Star Trek - Legacies 3: Der Schlüssel zur Hölle

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Das ist doch nicht zu viel verlangt, oder?
McCoy sagte: »Ich kann mir nicht vorstellen, dass das Sternenflottenkommando im Moment besonders gut auf dich zu sprechen ist. Hast du was von ihnen wegen deiner plötzlichen Planänderung gehört?«
»Das ist noch milde ausgedrückt.« Kirk warf einen Blick auf sein Computerterminal. Er hatte die neuesten Schreiben der Sternenflotte durchgesehen. Man wollte wissen, welche Absichten er mit seiner Rückkehr zum Libros-System verfolgte. Die Klingonen befanden sich in der Umlaufbahn des immer noch umstrittenen Planeten Usilde. Das machte die ganze Situation zu einem Pulverfass – und die Enterprise war die Zündschnur. Wenn man die Romulaner und ihre Absicht, unter allen Umständen Chaos zu stiften, mit einbezog, wurde alles noch komplizierter.
»Sie sind nicht gerade glücklich darüber, dass ich den Transferschlüssel nicht rausrücke,« sagte er nach einem Moment. »Sie verstehen, warum Usilde wichtig ist, und zwar nicht nur aus strategischer Sicht in Bezug auf die Technologie der Jatohr. Aber wir dürfen nicht damit warten, Captain Una und die anderen zu retten.« Er zeigte auf das Computerterminal. »Einer der Berichte, die ich gelesen habe, stammte vom Geheimdienst der Sternenflotte. Anscheinend ziehen die Romulaner sich zurück, zumindest vorerst.«
McCoy runzelte die Stirn. »Sie ziehen sich zurück?«
»Einem Bericht eines Agenten zufolge, der verdeckt im romulanischen Senat arbeitet, ist der Praetor nicht sehr erbaut darüber, wie sich die Dinge mit Sadira entwickelt haben.« Kirk seufzte. »Eines ihrer Schiffe auf sehr öffentliche und peinliche Weise zu verlieren und dann mit leeren Händen dazustehen war nicht das, was er im Sinn hatte.«
»Vielleicht sollten wir ihm ein paar Blumen schicken.«
Kirk lächelte. »Keine schlechte Idee. Wie dem auch sei, wir wissen, dass den Romulanern so was überhaupt nicht gefällt. In dem Bericht steht auch, dass die romulanische Regierung in Bezug auf Usilde erst mal eine abwartende Haltung einnimmt, aber man ist offensichtlich sehr an der Technologie der Jathor interessiert.«
McCoy sagte: »Na, zumindest werden sie uns für eine Weile in Ruhe lassen. Die Situation ist schon schwierig genug, mit den Klingonen, die uns im Nacken sitzen.« Er schüttelte den Kopf. »Ich bin nicht wegen Spionage und diesem ganzen Firlefanz zur Sternenflotte gegangen.«
Kirk drehte sich in seinem Sessel um und öffnete einen kleinen Schrank, der in die Zwischenwand eingelassen war, die die beiden Räume seines Quartiers voneinander trennte. Dann holte er eine bauchige Flasche und zwei Gläser heraus.
Zum ersten Mal zeigte sich ein Hauch von McCoys vertrautem Humor in seinen Augen. »Spendierst du mir einen Drink, Seemann?«
»Du bist nicht der Einzige mit guten Rezepten«, erwiderte Kirk, goss eine gesunde Dosis saurianischen Brandy in beide Gläser und bot McCoy eines an.
Der Arzt lehnte sich in seinem Sessel zurück und entgegnete: »Du lernst es noch.« Er kippte den Brandy in einem Zug hinunter, holte tief Luft und schloss die Augen. Nach einem Moment sagte er: »Nein. Ich fühle mich immer noch miserabel.« Er seufzte. »Ich mache mir Sorgen um sie, Jim. Ich mache mir um sie alle Sorgen.«
»Ich auch.« Kirk lehnte sich zurück. »Wir werden sie finden, Pille.«
McCoy musterte ihn über den Schreibtisch hinweg. »Wie kannst du da so sicher sein?«
»Weil die andere Möglichkeit ist, sie dort zu lassen – und das lasse ich nicht zu, solange auch nur die geringste Chance besteht, dass wir sie retten können.«
Er hoffte, dass die Worte überzeugend genug waren, um seinen Freund zu trösten, aber für Kirk klangen sie hohl. Er unterdrückte seine plötzliche Verunsicherung und kippte seinen Brandy ebenfalls hinunter.
