10 Jahre Stalking - Nur weil Du ihn nicht siehst, heißt es nicht, dass er nicht da ist!

- -
- 100%
- +
Eines der kleinen Flaschenlämmchen erhielt den Namen Nathalie. Eigentlich suchte sie sich den Namen selbst aus. Während ich einige Namen vor mir her sprach, reagierte sie plötzlich auf Nathalie. Sie mochte scheinbar den Klang des Namens und antwortete bei jedem Nathalie mit einem aufgeweckten „mh mh mh“. Schon am ersten Tag hatte sie begriffen, dass ich für ihre Milch zuständig war und begrüßte mich immer stürmisch und gierig suchend, wo ich wohl die heißersehnte Milchflasche versteckt haben könnte. Auf ihrem schwarzen Kopf wölbten sich bereits oberhalb des kleinen weißen Sterns auf ihrer Stirn ihre kleinen Hörnchen, welche zu wachsen begannen. Ihre seitlich vom Kopf abstehenden, weißen Ohren waren an den Enden etwas deformiert. Liebevoll habe ich sie immer mein kleines „Knopelöhrchen“ genannt. Als die kleinen Lämmchen zu mir kamen, war es zum Jahresanfang noch winterlich kalt. Es war sogar einer der Winter, der die Landschaft mit Schnee und Frost überzog.
Dort, von wo ich Nathalie abholte, stand sie mit vielen anderen, von der Mutter bereits getrennten Lämmchen, in einer Box zusammen. Vermutlich war eines der anderen Lämmchen auf der Suche nach Milch und bekam immer wieder einen Ohrzipfel eines anderen Lämmchens in die Schnute. Es saugte und nuckelte vergeblich an den Ohrzipfeln, aber es kam einfach keine Milch heraus. Da die nass genuckelten Ohrspitzen nun in der winterlichen Kälte gefroren, musste Nathalie durch diese Erfrierungen ihre Ohrspitzen einbüßen. Die Ohren knickten am Ende wie ein Schlappohr ab und durch die Erfrierungen vernarbte ihr rechtes Ohr so sehr, dass die Spitze sogar komplett verloren ging. Die Sorge, dass Nathalie ihre Ohren bei den starken Minustemperaturen vielleicht sogar ganz verlieren könnte, wenn der Frost weiter in die verletzten Ohren eindringen würde, war nicht unbegründet. So entschloss ich mich, im Haus einen extra hergerichteten Kinderlaufstall aufzubauen und Nathalie mit einem weiteren desolaten Flaschenlamm solange im Haus unterzubringen, bis die starken Minustemperaturen vorüber waren. Die Hunde waren von den außergewöhnlichen Besuchern sehr angetan. Bei jeder Flaschenfütterung standen sie alle rings um die Lämmer herum und schleckten die verschüttete Milch von den Lämmerschnuten.
Nathalie und Herrmann, das zweite Flaschenlämmchen, blieben selbstverständlich nicht die ganze Zeit über nur in dem kleinen Babystall. Sie brauchten Bewegung und ich musste täglich den kleinen Laufstall säubern können. Die Holztreppe in die erste Etage hinauf war ein Spielparadies für die kleinen, lebensfrohen Lämmchen. Nathalie hopste die Treppe hoch und wieder runter, und das Trappeln ihrer kleinen Füße hallte durchs ganze Haus. Treppe hoch und wieder runter, und wenn sie unten an den letzten drei Stufen angekommen war, wurde sie immer übermütiger und übte den Weitsprung. Mit einem gekonnten Satz sprang sie auf den Läufer, der zu ihrem Vergnügen noch ein Stück weit mit ihr darauf den Flur entlang rutschte. Herrmann war da etwas gemütlicher unterwegs. Einmal Treppe hoch und wieder runter genügte ihm.
Herrmann bevorzugte es, mit den Hunden vor der Heizung in dem großen Hundebett gemeinsam zu kuscheln oder gemütlich durchs Haus zu schlendern, auf der Suche nach interessanten Objekten. Er „beschäftigte“ sich mehr mit ruhigeren Dingen. Den Wäschekorb zum Beispiel bis zur letzten Socke auszusortieren und die Kleidungsstücke dann im Haus zu verteilen. Sogar hinter der Toilette fand ich einmal eine Unterhose oder in der Dusche ein T-Shirt. Erst, wenn der Korb komplett geleert und umgeworfen war, ging es an die Küchenschränke oder auf die Fensterbänke, um nach draußen zu schauen.
