10 Jahre Stalking - Nur weil Du ihn nicht siehst, heißt es nicht, dass er nicht da ist!

- -
- 100%
- +
„Das ist ja wie im Film, nur schlimmer.“ Diesen Satz höre ich häufig von Mitfühlenden, die kaum glauben können, dass so etwas in Deutschland, einem angeblich so zivilisierten, sozialen und fortschrittlichen Land, tatsächlich möglich sein kann. Das Rechtsbild ist erschüttert und obendrein auch der Glaube an die Rechtsordnung und den Schutz durch den Staat. Das kann doch alles nicht wahr sein, müsste man meinen. Doch leider habe ich am eigenen Leib erfahren, dass in Deutschland der Täter mehr Schutz und Zuwendung erhält als die Opfer. Dieser Umstand lässt Wut und Trauer vermuten: Wut über das Ausgeliefertsein gegenüber dem Täter und Trauer über die Hoffnungslosigkeit. Doch genau daraus schöpfe ich plötzlich eine ungeahnte Kraft, Kampfgeist und Selbstbewusstsein. Ich weiß, dass es unzähligen anderen Opfern ebenso ergeht wie mir. Viele von ihnen sind letztlich derart am Boden zerstört, dass Selbstmordgedanken den Tag beherrschen. Der Tod scheint an düsteren Tagen der einzige Ausweg aus diesem grausamen Stalking zu sein. In den Tod kann und wird mir der Stalker nicht folgen, wenn er mich auch sonst überall findet und ich keinen Frieden mehr vor diesem Unmenschen finde. Dann erscheint der Tod wie eine verlockende Befreiung. Wie verzweifelt man aufgrund des Psychoterrors denken und handeln kann, wird in diesem Buch deutlich. Die Zahlen hierzu erschrecken mich. Hier muss sich dringend etwas ändern! Das Leben ist kostbar, und niemand sollte es sich von einem Stalker entreißen oder sich selbst dazu hinreißen lassen, es zu beenden. Meine Zeilen werden Gefühle wie Fassungslosigkeit, Wut, Angst, Verzweiflung und sogar Hass widerspiegeln. Doch ich möchte auch Mut und Kraft für eine neue Sichtweise und einen Aufbruch in einen neuen Lebensabschnitt mitgeben. Ob es ein Happy End gibt? Das bleibt offen. Was überhaupt bedeutet „happy“ in diesem Zusammenhang? Wie kann Stalking jemals „happy“ enden?
Mein Buch ist kein Roman, keine Gruselgeschichte und kein Thriller, sondern die Erzählung einer unfassbaren, aber wahren Geschichte, die meiner Meinung nach eine Beschämung für unser deutsches Rechtssystem ist.
Wie alles begann
Nie vergesse ich dieses unglaubliche Gefühl, als wir staunend über den Gartenzaun gebeugt dieses wunderschöne, kleine Häuschen betrachteten. Wie ein Kind, das zum ersten Mal einen Freizeitpark besucht, so aufgeregt breitete sich das Kribbeln im Bauch aus. Es war das erste Haus, welches uns beiden, meinem Freund Frederik und mir, auf Anhieb gefiel. Bei den anderen Häusern hatten wir eifrig über Vor- und Nachteile diskutiert und die Umgebung abgewogen. Bei diesem Haus war einfach alles anders. Es fiel uns schon im Vorbeifahren positiv auf; ein kleines, verstecktes Häuschen etwas abseits der Straße. „Guck mal, sowas wäre es doch!“ Wir verdrehten uns förmlich den Hals nach diesem süßen Häuschen und lachten dabei, weil es so unrealistisch und unerreichbar schien. Solch ein Haus, das war uns klar, können wir leider nicht bekommen. „Jetzt schauen wir erstmal nach dem Haus, das wir eigentlich besichtigen wollen. Vielleicht ist das ja auch ganz hübsch, es muss ja hier gleich kommen“, sagte mein Frederik. Wir fuhren die Straße auf und ab, konnten die gesuchte Adresse aber nicht finden. Was wir nicht wussten: Die Straße war vor kurzem umbenannt worden, und somit hatten sich auch die Hausnummern geändert. Als wir nun das dritte Mal an unserem Märchenhaus vorbeifuhren, bemerkten wir, dass dieses Traumhäuschen genau an der gesuchten Adresse lag und weit und breit kein weiteres Haus zu finden war. Wir fuhren von der Straße ab und in eine kleine Einfahrt zum Haus hinunter. Direkt vor dem Grundstückstor stellten wir das Auto ab und stiegen aus. Ringsum war kein weiteres Haus zu sehen. Es war umgeben von einem kleinen Kiefernwald sowie Wiesen und Feldern. Der Sommer kündigte sich langsam an, alles war grün und die Sonne angenehm warm an diesem Tag. Das Grundstückstor war ein altes, in weißer Farbe angestrichenes, quadratisches Gittertor mit quadratischem Gittergeflecht. An der Seite hing ein deutlich in die Jahre gekommener weißer Briefkasten ohne Namensschild. Es sah trotz oder gerade wegen dieser Altersspuren sehr romantisch und interessant aus. Gut sechs Meter vor dem Tor standen fünf bis sechs alte, in einer Reihe parallel zum Zaun gepflanzte Weidenbäume. Zwischen dieser Baumreihe und dem Gittertor standen wir nun und guckten uns erstmal wortlos um. „Ist es das wirklich?