10 Jahre Stalking - Nur weil Du ihn nicht siehst, heißt es nicht, dass er nicht da ist!

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Irgendwann, in einem der täglich eher belanglosen Gespräche zwischen Zwille und mir, erzählte ich ihm, dass unsere Heuqualität von Woche zu Woche immer schlechter werden würde. Wir bekamen einmal die Woche einen Heuballen geliefert. Der Heulieferant lagerte die Heuballen nicht ein, sondern ließ sie einfach bis zum Verkaufstag bei Wind und Wetter auf der Wiese liegen. Je weiter das Jahr voranschritt, umso schlimmer wurden die Lagerspuren im Heu, bis dass sich sogar erbsengroße Schimmelpilze im Heu fanden und die Ummantelung schwarz vom Schimmelbefall war. Aber wir hatten keine Unterbringungsmöglichkeit bei uns auf dem Hof, um den Jahresbedarf gleich nach der Ernte selbst trocken einzulagern. Zwille verkaufte nur Stroh und kannte auch niemanden, der uns besseres Heu hätte liefern können. Es dauerte aber nicht lange, da hatte Zwille eine tolle Idee. Er rief mich an und sagte völlig begeistert, dass er mir unbedingt etwas zeigen müsste. Er würde gleich vorbeikommen und mich abholen. Das begeisterte mich erstmal nicht sonderlich, denn ich hatte noch einiges an Arbeit vor mir, aber ich war neugierig und willigte ein. Ich wäre ja ohnehin nicht drum herum gekommen. Bis heute kann ich dieses Gefühl nicht vergessen, das mich umschloss, als ich in sein Auto stieg. Es war mir nicht gleich klar, warum es so war, aber ich fühlte mich völlig beklemmt, als wenn mir die Luft abgeschnürt werden würde. Zwille wollte mir freudig etwas zeigen, aber ich fühlte mich in dem Moment, als die Autotür sich neben mir schloss, regelrecht hilflos ausgeliefert. Zwille war doch in dem Sinne kein Fremder für mich und war doch auch immer freundlich zu mir, dennoch war dieses unangenehme Gefühl einfach da. Mein Magen zog sich zusammen. Ich schaute mich im Wagen um und stellte überrascht fest, dass das Auto penibel sauber war. Kein Staub auf dem Armaturenbrett, die Fenster geputzt, die Sitze sauber wie bei einem Neufahrzeug, nicht ein Krümel im Innenraum, einfach nichts, was auch nur annähernd darauf schließen ließ, dass dieses Auto einem Bauern gehören würde. Von solchem Zustand konnte mein Auto nur träumen, fuhren hier doch regelmäßig Schäfchen, Ponys, Hunde und sonstiges Getier im Auto mit. Fühlte ich mich vielleicht deshalb so unwohl? Ich schämte mich schon fast, mit meiner Stalljacke in das Auto gestiegen zu sein und hoffte, dass ich kein Schmutzkrümel von meinem Schuh verlieren würde. In mir stieg unweigerlich die Frage hoch, wie das Auto so sauber bleiben könnte, wenn Zwille doch angeblich täglich so viele landwirtschaftliche Tätigkeiten rings um unser Haus herum zu tun hatte? Hatte er sein Auto vielleicht extra für heute geputzt? Zwille fuhr mit mir zum Nachbargrundstück, welches seit Jahren unbewohnt war. Zwille zeigte mir den riesigen Vorgarten, der vor dem Haus lag und führte sich dabei fast schon wie der Hausherr dieses Grundstücks auf. Es war mir unangenehm, auf dem Grundstück von Fremden herumzulaufen, ohne zu wissen, ob es den Eigentümern überhaupt recht oder gar bewusst war, dass ich als Fremde dort einfach eine Führung erhielt. Dann führte Zwille mich zielstrebig ins Haus. Er zeigte mir jedes Zimmer, von der Küche bis zum Schlafzimmer. Bei jedem neuen Raum dachte ich immer wieder, was er mir hier eigentlich zeigen wollte und wartete bei jedem neuen Raum auf die von ihm angekündigte Überraschung. So wie Zwille sich hier aufführte, erweckte es beinahe den Eindruck, als wenn ein Mann seiner Frau das neu erworbene Liebesnest präsentieren würde. Ich fühlte mich völlig deplatziert und bohrte ungeduldig nach, warum er mich hierher gebracht hätte, warum er mir das alles zeigen würde? Er eilte sich nun: „Ja, nur noch kurz, dit wollt ick dir nur schnell zeigen. Aber wir jehn mal nach hinten, dit wollt ick dir noch zeigen.