10 Jahre Stalking - Nur weil Du ihn nicht siehst, heißt es nicht, dass er nicht da ist!

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Am nächsten Tag kam Zwille zuverlässig wie jeden Tag an unserem Grundstück vorbeigefahren und hielt natürlich gleich an, als er mich auf dem Grundstück sah. Ohne zu fragen verkündete er gleich, dass er am Nachmittag mal wieder „kurz“ vorbeikommen würde. Jetzt platzte meine Wut im Bauch und ich konnte nicht länger an mich halten. Nun bekam Zwille meine ganze, aufgestaute Wut zu spüren, indem ich ihm nun an den Kopf warf, dass er dies jetzt ein für alle Mal zu unterlassen hätte. Frederik würde nun von seinen Avancen wissen, ich hätte ihm alles erzählt und Zwille soll sich von nun an hier weder blicken lassen, wenn ich alleine bin, noch wenn Frederik da ist. Das ist jetzt vorbei! Mir war es wichtig, Zwille sein Gesicht zu lassen. Ich wollte die Sache gern als nicht stattgefunden ignorieren, doch mit dem, was Zwille sich hier geleistet hatte, sah ich nun keine andere Möglichkeit mehr, als offen zu legen, was vorgefallen war. Und schon ärgerte ich mich wieder über mich selbst. Kaum ausgesprochen empfand ich es so, als hätte ich mich gerade dafür gerechtfertigt, meinem Partner gegenüber ehrlich gewesen zu sein, und als hätte ich mich gerade dafür entschuldigt, dass ich es sagen musste. Jetzt wusste ich nicht, auf wen von uns beiden ich nun mehr wütend war. Auf Zwille, der mich dazu brachte so zu sein, oder auf mich, die diesem Typen gegenüber schon wieder einen Anflug von Anstand entgegenbrachte. Es war eigentlich egal, wen von uns beiden ich gerade mehr Wut zukommen lassen wollte. Bevor ich die Entscheidung hätte fällen können, war Zwille plötzlich auf und davon. Ich stand nun da und konnte es kaum fassen, er war weg. War das alles? Hätte ich das nicht schon viel früher haben können? Huch, da machte ich mir schon wieder Vorwürfe. Mein Adrenalin jagte meinen Puls durch meinen noch zitternden Körper. Ich atmete tief ein und schloss kurz die Augen, genoss die Ruhe um mich herum und atmete wieder aus. Es fühlte sich plötzlich so leicht, so befreit an, und mein Puls hüpfte weiter in einem fröhlicheren Takt, es kribbelte im Bauch. Er ist jetzt weg, endlich war es raus, jetzt ist endlich Ruhe! In diesem Moment war ich einfach erleichtert und glücklich.
Für mehrere Tage fühlte es sich nun leicht und unbeschwert an. Von Zwille war nichts mehr zu sehen, auch sein Auto hatte ich tagelang nicht mehr gesehen. Der Garten lockte mich täglich raus und ich genoss die Pausen zwischen meinen Arbeitsstunden, die ich mit meinen Tieren verbrachte. Hin und wieder bellten die Hunde plötzlich los und rannten zum Zaun, bellten von dort in den Wald hinein. Die vergangen Wochen waren mir so nahgegangen, dass ich natürlich gleich innerlich angespannt war und mir sogar kurz der Atem stockte. Ob er da war? Nein, das wollte ich nicht an mich heranlassen. Ich beruhigte mich selbst und war festen Glaubens, dass sich da sicherlich nur ein frecher Rabe durchs raschelnde Laub wühlte und damit die Hunde verrückt machte.
Doch mit was würde ich wohl die restlichen Zeilen dieses Buchen füllen, wenn tatsächlich danach Ruhe eingekehrt wäre? „Tatsächlich“ war nur, dass Zwille jeden Tag aufs Neue eine Change erhielt. Jeden Tag erhielt er die Möglichkeit, sich zu entscheiden, aufzuhören. Zwille entschied sich täglich aufs Neue gegen diese Change.
Frederik und mir fiel eines Tages ein kleiner, weißer Transporter, ein Caddy Kastenwagen, auf, der seine Runden vor dem Haus drehte und immer wieder neben unserem Grundstück in einen Feldweg hineinfuhr, in den sonst niemand fährt. Der Feldweg führt nur zu den Scheunen und endet dort. Der Fahrer würde sicherlich gleich selbst merken, dass er dort nicht weiterkommt und zurückkommen. Vielleicht sucht er ja eine Adresse oder hat sich verfahren, vermuteten wir. Tatsächlich kam der Wagen gleich wieder zurück, fuhr auf die Straße und anschließend ins Dorf hinein. Wir fühlten uns in unserem Gedanken bestätigt und ließen den Wagen außer Acht. Als der Wagen jedoch wenig später erneut vor unserem Haus auftauchte, erinnerten wir uns daran, dass wir den weißen Wagen bereits des Öfteren bemerkt, aber ihn bis dahin nicht konkret beachtet hatten. Wir bemerkten, dass der Wagen auch immer wieder in den Feldweg neben unserem Grundstück nach hinten fuhr. Als der Wagen nun erneut in den Feldweg hineinfuhr, beschlossen wir, den Fahrer anzuhalten und anzusprechen. Vielleicht bräuchte er Hilfe oder suchte etwas? Wir gingen auf das Auto zu, als der Wagen nur wenige Minuten danach wieder aus dem Feldweg nach vorne zurückkehrte. Als der Wagen uns fast erreichte und wir einen Blick in den Innenraum des Wagens erhielten, traf es mich wie ein Schlag. Es war Zwille! Während ich darauf vertraute, dass nun endlich Ruhe eingekehrt war, hatte Zwille einfach nur ein anderes Auto, welches mir zwar in den letzten Tagen immer wieder mal aufgefallen war, aber welchem ich keine weitere Bedeutung beigemessen hatte. Die von mir angenommene Ruhe existierte also scheinbar gar nicht. Mir schossen sofort die Situationen durch den Kopf, in denen die Hunde öfter angeschlagen und scheinbar sinnlos in den Wald gebellt hatten. War es sinnlos? Jetzt fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Warum hatte ich den Hunden hier nicht vertraut?