Herrmann hatte einen schlechten Start in seinem bis dahin noch kurzen Leben. Er war bereits drei Wochen alt, als er zu uns kam, aber hatte die Körpergröße und das Gewicht eines frisch geborenen Lammes. Herrmanns Mutter hatte aufgrund mangelhafter Versorgung keine Milch und die Besitzer versuchten Herrmann und das Geschwisterchen mit H-Kuhmilch aus dem Tetrapack aufzuziehen. Sie machten sich hierbei leider nichtmal die Mühe, die Milch wenigstens zu erwärmen. Es versteht sich von selbst, dass dies keine geeignete Lämmeraufzucht ist. Wenn zudem die falsche Milch noch kalt gereicht wird, bekommt das Lämmchen unbeschreibliche Bauchschmerzen. Die Lämmchen kümmerten vor sich hin und waren dem Tod näher als dem Leben. Als am Morgen das Geschwisterchen von Herrmann tot im Stall lag und Herrmann keine Milch mehr annahm, durfte ich das im Sterben liegende Herrmännchen abholen. Der kleine Fratz war eiskalt, nahezu regungslos, als ich ihn auf den Arm nahm. Rasch öffnete ich meine Jacke ein Stück, um ihn darunter mit meiner Körperwärme etwas aufzuwärmen. Er war so klein und so schwach, blinzelte mich aber noch trotz völliger Entkräftung mit seinen halbgeschlossenen Augen unter der Jacke hervor an. Sein dunkelbraunes Gesicht war mit einer breiten, weißen Blässe durchzogen. Seine kleine, rosafarbige Nase war blass, nahezu blau gefroren und von den zwanghaften Fütterungsversuchen der Besitzer mit alten Milchresten verschmiert. So wie Nathalie weiß-schwarz gefleckt war, so war Herrmann dunkelbraun-weiß gefleckt. In dem weißen Rückenfell sah ich ein paar Haarlinge umherkrabbeln, die ihm zusätzlich zu schaffen machten. Bei den Beinen war ich mir noch nicht sicher, ob sie eigentlich weiß waren oder tatsächlich dunkelbraun. Unter dem Schmutz war das nicht zu erkennen.
Später zeigte sich, dass eigentlich fast der ganze Körper weiß war, nur Hals und Kopf waren braun. Der Rest war abwaschbar.
Als erstes musste er wieder auf eine gute Körpertemperatur gebracht werden und etwas körperwarme Infusion bekommen. Es brauchte gut sechs Wochen, bis wir Herrmann als wirklich stabil bezeichnen konnten und uns sicher waren, dass wir ihn durchbekommen würden. Unser Leben drehte sich um diese kleinen Tierchen, wie sich vielleicht anderswo das Leben um den eigenen Nachwuchs dreht. Die Tage waren voller Sorgen um das Wohl der Kleinen, aber dennoch von unbeschreiblichen Glücksgefühlen erfüllt, wenn sie wieder einen Tag näher an ein unbeschwertes Leben heranrückten.
Die Küchenfronten sicherte ich mittels Kindersicherungen und die Blumen rettete ich rechtzeitig von den Fensterbänken.
Ohne Zweifel war es eine aufregende und auch aufreibende Zeit, aber unter keinen Umständen möchte ich diese außergewöhnlichen Erlebnisse in meinem Leben missen. Sobald das Babyställchen im Wohnzimmer wieder sauber und mit frischem Stroh weich aufgebettet war, war das Schlummerland für Nathalie und Herrmann auch nicht mehr weit entfernt.
Mit dem Schlaf der Zickelchen kehrte dann auch wieder etwas Ruhe im Haus ein. Den beiden beim Träumen zusehen zu können, war ein Gefühl von Zufriedenheit und Glück.
Endlich zogen sich Schnee und Frost zurück, die Zickleins zogen in den Stall um und der Frühling mühte sich damit, endlich warme Tage folgen zu lassen. An einem schönen, sonnigen Tag war es dann soweit: Unsere kleine Ziegengruppe sollte ihre Jahresimpfung und eine Entwurmung bekommen. Der Tierarzt war zum vereinbarten Termin gekommen, und wir wollten nur noch rasch das genaue Vorgehen besprechen, bevor sich der Tierarzt im Stall zeigt und somit die Tiere in Schrecken versetzt.
