DAS BUCH ANDRAS II

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Die fünf Männer, die gekommen waren, um Klapp zu helfen, waren ebenfalls wie für ein geheimes Kommandounternehmen einer Elitearmee ganz in Schwarz gekleidet. Sie stürzten sich, glücklicherweise ohne nach ihren Waffen zu greifen, in das Gewühl, um ihren Kollegen aus der Umklammerung der Menschentraube zu befreien, und räumten die Patienten, die ihnen dabei im Weg standen, kurzerhand rechts und links zur Seite.
Zahlreiche weitere Insassen standen unentschlossen im Gang herum. Einige davon starrten gebannt auf das Handgemenge, als würde der Anblick eine ungewohnte Faszination auf sie ausüben. Manch einer unter ihnen grinste oder lachte sogar und hüpfte aufgeregt auf und ab angesichts dieses Spektakels, das jedes Fernsehprogramm bei Weitem in den Schatten stellte. Aber es gab auch andere, für die das Geschehen wesentlich beängstigender sein musste. Zwei oder drei kauerten am Boden, den Rücken gegen die Wand gepresst, hatten ihre Gesichter in den Händen vergraben und schaukelten auf den Fußsohlen vor und zurück. Andere wiederum hielten sich die Ohren zu und schrien selbst laut und gellend in dem von vornherein zum Scheitern verurteilten Versuch, den Kampflärm zu übertönen, der sie so beunruhigte. Natürlich trugen sie so erst recht wesentlich dazu bei, die bereits herrschende Kakophonie noch zu verstärken. Einige Patienten verhielten sich aber auch, als wäre alles ganz normal. Sie erschienen absolut teilnahmslos, lebten in ihrer eigenen Welt, zu der kein anderer Zugang hatte, und marschierten durch den Gang, als würden in ihrer unmittelbaren Nähe momentan nicht die Fetzen fliegen, sondern als nähme ihre Umwelt seinen normalen und geregelten Lauf.
Ich war der Meinung, nun mehr als genug gesehen zu haben, und riss meinen Blick von den vielfältigen und für einen Psychologen oder Verhaltensforscher wahrscheinlich faszinierenden Aspekten des Geschehens los. Im Augenblick waren alle übrigen auf der Station anwesenden Personen mit anderen Dingen beschäftigt, und niemand achtete auf mich. Daher schien nun der günstigste Zeitpunkt gekommen zu sein, mein Versteck im Putzraum zu verlassen und zum Ausgang zu rennen. Das Kampfgeschehen drohte sich nun rasch zugunsten der wesentlich kampferprobteren Eindringlinge und zuungunsten der Patienten zu entwickeln. Nur allzu bald würden die Leute, die gekommen waren, um mich zu töten, wieder Gelegenheit haben, durchzuschnaufen und verstärkt auf ihre Umgebung zu achten. Wenn ich dann noch immer hier war, hatte ich im wahrsten Sinne des Wortes meinen Einsatz verpennt.
Also rannte ich auf den Flur und zur Treppenhaustür. Ich öffnete sie weit genug und trat hindurch, hielt sie dann jedoch mit meinem Körper weiterhin offen. Jetzt musste ich eigentlich nur noch loslaufen, während die Tür hinter mir zufiel, und die Stufen nach unten rennen. Aber zuvor hatte ich noch etwas Wichtiges zu erledigen.
Ich sah zurück zu van Helsing, Klapp und all den anderen, deren Namen ich nicht kannte. Mit Daumen und Zeigefinger meiner linken Hand formte ich einen Ring und steckte ihn in den Mund. Der Pfiff, den ich ausstieß, war so laut und schrill, dass er die infernalische Geräuschkulisse mühelos übertönte. Ich hatte vorher gar nicht gewusst, ob ich dazu überhaupt in der Lage war, bis ich es einfach ausprobiert hatte.
Urplötzlich, als wäre mein Pfiff ein allgemein anerkanntes Mittel zur Eindämmung von Kampfhandlungen, kam jede Bewegung im Gang zum Erliegen und verstummte sogar das leiseste Geräusch. In der anschließenden, unnatürlich wirkenden Stille richteten sich die Augen nahezu aller Anwesenden – natürlich mit Ausnahme derjenigen, die in ihrem eigenen kleinen Sonnensystem lebten – auf den Ursprungsort des schrillen Geräusches und damit zwangsläufig, wie ich es geplant hatte, auf mich.
