10 Jahre Stalking - Nur weil Du ihn nicht siehst, heißt es nicht, dass er nicht da ist!

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Die Arbeit als Tierpsychologin und Tierverhaltenstherapeutin war von Kindesbeinen an mein Traumberuf. Als ich im Alter von 11 Jahren das erste Mal von diesem Beruf hörte, war mir klar, dass ich genau das später einmal werden möchte. Schon damals begann ich, für dieses selbst zu finanzierende Studium mein Taschengeld zu sparen. Ob Autowaschen, Hunde ausführen, Babysitten oder Zeitung austragen, ich nahm nahezu alle Jugendarbeiten an und sparte eisern jede einzelne Münze. Auch in der Schule war ich von jenem Augenblick an sehr motiviert und wollte gute Noten schreiben. Nach Beendigung der Schulzeit suchte ich mir einen soliden Ausbildungsplatz und entschied mich für einen Kaufmännischen Beruf. Nachdem ich meine Lehre zur Rechtsanwalts- und Notariatsfachangestellten absolviert hatte, nahm ich das Studium in Angriff. Mein Leben war auf dieses Ziel ausgerichtet, und nach jahrelangem Fleiß erfüllte sich mein Traum endlich. Durch die stattliche Größe unseres Grundstückes hatte ich nun die Möglichkeit, meine eigene Hundeschule zu eröffnen. Parallel dazu bot ich auch Hausbesuche an, denn meine Schwerpunkte lagen nicht nur in der Hundeerziehung und -haltung, sondern auch bei anderen Haus- und Heimtieren wie Katzen und Pferden. Da ich auch staatlich geprüfte Papageienzüchterin bin, reichte mein Behandlungsspektrum vom Wellensittich bis zum Pferd.
Eines Tages kam ein Havaneserzüchter zu mir, um meine Hilfe in Anspruch zu nehmen. Er hatte einen kleinen, jungen Rüden, der sich auf Ausstellungen einfach nicht auf dem Richtertisch präsentieren wollte. Der kleine Hund war ein vielversprechender Nachzuchtrüde, doch aufgrund seiner Angst und Unsicherheit bekam er nie die für die Zucht nötigen Wertnoten. Als er meine Schäfchen im Garten grasen sah, fragte er mich plötzlich, ob ich nicht noch ein kleines Pony haben wollte. Er besaß ein kleines Pony, aber wusste nicht, wohin damit. Niemand würde es haben wollen. Als Minishetty sei es als Reitpony ungeeignet, und zwischen den kleinen Schafen würde das Pony doch gar nicht auffallen. Zunächst musste ich lachen, da dieser Gedanke so lustig erschien. Als ich aber merkte, dass er es wirklich ernst meinte, besprach ich diese Idee am Abend mit Frederik: „Wir können es uns ja mal anschauen…“ Und so kam es, dass bald ein kleines, bunt geschecktes Minipony mit dem klangvollen Namen Donatella zwischen den Schafen stand. Donatella wechselte grad ihr Fohlenfell und war völlig verfilzt. Der Halter war sichtlich mit der Haltung des Ponys überfordert. Es brauchte einige Tage, bis ich sie in mühsamer Kleinarbeit mit einer Nagelschere von den starken Verfilzungen befreit hatte.
Für mich war es schon immer wichtig, dass jedes Tier artgerecht und glücklich gehalten wird. Uns war von Anfang an klar, dass ein Pony nicht alleine zwischen Schafen gehalten werden sollte. Wir sahen uns also nach einem passenden zweiten Pony um, damit Donatella nicht alleine leben musste. Es dauerte zwar leider ein paar Wochen, aber dann fanden wir an der Nordseeküste eine Miniponyzüchterin. Kurz darauf zog der kleine Tim bei uns ein. Timmys Umzug zu uns war ebenso abenteuerlich wie der Umzug der Schafe, denn wir hatten nach wie vor keinen Pferdeanhänger. Donatella wurde uns von ihrem Besitzer gebracht, aber wie sollten wir den kleinen Tim zu uns holen? Wir überlegten, dass wir ihn ebenfalls mit dem Kombi abholen könnten, denn schließlich war das Pony nicht größer als ein Schäferhund und auch nicht größer als ein Schaf. Den Kombi verkleideten wir innen mit festen Brettern, bauten eine Art stabile Box in das Auto hinein und legten alles ordentlich mit rutschfesten, wasserfesten Matten aus. Wir polsterten alles noch mit Stroh und Heu. Was unser Kombi in seinem Leben schon alles transportiert hatte, könnte sicherlich ein eigenes, amüsantes Kapitel füllen.
