INQUISITOR MICHAEL INSTITORIS 1 - Teil Eins

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Michael hatte genug von den unflätigen Reden des Dämons. Auch wenn seine Mutter tatsächlich eine Hexe war und er sie nie kennengelernt hatte, besaß dieses Ungeheuer vor ihm noch lange nicht das Recht, sie derart derb zu beleidigen. Der Inquisitor handelte impulsiv, ohne die möglichen Konsequenzen seiner Aktion zu bedenken. Er sprang ansatzlos nach vorn und überwand die Distanz zwischen ihnen mit zwei großen Schritten. Dabei schwang er das Kreuz und ließ es wie eine Keule auf den Besessenen herabsausen.
Der Dämon fauchte. Faulig riechende, eitrig gelbe Speicheltröpfchen flogen aus seinem weit aufgerissenen Mund. Unleugbar machte ihm die Nähe des geweihten Symbols zu schaffen. Aber bevor das Kreuz den Dämon berühren konnte, huschte dieser so geschwind zur Seite, dass Michael der Bewegung nicht mit den Augen folgen konnte. Als Nächstes traf ein brutaler Hieb Michaels linken Unterarm und zerschmetterte die Knochen. Seine Finger wurden augenblicklich taub und verloren all ihre Kraft. Das Kreuz entglitt seinem sich lockernden Griff und flog gegen die Wand. Durch die Wucht des Aufpralls wurde es zerschmettert und fiel in mehreren Einzelteilen zu Boden.
Michael stöhnte schmerzerfüllt. Da traf ihn der nächste überraschende Hieb mit der Wucht eines Rammbocks gegen die Brust und schleuderte ihn nach hinten. Wie zuvor das Holzkreuz flog er ebenfalls durch die Luft und landete schmerzhaft zunächst mit den Schulterblättern und dem Hinterkopf und anschließend mit dem Rest seines außer Kontrolle geratenen Körpers auf dem Parkett. Die Pistole wurde ihm aus der Hand geprellt und schlitterte davon. Michael rutschte aufgrund der Wucht des Schlages noch ein gutes Stück über den glatten Boden, pflügte eine brennende Kerze des Lichterkreises um und wurde erst durch den Leichnam inmitten der Blutlache gestoppt.
»Du enttäuschst mich, falls du tatsächlich geglaubt hast, mich mit diesem lächerlichen Stück Holz verletzen zu können. Wenn du nicht wesentlich mehr auf der Pfanne hast, solltest du deine untauglichen Widerstandsversuche einstellen und dir stattdessen anhören, was ich zu sagen habe. Andernfalls sehe ich mich gezwungen, von meinem väterlichen Züchtigungsrecht Gebrauch zu machen, um dich für jeden weiteren Ungehorsam streng zu bestrafen. Erinnere dich also lieber an das christliche Gebot, deinen Vater zu ehren!«
Michael nahm weder den genauen Inhalt der Worte noch das anschließende Gelächter des Dämons bewusst wahr. Sein Körper schien in Flammen zu stehen und schmerzte wie eine einzige entzündete Wunde. Und zu allem Überfluss wurde ihm jäh bewusst, dass er all seiner Waffen beraubt war. Wie sollte er in seinem angeschlagenen Zustand und mit bloßen Händen gegen einen Dämon aus den finstersten Niederungen der Hölle kämpfen?
»Natürlich haben meine Handlanger unsere Begegnung nicht nur deshalb in die Wege geleitet, damit wir uns kennenlernen«, erklärte der Dämon und trat bedächtig näher.
Michael war noch immer mehr mit sich selbst und seinem körperlichen Zustand beschäftigt, war dessen ungeachtet aber mittlerweile zumindest in der Lage, den Worten des Wesens gedanklich zu folgen.
