DAS BUCH ANDRAS II

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Als ich die Türöffnung erreichte, herrschte auf der ganzen Station bereits ein höherer Lärmpegel, als es tagsüber der Fall war. Wenn man die Augen schloss, konnte man das Gefühl haben, sich inmitten eines erwachenden Zoos oder im tropischen Regenwald zu befinden angesichts der Kakophonie und Vielfältigkeit der Geräusche, die oftmals eher an die Laute von Tieren als an von Menschen verursachte Töne erinnerten. Die Station war also mittlerweile akustisch im wahrsten Sinne des Wortes das reinste Tollhaus.
Ich musste mir nicht mehr besonders viel Mühe geben, mich lautlos oder zumindest möglichst leise zu verhalten, da jedes Geräusch, das ich verursachte, ohnehin in der sich weiterhin steigernden und um sich greifenden Unruhe unterging. Vor der Tür ging ich erneut in die Hocke und spähte um den Türstock herum nach draußen in den Flur.
Klapp war selbstverständlich auf den Lärm aus diesem Zimmer aufmerksam geworden. Vermutlich war er anfangs noch etwas irritiert gewesen, was der Schrei zu bedeuten hatte, und hatte erst noch eine kleine Weile abgewartet, ob sein Kollege wieder heraus in den Gang kam oder nach ihm rief. Als das allerdings nicht geschehen war, musste er selbstständig eine Entscheidung getroffen und sich in Marsch gesetzt haben, um nach dem Rechten zu sehen. Deshalb marschierte Klapp nun mit schussbereit vor sich gehaltener Waffe direkt auf diesen Eingang und damit auf mich zu. Allerdings hatte er mich noch nicht entdeckt, da ihn der lauter werdende Lärm um ihn herum erschreckte und seine weit aufgerissenen Augen hektisch in alle Richtungen zuckten, als hätte er Angst, jeden Moment von einer Meute Wahnsinniger hinterrücks angefallen zu werden.
Ich sah, dass sich bereits einige Türen geöffnet hatten und vereinzelt Patienten mehr oder weniger zögerlich auf den Flur traten, um nachzusehen, was los war. Dann zog ich jedoch lieber den Kopf zurück, bevor ich von Klapp gesehen werden konnte.
Ich überlegte fieberhaft, was ich tun sollte. Ich hielt zwar ebenfalls eine Schusswaffe in der Hand, was mich meinem Gegner zumindest hinsichtlich der Bewaffnung ebenbürtig machte. Ich war mir jedoch keineswegs sicher, ob ich auch dieselbe Kaltblütigkeit und Skrupellosigkeit wie er besaß, um im entscheidenden Moment abzudrücken, sollte die Situation es erfordern. Am liebsten wäre es mir natürlich, wenn ich erst gar nicht in die Lage geriet, eine derartige Entscheidung treffen zu müssen. Aber so, wie es momentan aussah, würde es mir wohl nicht erspart bleiben, denn Klapp würde, wenn kein Wunder geschah, nur allzu bald im Türrahmen auftauchen.
Da nahm ich völlig überrascht wahr, dass eine flinke Gestalt an mir vorbeihuschte. Ich blickte rasch auf und erkannte van Helsing. Barfüßig rannte er durch die Tür, sodass seine nackten Sohlen auf den Boden klatschten, und stieß dabei ein derart infernalisches Heulen aus, dass es sogar den allgemeinen Geräuschpegel übertönte. Er trug lediglich einen hellblauen Schlafanzug, der mit unzähligen Comic-Fledermäusen in verschiedenen Größen bedruckt war, und schwenkte in einer Hand einen Pflock und in der anderen ein großes hölzernes Kreuz. Da ich an dem Pfahl kein Blut entdecken konnte, ging ich davon aus, dass der Pflock, der Gehrmann getötet hatte, noch immer in dessen Körper steckte. Allem Anschein nach bewahrte van Helsing eine ganze Sammlung dieser Mordinstrumente in seinem Zimmer auf.
