Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt

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»Wie heißt du, Junge?«
»Richard. Aber alle nenn’n mich Richie. Als Witz.« Er schaute mich mit hochgezogenen Augenbrauen an und lächelte ein bisschen, so vage, dass sein Mund nur ganz leicht aufging und seine weißen, schiefen Zähne kurz zu sehen waren. Ich verstand den Witz nicht, deshalb ließ er den Kopf wieder sinken und erklärte ihn mir mit seinem Löffel. »Weil ich geklaut hab. Also bin ich reich?«
Ich schaute auf meine Hände hinab. Kein Krümel mehr drin, und trotzdem hatte ich das Gefühl, noch nicht gegessen zu haben.
»Soll ein Witz sein«, sagte er. Also gab ich Richie das, worauf er aus gewesen war. Er war ja noch ein Kind. Ich lachte.
Manchmal glaube ich, dass ich alles andere besser verstehe, als ich je Leonie verstehen werde. Sie steht vor der Haustür, kaum zu sehen hinter den Papiertüten mit den Einkäufen, hakt das Fliegengitter auf, stößt mit dem Fuß dagegen und zwängt sich dann mühsam durch die Tür. Als die Tür zuschlägt, flitzt Kayla auf mich zu; sie greift nach ihrem Saftbecher und saugt daran, ehe sie anfängt, mein Ohr zu kneten. Das rollende Kneifen ihrer kleinen Finger tut ein bisschen weh, aber es ist eine Angewohnheit von ihr, daher hebe ich sie hoch, nehme sie auf den Arm und lasse sie kneten. Mam sagt, sie macht das, um sich zu beruhigen, weil sie nicht gestillt wurde. Arme Kayla, hat Mam immer seufzend gesagt. Leonie war sauer, als Mam und Pop auch anfingen, sie Kayla zu nennen, so wie ich. Sie hat einen Namen, sagte Leonie, und zwar den Namen ihres Daddys. Sie sieht aus wie eine Kayla, sagte Mam, aber Leonie nannte sie nie so.
»Hey, Michaela, Süße«, sagt Leonie.
Erst als ich in der Küchentür stehe und zugucke, wie Leonie eine kleine weiße Schachtel aus einer ihrer Einkaufstüten zieht, kapiere ich, dass dies das erste Jahr ist, in dem Mam mir keinen Kuchen zum Geburtstag backen wird, und ich kriege ein schlechtes Gewissen, weil es mir erst so spät am Tag klar geworden ist. Pop wird das Essen kochen, aber ich hätte wissen sollen, dass Mam nicht backen kann. Sie ist zu krank von dem Krebs, der gekommen und wieder gegangen und dann wiedergekommen ist, genauso unaufhaltsam wie das Sumpfwasser in den Bayous, das mit dem Mond steigt und fällt.
»Ich hab dir einen Kuchen besorgt«, sagt Leonie, als wär ich zu blöd, um zu wissen, was in der Schachtel ist. Sie weiß, dass ich nicht dumm bin. Das hat sie selbst mal gesagt, als eine Lehrerin sie in die Schule bestellt hatte, um über mein Verhalten zu sprechen, um Leonie zu sagen: Er sagt im Unterricht kein Wort, aber trotzdem passt er nicht auf. Die Lehrerin sagte das vor allen anderen Kindern, die noch auf ihren Stühlen saßen und darauf warteten, entlassen zu werden und zu ihren Bussen gehen zu dürfen. Sie hatte mich an den vordersten Tisch im Klassenzimmer gesetzt, dem, der am nächsten am Lehrertisch stand, und alle fünf Minuten fragte sie mich, Passt du auch auf?, sodass ich andauernd beim Lernen unterbrochen wurde und mich überhaupt nicht konzentrieren konnte. Da war ich zehn und hatte schon angefangen, Sachen zu sehen, die andere Kinder nicht sahen, zum Beispiel, dass meine Lehrerin ihre Fingernägel bis aufs Fleisch abkaute, dass sie manchmal besonders viel Make-up trug, um die Spuren von Schlägen zu vertuschen; ich wusste, wie das aussah, weil die Gesichter von Michael und von Leonie manchmal auch so aussahen, wenn sie sich gestritten hatten. Ich fragte mich, ob meine Lehrerin wohl auch einen Michael zu Hause hatte. Am Tag dieses Gesprächs zischte Leonie: Er’s nich dumm. Los, Jojo, wir gehn. Ich zuckte zusammen wegen ihrer schlampigen Aussprache und weil sie sich, ohne es überhaupt zu merken, viel zu dicht zu der Lehrerin hinbeugte, sodass die blinzelnd zurückwich vor der latenten Gewalt in Leonies Arm, die sich von der Schulter durch den Ellbogen bis in ihre Faust schlängelte.
