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Der Tag war sehr warm und ruhig. Die Sonne stand noch hoch am Himmel, aber es war bereits weit nach Mittag als Alina und Raven von einem ihrer Ausflüge nach Avalla heimkehrten und er, wie immer mit wildem Flügelschlag in mitten des Schlosshofes landete, und dabei die arbeitenden Frauen jedes Mal zutiefst erschreckte. Alina und er mussten wie jedes Mal sehr über das Gemecker derer lachen. Als er sie abgurtete lief ein kleines Mädchen mit lustig hüpfenden, kurzen blonden Locken über den Hof und sauste, geschickt die Anderen umkurvend, mit ausgestreckenten Armen auf Alina zu.
„Lina, Lina,“ rief die Kleine dabei immer wieder, und Alina wunderte sich jedes mal von neuem über Sassa. Und wie die Kleine es verstand, mit ihr, auch ganz ohne Worte, sprechen zu können. Die Kleine lief, was die kurzen Beinchen hergaben und jeder der sie sah, freute sich das es ihr wieder gut ging, sie wieder völlig gesund war.
„Lina,“ keuchte sie jetzt und flog in Alinas Arme, die sie jetzt hochhob und sich einmal, zweimal und noch einmal mit ihr im Kreis drehte. Sassa quietschte dabei fröhlich und schloss danach ihre kleinen, dicken Ärmchen um Alinas Hals. Raven sah den beiden mit glücklichem Blick zu und verstand jeden, der Sassa augenblicklich ins Herz schloss nur zu gut. Hatte die Kleine doch die Fähigkeit, jedem ins Herz zu schauen und alles Schlechte darin verblassen zu lassen. Sie hatte seiner kleinen Fee sogar einen Namen gegeben, und Lina schien auch ihr zu gefallen, vor allem wenn die Kleine den ganzen Tag lang diesen Namen plapperte.
Alina hielt sie auch weiterhin auf dem Arm als Sonja rasch zu ihnen kam.
„Sassa,“ sagte diese, übertrieben erbost, aber auch lachend, „du sollst doch nicht immer weglaufen, du Trollkind. Ach, du bist eine Qual.“ Damit nahm sie Alina die Kleine ab, die über die Worte ihrer Mutter aber nicht sonderlich beunruhigt war und Alina auch weiterhin fröhlich anlächelte.
„Bitte verzeiht, Raven, der Dragon möchte dich gern sprechen, und ich bräuchte in einer äußerst schwierigen Angelegenheit dringend Linas rat.“ Ihr grinst und Augenzwinkern sagte Raven alles und er verabschiedete sich übertrieben höflich und verbeugte sich noch grinsend vor ihnen.
„Meine Damen.“ Dann ging er lachend, aber nicht ohne noch dem Apfel auszuweichen, dem Sonja ihm ebenso lachend hinterherwarf, über den Hof ins Schloss. Raven betrat die große Halle wohlgelaunt, wurde aber, als er den Dragon und seine Söhne dort zusammensitzen und reden sah, etwas beunruhigt.
„Raven, endlich, komm mein Sohn und setzte dich zu uns, wir haben vielleicht schlechte Nachrichten für dich und deine Lina,“ sagte der Dragon ganz frei heraus und Ravens Unbehagen wuchs zusehends. Er blickte stumm in die Runde, konnte in ihren Gesichtern aber nichts ablesen. Der Dragon räusperte sich jetzt und man spürte, das es ihm nicht leicht viel die passenden Worte zu finden. Ernst blickte er ihn an.
„Hör jetzt gut zu, mein Sohn, ich muss dir etwas nicht sehr gutes Erzählen und wenn ihr uns danach verlassen wollt, werden wir euch zwar nicht aufhalten können, aber auch nicht sehr Erfreut darüber sein.“ Er blickte Raven immer noch ernst ins Gesicht.