Die meisten Patienten starrten nur verständnislos oder mit einem absolut leeren Ausdruck zu mir herüber, da sie nicht begriffen, worum es ging. Aber es gab mindestens sechs Augenpaare, in denen von diesem Moment an langsam und zunehmend das Begreifen dämmerte.
»Hört mal her, ihr Idioten!«, rief ich und meinte damit nicht die Insassen des Sanatoriums. »Wenn ihr mich haben wollt, dann müsst ihr mich erst mal kriegen.« Anschließend lachte ich laut und selbst in meinen Ohren ziemlich unecht, um die Eindringlinge noch ein bisschen mehr zu reizen.
Insgeheim betete ich währenddessen, dass mein Plan auch tatsächlich so funktionierte, wie ich es mir ausgerechnet hatte. Der Sinn dieser schwachsinnigen Aktion war nämlich keineswegs reiner Übermut oder Dummheit, wie manch einer beim Lesen dieser Zeilen annehmen könnte. Vielmehr wollte ich damit in erster Linie erreichen, dass die Attentäter mir nachsetzten und die Patienten in Ruhe ließen, sobald sie erst einmal realisierten, dass es mir gelungen war, aus der Station zu entkommen. Deswegen konnte ich mich nicht einfach still und heimlich davonstehlen, sondern musste meinen Abhang effektvoller und publikumswirksamer inszenieren. Ich hoffte allerdings, dass tatsächlich alle Eindringlinge auf Klapps Hilferuf reagiert hatten und auf meinem Weg nach draußen nicht noch weitere Männer lauerten, die im nächsten Moment von dem noch reichlich konsterniert aus der Wäsche guckenden Klapp und seinen ebenso überrumpelten Kumpanen alarmiert werden würden.
Während sich der Lärm im nächsten Augenblick wie frisch entfesselt erhob, als wollte er das nach meinem schrillen Pfiff entstandene akustische Vakuum wieder so schnell wie möglich füllen, huschte ich bereits ins Treppenhaus und ließ die Tür los, die sich aufreizend langsam hinter mir schloss. Eilig lief ich die Stufen nach unten. Ich durfte keine einzige weitere Sekunde verlieren, denn die ersten Angreifer hatten sich bestimmt schon von ihrer Überraschung erholt und waren mir sicherlich bereits auf den Fersen.
Kapitel 5
Ich hatte Glück, denn mir stellte sich kein weiterer Eindringling in den Weg, als ich die Treppenstufen nach unten rannte. Als ich die ebenfalls unverschlossene Tür vom Treppenhaus zur Lobby passierte, konnte ich hören, dass die ersten Verfolger oben ins Treppenhaus stürmten.
So schnell wie möglich eilte ich durch den Empfangsbereich, in dem wie auch auf der Station und im Treppenhaus nur eine Notbeleuchtung brannte. Ich hatte keine Ahnung, was mit der Pflegekraft passiert war, die nachts die Lobby besetzt hielt, hoffte aber, dass sie wie die Nachtschwester unserer Station allenfalls gefesselt und geknebelt worden und ihr nichts Schlimmes widerfahren war. Ich hatte aber nicht die Zeit, einen raschen Blick hinter den Empfangstresen zu werfen und nachzusehen, denn die Verfolger waren mir bereits dichter auf den Fersen, als mir aufgrund ihrer weitreichenden Schusswaffen lieb sein konnte.
Ich stieß einen Flügel der gläsernen Eingangstür auf und rannte nach draußen in die Nacht, die von der schmalen Sichel des Mondes nur mäßig erhellt wurde. Am Ende der Zufahrt, die durch den parkähnlichen Erholungsbereich führte, konnte ich im Licht der Straßenbeleuchtung die Umgrenzungsmauer, die Schranke und das hohe, schmiedeeiserne Tor erkennen. Ein Flügel stand ein Stück offen und zeigte mir, wie und wo die Männer auf das Gelände gelangt waren.