Die Ziegen kannten den Tierarzt nun schon genau, denn wer ihnen einmal eine Spritze gibt, wird so rasch nicht vergessen. Obwohl er es mit den Tieren immer gut meinte, hatten die Ziegen eine ganz eigene Meinung von ihm. So musste sich der Übeltäter nur zeigen, allein seine Stimme verriet ihn bereits von Weitem, und die Ziegen wussten sofort, dass wir einfach nichts Gutes im Schilde führen können, wenn dieser Mann mit im Stall auftaucht. Also entschieden wir uns, vorab alles Wichtige nicht im Stall, sondern noch im Garten zu besprechen, um die Ziegen nicht zu beunruhigen.
Wir standen vor dem Küchenfenster und unterhielten uns, als unser Gespräch durch das Klingeln meines Telefons unterbrochen wurde. Als ich es ans Ohr nahm, ertönte umgehend lauthals und zornig Zwilles krächzende Stimme: „Wat ist dit denn für ein Typ, der da neben dir steht“, krawallte er mir entgegen. Ich wusste gar nicht, wie mir geschah und sah mich verdutzt um, ohne auch nur etwas aus Verwunderung äußern zu können. Der Tierarzt und ich befanden uns vor dem Küchenfenster des Hauses, an einer Position auf dem Grundstück, welche von allen Seiten her von außen nicht einsehbar war. Von der Straße aus hätte uns niemand dort stehen sehen können, da das Haus die Sicht auf unseren Standort verdeckte. Ringsum war zudem kein öffentlicher Zugang, welcher einen Blick auf unseren Garten erlaubt hätte. Nach hinten vom Grundstück weg, also rückseits des Hauses, befand sich nur unser eigenes Grundstück. Es war für mich also völlig unerklärlich, wie Zwille „den Typen“ überhaupt neben mir hätte stehen sehen können. Ich sah mich immer noch verstört um, als Zwille nachlegte und weiter schimpfte: „Du brauchst jar nich lügen, ick sehe dir und den Typen janz jenau!“ Er brüllte so laut ins Telefon, dass der neben mir stehende Tierarzt problemlos alles mithören konnte. Er schien in dem Moment wohl darüber nachzudenken, in welche Situation er nun hineingeraten sein könnte. Das ging so nicht und ich fragte Zwille, was ihm einfallen würde und wo er jetzt gerade sei. Zwille prahlte damit, dass er sich auf unserem Grundstück hinterm Haus befinden würde, natürlich rein zufällig. Da stand er nun auf einem kleinen Hügel, zufällig mit dem Fernglas in der Hand, um besser sehen zu können. Das war doch kaum zu fassen, und ganz ehrlich, das ging mir auch wirklich zu weit. Während es sich anfühlte, als wenn ich vor dem Tierarzt gleich vor Scham im Boden versinken würde, zog ich einen ernsten Ton bei Zwille an. Ich gab ihm höfliche, aber deutliche Worte mit auf den Weg, dass ich das definitiv nicht gut finde. Dass, wenn mein Freund Frederik sowas machen würde, ich schon die Ohren anlegen würde, aber was würde Bitteschön IHM einfallen, auf unserem Grundstück zu stehen und mir nachzustellen? Zwischen Empörung und Anflug von Wut war ich wirklich hin- und hergerissen und sagte zu Zwille, dass es ihn doch gar nichts angehe, wer hier zu Besuch kommt und er solle sich nicht ungefragt auf unserem Grundstück rumtreiben! Nun wurde Zwille etwas kleinlauter, und seine Stimme wurde deutlich zurückhaltender: „Na, ick wollt ja nur auf dir aufpassen…“, stammelte er. „Nein, aufpassen kann ich sehr gut auf mich alleine“, motzte ich zurück. Trotzdem fühlte ich mich irgendwie dazu genötigt, ihm zu erklären, dass er beruhigt sein könne. Mein Besucher sei der Tierarzt, und er sei hier, um die Ziegen zu impfen, also kann er sich nun von unserem Grundstück entfernen. Mit ernstem Ton sagte ich noch, dass sowas zukünftig nie wieder vorkommen sollte! Danach legte ich einfach auf, ohne ein weiteres Wort von Zwille abzuwarten. Warum hatte ich mich gerade dafür gerechtfertigt, wer hier jetzt bei mir war? Sofort ärgerte ich mich über mich selbst. Warum hatte ich mich ihm gegenüber überhaupt erklärt? Aber viel Zeit blieb nicht, die Ziegen sollten behandelt werden und ich wollte den Tierarzt und auch mich aus dieser blöden Situation so rasch wie möglich herausnehmen und zur Tagesordnung übergehen.
