Star Trek - Legacies 3: Der Schlüssel zur Hölle

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»In Ordnung«, sagte Kirk, »wir werden dank Mister Scott dort ankommen. Was passiert danach?«
Spock stützte seine Unterarme auf den Konferenztisch und hielt zwei Computerdatenkarten in der Hand. »Ensign Chekov und ich haben unsere Untersuchung des Transferschlüssels fortgesetzt. Wir sind natürlich insofern eingeschränkt, als dass wir den Mechanismus nicht auseinandernehmen können, denn das birgt das Risiko, dass wir eventuell nicht in der Lage sind, ihn wieder richtig zusammenzusetzen. Selbst Trikorder- und Sensorscans der internen Komponenten des Geräts haben sich als nicht schlüssig erwiesen. Es ist unsere Theorie, dass die Technologie des Geräts aufgrund seiner Herkunft aus dem anderen Universum zumindest teilweise mit unserer eigenen inkompatibel ist. Tatsächlich stützen unsere Scans des Geräts und der Jatohr-Zitadelle unsere Hypothese, dass das andere Universum anderen physikalischen Gesetzen unterliegen könnte. Dennoch glauben wir, dass wir einige Fortschritte gemacht haben.«
»Kann er an unsere Energiesysteme angepasst werden?«, fragte Kirk.
»Wir müssen Mr. Scotts Meinung zu unseren Ergebnissen einholen«, antwortete Spock, »aber wir sind der Meinung, dass es möglich ist, den Schlüssel an unseren Warpantrieb anzupassen und diesen zur Energieversorgung des Geräts zu nutzen, ohne dass die gleichen negativen Auswirkungen auftreten wie bei dem romulanischen Schiff.«
McCoy fragte: »Können wir ihn benutzen, um mit jemandem in dem anderen Universum zu kommunizieren?«
»Unbekannt«, erwiderte Spock. »Die Analyse unserer Sensor- und Trikordermessungen des Transferschlüssels hat bisher nichts ergeben, was Ziel- oder Kommunikationskomponenten entsprechen würde. Derartige Systeme sind jedoch im Transferfeldgenerator vorhanden. Aufgrund unserer Erkenntnisse glaube ich, dass die einzige Möglichkeit, jemanden im anderen Universum zu lokalisieren oder zu kontaktieren, der Transferfeldgenerator unter Verwendung des Transferschlüssels als Mittel des direkten Zugriffs wäre.« Spock legte die Datenkarten auf den Tisch. »Es ist möglich, vielleicht sogar wahrscheinlich, dass unsere Technologie mit den physikalischen Eigenschaften dieser Realität inkompatibel ist. Wir werden weitere Tests durchführen, einschließlich Computersimulationen, die wir überarbeiten, sobald wir mehr über den Transferschlüssel erfahren.«
»Ich bin mir ziemlich sicher, dass mir das nicht gefällt«, bemerkte McCoy.
Während Kirk Spocks Empfehlungen ohne Zögern vertraute, war er weniger geneigt, den Schlussfolgerungen eines Computers in Bezug auf das, worauf sie stoßen könnten, volles Vertrauen entgegenzubringen. Einfach ausgedrückt: Spock, Chekov und der Schiffscomputer benötigten mehr Informationen von der Quelle.
