INQUISITOR MICHAEL INSTITORIS 1 - Teil Eins

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Reflexartig streckte er dem heransausenden Schatten das geweihte Holzkreuz entgegen und spürte sogleich einen mentalen Schlag, der ihn von Kopf bis Fuß erschütterte. Der Bannfluch war gegen das wirkungsvollste Symbol des christlichen Glaubens geprallt, von diesem aber weitestgehend neutralisiert worden. Reste des dunklen Zaubers krochen wie elektrische Entladungen über die Haut seines erhobenen Armes und versengten die feinen Härchen. Michael flüsterte fünf Worte – ein kurzes Gebet in lateinischer Sprache –, mit dem er die Überreste vernichtete, bevor sie doch noch in seinen Körper eindringen und Schaden anrichten konnten.
Mithilfe des Kreuzes hatte er den Zauber des Angreifers, nicht aber diesen selbst stoppen können. Als die Gestalt ihn fast erreicht hatte, erkannte er, dass es sich um einen älteren Mann mit ergrauten Haaren handelte, der ein langes formloses Gewand trug. In der rechten, zum Schlag erhobenen Faust hielt er einen ordinären Totschläger. Mit diesem wollte er den Inquisitor niederstrecken, nachdem sein Zauber versagt hatte.
Während seiner umfangreichen Ausbildung war Michael nicht nur in der Abwehr von Zaubersprüchen und anderen magischen Attacken geschult, sondern darüber hinaus im Umgang mit unterschiedlichsten Waffen unterwiesen worden, um sich ebenso effektiv gegen rein körperliche Angriffe zur Wehr setzen zu können. Er griff mit der Rechten unter seine Jacke und zog die Glock 17, Kaliber 9 mm Luger, aus dem Schulterholster. In einer unzählige Male geübten und aufgrund dessen blitzschnellen, fließenden Bewegung richtete er sie auf den Angreifer und drückte ab. Durch das automatische Sicherungssystem, das ohne außen liegende Sicherungshebel auskam, war die Waffe sofort einsatzbereit.
Die Detonation hallte durch das Treppenhaus. Spätestens jetzt mussten die anderen Luziferianer wissen, dass diese Nacht nicht so ablief wie geplant und dass sie einen ungebetenen Besucher hatten. Aber wahrscheinlich waren sie bereits durch das laute Gebrüll des Zauberers alarmiert worden.
Der Angreifer sackte derart abrupt zusammen, als hätten sich seine Knochen in Gelatine verwandelt, und sank lautlos zu Boden. Das Projektil hatte ihn tödlich ins Herz getroffen.
Der Inquisitor wirbelte herum, um nach weiteren Gegnern Ausschau zu halten. Keine Sekunde zu spät! Hinter seinem Rücken hatten sich zwei Gestaltwandler herangeschlichen. Obwohl sie am ganzen Körper dicht behaart waren, gingen sie aufrecht auf ihren Hinterläufen. Anhand der Musterung ihres Fells und der charakteristischen Kopfformen erkannte Michael, dass er einen Wolf und eine Hyäne vor sich hatte. Wider Erwarten griffen ihn die Monster nicht mit ihren todbringenden Zähnen und Klauen an, sondern trugen ein engmaschiges Netz zwischen sich, mit dem sie ihn einfangen wollten.
Sie waren schon erschreckend nah, und ihr Plan wäre wahrscheinlich aufgegangen, wenn Michael nicht so reaktionsschnell gewesen wäre. Er ließ sich im selben Moment nach hinten fallen, als die Gestaltwandler das Netz warfen, und rollte sich über die linke Schulter ab. Das Netz fiel nutzlos an der Stelle zu Boden, wo er soeben noch gestanden hatte. Die beiden Ungeheuer knurrten, verärgert über ihren Misserfolg.
Michael stand sofort wieder auf den Füßen und legte auf den Wolf an. Eine exakt platzierte silberne Kugel, die am Hochalter des Petersdoms geweiht worden war, ins Herz der Bestie beendete ihr irdisches Dasein. Die Hyäne warf sich jaulend herum und wollte Fersengeld geben, doch Michael erschoss sie von hinten. In derartigen Fällen kannte er keine Sentimentalitäten, schließlich ließen diese Bestien ebenfalls keine Gnade walten.
