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Dieser Morgen war mild und ruhig und Avalla lag im Schein der aufgehenden Sonne, erhaben und stolz über der Weite des Meeres. Noch lag das Schloss in tiefem Schlaf und außer dem branden der Wellen, die sich stetig an den schroffen Klippen brachen, lag Stille über dem Ort.
Alina stand in der leichten Meeresbriese auf dem Alkoven, der von ihrem Zimmer durch eine große Flügeltür zu erreichen war, und genoss die Ruhe und Stille. Sie hatte sich gut erholt, war aber noch von dicken Verbänden umwickelt. Und langsam störte diese sie, und auch dieses ganze Gewimmel das um sie gemacht wurde, gefiel ihr nicht besser. Auch sie dachte mit Schrecken an jene Nacht zurück, aber das lag jetzt, wie so vieles andere, hinter ihr. Raven wich seid diesem Vorfall nicht mehr von ihrer Seite, und seine Sorge um sie nahm fast krankhafte Züge an. Er wachte täglich an ihrem Bett, als sie so lange Schlief. Als sie endlich erwachte, kümmerte er sich so rührend um sie, dass sogar Sonja ihre Brauen hochzog und ihn bat, doch etwas kürzer zu treten und den Frauen nicht ihre Arbeit zu nehmen.
Ihre Liebe zu ihm wuchs beständig, und sie blickte sich kurz um und sah ihn noch im großen Bett schlummern. Ihren großen Riesen, der immer noch so voller Vorsicht steckte und sie immer noch nicht in Liebe berührt hatte, auch wenn sie es sich jetzt irgendwie herbeisehnte.
Doch heute früh war für solche Gedanken keine Zeit. Sie blickte wieder über das Schloss und die Landzunge zum Festland hinüber und wartete auf das, was sie dort, hinter dem Horizont, nahen fühlte. Sie kamen endlich.
Der erste Drache tauchte weit entfernt am strahlend blauen Himmel auf und glitt langsam näher. Gewaltig hob er sich vom Horizont ab, und mächtig ertönte sein Ruf über dem träumenden Schloss. Alina blieb, wo sie war und erkannte mit Freude den alten Drachen aus der Höhle, der jetzt, immer noch laut rufend, langsam näher flog. Mit mächtigen Flügelschlägen, die ihr langes Haar wehen ließen, setzte der große graue Drache zu Landung auf einem nahegelegenen Dach an. Zur Ruhe kommend und die Flügel langsam einschlagend beugte er seinen gewaltigen Kopf zu Alina herunter die ihn sanft anblickte.
„Ich habe dich erwartet“, sagte Alina mit zärtlicher Stimme zu ihm und streckte vorsichtig eine Hand zu ihm hinauf. Der alte Drache senkte seinen großen, schuppigen Kopf noch weiter zu ihr, bis sie sich zart berührten und sein brauner Blick sprach von Liebe und Güte.
„Und ich bin gekommen, kleines Mädchen“, sagte er mit tiefer Stimme, erhob sich wieder und schaute danach lange in die Ferne „und mit mir noch viele Andere“.
Raven schrak wegen dem Getöse aus seinem Schlaf auf und bemerkte Alinas Abwesenheit sofort.
Er setze sich auf und sah sie auf dem Alkoven. Erschrak aber zutiefst, als er des großen Drachen gewahr wurde, dessen Kopf sie grade berührte. Sie redeten, aber er konnte nicht verstehen, was sie sich sagten. Wieder hüpfte sein Herz vor Freude, das seine kleine Fee endlich sprechen konnte, und wieder schmerzte es ihn zu wissen, wie es dazu gekommen war. Doch jetzt verdrängte er die düsteren Gedanken an Karak und blickte, nicht ohne Unbehagen zum Alkoven. Er erhob sich und ging langsam näher zur Tür, wo er still der Worte lauschte.
„Mein Freund, werden es viele sein?“ Fragte Alina den Drachen grade.
Der Drache blickte kurz zu Raven und dann, mitfühlend, wieder zu ihr.