»Was ist mit einer Sonde?«, fragte Kirk. Dann, als er sich erinnerte, mit wem er sprach, lächelte er dünn. »Lassen Sie mich raten. Sie haben schon daran gedacht.«
Der Vulkanier nickte. »Wir hoffen, dass wir eine automatisierte oder ferngesteuerte Sonde mit den richtigen Sensorkomponenten ausstatten können, um die Auswirkungen des anderen Universums auf unsere Ausrüstung zu erfassen. Ensign Chekov schlug dies als eine Möglichkeit vor. Auch hier wird das Fachwissen von Mr. Scott sehr hilfreich sein, aber so würde unsere Empfehlung lauten.«
Das gefiel Kirk schon besser, obwohl es auch bei dieser Option Probleme geben würde. »Die Klingonen werden jeden unserer Schritte beobachten, sobald wir Usilde erreichen. Wir können darauf wetten, dass alle dort inzwischen wissen, dass wir den Transferschlüssel haben. Dennoch erwarte ich nicht, dass sie auf uns losgehen, zumindest nicht sofort.«
Spock antwortete: »Der Friedensvertrag von Organia erlaubt es Schiffen beider Seiten, sich in einem umstrittenen Gebiet aufzuhalten, solange sie nicht in Kämpfe verwickelt sind.«
»Ich werde nicht auf die Fairness derer vertrauen, die wir dort vorfinden«, sagte Kirk. »Außerdem haben wir bereits gesehen, dass die Organier sich nicht um jedes kleine Scharmützel kümmern.«
»Glaubst du, dass sie irgendwas von all dem hier mitbekommen?«, fragte McCoy. »Ich meine, oberflächlich betrachtet wirkt es wie jede andere Meinungsverschiedenheit darüber, wer Anspruch auf einen einzelnen Planeten erhebt. Dabei steht hier so viel mehr auf dem Spiel.«
»Das ist eine gute Frage, Pille.« Kirk war dankbar, dass sein Freund zumindest einen Teil seines Selbstvertrauens wiedergewonnen zu haben schien und seine Meinung äußerte, statt sich wegen der Sorgen um seine Tochter in Schweigen zu hüllen und sich in die Verzweiflung treiben zu lassen.
»Unser Einsatz bei Capella IV hat mich dazu veranlasst, meine Meinung über die Organier und die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich einmischen, zu überdenken.« Der Besuch der Enterprise auf dieser Welt und die anschließende Begegnung mit einem klingonischen Abgesandten, der versucht hatte, die Verhandlungen der Föderation mit den Capellanern zu untergraben, hatten Kirk gezeigt, dass die Organier nicht versessen darauf waren, jeden Streit zu schlichten. »Sie scheinen sich damit zufrieden zu geben, dass wir kleine Meinungsverschiedenheiten selbst beilegen.«
»Richtig«, entgegnete McCoy, »aber hier liegt der Fall etwas anders. Vielleicht haben wir einfach noch nicht die Grenzen ihrer Geduld ausgelotet.«
»Dr. McCoys Argument ist stichhaltig«, sagte Spock. »Diese Situation könnte durchaus dazu geeignet sein, seine Theorie auf die Probe zu stellen.«
McCoy beugte sich zu dem Vulkanier. »Sie meinen, Sie stimmen mir zu?«
Spocks zog die Augenbrauen zusammen. »Ich glaube, das sagte ich gerade, Doktor.«
»Wir rechnen offensichtlich nicht damit, dass die Organier einschreiten«, sagte Kirk, »weder um uns zu helfen noch um uns zu behindern. Scotty, wir brauchen Waffen und Verteidigungssysteme, die voll leistungsfähig sind, koste es, was es wolle. Halten Sie sich bereit, Energie abzuzweigen, wo immer es nötig ist. Warten Sie nicht mal auf meinen Befehl, falls es so weit kommt.«
Der Ingenieur antwortete: »Aye, Sir. Wir werden bereit sein.«
»Wir dürfen auch die Jatohr nicht vergessen.« Kirk sah seine Freunde an. »Die Auswirkungen ihrer Ankunft scheinen auf Usilde beschränkt zu sein, aber wir können nicht mit Gewissheit sagen, dass sie sich damit zufriedengeben werden, dort zu bleiben. Wir können unmöglich wissen, was die Jatohr planen, und sie hatten achtzehn Jahre Zeit, sich darauf vorzubereiten, dass dieses Tor sich öffnet. Es ist wichtig, unsere Leute da rauszuholen, aber wir müssen das ohne Beihilfe zu einer Invasion tun.« Kirk hatte die Berichte gelesen, die Captain Robert April und damals noch Lieutenant Una eingereicht hatten. Darin stand, dass dier Jatohr-Wissenschaftlir Eljor, dien sie auf Usilde getroffen hatten, besorgt war, dass xiese Leute nie den Versuch aufgeben würden, von ihrem Universum in dieses zu gelangen. Zu diesem Zweck würden sie nach Mitteln und Wegen suchen, um den Transferschlüssel zu replizieren oder den Transferfeldgenerator auf andere Weise zu aktivieren. Wenn man dann noch die Klingonen und ihre fortwährenden Bemühungen, die Geheimnisse der Zitadelle zu ergründen, hinzunahm, konnte das nur in der Katastrophe enden.