Mam hat mir zum Geburtstag immer Red Velvet Cake gemacht. Sie fing damit an, als ich eins wurde. Als ich vier war, kannte ich den Kuchen schon gut genug, um darum zu bitten: Ich sagte roter Kuchen und zeigte im Laden auf die Packung im Regal. Der Kuchen, den Leonie gekauft hat, ist klein, ungefähr so groß wie meine beiden Fäuste zusammen. Obendrauf sind hellblaue und hellrosa Streusel verteilt und an der Seite zwei kleine blaue Schuhe. Leonie schnieft, hustet in ihren knochigen Unterarm und zieht dann eine Packung der billigsten Eiscreme aus der Tüte, die Sorte, die wie kaltes Kaugummi schmeckt.
»Geburtstagskuchen warn ausverkauft. Die Schuhe sind blau, das passt doch.«
Erst als sie es sagt, wird mir klar, dass Leonie ihrem dreizehnjährigen Sohn einen Babyparty-Kuchen gekauft hat. Ich lache, aber es fühlt sich kein bisschen warm an, in mir ist dabei überhaupt keine Freude. Ein Lachen, das kein Lachen ist und so rau klingt, dass Kayla sich im Zimmer umschaut und mich dann anguckt, als hätte ich sie verraten. Sie fängt an zu weinen.
Normalerweise mag ich an meinem Geburtstag das Singen am liebsten, weil die Kerzen alles in goldenes Licht tauchen und auf Mams und Pops Gesichter scheinen, sodass sie genauso jung aussehen wie Leonie und Michael. Wenn sie für mich singen, lächeln sie immer. Ich glaube, Kayla findet das Singen auch am schönsten, denn sie singt abgehackt mit. Kayla will unbedingt auf meinem Arm sein; sie hat so lange geweint und sich von Leonies Schulter abgestoßen und die Arme nach mir ausgestreckt, bis Leonie sie mir genervt hingehalten und »Hier« gesagt hat. Doch dieses Jahr ist das Lied für mich nicht das Schönste am Geburtstag, denn statt in der Küche sind wir alle dicht gedrängt in Mams Zimmer versammelt, und Leonie hält den Kuchen so, wie sie vorher Kayla gehalten hat, weit von sich, als wollte sie ihn gleich fallen lassen. Mam ist wach, sieht aber irgendwie nicht wach aus, ihre Augen sind nur halb offen und schauen einfach durch mich und Leonie und Kayla und Pop hindurch. Obwohl Mam schwitzt, wirkt ihre Haut blass und trocken, wie eine Schlammpfütze, die im Sommer nach mehreren Wochen ohne Regen zu einem Nichts getrocknet ist. Und eine Mücke sirrt um meinen Kopf, steuert auf mein Ohr zu, dreht wieder ab, droht mich zu stechen.
Als das Happy-Birthday-Lied losgeht, hört man nur Leonie. Sie hat eine hübsche Stimme, eine, die an den tiefen Stellen sehr schön klingt, sich bei den hohen Tönen aber überschlägt. Pop singt nicht mit; er singt nie. Als ich kleiner war, hab ich das nicht gemerkt, weil da noch die ganze Familie für mich gesungen hat: Mam, Leonie und Michael. Aber dieses Jahr, wo Mam nicht singen kann, weil sie zu krank ist, und Kayla zur Melodie einen Text erfindet und Michael weg ist, merke ich gleich, dass Pop nicht mitsingt, denn er bewegt nur die Lippen, ohne dass ein Ton herauskommt. Leonies Stimme überschlägt sich bei »lieber Joseph«, und das Licht der dreizehn Kerzen ist orangefarben. Niemand außer Kayla sieht jung aus. Pop steht zu weit vom Licht weg. Mams Augen in ihrem kalkbleichen Gesicht sind jetzt zu Schlitzen geschlossen, und Leonies Zähne sehen an den Rändern schwarz aus. Hier ist von Glück keine Spur.