Michaels Verwunderung darüber, dass er es hier nicht wie erwartet mit einem Zirkel eher harmloser Hexen, sondern mit weit gefährlicheren Zauberern und Gestaltwandlern zu tun hatte, stieg. Entweder war sein Informant ausnahmsweise falsch unterrichtet gewesen oder …! Michael wollte über die schreckliche Alternative lieber nicht nachdenken. Stattdessen machte er sich Gedanken, ob es nicht besser wäre, vorübergehend den Rückzug anzutreten und mit Verstärkung zurückzukommen.
Da wurde im Erdgeschoss das Getrampel zahlreicher Schritte laut. Die Räume dort unten schienen doch nicht so verlassen zu sein, wie er angenommen hatte. Ganz im Gegenteil! Nach dem enormen Lärm zu urteilen, mussten sie ziemlich bevölkert sein. Und gegenwärtig war scheinbar jeder, der sich dort verborgen gehalten hatte, auf den Beinen, um den Eindringling in ihrer Mitte zu erwischen.
Michael wollte eine Begegnung mit dieser Meute nach Möglichkeit vermeiden. Da er bereits auf stärkere Gegner als erwartet gestoßen war, war nicht vorherzusehen, wer oder was ihm hier unter Umständen noch alles über den Weg lief. Darüber hinaus war er nicht gut genug bewaffnet, um es mit einer größeren Zahl derartiger Feinde aufnehmen zu können. Michael erkannte, dass die Ausgangslage sich um hundertachtzig Grad gedreht hatte und hier etwas fürchterlich schief ging. Allerdings hatte er keine Zeit, sich eingehendere Gedanken über diese Problematik zu machen, da die ersten polternden Schritte unter ihm die Stufen erreicht hatten.
Er nahm kurzerhand die nächste Treppe, die ihn weiter nach oben führte, da er dort eine realistischere Chance zur Flucht sah. Längst bemühte er sich nicht mehr, leise zu sein. Seine Gegenwart musste mittlerweile jedem im Haus bekannt sein. Während er nach oben rannte, schob er die Automatik ins Holster und holte sein Mobiltelefon aus der Jackentasche. Sobald er es aktiviert hatte, stellte er fest, dass es keinen Empfang hatte. Er konnte noch nicht einmal seine Kollegen zu Hilfe rufen. Er fluchte leise und steckte das Handy weg, um wieder die Pistole zu ziehen, die in seiner Lage schlagkräftigere Hilfe versprach.
Unmittelbar vor dem zweiten Stockwerk wurde er langsamer und spähte vorsichtig um die Türkante in die linke unbeleuchtete Wohnung. Am Ende des Flurs lauerten mehrere dunkle Schemen, die Michael nicht deutlich erkennen konnte. Er hob die Waffe und jagte fünf ungezielte Schüsse in die Finsternis. Mehrstimmiges Gebrüll und das Scharren von Füßen wurden laut, als die Gegner hastig in Deckung gingen. Schmerzensschreie waren nicht darunter, sodass Michael nicht davon ausging, dass er jemanden getroffen hatte.
Er wandte sich zur anderen Seite. Dort stand die Tür ebenfalls offen. Der dahinter liegende Flur war ebenfalls unbeleuchtet, doch aus einem Raum am anderen Ende fiel flackernder Lichtschein.
Der Inquisitor verharrte kurz, um die Lage zu analysieren. Von unten war das Lärmen der herannahenden Meute zu hören. Aus der linken Wohnung konnte er das kehlige Knurren und wütende Geschrei weiterer Gegner vernehmen, die auf die Gelegenheit warteten, ihm in den Rücken zu fallen. Und als wäre all das noch nicht genug, erschallten da auch in der obersten Etage Schritte und laute Rufe einer größeren Menge.
Drei von vier möglichen Richtungen waren ihm somit verwehrt, womit einzig der Zugang zu den Räumen rechts von ihm übrig blieb, die als letzter Zufluchtsort einen verlassenen Eindruck erweckten.