Niemand hat mir je versprochen, dass dieser Job einfach sein würde.
»Es gibt natürlich noch eine andere Sorge«, mahnte Spock. »Die Usildar.«
Kirk nickte. »Das sehe ich auch so. Sie haben um nichts davon gebeten, aber jetzt sind wir ja da. Egal was wir tun, wir müssen ihre Interessen wahren. Es geht nicht nur darum, was die Klingonen ihnen und dem Planeten antun könnten, sondern auch um den Schaden, den die Jatohr bereits angerichtet haben.«
»Die Bemühungen, das Ökosystem des Planeten durch Terraforming wiederherzustellen, könnten Jahrzehnte dauern«, gab Scott zu bedenken, »vorausgesetzt, wir sind überhaupt in der Lage, alles rückgängig zu machen, was die Jatohr angerichtet haben, um die Umwelt nach ihren Bedürfnissen zu verändern.«
Kirk antwortete: »Es spielt keine Rolle, wie lange es dauert. Es muss getan werden.«
»Ohne Frage.« Spock richtete sich auf, faltete die Hände vor sich und streckte die Zeigefinger aus, sodass sie sich berührten. Kirk assoziierte diese Haltung mit einer meditativen Pose. »Jegliche Hilfe für die Usildar wird jedoch von den Klingonen und ihren Absichten, den Planeten betreffend, abhängen.«
Dieser Gedanke war Kirk seit dem Moment, als die Enterprise Kurs auf Usilde genommen hatte, im Kopf herumgespukt. »So wie ich es sehe, ist alles, was der Planet ihnen zu bieten hat, die Zitadelle – und im Moment ist die Zitadelle ohne den Transferschlüssel für die Klingonen nutzlos.«
Der Captain hielt inne und holte Luft. Es war nicht leicht, zu sagen, was er jetzt sagen musste. Mit Blick auf McCoy fügte er hinzu: »Was die Zitadelle der Jatohr angeht, könnten wir in einer schwierigen Lage sein. Wenn die Klingonen einen Weg finden, sie zu nutzen, bleibt uns vielleicht keine andere Wahl, als sie zu zerstören, um sie ihnen zu entreißen.«
»Du meinst, bevor wir sie benutzen können«, sagte McCoy. »Bevor wir Joanna und die anderen retten können.«
»Das ist durchaus möglich, Doktor«, antwortete Spock. »Wenn wir die Zitadelle nicht ohne klingonische Einmischung nutzen können oder wenn die Klingonen versuchen, uns den Transferschlüssel abzunehmen, bleiben uns nur sehr wenige Möglichkeiten.«
McCoy funkelte den Vulkanier an. »Das verstehe ich alles, Mr. Spock, aber wir sprechen immer noch von fünfzehn Menschen, die in diesem anderen Universum gefangen sind.« Er riss seine Hände hoch. »Und das sind nur die, von denen wir wissen. Vielleicht gibt es noch mehr unschuldige Menschen, die in das, was zur Hölle sich auch dort drüben befinden mag, hineingeworfen wurden. Wir können sie nicht einfach zurücklassen.«
Unbeeindruckt von dem Gefühlsausbruch erwiderte Spock: »Doktor, wir dürfen nicht vergessen, dass wir nicht wissen, ob überhaupt noch jemand von unseren Leuten lebt. Die Anwesenheit der Jatohr, die in unser Universum hinübergekommen sind, deutet zwar stark darauf hin, dass Sarek und die anderen den Übergang überlebt haben, aber sie ist kein schlüssiger Beweis. Wir wissen sehr wenig über die Physiologie der Jatohr und nichts über das andere Universum.«
Spocks nüchterne Darstellung trug wenig zu McCoys Beruhigung bei. »Verdammt, Spock. Das ist meine Tochter, von der Sie da in Ihrer distanzierten, logischen Analyse reden.«
»Dessen bin ich mir bewusst, Doktor.« Dann atmete Spock kurz ein und fügte hinzu: »Die emotionale Belastung, die Sie gegenwärtig ertragen, ist mir nicht fremd.« Das war für den Vulkanier eine seltene Demonstration von Einfühlungsvermögen. Es war beinahe damit gleichzusetzen, seine Arme für eine tröstende Umarmung um den anderen Mann zu legen.