»Herzlichen Glückwunsch, Jojo«, sagt Pop, aber er schaut mich dabei nicht an. Er schaut Mam an, ihre Hände, die schlapp und offen neben ihrem Körper liegen. Die Handflächen zeigen nach oben, wie tot. Ich beuge mich nach vorne, um meine Kerzen auszupusten, aber da klingelt das Telefon, und Leonie macht einen Satz; also macht auch der Kuchen einen Satz. Die Flammen flackern unter meinem Kinn und werden heißer. Wachsperlen tropfen auf die Babyschuhe. Leonie wendet sich mitsamt dem Kuchen von mir ab und schaut in die Küche, auf das Telefon, das auf der Anrichte steht.
»Lässt du jetzt den Jungen seine Kerzen ausblasen, Leonie?«, fragt Pop.
»Könnte Michael sein«, sagt Leonie, und dann ist der Kuchen nicht mehr da, weil Leonie ihn mit in die Küche genommen und neben dem Telefon mit der schwarzen Schnur abgestellt hat. Die Kerzenflammen fressen das Wachs auf. Kayla kreischt und wirft den Kopf zurück. Also folge ich Leonie in die Küche, zu meinem Kuchen, und Kayla lächelt. Sie greift nach dem Feuer. Die Mücke aus Mams Zimmer ist uns gefolgt und fliegt sirrend um meinen Kopf, spricht über mich, als wäre ich eine Kerze oder ein Kuchen. Mhm, schön warm und köstlich. Ich schlage sie weg.
»Hallo?«, sagt Leonie.
Ich halte Kaylas Arm fest und beuge mich zu den Flammen hinunter. Sie wehrt sich, sie ist fasziniert.
»Ja.«
Ich puste.
»Baby.«
Die Hälfte der Kerzen geht aus.
»Diese Woche?«
Die andere Hälfte zehrt das Wachs fast bis unten auf.
»Ganz sicher?«
Ich puste noch einmal, und der Kuchen wird dunkel. Die Mücke landet auf meinem Kopf. So lecker, sagt sie und sticht. Ich schlage zu, und dann ist meine Handfläche blutverschmiert. Kayla streckt einen Arm aus.
»Wir kommen natürlich.«
Kayla hat eine Handvoll Glasur erwischt, und ihre Nase läuft. Ihre blonden Afrolocken stehen hoch. Sie steckt die Finger in den Mund, und ich wische ihr das Gesicht ab.
»Schon gut, Baby, schon gut.«
Michael ist ein Tier am anderen Ende der Telefonleitung, hinter einer Festung aus Beton und Gitterstäben, seine Stimme reist kilometerweit durch Kabel und über sonnengebleichte Strommasten. Ich weiß, was er sagt, genau wie bei den Vögeln, die ich im Winter auf dem Weg nach Süden schreien höre, genau wie bei jedem anderen Tier. Ich komme nach Hause.