„Ja, kleines Mädchen, sehr viele....... alle sind deinem Ruf gefolgt....... und alle wissen um das, was dir hier wiederfahren ist. Wir bedauern dies sehr, waren aber noch zu weit entfernt, um dir hätten helfen können. Wie geht es deinen Wunden?“
Er blies ihr sanft seinen warmen Atem ins Gesicht und Alina lächelte ihn an.
„Sie verheilen langsam, und die Schmerzen gehen, aber, bitte, nehmt es den Leuten hier nicht übel. Eine verwirrte Seele macht noch kein Volk.“ Der alte Drache lachte rau und tief auf.
„Du weißt so wenig von uns, aber wir empfinden wie du, kleines Mädchen, und all das, was du fühlst, spüren auch wir, darum sei unbesorgt....... und schau, da kommt mein Volk.“
Der Drache hob seinen Kopf wieder und schaute erneut zum Horizont.
Auf dem Schlosshof herrschte jetzt ein wildes Durcheinander, und einige deuteten zu Alina und dem großen Drachen, die hoch über ihnen den Zug erwarteten. Der Dragon begab sich unverzüglich zu den neuen Gemächern der Beiden, stolz um dessen, dass sein Wappentier hier verweilte. Und nicht wenige folgten ihm. Der alte Schlossherr stellte sich zu Raven, der Tross blieb hinter beiden stehen und schaute neugierig durch die Tür.
„Hat es begonnen?“ Wollte der Ältere jetzt leise wissen, doch Raven ließ keinen Blick von Alina.
„Schau selbst, mein Freund.“ Hinter dem Horizont erhob sich ein Trompeten wie von tausend Fanfaren, und dann kamen langsam weitere Drachen in Sicht, flogen näher, und ließen sich schließlich lärmend auf den Zinnen hoch über dem Schlosshof nieder. Immer mehr kamen und es dauerte sehr lange, bis die Zinnen dicht an dicht mit Drachen jeden Alters und jeder Größe besetzt waren. Ihre Schuppen schimmerten in der frühen Sonne und die Menschen des Schlosses schauten ehrfürchtig auf ihre Clantiere, sich deren Stärke und Weisheit wieder bewusstwerdend.
Als dann Ruhe eingekehrt war, blickte der Alte wieder liebevoll auf Alina herab.
„Mein Volk, kleine Herrin, wir grüßen dich und werden dir folgen, wohin dein Weg uns auch immer bringt.“ Alina blickte ihn dankbar an, trat langsam an das Geländer des Alkovens und sagte mit lauter aber ruhiger Stimme,
„Seid gegrüßt meine Freunde, ihr geflügelten Herren der Lüfte, und habt Dank für den Glauben, den ihr in mich setzt. Ich weiß um das Ziel unserer Reise, und auch wenn der Weg dorthin noch weit und voller Gefahren ist, wird für jeden von euch dort ein Platz zum Leben warten.“ Die Drachen hörten ihren Worten aufmerksam zu und antworteten danach auf ihre Weise. Ihr langes Rufen war noch weithin zu vernehmen und jeder wusste jetzt, es hatte begonnen.
Fremde Völker
Und sie kamen. Alle der alten Völker folgten einander auf dem Fuß, einige freudig erregt, einige zweifelnd und wieder andere mürrisch und übellaunig.
Die Elfen kamen nach den Drachen, die sich bis zum Tag der Abreise in den Wäldern oberhalb des Schlosses zurückgezogen hatten. Mit ihren schlanken, zarten Booten kam dieses Volk aus beiden Uferrichtungen zum Schloss gesegelt und auch hier fand eine gegenseitige Begrüßung statt.
Als Alina die große Halle betrat bot sich ihr ein ungewöhnliches Bild. Einerseits die geflügelten Riesen, das große stattliche Volk und ihnen gegenüber das Waldvolk, ebenso klein und zart wie sie. Nur deren spitze Ohren zeigten ihr, das sie nicht zu ihnen gehörte.
Der König der Elfen war schon sehr alt, leicht gebeugt stand er in der Halle und seine prächtigen Gewänder funkelten im Schein der Fackeln. Er besaß ebenfalls das glatte, lange und weiße Haar seines Volkes, trug aber im Gegensatz der meisten noch einen langen weißen Bart. Alina trat demütig vor ihn und sank still auf ein Knie.