“ Er führte mich nun in den Garten hinterm Haus. Er schlenderte mit mir an einem Bienenwagen vorbei, welchen er mir natürlich auch noch ausführlich präsentieren musste. Er zog nahezu jede Wabe heraus, um sie mir fast schon stolz zu zeigen. Zwille war nicht zu bremsen und während ich wie gewohnt zuhörte, plauderte er unaufhörlich weiter, plauderte über die Hausbesitzer, deren Familienverhältnisse, warum das Haus überhaupt leer stand, dass sie ihm das Haus wohl zum Kauf anboten. Huch, jetzt war ich wach! Oh weh, Zwille war ohnehin schon ständig anwesend, aber ihn jetzt noch als direkten Nachbarn zu haben, das könnte ich wohl kaum ertragen. So nett wie er auch war, das hätten meine Nerven nicht mitgemacht. Es war aber auch wirklich sehr anstrengend mit ihm und diese seltsame Vorführung hier bewies es mir erneut, dass ich ihn nicht unbedingt als neuen Nachbarn in Sichtweite haben wollte. „Ach Zwille…“, meldete ich mich nun zu Wort, „Du hast doch schon ein Haus, was willst Du denn nun noch ein weiteres haben? Denk doch mal darüber nach, ob das finanziell überhaupt sinnvoll ist und die ganze Arbeit, die dann doppelt anfällt. Denk dran, Du hast nur einen Hintern und kannst damit nur in einem Haus sitzen, oder?“ In dem Augenblick, als ich diesen Satz ausgesprochen hatte, biss ich mir gleich auf die Zunge. Er wird doch wohl nicht die Idee haben, hierher zu ziehen? Zwille jonglierte nun mit seinen Gedanken umher, wie praktisch es wäre, wenn er hier im Dorf so nah bei der Mutter wohnen könnte, und das Haus wäre ja viel schöner und größer. „Aber auch viel teurer“, warf ich hastig ein. Doch Zwille schwärmte weiter und während ich hinter ihm her trottete, erwähnte er, wie romantisch die Lichter am Gartenteich in der Nacht leuchten würden. Romantisch? In der Nacht? Es war vermutlich gut, dass Zwille vorweg lief und mir in diesem Moment nicht ins Gesicht schauen konnte. In meinem Kopf ratterte es heftig, was bitte würde Zwille hier in der Nacht machen? Ein Kommentar dazu verschluckte ich aber lieber und folgte ihm nur weiter stillschweigend. Doch innerlich wurde ich immer angespannter und ich hatte wirklich keine große Lust mehr auf diese Wanderung durch ein fremdes Haus und über ein fremdes Grundstück. So versuchte ich erneut, Zwille nun endlich zum eigentlichen Thema zurückkommen zu lassen. „Zwille, ich hab’ wirklich nicht so viel Zeit, sag mir doch mal, was Du mir eigentlich zeigen wolltest.“ „Naja warte mal ab“, sagte er und verschwand quasi zwischen zwei hoch gewachsenen Hecken. „Komm’ mal mit, guck’ mal!“ Ich kämpfte mich ebenfalls durch das Gestrüpp, durch welches Zwille vorweg grade entschwand. Auf dem hinteren Teil des weitläufigen Grundstücks tauchten wie aus dem Nichts zwei große, graue, langgezogene Gebäude auf. Früher wurden diese Gebäude als Kuhställe genutzt, doch nun standen sie bereits seit vielen Jahren leer. Zwille war sichtlich stolz, als er mir diese Hallen präsentierte. Nun kam er mit seiner Überraschung raus, hier könnte ich mein ganzes Jahresheu unterstellen und bräuchte so nicht mehr das vergammelte und schlecht gelagerte Heu von der Wiese kaufen. Fast heroisch streckte er seine Hand präsentierend in Richtung der alten Ställe aus. Er platzte fast vor Stolz, als er mir diese Idee vorstellte, und ich stand mit großen Augen vor ihm. Die Idee war ja wirklich großartig, aber wie käme er dazu, mir die Hallen anzubieten? Warum? Wieso? Zwille erklärte mir, dass er für das Nachbargrundstück nun die Hausmeistertätigkeit übernommen habe und im Gegenzug dazu die Hallen nutzen