Zum Glück erwartete mich auch im Freien niemand. Anscheinend hatten alle Eindringlinge auf den Hilferuf ihres jungen Kollegen reagiert und waren nach oben gerannt, um ihm zu helfen. Wenigstens ein Aspekt, der in dieser Nacht zu meinen Gunsten ausging, denn als ich die Eingangstür durchschritten hatte, hatte ich insgeheim damit gerechnet, wieder mitten in eine neue, noch ausweglosere Gefahrensituation zu schlittern.
Ich nahm mir aber nicht die Zeit, mir ob des Erfolgs des ersten Teils meiner Flucht auf die Schulter zu klopfen und die schöne Aussicht zu genießen, sondern rannte sofort los, weil ich bereits den sprichwörtlichen Atem meiner Verfolger im Nacken zu spüren glaubte. Ich lief über den Kies, der nur wenige Meter vom Haupteingang des Sanatoriums entfernt eine kreisförmige Fläche bildete, und dann den Weg entlang, der ohne Umwege zum Tor führte.
Kurz bevor ich den offen stehenden Torflügel erreichte, warf ich über die Schulter einen Blick zum Sanatoriumgebäude. In exakt diesem Moment öffnete sich die Eingangstür, und mehrere dunkle Silhouetten ergossen sich ins Freie. Sie orientierten sich rasch und rannten dann, nachdem sie mich entdeckt hatten – eine der Gestalten deutete mit der erhobenen Hand in meine Richtung und rief etwas Unverständliches –, hinter mir her.
Ich machte mir nicht die Mühe, die genaue Zahl meiner Verfolger festzustellen, sondern rannte durchs Tor auf die Straße. Unmittelbar neben dem Tor parkten am Straßenrand zwei dunkle Mercedes-Limousinen. Beide Fahrzeuge waren jedoch zu meiner Erleichterung verlassen.
Ich entschied mich aufs Geratewohl für die linke Seite und lief neben der Mauer entlang, die mich nicht nur vor den Blicken, sondern auch vor den Schusswaffen meiner Feinde abschirmte. Ich erreichte das Ende der Mauer an der Stelle, an der das Sanatoriumgrundstück aufhörte, und bog kurz darauf an der ersten Querstraße erneut nach links ab.
Während ich durch die nächtlichen Straßen rannte, fiel mir auf, dass ich noch immer die Pistole in der Hand hielt. Ich umklammerte den Griff der Waffe so fest, dass die Knöchel meiner verkrampften Finger ganz weiß waren. Gut, dass mir bisher niemand begegnet war, denn er hätte wohl den Schreck seines Lebens bekommen. Da keine unmittelbare Gefahr bestand und ich die Schusswaffe auch nicht einfach ins nächste Gebüsch oder in einen Mülleimer werfen wollte, sorgte ich dafür, dass die Pistole gesichert war, und steckte sie dann in den Bund meiner Jeans, wo sich das Metall kalt gegen meine Haut presste. Das T-Shirt ließ ich darüber fallen, sodass es die Waffe vor neugierigen Blicken verdeckte, solange ich mich nicht allzu sehr streckte.
Als ich im Sanatorium erwacht war, war der neue Tag erst eine halbe Stunde alt gewesen. Ich wusste allerdings nicht, wie spät es jetzt war, da ich aufgrund der dramatischen Ereignisse jegliches Zeitgefühl verloren hatte. Auf den schmalen Nebenstraßen, denen ich eher intuitiv als planmäßig folgte, herrschte so gut wie kein Verkehr, und ich war bislang auch keinem einzigen Fußgänger begegnet. Die meisten Häuser waren dunkel, weil die Bewohner schon schliefen. Nur vereinzelt war ein Fenster erleuchtet, weil jemand las, Fernsehen schaute oder möglicherweise auch nur bei Licht eingeschlafen war.
Jeden Moment, so fürchtete ich, konnte eines der beiden dunklen Fahrzeuge, die ich vor dem Sanatoriumgelände gesehen hatte, hinter mir auftauchen. Ich sah mich ständig nervös um, doch ich konnte keinen meiner Verfolger entdecken. An jeder Kreuzung oder Einmündung bog ich vollkommen willkürlich nach rechts oder links ab, sodass ich zuletzt selbst nicht mehr den Weg zurück gefunden hätte.