„Sei gegrüßt meine Tochter,“ sagte dieser liebevoll und berührte kurz ihre Stirn, wie um sie zu segnen, „auch wir folgen dir gern zur Neuen Welt. Ist in dieser doch kein Platz mehr für uns.“
Gütig schaute der Alte sie an, half ihr hoch und deutete dann auf den jungen Elf neben sich.
„Dies ist mein Sohn Raziell und ich möchte euch bitten, euch bei allen fragen unseres Volkes betreffend, an ihn zu wenden. Mein Leben ist nicht mehr lange und meine Zeit ist kostbar.“
„Auch ich grüße euch, mein König,“ sagte Alina, „und niemand wird euch eure Zeit stehlen. Wir respektieren euren Wunsch und werden uns mit allem Wichtigen gern an euren Sohn wenden.“
„Habt Dank Herrin, und verzeiht mir, aber meine alten Knochen schmerzen noch von der langen Reise, ich lasse euch meinen Sohn hier, würde mich jetzt aber gern zur Ruhe begeben.“
Alina nickte dem alten König nur still zu, und dieser wandte sich langsam um und verließ mit seinen Männern schweren Schrittes die Halle. Sie betrachtete den zurück gebliebenen Prinzen jetzt aufmerksam und dieser Erwiderte ihren Blick mit kühle und Verschlossenheit. Er war sehr gutaussehend, wie sie mit Erstaunen feststellen musste. Sein Gesicht strahlte eine kühle Arroganz aus und seine grünen Augen funkelten wach und aufmerksam. Nur etwas größer als sie trug er edle, helle Lederkleidung und war mit Langbogen und einem Köcher voller ebenfalls langer, doch dabei kunstvoll gearbeiteter Pfeile bewaffnet.
„Mein Prinz, seid auch ihr mir gegrüßt,“ sagte Alina zu ihm und verneigte sich kurz.
„Herrin,“ erwiderte dieser kalt und nickte ihr bloß kurz zu, „ich werde dem Wunsch meines Vaters entsprechen und mich hier um die Belange meines Volkes kümmern.“
Wieder nickte er nur kurz, drehte sich herum und ließ sie einfach stehen. Alina schaute ihm, verdutzt über diese Unhöflichkeit, stumm nach und wusste nicht so recht, was sie davon halten sollte.
Der Dragon trat hinter sie.
„Arrogantes kleines Volk, diese Elfen,“ sagte dieser über ihre Schulter, ihm ebenfalls nachblickend, „glaubten schon immer, etwas Besseres zu sein als der Rest der Welt. Na ja, aber irgendwie wird unsere Reise uns schon einen, obwohl ich die Drachen von jeher lieber mochte.“ Dann stupste er sie freundlich in den Rücken.
„Komm Alina, sehen wir mal, wen es sonst noch hierhergetrieben hat,“ und beide verließen danach die große Halle. Raziell bat die Geflügelten später, ob sein Volk am Stand bis zum Aufbruch warten und lagern dürfte, und keiner sprach ihm diesen Wunsch ab.
Bei den Zwergen und Trollen war die Begrüßung schon anders. Viel hier eher deftig aus und diese freundlichen Gesellen hatten auch kein Problem damit, im Schloss untergebracht zu werden. Der Zwergenkönig, auch klein von Wuchs und mit Namen Korgard, bestach durch seine Freundlichkeit und seine Heiterkeit. Auch dies stand wieder gegen sein Äußeres. Wie alle Zwerge war auch er grobschlächtig, für seine Statur eher zu kräftig und mit derber Kleindung ausgestattet. Mit seiner starken Axt bewaffnet sprach dennoch viel Freude und Übermut aus seinem Blick. Mit braunem, langen Haar und einem dichten Bart gesegnet erschien sein Gesicht eher finster, doch glitzerte bei ihnen allen der Schalk im Blick und sie verbreiteten viel Heiterkeit und Vergnügen mit ihren Streichen. Gingen aber auch mit Rat und Tat jedem zur Hand. Ein Gesetz ihrer Gastfreundschaft, wie sie immer wieder lachend betonten.