dürfe. Eigentlich wollte er seine Trecker in die Hallen stellen, doch die Einfahrtstore der Hallen seien wohl zu klein, sodass er mit seinen Treckern nicht hinein käme. Es wäre ihm auch zu viel Arbeit, die Hallen umzubauen, und somit wüsste er eigentlich nicht, was er mit den Ställen anstellen solle. Die Ställe lagen direkt neben seinem kleinen Gemüsebeet, welches er sich im letzten Jahr dort hinten angelegt hatte. Wenngleich er bei sich daheim einen Garten direkt an seinem Wohnhaus hatte, legte er sich einen kleinen Gemüsegarten hier im absoluten Niemandsland an, ohne Wasserzugang und so weit von Zuhause weg. Ich wurde aus ihm nicht schlau, ein komischer Kauz irgendwie. Da ist doch der Spritpreis für die ständige Fahrerei zur Versorgung des Gartens wesentlich höher, als wenn er sich das Gemüse im Laden kaufen würde. Fragen über Fragen, aber egal welchen Grund er dafür auch hätte, eigentlich ging mich das doch gar nichts an, darum wunderte ich mich nur still und hinterfragte das nicht weiter. Meine Gedanken kreisten um die Hallen und die Möglichkeit, dort Heu einlagern zu können. Das würde die Probleme lösen, doch wie sollten wir die großen Ballen von dort zu uns herüber bekommen? Zwilles tolle Idee wollte ich aber nicht gleich verwerfen und das Angebot am Abend mit Frederik besprechen. Frederik war von der Idee ebenfalls spontan angetan. Es brauchte also nur noch eine Lösung, wie wir die Ballen zu uns herüberbringen konnten. Uns war klar, dass wir solch eine tolle Möglichkeit so schnell nicht mehr bekommen würden und wurden gleich am nächsten Tag mit Zwille handelseinig. Für einen minimalen Obolus von 120 Euro im Jahr konnten wir eine Hälfte des ehemaligen Kuhstalls zum Lagern unseres Heus mieten.
Pro Woche benötigten wir mittlerweile einen Rundballen Heu für die Tiere. Die Kuhställe beziehungsweise nun Heuscheunen, die uns Zwille vermietete, waren beinahe einen halben Kilometer von uns entfernt. Über diese Strecke hätten wir spätestens im Winter keinen Ballen mehr von Hand zu uns rüber rollen können. Es musste nun also zügig eine passende Lösung für dieses Problem her. Es war an der Zeit, dass wir uns einen eigenen kleinen Traktor anschaffen wollten. Immerhin wuchsen auch die Arbeiten auf dem Hof, für die ein eigener Traktor nützlich sein würde, um diese mittlerweile alltäglichen Arbeiten bewältigen zu können. Eine Anschaffung würde sich also ohnehin lohnen. Nachdem wir einige Internetanzeigen durchsuchten, fanden wir einen alten Oldtimer Traktor, der uns passend vorkam: einen Geräteträger mit Namen RS 09. Frederik war ganz begeistert von dem merkwürdigen Trecker, der in meinen Augen eher wie ein Kinderklettergerüst aussah, beinahe wie ein seltsames Gerippe mit einem langen Stahlträgerbalken, an dem scheinbar die Räder nur seitwärts dran geschraubt wurden und der Sitz einfach auf dem Balken oben drauf gesteckt wurde. Einen Trecker stellte ich mir irgendwie anders vor. Seine schönsten Glanzzeiten hatte das Gerät längst hinter sich gelassen, soviel stand fest. Der Trecker war knallrot lackiert mit einem grau lackierten Frontheber und grauen Felgen. Frederik freute sich auf die Herausforderung, mit dem Trecker zu arbeiten, überschätzte aber scheinbar seine anfängliche Kompetenz auf dem Gebiet. Vom dem Moment an, als die beiden Verkäufer uns das Gerät vorführten, kamen mir Zweifel an dem seltsam anmutenden Trecker. Auf den ersten Blick sah er gepflegt und sauber aus. Sauber? Ein Trecker? Mir kam es komisch vor. Warum ist ein Trecker, mit dem angeblich noch gearbeitet wird, so sauber? Mir fiel auf, dass die Lackierungen überall, sogar über Kabel und Schrauben, scheinbar nur drüber gesprüht wurden. Ist das nicht so, als würde man etwas vertuschen wollen? Fast überall fehlten Schrauben und Bolzen oder es tröpfelte irgendwo eine Flüssigkeit heraus. Doch ich stand im Tal der Ahnungslosen, mit Trecker kannte ich mich so gar nicht aus. Darum fragte ich etwas kleinlaut nach, ob da nicht ein paar Schrauben fehlen und warum hier und da etwas heraustropfen würde. Ich wurde von den Männern belächelt. „Frauen!