Ich hob noch die Hand, um ihn zurückzuhalten, doch er war zu überraschend und schnell an mir vorbeigehuscht, als dass ich wirklich eine Chance gehabt hätte, ihn zu erwischen. So blieb mir nur, tatenlos mitanzusehen, wie van Helsing mit erhobenen Armen auf Klapp zurannte, dabei mit der Linken das Kreuz vor sich hielt, um das Böse in Gestalt des bewaffneten jungen Mannes in Schach zu halten, und die Rechte mit dem Pflock stoßbereit erhoben hatte.
»Dein dunkler Meister hat durch meine Hand bereits sein untotes Leben ausgehaucht, elender Blutsauger. Und auch du entgehst deiner gerechten Strafe nicht!«, rief van Helsing gestelzt und theatralisch, nachdem er sein Heulen beendet hatte, und begann unmittelbar im Anschluss, laut das Vaterunser zu beten.
Klapp blieb abrupt stehen, als wäre er gegen ein unsichtbares Hindernis gerannt, und sah dem auf ihn zustürzenden Wahnsinnigen entgeistert entgegen. Er schien total verwirrt und von der Situation restlos überfordert zu sein. Wahrscheinlich war in ihren Planungen dieses nächtlichen Kommandounternehmens Widerstand durch die Bewohner des Sanatoriums nicht in Betracht gezogen worden. Er hatte daher auch keine Ahnung, wie er auf diese neue Entwicklung reagieren sollte.
Doch da erinnerte sich der junge Attentäter wieder an die Schusswaffe in seiner Hand, denn er richtete sie kurzerhand auf den heranstürmenden van Helsing. Er konnte nun jederzeit schießen und den Angreifer durch einen gezielten Schuss niederstrecken, bevor van Helsing auch nur in seine Nähe kam und ihm gefährlich werden konnte..
Ich hob die Pistole, die ich gewissermaßen von Gehrmann »geerbt« hatte, und zielte damit am Türstock vorbei auf Klapp. Ich wollte auf ihn schießen, bevor er seinerseits Gelegenheit hatte, auf van Helsing zu feuern.
Doch auch hier und jetzt zeigte Klapp, wie schon zu Beginn des missglückten Mordversuchs an mir, dass er im Grunde seines Herzens kein skrupelloser Mörder war. Im Gegensatz zu Gehrmann, dem ich jede Schandtat ohne Weiteres zugetraut hatte.
Klapp zögerte und war anscheinend nicht in der Lage abzudrücken, während die Waffe in seiner Hand unkontrolliert zu zittern anfing. Möglicherweise machte ihm der Umstand zu schaffen, dass es sich bei van Helsing nicht um die Zielperson dieser Nacht-und-Nebel-Aktion, sondern um einen Unbeteiligten handelte, der mit der ganzen Situation nichts zu schaffen hatte. Klapps Blick schien dabei jedoch weder auf den bedrohlichen Pflock in van Helsings Hand noch auf dessen entschlossene Miene gerichtet zu sein, sondern auf das Holzkreuz. Und dabei bewegte er die Lippen, als würde er im Einklang mit dem selbst ernannten Vampirjäger lautlos beten.
Die Lage wurde für Klapp allerdings mit jedem Augenblick kritischer und bedrohlicher. Denn ganz abgesehen von dem für seine Begriffe offensichtlich vollkommen Durchgeknallten, der mit einem Holzpfahl in der Hand auf ihn zustürmte und ihn damit pfählen wollte, kamen mittlerweile weitere Insassen dieser Station aus ihren Zimmern in den Flur, sahen sich verwirrt und ängstlich nach der Quelle des nächtlichen Lärms um und fragten sich teils verängstigt, teils hysterisch, was dieses ungewohnte nächtliche Spektakel zu bedeuten hatte.
Klapp brach der Angstschweiß aus. Ich konnte deutlich eine Vielzahl von Schweißperlen auf seiner Stirn glitzern sehen, während ich ihn über den Lauf der Schusswaffe in meiner Hand hinweg immer noch anvisierte. Er sah sich hektisch nach allen Seiten um und versuchte, die immer undurchschaubarer werdende Situation im Blick und auch ohne die Unterstützung seines älteren und erfahreneren Kollegen Gehrmann weiterhin unter Kontrolle zu behalten.
Erneut bewegte Klapp die Lippen, sodass ich wieder den Eindruck gewann, er würde leise beten. Doch dieses Mal sprach er wesentlich lauter, sodass ich ihn trotz des hohen Lärmpegels bruchstückhaft verstehen konnte.