Die Trolle waren auch sehr freundlich, und trotz ihrer grünen Hässlichkeit waren auch sie fröhliche und herzliche Geschöpfe, die einfach gestrickt, aber durch ihr Wissen um handwerkliche Belange durchaus geschätzt wurden. Doch hielt hier kein König das Zepter, sondern wurden die einzelnen Clane von jeweils einem Oberhaupt angeführt. Dies bedeutete für Alina viele Hände die geschüttelt werden mussten, denn alle wollten das Kind des Lichtes sehen und berühren.
Auch von Ravens Volk waren viele ihrem Ruf gefolgt, und im Schloss herrschte lange Tage ein Ah und Oh um die ganzen Verwandten und Freunde, die nach und nach Avalla erreichten. Alina kam kaum aus dem ganzen Händeschütteln, Umarmen und Begrüßen heraus und ein Trubel und eine Unruhe machten sich breit, das Alina sich die meiste freie Zeit in ihren Gemächern aufhielt, ja, fast dahin flüchtete. Zudem wartete sie sehr ungeduldig auf ihre Mutter und deren Volk. Doch auch nach zehn Tagen des Wartens tauchte von ihnen nicht einer auf, und Alina machte sich langsam doch große Sorgen um das Wohl der Gehörnten. Die Reise zum Süden war weit und beschwerlich, und der Weg gespickt mit den Orten der Menschen. Konnten sie es überhaupt bis nach Avalla schaffen? Diese einsamen, scheuen und zarten Geschöpfe des Waldes. Wie sollten sie sich fühlen, wenn sie der Welt der Menschen gewahr wurden. Alina betete still, dass sie nicht aufgeben mögen auf ihrem Weg zu ihr, und damit in eine Neue Welt.
Raven betrat schließlich leise ihr Gemach und lächelte Alina wissend an.
„Sind sie hier?“ Sie sprang vom Bett auf und lief zu ihm, „bitte, sag mir das sie hier sind.“
„Komm, kleine Fee, deine Familie hat uns eben erreicht“, sagte er und nahm ihre Hand.
Sie gingen zur großen, jetzt leeren Halle, wo nur ein sichtlich berührter Dragon und eine leicht verwirrte Sonja sie erwarteten.
Vor ihnen stand in einiger Entfernung ein ruhiges, schimmerndes und kraftvolles Einhorn, und Alina erkannte sofort ihren Vater. Raven blieb beim Dragon stehen und Alina trat allein vor ihren Vater. Sie kniete dicht vor ihm nieder und sah ihm in sein schönes, doch recht kühles Gesicht.
„Vater.“ Sagte sie nur leise.
Er blickte lange und stumm auf sie nieder, und sie erkannte in seinem Blick die bekannte Kälte, mit der er sie immer gemustert hatte. Aber da war auch noch etwas Anderes in diesem Blick. Eine unterschwellige Trauer, eine Einsamkeit, die ihr das Herz umklammerte.
„Anandialla, deine Mutter, hat dich seinerzeit bei unseren Streifzügen durch unseren Wald gefunden,“ begann dieser ruhig zu sprechen, „du warst nur ein kleines, zurückgelassenes nutzloses Bündel, aber sie liebte dich vom ersten Moment an. Du warst immer ihr Sonnenschein, ihr Odem zum Leben und sie hat dich, gegen meinen ausdrücklichen Willen, zu unserer Tochter gemacht. Sie hat dich aufgezogen, dich erzogen und dich unser altes Wissen gelehrt. Du gehörtest niemals zu uns, so wie du zu keinem Volke je gehören wirst. Aber sie hat recht getan sich an die alten Sagen zu erinnern, und ich lag im Unrecht.......“
„Vater, bitte......“ bat Alina mit Tränen in den Augen.
„Unterbrich mich nicht, Kind,“ erwiderte das Einhorn ernst, „Anandialla hatte schon immer ein waches Auge, und trotz deines menschlichen Aussehens hat sie immer erkannt, was in dir schlummert. Ich war Blind durch meinen Hass auf die Nichtfühlenden. Auf diese Scheusale, die meine Welt zerstört haben, mir das genommen haben, was ich am meisten liebte. Doch nur durch meinen Hass wurde ich wie sie und habe dich Zeit deines Lebens nur verachtet und abgelehnt........ verzeih mir, meine Tochter.“ Sein Kopf senkte sich zu ihrem Gesicht und seine kühlen weichen Nüstern streichten sacht über ihre Wange.