Obwohl er versucht war, etwas zu sagen, um das zu entschärfen, was sich schnell zu einem verbalen Schlagabtausch zwischen den beiden Männern entwickeln könnte, beschloss Kirk, zu schweigen. Er hatte Verständnis für die Gefühle seines Freundes, weigerte sich aber auch, zu glauben, dass alles umsonst gewesen sein sollte. Joanna und die anderen waren noch am Leben. Das sagte ihm sein Bauchgefühl. McCoy seinerseits schien nicht nur Spocks Worte zu hören und zu verstehen, sondern auch ihre unausgesprochene Bedeutung.
»Tut mir leid, Spock«, entschuldigte er sich und rutschte auf seinem Sessel herum. »Ich weiß, Sie machen sich auch Sorgen um Ihren Vater. Ich …« Er brach ab, senkte den Blick auf den Konferenztisch und schüttelte den Kopf. »Es tut mir leid.«
Kirk trommelte mit den Fingern auf den Tisch. »Mach dir keine Sorgen, Pille. Wir geben weder Joanna noch die anderen auf, solange die geringste Chance besteht, dass wir sie zurückbekommen.« Die Worte »tot oder lebendig« kamen ihm in den Sinn, aber er wollte sie nicht laut aussprechen. Bis zum handfesten Beweis des Gegenteils waren Joanna McCoy, Botschafter Sarek, Captain Una und alle anderen, die in das andere Universum transportiert worden waren, noch am Leben und warteten auf ihre Rettung durch die Enterprise.
Also werden wir genau das tun.
Das Pfeifen des Schiffs-Interkoms hallte durch den Raum, gefolgt von der Stimme von Lieutenant Nyota Uhura. »Brücke an Captain Kirk.«
Kirk streckte die Hand nach dem kleinen Bedienfeld auf dem Konferenztisch aus und drückte den Knopf, um den dreiseitigen Bildschirm in der Mitte des Tischs einzuschalten. Alle drei Bildschirme erwachten zum Leben und zeigten das Bild des Kommunikationsoffiziers der Enterprise.
»Sprechen Sie, Lieutenant.«
»Entschuldigen Sie die Störung, Sir«, antwortete Uhura, »aber Sie wollten informiert werden, wenn wir eine Antwort vom Sternenflottenkommando erhalten. Admiral Komack berichtet, dass die U.S.S. Defiant umgeleitet wurde, um sich uns im Libros-System anzuschließen. Der Captain der Defiant hat bereits einen Bericht mitgeschickt, dass sie voraussichtlich innerhalb von zweiundzwanzig Stunden dort sein werden.«
»Zweiundzwanzig Stunden?«, fragte Scott. »Da bleibt doch noch ein bisschen Zeit, die es zu überbrücken gilt.«
Kirk kam zum selben Schluss, aber das ließ jetzt nicht ändern. Stattdessen fragte er Uhura: »Ich nehme an, die Defiant ist das nächstgelegene Schiff?«
»Ja, Sir«, antwortete der Lieutenant. Bedauern lag in ihrer Stimme. »Der Admiral entschuldigt sich. Er versucht, ein anderes Schiff zu finden, das er uns schicken kann.« Nach einer Pause fügte sie hinzu: »Es gibt noch eine weitere Mitteilung, Captain, die an Sie persönlich gerichtet ist.«
»Den Inhalt kann ich mir vorstellen«, antwortete Kirk. »Ich nehme sie in meinem Quartier entgegen, Lieutenant. Bitte senden Sie meine Bestätigung beider Nachrichten an Admiral Komack. Kirk Ende.« Er tippte auf den Knopf, um das Gespräch zu beenden, und lehnte sich in seinem Sessel zurück. »Nun, Sie haben mich das schon mal sagen hören, aber es sieht so aus, als wären wir auf uns allein gestellt, zumindest im Moment.« Er sah seinen Chefingenieur an. »Scotty, Sie wissen, was das bedeutet?«