“ Mir wurde erklärt, dass das bei solch alten Geräten einfach so sei und durchaus immer so wäre, „dass da was tröpfelt“. „Das ist halt so“, hieß es. Ich hielt mich dann skeptisch zurück und hoffte, dass Frederik in seiner Überzeugung schon wissen würde, ob das alles so seine Richtigkeit hätte. Die beiden Verkäufer waren schließlich auch richtig nett. Gegen Aufpreis würden sie uns das Ding sogar nach Hause liefern. Prima, eine Sorge weniger, denn wir hätten auch nicht gewusst, wie wir den Trecker zu uns bekommen sollten. Also waren wir uns rasch handelseinig, und dies, obwohl Frederik das Ding nicht mal zur Probe fahren konnte. Komisch, bei Autos macht man das doch so, oder? Wir waren froh, dass man uns den tollen Trecker nach Hause liefern würde und wir schon bald unser Stroh und Heu selbst von der Scheune abholen könnten. Gleich am nächsten Tag brachten uns die freundlichen Verkäufer gegen Aufpreis den tollen, neuen Trecker. Sie ließen ihn von der Laderampe hinunterrollen und stellten ihn dort ab, wo er zum Stehen kam. Wir müssten nur noch etwas Getriebeöl aufkippen, hieß es. Das hätten sie für den Transport wohl abgelassen. Warum sie sich die Mühe machten, das Getriebeöl für den Transport abzulassen, erstaunte mich schon etwas, aber wie gesagt, ich war halt kein Kenner dieser alten Technik. Es würde sicherlich auch das geringste Problem sein, etwas Öl nachzuschütten. Frederik ließ sich zeigen, wo wir das Getriebeöl aufkippen mussten, und „schwupps“ waren die Herren zügig wieder weg. Da, wo der Trecker abgestellt wurde, blieb er dann auch die nächsten Tage stehen. Um genau zu sein, die nächsten Wochen. Irgendwie lief das Getriebeöl immer unten wieder raus, wenn wir es oben aufkippten. Komisch. Es lief irgendwie immer wieder aus allen Löchern, wo auch die vielen Schrauben und Bolzen zuvor von mir vermisst wurden. Also zogen wir los, um Bolzen und Schrauben in der passenden Größe, eine Dichtung und dazu noch Muffen, Dichtringe etc. zu kaufen. Und wenn man meinte, das wäre es jetzt gewesen, so kam ein neues „Und" dazu. Es kam, wie es kommen musste, wir beiden Stadtkinder waren die perfekten „Bauernopfer“ geworden und haben uns eine absolute Grotte andrehen lassen, die nur hübsch mit Farbe übergepinselt worden war. „Bauernblind“ nennt man das. Der Trecker war undicht und es lief quasi aus allen Ritzen, überall fehlten Teile und Dichtungen. Es war nahezu alles an dem Gerät defekt was nötig war, um den Trecker im Einsatz zu halten. Das war schlichtweg ein Reinfall. Doch da stand er nunmal, der Reinfall. Selbst wenn wir ihn nun wieder weggeben wollten, wir hatten ihn gar nicht vom Fleck weg bekommen. Frederik wurde nach und nach nun auch klar, was mir in meiner „Frauenlogik“ wesentlich schneller klar gewesen war: Der Trecker wird ein langes Bastelprojekt ohne tatsächlichen Nutzen. Es musste also rasch eine Alternative her. Hier kam der Wink des Schicksals und wir hatten Glück im Unglück. Zwischenzeitlich hatten wir wegen der immer schlechteren Heuqualität den Heulieferanten gewechselt. Der Kutscher hatte uns seinen Heulieferanten Hotte empfohlen. Ein Glücksgriff, denn wir bekamen jede Woche einen bedeutend besseren Heuballen von ihm geliefert als die vergammelten Dinger, die uns der vorherige Lieferant zumutete. Hotte fiel selbstverständlich gleich der Trecker ins Auge, als er unseren wöchentlichen Heurundballen lieferte. Wie es