„Ich bin sehr Stolz auf dich, mein Kind, und alle Mitglieder meines Volkes haben deine Rufe gehört und werden dir folgen.“ Damit drehte er sich langsam um und schritt ruhig durch die Halle zur großen Flügeltür, die zum Schlosshof hinausführte. Alina blieb, wie versteinert um das eben gehörte, knien und blickte ihm traurig nach. Ohne noch einmal zurück zu schauen blieb er auf halbem Weg stehen und hob leicht den Kopf.
„Deine Mutter ist tot, sie starb vor einigen Monden durch Menschenhand und wir sollten bald aufbrechen, denn die Menschen sind schon sehr nah.“ Damit verließ er ruhig die große Halle.
Alina konnte das, was sie eben gehört hatte, nicht fassen. Nicht glauben, dass ihre liebe Mutter nicht mehr lebte. Sie versank in mitten der Halle in tiefes Schluchzen und Raven, der Dragon und auch Sonja eilten zu ihr um sie zu trösten.
Vargor blickte voll düsterer Bitterkeit über die langgezogene, sonnige Ebene, die sich unter dem Hügel, auf dem sich sein Zelt befand, weit, fast bis zum Horizont erstreckte. Überall auf der Ebene erblickte er die Lager der anderen Könige, oder besser deren Vasallen, die diese ihm zur Unterstützung geschickt hatten. Die Fahnen der einzelnen Reiche flatterten fröhlich im lauen Wind und kennzeichneten die einzelnen Lager. Er kannte sie alle. Jedes der einzelnen Wappen konnte er fast mühelos zuordnen, und ihm wurde bei dem Gedanken, warum sie alle hier waren, das Herz schwer. Wieder blickte er düster brütend hinaus, und betrachtete müde das geschäftige Treiben dort unten zwischen den vielen Zelten. Dort wurden Scharmützel geprobt, Waffen geschärft oder gar neu geschmiedet, Pferde erzogen, und Sattelzeug geputzt. Nur widerwillig drehte sich langsam um und betrat wieder sein dämmriges Zelt, in dem die Obersten seiner, wie auch der anderen Truppen ungeduldig auf ihn warteten. Stimmengewirr scholl ihm entgegen als er in das düstere Zwielicht trat, und mehr als ein Kopf beugte sich über die Karten, die auf dem großen Tisch in mitten des großen Zeltes lagen. Vargor trat ruhig und langsam heran, und fast augenblicklich richteten sich alle Blicke auf ihn und die Gespräche verstummten. Er war ein großer und harter Mann, seineszeichens König des Südlandes, doch er fühlte sich langsam alt und zu müde zum regieren. Sein fester, blauer Blick musterte die Anwesenden kurz, aber eindringlich, doch dann wandte er sich seufzend ab.
„Nun,“ fragte er resigniert, „zu welchen Schlüssen seid ihr gekommen?“ Dabei ließ er sich auf seinen hohen und prunkvollen Stuhl sinken. Seine Bürde wurde mit jedem Jahr schwerer. Ja, früher, dachte er, da war es noch leichter gewesen, und niemals störte ihn oder seinen Vater die Anwesenheit der Geflügelten, oder gar der sonstigen Andersartigen. Doch auch in seinem Reich spürte man mit den Jahren den Frevel, den die anderen Menschen diesen antaten. Und auch wenn hier immer Ruhe herrschte, brodelte hier ebenso schon bald der von der Kirche geschürte Hass der Menschen gegen die Andersartigen. Immer unter dem Banner des Kreuzes zogen ganze Heerscharen gegen die alten Völker, doch er konnte sich dabei immer heraushalten. Doch jetzt sammelten die Anderen sich an den Ständen seines Reiches, ob zur Flucht, oder zum Kampfe, er wusste es nicht. Der Druck der anderen Könige auf ihn nahm beständig zu, man müsse diese Brut ausrotten, und überall bekämpfen, wo man deren Angesichtig wurde, so ließen sie ihn wissen. Schließlich beugte er sich mit innerer Qual deren Macht, und deren Drohungen, und versammelte langsam seine Truppen hier auf den Wiesen. Dennoch hatte er nicht wirklich vor, die Anderen anzugreifen, spürte er doch irgendwie, dass diese ihre Welt verlassen und nicht zerstören wollten. Doch wie zum Hohn schickten ihm die anderen hasserfüllten Könige deren Truppen zur Unterstützung, wie sie sagten, doch er ahnte, dass diese um seinen Wankelmut bezüglich der anderen Völker wussten. So befand er sich jetzt nicht mehr in der wartenden Position, sondern wurde von den Obersten der anderen Reiche mehr oder weniger zum Handeln genötigt. Groß und kräftig, in voller Kampfkleidung und mit zurückgebundenem rotblondem Haar saß er da und wartete. Schelhem, sein Oberster Kriegsherr trat vor, räusperte sich, und begann, ihm die Tatsachen zu erklären.