Unser Alltag auf dem Hof wurde nach und nach teils zufällig gewollt, wie die Ponys, und teils zufällig ungewollt mit neuem Leben gefüllt. Unser vorheriges Stadtleben wandelte sich mit jedem Tier, das bei uns einzog. Unser Lebenswandel änderte auch unsere Sichtweisen und Prioritäten.
Selbst heute erinnere ich mich noch gut an den Anruf, als Frederik und ich gerade beim Einkauf waren. Der benachbarte Tierschutzverein, mit dem wir bereits öfter bezüglich der Kitten zusammenarbeiteten, war am Telefon. Die Mitarbeiterin war verzweifelt und meinte, wir wären ihre letzte Hoffnung. Ein kleines Rehkitz wurde gefunden und sie würden dringend eine Pflegestelle benötigen. Wir wussten noch gar nicht so recht, was da auf uns zukommen würde, doch wir sagten selbstverständlich sofort zu, das Kitz zu übernehmen. Wir ließen alles stehen und liegen und fuhren gleich zum vereinbarten Treffpunkt. Von nun an waren wir Eltern eines verlassenen Rehkitzes. Die passenden Informationen zur Aufzucht von Rehkitzen zu erhalten, stellten wir uns wirklich einfacher vor. Es war mühsam, im Internet etwas anderes als Rezepte für Rehbraten zu finden. Angebliche Ansprechpartner gaben lieber Auskunft über saftige Strafen und Belehrungen über Wilderei, als dass sie einen nützlichen Rat für uns hatten. So mussten wir uns alles Wissen und die Handhabung selbst aneignen, um diesem und anschließend noch zwei weiteren Kitzen in diesem Jahr, eine gute Pflegefamilie sein zu können. Uns war klar, dass es wie uns, auch tausend anderen Menschen jedes Jahr gehen muss, die mit einem wilden Findelkind konfrontiert und mit den daraus resultierenden Problemen allein gelassen werden. Diesen Umstand fanden wir mehr als bedauerlich. Aus dieser Not heraus entwickelten wir unsere Rehkitzrettung. Über eine Internetseite und eine Notrufnummer konnte man uns fortan kontaktieren, um Rat und Informationen zu erhalten, ohne böse Vorwürfe oder Drohungen befürchten zu müssen.
Ich bin der Ansicht, dass richtiges Handeln und richtiges Verhalten durch richtiges Wissen entsteht. Natürlich sterben immer noch viele Tiere aufgrund der „Das-habe-ich-nicht-gewusst-Krankheit“. Doch genau aus diesem Grund ist Aufklärung so wichtig. Viele Menschen sammeln ein scheinbar verlassenes Rehkitz oder auch ein Feldhäschen ein, weil sie glauben, dass die Mutter es verlassen hat. Der Nachwuchs von Reh und Hase wird jedoch in den ersten Wochen im hohen Gras versteckt und die kleinen müssen dort geduldig stundenlang auf die Rückkehr der Mutter warten. Sie wurden also nicht verlassen. Das wissen die meisten Leute aber leider nicht, woher auch. Natürlich ist es für die Mutter schrecklich, wenn der wilde Nachwuchs „entführt“ wird, weil die Menschen es in diesem Moment nicht besser wissen. Aber auch in solchen Fällen besteht die Möglichkeit, die Babys den Müttern zurückzubringen, wenn man den menschlichen Geruch durch Einreiben mit frischer Erde überdeckt. In 80% der Fälle ist dieses Vorgehen von Erfolg gekrönt. Man darf nicht vergessen, dass die meisten Menschen aus einem Gefühl der Fürsorge und Tierliebe handeln und sich bemühen, Hilfe und Informationen zu erhalten. Ich rechne es jedem hoch an, wenn er sich kümmert, selbst wenn man dabei vielleicht zunächst etwas falsch macht. Unsere Tätigkeit habe ich immer auch dahingehend verstanden, dass unsere Hilfe am Tier auch eine Hilfe am Menschen ist, genau wie umgekehrt.
