bewegung eine Träne von ihrer Wange und Alina legte mitfühlend einen Arm um deren Schulter.
„Sassa ist unser aller Sonnenschein,“ Samara begann leise zu schluchzen, „wir alle lieben sie von Herzen, was soll nur werden, wenn sie uns verlässt.......“
Alina taten diese großen, stolzen Frauen in ihrer Machtlosigkeit dem Tod gegenüber unendlich Leid. Und sie bedauerte auch das kleine Töchterchen, das grade am Leben, dieses schon wieder verlassen sollte. Doch, Moment, Alina hielt inne und überlegte. Hatte ihre Mutter ihr nicht gezeigt, was nötig wurde, wenn sie die ersten Anzeichen des Fiebers bei sich selbst spüren sollte. Ja, und auch die passenden Kräuter hatte Mutter ihr früher mal gezeigt.
Alina ging zum Waschzuber hinüber, nahm einige der dort liegenden Tücher und tauchte diese ins kalte Wasser um sie danach kräftig auszuwringen und zum Bett zu tragen. Die beiden großen Frauen schauten ihr dabei ungläubig zu, machten aber bereitwillig Platz. Dieses Kind schien zu wissen, was es hier tat. Alina schlug die schweren Decken über dem kleinen Körper zurück und spürte erst jetzt die große Hitze, die von ihm ausging. Es blieb nicht mehr sehr viel Zeit, das wusste sie jetzt. Samara wollte protestieren, aber ihre Mutter hielt sie zurück.
„Lass sie, mein Kind, vielleicht kann sie ihr jetzt noch helfen.“ Und beide Frauen schauten verwundert zu, als Alina die kleinen, pummeligen Beine des Mädchens, eines nach dem anderen in die feuchten, kalten Tücher einschlug. Die dicken Decken warf sie kurzerhand neben das Bett und Sonja verstand auch ohne Worte, was dies bedeuten sollte. Alina bemerkte neben dem Bett eine Schale mit einer trüben Flüssigkeit, hob diese hoch, schnupperte kurz daran um den Inhalt dann angeekelt wegzuschütten. Auch diese Botschaft war für Sonja mehr als nur deutlich. Als Alina sie dann fragend anblickte und ihr die jetzt leere Schüssel hinhielt, glaubte sie auch das zu verstehen.
„Alles was du brauchst, findest du hinter der Küche in der kleinen Kräuter-Kammer,“ sagte Sonja nicht ohne Hoffnung in ihrer Stimme, „wir werden hier auf die warten, bitte, beeile dich.“
Und Alina beeilte sich, lief schnell und ohne zögern zu Kammer, und begann dort die Inhalte der Säcke, Tiegel und Töpfe zu untersuchen, bis sie schließlich fand, wonach sie suchte. Sie ging wieder in die Küche und begann unter den scharfen Augen der dort anwesenden älteren Frauen, rasch einen Sud gegen das Fieber zu kochen.
Später betrat sie wieder das Zimmer des kranken Kindes und wurde von Sonja und Samara schon erwartet. Doch diese waren nicht mehr allein, der Dragon, Raven und einige andere waren bei ihnen und blickten Alina erstaunt entgegen. Alina hielt einen Krug in ihrer Hand und reichte diesen jetzt an Sonja weiter, nahm die kleine Schüssel und füllte eine bestimmte Menge des Sudes dorthinein. Sonja bemaß die Menge sehr genau mit ihren Augen und blickte Alina danach fest an.
„Wie oft?“ Fragte sie diese nur und Alina hob eine Faust und zeigte mit der anderen Hand drei zarte Finger.
„Einmal am Tag drei Schalen, richtig?“ Fragte Sonja nur um sicher zu gehen und Alina nickte ihr lächelnd zu.
„Und die Tücher? Wechseln, wenn sie wieder warm sind?“ Und wieder nickte Alina, und freute sich sehr darüber, dass Sonja sie verstand. Dass diese große Frau einen solch scharfen Verstand besaß und ihr hierbei gänzlich traute.
„Gut, ich vertraue dir,“ sagte Sonja freundlich, „du bist vom anderen Volk und warum sollte nicht ihr Wissen in dir schlummern. Ich danke dir sehr.“ Und noch einmal umarmte sie Alina und drückte ihr einen festen Kuss auf die Stirn. Wenig später ließen Raven und sie die Familie allein. Obwohl Alina sich vorher noch davon überzeugte, das es Sassa schon ein wenig besser ging, sie nicht mehr ganz so glühend heiß war. Als sie später ihre Gemächer erreichten, lag vor der Tür ein kleiner Berg aus Kleidung, und als sie diesen Aufhoben und rein trugen, kamen Alina erst die Tränen.
Die Tage flossen dahin und langsam wurde es merklich immer wärmer.
Das Meer beruhigte sich von den Frühjahrsstürmen und alles um Avalla herum blühte jetzt langsam wieder auf. Die Tage der Stürme waren für alle immer sehr hart. Es gab zu dieser Zeit immer viel Streit und Zwietracht unter den Bewohnern und Raven und Alina verbrachten daher viel Zeit allein. Sie zogen fast täglich aus und erkundeten gemeinsam die Gegend rund um das Schloss. Dank ihrer neuen Kleidung fühlte Alina sich deutlich wohler und auch Raven spürte das zunehmend, wurde sie doch manchmal recht ausgelassen und tobte und alberte mit ihm in den Dünen oder am Strand herum. Beide waren jetzt sehr glücklich miteinander und auch die Schlossbewohner spürten dies und lächelten ihnen zu, wann immer sie ihnen angesichtig wurden. Alina haderte jetzt auch nicht mehr mit ihrem Schicksal, sondern fand sich damit ab. Raven stand immer hinter ihr, gab ihr das Gefühl, das sie ihrer doch großen Aufgabe gewachsen war, bestärkte sie und machte ihr immer neuen Mut. So begann sie jetzt, jeden Abend vor dem Schlafengehen alleine zu meditieren, um die Einsamen, die Gejagten und Vertriebenen zu sich nach Avalla zu rufen. Und nur zu dieser Stunde ließ Raven sie auf ihren ausdrücklichen Wunsch hin allein. Tagsüber flogen sie oft weite Strecken hinaus, sammelten Rinden oder Kräuter auf dem Festland, oder jagten nach Fischen im Meer. Das war immer besonders lustig und machte beiden besonders viel Spaß, da Raven nur flog und Alina, die dabei ja immer unter ihm hing, die Fische schnell aus den Wellen packen musste. Das ging ziemlich oft daneben und beide wurden so immer sehr schnell nass dabei, aber es bereitete ihnen auch sehr viel vergnügen. So zogen die Tage im träumenden Schloss dahin und alle vergaßen darüber Karak oder die Gefahr durch die Menschen.