»Was heute Nacht an diesem Ort geschieht, ist Teil eines Planes, der lange vor deiner Geburt gefasst wurde. Wie wir jüngst aus gut unterrichteter Quelle erfuhren, wirst du Anfang nächster Woche für deine Erfolge belohnt und verdientermaßen befördert. Ich gratuliere dir, Sohn! Ich bin wirklich stolz auf dich! Du wirst nach Rom reisen und dort dem obersten Anführer unserer Feinde leibhaftig gegenüberstehen. Eine große Ehre und ein denkwürdiger Augenblick für einen Inquisitor! Und darüber hinaus eine einmalige Gelegenheit, sein Leben mit einem gezielten Dolchstoß zu beenden. Findest du nicht auch, du missratener Spross meiner unerschöpflichen Lenden?«
Die Schmerzen, die sich allmählich auf den gebrochenen Arm und den Brustkorb konzentrierten, traten in den Hintergrund seiner Wahrnehmung, als die Bedeutung dieser Worte in Michaels Verstand einsickerte und dort eine ganze Kette von Schlussfolgerungen auslöste.
Seine Aussetzung vor der Tür des Generalinquisitors als Säugling konnte demnach kein Zufall gewesen sein, sondern musste vielmehr von langer Hand geplant worden sein. Und nun verstand er auch, warum die Gegner im vermeintlichen Hexenhaus nicht wie gewohnt mit letzter und tödlicher Konsequenz auf ihn losgegangen waren. Der Zauberer hatte anstelle eines vernichtenden Spruchs einen harmlosen Bannfluch eingesetzt. Und die Gestaltwandler hatten versucht, ihn mit einem Netz zu fangen, anstatt ihn mit ihren gefährlichen Fängen und Klauen zu attackieren, wie es ihrem Naturell entsprach. Wahrscheinlich hätte ihm auch vom Rest der Meute nichts Schlimmeres gedroht als die Gefangennahme. Somit hatte der eigentliche Zweck dieser Ansammlung von Luziferianern allem Anschein nach nur darin bestanden, ihn nach Betreten des Hauses nicht entkommen zu lassen und in dieses Zimmer zu treiben, um hier dem Dämon zu begegnen.
Aber wenn diese Höllenkreatur erwartete, der Inquisitor würde sich in sein Schicksal ergeben und ihm zu Willen sein, dann hatte er sich getäuscht. Die Erziehung durch die religiösen Danners und die Ausbildung zum Inquisitor hatten Michaels Charakterbildung entscheidender geprägt als die mögliche genetische Abstammung von einem dämonischen Wesen und einer Hexe. Michael war mit Leib und Seele Inquisitor und würde die Kreaturen, denen er ständig die Stirn bot, auf keinen Fall bei ihren bösartigen Plänen unterstützen. Nicht einmal dann, wenn sein eigenes Leben davon abhing.
»Vergiss es, Vater!«, sagte Michael deshalb und legte so viel Verachtung und Abscheu in das letzte Wort, wie er nur konnte. »Lieber sterbe ich, als einem Wesen wie dir auch nur den kleinen Finger zu reichen!«
Der kleine Mann mit den glimmenden Augen kam näher heran.
»Glaub nicht, dass ich die geringsten Skrupel habe, dich mit bloßen Händen zu zerreißen, wenn es sich als notwendig erweisen sollte«, knurrte das Wesen mit finsterem Gesichtsausdruck. »Väterliche Gefühle sind da, wo ich herkomme, nicht sonderlich ausgeprägt. Und wenn ich deinen kleinen Finger haben wollte, würde ich ihn längst an einer Kette um den Hals tragen. Aber derartig übertriebene Maßnahmen sind gar nicht notwendig. Und falls du vorhast, mich mit deiner Aufmüpfigkeit so lange zu reizen, bis ich dich auf der Stelle töte, dann muss ich dich enttäuschen. Ich werde dich nicht umbringen, da du mir tot nichts mehr nützt. Und wenn du nicht langsam freiwillig mit mir kooperierst, kenne ich Mittel und Wege, dich dazu zu zwingen.«
Michael stieß ein gepresst klingendes Lachen hervor, so gut es die Schmerzen in seiner Brust und seinem Arm erlaubten. Der zweite Schlag des Dämons musste ein paar Rippen gebrochen oder zumindest angeknackst haben. »Und wie willst du mich zu einer solchen Tat zwingen? Ich bin nicht erpressbar und lasse mir von einer gottverdammten Kreatur wie dir nicht drohen.«
»Sei dir deiner eigenen Stärke nicht so sicher«, fauchte der Dämon, der nun unmittelbar vor dem Inquisitor stand und trotz der geringen Größe seines Gastkörpers auf den am Boden Liegenden herabsah. »Du bist schließlich mein Sohn. Und deshalb gehörst du mit Leib und Seele mir. Selbst wenn sich dein Wille als zu stark erweisen und mir widersetzen sollte, so bin ich doch in der Lage, dein schwaches Fleisch dazu zu zwingen, mir zu Willen zu sein. Kleine schmerzhafte Demonstration gefällig? Dann pass jetzt gut auf!«
Michael hätte gern wieder mehr Abstand zwischen sich und die Kreatur gebracht, doch das ging nicht, weil der ausgeblutete Leichnam direkt hinter ihm lag und ihm den Weg versperrte. Er hätte über den nackten Körper hinwegkriechen müssen, aber dazu konnte er sich nicht überwinden.