2. Kapitel
LEONIE
GESTERN ABEND, nachdem ich mit Michael telefoniert hatte, rief ich Gloria an und bekam noch eine Schicht. Gloria ist die Besitzerin der Country-Bar oben am Waldrand, wo ich arbeite. Ein abgelegener Schuppen, aus Tuftsteinen und Sperrholz zusammengehauen und grün gestrichen. Ich hab den Laden zum ersten Mal gesehen, als ich mit Michael einen Ausflug an den Fluss machte; wir parkten meist unter einer Brücke an der Straße, die über den Fluss führt, und gingen dann zu Fuß weiter, bis wir zu einer Stelle kamen, wo man gut baden kann. Was ist das denn?, fragte ich und zeigte darauf. Ich dachte, ein Wohnhaus kann es kaum sein, obwohl es geschützt unter den Bäumen lag. Zu viele Autos parkten auf der sandigen Grasfläche davor. Das ist das Cold Drink, sagte Michael; er roch nach Hartbirnen, und seine Augen waren so grün wie die Bäume. Wie Barq’s und Coke?, fragte ich. Jap. Er sagte, seine Mama sei mit der Besitzerin zusammen zur Schule gegangen. Jahre später, als Michael schon im Gefängnis war, habe ich seine Mama angerufen, und Gott sei Dank ging sie ans Telefon und nicht Big Joseph. Er hätte gleich wieder aufgelegt, statt mit mir zu sprechen, der Niggerin, mit der sein Sohn Kinder hatte. Ich erzählte Michaels Mutter, dass ich Arbeit brauchte, und bat sie, bei der Besitzerin ein gutes Wort für mich einzulegen. Es war unser viertes Gespräch überhaupt. Zum ersten Mal haben wir miteinander geredet, als Michael und ich anfingen, uns regelmäßig zu treffen, das zweite Mal war, als Jojo geboren wurde, und das dritte Mal, als Michaela geboren wurde. Trotzdem sagte sie Ja, und dann sagte sie, ich solle hinfahren, hoch zum Kill, dahin, wo Michael und seine Eltern herkommen und wo die Bar ist, und mich bei Gloria vorstellen, also machte ich das. Gloria stellte mich zuerst für eine Probezeit von drei Monaten ein. Du bist fleißig, sagte sie lachend, als sie mir mitteilte, dass sie mich behalten würde. Sie trug dicken Lidstrich, und wenn sie lachte, sah die Haut um ihre Augenwinkel wie ein kunstvoll gearbeiteter Fächer aus. Sogar fleißiger als Misty, sagte sie, und die wohnt schon fast hier. Und dann wedelte sie mit dem Arm und schickte mich wieder nach vorne in die Bar. Ich nahm mein Tablett mit den Drinks, und aus drei Monaten wurden drei Jahre. Nach meinem zweiten Tag im Cold Drink hatte ich kapiert, warum Misty so viel arbeitete: Sie war jeden Abend auf Droge. Lortab, Oxycodon, Koks, Ecstasy, Crystal Meth.
Als ich gestern Abend im Cold Drink zur Arbeit erschien, muss Misty schon einiges intus gehabt haben, denn nachdem wir gefegt und gewischt und alles dicht gemacht hatten, sind wir noch in ihr rosa MEMA-Häuschen gegangen, in dem sie seit Hurricane Katrina wohnt, und sie hat einen Eightball herausgeholt.
»Er kommt also nach Hause?«, fragte Misty. Misty war dabei, alle Fenster aufzumachen. Sie weiß, ich höre gern die Geräusche von draußen, wenn ich high bin. Ich weiß, sie kokst nicht gern alleine, deshalb hat sie mich eingeladen und deshalb öffnete sie die Fenster, obwohl die feuchte Frühjahrsnachtluft sich im Haus breitmacht wie Nebel.
»Jap.«
»Du bist bestimmt total froh.«
Das letzte Fenster ging hoch und rastete ein, und ich starrte hinaus, während Misty sich an den Tisch setzte und mit dem Zerkleinern und Teilen anfing. Ich zuckte die Achseln. Ich war überglücklich gewesen, als der Anruf kam, als ich Michaels Stimme Worte sagen hörte, die ich mir monatelang, jahrelang, erträumt hatte, so glücklich, dass sich mein Innerstes anfühlte wie ein Teich, in dem es von Tausenden Kaulquappen wimmelt. Aber dann, kurz bevor ich aus dem Haus ging, schaute Jojo, der mit Pop im Wohnzimmer saß und eine Jagdsendung guckte, zu mir hoch, und für den Bruchteil einer Sekunde sah sein Gesicht, die Art, wie seine Züge sich in Falten legten, genauso aus wie Michaels nach einem unserer schlimmsten Streits. Enttäuscht. Todtraurig, weil ich wegging. Und ich konnte dieses Bild nicht abschütteln. Es tauchte während der gesamten Schicht immer wieder vor mir auf, setzte mir so sehr zu, dass ich Bud Light statt Budweiser oder Michelob statt Coors zapfte. Und dann ging mir Jojos Gesichtsausdruck nicht mehr aus dem Sinn, weil ich wusste, dass er insgeheim hoffte, ich würde ihn mit einem Geschenk überraschen, mit etwas anderem als diesem hastig gekauften Kuchen, irgendeinem Ding, das nicht nach drei Tagen weg sein würde: einem Basketball, einem Buch, einem Paar High Tops von Nike, damit er endlich ein zweites Paar Schuhe besaß.