Plötzlich führten wir mit unseren Tieren ein Leben, das wir so nicht geplant hatten. Es entwickelte sich von selbst. Wenn uns jemand fünf Jahre vorher gesagt hätte, dass wir eine Tierrettungsorganisation gründen, ich meine tierpsychologische Hundeschule auf meinem privaten Grundstück führen und wir eine Zuflucht für verstoßene und verwaiste Tiere in Not aufbauen würden, so hätten wir sicherlich Angst vor all diesen Aufgaben bekommen. Doch tatsächlich wächst man mit seinen Aufgaben. All diese Tiere wollen jedoch nicht nur geliebt werden, sondern benötigen auch Futter. Die handelsüblichen Kleinpackungen an Heu und Stroh aus dem Zoofachhandel waren mit steigender Tieranzahl weder praktisch noch finanzierbar.
Eines Tages standen auf dem benachbarten Feld große Strohballen. Da ich nicht wusste, wer der Eigentümer dieses Feldes war, band ich kurzerhand einen großen Zettel an einen dieser Strohballen fest. Ich hinterließ eine Notiz, dass wir Interesse an dem Kauf eines Ballens hätten und uns über Kontakt sehr freuen würden. Es dauerte keinen Tag, da kam der Anruf des Verkäufers. Er wollte uns einen Ballen anliefern. Somit war das Geschäft besiegelt.
Ein verhängnisvoller Kontakt
Am nächsten Tag lieferte uns der Hobbybauer wie vereinbart einen Rundballen Stroh für unsere Tiere. Frederik und ich empfingen ihn an unserem Gartentor. Er fuhr mit einem alten Golf II und einem kleinen, einachsigen Anhänger auf dem der Rundballen festgezurrt war, vor. Wie er diesen großen Ballen auf diesen kleinen PKW-Anhänger hinauf bekam, war mir irgendwie ein Rätsel, denn der Mann war nicht unbedingt ein athletisch oder groß gebauter Mann. Ich schätzte ihn auf Ende vierzig, vielleicht Anfang fünfzig. Seinen runden, kahlen Kopf umringten noch einige wenige, kurz geschorene und bereits grau gewordene Stoppeln. Mit geschätzt vielleicht gerade mal 169cm Körpergröße war er nicht besonders groß und für sein Gewicht definitiv etwas zu klein geraten. Seine Kleidung erzählte von seiner Arbeit. Die Jeanshose sowie das T-Shirt wirkten etwas lumpig und beansprucht, seine Füße steckten in alten und recht ausgelatschten, ursprünglich mal weißen Turnschuhen. Seiner Statur wegen nahm ich an, dass er sicherlich rein körperlich nicht in der Lage war, einen solchen großen Rundballen selbst auf den kleinen Anhänger zu hieven oder diesen mittels Rampe auf den Anhänger zu rollen. Solch ein Ballen wiegt immerhin an die 200 Kilo. Aber als Bauer, wird er sicherlich nötige Gerätschaft dafür haben, verwarf ich meine Gedanken. Wie auch immer er den Ballen auf den Hänger brachte, ich war froh, dass wir nun ausreichend Stroh hatten und nicht mehr die kleinen Packungen für den nahezu zehnfachen Preis im Handel kaufen mussten. Wir unterhielten uns noch einen Moment lang mit dem Bauern, bevor er den Ballen vom Anhänger schubste. Es war ein kurzes und belangloses Gespräch über den Gartenzaun hinweg, bei dem sich herausstellte, dass er sogar hier aus der Gegend kam. Seine sprachliche Ausdrucksweise war bodenständig und von einem starken Brandenburger Dialekt geprägt. Er wirkte dadurch irgendwie lustig und sympathisch und „gerade heraus“. Wir freuten uns, dass wir Kontakt zu jemanden gefunden hatten, der hier aus der Gegend kam. Wenn man auf dem Land neu ist, ist es doch recht schwer, Anschluss zu finden. Im Gespräch bot er uns sogleich an, dass wir ihn bei seinem Kosenamen nennen könnten, den er seiner Aussage nach wohl schon seit Kindertagen hatte. Ich musste bei seinem Kosenamen etwas lachen, da ich diesen Ausdruck als Bezeichnung für eine Steinschleuder wiederum aus meinen Kindertagen kannte und sogleich etwas Schabernack damit in Verbindung brachte. Wir nennen ihn in diesem Buch abgewandelt einfach fortan Zwille. Nach einem kurzen Plausch verabschiedete sich Zwille und verschwand mit seinem braunen Golf und dem rappelnden Einachsanhänger. „Zwille.., damit hatten wir als Kinder kleine Kiesel auf Dosen geschossen“, witzelte Frederik, als wir den Strohballen lachend und schäkernd zu seinem Bestimmungsplatz rollten.