Es war das erste Mal, dass ich doch etwas ernsthafter darüber nachdachte, dass Zwilles Verhalten so nicht normal sein kann. Landleben hin oder her, aber diese Aggression und Wut darüber, dass ich auf meinem Grundstück mit einem für ihn fremden Mann eine Unterhaltung führe, das war in meinen Augen völlig daneben. Was hatte er überhaupt auf unserem Grundstück zu suchen, und warum beobachtete Zwille mich, und dann noch mit dem Fernglas? Obwohl es mich doch sehr ärgerte, verdrängte ich diesen Gedanken und dachte, dass ich mich am Telefon wohl so unmissverständlich ausgedrückt hatte, dass es nun sogar Zwille verstanden haben sollte, dass er übers Ziel hinausgeschossen war. Es vergingen ein paar Tage, und für Zwille schien alles wie gehabt. In den weiteren Kontakten thematisierte ich diesen Vorfall nicht weiter, aber es lag mir noch deutlich im Magen. Zwille hingegen hing mir weiter seine Radieschen an den Zaun, brachte wieder Obst und Gemüse, wann immer er konnte. Ich nahm an, dass er es aus einem schlechten Gewissen heraus tat und dies seine Art der Entschuldigung war. Also wollte ich es damit auch gut sein lassen.
Da ich mit meiner Arbeit auch viel von Zuhause aus arbeiten konnte oder auch musste, verbrachte ich viel Zeit im Arbeitszimmer am Computer. Für eine regionale Zeitung schrieb ich regelmäßig eine Ratgeberseite zum Thema Tiere. Rund ums Tier gab ich Tipps und Auskünfte, wenn es zu Kommunikationsproblemen zwischen Halter und Tier kam. So saß ich oft mehrere Stunden am Rechner und arbeitete oben unter dem Dach diverse Artikel durch. Als langsam aber sicher die Zeilen auf dem Bildschirm vor meinen Augen zu verschwimmen drohten, war es Zeit für eine kleine Pause. Ich öffnete das Dachfenster und genoss die frische Luft, die ins Zimmer strömte. Was für ein toller Ausblick! Man öffnet das Fenster und blickt auf das eigene Grundstück. Nirgends ein Haus in Sichtweite, egal aus welchem Fenster man auch blickte, man sah nur Natur ringsum. Ich genoss diesen Ausblick und den Moment der Ruhe. Vor unserem Dachfenster erstreckte sich ein knapper Hektar eigener Wald, der sich aus Büschen, Bäumen und Sträuchern zusammensetzte. Ein Paradies für Tiere.