Durch die ständigen Richtungswechsel wollte ich die Zahl meiner möglichen Fluchtwege dermaßen erhöhen, dass sie die Zahl meiner Verfolger deutlich überstieg. Dadurch wären sie gar nicht in der Lage, jede einzelne Route zu überprüfen. So hoffte ich, ihnen letztendlich entkommen zu können. Und wenn sie unter Umständen genauso orientierungslos waren wie ich, dann würde mir das unter Umständen sogar gelingen.
Als ich mich schließlich wieder etwas sicherer zu fühlen begann, weil ich sowohl eine ausreichend große Distanz zwischen mich und das Sanatorium gebracht hatte, als auch genügend Zeit verstrichen war, ohne dass mich die Attentäter erwischt hatten, verlangsamte ich meine Geschwindigkeit deutlich und marschierte in normalem Schritttempo weiter. Dabei sah ich mich aber immer noch ständig um, ob nicht doch noch ein dunkles Fahrzeug oder ein schwarz gekleideter Fußgänger aus der Dunkelheit hinter mir auftauchte.
Nachdem es allmählich ganz so aussah, als wäre ich den Männern tatsächlich entkommen, machte ich mir Gedanken darüber, was ich jetzt tun sollte. Ich hatte kein Geld bei mir und kannte mich hier nicht aus. Aber selbst wenn ich den Weg gewusst hätte, hätte ich mich keineswegs schon jetzt zurück ins Sanatorium getraut. Zu groß war meine Angst, dort oder auf dem Weg dorthin den Männern zu begegnen, die mich aus einem mir unerfindlichen Grund unbedingt tot sehen wollten. Ich wusste auch nicht, wo Direktor Engel wohnte oder wie ich ihn erreichen konnte. Die Telefonnummer, die Gabriel auf seinem Mobiltelefon gespeichert hatte, hatte ich mir nämlich nicht gemerkt. Es hatte also ganz den Anschein, als wäre ich für den Augenblick zwar mit dem Leben davongekommen, nun aber allein und auf mich gestellt.
Da erinnerte ich mich an den Zettel mit Michaels Telefonnummer, der noch immer in der Gesäßtasche meiner Jeans steckte. Zum Glück hatte ich mich angezogen, bevor ich mich vor einer gefühlten halben Ewigkeit auf den Weg gemacht hatte, um nachzusehen, was der abgewürgte Schrei zu bedeuten hatte. Und das nicht nur, weil ich deswegen Michaels Nummer bei mir hatte, denn andernfalls müsste ich jetzt zu allem Verdruss auch noch im Nachthemd durch die Gegend marschieren.
Ich holte den Papierfetzen aus der Tasche. Dann entfaltete und glättete ich ihn sorgfältig mit den Fingern, bevor ich im Licht einer Straßenlaterne versuchte, die Nummer zu lesen. Anschließend drehte ich mich einmal um die eigene Achse und sah mich dabei aufmerksam in meiner augenblicklichen Umgebung um. Eine Telefonzelle, von denen es ohnehin nur noch wenige gab, war nirgendwo in Sicht. Allerdings hatte ich auch nicht das dafür nötige Kleingeld oder eine Telefonkarte einstecken. Ich erinnerte mich an die Möglichkeit eines R-Gesprächs, bei dem der Angerufene die Kosten des Gesprächs übernehmen konnte, wusste allerdings die entsprechenden Nummern nicht, die man dafür wählen musste. Aber selbst wenn ich die Nummer gekannt hätte, würde mir das nur etwas nützen, wenn ich einen öffentlichen Fernsprecher fand, der natürlich – Murphys Gesetz folgend – genau dann nicht in der Nähe war, wenn man ihn am dringendsten benötigte.
Ich ging weiter und beschloss, auf das Anbrechen des neuen Tages zu warten, am besten auf einer Bank oder etwas Ähnlichem, wo sich mir die Möglichkeit bot, meine müden Beine auszustrecken und ihnen eine dringend benötigte Pause zu gönnen. Sobald es hell geworden war, musste es wieder gefahrlos möglich sein, ins Sanatorium zurückzukehren, da die Eindringlinge spätestens dann sicherlich das Weite gesucht hatten, wenn sie nicht schon längst weg waren, weil sich ihr Zielobjekt auch nicht mehr dort befand. Zu einer zivilisierteren Uhrzeit dürften auch mehr Menschen auf den Straßen unterwegs sein, die ich dann nach dem Weg fragen konnte.