Von diesem Tag an bemerkte ich den alten Golf immer öfter. War ich vielleicht unbemerkt sensibel dafür, weil ich den Fahrer ja nun kannte? War mir das Auto vorher einfach nur nicht aufgefallen? Es schien merkwürdig, dass jetzt, wo das Feld doch abgeerntet war, Zwille so viel am Feld zu sehen war, wo wir bis dahin nie jemanden bemerkten. Doch mit den üblichen Tätigkeiten eines Landwirtes kannten wir uns bis dahin nicht richtig aus und waren uns sicher, es würde alles seine Gründe haben und uns zudem auch nichts angehen. Scheinbar zufällig fuhr Zwille fast täglich die Straße vor unserem Haus mehrfach auf und ab. Wenn ich genauer darauf achtete und hinüber sah, sah ich, wie er zu mir schaute und freundlich grüßte. Selbstverständlich grüßte ich zurück, das gehört sich schließlich so. Doch plötzlich wendete der Wagen ohne jegliche Verzögerung und kam zügig zu mir herangefahren. Egal wo ich mich auf unserem Grundstück auch befand, Zwille stellte sein Auto unmittelbar auf der Straße oder direkt vor unserer Einfahrt ab. Er stieg flott aus dem Auto aus und kam zu mir. Es verblüffte mich, aber ich dachte mir, „das wird hier auf dem Land halt wohl so sein“, dass man sich einfach für einen Plausch die Zeit nimmt und „breit macht“. Er verwickelte mich in unverfängliche Gespräche, fragte höflich nach, ob wir mit dem Stroh zufrieden seien und begann unaufgefordert über belanglose Dinge zu sprechen. Er erzählte viel über das Dorf, die Bewohner, dass früher auf den Feldern noch Wirtschaft mit Flugzeugen getätigt wurde und dass seine Mutter noch im Dorf wohne. Er selbst wohnte immerhin gut 25 Kilometer entfernt, also quasi drei Dörfer weiter, würde aber immer wieder seine Mutter im Dorf besuchen. Zwischen den Zeilen der belanglos wirkenden Gespräche sagte er plötzlich so ganz nebenbei, dass ich mich nicht erschrecken solle, wenn er morgen mit dem Traktor käme, um die Wiese vor unserem Haus zu scheiben. Das bedeutete, er würde sie umgraben. Er würde dort einen Acker vorbereiten. Auf meiner Stirn runzelten sich Falten. Ich konnte kaum glauben, was er da sagte. Wie? Die Wiese vor unserem Haus? Das ist unsere Wiese, die soll bitte Wiese bleiben, die könne er doch nicht einfach umgraben! Er zückte rasch einen Straßen-Atlas-Plan hervor, eine veraltete Straßenkarte, die fast keinen Zusammenhang mehr an den zerfledderten Blättern fand. Er wollte mir völlig überzeugt weismachen, dass ihm das Stück Land vor unserem Haus gehören würde und deutete mit den Fingern ständig auf die verschmutzte Straßenkarte. Ich war über die Art und Weise ein wenig amüsiert, aber auch etwas empört über seine freche Idee, blieb aber freundlich und verteidigte meinen Standpunkt, dass wir diese besagte Fläche mit dem Haus zusammen gekauft hatten und alles notariell festgeschrieben war. Es müsse sich also um einen Irrtum handeln, wenn er meinte, es sei seine Fläche. Ich sagte ihm, dass wir das auch notariell belegen können, wenn er das möchte. Wir hätten sogar eine Katasterkarte, denn der Straßenplan könne ja nur wenig über Eigentumsverhältnisse aussagen. Er winkte plötzlich ab und lenkte ein. Vielleicht wäre das doch ein Irrtum. Er würde das nochmal prüfen, bevor er die Fläche umgräbt. Ich war wirklich sprachlos über diesen Auftritt und zwischen amüsiert und verunsichert hin und her gerissen. Er würde es nochmal prüfen, bevor er die Wiese umgräbt? Er war immer noch nicht davon abgerückt, die Wiese umgraben zu wollen? Wir zogen dann recht bald einen Zaun um die besagte Fläche, die zwischen dem Haus und der Straße lag. Die Fläche misst immerhin knapp 2.500 qm und sollte als Weide für unsere Tiere dienen und nicht zum kostenlosen Acker für Zwille werden.