»… dringend Verstärkung … spurlos verschwunden … Irren angegriffen … sofort … weiß nicht … irgendwo … dieser Station … verstanden!«
Schließlich entdeckte ich, als ich genauer hinsah, ein kleines unscheinbares Gerät, das mit einem Bügel an seinem Ohr befestigt war und von dem ein schmaleres Teilstück an seiner Wange in Richtung Mund ragte. Ich begriff, dass es sich dabei um das Headset eines Funkgerätes handelte, eine Kombination aus Kopfhörer und Mikrofon, mit dem Klapp in Kontakt zu einer weiteren Person stand.
Hätte ich in diesem Moment nicht mit hundertprozentiger Sicherheit gewusst, dass Gehrmann kein derartiges Gerät getragen hatte, als er gestorben war, wäre ich womöglich davon ausgegangen, Klapp versuchte in diesem Moment vergeblich, mit seinem inzwischen verstorbenen Kollegen Kontakt aufzunehmen. So aber stellte sich die entscheidende Frage, mit wem Klapp dann sprach. Und die niederschmetternde Antwort darauf konnte eigentlich nur lauten, dass Gehrmann und Klapp nicht allein gekommen waren, sondern weitere Männer ins Sanatorium eingedrungen waren, die möglicherweise damit beschäftigt gewesen waren, die anderen Stationen nach mir abzusuchen. Und nun befanden sich diese Männer, von ihrem panischen Kollegen Klapp alarmiert, vermutlich auf dem Weg hierher. Schließlich hatte Klapp ausdrücklich das Wort »Verstärkung« erwähnt. Und vielleicht hatte Klapp sie bereits beim ersten Anzeichen, dass hier etwas schiefzugehen drohte, informiert und jetzt nur noch einmal auf die Dringlichkeit hingewiesen, mit der er Unterstützung benötigte, sodass die Männer bereits näher waren, als mir lieb sein konnte. Ich wusste zwar nicht, mit wie vielen Gegnern ich es in diesem Fall zu tun bekommen würde, aber jeder weitere Angreifer wäre schon einer zu viel. Und wenn ich ehrlich bin, hatte ich auch nicht vor, es herauszufinden, da es mir bestimmt mehr als nur die Laune verderben würde. Aber was sollte ich tun?
Obwohl sich Klapp im Augenblick in arger Bedrängnis befand und gar keine Gelegenheit hatte, auf mich zu achten, war ich hier dennoch nicht mehr sicher. Denn möglicherweise saß ich, sollte ich zu lange zögern, in der Falle. Ich musste also schnellstens von hier verschwinden, bevor die Verstärkung der beiden Attentäter auftauchte und meine Überlebenschancen damit auf schätzungsweise null Komma null Prozent sank.
Während ich gedanklich blitzschnell die wenigen Möglichkeiten durchging, die mir blieben, und sie hinsichtlich ihrer Durchführbarkeit und Erfolgschancen abklopfte, richtete ich meine Aufmerksamkeit wieder auf die Geschehnisse im Flur.
Van Helsing hatte Klapp mittlerweile erreicht und versuchte fuchtelnd, ihm den Pfahl in die Brust zu rammen, so wie er es bereits bei Gehrmann erfolgreich praktiziert hatte. Allerdings handelte es sich hier nicht um einen Überraschungsangriff, mit dem niemand gerechnet hatte. Klapp konnte die Vorstöße des selbst ernannten Vampirkillers im Augenblick noch mühelos mit der schweren Schusswaffe in seiner Hand abwehren, die er aufgrund innerer Hemmungen scheinbar noch immer nicht ihrem eigentlichen Verwendungszweck gemäß einsetzen wollte. Doch Klapp geriet auch von anderer Seite in Bedrängnis, als plötzlich weitere Sanatoriuminsassen in den Kampf eingriffen, um ihrem Mitpatienten van Helsing zu helfen. Im Nu war Klapp von einem halben Dutzend wütender und panischer Bewohner umzingelt, die von allen Seiten mit bloßen Händen oder geballten Fäusten auf ihn losgingen. Allerdings fehlte den größtenteils ungezielten Hieben oftmals die Kraft, um Schaden anzurichten. Deshalb konnte Klapp die Schläge problemlos einstecken und seine Abwehrmaßnahmen stattdessen auf den gefährlichsten Gegner konzentrieren, mit dem er es zu tun hatte, und der hieß van Helsing und schwang einen gefährlich spitzen Holzpflock in der Hand. Wahrscheinlich spielte Klapp auf Zeit und hoffte, dass die Kavallerie schnellstmöglich eintraf und ihn aus dieser brenzligen Situation befreite.