„Ich möchte, dass du zuvor eines weißt. Ihr beiden, du und Lina, gehören für uns alle zur Familie und wir möchten nicht, dass ihr uns verlasst.“ Der Schlossherr strich sich über seinen vollen Bart, holte tief Luft und begann zu erzählen. Karak war fort.
Er war einfach verschwunden, wie in Luft aufgelöst. Alle Familienmitglieder hatten ihn in diesem Frühjahr überall gesucht, in den Wäldern oberhalb der Klippen, in den Mooren dahinter, die Strände rauf und runter. Im Schloss war im Laufe der Zeit jeder Raum mehrmals durchsucht worden, vom Speicher bis zum Verlies, aber sie bekamen ihn niemals zu Gesicht. Saalem machte sich schwere Vorwürfe, sollte er doch Karak seinerzeit im Auge behalten und hatte diese Aufgabe, da die Tage auf Avalla so ruhig und friedlich verliefen, schnell vernachlässigt.
Wer wähnte sich schließlich noch in Gefahr? Doch Markan, einer der mittleren Söhne des Dragons, merkte an, das Karak vor seinem Verschwinden noch zu verstehen gab, dass er wiederkommen, und das beenden wolle, was einst begonnen hatte. Raven dachte mit einem Schaudern an die kalten Blicke, mit denen sein einstiger Freund seine kleine Fee damals, beim ersten Zusammentreffen gemustert hatte. Der Dragon gab dabei noch zu verstehen, das Karak sich in den letzten Jahren sehr verändert hatte, und selbst er nicht wusste, ob man diesen Drohungen glauben schenken sollte oder nicht. Vielleicht sei dieser ja einfach nur fortgeflogen um sich einem anderen Clan anzuschließen. Auch solches sei durchaus schon vorgekommen, auch wenn sich dabei normalerweise noch verabschiedet wurde. Raven war jetzt sehr beunruhigt und schwor sich innerlich, noch vorsichtiger zu werden und zukünftig immer die Augen offen zu behalten. Auch die anderen Männer versicherte ihm, das auch sie jetzt sehr Wachsam bleiben würden, und sobald man Karak doch noch habhaft werden würde, diesen nicht mehr aus den Augen zu lassen.
Karak heulte laut und voller Inbrunst den vollen Mond an.
Nachdem Saalem es irgendwann leid wurde, ständig hinter seinem Bruder herzusuchen, war dieser eines Nachts in die Wälder oberhalb der Kippen geflogen. Er hatte sich in der kleinen Höhle, die er schon seid Kindertagen kannte, verborgen, um sich auf das vorzubereiten, was jetzt seiner Meinung nach geschehen müsste. Früher, bevor der Alte begann zu ihm zu sprechen, war er ein stolzer, harter und gerechter Mann gewesen, der gut und weise jedem in Not half. Doch dieser Mann war fort und an seiner Stelle stand nun ein schmutziges, nacktes, hasserfülltes Wesen, das durch irr funkelnde Augen in die Wälder blickte. Seine Veränderung begann schon lange Zeit vor Ravens und Alinas Ankunft, doch mit dieser beschleunigte sie sich. Als Alina am ersten Abend in diesem schönen Kleid die Halle betrat, konnte er sehen und fühlen, wie sie es darauf anlegte, ihn und alle Anwesenden zu verzaubern, sie alle zum Bösen zu Verführen.
Doch der Alte sprach zu ihm, saß in seinem Kopf und schützte ihn, riet ihm zu fliehen. Später, wenn sie sich sicher fühlten, sollte er zurückkehren und dieser Hündin geben, was sie verdiente. Ja, er würde wie der Teufel in Person über sie herfallen, würde sie zuerst gefügig machen, sich an ihr erleichtern und sie danach in Stücke reißen. Dann ist meine Familie von ihr befreit, dachte er wütend, dann bin ich von ihr befreit. Denn sie spuke noch immer in seinem Kopf herum, hier nicht mehr so stark wie im Schloss, aber immer noch verhärtete sich sein Schritt, auch wenn er nur flüchtig an sie dachte. Es machte ihn verrückt, sie machte ihn verrückt.