Michaels Nackenhärchen sträubten sich, als seine Instinkte ihn vor einer Gefahr warnten, die er mit seinen bewussten Sinnen mitnichten erfassen konnte. Er ahnte, dass die Wohnung nicht wirklich leer war, dass dort irgendetwas verborgen war und auf der Lauer lag. Doch was blieb ihm anderes übrig? Wenn er noch länger zögerte, brauchte er sich keine Gedanken mehr zu machen, welchen Weg er nehmen sollte, da die wütende Meute aus drei Richtungen gleichzeitig über ihn herfallen und ihn mit bloßen Händen und Klauen zerreißen würde.
Als die ersten Verfolger aus dem unteren Stockwerk die Kehre erreichten, rannte er los und tauchte trotz aller Bedenken in den düsteren Flur. Er ließ die Tür krachend hinter sich ins Schloss fallen und tastete nach einem Schlüssel oder Riegel, mit dem er die Tür verschließen konnte. Allerdings fand er nichts von beidem.
Das Getrampel und Gekreische im Treppenhaus wurde mit jeder verstreichenden Sekunde lauter und eindringlicher, während seine Gegner aus den anderen Etagen näher kamen und sich wohl auch diejenigen aus ihren Verstecken trauten, die er zuvor mit seinen ungezielten Schüssen in Deckung gezwungen hatte.
Er stürmte den kurzen Flur entlang und rüttelte mit der Hand, in der er die Waffe hielt, an jeder Tür, die er passierte. Alle waren verriegelt. Er hielt sich nicht erst damit auf, eine von ihnen gewaltsam zu öffnen, da erste Schläge von außen gegen die Wohnungstür krachten und das Holz erzittern ließen. Lang würde die dünne Pressspanbarriere der Gewalt der dagegen anstürmenden Masse nicht standhalten. Vor allem, wo die Tür gar nicht verriegelt war. Aber das schien die blindwütige Meute auf der anderen Seite zum Glück noch nicht realisiert zu haben.
Er rannte zur letzten Tür auf der linken Seite, die als einzige offen stand und aus der flackernder Lichtschein in den Flur fiel.
Bevor er in den Raum lief, warf er einen letzten Blick zum Eingang. Trotz der schlechten Lichtverhältnisse konnte er erkennen, dass sich das Holz in der Mitte stark nach innen bog, als würde sich von der anderen Seite etwas Gewaltiges mit enormer Kraft dagegenstemmen. Das Holz ächzte laut und splitterte an den Rändern. Durch die sich rasch verbreiternden Spalten zwischen Rahmen und Türblatt drangen gleißend helle Lichtspeere, in denen Staubpartikel tanzten.
Michael wollte lieber nicht mit ansehen, was die Tür aufsprengen und sich durch die Öffnung zwängen würde. Er eilte in den einzig zugänglichen erhellten Raum und schlug dessen Tür ebenfalls hinter sich zu. Er steckte die Pistole weg und langte nach dem Schloss. Mit einem Gefühl der Erleichterung ertastete er mit zitternden Fingern einen Schlüssel und drehte ihn zweimal im Schloss. Anschließend zog er sofort wieder die Waffe.
Ein ohrenbetäubendes Krachen ertönte, als die Wohnungstür dem Druck nicht länger standhielt und aufgesprengt wurde.
Atemlos lauschte Michael auf weitere Geräusche aus dem Flur, doch nach dem Bersten der Eingangstür war gespenstische Stille eingekehrt. Michael fragte sich, was diese Ruhe zu bedeuten hatte. Er konnte sich nicht vorstellen, dass seine Verfolger abgezogen und nach Hause gegangen waren. Eher schienen sie ihr Verhalten radikal geändert zu haben und schlichen sich lautlos an, um ihn mit dem Aufsprengen dieser Tür zu überrumpeln, die das letzte Hindernis darstellte, das sie noch von ihrem Opfer trennte.
Der Inquisitor wich Schritt um Schritt zurück, die Pistolenmündung auf das dunkelbraune, von zahlreichen Kratzern übersäte Holz des Türblattes gerichtet. Ihm war klar, dass diese Barriere trotz des Schlosses ebenfalls nicht lange standhalten würde, sollten die Luziferianer beginnen, sich mit aller Gewalt dagegen zu werfen.