Der andere Mann nickte, die Müdigkeit in seinen Augen war jetzt deutlicher zu erkennen. »Wir bringen das alte Mädchen in Ordnung, bevor wir Usilde erreichen, Captain. Sie haben mein Wort.«
»Das reicht mir.« Kirk erhob sich von seinem Platz und seine Führungsoffiziere reagierten auf sein wortloses Signal, dass das Treffen beendet war. »Eine Menge Leute zählen auf uns, meine Herren. Enttäuschen wir sie nicht.«

Meine Gemahlin …
Captain Una erwachte und ihr Geist war von einer seltsamen, unbekannten Stimme erfüllt. Als sie sich in den Überresten der jetzt beschädigten Gefängniszelle umsah, bemerkte sie, dass sie bis auf ihre beiden ehemaligen Schiffskameraden, Lieutenant Commander Raul Martinez und Ensign Tim Shimizu, immer noch allein hier war. Die Stimme hatte sicherlich keinem der beiden gehört. Hatte sie sie wirklich gehört oder sich einfach nur eingebildet?
Wo bin ich?
Sie brauchte einen Moment, um einen klaren Kopf zu bekommen und ihre Umgebung zu erkennen. Sie war zusammengesunken an der Steinmauer der Zelle erwacht, in der man sie und ihre Begleiter eingesperrt hatte. Jetzt diente die Zelle nur noch als einfacher Unterschlupf. Außerhalb der gegenüberliegenden Zellenwand schienen die gleißenden Zwillingssonnen und erhellten den klaren blauen Himmel über einer nahe gelegenen Lagune mit ihrem grau schimmerndem Wasser. Wieder einmal fiel ihr das fast völlige Fehlen von Umgebungsgeräuschen auf.
Wie lange waren sie schon hier? Obwohl Una normalerweise den Lauf der Zeit präzise verfolgen konnte, stellte sie diese Fähigkeit hier immer noch infrage. Waren Tage oder Wochen vergangen? Sie warf einen Blick auf ihre Schiffskameraden, die schon viel länger hier festsaßen. Irgendwie schien die Natur dieses Ortes einen Einfluss auf ihre Gedanken zu nehmen, dem sie sich wohl irgendwie entzogen hatte. Ihre Gedanken waren nach wie vor klar, doch ihre Freunde schienen alles sofort wieder zu vergessen. Sie wusste, dass sie wenig hilfreich sein würden, wenn es darum ging, ihre gegenwärtige Situation zu verstehen und einen Weg zu finden, sie alle wieder in ihre eigentliche Existenz zurückzubringen.
Meine Gemahlin …
Diese Stimme. War sie echt? Una dachte, sie hätte sie geträumt oder dass sie vielleicht das Ergebnis eines Streichs war, den ihr Verstand ihr gespielt hatte, während er versuchte, Antworten zu finden. Sie stand auf und bemühte sich darum, dass ihr die Worte, die bereits in ihrem Gedächtnis verblassten, nicht völlig entglitten. Wem gehörte die Stimme? Woher war sie gekommen? Es handelte sich nicht um eine Erinnerung, dessen war sie sich sicher.
»Hat das noch jemand gehört?«
Ihre Augen gewöhnten sich allmählich an das Tageslicht und sie richtete ihre Aufmerksamkeit auf ihre Kollegen. Keiner von ihnen antwortete auf ihre Frage. Shimizu, der schon seit ihrer gemeinsamen Zeit an der Sternenflottenakademie einer ihrer engsten Freunde war, lag ausgestreckt auf dem glatten Zellenboden. Sie betrachtete ihn voller Bedauern über ihren unwiederbringlichen Verlust: jahrelange gemeinsame Erfahrungen, berufliche Triumphe, Forschungserfolge – alles, was sie sich für ihr Leben erhofft hatten.