Er hatte vergessen, warum er seine Kleidung abgelegt hatte oder wo, es war ihm auch gleichgültig, wichtig war, einzig und allein seine Aufgabe, die ihm ständig von dem Alten in seine Ohren geraunt wurde. So kam der warme, stille Abend, an dem er ins Moor flog und sich voller Vorfreude mit dunklem Schlamm einrieb. Der Tag war richtig heiß gewesen und in der Höhle wurde es tagsüber doch recht stickig, so genoss er den kühlen Schlamm auf seinen entblößten Gliedern jetzt sehr. Doch plötzlich hielt er inne und, zum ersten Mal seit zwei Jahren, füllten klare Gedanken seinen wirren Kopf.
Was hatte sie ihm eigentlich getan? Für was sollte sie bestraft werden? Was tat er hier überhaupt, völlig entblößt und schmutzig? Er schämte sich, seiner Äußerlichkeit wie seiner Verwirrung wegen und überlegte kurz, fort von Avalla zu gehen. Fort von seiner Familie und allem anderen und noch einmal neu zu beginnen. Dieser klare Moment war kurz und hier tat sich eine Kreuzung des Weges vor Karak auf, dem ersten Sohn und Erben des Dragons. Eine letzte Möglichkeit, wieder den richtigen Weg einzuschlagen, dem Bösen in ihm zu entkommen. Doch fast augenblicklich brüllte der Alte machtvoll in seinem kranken Geist auf, und er brach, voller Schmerz und sich den dröhnenden Kopf haltend, zusammen und lag danach stöhnend im Morast des Moores. Als er sich wenig später wieder erhob und in Richtung Avalla blickte, lag wieder dieser irre, entrückte Glanz in seinen kalten, funkelnden blauen Augen. Sein Weg war für ihn nun klar, und er würde ihm begeistert folgen.
„Heute Nacht,“ flüsterte er und hob wie in Trance wieder eine Hand voll Morast, „heute Nacht, kleines Mädchen, werde ich kommen um mein Versprechen zu halten.“ Der Mond funkelte kalt auf ihn nieder, als er sich nach und nach in den Dämonen verwandelte, der jetzt schon so lange und tief in ihm schlummerte. Sein erneutes Heulen klang schaurig über das nächtliche Moor.
Alina hatte sich an diesem Abend schon früh von der Abendtafel verabschiedet um in ihren Gemächern, wie jeden Abend allein zu meditieren. Raven sah dies nicht gern und war entsprechend unruhig, blieb aber dennoch bei dem Dragon und dessen Familie sitzen. Er wusste das Alina gern allein war, wenn sie die anderen nach Avalla rief. Doch er schaute immer wieder zur Treppe, die nach oben führte und lauschte jedem Geräusch sensibel nach. Die anderen am Tisch unterhielten sich, wie eigentlich jeden Abend, über die große Wanderung. Der Dragon erklärte grade, das wohl auch seine Sippe ihnen nach Baruth folgen müsse, da das Leben hier zu unsicher geworden war.
„Es wird mir sehr schwer fallen, Avalla, meine Heimat, zu verlassen, doch mir liegt auch das Wohl meiner Familie am Herzen und die Menschen rücken jetzt immer weiter hierher vor.“
„Aber Vater,“ meinte einer seiner jüngeren Söhne, Ristaar, mutig, „wir können doch Kämpfen, sie einfach verjagen, wenn sie vor unseren Toren stehen. Wir sind doch starke und mutige Männer.“
„Ja,“ erwiderte der Alte ruhig, „sicher könnten wir das, aber was, frage ich dich, geschieht danach? Glaubst du, danach hätten wir wieder Frieden? Nein, sie würden wiederkommen, immer zahlreicher, immer stärker und irgendwann würden sie die Mauern einreißen und uns alle Töten. Sieh deine Mutter an,“ damit deutete er auf Sonja, die etwas entfernt mit Sassa auf dem Schoß dasaß und spiele,
„Glaubst du, ihr würde es gefallen dich sterbend in den Armen zu halten?“ Ristaar senkte beschämt seinen Blick und der Dragon sprach weiter.