Der Dämon hob die Arme des Wirtskörpers und bewegte Hände und Finger. Der kleine Mann sah aus wie ein Pantomime, der einen Marionettenspieler darzustellen versucht. Ein hässliches Grinsen lag auf seinen Zügen, als wäre er von diebischer Vorfreude über das erfüllt, was nun kommen würde.
Michael nahm zunächst an, der Verstand des Mannes hätte der psychischen Belastung durch die dämonische Besessenheit nicht länger standgehalten und wäre daran zerbrochen. Da fühlte er ein merkwürdiges Ziehen und Zerren in seinen Armmuskeln, bevor seine Arme abrupt, und wie an unsichtbaren Fäden gezogen, nach oben schnellten. Seine Muskeln und vor allem die gebrochenen Knochen quittierten die grobe Behandlung mit einer neuen Flut quälender Schmerzen.
Der Inquisitor bemerkte voller Entsetzen, wie seine Arme im Einklang zu den Hand- und Fingerbewegungen des Besessenen hin und her, nach oben und unten zuckten. Allerdings waren die Bewegungen grob und ungelenk. Als der Puppenspieler den Daumen der rechten Hand bewegte, wurde Michaels Kopf ruckartig und unsanft nach links verdreht. Michael schrie laut, als der stechende Schmerz, der von seinen überdehnten Halsmuskeln ausging, wie eine messerscharfe Pfeilspitze durch seinen ganzen Körper schoss. Ein feiner Nebel legte sich zwischen seine Wahrnehmung und die Umgebung, sodass er alles verschwommen sah, und er spürte das Nahen einer erlösenden Ohnmacht.
Da endete die makabre Darbietung ebenso plötzlich, wie sie begonnen hatte. Der Puppenspieler ließ die Arme sinken. Er atmete stoßweise und mit offenem Mund. Das Gesicht hatte eine purpurrote Färbung angenommen. Winzige Schweißperlen standen ihm auf der Stirn. All dies deutete darauf hin, dass selbst ihn die Aktion, so kurz sie gewesen war, enorme Kraft gekostet hatte.
Michael drehte seinen Kopf in eine natürlichere und weniger schmerzhafte Position zurück und ließ ihn erschöpft zu Boden sinken. Er stöhnte leise, war aber gleichzeitig grenzenlos erleichtert, dass die Tortur ein Ende hatte. Er fühlte sich, als wäre sein Körper soeben missbraucht worden, was seiner Ansicht nach auch geschehen war. Und er schwor sich, dass er nie wieder etwas Derartiges erdulden wollte. Eher wollte er sterben.