Während der Auseinandersetzung umkreisten sich die beiden Hauptkontrahenten langsam wie ein Paar auf dem Tanzparkett. Als Klapp mir den Rücken zuwandte, sah ich endlich meine Chance, unentdeckt durch den Flur zu rennen und zu versuchen, das Treppenhaus zu erreichen, bevor Klapps Kollegen mir den einzig möglichen Fluchtweg versperrten. Da Gehrmann und Klapp hier höchstwahrscheinlich gewaltsam eingedrungen waren, ging ich davon aus, dass der Weg nach draußen unversperrt war. Wieso sollten sie auch hinter sich abschließen, wenn sie doch wieder den gleichen Weg in entgegengesetzter Richtung für ihre anschließende Flucht benutzen mussten.
Ich richtete mich rasch auf und rannte in den Gang. Dort wandte ich mich in Richtung Ausgang, musste allerdings die ständig anwachsende Menschentraube mit dem verzweifelten Klapp in ihrer Mitte passieren. Ich hoffte, dass der junge Mann mich nicht bemerkte, weil er zu sehr damit beschäftigt war, sich seiner Haut zu erwehren. Und falls er mich doch beim Vorbeilaufen entdeckte, würde er dennoch nicht so leicht auf mich anlegen und schießen können, da er weiterhin vor dem Holzpflock auf der Hut sein musste und sich zudem ständig weitere Patienten als Deckung zwischen uns schoben.
Ich umrundete zuerst die Menschenansammlung und passierte anschließend das Schwesternzimmer, ohne einen lauten Ausruf von Klapp zu hören, der mir zeigte, dass er meinen Fluchtversuch registriert hatte. Beinahe wäre ich auf den zahllosen Glasscherben ausgerutscht, die von der gesplitterten Trennscheibe stammten und den Boden übersäten. Ich konnte meinen Körper gerade noch abfangen und ging anschließend vorsichtiger und langsamer über dieses Minenfeld aus glitzernden Scherben.
Ich wandte kurz die Augen vom Boden und warf einen raschen Blick ins Schwesternzimmer. Die Nachtschwester saß noch immer auf dem Drehstuhl. Allerdings war sie nun mit mehreren Mullbinden, die Gehrmann in einem der Schränke gefunden haben musste, gefesselt worden, damit sie nicht weglaufen und Hilfe holen konnte. Auch um den unteren Teil ihres Kopfes war eine Mullbinde geschlungen worden, die ihren Mund vollständig bedeckte und sie so daran hinderte, laut um Hilfe zu rufen. Die junge Frau verfolgte meinen Weg über den Scherbensee aus geweiteten Augen. Ich winkte ihr mit der freien Hand zu, froh darüber, dass sie unversehrt war und es ihr den Umständen entsprechend ganz gut ging. Doch mehr konnte ich im Moment nicht tun. Wollte ich sie befreien, würde mich das nur kostbare Zeit kosten, die ich wahrscheinlich gar nicht mehr zur Verfügung hatte. Und am Ende würden wir beide geschnappt werden, wodurch sich meine persönliche Situation im Verhältnis zur augenblicklichen Lage wesentlich verschlechtert hätte. Außerdem ging ich davon aus, dass ihr nichts passieren würde, da es die Männer allein auf mich abgesehen hatten. Ansonsten hätte Gehrmann sich gar nicht erst die Mühe gemacht, sie dermaßen zu verschnüren, sondern hätte sie gleich erschossen. Was die Männer mit mir anstellen würden, wenn sie mich in die Finger bekamen, stand hingegen auf einem ganz anderen Blatt und war mit Sicherheit um ein Vielfaches unangenehmer.