„Nein, ich bin euer Familienoberhaupt, Führer des Drachenclans, ich trage die Sorge um euer Wohl und deshalb müssen wir........“
Doch er sprach nicht weiter, denn alle hoben aufhorchend ihre Köpfe als der helle, markerschütternde Schrei klar und laut durch die weiten Korridore bis zu ihnen hallte. Instinktiv erhoben sich zuerst die Frauen, klang er doch so hilflos, so verzweifelt, so kindlich einsam, das ihre innersten Mutterinstinkte geweckt wurden. Die Männer der Runde erhoben sich auch, doch sie verharrten nicht wie die Frauen, sondern stürzten ihm nach. Sie hetzten durch die finsteren Gänge, nach ihren Waffen greifend, dem Schrei entgegen. Allen voran Raven und der Dragon. Dann verstummte er plötzlich, doch Raven beschlich eine dunkle Ahnung woher er gekommen sein könnte und er rannte ungebremst weiter den Weg auf seine und Alinas Gemächer zu. Die Männer folgten ihm ohne zögern. Der Schrei erklang wieder, doch dieses mal in Todesangst und Raven wusste plötzlich, dass seine kleine Fee dort um ihr Leben schrie.
Todesangst
Alina betrat wie immer leise ihre finsteren Räume.
Sie trat zum Fenster und atmete ruhig und tief die kühle Nachtluft ein. Dieser Abend war so still und heimlich, dass er ihr Herz erwärmte. Sie wandte sich langsam um, ging zum hinteren Zimmer und entzündete dort im Kamin ein kleines Feuer. Sie legte ihren Überwurf ab, so dass sie nur noch ein kleines Lederhemdchen und ihre Hosen trug, wusch sich danach gründlich und setzte sich auf ihr großes Bett. Sie hatte sich gerade in der Mitte des Bettes niedergelassen und ihre Augen geschlossen, als sie aus dem vorderen Zimmer ein leises Geräusch hörte. Alina blickte neugierig zur Tür, in Erwartung das Raven dort stehen würde, und sah einen Dämon ihr Zimmer betreten. Sie erstarrte in Todesangst.
Dieses Ding war schwarz wie die Nacht und starrte sie hasserfüllt an.
„Es ist schön, dass du uns ein Feuer gemacht hast, so haben wir es warm während wir tun, weswegen ich zu dir gekommen bin.“ Seine tiefe, sanfte, ja fast liebevolle Stimme stand im Gegensatz zu seinem Blick und täuschte sie auch nicht über die Gefahr hinweg, in der sie jetzt befand. Ihr Herz flatterte voller Panik. Sie dachte an Flucht, doch er war zwischen ihr und der Tür, dem einzigen Weg aus diesem Raum. Er kam jetzt näher und bewegte sich langsam und geschmeidig auf sie zu, ließ sie dabei aber nicht aus seinen glühenden Blick. Alina kannte ihn irgendwie, und das war fast noch erschreckender als der Zustand, in dem sich dieses Monster jetzt befand. Er stank so fürchterlich das ihr fast die Luft wegblieb.
„Du brauchst keine Angst zu haben,“ er überlegte kurz, „nun, doch, vielleicht ein bisschen, aber ich werde dir nichts tun, was dir nicht gefallen wird, außer deinem baldigen Tod.“ Seine tiefe und gutturale Stimme raunte die Worte, und Alina wurde darum fast verrückt, so erdrückend war diese sanfte Stimme verglichen mit seiner fürchterlichen, stinkenden Gestalt.