Völlig unerwartet riss mich das Klingeln meines Mobiltelefons aus der Schwärmerei. Zwille war dran. „Nich, dat de denkst, ick beobachte Dir, weil ick hier unten stehe…“ Ich war nicht nur völlig verwundert, sondern auch verunsichert, denn ich sah niemanden. Doch das wollte ich mir jetzt nicht anmerken lassen und tat so, als wenn ich ihn gesehen hätte, bohrte darum gleich nach, was ich denn denken soll, wenn er da steht? Meine Augen suchten die Umgebung weiter ab, aber ich konnte ihn nicht entdecken. Trotzdem legte ich weiter nach, warum er überhaupt schon wieder auf unserem Grundstück stehen würde. Ich dachte, das hätten wir schon geklärt? „Ne, dit war ja nur Zufall, ick wollt ja nur mal watt gucken, hat aber nüscht mit Dir zu tun.“ So so, also da geht das Fenster auf und umgehend kommt der Anruf von ihm, dass er mich zwar nicht beobachtet, aber es trotzdem sofort sieht, wenn sich das Fenster öffnet und ich am Fenster stehe? Was genau er nun schon wieder auf unserem Grundstück gucken wollte, gab er aber auch nicht preis. Es interessierte mich auch herzlich wenig. Ich forderte ihn abermals auf, unser Grundstück zu verlassen und nun auch endlich nicht mehr ungebeten unser Grundstück zu bewandern! Ganz gleich, was andere sagen, was andere für Entschuldigungen vorbringen mögen, ich fand dieses Verhalten nicht normal und unheimlich fand ich es langsam auch. Auch wenn ich es mir nicht eingestehen wollte, es beunruhigte mich doch sehr und ich ertappte mich selbst dabei, wie ich von Tag zu Tag immer wieder die Gegend genauer im Blick behielt, den Wald mit Blicken absuchte und doch immer wieder mal genauer hinsah, wenn Zwille nahte. Dieser Vorfall zeigte mir deutlich, dass nur weil ich ihn nicht sah, es nicht bedeutet, dass er nicht da ist. Als „Berliner Pflanze“ war ich doch so einiges an seltsamen Gestalten gewohnt. Ich dachte, dass mich so rasch nichts aus der Ruhe bringen könnte, doch die Unsicherheit nagte und kratzte nun geduldig seine kleinen Kerben in mein „dickes Fell“ hinein. Die häufige und tägliche Präsenz von Zwille wurde mir nicht nur immer lästiger, sondern auch immer unheimlicher. Es war schon seltsam, dass er täglich kam, von so weit her, immer ohne seine Frau, immer wenn Frederik nicht da war, immer rings um das Haus aktiv war. Oder bildete ich mir das jetzt nur ein? War ich zu empfindlich?
In den nächsten Tagen beschlich mich immer wieder ein ungutes Gefühl. Selbst wenn ich Zwille nicht sehen konnte, ging er mir im Kopf umher. Immer wieder ertappte ich mich dabei, wie ich teils unbewusst damit begann, die Umgebung abzusuchen, sobald ich das Haus verließ. Sobald ich spürte, dass ich mich beklemmt fühlte und mir unheimlich zu Mute wurde, ärgerte ich mich über mein eigenes Verhalten. Es kann doch nicht sein, dass ich mich von solch einem blöden Vorfall dermaßen verrückt machen lasse! Zumal das doch nur ein paar merkwürdige Unarten eines dummen Bauern sind, denen ich vielleicht zu viel Gedanken schenke. Ich versuchte, mich selbst zu beschwichtigen und diese ärgerlichen und unheimlichen Situationen abzuschütteln oder sie herunterzuspielen. Doch jedes Mal, wenn Zwille wieder auftauchte, kam dieses Gefühl sofort wieder in mir auf und es widerstrebte mir, mich mit ihm noch weiter am Zaun zu unterhalten. Nach und nach zog ich mich immer weiter zurück. Doch das war nicht so leicht wie gedacht. Zwilles übliche Marotten, das ständige Anfahren, Wegfahren, Zurückkommen und wieder minutenlang vor dem Haus zu parken, ließen auch weiterhin nicht nach. Es machte den Eindruck, als würde er nun, wo wir unser Jahresheu in den Hallen eingelagert hatten, der Meinung sein, dass er eine Art „Anspruch“ auf mich und meine Zeit hätte.