überhaupt dazu kam, dass nun auf unserer Wiese vor dem Haus dieser nutzlose Trecker stand, erzählten wir natürlich etwas peinlich berührt. Von dem Plan, nebenan gleich den ganzen Jahresvorrat einlagern zu wollen, waren wir immer noch begeistert. Hotte war in der Umgebung natürlich wesentlich besser vernetzt als wir und kannte zufällig jemanden, der ebenfalls einen RS09 verkaufen wollte. Der Trecker sei zwar nicht so ansehnlich, aber er wäre dafür zu 100% sofort funktional und würde treue Dienste leisten. Das sicherte uns Hotte zu, und diesmal hatte ich auch ein gutes Gefühl bei der Sache. Da Hotte uns bei dem Kauf Unterstützung zusicherte, gingen wir auf das Angebot ein und kauften also einen recht rostigen und unschönen RS09 dazu, welcher dafür aber tatsächlich zuverlässig funktionierte. Wie heißt es doch so schön: Aussehen ist nicht alles. Wir hatten nun einen (schönen) Trecker, der nichts taugte und einen hässlicheren Trecker, mit dem wir aber alles Nötige erledigen konnten.
Frederik nannte den Taugenichts von Trecker fortan „Styler“. Der taugte halt nichts, sah aber stylisch aus, wobei Schönheit immer im Auge des Betrachters liegt. Der Styler wurde Frederiks Projekt. In liebevoller Fleißarbeit begann er, ihn mühselig wieder flott zu machen. Bastelte Frederik früher gern an benzinbetriebenen, ferngesteuerten Modellautos herum, wurde das „Männerspielzeug“ nun deutlich größer. Für die anfallenden Arbeiten hatten wir das „Arbeitstier“ gekauft. Dem Plan, unser Heu in die schützenden Hallen einzulagern, stand nun also nichts mehr im Wege.
Wie aufregend war es, den ersten Ballen aus der Halle abzuholen. In dieser ganzen Vorfreude und Aufregung hatten wir irgendwie völlig vergessen, dass man für den Transport des Heurundballens nicht nur einen Trecker mit Frontheber benötigte, wie ihn unser Arbeitstier ja hatte, sondern dass an diesem Frontheber vorne auch eine Heugabel angebracht sein müsste, um den Heuballen daran aufspießen zu können. Das fiel uns aber erst auf, als wir vor den Rundballen standen. Völlig überfragt liefen wir um den Ballen und den Trecker herum und rätselten, wie wir diesen Ballen nun an den Hubarm bekämen. Als wir merkten, wie verplant wir waren, prusteten wir nur noch vor lauter Lachen los. Wenn uns jemand beobachtet hätte, wäre es sicherlich ziemlich peinlich gewesen. Städter! Nach all diesem Schlamassel standen wir nun völlig naiv vor diesem Ballen und hatten zwar einen Trecker, sogar einen Trecker mit Hubarm, hatten auch einen Heuballen, aber immer noch keine Ideallösung für den Transport, da uns die Mistgabel am Hubarm fehlte. Es war einfach zu komisch, eigentlich hätte alles so einfach sein können. An diese blöde Gabel hatte keiner von uns gedacht und Hotte wie es scheint auch nicht. Doch wir brauchten den Ballen nun für die Tiere und konnten nicht noch länger warten, bis wir eine passende Heugabel für den Trecker irgendwo auftreiben konnten. Darum nahmen wir einfach ein paar Spanngurte zur Hand und zurrten den Ballen am Hubarm des Treckers fest. Wir fotografierten dieses Ereignis natürlich für unser Jahresalbum und konnten es zwischendrin immer wieder selbst kaum fassen, dass wir zwei Berliner nun auf einem eigenen Trecker saßen und nun, auf eine recht seltsame Art und Weise, Heu zu unseren eigenen Tieren, auf unserem eigenen Hof transportierten.
Es fühlte sich so unglaublich an. Auf der Rückfahrt waren wir schon ein bisschen stolz auf uns, da war die Heugabel auch egal. Hätte uns jemand zwei Jahre zuvor gesagt, dass wir an diesen Punkt kämen, so hätten wir ihn vermutlich ausgelacht, so unwirklich und ungeplant verlief die Zeit bis dahin. Mit Gummistiefel und Trecker über Felder und Äcker, um die eigenen Tiere mit Futter zu versorgen.