In Gedanken zog Michael Bilanz und zählte die Schüsse, die er bislang abgegeben hatte. Er kam auf acht. Da das Magazin der Glock siebzehn Patronen fasste und sich zusätzlich eine im Lauf befunden hatte, standen ihm somit noch zehn Kugeln zur Verfügung.
Er überlegte, ob er die Automatik schon jetzt mit dem einzigen Ersatzmagazin nachladen sollte, das er bei sich hatte, um im Notfall möglichst viele Patronen schussbereit zur Verfügung zu haben, als ihm zum ersten Mal der stechende Geruch im Raum richtig bewusst wurde. Er hatte ihn zwar schon wahrgenommen, als er über die Türschwelle gestürmt war, ihm aufgrund des weit dringlicheren Problems, das seine Verfolger darstellten, aber vorerst keine besondere Beachtung geschenkt. Doch nun konnte er die penetrante und übelkeitserregende Mischung aus frisch vergossenem Blut, flüssigem Kerzenwachs, faulen Eiern und Verwesung nicht länger ignorieren. Darüber hinaus stieß er mit dem linken Fuß beim Zurückweichen gegen ein Hindernis, das leicht nachgab, ihn aber trotzdem beinahe ins Straucheln gebracht hätte.
Obwohl er die Tür ungern aus den Augen ließ, wandte Michael sich um, um nachzusehen, was in seinem Weg lag und ihn fast zu Fall gebracht hätte. Wegen des widerlichen Gestanks verzog er das Gesicht und unterdrückte mit Mühe den Würgereflex in seiner Kehle.
Als der Inquisitor allerdings sah, worauf er im wahrsten Sinne des Wortes gestoßen war, verlor er den Kampf gegen den Brechreiz. Er wandte sich ruckartig ab, beugte sich vor und gab seinen gesamten Mageninhalt in einem einzigen warmen und bitteren Schwall von sich, der sich auf den Parkettboden ergoss. Und obwohl er die tränenden Augen geschlossen hielt, stand ihm das furchtbare Bild noch deutlich vor Augen.
Beim Zurückweichen war er unbemerkt in einen Kreis getreten, der aus sieben schwarzen Kerzen gebildet wurde, die für die ständig lebhaft flackernde Helligkeit im Raum verantwortlich waren. Innerhalb der Lichter war ein weiterer Kreis mit glänzend schwarzer Farbe auf das Parkett gemalt worden, der einen ebenfalls aufgemalten und von der Tür aus gesehen auf dem Kopf stehenden, fünfzackigen Stern umschloss. Das Hindernis, gegen das Michael mit der Hacke seines linken Schuhs versehentlich gestoßen war, entpuppte sich als Kopf eines Menschen. Wie Leonardo da Vincis berühmte Studie der Idealproportionen des menschlichen Körpers lag die reglose Gestalt mit gespreizten Gliedmaßen innerhalb des Pentagramms – Kopf, Arme und Beine befanden sich jeweils in einer anderen Spitze des Sterns. Der Mann war unbekleidet und definitiv tot, denn er lag in einem wahren See seines eigenen Blutes, das aus einer klaffenden Wunde in seiner linken Brust geflossen war, in der noch der rituelle Opferdolch steckte, der ihn getötet hatte.
Doch die Schrecken nahmen damit kein Ende. Das Furchtbarste an diesem schrecklichen Fund war die Tatsache, dass Michael das Opfer kannte. Der Tote war niemand anderes als Kai Weber, sein kokainsüchtiger Informant, dessen Anruf ihn in dieser unheilvollen Nacht erst hierher, zu diesem Ort des Grauens geführt hatte.
Nachdem Michael sich übergeben hatte, war der Gestank, dem dadurch eine weitere unangenehme Note hinzugefügt worden war, leichter zu ertragen. Vielleicht gewöhnte er sich auch allmählich daran. Er wischte mit dem linken Ärmel der Lederjacke Speichel und Reste von Erbrochenem aus den Mundwinkeln. Anschließend richtete er sich auf und überlegte fieberhaft, was diese erneute Wendung der Ereignisse zu bedeuten hatte.