Sie waren am Leben. Kirk spürte es, aber was mochte mit ihnen in diesem anderen Universum geschehen?

Joanna McCoy schlug die Augen auf und wurde von den Zwillingssonnen einer anderen Welt begrüßt.
Sie riss ihren Unterarm vors Gesicht und versuchte, das Weiß des wolkenlosen Himmels zu verdecken. Sie atmete warme, trockene Luft ein und hustete. Dann zwang sie sich, einen zweiten, langsameren Atemzug zu machen, und dieser schmerzte weitaus weniger. Nachdem sie ihren Augen Zeit gegeben hatte, sich an das helle Licht zu gewöhnen, nahm sie ihren Arm vor dem Gesicht weg, drückte sich mit den Händen vom Boden hoch und setzte sich auf. Erst dann wagte sie einen zweiten Blick auf die seltsame Umgebung, in der sie sich nun befand.
Nichts kam ihr bekannt vor. Dies war nicht Centaurus. Die Zerstörung durch den Angriff der Romulaner war verschwunden. An ihre Stelle war nichts als eine flache, trostlose Landschaft getreten. Der Boden war unauffällig, trocken und salzhaltig, und das einzige sichtbare Geländemerkmal war eine dunstverschleierte, weit entfernte Bergkette. Wo war sie und wie war sie hierhergekommen? Das Letzte, woran Joanna sich erinnerte, war das Chaos des Angriffs. Wie so viele andere war sie zu den zahlreichen Verwundeten geeilt, die überall gelegen hatten, um ihnen zu helfen. Dann erinnerte sie sich an das seltsame Gefühl, das ihren Körper übermannt hatte. Was war danach geschehen?
»Hallo«, sagte eine Stimme hinter ihr.
Joanna kam auf die Füße und wirbelte zu der Stimme herum, die einem Vulkanier mittleren Alters gehörte. »Hallo«, platzte es aus ihr heraus. Sie sah genauer hin. Das dunkle Gewand des Vulkaniers stand in krassem Kontrast zu dem trockenen, farblosen Boden der Ebene. Dann glaubte sie, ihn zu erkennen. »Ich bin Joanna. Joanna McCoy. Kenne ich Sie?«
»Ich bin Sarek von Vulkan. Ich bin selbst gerade erst erwacht.«
Sarek. Joanna wiederholte den Namen in Gedanken. Ich sollte Sarek kennen. Wir sollen zusammen sein. Ich glaube, er … braucht mich für irgendwas. Warum funktioniert mein Gehirn nicht? »Botschafter Sarek, natürlich. Wissen Sie, wo wir sind?«
»Nein«, antwortete der Vulkanier, »obwohl dies nicht Centaurus ist.«
Centaurus. Der Angriff. Sarek. Er war … Moment …
»Sie sind verletzt!« Joanna wollte auf ihn zugehen und streckte ihre Hände aus, um ihm zu helfen. Doch dann hielt sie inne, als sie bemerkte, dass weder er noch seine Kleidung Spuren von Verletzungen aufwiesen. Sie wusste aber, dass er sie erlitten hatte. »Na ja, Sie waren verletzt.«
»Ich scheine unverletzt zu sein. Ich versichere Ihnen, dass es mir gut geht, obwohl ich gestehen muss, dass ich nicht erklären kann, warum das so ist.«
»Auf Centaurus wurden Sie verletzt. Ich habe Sie wegen innerer Blutungen behandelt.« Sie wischte sich mit der Hand über die Stirn. »Wenigstens glaube ich, dass ich das getan habe …«
Reiß dich zusammen, Joanna. Denk nach!