„Doch das ist, wenn wir miteinander fertig sind, eher eine Gnade für dich und dann auch schnell geschehen.“ Er trat in den Schein des Feuers und sie erkannte mit Schrecken, dass er unbekleidet und völlig verdreckt war und daher auch dieser starke Geruch rührte. Seine Augen glitzerten so voller Leidenschaft und Hass, so voller Vorfreude. Erst jetzt bemerkte sie seine unheilvoll aufgerichtete Männlichkeit, die sich ihr riesig und drohend entgegen reckte. Um die Funktion dessen wusste sie noch immer nichts, aber mit dieser drohenden Gestalt und dieser Stimme würde auch dieses nichts Gutes verheißen und instinktiv presste sie ihre Schenkel fest zusammen.
Sie sah ihn langsam auf sich zu kommen, ignorierte seine sanften Worte und wägte jetzt doch ihre Möglichkeiten zur Flucht ab. Ihr blieben aber keine, er war einfach zu groß und mächtig, und zu wachsam. Sie entschloss sich zum Angriff, obwohl sie wusste, dass es Aussichtslos war. Doch ohne Kampf würde er nicht das bekommen, was immer er von ihr wollte, und vielleicht tötet er mich auch gleich, dachte sie und spannte ihre Muskeln. Im Geiste aufschreiend warf sie sich ihm entgegen und versuchte ihn so zu Überraschen. Doch er war vorbereitet, böse auflachend fing er sie noch in der Luft auf um sie danach wieder hart aufs Bett zu schleudern.
„Nein, meine Kleine, so leicht mache ich es dir nicht.“ Damit sprang er ihr nach und warf sich auf sie. Ihr blieb die Luft weg und allein durch sein Gewicht nagelte er sie unter sich fest und zerrte jetzt entschlossen an ihren Kleidern. Er zog, er riss und schließlich lagen ihre Sachen verstreut um sie herum und sie, immer noch im Geiste schreiend, wehrte sich immer verzweifelter gegen diesen Dämon aus dem Schattenreich.
„Schreie nur, kleines Mädchen, für die Anderen bist du stumm, keiner wird dich hören oder nach dir sehen. Komm, Kleine, fühle und genieße meine Macht, lasse dich von ihr erfüllen, bis dein Ende gekommen ist.“ Er versuchte ihr mit aller Kraft die Beine zu spreizen, mit dem Willen möglichst schnell in sie einzudringen. Doch sie wand sich, trat und biss um sich und versuchte ihrerseits ihn mit allen Mitteln von sich abzuschütteln.
„Gut,“ er erhob sich ein wenig von ihr, „du willst es wohl nicht anders. Aber wisse, ich nehme auch totes Fleisch, wähle jetzt dein Ende selbst.“ Er berührte sie mit seinem harten, heißen Geschlecht und sie begann erneut wie verrückt zu zappeln und nach ihm zu treten.
Doch dieses Mal sprach er nicht mehr, sondern Biss ihr einfach nur tief in die Schulter.
Ihr geistiger Schrei war so voller Schmerz, so voller Qual, das sie schon glaubte ihn tatsächlich zu hören, doch er beendete ihre Marter nicht. Jetzt, da ihr Wiederstand des Schmerzes wegen etwas nachließ, strich er ihr zart über ihren flachen, nackten kleinen Bauch. Karak fühlte sich befreit und beschwingt, hatte er sein Ziel jetzt doch fast erreicht.
„Es ist ein Jammer, ich hätte dich gern unbeschädigt zurückgelassen, aber es war dein Wille.“
Damit Biss er wieder kraftvoll zu und ihr letzter Schrei verebbte langsam.
„Du bist wunderschön, Kleines, und ich denke, der Zeitpunkt von meiner Macht zu kosten, ist endlich erreicht.“ Doch er hielt plötzlich inne, auf die Geräusche horchend, die den Flur herunterkamen. Nein, dachte er wütend, ich habe meine Aufgabe noch nicht beendet. Noch einmal dachte er daran sie sich zu nehmen, doch es war sinnlos, sie waren schon zu nah. Er erhob sich schnell. Sie war bewusstlos, lebte aber noch, doch er war sich sicher das sie an den Wunden, die er ihr zugefügt hatte, bald qualvoll sterben würde.