Ganz gleichgültig wie sehr ich mich auch ärgerte, um die Gespräche mit Zwille kam ich auf Dauer nicht herum. Er hatte schließlich auch so viel für uns getan. Jetzt, da das Heu in seinen Scheunen lagerte, wollte ich auch nicht undankbar wirken. Natürlich kostete es mich oft meinen letzten Nerv. Zudem darf man nicht vergessen, dass jeder mal gute Tage hat und dann auch wieder seine schlechten. Mir stand es doch ebenso zu, einen schlechten Tag zu haben und nicht immer nur nach den Vorlieben anderer funktionieren zu müssen. In meiner Arbeit als Tierpsychologin musste ich schließlich auch sehr oft schlimme Tierschicksale ertragen, zum Beispiel, wenn das angebliche Problemtier eigentlich einwandfrei war und nur das riesige Pech hatte, einem völlig ignoranten und selbstverliebten, unbelehrbaren Besitzer ausgeliefert zu sein. Wie oft waren mir einfach die Hände gebunden, und ich konnte nichts für das Tier unternehmen, weil der Besitzer einfach zu ignorant war. Doch ob es mir nun gut ging oder nicht, das war Zwille gleichgültig. Obgleich mein Kopf zum Zerplatzen voll war, wollte Zwille mir seinen Gedankenkram um jeden Preis dennoch aufdrängen. Manchmal tat er mir dann aber auch leid, erzählte er mir in einigen Gesprächen doch immer öfter unterschwellig davon, dass es bei ihm in der Ehe gerade etwas kriselte. Dieses Thema war mir aber oft etwas unangenehm, immerhin kannten wir uns dahingehend nicht besonders gut, wenngleich er nahezu täglich da war. Er berichtete mir davon, dass seine Frau ihm immer wieder fremdgegangen sei und er nicht mal wisse, ob der Junge überhaupt von ihm sei. Zwille hatte einen bereits fast erwachsenen Sohn, der ihm in der Tat nicht sehr ähnlich sah. Solch persönliche Dinge wollte ich nicht wirklich wissen. Was geht mich sein Privatleben an? Doch wie verhält man sich nun, wenn jemand sein Herz derart ausschüttet? Eigentlich wollte ich damit nichts zu tun haben, aber vielleicht war Zwille auch wirklich so verzweifelt, dass er sich von unseren Gesprächen einen weiblichen Rat erhoffte. Ganz gleich wie wütend ich manchmal auf ihn auch war, aber so wollte ich ihn nicht einfach stehen lassen. Da ich seine Frau jedoch kaum kannte, nur von kurzweiligem Sehen her, wusste ich leider keinen wirklich guten Ratschlag für Zwille. Weder wusste ich, was sie mag, noch wusste ich von ihren Wünschen. Selbst in den Gesprächen zwischen Zwille und mir erwähnte Zwille sie nur sehr selten und wenn, dann eher beiläufig. Unter diesen Umständen blieb es also bei allgemeinen Ratschlägen wie man sie auch aus Zeitschriften kennt. Blumen, Pralinen, Komplimente, gemeinsam Ausgehen und sich gemeinsam an der Zeit festhalten, die man im Guten bereits gemeistert hatte. Wozu soll man auch sonst raten als zu solchen Dingen? Wie gesagt, ich kannte seine Madame ja kaum. Seine Frau schien auch eher die „robuste Landfrau“ ohne viel Sinn für Romantik zu sein. Ihr Äußeres wirkte eher etwas maskulin und forsch, sie war sehr üppig untersetzt. Ihre kurzen, dunklen Haare fielen glatt in einem „Prinz-Eisenherz-Topfhaarschnitt“. Ich werde nie vergessen, wie sie einmal Zwille begleitete, als er am Wochenende auf dem Feld gegenüber ausnahmsweise tatsächlich Arbeit zu verrichten schien. Sie trug ein langes, armfreies Shirt, was wie ein Nachthemd aussah. Vielleicht dachte sie, es sei ein Kleid, aber ich bin der festen Überzeugung, dass es ein Nachthemd war. Was auch immer es war, für sie war es jedenfalls sehr ungünstig geschnitten und für Feldarbeit, insbesondere wenn sie sich bückte, vielleicht etwas schlecht ausgewählt. Sie schien sich aber damit sehr wohl zu fühlen, und es soll letztlich jeder das tragen, was er möchte. Ohne es böse zu meinen kann ich sagen, dass sie auch bezogen auf ihr geistiges Niveau gut zu Zwille passte. So war es meine ehrliche