»Das war nur ein kleiner Vorgeschmack, Sohn«, ertönte die Stimme des Dämons, nachdem sich die Atmung des Mannes beruhigt hatte. »Tust du nicht freiwillig, was ich von dir verlange, werde ich dich auf diese Weise dazu zwingen! Die Aufgabe wird dann um einiges schmerzhafter und erniedrigender für dich und geringfügig anstrengender für mich. Aber sie ist auch auf diese Weise durchführbar, das kann ich dir versichern!«
Michael hörte die Worte des Dämons, doch sein Verstand war gleichzeitig fieberhaft damit beschäftigt, nach einem Ausweg aus dieser Situation zu suchen. Er durfte nicht zulassen, dass die Kreatur seinen Körper erneut benutzte. Zugleich war es für ihn aufgrund seines ganzen Wesens undenkbar, den teuflischen Plan zu unterstützen und den Papst zu ermorden. Er glaubte aber auch nicht, dass es ihm gelingen könnte, zum Schein auf das Verlangen des Dämons einzugehen und diesen zu täuschen, da die Kreatur aus der Hölle sich auf reine Absichtserklärungen sicherlich nicht verlassen würde. Aufgrund dessen musste es ihm gelingen, entweder selbst von hier zu verschwinden oder zumindest den Dämon von diesem Ort zu vertreiben, doch beide Möglichkeiten erschienen undurchführbar. Es gab keinen einfachen Weg hier heraus, denn dazu hätte er zunächst den Dämon überwinden und anschließend einer unbekannten Zahl Luziferianer gegenübertreten müssen, die sicherlich noch im Flur und im Treppenhaus lauerten.
Und wie sollte er gegen den Dämon ankämpfen, verletzt und ohne Waffe? Ihn vernichten zu wollen, war von vornherein ausgeschlossen. Man konnte ihn allenfalls austreiben und in die Schwefelklüfte zurückschicken, aus denen er durch die Beschwörung hervorgekrochen und in unsere Welt gekommen war. Michael hatte während seiner Ausbildung zwar Grundlagen des Exorzismus gelernt, doch das genügte beileibe nicht, um einen Dämon auszutreiben. Hierfür war wenigstens ein gut ausgebildeter und erfahrener Exorzist erforderlich.
Während der Besessene eine Dämonenaustreibung in der Regel lebend überstand, gab es noch eine andere Möglichkeit, die weniger Rücksicht auf den Gastkörper nahm, den sich der Dämon ausgesucht hatte, aber rascher zum Erfolg führte: Man musste den Besessenen töten. Michael wurde klar, dass er den Mann hätte erschießen sollen, als er seine Pistole noch in der Hand gehalten hatte. Der Dämon hätte den sterbenden und damit nutzlosen Körper gezwungenermaßen verlassen müssen. Aber als Michael noch im Besitz seiner Waffe gewesen war, hatte er sich darauf verlassen, diese notfalls noch immer abfeuern zu können. Er hatte impulsiv gehandelt und gedacht, den Dämon mit dem geweihten Kreuz in seine Schranken weisen zu können. Ein folgenschwerer Irrtum, wie er auf schmerzhafte Art erfahren hatte. Und als Folge dieses Fehlers lag die Automatik in einer dunklen Ecke des Zimmers, unerreichbar für ihn. Und er hatte keine andere Waffe bei sich, da er in diesem Haus mit einem Haufen schwacher Hexen und geringer Gegenwehr gerechnet hatte.
Wahrscheinlich wäre er besser dran, wenn er das Schicksal des kürzlich verstorbenen Kai Weber teilen könnte, der unmittelbar hinter ihm lag, das Mordwerkzeug, das seinem Leben ein Ende gesetzt hatte, noch in der Brust.
In Gedanken sah er das makabre Bild des Leichnams erneut vor sich. Und wie beim Heranzoomen mit einer Filmkamera in einem Spielfilm wurde der Dolchgriff im Zentrum größer und größer, während gleichzeitig die Umgebung unscharf wurde und in den Hintergrund trat, bis die Waffe das gesamte Bild ausfüllte.
Eine vage, wenngleich verzweifelte Idee begann sich in Michaels Verstand zu formen.
Als der Dämon von Neuem näher herankam und sich zu ihm herunterbeugte, zuckte Michael erschrocken zusammen und kroch panisch ein Stück zurück. Dadurch kam er auf dem Toten und sein rechter Arm quer über dessen Brustkorb zu liegen.