An die gegenüberliegende Wand der Zelle gelehnt saß Martinez. Er hatte die Arme über seinen angezogenen Knien verschränkt, um seinen Kopf darauf auszuruhen. Seine gegenwärtige Verfassung beunruhigte sie noch mehr als die von Shimizu. Raul Martinez war während ihres gemeinsamen Dienstes an Bord der Enterprise ein tüchtiger und äußerst fähiger Anführer gewesen. Er hatte der jungen Lieutenant Una Selbstvertrauen gegeben und sie hatte ihn bewundert. Zu Beginn ihrer Mission auf Usildar hatte er Captain Robert Aprils Entscheidung, ihr die Leitung über den unglückseligen Ausflug zur Planetenoberfläche zu übertragen, keine Sekunde lang infrage gestellt. Sie hatte Jahre damit verbracht, sich selbst die Schuld für diesen Tag zu geben, indem sie ständig über ihre Entscheidungen und Handlungen nachgedacht hatte und wie diese zum Verlust des gesamten Landetrupps an dieses mysteriöse Universum geführt hatten. Martinez jetzt so zu sehen wühlte diese Gefühle nur erneut auf. Nachdem er jahrelang an diesem unerklärlichen Ort gelebt hatte, war von dem einst imponierenden Mann mit einer strahlenden Zukunft in der Sternenflotte nur noch ein Schatten seines früheren Selbst übrig.
Sie konnte ihnen diese Jahre nicht zurückgeben, das wusste sie, aber sie konnte sie nach Hause bringen.
»Leute, wir müssen uns auf den Weg machen.«
Ihre Worte bewirkten nur, dass Shimizu sich auf den Rücken rollte. Martinez rührte sich gar nicht. »Tim! Commander! Aufwachen!« Als das nichts half, schüttelte sie beide so lange, bis sie reagierten.
»Was?«, fragte Shimizu und hob die Hand, um sich die Augen zu reiben.
Una antwortete: »Zeit zu gehen.« Sie ging zu Martinez, kniete sich neben ihn und legte eine Hand auf seine Schulter. »Commander, Sie müssen jetzt aufwachen.«
Endlich hob Martinez den Kopf. »Captain, ist alles in Ordnung?«
Una musste zugeben, dass es seltsam klang, als er sie mit ihrem derzeitigen Rang ansprach.
»Es ist alles in Ordnung, versprochen. Wir müssen uns auf den Weg machen.«
Die Wahrheit war, dass Una wohl nicht vorgeschlagen hätte, in der Zelle zu bleiben, in die sie nach einem Treffen mit Woryan, diem tyrannischen Kriegstreibir der Jatohr, kurzerhand gemeinsam eingesperrt worden waren, wenn die Nacht in dieser seltsamen Welt nicht so schnell hereingebrochen wäre. Selbst nachdem sie eine der Zellenmauern hatte verschwinden lassen, um ihren Gefährten zu zeigen, welche potenziellen geistigen Kräfte sie in dieser Welt besaßen, war es sinnvoll gewesen, die Zelle bis zum Morgengrauen als Unterschlupf zu nutzen. Ihre Fähigkeit, so etwas zu tun – die Elemente dieser Welt so zu manipulieren, wie sie es sich selbst beigebracht hatte –, überraschte sie selbst ebenso wie ihre Mannschaftskameraden. Una hatte recht bald erkannt, dass der Aufenthalt in dieser Welt offensichtlich den Verlust des Kurzzeitgedächtnisses zur Folge hatte.
Hatte ihre strenge mentale Disziplin es ihr ermöglicht, diese Beeinträchtigung zu bekämpfen? Das ließ sich nicht mit Sicherheit feststellen.
»Ich habe eine Stimme gehört«, sagte sie. »Vorhin, in meinem Kopf. Eine Männerstimme. Ich bin mir nicht sicher, warum, aber ich glaube, er könnte uns helfen.«
»Ich habe nichts gehört«, entgegnete Martinez.