Ich konzentrierte mich wieder auf meinen Weg und lief schneller, nachdem ich den mit Glasscherben bedeckten Bereich unfallfrei hinter mich gebracht hatte. Während des restlichen Weges bis zur Tür ins Treppenhaus hoffte ich, dass nicht nur der Nachtschwester, sondern auch den Patienten, die Klapp attackierten – und unter diesen natürlich insbesondere mein spezieller Freund van Helsing – keine Gewalt angetan wurde, da die Männer schließlich nur hier waren, um mich zu töten. Alle anderen hatten mit der ganzen Angelegenheit nichts zu tun und waren mehr oder weniger zufällig hineingeraten.
Ich hatte die Tür, die aus der Station führte – sie bestand aus zwei nahezu undurchsichtigen, gewellten Milchglasscheiben in einem metallenen Rahmen und wurde sonst ständig verschlossen gehalten –, fast erreicht, als im Treppenhaus erregte Stimmen und das Poltern schwerer, rasch näher kommender Schritte laut wurden.
Verdammt! Beinahe hätte ich es noch rechtzeitig geschafft. Doch die Verstärkung, die Klapp zu seiner Unterstützung herbeigerufen hatte, stand schon fast vor der Tür und versperrte mir dadurch den einzigen Fluchtweg, der gegenwärtig aus der abgesperrten Station des Sanatoriums nach draußen führte.
Kapitel 4
Ich lehnte mit dem Rücken gegen die Tür, die aufgrund der schweren Stiefeltritte schwach vibrierte. Während ich in der Dunkelheit stand und auf die lauten Geräusche horchte, die von den Männern verursacht wurden, die draußen im Flur vorbeirannten, hielt ich unwillkürlich den Atem an, obwohl meine Lunge nach dem Spurt durch den Gang und die anschließende panische Suche nach einem geeigneten und nahen Versteck nach Sauerstoff gierte und schon leicht zu schmerzen anfing.
Die Tür zum Treppenhaus direkt vor Augen, die wegen der Rufe und des Polterns wuchtiger Schritte auf der Treppe jedoch keine Rettung, sondern im Gegenteil einen baldigen Tod versprochen hatte, war ich vor lauter Frustration kurz davor gestanden, einfach aufzugeben und diesen Wahnsinn nicht länger mitzumachen. Denn ständig geriet ich in neue, schier ausweglose Situationen, vom Regen in die Traufe gewissermaßen. Und wenn ich endlich glaubte, einen Ausweg aus dem momentanen Dilemma gefunden zu haben, reckte schon das nächste Problem den Kopf und rief mir wie der schlaue Igel dem dämlichen Hasen zu: »Ich bin schon da!« Wieso, fragte ich mich, musste ausgerechnet mir immer wieder so etwas passieren? Womit hatte ich das alles auch nur ansatzweise verdient? Da mir mein bisheriges Leben noch immer weitgehend unbekannt war, konnte ich natürlich nicht sagen, ob ich unter Umständen genau das erntete, was ich irgendwann einmal gesät hatte. Aber da ich ein glühender Anhänger der Unschuldsvermutung war, hielt ich mich solang für schuldlos an allem, was mir widerfuhr, bis mir jemand verdammt noch eins das Gegenteil bewies.
Doch trotz all dieser negativen Gedanken gab ich dann doch nicht auf. Etwas tief in mir – mein starker Selbsterhaltungstrieb oder auch nur ein masochistisch veranlagter Teil meiner Persönlichkeit, der möglicherweise Gefallen daran fand, dass ich jedes Mal noch tiefer in der Scheiße landete – wollte sich nicht ergeben und in sein Schicksal fügen, sondern beschloss, dass längst noch nicht alles vorbei war.
Also bremste ich nur wenige Meter von der Tür entfernt, die mir einerseits die Flucht ermöglichen, andererseits aber auch jeden Moment noch mehr meiner potentiellen Mörder auf die Station strömen lassen würde, abrupt und aus vollem Lauf ab. Allenfalls für den Bruchteil eines Augenblicks blieb ich unentschlossen mitten im Gang stehen, während in meinem Innersten die Entscheidungsschlacht darüber ausgetragen wurde, was ich tun sollte. Aufgeben oder nach einem anderen Ausweg suchen. Der Wille, auch diese Episode mit heiler Haut zu überstehen, obsiegte in einem kurzen, erbittert geführten Gefecht und ließ meinen Blick anschließend hektisch umherfliegen auf der Suche nach einer Möglichkeit, mich vor meinen rasch näher kommenden Häschern zu verstecken.