Solche Ausflüge in die Kopfwelt von Zwille blieben mir, in immer kürzeren Abständen, auch weiterhin nicht erspart. Komisches Landvolk, hätte man oft denken können, aber ich wurde höflich erzogen, und einfach auf ein Gespräch nicht zu reagieren, nicht zuzuhören, das wäre ja unangebracht, oder? So benahm ich mich halt auch wohlerzogen und lauschte den phantasievollen Geschichten von Zwille, auch wenn ich eigentlich Besseres zu tun gehabt hätte. Er berichtete davon, dass er Frührentner sei, weil er einen Herzinfarkt auf dem Feld gehabt hätte. Ihm waren einige Stands und Bypässe gelegt worden. So erschreckend sich sein Schicksal auch anhörte, legte sich sogleich ein grauseliges Gefühl in meinem Bauch nieder, was nichts mit Mitleid zu tun hatte. Rentner? Oh Schreck! Viel Zeit! In meinem Kopf pochte es gleich hämmernd, oh nein, bitte nicht. Egal, ich bin ein taffes „Berliner Girly“ und würde mit meiner Lebenserfahrung an seltsamen Gestalten auch dieser Gestalt schon gekonnt und höflich auszuweichen wissen, wenn es doch zu nervig würde. Das dachte ich mir so. Doch auf dem Land ist es halt anders. Zwille kam nun täglich und war mit seiner einfachen Art auch immer irgendwie sympathisch, zwar etwas nervig und aufdringlich, aber doch irgendwie auch nett. Frederik und ich fragten uns immer wieder, warum er so nett zu uns sei und dachten beschwichtigend, das ist wohl hier auf dem Land einfach so. Zwille brachte uns häufig frisches Obst oder Gemüse aus seinem Garten mit. Er erklärte, er habe viel zu viel angebaut und seine Frau könne das ganze Zeug nicht mehr sehen. Wenn ich nicht zu Hause war, hing er es irgendwann sogar körbeweise an den Zaun oder stellte es vor die Tür. Wenn ich beiläufig in den zahlreichen Gesprächen erwähnte, dass ich Himbeeren besonders gerne mag, hingen am nächsten Tag Himbeeren am Zaun und sogar einige Himbeerpflanzen für den Garten dazu. Wenn Frederik am Sonntag eine Bohrmaschine brauchte, so brachte Zwille uns diese noch am gleichen Tag vorbei und zeigte sich immer hilfsbereit. Wir waren überwältigt und fühlten uns schon schlecht, weil wir seine nette Art so oft hinterfragten und so viel Hilfsbereitschaft nicht kannten.
Nach und nach lernten wir dann auch den einen oder anderen Nachbarn im Dorf über den Gartenzaun hinweg kennen. So kam eines Tages ein Hinzugezogener, wie wir es waren, mit seiner Ponykutsche, die von zwei schwarzbraunen Ponys gezogen wurde, vorbeigefahren, und wir kamen über unsere Tiere mit ihm ins Gespräch. Über den neuen Kontakt freuten wir uns natürlich, war dieser Kontakt doch anders als der mit Zwille. Mit diesem Nachbarn kamen durchaus interessantere Gespräche zustande, hatte man doch immerhin durch die Tiere ein gemeinsames Thema. Zwille konnte mit Tieren nicht so gut und ich hatte bei ihm wenig zu erzählen. Es folgten wechselseitige Einladungen zu gemeinsamen Grillabenden. Der Kutscher war ehemals ein Lehrer, der aufgrund von Rückenproblemen nun in Frühpension lebte. Dass er mit seinen Rückenproblemen allerdings mit der Kutsche über die holprigen Felder hetzte wunderte mich schon, wie das ging. Er kaufte sich im Dorf ein altes Haus, in dem er mit seiner Frau lebte, und erfüllte sich so seinen Traum von zwei Kutschponys am Haus. Frühpension? Wo sind wir hier hingezogen? Sind hier alle in vorzeitiger Rente unterwegs? Es stellte sich heraus, dass auch der Kutscher Zwille kannte. Dies war unter anderem dem Umstand geschuldet, dass Zwilles Mutter gleich zwei Häuser weiter neben dem Kutscher wohnte. Es war spät am Abend und vielleicht war schon ein Bier mehr oder weniger dabei, als der Kutscher etwas angepiekst meinte, dass wir uns bloß von Zwille fernhalten sollten. „Der ist nicht ganz sauber“, meinte er. „Passt bei dem bloß auf, der ist nicht ganz normal!“ Der Kutscher berichtete von einem Vorfall, bei dem Zwille wohl über den Zaun des Kutschers gestiegen sei und ungefragt eine Leiter vom Kutscher „geborgt“ habe.