“ Ich traute mich kaum, diese Frage laut auszusprechen, weil ich Angst hatte, dass dieses Gefühl gleich zerplatzen könnte. Die Sonne leuchtete die Blätter der Bäume an und es schien, als wenn sich unzählige Lichter durch eine leichte Brise tanzend im Baum bewegten, um uns willkommen zu heißen. Keiner von uns sagte etwas, wir standen einfach nur da und waren überwältigt. Beim Blick über das Tor in den Garten hinein schaute man direkt auf die Kopfseite des hellgelben Hauses mit seinen roten Dachziegeln. Links und rechts neben dem kleinen Fußweg aus alten, quadratischen Gehwegplatten säumten kleine Büsche, Sträucher und ein Stück Rasenfläche die Zuwegung zum Haus. Links vor dem Haus waren noch ein Carport, welches zu einem Garagenhäuschen verlief, und eine ebenso in hellem Gelbton gehaltene Werkstatt. Wir wollten gern mehr sehen und liefen, soweit es die Vegetation rings um das Grundstück zuließ, um das eingezäunte Grundstück herum. Zwischen dem Haus und der 25 bis 30 Meter entfernten Straße lag eine kurz gehaltene Wiese über, die wir zumindest von der Straßenseite aus noch ein Stück weit entlang gehen konnten. Endlich entdeckten wir die gesuchte Hausnummer. Es war tatsächlich die von uns gesuchte Adresse. Bis auf den Vorgarten an der Kopfseite des Grundstücks war das Grundstück größtenteils recht verwildert, aber dennoch waren wir diesem wunderschönen Haus längst verfallen. Wir spekulierten darüber, wie schrecklich es wohl von innen aussehe, wenn es von außen in unseren Augen einfach so perfekt war. Wir hatten uns bis dahin schon einige Häuser angesehen und unbeschreibliche Überraschungen erlebt. Bei einem Haus fiel ich beinahe gleich bis in den Keller hinein, weil direkt hinter der Eingangstür der Fußboden komplett fehlte und sich ein großes Loch auftat, welches den sofortigen, aber ungewollten Einstieg in den Keller ermöglichte. Dieses Bild hatte ich nun vor Augen und dachte, dass es bei diesem Häuschen noch viel schlimmer kommen würde, verglichen mit den bereits besichtigten Häusern. Wir platzten vor Neugier und riefen sofort den Makler an. Wir baten darum, das Haus nun auch von innen besichtigen zu dürfen und vereinbarten gleich zum nächsten Tag einen Termin mit ihm. Am liebsten hätten wir vor dem Haus campiert! Wir taten uns schwer damit, nun wieder nach Hause zu fahren und diesen Ort zu verlassen. Am nächsten Tag waren endlich die unzähligen Stunden des Wartens vorbei, und wir fuhren nun zielstrebig zum Termin. Schon beim ersten Schritt in den Garten überkam mich ein wohliges Gefühl. Alles erschien vertraut, aber zugleich unwirklich. Dieses Gefühl umhüllte mich, als hätte mir jemand an einem kühlen Tag eine warme und gut duftende Decke umgelegt. Ein wunderschönes, großes Grundstück mit vielen kleinen Schuppen und einer großzügigen Garage am Eingang. Es gab so vieles zu entdecken. So muss sich Alice im Wunderland gefühlt haben! Ging man um das Haus herum, tat sich wieder eine neue Welt auf, ein verwilderter Garten, ein eigenes kleines Stück Wald mit hohen, gut 80 oder 100 Jahre alten Kiefern, alle krumm und interessant schief gewachsen, gezeichnet von der Zeit. Linksseitig des Hauses war ein Küchenanbau angebaut worden. Durch diesen Anbau gelangte man auch in das Haus, sodass die Küche der erste Raum war, den man im Haus betrat. Vor diesem Anbau tat sich ein weiteres kleines, gepflegtes Gartenstück auf.