»Ich auch nicht.« Shimizu runzelte die Stirn. »Warte. Du sagst, du hast ihn in deinem Geist gespürt?«
»Nicht genau«, erklärte Una. »Ich meine, zumindest nicht richtig. Ich will nicht so tun, als würde ich es verstehen, aber ich nehme an, es muss jemand sein, der hier genau wie wir gefangen ist. Wir müssen ihn finden, bevor Woryan es tut.«
»Woryan«, sagte Martinez und Una verspürte einen Anflug von Hoffnung, als er sich an den Namen dies Fremden zu erinnern schien und möglicherweise an ihr Treffen mit xiem in der Jatohr-Stadt auf der anderen Seite der Lagune. »Wir müssen xien davon abhalten, einen Weg zurück in unser Universum zu finden.«
»Ja! Genau, Commander«, bestätigte Una. »Also, brechen wir auf.«
Shimizu sagte: »Das lasse ich mir nicht entgehen.« Er ließ ein vertrautes Lächeln aufblitzen, das ihr sehr willkommen war. »Wo gehen wir hin?
»Ich bin mir nicht sicher«, antwortete Una, »aber ich habe eine Idee, wie wir dort hingelangen können.«
Una führte sie aus ihrer Zelle heraus und zum Ufer des grauen, trüben Sees. Sie hockte sich an den Rand der Lagune, streckte ihre Hände über das Wasser aus und schloss die Augen. Nach einem Moment der Konzentration fokussierte sie sich auf ein einziges Ziel. So hatte sie es am Abend zuvor gemacht, als sie einen Teil der Zellenwand hatte verschwinden lassen. Nun wollte sie etwas aus dem Nichts entstehen lassen.
Konzentrier dich. Sieh es vor dir und lass es wahr werden.
»Was zum Teufel?«, staunte Shimizu. »Wie machst du …?«
Una ignorierte ihn. Doch sie hielt lange genug inne, um zu erkennen, dass sich ihr Verdacht über den Verlust des Kurzzeitgedächtnisses ihrer Freunde zu bestätigen schien. Sie schob diesen Gedanken beiseite und widmete ihre volle Aufmerksamkeit wieder ihrem Ziel.
Sie öffnete die Augen, als sie hörte, wie das Wasser zu rauschen begann, und lächelte. Aus den Tiefen der Lagune tauchte eine matte, metallische Nachbildung eines Antigravitationsschlittens auf.
Es hat funktioniert!
»Hab ich Hallus?«, fragte Shimizu.
»Nur wenn ich auch welche habe«, entgegnete Martinez. »Wo um Himmels willen kommt der her, Captain?«
»Er gehörte meinem Großvater«, antwortete Una. »Als Kind bin ich immer sehr gern darauf über seinen Hof auf Illyria gefahren.« Obwohl er für den Transport von Ausrüstung und Feldfrüchten gebaut worden war, durfte sie ihn nach Erledigung ihrer Arbeit zum Spaß nutzen. Seine Nase war verbeult und der Lack auf seinen Karosserieteilen war verkratzt und abgenutzt.
»Und Sie haben ihn sich einfach … herbeigewünscht?«, staunte Martinez.
Una nickte. »So was in der Art.«
Ihr wurde bewusst, dass der Schlüssel zum Erfolg der Glaube war. Sie griff nach einer Kufe des Schlittens und zog ihn ans Ufer, was dank der Antigravitationseigenschaften ein Kinderspiel war. Im Zusammenspiel der physikalischen Eigenschaften, die in dieser Welt herrschten, und ihrer eigenen fortgeschrittenen geistigen Kontrolle schien fast alles möglich zu sein.
Shimizu fragte: »Funktioniert er?«
»Das werden wir gleich herausfinden.«
Sie kletterte in die Kabine und setzte sich auf die gepolsterte Sitzbank. »Er ist genauso, wie ich ihn in Erinnerung hatte.« Mit dem Daumen drückte sie auf den Startknopf, um die beiden Schwerkraftannullierer des Schlittens auf volle Leistung zu bringen. Sie lächelte über die charakteristische Besonderheit des Fahrzeugs – ein rhythmisches Zittern, das durch Leistungsschwankungen des hinteren Emitters verursacht wurde und das ihr Großvater nie hatte beheben können.