Wir lachten über die Geschichte der „geborgten“ Leiter und wussten nicht ganz einzuordnen, ob es am Bierchen lag oder nicht. Es war ein heiterer Abend, doch diese Geschichte von Zwille begleitete uns ungewollt mit nach Hause. Den mahnenden Rat hatten wir noch lange im Ohr. „Lasst euch nicht mit dem ein!“ Doch was tun, wenn Zwille immer wieder zu uns kommt? Zudem ist Zwille zu uns doch immer nur nett. Vielleicht war es einfach ein Streit zwischen zwei alten, gelangweilten Frührentnern, die einfach zu viel Zeit hatten und zu unterschiedliche Lebensweisen? Uns war jedenfalls klar, dass da zwei unterschiedliche Welten aufeinander prallten.
Die Zeit zog ins Land, und der Winter kam uns auf dem Land noch viel kälter vor, als wir ihn aus der Großstadt gewohnt waren. Umso ärgerlicher waren die oftmals nervigen Besuche von Zwille. Täglich kam er angefahren, obwohl im Winter die Felder im Winterschlaf liegen und keiner Pflege bedürfen. Es nervte mich schon, bei Schnee und Minusgraden am Zaun zu frieren und das mittlerweile oft sogar über Stunden. Dass Zwille über drei Stunden Durchhaltevermögen hatte, musste ich bitterkalt erfahren. Landvolk, frieren die nicht? Während ich von der Hüfte abwärts scheinbar taub gefroren war, hampelte er noch fröhlich und munter vor dem Gartentor umher und erzählte schier unaufhörlich von sich und seiner Welt. Manchmal ließ ich von meinem Handy aus, welches ich in meiner Jackentasche heimlich betätigte, das Telefon im Haus klingeln, um dann rasch ins Haus entschwinden zu können. Doch wer nun meint, ich sei Zwille damit losgeworden, der irrt. „Ach, is keen Problem, ick komm später wieder.“ Ach-Herrje! Tatsächlich war es kein Problem für ihn, später erneut aufzutauchen. Egal ob ich ihm erklärte, dass ich noch arbeiten oder die Tiere nun versorgen müsste oder oder oder. Sein Auftreten war irgendwann vereinnahmend frech und in meinen Augen unhöflich, einfach nur noch nervig. Mit Höflichkeiten kam ich hier scheinbar nicht weiter, und ich musste schon mal klarere Worte finden. Einmal sagte ich ihm, dass ich mir einfach nicht so viel Zeit für ihn nehmen könnte, wenn dafür alles andere liegen bleibt. Ich würde ja schließlich selbst mit meiner besten Freundin nicht so oft und schon gar nicht so lange plaudern wie mit ihm, das geht einfach nicht. Doch ich bin mir nicht sicher, ob er sich damit nicht sogar noch geschmeichelt fühlte, weil er scheinbar mehr Zeit und Aufmerksamkeit von mir erhielt, als meine beste Freundin. Es spitzte sich immer weiter zu, und ich kam weder mit höflichen noch mit deutlichen Worten weiter, dass seine Besuche in diesen Ausmaßen weder angebracht noch erwünscht waren. Das prallte irgendwie einfach an ihm ab.