Die kurz gemähte Wiese war mit bunten Blumen und Sträuchern eingefasst. Linksseitig wurde dieser kleine Garten von einer hellgelb gestrichenen Mauer eingefasst. In der Mauer zeigte sich ein vergittertes Durchgangstürchen mit einem Rundbogen, durch welches man in einen separaten, jedoch wesentlich ungepflegteren Gartenteil gelangte. In diesem wilden Gartenteil befand sich ein kleiner Unterstand, recht niedrig, so dass man nicht aufrecht darin stehen konnte. Er war mit allerlei Unrat zugestellt worden. Vermutlich war dies einmal ein Unterstand für Holz. Gleich hinter dem Unterstand tauchte ein uralter, kleiner Feldbahnwagen auf. Völlig in die Jahre gekommen und mit vielen deutlichen Schadstellen, rief er quasi um Beachtung. Mit diesen Feldbahnen wurde vor über einhundert Jahren die Ernte von den Feldern direkt in die Städte transportiert. Ein solcher Waggon stand nun hier auf einem Betonsockel abgestellt, umringt von Unrat, Unkraut und Müll. Er war völlig eingewachsen und bereits am Verfallen. Ich war sofort in diesen alten Waggon verliebt, und wenngleich ich nicht umgehend eine Verwendung dafür im Kopf hatte, so war mir klar, dass dieser alte Wagen von uns nicht abgerissen wird, sofern wir das Grundstück bekommen würden. Doch das Interessanteste stand uns ja noch bevor, das Haus. Wir brannten nun darauf, endlich das Haus betreten zu können und bekamen zeitgleich auch immer mehr Angst davor. Wenn der Makler scheinbar taktisch vorging und uns erst das schöne Grundstück zeigt, muss es drinnen eine absolute Ruine sein. Das rote Satteldach des kleinen Siedlerhauses wirkte noch recht neu auf uns und wir schätzten, dass es nicht älter als 15 Jahre sein konnte. Die in der Fassade weiß umränderten Fenster leuchteten freundlich und einladend zwischen der hellgelben Fassade hervor.
Der Makler öffnete die Tür und zu unserem Erstaunen hatte das Haus einen Fußboden. Ich musste weder mit den Armen mein Gleichgewicht halten, um nicht in die Tiefe zu stürzen, noch war auf den ersten Blick überhaupt irgendwelches Grauen zu erkennen. Wir standen in einer fast 20m² großen Wohnküche, mit einer zwar in die Jahre gekommenen, aber sehr großzügigen altweißen Einbauküche mit Gasherd. Die großen Küchenfenster, welche sich immerhin über zwei komplette Seiten der Küche erstreckten, ließen die Küche noch größer wirken, als sie ohnehin schon war. Es war hell und freundlich, schlicht gesagt sehr einladend, und der Ausblick aus den übergroßen Küchenfenstern in den eigenen Garten war traumhaft. Man blickte in eine grüne Oase, die eigene Oase. Bei diesem Ausblick bräuchte man weder Gardinen noch sonst irgendwelchen Sichtschutz anbringen, denn die Küche war nur vom eigenen, privaten Grundstück umringt. Hier musste man keine fremden Blicke fürchten. Das war der erste Gedanke, als wir in dieser lichtdurchfluteten Küche standen.
Die Küche schien ein späterer Anbau an das alte Haus zu sein, denn von hier aus gelangte man nun in den Hauptteil des Wohnhauses, in den Flurbereich.