Der Besessene griff nach Michaels Hals und umschloss ihn mit festem Griff. Mit einer Kraft, die man ihm aufgrund der Schmächtigkeit des Körpers beileibe nicht zugetraut hätte und die dem dämonischen Geist in seinem Inneren innewohnen musste, zog er Michael Gesicht näher an das eigene heran und blies ihm seinen schwefelsauren Atem ins Gesicht. »Es wird Zeit, dass du dich entscheidest, Sohn. Meine Zeit an diesem Ort ist knapp bemessen, und meine Geduld hat enge Grenzen. Ich warne dich daher ein allerletztes Mal: Wähle den richtigen Weg! Nämlich den Weg, der dir aufgrund deiner Abstammung vorherbestimmt war!«
Der Inquisitor schloss die Augen, als würde er sich widerstrebend und verzweifelt in ein längst besiegeltes Schicksal fügen. Er stöhnte und verzog das Gesicht. Nicht nur die Schmerzen im Brustraum und im linken Arm und der üble Mundgeruch seines Gegners machten ihm zu schaffen. Auch die Muskeln seines rechten Arms schmerzten, als er diesen in unnatürlicher Weise verdrehte, um blind nach dem Griff des Dolchs in Kais Brust zu tasten. Als sich seine Finger um das kühle Material schlossen, stieß er ein erleichtertes Seufzen aus. Er öffnete die Augen, um in die mittlerweile wie die heißeste Glut des Höllenfeuers glimmenden Pupillen seines Gegners zu blicken, die erwartungsvoll auf sein Gesicht gerichtet waren und nicht sahen, was Michaels rechte Hand derweil tat.
»Du willst meine Entscheidung hören, Vater?«
Der Besessene nickte, während die Vorboten eines siegessicheren Grinsens seine Mundwinkel nach oben kräuseln ließen.
»Hier hast du meine Antwort! Doch sie wird dir nicht gefallen, DÄMON …«
Michael hatte das Messer verstohlen aus der Brust des Toten gezogen und den Arm gedreht. Nun stieß er ihn mit all seiner Kraft nach vorn, noch während er sprach.
Dem Dämon schwante noch, dass absolut Unerwartetes geschah, denn seine Augen weiteten sich und ihr unirdisches Glühen flackerte wie eine defekte LED-Lampe. Doch mehr konnte die Höllenkreatur trotz all ihrer Reaktionsschnelligkeit, die sie schon einmal demonstriert hatte, nicht tun.
Die lange, dünne Klinge des Opfermessers wurde rechts in den Hals des Mannes getrieben und durchbohrte die heftig pochende Schlagader und die Kehle. Der Mund des Besessenen klappte mehrmals auf und zu wie bei einem Fisch auf dem Trockenen, doch kein einziger Laut kam heraus, während der Inquisitor gleichzeitig heftig am Griff des Dolches zerrte und den Hals von rechts nach links mit brutaler Gewalt aufschlitzte. Erst als das vollbracht war, kam ein kaum hörbares Röcheln aus der durchtrennten Luftröhre, begleitet von einem pestilenzartigen Atemhauch. Wie ein Sturzbach ergoss sich warmes Blut aus der klaffenden Wunde auf Michaels Brust, bevor der Besessene leblos zusammenbrach.
Der Inquisitor spürte, wie ein eisiger, nach Hölle und Verdammnis stinkender Windstoß nah an seinem Gesicht vorbeisauste, als der Dämon den toten Körper verließ wie eine Ratte das sinkende Schiff und in die Hölle zurückkehrte. Ein infernalisches Heulen begleitete das Ausfahren und verhallte rasch in der Ferne.
Michael schob den Leichnam zur Seite, sodass er nicht mehr schwer auf seiner schmerzenden Brust lastete, sondern mit einem dumpfen Laut neben ihm zu Boden fiel. Das blutverschmierte Opfermesser entglitt seinen Fingern und landete klirrend auf dem Parkett.
Schwer atmend ließ Michael den Kopf zurücksinken. Mit seiner zu gleichen Teilen aus purer Verzweiflung und der arroganten Nachlässigkeit des Dämons geborenen Aktion hatte er geschafft, was er anfangs für ausgeschlossen gehalten hatte: Er hatte den Dämon vertrieben. Dadurch hatte er sich nicht nur eine Verschnaufpause verschafft, sondern auch – wichtiger noch – den Plan der Höllenkreatur durchkreuzt. Aber was würden die Luziferianer tun, nachdem ihr dämonischer Meister verschwunden war? Michael glaubte nicht, dass sie ihn einfach ziehen lassen würden. Wahrscheinlich hatten sie nur noch nicht bemerkt, dass ihr Boss zur Hölle gefahren war.