Ich beugte mich zum Tisch hinunter. Schnupfte. Ein scharfes Brennen fuhr mir bis in die Knochen, und dann vergaß ich. Die Schuhe, die ich nicht gekauft hatte, den wachsbekleckerten Kuchen, den Anruf. Das Kleinkind, das zu Hause in meinem Bett schlief, während mein Sohn auf dem Fußboden lag, nur für den Fall, dass ich nach Hause kommen und ihn aus dem Bett werfen würde, wenn ich ins Zimmer wankte. Scheiß drauf!
»Überglücklich.« Ich sagte das Wort ganz langsam. Zog jede Silbe in die Länge. Und plötzlich war Given wieder da.
Die Kinder in der Schule zogen Given wegen seinem Namen auf. Eines Tages geriet er deswegen im Schulbus in einen Streit, prügelte sich auf den Sitzen mit einem stämmigen rothaarigen Jungen in Camouflage-Klamotten. Frustriert und mit einer dicken Lippe kam er nach Hause und fragte Mama: Wieso habt ihr mir diesen Namen gegeben? Given? Der hat überhaupt keinen Sinn. Geschenkt, was soll das denn heißen? Und Mama hockte sich vor ihn hin, strich ihm über die Ohren und sagte: Given, weil sich das auf den Namen deines Papas reimt: River. Und Given weil ich schon vierzig war, als ich dich bekommen habe. Dein Papa war fünfzig. Wir dachten, wir könnten keine Kinder bekommen, aber dann wurdest du uns geschenkt: also Given. Er war drei Jahre älter als ich, und als er und der Camouflage-Junge sich raufend über die Sitzreihen wälzten, holte ich mit meiner Schultasche aus und traf Camo am Hinterkopf.
Gestern Abend hat er mich angelächelt, dieser Given-nicht-Given, dieser Given, der jetzt schon fünfzehn Jahre tot ist, dieser Given, der jedes Mal auftauchte, wenn ich eine Line zog oder eine Pille einwarf. Jetzt setzte er sich auf einen der leeren Stühle zu uns an den Tisch, beugte sich vor und legte die Ellbogen auf die Tischplatte. Er beobachtete mich, wie immer. Er hatte Mamas Gesicht.
»So sehr, hm?« Misty zog den Schnodder in ihrer Nase hoch.
»Jap.«
Given rieb sich den rasierten Kopf, und ich entdeckte noch mehr Unterschiede zwischen den Lebenden und diesem chemischen Hirngespinst. Given-nicht-Given atmete nicht richtig. Er atmete überhaupt nicht. Sein schwarzes Hemd war ein stiller, von Mücken umschwärmter Teich.
»Und wenn Michael sich verändert hat?«, sagte Misty.
»Hat er nicht«, sagte ich.
Misty warf ein zusammengeknülltes Papiertuch weg, mit dem sie den Tisch abgewischt hatte.
»Was guckst du an?«, fragte sie.
»Nichts.«
»Quatsch.«
»Keiner starrt was so Cleanes so lange an, ohne was anzugucken.« Misty wedelte mit einer Hand in Richtung des Kokains und zwinkerte mir zu. Sie hatte sich die Initialen ihres Freundes auf den Ringfinger tätowieren lassen, und ganz kurz sahen sie wie Buchstaben aus, dann wie Käfer, dann wieder wie Buchstaben. Ihr Freund war schwarz, und diese Liebe über Hautfarbengrenzen hinweg war einer der Gründe, warum aus uns so schnell Freundinnen geworden waren. Misty sagte oft, dass sie beide, soweit es sie betraf, so gut wie verheiratet waren. Sie sagte, sie brauche ihn, weil ihre Mutter sich einen Dreck um sie scherte. Misty hat mir erzählt, dass sie ihre Periode gekriegt hat, als sie in der vierten Klasse war, mit zehn, und weil sie keine Ahnung hatte, was mit ihr los war, während ihr Körper sie verriet, lief sie den halben Tag mit einem blutigen Fleck hinten auf der Hose herum, der sich langsam ausbreitete wie ein Ölteppich. Ihre Mutter schlug auf dem Parkplatz der Schule auf sie ein, so peinlich fand sie das. Der Rektor rief die Polizei. Nur ein Beispiel dafür, wie sehr ich sie enttäuscht habe, sagte Misty.