Als ich den Flur betrat, durchströmte mich ein Gefühl, als wenn ich mit dem Haus verbunden wäre. Ich fühlte mich sofort zuhause und liebte dieses Haus einfach, ohne die anderen Räume gesehen zu haben. So komisch es klingt, ich fühlte mich von diesem Haus ebenso geliebt und behütet. Der Makler zeigte uns geduldig das ganze Haus, vom Kartoffelkeller bis zur Dachspitze, erklärte uns die Heiztechnik und den kleinen, silbernen Schmuckkamin mit Glaseinsatz im Wohnzimmer. Er ließ uns im Anschluss nochmal alleine durch das Haus streifen, um alles in Ruhe auf uns wirken zu lassen. Und wie es wirkte! Frederik und ich standen nahezu fassungslos da und grübelten, wo der Haken an der Sache sein könnte. Plötzlich breitete sich die Sorge aus, dass das Angebot mit dem Preis im Exposé vielleicht nicht stimmen könnte, daher fragten wir nochmal nach. Als der Makler den Preis bestätigte, war uns völlig klar, dass wir alle übrigen Besichtigungstermine absagen würden. Wir gaben sofort unsere Kaufzusage. Erst danach erfuhren wir noch, dass die Wiese zwischen dem eingezäuntem Hausgrundstück und der Straße ebenfalls zum Haus gehört. Wir waren völlig erschlagen und konnten unser Glück kaum fassen. Von diesem Tag an fuhren wir täglich zum Häuschen, und auch wenn wir nicht hinein konnten, so besuchten wir es zumindest wenigstens am Gartenzaun. Dieses Ritual pflegten wir, bis endlich der langersehnte Notartermin und letztlich die Übergabe der Hausschlüssel vollzogen waren. Unser Herz schlug für dieses Haus und es fühlte sich so an, als hätte es nach uns gerufen.
Dass wir uns überhaupt dazu entschlossen hatten, gemeinsam ein Haus zu kaufen, war bereits ein Sprung ins kalte Wasser, waren wir doch erst seit ein paar Monaten ein Paar. Als ich Frederik nur fünf Monate zuvor kennenlernte, wusste ich sofort, dass dies der Mann fürs Leben sein könnte. Wir begegneten uns zufällig in einer Diskothek. Im Vorbeigehen griff plötzlich eine Hand nach mir und streifte meinen Arm. So etwas konnte ich noch nie gut leiden. Ich war dann meist etwas unfreundlich zu demjenigen, der seine Hand nach mir auszustrecken versuchte. Als ich einen wehrhaften Spruch machen wollte, grinste mich Frederik offen und erwartungsvoll an. Als „Berliner Mädel“ war ich es gewohnt, mich nicht von jedem ansprechen zu lassen. Meine Mutter war bereits der Verzweiflung nahe und meinte, es würde für sie mit Enkelkindern recht düster aussehen, wenn ich an meiner abweisenden Haltung nichts ändern würde. Ich solle doch mal versuchen, nett zu sein, vielleicht wäre ja irgendwann der Richtige dabei. Und als mich nun diese fröhliche „Grinsebacke“ in der Disko so herzlich anstrahlte und so ungezwungen fragte „Hey! Hallo, wo willst du denn gerade hin“, war ich bereits drauf und dran, mit einem flapsigen Spruch zu kontern. Doch als ich Luft holte, hörte ich plötzlich diese innere Stimme: „Ramona! Sei nett! Der ist es!“ Also schluckte ich meinen Spruch herunter und war „einfach mal nett". Nur zwei Wochen später zog Frederik aus seiner Berliner Citywohnung zu mir in meine kleine Zweiraumwohnung mit Garten am Berliner Stadtrand. Meine beiden kleinen Hunde und auch meine anspruchsvolle Katze mochten Frederik auf Anhieb, und so wurde er quasi über Nacht zum Mann in meinem Leben. Dass wir in eine gemeinsame Zukunft steuern wollen, war uns beiden vom ersten Augenblick an klar, aber ebenso war es uns bewusst, dass wir dafür ein gemütliches Heim benötigen, welches wir uns gemeinsam aufbauen sollten. So suchten wir nach einer passenden Bleibe für unseren gemeinsamen Neubeginn. Auf einen Garten wollte ich auf keinen Fall mehr verzichten, allein der Hunde wegen. Die Mieten für solche Wohnungen mit Gartenteil im Berliner Raum waren jedoch derart hoch, dass ein Hauskauf sinnvoller erschien. Von nun an suchten wir also ein passendes, kleines Häuschen für uns.