»Sie haben recht«, sagte Sarek. »Ich versichere Ihnen jedoch, dass ich nicht mehr unter derartigen Verletzungen leide.«
»Ich verstehe das nicht.«
Sarek antwortete: »Ich auch nicht, aber ich denke weiter über mögliche Erklärungen nach.«
»Ich schätze mal, dass wir nicht tot sind.« Joanna musterte ihre Umgebung, bevor ihr Blick zu Sarek zurückkehrte, der sich nicht bewegt hatte. »Oder doch?«
»Ich habe keinen Grund zu der Annahme, dass dies der Fall ist«, erwiderte der Vulkanier.
Joanna nickte mit neuer Überzeugung. »Gut. Also schön. Und Sie sind sicher, dass es Ihnen gut geht?«
»Ich bin sicher.«
Instinktiv griff Joanna an ihre Hüfte. Anstelle des tragbaren Medikits, das sie normalerweise bei der Arbeit im Universitätskrankenhaus von New Athens bei sich hatte, streiften ihre Finger nur über den Saum ihrer Tunika.
Ich hatte es nicht bei mir. Ich musste mir eins von Nett leihen, zur … Behandlung von …
»Was ist mit der Frau geschehen, der ich geholfen habe?« Joanna sah sich um, aber nur sie und Sarek waren hier auf der trostlosen Ebene. »Sie war auch verletzt.«
»Meine Frau«, erklärte Sarek. »Sie ist nicht hier. Ich weiß nicht, wo sie ist. Ich kann nur annehmen, dass sie sich immer noch auf Centaurus befindet.«
Joanna erinnerte sich, dass sie es mit einem Vulkanier zu tun hatte, und fand Trost in Sareks Selbstbeherrschung, sogar inmitten dieser bizarren Situation. Zweifellos hatte er selbst unzählige Fragen über ihren gegenwärtigen Aufenthaltsort, wie sie hierhergekommen waren und was mit allen anderen geschehen war, die sich während des Angriffs in unmittelbarer Nähe befunden hatten. Sie bezweifelte nicht, dass er um seine Frau besorgt war, aber seine emotionale Kontrolle war, wie bei den meisten Vulkaniern, beinahe absolut.
»Aber wenn wir nicht tot und nicht auf Centaurus sind, wo zum Teufel sind wir dann?«
»Unbekannt«, erwiderte Sarek. »Ohne weitere Informationen wären Spekulationen unlogisch.« Er deutete auf das Erdreich um sie herum. »Wir sind jedoch nicht die Ersten an diesem Ort. Dieser Boden scheint von Fußgängern aufgewühlt worden zu sein. Jemand war hier, und zwar vor Kurzem.«
Joanna runzelte die Stirn. Wie hatte ihr das entgehen können? Nun, da Sarek sie darauf hingewiesen hatte, sah sie Fußspuren in dem ansonsten unberührten Staub. Es gab mehrere Spuren, von denen viele so aussahen, als hätte jemand die unmittelbare Umgebung abgelaufen, so wie sie es bei dem Versuch, sich zu orientieren, ebenfalls getan hatte. Sie stellte sich vor, dass jemand, ein anderer Mann oder eine andere Frau, versucht hatte, sich zurechtzufinden, und dann die Berge in der Ferne entdeckt hatte. Mit diesem Gedanken im Hinterkopf brauchte sie nur einen Moment, um die verschiedenen Fährten kaum wahrnehmbarer Fußabdrücke zu entdecken, die in diese Richtung führten.