Die Stimmen und Schritte hörten sich mittlerweile schon so lärmend und nah an, dass ich jeden Moment damit rechnete, die Tür könnte aufschwingen und mir die Männer, wie viele es auch sein mochten, wie eine wilde Horde angreifender Indianer entgegenspeien.
Ich spürte bereits, dass ich mit jeder ergebnislos verstreichenden Sekunde panischer wurde, während meine Augen immer schneller und hektischer mal hierhin, mal dahin zuckten und sich mein Verstand gleichzeitig bemühte, die immer rascher in meinem Kopf aufblitzenden Bilder zu analysieren und nach Versteckmöglichkeiten zu durchforsten.
Da fiel mein Blick endlich auf eine unscheinbare Tür, die lediglich angelehnt war und einen winzigen Spaltbreit offen stand. Putzraum stand auf einem Schild neben der Tür. Meine rastlos suchenden Augen waren bereits zum nächsten Objekt weitergehuscht und hatten sich auf diesen Bereich fokussiert, bevor mein wesentlich bedächtiger funktionierendes Gehirn die Informationen verarbeitet und die richtigen Schlüsse daraus gezogen hatte. Anscheinend wurden hinter der unscheinbaren Tür in einer kleinen Kammer die Arbeitsutensilien und Putzmittel der Reinigungskräfte aufbewahrt. Ich hätte eigentlich damit gerechnet, dass diese Tür ständig verschlossen war, damit keiner der Insassen an die giftigen oder ätzenden Reinigungsmittel gelangte und sie versehentlich oder absichtlich zu sich nahm. Wahrscheinlich hatte eine der Putzfrauen vergessen, sie nach der Arbeit wieder abzusperren. Was mein Glück war, denn ansonsten befand sich in unmittelbarer Nähe keine andere Möglichkeit, mich ebenso rasch und gut verstecken zu können.
Noch während ich die wenigen Schritte zur spaltbreit offenen Tür hastete, warf ich einen kurzen Blick in die Richtung, aus der ich zuvor gekommen war und wo der Tumult und das Geschrei immer lauter und vehementer wurden. Ich erkannte, dass die menschliche Traube, die sich um den Attentäter geschart hatte, noch größer geworden war und sich mittlerweile zahlreiche weitere Personen an dem Gerangel beteiligten. Entweder reagierten sie panisch und gewalttätig auf den ungewohnten Stress, oder sie wollten ihre Leidensgenossen gegen den Fremden in ihrer Mitte unterstützen.
Klapp drohte nun schon allein aufgrund der immensen Übermacht der Körper, die gegen ihn drängten, diesen Kampf zu verlieren. Anscheinend wusste er sich nicht mehr anders zu helfen, als nun doch seine Pistole einzusetzen, denn über die Köpfe der Leute hinweg konnte ich sehen, dass er seine Waffe gegen die Decke richtete und mehrmals rasch hintereinander abdrückte. Die gedämpften Geräusche, zu denen der aufgesetzte Schalldämpfer die Schüsse reduzierte, erzielten zwar nicht dieselbe Wirkung wie ungedämpfte Schussgeräusche, dennoch gelang es ihm damit, einige seiner Angreifer in Panik zu versetzen und in die Flucht zu schlagen. Sie pressten sich die Fäuste gegen die Ohren oder verbargen ihre Gesichter in den Händen und rannten kreischend oder jammernd davon, um sich in irgendeiner ruhigen Ecke der Station zu verkriechen. Andere hingegen ließen sich durch die Knallerei nicht im Geringsten beeindrucken und bedrängten den Eindringling weiterhin. Unter ihnen auch van Helsing, der immer noch an vorderster Front kämpfte.