Nun, dachte er, dann wollen wir denen einen Empfang bereiten, den sie nicht so schnell vergessen würden und er hob die blutende, schlaffe Alina hoch über seinen Kopf und sah dann böse grinsend zur Tür.
Raven stürzte, dicht gefolgt von dem Dragon und seinen Söhnen in seine Gemächer, durchquerte den Wohnraum und erreichte das hintere Schlafzimmer. Dort stoppte er abrupt, vom Entsetzen gelähmt und das Bild, das sich ihm bot, sollte für immer in seiner Seele brennen.
Überall klebte Blut und inmitten des vom Kamin erhellten Raumes stand ein riesiger Dämon, der sein kleines Mädchen hoch über den Kopf hob um es dann gegen ihn und die in der Tür stehenden Männer zu schleudern. Ihr zarter, kleiner Körper flog wie Wind durch die Luft und Raven fing sie leicht auf, wurde jedoch durch die Wucht rückwärts aus dem Zimmer geworfen. Er landete mit ihr in den Armen im Wohnraum, noch einige der hinter ihm stehenden Männer mit zu Boden reißend.
Er hielt Alina fest und bemerke ihre tiefen Wunden, besah sie mit Schrecken und stellte dann erleichtert fest, dass sie noch lebte und nur bewusstlos war. Dennoch liefen ihm, angesichts ihres Zustandes heiße Tränen über das Gesicht. Er war nicht bei ihr gewesen, hatte sie nicht vor diesem Monster geschützt. Raven brüllte in tiefer Qual auf und drückte seine kleine Fee fest an sich.
Der Dragon sah ins Schlafzimmer und erstarrte für einen Moment. Dann befahl er seinen Söhnen, die sich langsam wieder aufrappelten, dieses Monster zu fangen und in Ketten zu legen. Raven sah kurz zu ihm auf und meinte eine tiefe Trauer in dessen Blick zu sehen, als seine Söhne langsam und vorsichtig das Schlafgemach betraten, in dem auch für sie der Tod lauern konnte.
„Karak?“
„Später, erst kümmern wir uns um Lina. Wir bringen sie zu Sonja, sie ist bei solchen Wunden eine gute Heilerin und wird ihr Helfen können.“ Aus dem Schlafgemach drangen jetzt Stimmen und dann höhnisches Gelächter, schließlich Gepolter das von lauten Rufen begleitet wurde. Plötzlich stand der Dämon, von einigen der Männer festgehalten, im Türrahmen und sah hasserfüllt zu ihnen herüber. Auf den Boden spuckend sagte dieser leise,
„Niemand wird ihr noch Helfen können, sie wird endlich sterben und ihr werdet wieder frei sein.“
Er grinste Böse und sah Raven kalt und direkt in dessen Augen.
„Schade eigentlich, denn sie war wirklich gut, das kannst du mir glauben. Süßes Blut,“ sagte dieses Ding und leckte sich genussvoll über die Lippen. Raven legte, um Beherrschung ringend, Alina sanft zu Boden und sprang dann brüllend in Richtung des Monsters.
Der Dragon packte ihn hart und hielt ihn zurück. Presste ihn mit aller Kraft die er hatte an die Wand und flüsterte Raven ins Ohr, „So nicht, mein Sohn, glaube mir, es ginge zu schnell.“ Er hielt ihn mit eiserner Hand und brüllte zu seinen Söhnen,
„So schafft ihn doch endlich weg von hier und einer von euch sagt eurer Mutter, das wir sie hier dringend brauchen, los jetzt!“ Raven beruhigte sich erst, nachdem das immer noch heulend lachende Ungeheuer fortgeschafft worden war. Er zog seine kleine Fee wieder auf seinen Schoß und hielt sie weinend fest bis Sonja mit einigen der alten Frauen in den Raum stürzte.