War Kai unmittelbar nach seinem Anruf ertappt und durch diesen grausamen Opfertod für seinen Verrat bestraft worden? Oder war er schon vorher enttarnt und gezwungen worden, den Inquisitor anzurufen und hierherzulocken? Aber was bezweckten die Luziferianer damit? Wenn sie einen Inquisitor töten wollten, gab es weniger aufwendige Möglichkeiten. Aber weshalb hätten sie ihn sonst in eine derartig ausgeklügelte Falle locken sollen?
Michael richtete den Blick auf den nackten Leichnam zu seinen Füßen, als wollte er sich vergewissern, dass er sich nicht getäuscht hatte, während sich seine Hände unwillkürlich fester um das Holz des Kreuzes und den Griff der Pistole schlossen.
Da durchschnitt eine Stimme die andächtige Stille des Todes und riss den Inquisitor aus seinen Überlegungen. Es handelte sich um die heisere Stimme eines Mannes, der sich zusammen mit Michael in diesem verschlossenen Raum aufhalten und wenige Schritte hinter ihm stehen musste. Doch es war weniger die Tatsache, dass er nicht allein hier war, sondern eher der Sinngehalt der Worte des Mannes, der den Inquisitor elektrisierte.
»Endlich lernen wir uns persönlich kennen, Sohn …«
Der Schock, den ihm diese Anrede versetzte, rief unwillkürlich eine Flut lang zurückliegender Erinnerungen in ihm wach, die sich tosend in seinen Verstand ergoss, während er sich gleichzeitig langsam um die eigene Achse drehte, um zu sehen, wer ihn auf diese Weise angesprochen hatte.
Seine leiblichen Eltern kannte Michael Institoris nicht, da er, erst wenige Tage alt und in eine wärmende Wolldecke gehüllt, vor der Haustür des damaligen bayerischen Generalinquisitors abgelegt worden war. Nachdem es den zuständigen Behörden trotz intensivster Nachforschungen nicht gelungen war, die leiblichen Eltern ausfindig zu machen, nahmen Generalinquisitor Josef Danner und seine Frau Paula das Findelkind wie einen Sohn bei sich auf. Die gläubigen Eheleute sahen in dem Jungen ein Geschenk und ein Zeichen Gottes, denn es war ihnen verwehrt geblieben, ein eigenes Kind zu empfangen.
Dessen ungeachtet verzichteten sie auf eine Adoption des Knaben, sodass Michael bis zu seiner Volljährigkeit ein Mündel des Staates blieb. Die Danners wollten den leiblichen Eltern die Chance geben, zurückzukehren und ihren Sohn wieder bei sich aufzunehmen. Dies hätte den liebevollen Pflegeeltern das Herz gebrochen, geschah jedoch nie.
Seinen Namen erhielt der Knabe von Generalinquisitor Josef Danner, der in ihm von Anfang an einen zukünftigen Inquisitor und unter Umständen sogar einen Nachfolger als Direktor der bayerischen Inquisition sah. Pate für den Vornamen war zweifellos der Erzengel Michael, der den Drachen Luzifer aus dem Himmel gestürzt hatte. Der passende Name für einen angehenden Inquisitor, dessen Aufgabe der Kampf gegen die Luziferianer war. Und Institoris war die latinisierte Form des Nachnamens Kramer und stammte von Heinrich Kramer, einem Inquisitor des 15. Jahrhunderts und Wegbereiter der damaligen Hexenverfolgung. Unter dem Namen Heinrich Institoris hatte er gemeinsam mit dem Dominikaner Jakob Sprenger den Malleus Malleficarum, auf Deutsch Hexenhammer, verfasst, das erste gedruckte »Hexengesetzbuch«, das zum Standardwerk für Strafrichter und Inquisitoren wurde.