»Ich wollte es spüren«, sagte ich.
»Weißt du, woran ich erkenne, dass du lügst?«
»Woran denn?«
»Du wirst totenstill. Alle bewegen sich die ganze Zeit, wenn sie sprechen, wenn sie schweigen, sogar im Schlaf. Schaun weg, schaun einen an, lächeln, runzeln die Stirn, sowas alles. Wenn du lügst, bist du totenstill: ausdrucksloses Gesicht, schlaffe Arme. Wie ’ne Leiche, echt. Sowas hab ich noch nicht gesehn.«
Ich zuckte die Achseln. Given-nicht-Given zuckte die Achseln. Sie lügt nicht, sagte er tonlos.
»Siehst du manchmal Sachen?«, fragte ich. Es ist schon raus, ehe ich die Worte denken kann. Aber in dem Moment ist Misty meine beste Freundin. Sie ist meine einzige Freundin.
»Wie meinst du das?«
»Wenn du drauf bist?« Ich wedelte mit der Hand, so wie sie es gerade getan hatte. In Richtung des Koks, das jetzt nur noch ein trauriges kleines Häufchen Staub auf dem Tisch war. Gerade noch genug für zwei oder drei Lines.
»Das ist es also? Du siehst Zeugs?«
»Nur Striche. Wie Neonlicht oder sowas. In der Luft.«
»Guter Versuch. Du hast dir sogar die Mühe gemacht, mit den Händen zu zucken. Also, was siehst du wirklich?«
Ich hätte ihr am liebsten eine geknallt.
»Hab ich doch grad gesagt.«
»Klar, und das war schon wieder gelogen.«
Aber ich wusste, es war ihr Haus, und wenn es hart auf hart kam, dann bin ich Schwarz und sie Weiß, wenn uns also jemand streiten hörte und die Polizei rief, dann wäre ich diejenige, die im Gefängnis landen würde. Nicht sie. Beste Freundin hin oder her.
»Given«, sagte ich. Es war mehr ein Flüstern als sonst irgendwas, und Given beugte sich vor, um zu verstehen, was ich sagte. Schob seine Hand über den Tisch, schob eine schlanke, knochige Hand zu mir herüber. Als wollte er mir helfen. Als könnte er zu Fleisch und Blut werden. Als könnte er meine Hand ergreifen und mich hier herausbringen. Als könnten wir nach Hause gehen.
Misty sah aus, als hätte sie in etwas Saures gebissen. Sie beugte sich vor und zog noch eine Line.
»Ich bin ja keine Expertin oder so, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass man von diesem Zeug hier eigentlich keine Sachen sehen sollte.«
Sie lehnte sich zurück, fasste ihr Haar zu einem dicken Bündel zusammen und warf es über ihre Schulter. Bishop findet meine Haare toll, hatte sie mal über ihren Freund gesagt. Kann die Hände kaum davon lassen. Das war eine von den Sachen, die sie ganz unwillkürlich machte, mit ihrem Haar zu spielen, ohne zu merken, wie ungezwungen es wirkte. Wie ihr Haar das Licht reflektierte. Was für eine selbstzufriedene Schönheit es ausstrahlte. Ich hasste ihr Haar.
»Auf Acid vielleicht«, fuhr sie fort. »Oder Meth. Aber von dem hier? Nie und nimmer.«
Given-not-Given runzelte die Stirn, imitierte ihr mädchenhaftes Spiel mit ihren Haaren und formte mit den Lippen die Worte: Was weiß sie schon? Seine linke Hand lag immer noch auf dem Tisch. Ich konnte nicht danach greifen, obwohl alles in mir sich danach sehnte, seine Haut, sein Fleisch, seine trockenen harten Hände zu spüren. Als wir Kinder waren, hat er unzählige Male im Bus für uns gekämpft, uns in der Schule oder in der Nachbarschaft verteidigt, wenn andere Kinder mich auslachten und behaupteten, Pop sähe aus wie eine Vogelscheuche oder Mama sei eine Hexe. Dass ich genauso aussähe wie Pop: wie ein verbrannter, mit Lumpen umhüllter Stock. Mir drehte sich der Magen um wie ein Tier, das sich vor dem Einschlafen in seinem Bau wälzt, immer wieder, auf der Suche nach Trost und Wärme. Ich steckte mir eine Zigarette an.