Raven ging unruhig und nervös im schmalen dunklen Gang auf und ab.
Er gab sich die Schuld an alldem. Wenn er bloß bei ihr geblieben wäre, sie niemals allein gelassen hätte. Er hätte dieses Monster gnadenlos getötet und seine kleine Fee so retten können. Die Nacht war schon weit fortgeschritten und noch immer waren die Frauen bei Alina und versorgten ihre Wunden. Ihn hatte man sanft aber bestimmt aus dem Raum geschickt und das schon vor Stunden, wie es ihm schien. Eine dunkle Gestalt trat auf ihn zu und er erkannte den Dragon, der um Jahre gealtert schien.
„Raven, ich muss mit dir sprechen und das, was ich dir mitteilen muss, betrübt mich sehr. Doch du sollst es von mir erfahren. Wir wissen jetzt, wer ihr das angetan hat. Und du hattest recht, es war Karak.“ Der Alte schlucke hart und Raven sah ihn mitfühlend an.
„Karak war schon lange vor eurer Ankunft etwas sonderbar geworden. Er lebte wohl dort schon in einer fremden Welt, und als wir euch seinerzeit trafen verschlimmerte sich sein Zustand noch. Er redet jetzt lauter wirres Zeug, von Befreiung, von Hexen, von Heilung und lauter solchen Dingen. Er ist nicht mehr bei sich.“ Der Dragon seufzte tief und fuhr fort. „Ich bedaure das alles sehr und überlasse euch, nach unseren Sitten, die Möglichkeiten seiner Bestrafung zu wählen.“ Raven sah den Schmerz in Dragons Gesicht und er konnte seinem Schmerz nachfühlen, durchlitt er ihn doch gerade selbst.
„Weiß Sonja es schon?“ Fragte er nur.
„Nein.“ Traurig schüttelte der Alte den Kopf und fuhr leise fort, „ich weiß nicht, wie ich es ihr sagen soll. Es wird meiner Sonja wohl das Herz brechen.“ Als hätte diese ihn gehört, trat Sonja gerade aus dem Zimmer, in das sie Alina gebracht hatten und Raven stürzte zu ihr.
„Wie geht es ihr? Wird sie es schaffen? Kommt sie durch?“ Die Gefragte hob des Ansturms beschwichtigend ihre Hände und lächelte ihn müde aber zufrieden an.
„Es geht ihr ganz gut, sie schläft jetzt. Wir haben alles getan was wir konnten, aber sie wird Narben behalten, und die nicht nur auf ihrem Körper.“ Raven sah sie beruhigt, aber immer noch eindringlich fragend an. Sonja sah seine offene Frage, und dass er auf Antwort wartete.
„Nein,“ sie schüttelte nachsichtig seiner Vermutung wegen ihren Kopf, „sie ist rein und unberührt wie am Tage ihrer Geburt, dieser Dämon hat gelogen.“ Raven umarmte sie dankbar.
„Darf ich zu ihr?“ Fragte er leise.
„Nun geh schon, sei aber leise und lass sie schlafen, verstanden?“ Doch er war schon an ihr vorbei zum Zimmer gelaufen und leise zur Tür hineingeschlüpft.
„Männer,“ sagte sie grinsend und sah dann zu ihrem Gemahl. Sein Blick war traurig und verschlossen. Er wich ihrem fragenden Blick aus und nahm ihre Hand in seine,
„Komm, liebe Frau, ich muss mit dir Reden.“ Damit führte er sie fort.
Raven betrat vorsichtig und leise den Raum, in dem Alina schlief.
Ihr Gesicht war sehr blass und ihr Haar zum Teil noch von ihrem Blut verklebt. Er beugte sich vorsichtig über sie und hauchte ihr einen Kuss auf die Wange. Danach ging er um die große Schlafstatt herum und schlüpfte auf der anderen Seite mit unter die Decke. Dicht rutschte er an sie heran und blieb liegen, sie still betrachtend. Der Gedanke, sie fast verloren zu haben machte ihm schreckliche Angst und er würde es sich niemals verzeihen können, nicht bei ihr gewesen zu sein.