»Wie stehen die Chancen, dass wir mitten in dieser Einöde aufwachen und dass andere Menschen hier durchgekommen sind?«, fragte sie. »Bitte sagen Sie mir, dass ich nicht die Einzige bin, die das ein wenig merkwürdig findet.«
»Sie sind nicht die Einzige«, versicherte Sarek. »Es ist höchst ungewöhnlich.«
Joanna zeigte auf die Berge in der Ferne und sagte: »Sieht aus, als wären sie in diese Richtung gegangen. Dieser Plan erscheint mir so gut zu sein wie jeder andere. Außerdem müssen wir einen Unterschlupf und frisches Wasser finden und uns vor der Sonne schützen.« Sie sah nach oben. »Den Sonnen.«
Sarek antwortete: »Einverstanden, auch wenn es sich als beschwerlicher Weg erweisen könnte.«
»Wir haben nicht wirklich eine Wahl.« Joanna atmete tief durch. Dabei wurde ihr noch etwas anderes klar. »Allerdings fühle ich mich gut. Ich bin nicht müde.«
»So wie Sie fühle ich mich nicht ermüdet und ich bin weder hungrig noch durstig.«
Stirnrunzelnd dachte Joanna darüber nach. Ihre Kehle war nicht trocken. Sie sah zu den Sonnen. »Mir ist nicht mal warm. Ich glaube, es könnte schlimmer sein.«
»In der Tat.«
Die beiden marschierten schweigend los und Joanna nutzte die Gelegenheit, ihre Umgebung zu studieren. Sie sah keine Vegetation oder auch nur eine Felsformation, sondern nur endloses, flaches Gelände. Der sonnenverbrannte, blassgraue Boden wurde von Flächen mit feinem, weißem kristallinem Pulver unterbrochen, in dem die Spuren der unbekannten Reisenden besser zu sehen waren. Könnte dies einst ein riesiger Ozean gewesen sein, der vor Jahrtausenden aus unbekannten Gründen ausgetrocknet war? Selbst ein ehemaliger Meeresboden würde ein paar Geländemerkmale aufweisen, dachte sie.
»Wie fühlen Sie sich, Botschafter?«
Sarek war in einen zügigen Schritt verfallen, den sie recht gut mithalten konnte, und antwortete: »Ich fühle mich gut, danke.«
»Ich auch, und das ist das Merkwürdige.« Das war ihr erst klar geworden, als sie schon einige Entfernung zurückgelegt hatten. »Mir sollte heiß sein oder ich sollte zumindest eine gewisse Müdigkeit in den Beinen oder im Rücken verspüren, aber das ist nicht der Fall. Ich bin nicht mal außer Atem.« Sie warf einen Blick auf den Vulkanier und fügte hinzu: »Mir leuchtet ein, dass es Ihnen gut geht. Sie sind Vulkanier.« Sie deutete auf ihre Umgebung. »Sie sind an so eine Umwelt gewöhnt.«
»Das bin ich.« Er musterte sie. »Ich schließe aus Ihren Beobachtungen, dass Sie ähnliche Bedingungen gewöhnt sind?«
Joanna kicherte. »Kaum. Centaurus hat ziemlich gemäßigtes Klima.«
Als Sarek nichts erwiderte, beschloss sie, keine weiteren Gespräche zu erzwingen, sondern sich stattdessen darauf zu konzentrieren, mit dem Vulkanier auf dem Weg über die Ebene Schritt zu halten. Sie schätzte, dass sie weniger als dreißig Minuten gelaufen waren, obwohl es ohne Chronometer keine Möglichkeit gab, sicher zu sein. Wie lang war ein Tag auf diesem Planeten? Soweit sie es beurteilen konnte, hatten die Sonnen sich seit ihrer Ankunft nicht bewegt, aber auch das konnte sie nicht mit Sicherheit sagen.
»Meine Gemahlin.«
Die ersten Worte, die Sarek seit einiger Zeit gesprochen hatte, schreckten Joanna auf. Sie riss ihren Blick von dem nicht enden wollenden, fahlen Boden los, der sich vor ihnen erstreckte, und sah den Botschafter an. Er hatte seine Hände vor dem Körper gefaltet und lief weiter. Zum ersten Mal wurde ihr bewusst, dass seine Augen geschlossen waren. Wie lange war das schon der Fall und wie hatte er es geschafft, nicht zu stolpern oder nach links oder rechts abzudriften und möglicherweise in sie hineinzustolpern?