Plötzlich kam direkt vor mir eine dunkle Gestalt um die nächste Hausecke. Ich blieb abrupt stehen und wich erschrocken zwei Schritte zurück, befürchtete ich doch im ersten Moment, es könnte sich um einen meiner Verfolger handeln, dem es gelungen war, mich aufzuspüren. Doch der junge Mann, dem ich mich gegenübersah, war keiner der nächtlichen Angreifer. Er schien über mein unvermutetes Erscheinen mindestens ebenso erschrocken zu sein wie ich, denn allem Anschein nach hatte er um diese Uhrzeit nicht mit einem weiteren nächtlichen Spaziergänger gerechnet. Er trug auch keine schwarzen Geheimkommando-Klamotten, sondern eine ausgewaschene und schlabberige hellblaue Jeans und ein rotes T-Shirt mit einem Aufdruck, den ich nicht genau erkennen konnte.
Der Mann hob beide Hände, sodass ich seine leeren Handflächen sehen konnte, und zeigte mir damit, dass er nichts Böses im Sinn hatte. In einem möglichst beruhigend klingenden Tonfall sagte er: »Keine Angst, ich will Ihnen nichts tun. Ich bin auch nur auf dem Weg nach Hause.«
Ich nickte zum Zeichen, dass ich verstanden hatte und ebenfalls nicht vorhatte, ihm etwas anzutun. Schon wollte ich meinen Weg fortsetzen und an ihm vorbeigehen, als mich die Gegenwart des Mannes auf eine Idee brachte.
»Haben Sie zufällig ein Handy dabei?«
Er hatte bereits den ersten Schritt in meine Richtung gemacht, um seinen Heimweg fortzusetzen, doch nachdem ich ihn so unerwartet angesprochen hatte, blieb er jäh wieder stehen und nickte zögerlich. »Ja, natürlich. Warum fragen Sie?« Er konnte das plötzlich in ihm erwachte Misstrauen nicht ganz verbergen, als er mich mit schief gelegtem Kopf und leicht zusammengekniffenen Augen ansah.
»Dürfte ich mit Ihrem Handy einen kurzen Anruf machen? Ich verspreche Ihnen auch, dass es nicht lange dauern wird und wirklich nur ein Ortsgespräch ist. Ich möchte einen Bekannten anrufen, damit er mich abholt. Ich bin nämlich fremd hier und kenne mich überhaupt nicht aus.«
Er benötigte nur einen Moment, um über meine Bitte nachzudenken. Meine Erklärung schien ihn von der Harmlosigkeit meiner Bitte überzeugt zu haben, denn in der kurzen Zeitspanne wurde die misstrauische Miene durch einen verständnisvolleren Gesichtsausdruck ersetzt. Schließlich nickte er erneut zum Zeichen seines Einverständnisses. »Na gut.« Er holte ein Smartphone aus der linken Hosentasche seiner weiten Jeans. »Ich wähle für Sie. Wie ist denn die Nummer?«
Vielleicht traute er mir doch nicht so ganz, was meine Behauptung anging, dass ich nur ein Ortsgespräch führen wollte, und wollte sich auf diese Weise davon überzeugen, dass ich die Wahrheit gesagt hatte. Ich nahm es ihm unter den gegebenen Umständen allerdings nicht übel. Außerdem war es mir egal, wer von uns die Nummer wählte, solange ich nur mit Michael sprechen konnte.
Ich hob den Zettel, den Michael mir gegeben hatte und den ich noch immer in der Hand hielt, und las ihm die Nummer vor. Die Zahlen waren an diesem Ort zwar nur schlecht zu erkennen, da wir nicht in unmittelbarer Nähe einer Straßenlaterne standen, aber ich kannte die Nummer ja schon, weil ich sie erst vor wenigen Augenblicken gelesen hatte, was mir nun das Entziffern erleichterte.
Der junge Mann wählte mit einem hoch konzentrierten Ausdruck auf dem Gesicht und reichte mir anschließend das Gerät.