Somit war Michael Institoris schon dem Namen nach dazu auserkoren, in den Dienst des Heiligen Amtes zu treten. Und die Erziehung, die ihm der gestrenge, aber allzeit liebevolle Generalinquisitor Josef Danner und seine Frau angedeihen ließen, leistete ein Übriges, sodass Michael nach dem Abitur wie selbstverständlich die Ausbildung zum Inquisitor begann. Er tat diesen Schritt aber nicht, weil er sich dazu gezwungen oder seinen Pflegeeltern gegenüber verpflichtet fühlte, sondern sah in diesem Dienst – ebenso wie Josef Danner, der wenig später in den verdienten Ruhestand trat – selbst seine vorherbestimmte Aufgabe. Weswegen war er sonst vor der Tür der Danners abgelegt worden? Und sobald er nach Abschluss seiner Ausbildung die ersten Einsätze hinter sich gebracht hatte, fühlte er sich in dieser Einschätzung bestätigt. Seitdem hatte er kein einziges Mal den Wunsch verspürt, einer anderen Tätigkeit nachzugehen.
Obwohl die Danners streng genommen nur seine Pflegeeltern waren, hatte Michael sie dennoch mit Mutter und Vater angesprochen. Aus diesem Grund war es für ihn sowohl befremdlich als auch schockierend, dass ihn jemand anderes als der Pflegevater oder sein Beichtvater mit Sohn ansprach. Noch dazu an diesem gottverlassenen Ort.
Nachdem diese Momentaufnahmen der eigenen Biografie in Michaels Kopf aufgeblitzt und wieder verblasst waren und er zugleich eine halbe Körperdrehung vollendet hatte, sah er die Person vor sich, die ihn auf dergestalt überraschende Weise angesprochen hatte.
Zuerst war der Inquisitor ein wenig enttäuscht, als er den kleinen und eher unscheinbaren Mann vor sich sah, der viel zu jung war, um tatsächlich sein Vater sein zu können. Handelte es sich nur um einen geschmacklosen Scherz?
»Ich kann die Verwirrung in deinen Augen sehen, Sohn«, sagte der Mann mit einer Stimme, die nicht zu seiner schmächtigen Statur passen wollte. Sie war tief, etwas heiser, aber dennoch volltönend, als stammte sie ursprünglich aus einem bedeutend voluminöseren Körper.
»Wer sind Sie?«
»Kannst du dir das nicht denken?«
Der Inquisitor schüttelte wortlos den Kopf.
»Nein? Nun gut, ich bin dein Vater!«
Michael bemerkte eine Nische in der Seitenwand des Raumes, die einst eventuell für einen Einbauschrank gedacht gewesen, nun aber leer war. Der Vorhang, der sonst davor hing, war zurückgezogen worden und bewegte sich noch immer leicht. Dort musste der kleine Mann sich verborgen gehalten und abgewartet haben, bis Michael auf den Leichnam gestoßen war.
»Sie lügen!« Erst jetzt richtete der Inquisitor die Mündung der Waffe auf die schmale Brust des Mannes. »Sie sind nicht mein Vater, dazu sind Sie viel zu jung. Was wollen Sie also wirklich von mir? Und ich rate Ihnen, mir die Wahrheit zu sagen. Ich gehöre zur Inquisition, wir lassen uns nicht gern hinters Licht führen.«
Der Fremde zeigte sich von Michaels Worten nicht im Mindesten beeindruckt, sondern lachte laut und hämisch. Es war ein düsteres, unangenehmes Lachen, das bei Michael, der nicht so schnell zu erschüttern war, ein leichtes Erschaudern hervorrief. Gleichzeitig begannen die Augen des Mannes in einem unirdischen Feuer zu erglühen, als wollte er den Inquisitor, der ihn um mehr als einen ganzen Kopf überragte, mit Blicken durchbohren. Michael hatte das unangenehme Gefühl, sein Gegenüber würde bis in das tiefste Innere seiner Seele blicken, und fröstelte.