»Botschafter?«
Statt auf sie zu reagieren, ging Sarek weiter. Seine Augen blieben geschlossen. Joanna bemerkte, dass sich seine Lippen bewegten, obwohl sie keine weiteren Worte hören konnte. War dies eine Art Schlafwandeln? Sie wusste, dass Vulkanier über außergewöhnliche Orientierungsund Bewusstseinssinne verfügten, aber dies war anders als alles, was sie zuvor gesehen hatte. Ihr kam in den Sinn, dass er vielleicht einfach in Gedanken versunken war und versuchte, seinen Geist zu beschäftigen, statt sich von der unerbittlichen Gleichheit ihrer Umgebung vereinnahmen zu lassen. Vielleicht meditierte er. Sie wusste, dass die meisten – wenn nicht sogar alle – Vulkanier das aus verschiedenen Gründen taten.
»Meine Gemahlin.«
Die Worte waren so leise, dass Joanna sie fast überhört hätte. Allmählich beunruhigte er sie. Sie streckte die Hand aus, hielt jedoch inne, kurz bevor sie die Hand auf seinen Arm legte. Sie bemerkte, dass seine Stirn in Falten lag, als befände er sich in tiefer Konzentration. War er so in seine Meditation, oder was auch immer er gerade tat, versunken, dass er nicht bemerkte, dass er laut sprach?
»Meine Gemahlin.«
Diesmal blieb der Botschafter stehen und als er seine Augen aufschlug, spürte Joanna seine Verwirrung. Er verhielt sich, als sei er aus tiefem Schlaf erwacht. Als er feststellte, dass sie ihn anstarrte, richtete er sich kerzengerade auf. »Verzeihen Sie mir«, sagte er. »Ich wurde … von einem höchst seltsamen Gefühl übermannt.«
»Geht es Ihnen gut?«
Sarek hielt einen Moment inne, als würde er seine Antwort überdenken. »Ich weiß nicht, wie ich dieses Erlebnis erklären soll, außer dass es dem Band, das ich mit meiner Gemahlin teile, sehr ähnlich war.«
Durch ihre Studien der vulkanischen Kultur wusste Joanna, dass Vulkanier telepathisch mit ihren Partnern verbunden waren und sie, je nach individuellem Können, spüren oder sogar mit ihnen kommunizieren konnten, wenn sie sich in der Nähe befanden. Es gab zahlreiche Geschichten darüber, welche Entfernungen auf diese Weise überbrückt werden konnten, aber Joanna hatte nie viel auf solche Mythen gegeben. Außerdem bezweifelte sie, dass die Frau des Botschafters die telepathischen Fähigkeiten besaß, um eine solche Leistung zu vollbringen. Sie entschied, dass er meditiert haben musste und dass er laut gesprochen hatte, als seine Gedanken sich ihr zugewandt hatten. Sie fand, dass man Sarek angesichts der gegenwärtigen Umstände verzeihen konnte, was einige Vulkanier für einen Mangel an Disziplin hätten halten können. Außerdem, wenn es ihm half, auf dem Weg zu ihrem Ziel konzentriert zu bleiben, dann würde sie sicher nichts dagegen sagen. Schließlich hatten sie noch einen langen Weg vor sich, bis sie …
»Wow.«
»Was ist los?«, fragte Sarek.
Statt einer Antwort sah sie zuerst ihn und dann die Bergkette in der Ferne an.
Die Berge waren näher gerückt. Viel näher. Ihre Ausläufer schienen von Bäumen bewachsen zu sein, die zweifellos Schutz bieten würden.
»Wie zur Hölle ist das passiert?«
»Wir scheinen viel schneller vorangekommen zu sein, als bei unserem Lauftempo vernünftigerweise anzunehmen wäre«, bemerkte der Botschafter.
Joanna nickte. »Aber wirklich. Wie lange sind wir schon unterwegs?«
»Ich bin nicht sicher.« Nach einem Moment fügte Sarek hinzu: »Ich bin nicht in der Lage, die an diesem Ort verstrichene Zeit zu berechnen oder auch nur zu schätzen.«
»Das ist ungewöhnlich für Sie, nicht wahr?«
»Das ist es«, antwortete Sarek. »Höchst interessant.«
Vor ihnen warteten die Berge und der einladende Wald an ihrem Fuße. Joanna fragte sich, was sie dort vorfinden würden.