Überzeugung, die ich Zwille bestärkend mit auf den Weg gab, als ich ihm sagte, dass sie zwei doch gut zusammenpassen. Meine Gedanken, warum dies so ist, verschluckte ich aber lieber. Zwille lenkte plötzlich rasch ab, und die Eheprobleme schienen verflogen. Seine Gesichtszüge erhellten sich mit einem Mal, und er strahlte über das ganze Gesicht, als er mir von einer Unterhaltung mit seinen Kumpels erzählte. Scheinbar erzählte er seinen Freunden recht viel von mir, denn lachend berichtete er mir, wie einer seiner „Kumpels“ mit ihm kürzlich genörgelt hatte: „Ramona, Ramona und Ramona! Die Ramona is wohl deine Jeliebte, wa?“ Zwille fand diesen Spruch scheinbar witzig und antwortete dem Kumpel daraufhin prahlend: „Een richtiger Mann muss ne Frau UND ne Jeliebte habn!“ Während Zwille noch stolz grinsend vor mir stand, fiel mir alles aus Mark und Bein. Jetzt schlug es aber Alarm! Da bekam ich nicht nur große Augen, sondern auch wirklich sofort wieder Wut. Tat er mir eben noch leid, war ich nun echt beleidigt und wütend. Es war doch unfassbar, wie er das schaffte, mich von einem Moment zum nächsten auf die Palme zu bringen. Fassungslos fragte ich aber nochmal nach, ob er das tatsächlich gesagt hat und ob er nicht mal darüber nachgedacht habe, dass manch einer das vielleicht nicht als Witz verstehen würde? Zum einen fände ich es nicht sonderlich spaßig, dass er solche Dummheiten von sich gibt, wenn er mich da mit hineinzieht, und zum anderen sei ich mir auch sicher, dass seine Frau das gewiss auch nicht witzig fände, wenn sie sowas hören würde! Wie würde sie es wohl finden, wenn demnächst einer seiner „Kumpels“, wie er sie immer nannte, sowas gegenüber seiner Frau erzählen würde? Besonders jetzt, wo es doch so zwischen den beiden kriselte. Seine Miene wurde plötzlich wieder ernst und sogar etwas blass. Genau das meinte ich, da wäre der Spaß dann nämlich sicherlich vorbei. Zudem würde ich es nicht gutheißen, dass er solche Witze über mich macht, da ich keine Lust darauf hätte, irgendwann als „Schlampe des Dorfes“ zu gelten! Völlig verständnislos dachte ich darüber nach, warum Männer solche Witze machen. Dass Zwille in irgendeiner Weise solche Andeutung mit ernstem Hintergrund meinen könnte, ging mir völlig ab. In meiner Vergangenheit gab es hierzu auch nicht viele Erfahrungen, die mich etwas anderes hätten lehren können. Versunken in tiefe Selbstzweifel war ich meiner Empfindung nach auch nie das, was man vielleicht einen „Steilen Zahn“ nennen würde. In der Mädchenclique war ich früher irgendwie sowas wie der „Spätzünder“ und ich glaube, dass ich auch nie wirklich interessant für Jungs gewesen bin. Man könnte eher sagen, dass ich mein Leben lang immer sowas wie das "graue Mäuslein“ und ein Mitläufer am Rande war, während die beliebten Mädchen umschwärmt wurden. Dass ich als Mitläufer in der Clique überhaupt dabei sein durfte, fand ich schon klasse. Vielleicht lag es an meiner „netten“ Art. Ich war halt immer die „Nette“, die, mit der man befreundet ist. So war ich auch mit den Jungs immer gut befreundet, weil ich halt „nett“ war.
Da stand ich mit meinen Gummistiefeln und der stallverschmutzten Hose, einer fleckigen und viel zu weiten Stalljacke, ungeschminkt und mit zerzaustem Zopf, weil die Tauben sich gerne mal auf meinen Kopf setzten und mit ihren Füßen meine Haare durcheinander brachten, währen ich die Futternäpfe füllte. Mal ganz im Ernst, das Bild einer für Männer attraktiven Frau stelle sicherlich nicht nur ich mir irgendwie anders vor. Nein, es waren keine Komplexe, es war ein realistisches Selbstbild, mit dem ich auch gut leben konnte. Aber genau dieses Bild und meine Lebenserfahrung, dass ich immer nur die „Nette" war, verschafften mir eine ungesunde Beruhigung, dass ich auf ein ungutes Bauchgefühl nicht hören müsste.