Mehr konnte ich in diesem kurzen Augenblick nicht erkennen, da ich endlich die offene Tür des Putzraums erreichte. Allerdings machte ich mir nun, nachdem Klapp sich gezwungen gesehen hatte, von seiner Schusswaffe Gebrauch zu machen, noch größere Sorgen um van Helsing und die anderen Patienten. Allerdings konnte ich nichts tun, um ihnen zu Hilfe zu kommen. Das Beste, was ich für sie tun konnte, bestand darin, von hier zu verschwinden, denn dann hatten die bewaffneten Eindringlinge keinen Grund mehr, noch länger an diesem Ort zu verweilen und den anderen Insassen etwas anzutun.
Ich schob die angelehnte Tür rasch so weit auf, dass ich mich hindurch und in den winzigen, mit allerlei Dingen vollgestellten Raum zwängen konnte. Es roch intensiv nach ätzenden Putzmitteln und Bohnerwachs. Ich schloss die Tür und versuchte, mich anschließend nicht mehr zu bewegen, um nicht versehentlich einen Eimer oder einen Schrubber umzustoßen und mich durch den dadurch verursachten Lärm zu verraten.
Kaum hatte ich die Tür hinter mir geschlossen und meinen Rücken dagegen gepresst, hörte ich auch schon, wie die trampelnden Schritte vor der Tür zum Treppenhaus kurz innehielten. Dann wurde sie vehement aufgestoßen und knallte mit einem so lauten Krachen gegen die Wand, dass wahrscheinlich nicht mehr viel gefehlt hätte, um die Milchglasscheiben zu zerschmettern. Anschließend setzte das Trampeln wieder ein und dröhnte draußen im Gang direkt an meinem Versteck vorbei.
Ich versuchte, aus den hämmernden Geräuschen die Anzahl der Personen herauszulesen, die es verursachten, gab es aber rasch wieder auf, weil es mir aussichtslos erschien. Ich schätzte allerdings, dass es sich mindestens um vier bis fünf Leute handeln musste, die Klapp in diesem Moment zu Hilfe eilten. Einerseits versetzte es mir zwar einen Schock, dass meine Feinde – um wen es sich dabei letztendlich auch handelte – so viel Personal einsetzten, um eine einzelne unbewaffnete und im Grunde wehrlose Person zu töten. Andererseits beruhigte es mich aber auch, denn wegen ihrer großen Zahl würden die Eindringlinge nicht gezwungen sein, ihre Schusswaffen einzusetzen, um sich der Insassen zu erwehren und Klapp aus ihrer Mitte zu befreien.
Erst als sich das Getrampel ein gutes Stück entfernt hatte, wagte ich es endlich, die angehaltene Luft auszustoßen und meine schmerzenden Lungenflügel mit frischem, dringend benötigtem Sauerstoff zu füllen. Ich musste mich förmlich dazu zwingen, noch ein paar Sekunden länger geduldig an Ort und Stelle auszuharren, und nutzte die Wartezeit, um mehrmals tief und gleichmäßig durchzuatmen, bis meine Lunge nicht mehr wehtat. Erst als sich meine Atmung wieder einigermaßen normalisiert hatte, öffnete ich vorsichtig die Tür und spähte um den Türrahmen herum den Gang hinunter.
Der Lärm hatte sich scheinbar proportional zur Größe der aufeinandertreffenden »Armeen« verstärkt. Mehrere Insassen, allen voran der unermüdliche van Helsing, der mittlerweile zwar seinen Pfahl verloren hatte, dafür aber das massive hölzerne Kreuz schwang, bedrängten Klapp immer noch von allen Seiten, wurden aber nun von dessen hinzukommender Verstärkung, die tatsächlich aus fünf groß gewachsenen und kräftigen Männern bestand, beiseite gedrängt. Keiner der Kombattanten schien bislang ernsthafte Verletzungen davongetragen zu haben, und niemand lag, soweit ich das sehen konnte, verletzt oder sogar tot am Boden. Nach den Warnschüssen in die Luft hatte ich auch keine weiteren gedämpften Schüsse gehört. Nun sah ich auch den Grund dafür, denn Klapp war mittlerweile entwaffnet worden und erwehrte sich der Attacken gegen seine Person nur noch mit den bloßen Händen. Die Schusswaffe musste ihm aus der Hand geprellt worden sein und lag nun wahrscheinlich inmitten der hin und her wogenden Körper am Boden. Hoffentlich bekam keiner der Insassen die Pistole in die Finger und schoss damit unkontrolliert und ungezielt um sich.