„Sie sammeln sich,“ erklärte dieser ihm, „in der Drachen-Feste, am südlichen Ausläufer der Ktar-Berge. Wir wissen von Elfen, Drachen, Trollen und Zwergen. Welche Völker sonst noch steht in den Sternen, und auch über die genauen Kopfzahlen haben wir keine eindeutigen Kenntnisse. Zudem scheinen diese keinen Angriff zu planen, sondern eher eine Art abreise zu vollziehen. Aber wir sollten mit unserem Angriff nicht mehr all zu lange hinauszögern, wenn wir dieses Pack noch vernichten wollen.“ Sicher, dachte Vargor bei sich, so ein letzter Krieg passt dir sicher gut in den Kram, du Maulheld. Er mochte seinen Obersten nicht sonderlich, fühlte sich einem Streit gegenüber aber auch nicht gewachsen, so blickte er ihn nur ruhig an.
„Herr?“ Fragte dieser ihn nun, und jetzt war es an Vargor, sich müde zu räuspern.
„Gut,“ sagte dieser jetzt ruhig, und fast zu leise, „die Truppen sollen sich sammeln und zum Aufbruch bereithalten. Der Weg bis zur Drachen-Feste ist noch weit.“ Sagte er und dachte, vielleicht haben die anderen es bis dahin geschafft, diese Welt der Schrecken zu verlassen, und ich wünschte, ich könnte sie begleiten. Die Männer verließen ihn jetzt eiligst um die Nachricht des baldigen Aufbruchs an die Truppen weiter zu geben. So blieb er allein in seinem Zelt zurück, und starrte wieder brütend in das Dämmerlicht, als könnte er so das unvermeidliche noch irgendwie Vermeiden.
Raven teilte Alinas Schmerz. War doch auch seine Familie im fernen Reich und wartete dort auf ihn. Doch sie war sehr verzweifelt, fühlte sich sehr einsam und kam nur langsam aus des Schmerzes Umfesselung heraus. Er blieb wieder dicht in ihrer Nähe, zog sie bei jeder passenden Gelegenheit auf seinen Schoß, streichelte und liebkoste sie. Des Nachts, wenn sie unter ihren Fellen weinte, zog er sie an sich und versuchte, ihr so etwas von seiner Wärme zu geben. Doch Alina bleib traurig und in sich gekehrt, und das Treiben, die Aufbruchsstimmung, nahm sie nur am Rande wahr....... sie vermisste ihre Mutter schrecklich.
„Kleine Fee, kleine Alina, wie gern würde ich dir durch den Schmerz helfen.“ Er hielt sie im Arm und durch die offene Tür drangen die Geräusche und Gerüche vom Schlosshof herein. Der Abend war mild und der Tag des Aufbruches rückte beständig näher. Sie blickte ihn voller Liebe an.
„Raven....... mein geflügelter Riese.... mein Prinz …. ich weiß, und darum Liebe ich dich auch so sehr.“ Sie streichelte über sein schönes Gesicht und blickte ihm in seine dunklen Augen.
„Ich wünschte, ihr hättet euch gekannt…. sie hätte Gefallen an dir gefunden.“ Damit wandte sie sich ab und kuschelte sich noch tiefer in seine Arme.
„Erzähl mir von ihr,“ bat er. Sie schaute lange in den dunkler werdenden Himmel hinaus.