„Dich trifft keine Schuld,“ flüsterte Alina schwach und ohne die Augen zu öffnen. Raven konnte sie nur sprachlos anstarren, so überraschten ihn ihre Worte.
„Es,“ sie hustete leicht, „es war nur meine Schuld, ich wollte nicht auf dich hören.“ Sie drehte ihm leicht den kleinen Kopf zu, blinzelte ihn einmal müde, aber sehr zärtlich an, und schloss danach langsam wieder die Augen.
„Kleine Fee,“ Raven blickte ihr voller Liebe ins Gesicht, „es tut mir so leid.“
Sie bewegte nur langsam ihren Kopf von einer zur anderen Seite und Raven kamen wieder die Tränen.
„Fast hätte ich dich verloren und dabei kenne ich noch nicht einmal deinen Namen,“ flüsterte er leise und unter Tränen. Langsam glitt ihre Hand unter der Decke hervor und er umschloss sie vorsichtig mit seiner eigenen.
„Alina,“ sagte sie so leise, dass er sie kaum verstand, „ich heiße Alina.“
Eine düstere Ruhe lag die nächsten Tage über dem Schloss, und der Dragon wie auch Sonja machten sich große Sorgen um Alina. Doch am meisten beschämte es sie, das es Karak war, der ihre guten Sitten der Gastfreundschaft so hinterhältig Hintergangen hatte. Was trieb ihren Erstgeborenen zu solchen Taten, fragten sie sich immer wieder, und mehr als einmal gingen beide zum Verlies hinab, um nach ihm zu sehen, und ihn genau dies zu fragen. Doch sie erhielten niemals eine Antwort. Angekettet wie ein Hund lag ihr Sohn dort auf dem Stroh, und immer, wenn er sie sah, fauchte und spuckte er nur in ihre Richtung. Auch die Wachen konnten nichts Anderes erzählen, außer das Karak mehr als nur verwirrt war. Der Dragon blickte seine Frau häufig hilflos an, und beide schämten sich sehr vor ihren Gästen. Und auch wenn Raven ihnen keine Vorwürfe machte, fühlten sich beide doch verantwortlich. So schworen sie sich, Karaks Taten an Alina wieder gut zu machen, und auch wenn Raven sie hier auf Grund Karaks Taten zurücklassen würde, so würden beide doch dafür sorgen, dass deren Abreise ohne Probleme von statten gehen könnte. Doch Raven dachte nicht daran, irgend jemanden des Drachenclans zurück zu lassen, oder Karaks tun jemand anderen anzukreiden, und so schüttelte er nur stumm den Kopf, als der Dragon ihn darauf ansprach. Diese Möglichkeit würde ihn nicht besser als diesen kranken Mann machen, und so winkte er energisch ab, was den Dragon und Sonja einerseits freute, sie aber andererseits auch noch mehr beschämte. So kehrte nach und nach der Alltag auf Avalla wieder ein, und alle nahmen dankbar ihre Tätigkeiten wieder auf, glücklich um jede Form der Abwechslung, und auch den Oberhäuptern der Drachen ging es mit jedem Tag wieder etwas besser. Als Alina endlich wiedererwachte, und auch sie ihnen keine Vorwürfe machte, distanzierten sich der Dragon und seine Frau dennoch öffentlich von allem Tun ihres Erstgeborenen, und schlossen diesen entgültig, aber auch schweren Herzens, aus ihrer Familie aus. Und auch wenn niemand, vor allem Raven und Alina nicht, darauf bestanden hatte, so sahen der Dragon und Sonja es dennoch als ihre Pflicht an, so mit Karak zu verfahren und ihrem Namen wieder Ehre zu verschaffen.