»Ich sagte es dir bereits: Ich bin dein leiblicher Vater! Sofern man in Bezug auf meine Gegenwart in dieser Welt von leiblich sprechen kann. Deine Mutter war eine Hexe, die ich während eines ausschweifenden Sabbats begatten durfte. Keine Ahnung, wo die alte Schlampe jetzt steckt.«
Die Erkenntnis, wen – oder besser gesagt: was! – Michael vor sich hatte, ließ das Blut in seinen Adern stocken. Er hatte bislang nur davon gehört, es aber nie selbst erlebt. Dennoch gab es keinen Zweifel: Vor ihm stand ein Besessener!
Der Mann, den er vor sich sah, war nicht mehr als eine Hülle und beileibe nicht sein Vater, zumindest nicht in einem körperlichen Sinne. Deswegen war er so jung und sah ihm rein äußerlich nicht im Geringsten ähnlich. Doch in den Körper des Mannes war – höchstwahrscheinlich als Folge der kürzlich an diesem Ort durchgeführten Beschwörung, bei der sein unglückseliger Informant sein ebenso unglückseliges Leben verloren hatte – ein Dämon gefahren und hatte die Kontrolle über das Individuum übernommen, bis er ihn aus eigenem Antrieb verließ oder mit speziellen, von der Kirche entwickelten Ritualen des Exorzismus gewaltsam ausgetrieben wurde.
Doch mehr noch als die Tatsache, einem wahrhaftigen Dämon aus der Hölle im Körper eines Menschen gegenüberzustehen, entsetzte Michael die rasch einsetzende Erkenntnis, dass das dämonische Wesen womöglich die Wahrheit sprach. Weswegen sollte er ihn ausgerechnet in einer derartigen Angelegenheit belügen und welchen Nutzen konnte ein Dämon daraus ziehen? Nein, Michael ahnte instinktiv, dass er in diesem Fall vermutlich nicht belogen wurde, obwohl die Lüge weit eher der Natur eines Dämons entsprach.
Doch welche Ironie, falls tatsächlich der Sohn eines Dämons und einer Hexe zum Inquisitor ernannt worden war, dessen Aufgabe die Bekämpfung eben dieser und aller anderen widernatürlicher Kreaturen war. Und wenn es so war, wie der Dämon sagte, warum war er dann als Baby vor die Tür des Generalinquisitors gelegt worden? War es nur ein merkwürdiger Zufall, oder hatte jemand es bewusst getan, um ihn auf diese Weise vor den eigenen Eltern zu beschützen? Oder war dies bereits Bestandteil eines Planes gewesen, dessen Vollendung erst jetzt bevorstand? Michael ahnte, dass er der Wahrheit mit seinen letzten Überlegungen möglicherweise sehr nahe kam, doch noch hatte er nur vage Vermutungen und keine Gewissheit.
»Was willst du von mir?«, fragte er deshalb und gab sich betont unbeeindruckt, nachdem er Zeit gehabt hatte, die irrwitzige Situation zu analysieren und damit ein Stück weit zu verarbeiten. »Diente all das …« – bei diesen Worten deutete er mit der Hand, in der er das Kreuz hielt, auf die verschlossene Tür, hinter der es noch immer verdächtig still war, und auf den Leichnam im Kreis der brennenden Kerzen – »… etwa nur dazu, mich endlich persönlich kennenzulernen? Oder steckt in Wahrheit nicht doch etwas ganz anderes hinter diesem Familientreffen?«
Der Fremde war beim Schwenken des Holzkreuzes zurückgezuckt und hatte das Gesicht verzogen, als hätte er leichten Schmerz empfunden. Zweifellos bereitete dem Dämon das christliche Symbol Unbehagen, was Michael mit Genugtuung und einem Gefühl der Sicherheit erfüllte. Allerdings machte er sich keine falschen Hoffnungen. Mit dem Kreuz konnte er dem Dämon allenfalls ein wenig wehtun, aber keinen ernsthaften Schaden anrichten.
Der Mann ließ erneut sein finsteres Gelächter hören, bevor er antwortete: »Was für ein schlauer Bursche du doch bist. Eben ganz der Papa!« Er lachte, verstummte jedoch rasch wieder, als er Michaels unbeeindruckte, ausdruckslose Miene sah. »Deine Humorlosigkeit musst du allerdings von deiner Mutter geerbt haben, dieser hässlichen und dreckigen Hexenhure.«