Nahezu täglich besichtigten wir Häuser im näheren Umfeld. Ein Exposé fiel uns bei der Suche im Internet immer wieder auf. Obwohl es kaum Bilder des kleinen Häuschens gab, war es wie Liebe auf den ersten Blick. Aufgrund des weiten Arbeitsweges für Frederik wurde die Besichtigung jedoch immer wieder verworfen, und wir konzentrierten uns auf andere Objekte in der näheren Umgebung. Jedes Haus war auf seine Art schön, aber entweder gefiel es Frederik gut, aber mir nicht oder es gefiel mir gut und dafür Frederik nicht. Ein Haus gefiel sogar den Hunden nicht. Das zeigte uns unsere kleine Hündin deutlich, als sie sich im Haus ihres Frühstücks aus dem Hals heraus entledigte. Danach beschlossen wir, keinen Hund mehr zu den Besichtigungen mitzunehmen. Zuhause angekommen, setzte sich Frederik gleich wieder an den Computer, um nach weiteren Häusern zu suchen. Erneut wurde uns dieses eine Häuschen angezeigt! Es war wie verhext. Wir schmachteten gemeinsam den Bildschirm an und seufzten, weil die Wegstrecke vom Arbeitsplatz einfach zu weit entfernt war. Dann fiel mir ein, dass man über den Routenplaner verschiedene Strecken eingeben kann. Frederik hatte immer die schnellste Route (mit Autobahnanteil) eingegeben. „Vielleicht geben wir einfach mal die kürzeste Verbindung ein?“. Gesagt, getan. Die schnellste Wegstrecke führte über die Autobahn und war nur um drei Minuten schneller, als die kürzeste Wegstrecke, welche über Land führte. So wurden plötzlich aus knapp 60 Kilometer Fahrstrecke nur noch 25 Kilometer. Wir waren vor Freude ganz kribbelig, weil das Haus nun doch infrage kam. Wir fuhren sogleich los, um uns zunächst das Objekt von außen anzusehen und die Umgebung zu erkunden.
Es sollte der Aufbruch in einen neuen Lebensabschnitt werden.
Wir fühlten uns auf Anhieb dort wohl, und noch am Tag der Schlüsselübergabe zogen wir ein. Wir bauten das Bett daheim ab und nahmen die Hundekörbe und das Katzenklo mit, packten alles Nötige ein und schliefen von dem Tag an kein einziges Mal mehr in unseren Wohnungen. Die erste Nacht schliefen wir noch auf den Matratzen auf dem Boden im Wohnzimmer, da wir in der Hektik die Lattenroste unseres Bettes vergessen hatten. Da lagen wir nun auf den Matratzen auf dem Boden, die Hunde freuten sich, die Katze freute sich und wir staunten darüber, wie ruhig es hier war. Und dunkel. Als Berliner ist man das überhaupt nicht gewohnt. Es war ein fast befremdlich anmutender Sternenhimmel, den wir zu sehen bekamen. So viele Sterne, die im Lichtersmog einer Großstadt nicht zu sehen sind, tauchten nun über unserem neuen Häuschen auf. Die Geräusche der Stadt und die Lichtquellen vermissten wir überhaupt nicht. Wir waren auch eigentlich viel zu müde und erschöpft, um überhaupt etwas zu vermissen. Selbst das Lattenrost nicht. Es fühlte sich einfach alles richtig an und wir schmiedeten noch im Halbschlaf Pläne, was wir am nächsten Morgen alles in Angriff nehmen würden. Der Garten, das Haus, alles brauchte einen neuen Anstrich. Renovierung, Entrümplung und Gartenpflege, da lag so viel Arbeit vor uns.