Frederik und ich wollten in der Stadt einige Dinge erledigen, und dafür kam Frederik an diesem Tag etwas früher als üblich von der Arbeit. Als er zur Tür hereinkam, klingelte das Notruftelefon unserer Rehkitzrettung. „Unbekannter Anrufer“ stand auf dem Display. Ich nahm das Gespräch entgegen. Umgehend krächzte mir Zwilles Stimme ins Ohr: „Hier hinten sitzt ein Reh auf meinem Acker! Wenn de nicht sofort herkommst und dit holst, dann fahr ick dit Vieh platt!“ Vermutlich hatte Zwille nicht mitbekommen und auch nicht damit rechnen können, dass Frederik gerade in diesem Moment nach Hause kam. Da Frederik nur ein Gekrächze am Telefon mitbekommen hatte, erzählte ich ihm natürlich gleich von Zwilles Äußerung. Zwille wusste ja, dass ich in der Wildtierrettung aktiv war und egal welche Differenzen es auch zwischen uns gab, ich hätte einem hilfsbedürftigen Tier keine Hilfe verweigert, nur weil Zwille das Tier meldete. Das Tier kann schließlich nichts für menschliche Differenzen. Wir gingen also nach hinten auf den Acker, der gleich neben unserem Grundstück liegt. Zwille stand vor seinem Traktor und guckte in unsere Richtung. Er schien schon auf mich gewartet zu haben. Doch scheinbar wartete er wohl auf mich alleine und war richtig überrascht, dass Frederik dabei war. Wir schauten uns um und hielten nach dem angeblich verletzten Tier Ausschau. Wir zogen die Schultern hoch und breiteten die Arme fragend aus, während wir zu Zwille schauten und nach einem Hinweis fragten, wo das Tier denn sei. Zwille jedoch fuchtelte nur wild mit dem ausgestreckten Finger einmal quer über die gesamte Fläche des Ackers. Er zeigte mal da hin und mal dort hin, konnte sich scheinbar nicht entscheiden. Seiner Deutung nach hätte das Tier wohl auf dem gesamten Bereich liegen müssen. Schleunigst sprang Zwille in den Trecker und verschwand. Es war uns beiden glasklar, dass es nie ein hilfloses Tier gegeben hatte, sondern es vermutlich nur ein Versuch war, mich allein an eine abgelegene Stelle zu zitieren. Dieser Vorfall beschäftigte auch Frederik noch sehr lange, bekam er doch nun mit, dass Zwille sich auch nicht zu schade war, eine Notsituation vorzugaukeln, nur um mich in eine Falle locken zu können.
Zwille legte sich nun neue Verhaltensweisen zu. Wollte er vorher eher verdeckt bleiben, im Hintergrund wartend, beobachtend, unauffällig, so wollte er nun unbedingt gesehen werden. Er ließ keine Möglichkeit aus, mir zu demonstrieren, dass ich ihn nicht aus meinem Umfeld heraushalten konnte. Er fuhr mit dem Auto demonstrativ laut vor dem Haus auf und ab, ließ den Motor aufheulen, bremste abrupt ab, nur um sogleich wieder zu beschleunigen. Er lief oft stundenlang vor dem Haus die Straße auf und ab, ständig einen Fotoapparat in der Hand. Sein Gesicht war beinahe dauerhaft und ständig zu mir gerichtet, provozierend, suchend. Sein Verhalten wurde immer unheimlicher und ich wollte jeden Kontakt mit ihm unbedingt vermeiden. So blieb ich die meiste Zeit des Tages im Haus und vermied es immer mehr, nach draußen zu gehen. Was zunächst wie ein kurzzeitiges Meideverhalten erscheint, war bereits der erste Schritt in die Einsamkeit. Doch das war mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht bewusst. Hätte ich es gewusst, hätte ich mich vielleicht mehr gewehrt? Beim nächsten Blick aus dem Fenster konnte ich Zwille nicht mehr sehen. Doch die Vergangenheit hatte mir bereits oft genug gezeigt, dass dies nicht zwangsläufig bedeuten musste, dass er auch tatsächlich nicht da war!
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