Ich hob es ans Ohr und hörte es am anderen Ende der Leitung mehrmals klingeln. Ich stellte mir vor, dass Michael in diesem Moment aus tiefstem Schlaf geweckt wurde, aus dem Bett kroch und laut fluchend zu seinem Handy stolperte, das vermutlich unter einem Stapel Klamotten lag, die er gestern getragen und vor dem Zubettgehen achtlos auf den Fußboden geworfen hatte. Schlief er möglicherweise sogar nackt und lief nun so, wie Gott ihn erschaffen hatte, durch sein Schlafzimmer?
Der junge Mann, dem das Handy gehörte, hatte sich zwei, drei Schritte zurückgezogen, um mir für das Gespräch ein wenig Privatsphäre zu gönnen, war aber noch immer nah genug, um mich rasch ergreifen zu können, falls ich doch keine harmlose nächtliche Spaziergängerin war, sondern mich in Wahrheit als gemeingefährliche Handyräuberin entpuppen sollte. Ich hätte gern sein Gesicht gesehen, wenn er erfahren hätte, dass ich wie ein fünftklassiger amerikanischer Kinogangster eine geladene Pistole mit Schalldämpfer im Hosenbund stecken hatte. Doch da ich meinen Helfer in der Not nicht erschrecken wollte und außerdem gerade der denkbar schlechteste Moment für derartigen Blödsinn war, ließ ich die Waffe an Ort und Stelle stecken.
Ich warf dem jungen Mann einen entschuldigenden Blick zu und drehte mich weg, sodass ich seinen ungeduldigen Blick nicht länger erwidern musste und mich ungestörter fühlte.
Woher willst du überhaupt wissen, dass Michael tatsächlich allein in seinem Bett schläft, dachte ich und führte damit unwillkürlich meinen zuvor begonnenen Gedankengang über seine Schlafgewohnheiten fort. Dabei handelt es sich doch nur um reines Wunschdenken! Missmutig musste ich meiner besserwisserischen inneren Stimme recht geben. Eigentlich wusste ich so gut wie nichts über Michaels Privatleben. Allerdings war ich wegen der Art und Gefährlichkeit seiner Arbeit stillschweigend davon ausgegangen, dass er keine Frau hatte, die zu Hause auf ihn wartete, während er unter falschem Namen Satanistengruppen infiltrierte. Aber vielleicht war er unter seiner wahren Identität glücklich verheiratet und hatte zwölf Kinder.
Bevor ich diesen ernüchternden Gedanken in selbstquälerischer Weise weiterverfolgen konnte, ging am anderen Ende der Leitung endlich jemand an den Apparat, sodass die Verbindung doch noch zustande kam.
Michaels Stimme war für mich sogar über die Telefonverbindung unverkennbar, klang aber relativ verschlafen und undeutlich. Er gähnte laut, nachdem er sich durch die Nennung seines Nachnamens zu erkennen gegeben hatte.
»Hallo, Michael. Ich bin’s, Sandra … Sandra Dorn.« Ich glaubte zwar nicht, dass es allzu viele Sandras gab, die er kannte und die ihn mitten in der Nacht anrufen würden, hatte mich aber nach kurzem Zögern dazu entschlossen, meinen vollen Namen anzugeben, um Missverständnisse oder Nachfragen à la »Sandra wer?« zu vermeiden. »Können Sie kommen und mich abholen?«
Ich ersparte es mir, ihn ausdrücklich darauf hinzuweisen, dass er mir freiwillig seine Nummer gegeben und gesagt hatte, ich sollte ihn anrufen, wenn ich wieder mal seine Hilfe benötigte. Wer so etwas tat, musste schließlich damit rechnen, dass der andere davon Gebrauch machte, auch wenn Michael dabei unter Umständen an eine etwas angenehmere Uhrzeit gedacht hatte. Aber was konnte ich dafür, dass ich mitten in der Nacht seine Hilfe benötigte?