»Echt«, sagte ich.
Jojos Geburtstagskuchen hält sich nicht gut: Am nächsten Tag schmeckt er schon, als wäre er fünf Tage alt statt einem. Er schmeckt wie nasse Pappe, aber ich esse trotzdem weiter. Ich kann nicht anders. Meine Zähne kauen und mahlen, obwohl ich nicht genug Spucke habe und meine Kehle sich gegen das Schlucken wehrt. Das Koks hat bewirkt, dass ich seit gestern Abend ununterbrochen kaue. Pop redet mit mir, aber ich kann an nichts anderes denken als an meinen Unterkiefer.
»Du brauchst die Kinder nirgendwohin mitzunehmen«, sagt Pop.
An den meisten Tagen ist Pop ein jüngerer Mann. Genauso wie Jojo für mich an den meisten Tagen immer noch fünf ist. Ich schaue Pop nicht an und sehe, wie die Jahre ihn gebeugt und zerknittert haben: Ich sehe ihn stattdessen mit weißen Zähnen und geradem Rücken und Augen, die so schwarz und glänzend sind wie sein Haar. Ich habe Mama einmal erzählt, dass ich dachte, Pop würde sich das Haar färben, und sie hat die Augen gerollt und gelacht, damals, als sie noch lachen konnte. Ist alles echt, hat sie gesagt. Der Kuchen ist so süß, dass er fast bitter schmeckt.
»Doch«, sage ich.
Ich könnte nur Michaela mitnehmen, das ist mir klar. Es wäre einfacher, aber ich weiß genau, wenn wir vor dem Gefängnis stehen und Michael rauskommt, dann wäre ein Teil von ihm enttäuscht, wenn Jojo nicht dabei wäre. Jojo sieht jetzt schon viel zu sehr so aus wie ich und Pop, mit seiner braunen Haut und den dunklen Augen, mit der Art, wie er geht, wie er auf den Fußballen wippt und alles an ihm aufrecht wirkt. Wenn Jojo nicht mit uns dort stehen und auf Michael warten würde, dann wäre das, na ja, nicht richtig.
»Und was ist mit der Schule?«
»Es sind doch nur zwei Tage, Pop.«
»Schule ist wichtig, Leonie. Der Junge muss was lernen.«
»Er is schlau genug, um zwei Tage zu verpassen.«
Pop verzieht das Gesicht, und solange die Grimasse anhält, sehe ich doch das Alter in seinem Gesicht. Die Falten des Alters, das ihn unerbittlich hinabzieht, genau wie Mama. In die Gebrechlichkeit, die Bettlägerigkeit, auf die Erde, ins Grab. Es geht abwärts.
»Es gefällt mir nicht, dass du ganz allein mit den beiden auf die Straße willst, Leonie.«
»Die Strecke ist nicht kompliziert, Pop. Wir fahren immer nach Norden und dann wieder zurück.«
»Man kann nie wissen.«
Ich presse die Lippen zusammen und spreche durch die Zähne.
Mein Kiefer schmerzt.
»Uns wird nichts passieren.«
Michael ist jetzt drei Jahre im Gefängnis. Drei Jahre und zwei Monate. Und zehn Tage. Er hat fünf Jahre gekriegt, mit der Möglichkeit zur vorzeitigen Entlassung. Aus dieser Möglichkeit ist jetzt Wirklichkeit geworden. Gegenwart. Ich zittere innerlich.
»Alles in Ordnung?«, fragt Pop. Er schaut mich so an, wie er seine Tiere anschaut, wenn etwas mit ihnen nicht stimmt, wie er sein Pferd anschaut, wenn es hinkt und neu beschlagen werden muss, oder wenn eins seiner Hühner sich seltsam und wie toll aufführt. Er erkennt den Defekt und ist fest entschlossen, ihn auszumerzen. Die empfindlichen Hufe des Pferdes zu panzern. Das Huhn zu isolieren. Ihm den Hals umzudrehen.