Eines Tages entschloss ich mich, nicht mehr an den Zaun zu gehen. Ich hatte aber auch wirklich ohnehin genug an diesem Tag zu tun und war zudem auch in schlechter Stimmung, sodass ich für Zwilles Welt an diesem Tag wirklich keinen Nerv mehr hatte. An dem Tag konnte ich mich einfach nicht dazu durchringen, brav dem Gequake von Zwille zu lauschen und meine Zeit dafür zu opfern. Ich ging also nicht nach vorne, als er auftauchte. Zwille kam einmal, er kam noch ein zweites Mal, ein drittes Mal und auch ein viertes Mal. Er klingelte am Tor und hupte sogar aus seinem Auto heraus. Dann fuhr er mit einem wilden Start rasant davon. Als er weg war, dachte mir nur „na endlich!“ Doch Zwille war so wütend über meinen Entzug, dass er nun bei Frederik auf der Arbeit anrief und ihn beschimpfte, wie unmöglich ich wäre, wie frech das von mir sei, er käme den weiten Weg zu uns gefahren und ich würde ihn einfach stehen lassen und ignorieren! Frederik war nachvollziehbar völlig überrumpelt und wunderte sich, warum ich mich so verhielt, wo Zwille doch immer so nett zu uns ist. Frederik rief mich an und redete auf mich ein, dass ich sowas doch nicht machen könne, wir würden es uns doch nicht mit denen aus dem Dorf verscherzen wollen. Es kann doch nicht so schlimm sein, wenn ich wenigstens mal „Hallo“ zu Zwille sage, wenn er mal „kurz“ vorbeikommt. „Kurz“? In mir brodelte es, wie frech es von Zwille war, einfach bei Frederik anzurufen und sich bei ihm zu beschweren, dass ich keine Zeit für ihn hätte. Als wenn Frederik auf seiner Arbeit nichts Besseres zu tun hätte. Aber viel schlimmer fand ich eigentlich die Sichtweise von Frederik. Er musste schließlich nicht „kurz“ das Gespräch mit Zwille führen und zu jeder Temperatur „kurz, für etwa drei Stunden“ draußen stehen. Aber er hatte ja irgendwie trotzdem auch Recht. Hier auf dem Land ist es halt vielleicht einfach so, da muss man sich vielleicht einfach anpassen? So war ich also wieder brav und ging zu Zwille nach vorne ans Tor und lauschte wieder den täglich gleichen Klängen. Egal wie bitterkalt es auch war, ich hatte stets lieber draußen gefroren, als Zwille ins Haus einzuladen.
Ein paar Tage später kam Frederik mit schlechter Laune nach Hause, irgendwie war es wohl ein stressiger Arbeitstag. Einen stressigen Tag hatte ich allerdings auch, ich war mal wieder steif gefroren und konnte kaum die Finger beugen vor Kälte. Der Haushalt kam an dem Tag auch etwas „kurz“. Frederik war muffelig, als er sah, dass ich die Wäsche noch nicht erledigt hatte und fragte mich zynisch, was ich denn den lieben langen Tag so machen würde. Tick Tick Tick – Boom! Da platze mir die Hutschnur inklusive Geduldsfaden und ich konterte ebenso zynisch zurück, dass ich mich, wie er es von mir immerhin verlangte, brav die ganze Zeit mit Zwille unterhalten hatte! Zack – Ruhe!
Mit der Zeit konnte ich sogar schon das Motorengeräusch von Zwilles Wagen von dem Geräusch anderer Autos gut unterscheiden. Bereits von Weitem erkannte ich es und nutzte, sofern es mir möglich war, den Vorsprung, um ins Haus zu verschwinden oder einfach das Weite zu suchen. Manchmal sprang ich schnell ins Auto und tat so, als würde ich gerade zufällig jetzt wegfahren müssen. Wenn ich dann zurückkam hing wieder etwas am Zaun, mal kleine Pflanzen, mal Obst oder Gemüse. Dann hatte ich schon wieder ein schlechtes Gewissen, dass ich mich eigentlich so mies gegenüber Zwille verhielt. Doch das schlechte Gewissen musste mich nicht lange quälen, denn kaum war ich zurück, kam Zwille ja schon wieder angefahren. Diese Zufälle kamen mir ab und an schon gruselig vor. Beobachtete er mich etwa? Ich wischte diesen Gedanken rasch weg. Solch ein Unsinn, das ginge ja nun wirklich zu weit, oder? Und schon hatte ich wieder ein schlechtes Gewissen. Wie kann ich so schlecht von ihm denken?