Trotz der Tatsache, dass ich ihn soeben aufgeweckt hatte, war Michael so freundlich, nicht auf die Tageszeit hinzuweisen, sondern kam erfreulicherweise sofort zur Sache: »Was ist passiert?«
»Das lässt sich nicht in zwei Sätzen erklären. Ich sag’s Ihnen, sobald Sie mich abgeholt haben.«
»Gut! Wo sind Sie? Im Sanatorium?«
»Nein, nicht im Sanatorium. Einen Augenblick, bitte.«
Da ich selbst keinen blassen Schimmer hatte, wo ich mich befand, fragte ich meinen freundlichen Helfer, der mittlerweile von einem Fuß auf den anderen trat, als müsste er dringend auf die Toilette. Wahrscheinlich bereute er seine Freundlichkeit schon längst und wartete ungeduldig darauf, dass ich das Gespräch wie versprochen kurz hielt und rasch beendete, damit er endlich gehen konnte. Dennoch gab er mir ohne Umschweife die benötigten Auskünfte, die ich wortwörtlich an Michael weiterleitete. Was sich der junge Mann allerdings dabei dachte, dass ich, auch wenn ich hier fremd war, absolut keine Ahnung hatte, wo ich mich befand, wusste ich nicht. Seine hochgezogenen Augenbrauen und sein verwirrter Gesichtsausdruck ließen zumindest darauf schließen, dass er sich Gedanken darüber machte, auch wenn diese allem Anschein nach in keine bestimmte Richtung führten.
»Wer befindet sich bei Ihnen?«, fragte Michael, und der Tonfall seiner Stimme klang nicht länger verschlafen, sondern ausgesprochen aufgeweckt und vor allem misstrauisch.
»Ein freundlicher Mensch, der mir sein Handy geliehen hat. Alles Weitere erzähle ich Ihnen später.« Bevor er noch andere in meinen Augen überflüssige Fragen stellen konnte, trennte ich die Verbindung kurzerhand durch einen entschlossenen Knopfdruck. Dann gab ich dem jungen Mann das Mobiltelefon zurück, damit er endlich nach Hause und aufs Klo gehen konnte.
»Danke. Möglicherweise haben Sie mir damit das Leben gerettet!«
Wahrscheinlich hielt er meine Worte für einen Scherz oder eine bloße Redewendung, denn er winkte ab und lächelte nun wieder, allem Anschein nach erleichtert, dass er endlich gehen konnte. »Keine Ursache, jederzeit wieder.« Er steckte das Handy in die Tasche, hob lässig die Hand zum Abschied und marschierte dann an mir vorbei und zielstrebig davon.
Ich konnte ihm nicht verdenken, dass er meine Äußerung nicht ernst genommen hatte. Mir wäre es an seiner Stelle vermutlich nicht anders ergangen. Mir war jedoch klar, dass es sich dabei durchaus um die Wahrheit handeln konnte. Unter Umständen waren Klapp und seine Kollegen nämlich noch immer auf den Straßen unterwegs und auf der Suche nach mir, auch wenn ich dafür bislang zum Glück keine Anzeichen entdeckt hatte. Aber sobald ich sie zu Gesicht bekäme, wäre es vermutlich ohnehin zu spät. Und falls die Entfernung zu dem Attentäter, der mich entdeckt hatte, groß genug wäre, würde ich ihn möglicherweise nicht einmal sehen oder auch nur das Geräusch der schallgedämpften Waffe hören, bevor die Kugel mich traf und meinem Leben ein rasches Ende bereitete.
Um mein Glück nicht über Gebühr herauszufordern, und weil ich mich, als ich hier mitten auf dem Bürgersteig stand, wie auf dem Präsentierteller und allem, das zufälligerweise um die nächste Ecke biegen mochte, schutzlos und hilflos ausgeliefert fühlte, suchte ich nach einem Versteck, in dem ich die Zeit bis zu Michaels Ankunft wesentlich geschützter hinter mich bringen konnte. Nicht weit von mir, nur wenige Schritte entfernt, befand sich eine größere Wohnanlage. Vor der Anlage stand ein selbst im schwachen Mondlicht extrem hässlicher Holzverschlag, in dem die Mülltonnen der Hausbewohner gelagert wurden. In einer finsteren Ecke unmittelbar hinter diesem Verschlag wollte ich mich verborgen halten. Dort konnte ich von der Straße aus nicht entdeckt werden und in Ruhe und relativer Sicherheit auf Michael warten.