Die erdrückende Stimmung zwischen Zwille und mir wurde für mich unerträglich. Es war mittlerweile so schlimm, dass ich nicht mal mehr ein schlechtes Gewissen bekam, wenn er mir wieder Geschenke am Zaun hinterließ. Auf dem Heimweg von einem Arbeitstermin beschäftigte mich bereits gedanklich das Zwille-Thema, ohne dass ich es bewusst hätte steuern können. Als ich linksseitig den Waldrand hinter mir ließ und der Blick auf unsere Einfahrt vor dem Haus frei wurde, sah ich bereits von Weitem etwas Rotes an unserem Briefkasten heften. Ich stellte mein Auto unter das Carport und sah einen Pralinenkasten mit einer großen, roten Schleife umwickelt an unserem Briefkasten heften. Kein Brief, kein Zettel, nur der Pralinenkasten mit der leuchtend roten Schleife. Die Pralinen drehte ich herum und schaute auch auf die Rückseite nach einem Hinweis, von wem der Kasten hier abgelegt worden sein könnte. In dem Moment, als das weiß vergitterte Eingangstor hinter mir ins Schloss fiel, klingelte mein Telefon. Die Hände voll mit Handtasche und Pralinen jonglierte ich alles etwas aufwendig umher, bis ich mein Telefon in der Tasche zu greifen bekam. Ich drückte rasch, ohne weiter auf die Nummer des Anrufers zu achten, auf „Gespräch annehmen“. „Hast de mein Geschenk jefunden?“ Ich war nicht mal zur Haustür rein, und schon war er wieder präsent. Während ich das Handy zwischen Schulter und Ohr klemmte, steckte ich zirkusgleich die Haustürschlüssel ins Schloss und versuchte zeitgleich, meine Tasche und die Pralinen nicht fallen zu lassen. Zu spät, beides rutschte mir auf die Fußmatte. „Sind die Pralinen von Dir, Zwille?“ „Ja, aber die sind nur für dir! Ick meene, nich für Frederik, nur für dir!“ Die Haustür öffnete sich, und die Hunde stürmten mir freudig entgegen. Umringt von immerhin sechs Hunden glich das nun wirklich einem Zirkusakt, meine Tasche vom Boden wieder aufzuheben, während sich eine kleine Hundemeute freudig über mich hermachte. Die Pralinen waren zwischenzeitig mit dem einzigen großen Hund der Meute im Garten verschwunden, und die Schlüssel steckten noch klimpernd in der Haustür. Das mit den Pralinen hatte sich vielleicht schon erledigt, Frederik würde sicherlich keine mehr davon bekommen. „Du, Zwille, ich muss Schluss machen, einer der Hunde hat gerade die Pralinen geklaut.“ Es ging mir nicht darum, die Pralinen zu retten, sondern darum, dass meinem Hund nichts geschieht, denn Schokolade ist für Hunde bekanntlich giftig und wenn ein verspielter, junger Hund im Gestrüpp einen kompletten Pralinenkasten verdrückt, könnte das recht ungesund werden. Die guten Pralinen, die doch NUR für mich gedacht waren. Jetzt hatte sie der Hund, samt Schleife. Nach einer kleinen Ehrenrunde im Garten hatte Etana sie unversehrt zu mir zurückgebracht. Wenn man beherzigt, dass Etana ein Rhodesian Ridgeback war, ist dies nicht unbedingt selbstverständlich. Sie war rassetypisch in vielen Dingen ziemlich eigensinnig und wirklich sehr verfressen. Unbemerkt klaute sie uns mal drei Tennissocken vom Wäscheständer und schluckte sie gierig herunter. Dass sie die Socken überhaupt verschluckt hatte, bekamen wir erst mit, als sie diese mit viel Würgen glücklicherweise wieder ausspuckte. Aber das hätte schlimm ausgehen können. Jedenfalls waren die Pralinen auch wieder da und der Hund blieb schokoladenfrei. Hatte Zwille mich beobachtet? Immerhin kam der Anruf umgehend, noch während ich die Pralinen auf dem Weg ins Haus begutachtet hatte. Hatte er meinen Tipp, Pralinen zu verschenken missverstanden? Er sollte seiner Frau Pralinen schenken, nicht mir! Mit einer kräftigen Handbewegung feuerte ich diese blöde Pralinenschachtel auf die Küchenablage, sodass die vermutlich mühsam angebrachte rote Schleife abfiel. Gut, nach Etanas Ehrenrunde im Garten hatte sie ohnehin nicht mehr viel Halt an der Verpackung. Meine immer noch fröhlich um mich herumspringenden Hunde guckten kurz zu den Pralinen, die in die Ecke flogen und schauten mich mit großen Augen an, stellten auch kurz das aufgeregte Tänzeln ein. „Wollen wir jetzt in den Garten, ein bisschen spielen?“, fragte ich aufmunternd, um ihnen den Schrecken wieder zu nehmen. Natürlich wollten sie spielen und das Hopsen begann von Neuen. Ich schnappte mir die kleine Meute und ging mit ihnen auf die Wiese, damit sie sich austoben konnten und ich einen klaren Kopf an der frischen Luft bekam.