Was zum Teufel ist das hier für ein Ort?

B’tinzal hasste diesen verfluchten Planeten und alles und jeden, der mit ihm in Zusammenhang stand. Nun ja, fast alles.
Wenn sie so darüber nachdachte, hätten ihr der dichte, endlose Regenwald und die damit einhergehende drückende Hitze willkommen sein müssen. Schließlich erinnerte es sie an den Dschungel der Region Kintak auf Qo’noS, in der sie als Kind viele Jahre auf der Jagd verbracht hatte. Das waren angenehme Erinnerungen, zumal ihr Vater und ihr Großvater sich über die Konventionen ihres Dorfs hinweggesetzt hatten, indem sie den weiblichen Nachwuchs zur Jagd mitgenommen hatten, statt Haus und Vieh von ihm versorgen zu lassen. Da er keinen Sohn hatte, an den solche Traditionen weitergegeben werden konnten, hatte ihr Vater dafür gesorgt, dass sie auf das Erwachsensein genauso vorbereitet wurde wie jedes männliche Kind.
Trotz der vorläufigen Ergebnisse der Sensordaten über die einheimische Tierwelt dieses Planeten hatte B’tinzal bisher nichts gesehen, was mit den wilden targs, krencha und anderem Großwild, das sie vor so langer Zeit auf diesen Jagden verfolgt hatte, vergleichbar gewesen wäre. Sie war versucht, nur mit ihrer treuen Klinge bewaffnet in die Wildnis aufzubrechen und mit eigenen Augen zu sehen, welche Herausforderungen diese Welt zu bieten hatte.
Vielleicht ein anderes Mal, rief sie sich zur Ordnung. Im Moment war auf diesem Planeten nur eins interessant: das Konstrukt der Fremden.
B’tinzal stand auf der Terrasse mit Blick auf das Gelände, das auf der als Usilde bekannten Welt zum Operationszentrum der Klingonen geworden war. Die ersten Sonnenstrahlen des Morgens drangen durch die Bäume und erhellten den großen Waldabschnitt, der von Baumaschinen abgeholzt worden war, um offenes Gelände zu schaffen. Sechs Gebäude unterschiedlicher Größe waren hier eilends errichtet worden, wobei Thermobeton und andere semipermanente Baumaterialien verwendet worden waren. Das Lager war zum Schutz vor einheimischen Raubtieren, die im umliegenden Wald im Überfluss vorhanden zu sein schienen, von einer Barriere umgeben. Alle Gebäude, die um den behelfsmäßigen Innenhof herum angeordnet waren, waren einstöckig, mit Ausnahme des Hauses, in dem ihre Unterkünfte und die Kommandozentrale des Lagers untergebracht waren. Dieser Moment, bevor geschäftiges Treiben das Lager ergriff, war ihre liebste Tageszeit. Andere Klingonen liefen bereits umher und kümmerten sich um die ersten Aufgaben des Tages. In der Ferne sah B’tinzal, wie Soldaten zum Wachturm am äußersten Rand des Geländes gingen, während andere ihn verließen.
Kaum sichtbar durch die Bäume nördlich des Lagers ragte aus der Mitte des riesigen Sees der gewaltige dunkle Metallrumpf der bizarren Festung empor, die von einer sechzig Meter hohen Ringmauer umgeben war. Dominiert wurde die Zitadelle von der hoch aufragenden Zentralsäule. Die Säule diente als Träger für eine Ansammlung scheibenartiger Module, die nach oben hin immer kleiner wurden. Auf der Spitze der Säule saß eine große, gewölbte Scheibe, auf der sich eine Anordnung von Sensor- und Kommunikationsantennen befand. Diese war auffallend, auf ihre eigene Weise sogar wunderschön, und hatte sich als ebenso ärgerlich wie faszinierend erwiesen.
»Guten Tag, Professor.«
B’tinzal wurde aus ihren Tagträumen gerissen und sie drehte sich um. In der Tür stand ihr Assistent Kvarel. Der junge Klingone trug wie die meisten der Wissenschaftler einen dunklen Overall.