Die angewachsene Tierhaltung stellte uns natürlich nicht nur vor die Herausforderung, die Tiere gut zu versorgen und unterzubringen. Wir mussten auch auf die Gesundheit und Gesunderhaltung der Tiere achten. Doch wo geht man mit einem Schaf oder einer Ziege zum Tierarzt? Wir kannten bis dahin nur den Kleintierarzt für Hund und Katze. Unser Stammtierarzt in der Stadt war natürlich auf Kleintiere spezialisiert, und der staunte nicht schlecht, als ich das erste Mal mit einem unserer Schafe hilflos in seiner Praxis stand. Im Wartezimmer saß mir eine Dame mit einem kleineren Hund gegenüber. Vermutlich dachte sie zunächst, ich sei mit einem großen, recht ungepflegt aussehenden Hund da. Diese Annahme verflog schockartig, als meine schwarze Dolly plötzlich ein lautes „Mähhhhähäh“ von sich gab. Ihr Hund sprang der Dame vor Schreck auf den Schoß, und sie stieß einen lauten Quietscher vor Schreck aus. „Das ist ja ein Schaf“, begann sie zu lachen und wollte sogleich Dolly streicheln.
Im Laufe der Zeit fanden wir glücklicherweise auch die passenden Tierärzte auf dem Land, welche auf Hoftiere spezialisiert waren und auch zu uns nach Hause kamen. Auch Schafe und Ziegen benötigen regelmäßige Impfungen, Wurmkuren und tierärztliche Kontrolluntersuchungen. Warum ich Ziegen aufzähle? Nun, weil unsere kleine Familie stetig wuchs und wir auch ein paar Ziegen bei uns aufnahmen. Die Ziegen konnten wir vor der Schlachtung bewahren und aus einer schlimmen Haltung herausholen. So bekamen wir zwei erwachsene Milchziegen und immerhin sieben kleine Flaschenlämmchen, die noch mit der Flasche aufgezogen werden mussten. Die kleinen Flaschenlämmchen bekamen mehrfach am Tag ihre warme Milchflasche. Die Mütter der Lämmchen wurden für kommerzielle Ziegenmilchproduktion gehalten, und die Lämmer sind für die meisten Produzenten einfach nur ein Abfallprodukt, welches sich schlecht vermarkten lässt. Sie sollten auf den Transport für die Resteverwertung geschickt werden. Im letzten Moment konnte ich zumindest sieben von über vierhundert dieser kleinen Zicklein abkaufen und zu mir nehmen. Die beiden großen Milchziegen hatte ich aus einer richtig schlechten Haltung abgekauft. Beide Ziegen standen hochtragend, also schwanger, in einem völlig verdreckten Verschlag. Die Ziegen versanken bis zu den Knien im eigenen Dreck. Der Pferch, in dem sie beide standen, hatte gerade mal die Größe von einem Meter Breite mal zwei Meter Länge. Eine Fläche so groß wie ein Einzelbett wurde für zwei dickbäuchige, schwangere Ziegen genutzt. Wie so oft wurden die Tiere in einem Nebengebäude gehalten. Ohne Tageslicht, dunkel und nasskalt war es da drinnen und die Luft war stickig und ätzend. Die Ziegen standen im eigenen, von Urin durchnässten und matschigen, Kot. Mir trieb es die Tränen in die Augen. Dort fristeten die beiden Ziegen dicht gedrängt nebeneinander ihr Dasein. Die Geburten ihrer Lämmchen standen kurz bevor und die dementsprechend dicken Bäuche wölbten sich weit zu beiden Seiten. Die zwei konnten sich kaum drehen geschweige denn sauber ablegen, um ihre Lämmer auf die Welt zu bringen. Nach ein paar Verhandlungen mit den Besitzern war ich um zwei hochschwangere Milchziegen reicher. Der Tierarzt hatte an uns also einen guten Kunden gefunden.