Um Geld zu sparen, hatten wir bereits unsere Wohnungen gekündigt. Wir entschieden uns, im Haus ein Zimmer nach dem anderen herzurichten. Sicherlich eine nervenaufreibende Situation, welche unsere frische Beziehung auf den Prüfstand stellte. Doch gerade dank all dieser Aufgaben und Hürden fanden wir immer mehr zueinander. Nachdem wir im Haus alles in einen gut bewohnbaren Zustand gebracht hatten, kümmerten wir uns um den Garten. So kam das Projekt Feldbahnwagen auf den Plan. Nachdem wir den Teil des Gartens freigelegt, viel Schutt und Müll entsorgt und den Feldbahnwagen vom Müll und Gestrüpp befreit hatten, überlegten wir, was man damit anfangen könnte. Der Wagen stand bereits im Verfall auf seinem Betonsockel und sah so traurig aus, dass wir es nicht übers Herz brachten, diesen Wagen, der so viel älter war als wir selbst, einfach abzureißen.
Zum Glück teilen Frederik und ich die gleichen Interessen, und wir lieben es, alte Dinge zu erhalten. Jetzt, da wir auf einem solch großen Grundstück auf dem Land leben, wäre es da nicht naheliegend, sich ein paar Hühner anzuschaffen? Eigene Eier von unseren Hühnern; das war für uns Berlinstädter eine witzige, völlig romantische Vorstellung. Hier würde sich niemand an diesen Tieren stören. Wir haben nun Platz und die Möglichkeit, also warum nicht? Der Feldbahnwagen sollte zu neuem Leben erweckt und mit neuem Leben gefüllt werden. Er sollte das neue Heim für eine kleine Hühnerschar werden. Wir hauchten dem alten Wagen neues Leben ein. Von Grund auf restauriert, erstrahlte der Feldbahnwagen nun in neuem Glanz. Er wurde ein richtiges Schmuckstück und ich glaube, die Hühner fühlten sich auch sehr wohl darin.
Es dauerte nicht lange, bis die ersten Hühner bei uns einzogen. Unsere Hühner bekamen alle einen Namen, und keines musste die Schlachtung fürchten. Selbst in hohem Alter bekam jedes unserer Hühner noch sein Rentenkorn, und auch, wenn sie irgendwann keine Eier mehr legten, so blieben sie bis zum letzten Tag glückliche Hühner.
Natürlich waren wir auf dem Land die Neuen, die Sonderlinge. Und was die Tierhaltung anging, auch die „Spinner“. Auf dem Land ist es nicht immer schön und romantisch. Die Einstellung zu Tieren ist an vielen Orten leider immer noch hinterwäldlerisch. Tiere haben keinen Stellenwert und die Wertschätzung für ein Tierleben ist nur bei wenigen Landleuten zu finden. Während einige Leute ihre Katzen ignorant jeder Verwahrlosung eine wilde Vermehrung gewähren, sind andere mit erschreckenden Maßnahmen dabei, die Vermehrung einzudämmen. Katzenbabys werden leider selbst heutzutage noch bevorzugt im Wassereimer ertränkt oder mit dem Stock totgeschlagen. Dieses veraltete Gedankengut wird leider immer noch von Generation zu Generation weitergegeben. Da muss man mal versuchen, Ruhe zu bewahren, wenn ein alter Bauer vor einem steht und meint, dass die Katze schon lernen würde, keine Jungen mehr zu zeugen, wenn man ihre Babys vor ihren Augen möglichst brutal erschlägt. Dies war die Überzeugung des Mannes, der bis dahin die Katzenbabys tötete und von Kastration so gar nichts hielt. Uns war völlig klar, dass wir diese Ansichten nicht über Nacht ändern konnten, aber wir versuchten, das Leid zu mildern. So sprachen wir mit vielen Bauern ab, dass wir die Babys aufnehmen und an neue Besitzer vermitteln könnten. Durch die Vermittlung der Kitten konnten wir etwas Geld sammeln und viele Katzen kastrieren lassen. Wenngleich einige Bauern unsere Idee nicht teilten, so hatten wir vielen Katzen das Leben gerettet und den Muttertieren eine Kastration ermöglicht. Denn auch das war keine Selbstverständlichkeit. Auf dem Land hält sich der Irrglaube, eine kastrierte Katze sei faul und würde keine Mäuse mehr fangen. So waren wir also