»Guten Tag«, antwortete B’tinzal. »Darf ich annehmen, dass Sie zu dieser frühen Stunde eine Botschaft überbringen?«
Kvarel nickte. »Ja, Professor. Captain J’Teglyr verlangt einen neuen Statusbericht über unsere Fortschritte.«
»Sie meinen, seit dem, den ich ihm gestern Abend geschickt habe, bevor ich zu Bett ging?« B’tinzal schüttelte den Kopf. »Warum überrascht mich das nicht?« Obwohl sie das hierher entsandte Untersuchungsteam leitete, lag die Gesamtverantwortung für die Mission immer noch bei Captain J’Teglyr, dem Kommandanten des im Orbit befindlichen Kriegsschiffs I.K.S. Vron’joQ. J’Teglyr war ein Krieger der alten Schule und hatte wenig übrig für jemanden, der keine Uniform trug, und noch weniger Respekt, wenn diese Person auch noch eine Frau war. Wie viele in seinem Berufsstand verschloss sich dem Captain die Bedeutung von allem, was den Zielen der Eroberung nicht direkten Vorschub leistete. Für ihn war dieser Auftrag bestenfalls eine Ablenkung und schlimmstenfalls eine Bestrafung, obwohl er das Potenzial hatte, dem Reich etwas von großem Wert einzubringen.
Kvarels Gesichtsausdruck verhärtete sich und er sagte: »Er scheint sie immer häufiger anzufordern.«
»Ich vermute, er erhält ähnliche Befehle von seinen eigenen Vorgesetzten.« B’tinzal gestattete sich ein verschmitztes Lächeln. »Es ist schwierig, viel Mitleid für den Captain aufzubringen. Ich habe ihn gewarnt, dass dies wahrscheinlich ein ziemlich zeitaufwendiges Unterfangen sein würde.« Sie zeigte über die Terrasse hinweg in Richtung des Geländes. »Er hat offenbar das Bedürfnis, die Zeit und die Ressourcen zu rechtfertigen, die für die Durchführung unserer kleinen Expedition aufgewendet werden.«
Was als einfache wissenschaftliche Mission begonnen hatte, hatte sich immer mehr ausgeweitet. B’tinzal wusste, dass es auf eine umfassende Besetzung des gesamten Planeten hinauslaufen würde. Ihrer Ansicht nach waren formelle Einrichtungen wie die militärische Garnison und der Kommandoposten unnötig, da sie das ranghöchste Mitglied des Untersuchungsteams war und nur ein kleines Sicherheitskontingent zu ihrem und dem Schutz ihrer Kollegen zur Verfügung stand. Und selbst das war vielleicht nicht unbedingt notwendig, da die einheimische empfindungsfähige Spezies, die Usildar, keine echte Bedrohung darstellte.
Dennoch hatte Captain J’Teglyr, der seine Befehle bedingungslos befolgte, die Übernahme des gesamten Planeten in Gang gesetzt. Die meisten Bewohner der nahe gelegenen Siedlungen waren bereits in Lagern zusammengetrieben und abgestellt worden, um verschiedene Aufgaben zu erledigen, wie beispielsweise die Rodung der umliegenden Wälder, um Platz für eine größere, dauerhaftere Basis zu schaffen. Es gab auch Pläne, den Rest der Usildar-Bevölkerung zu unterwerfen, was allerdings erheblich mehr Personal erfordern würde. B’tinzal erkannte natürlich den Sinn dieser Bemühungen: Die Einnahme von Usilde würde eine weitere Quelle wertvoller Mineralerze und anderer natürlicher Ressourcen erschließen, die das Reich insbesondere dafür nutzen konnte, den immer hungrigen klingonischen Militärapparat zu füttern. Von gleichem oder vielleicht sogar noch größerem Wert war, der Föderation genau diese Gelegenheit zu verwehren. Der Planet hatte kaum etwas anderes zu bieten, obwohl seine strategische Lage zumindest dazu beitragen würde, die unaufhörlichen Expansionsbemühungen der Föderation einzudämmen.