Wenn ich morgens nun meine Stallrunde startete, blickten mich ab sofort zusätzlich mehrere Ziegenäuglein erwartungsvoll an. Einige in Erwartung von warmer Milch und andere in Erwartung, dass vielleicht gleich etwas Schreckliches geschehen könnte. Immerhin sind Menschen diesen Tieren nicht immer freundlich und gutherzig gegenüber gewesen. Mit einem Namen für jede Ziege sollte nun auch ein neuer Lebensabschnitt beginnen. Sie waren keine Nummern mehr, die ihnen mit einer Plastikmarke betäubungslos in die Ohren gestanzt wurden. Sie waren, wie es die Namen verrieten, geschätzte, kleine Persönlichkeiten, die ab sofort zu uns gehörten. Es dauerte eine Weile, bis die trächtige braune Alma sich auch nur annähernd angstfrei in unserer Nähe wieder zu atmen traute. Immer wieder stand sie mit angsterfüllten, weit aufgerissenen Augen in der Ecke und gab schnaufende Grunzgeräusche von sich. Bei Ziegen ist dies ein Zeichen von Unwohlsein und Unsicherheit. Zu Alma bekam ich erst einen annähernden Kontakt, als ich ihr Geburtshilfe bei ihren Lämmchen leisten musste. Sie blieb zwar noch über Monate zurückhaltend und skeptisch, aber wir konnten uns zumindest mit Leckereien im Stall blicken lassen, ohne dass sie vor lauter Angst das Atmen einstellte. Die cremeweiße Ziege nannten wir Emma. Mit den passenden Leckereien war sie für Bestechungen wesentlich empfänglicher als Alma und schneller zugänglich. Ihre Lämmchen kamen nur wenige Tage vor Almas Lämmchen auf die Welt und für die Geburtshilfe schien Emma sehr dankbar zu sein.
Es war ein wunderbares Erlebnis, die Geburten der Lämmer zu begleiten. Wenn sich die kleinen Lämmchen mit großen Kulleraugen in einer großen, weiten Welt plötzlich wiederfinden und mit großen Kulleraugen um sich blicken, wackelig und zitternd die ersten Stehversuche unternehmen.
Wenn so kleine freche Ziegen ihre Welt erkunden, ist Spaß vorprogrammiert. Frederik begann den Ziegenstall umzubauen. Es machte uns richtig Spaß einen Stall zu konstruieren, der selbst bei schlechtem Wetter den Ziegen ausreichend Platz und Spielspaß bieten würde. Da wir die Grundfläche nicht erweitern konnten, baute Frederik kurzerhand eine zweite Etage mit Treppenpodesten und einem Dreietagenturm mit Ausguckfenster für die Ziegen. Einer Galerie, von der sie in den unteren Stall hinuntergucken konnten und Schlafboxen in verschiedenen Stallabteilungen, sodass die Ziegen auch ihre Rückzugsplätze fanden, wenn sie ihre Ruhe haben wollten.
Ziegen sind ebenso wie Menschen soziale Lebewesen und brauchen ihre Rückzugsmöglichkeiten und sogar etwas Privatsphäre. An die Eingänge der Schlafboxen hingen wir deshalb jeweils noch eine Decke davor. Somit waren die Schlafboxen nicht nur ein Stück weit separiert, sondern sie waren zudem besonders im Winter kuschelig warm. Auf den Boxen fanden die Ziegen eine schöne, begehbare Aussichtsplattform, von der sie entweder aus eines der Fenster hinausgucken oder sich einen besseren Überblick über die benachbarte Stallbox verschaffen konnten. Unser Ziegenstall verfügte natürlich auch über eine separate Krankenbox, falls eine Ziege Rotlicht oder besondere Ruhe benötigte. Aber meist standen alle Türen offen, sodass die Ziegen sich im kompletten Stall frei bewegen konnten. Wie es der kleinen Ziegenseele gerade beliebte, konnte sie entweder im Stall umhertoben oder durch die Ziegenklappe in den Ziegenauslauf einen Ausflug starten. Dass der freizügige Ziegenauslauf über einen eigenen Spielplatz verfügte, muss ich wohl kaum erwähnen. Frederik fand richtig Gefallen daran, sich an den neuen Ideen für das Ziegenparadies baumeisterlich auszutoben und die Ziegen fanden einen großen Spaß daran, diese Bauwerke in Benutzung zu nehmen. Von Wackelbrettern, Balancierbalken, einem Hochhaus mit Aussichtsplattform, einer Hängebrücke oder einfach nur den begehrten Sonnenbänken. Es gab Ruhezonen und Erlebnisbereiche. Ich denke, das hatte den Ziegen wirklich gut gefallen.