„Sie war wunderschön…. noch schöner als das Bild des Dragons auf dem Speicher. Sie war fast von silberner Färbung, so wie eure Beschläge, oder die Klingen eurer Schwerter. Und ihr Haar war weiß, so wie meines. Ihre Augen hatten auch fast die Farbe von meinen, nur etwas heller. Sie war so sanft... so leuchtend....... so rein. Und sie konnte so werden wie ich…“ flüsterte sie jetzt, „weißt du, einige von ihnen können ihre Gestalt verändern........ nur für kurze Zeit, und nicht alle besitzen diese Gabe. Vater konnte oder wollte es nie....... aber Mutter hat es immer Freude bereitet so zu sein wie ich, und wir hatten dann auch immer sehr viel Spaß zusammen.“ Sie wischte sich langsam eine Träne aus dem Gesicht.
„Hatten deine Eltern eigene Kinder?“ Fragte Raven sanft und begann ihren Arm zu streicheln.
„Nein, Mutter hatte mir immer erzählt, dass ein Einhorn aus einer reinen, versteckt liegenden Quelle geboren wird und die Alten sich dann seiner annehmen. Es erziehen würden, bis es sich einen eigenen Wald sucht, diesen dann mit seinem eigenen Zauber schmückt und eine neue Quellen findet...... bis der Kreis sich wieder schließt.“
„Aber lieben können sie?“
„Ja, aber mehr sich selbst........ ich meine, mehr ihre Rasse. Sie bleiben da lieber unter sich. Mutter war eine Ausnahme, und in der Herde gab es meinetwegen auch immer wieder Probleme. Darum war Vater auch immer so, so kühl und zurückhaltend zu mir.“ Alina weinte jetzt und Raven verfluchte sich seiner Fragen wegen.
„Meine kleine Fee…“ er drehte ihr Gesicht sanft zu sich herum und küsste sie ganz zärtlich, „es tut mir leid, ich wollte dich nicht traurig machen.“ Sie blickte ihn traurig an.
„Wir werden bald aufbrechen,“ flüsterte sie, „und vor uns liegt ein ganzes Meer. Ein ganzes Meer der Stille und der Tränen.........“
So lagen beide, jeder in seinen Gedanken, dicht beieinander als der Mond sich langsam über den Horizont schob um auch diese Nacht wieder in sein kühles Licht zu tauchen.
Der nächste Morgen war warm und ruhig.
Die Vögel sangen und auf Avalla herrschte wieder geschäftiges Treiben.
Die Zwerge und Trolle hatten die letzten Wochen damit zugebracht, Schiffe für sich, das geflügelte Volk und die Trolle zu entwerfen und zu bauen. Die kühlen Elfen sorgten sich wenig um die anderen. Hatte sie doch schon ihre Schiffe zum Herkommen genutzt und außer einigen Einhörnern würde nichts mit kurzen Haaren ihre Schiffe je betreten, da waren sie sich einig. Belustigt schauten sie dem Treiben der anderen zu und mit Amüsement blickten sie auf die, doch recht groben Schiffe, dieser auch recht groben Schiffbauer. Waren die Schiffe der Elfen doch leicht, schnell und dabei noch elegant, während die Schiffe, die gerade gebaut wurden, diesen in nichts ähnelten. Dies hielt die Elfen ausreichend bei Laune, denn diese konnten bei Langeweile doch recht viel Unsinn machen. So waren die restlichen Völker doch recht beruhigt und die Arbeit ging unbehindert von statten. Soweit halfen auch alle Tatkräftig mit, und selbst Raven war mit Freude dabei. Tat ihm die körperliche Arbeit doch recht wohl nach der ganzen Zeit der Muße und er arbeitete unverdrossen und mit viel Einsatz. Dabei hielt ihn die Arbeit auch etwas von seinen Gedanken und Gefühlen für Alina ab. Diese eine Nacht der Gespräche hatte ihm fast die Beherrschung gekostet, und er war jetzt um jede Form der Ablenkung sehr dankbar. Der Dragon ging ihm grade zur Hand, und gemeinsam versuchten sie den Mastbaum zum letzten Schiff zu bewegen.