die „Spinner“ mit den vielen Tieren. Fortan wurden uns verletzte und schwer kranke Tiere einfach über unseren Zaun geworfen. Die Tiere wurden teilweise wie Müll entsorgt. So auch ein kleiner, nur wenige Wochen alter Kater. Als Frederik am Abend noch einmal zur Mülltonne ging, war es bereits dunkel und alles lag verschneit, still und leise unter einer dicken, weißen Winterpracht. Auf dem Rückweg hörte Frederik ein leises Maunzen. Es war kaum zu hören und er konnte es nicht richtig lokalisieren. Frederik suchte alles ab, aber fand das Kätzchen nicht. Er lockte und rief immer wieder nach dem Kätzchen, doch es kam nicht, maunzte immer leiser. Frederik holte mich rasch dazu, damit ich ihm beim Suchen half. Wir liefen durch den Schnee und tasteten uns immer näher an das kleine Kätzchen heran. Dann fanden wir es: unter einer Schneedecke. Ein kleines, gestreiftes Kätzchen mit einer weißen Nase und weißen Pfoten. Es wurde von den Schneemassen nahezu vergraben, konnte sich kaum noch rühren und war halb erfroren. Die Hinterbeine konnte es nicht mehr bewegen. Mit den steif gefrorenen Vorderbeinen versuchte es sich mit aller Mühe aus dem Schnee zu befreien und hob den Kopf in unsere Richtung. Frederik griff gleich zu und zog das kleine Tier aus dem Schnee. Wir nahmen den Kater sofort unter die Jacke und eilten mit ihm ins Haus und wärmten ihn erstmal auf. Es war ein unbeschreibliches Glück, dass Frederik gerade noch rechtzeitig das schwache Maunzen gehört hatte. Wir pflegten ihn gesund, ließen ihn kastrieren und fanden ein schönes, neues Zuhause für den kleinen Kerl.
Natürlich blieb unsere Tierhaltung nicht nur bei Hühnern, Katzen und Hunden. Wir hatten ein großes Grundstück mit mehreren Tausend Quadratmetern. Also hatten wir nicht nur viel Platz, sondern auch viel Arbeit damit. Zwischen den alten Kiefern war es schwierig, dem Wildwuchs Einhalt zu bieten. Mit dem Rasenmäher kam man zwischen den Bäumen und dem unebenen Böden nicht richtig durch. Es dauerte daher nicht lange, bis uns die Idee kam, für die nur schwer zugänglichen Stellen im Garten kleine Schafe anzuschaffen, die sämtliche Gräser kurz halten sollten. Mit unserem Kombi fuhren wir von Berlin bis nach Fehmarn an die Küste hoch, um von einer Züchterin sechs Minischafe der alten deutschen Nutztierrasse Skudde zu adoptieren. Einen Pferdeanhänger hatten wir nicht und auch keine Anhängerkupplung am Auto, um einen Anhänger zu leihen. Da diese Schafe kaum größer als ein Hund sind, dachten wir uns, dass sie sicherlich auch in einem Kombi zu transportieren wären. Wir adoptierten eine schwarze Zippe mit zwei bunt gescheckten Lämmchen und einen wunderschönen, roten Bock mit geschwungenen Hörnern, die sich wie bei einem Widder rund um die Ohren zu drehen schienen. Zwei grau gescheckte, junge Schäfchen rundeten die Zahl von sechs gut auf. Und sie passten allesamt ins Auto. Wir klappten die Rücksitzbank um und kleideten die Ablagefläche gut aus. So fuhren wir, frisch gebackene und stolze Besitzer von sechs niedlichen Skudden, wieder zurück in Richtung Berliner Umland. Die anderen Autofahrer staunten sicherlich nicht schlecht, als sie während ihres Überholvorgangs in ein verwundertes Schafsgesicht blickten, welches ihnen beim Blöken die Zunge rausstreckte. Die Schafe zogen gleich neben den Hühnern in den nun dafür hergerichteten, ehemaligen Holzunterstand ein. Sie konnten den ganzen Tag zwischen Stall und Auslauf wählen und bekamen auf Zuteilung die große Wiese vor unserem Haus zum Grasen. Da alle unsere Tiere den Status eines Haustieres haben und auch dementsprechend von uns behandelt werden, dauerte es natürlich nicht lange, bis wir die Schafe gezähmt hatten und sie uns über das Grundstück hinweg überall hin folgten.