Michael ahnte, dass ihm nicht viel Zeit blieb. Und die musste er bestmöglich nutzen, bevor da draußen jemand ungeduldig wurde und auf die Idee kam, die Tür einzutreten und nach dem Rechten zu sehen.
Er tastete unbeholfen nach dem Mobiltelefon in seiner Jackentasche und hoffte, dass er es bei der Auseinandersetzung nicht verloren hatte. Zum Glück war es noch da und intakt geblieben. Er hielt sich das Display dicht vors Gesicht und aktivierte das Gerät. Erleichtert sah er, dass er wieder eine Verbindung mit dem Netz hatte. Unter Umständen hatte die Anwesenheit des Dämons den Empfang des Handys gestört. Michael tippte mit zitterndem Daumen die Nummer des Bereitschaftsdienstes der Inquisition ein und hatte nach dem zweiten Rufzeichen einen Kollegen in der Leitung. Mit knappen, atemlos geflüsterten Worten schilderte er seine verzweifelte Lage und bat um schnelle Hilfe. Er ließ nicht zu, dass sein Gesprächspartner Zeit mit Nachfragen verschwendete, sondern trennte die Verbindung sofort wieder und steckte das Mobiltelefon ein.
Bis auf seine eigenen leisen Worte hatte seit dem Verschwinden des Dämons im wahrsten Sinne des Wortes Totenstille geherrscht. Damit war es schlagartig vorbei. Von jenseits der Tür waren erste Geräusche zu hören, die ihm ins Bewusstsein riefen, dass ihm in diesem vorgeblichen Hexenhaus nicht nur Tote stumme Gesellschaft leisteten. Ein verstohlenes Huschen und Scharren ertönte. Leise Schritte näherten sich der Tür und verstummten unmittelbar davor, als verharrte dort jemand, legte sein Ohr an das dünne Holz und lauschte aufmerksam.
Michael schluckte schwer. Seine Kehle fühlte sich an wie ausgetrocknet und die Zunge in seinem Mund aufgebläht und rau wie Schmirgelpapier. Er wusste, dass ihm die Zeit davonlief. Die Luziferianer mussten – eventuell aufgrund der unnatürlichen Stille in diesem Raum – misstrauisch geworden sein und bemerkt haben, dass die Situation sich grundlegend verändert hatte. Oder sie spürten instinktiv die Abwesenheit des Dämons. Wie lange würden sie sich noch in Geduld üben, bevor jemand die Initiative ergriff? Michael hoffte, dass sie sich wenigstens so lange Zeit ließen, bis die alarmierten Kollegen eintrafen, doch dafür gab es keine Garantie. Vielleicht konnte er ja selbst für einen zusätzlichen Aufschub sorgen, wenn er seine Automatik wieder in Händen hielt.
Der Inquisitor hob den Kopf und spähte blinzelnd in die Richtung, in der die Glock verschwunden war. Er glaubte, in der dunklen Ecke des Raumes einen schwachen Schimmer wahrzunehmen, den die verbliebenen sechs Kerzenflammen auf dem mattschwarzen Stahl und dem schwarzen Kunststoffgriffstück der Waffe erzeugten. Es musste die Pistole sein, die dort lag. Wenn er an sie herankam, konnte er sich seine Feinde eventuell noch eine Zeit lang vom Leib halten, bevor ihm die Munition ausging. Unter Umständen lange genug, bis die Kollegen ihm zu Hilfe kamen und die Luziferianer gleichzeitig von hinten angriffen.
Er gab sich innerlich einen Ruck, denn je länger er zögerte, desto geringer waren seine Chancen, diesen Ort lebend zu verlassen. Er rollte sich auf den Bauch und stemmte sich langsam hoch, bis er schwer atmend und schweißüberströmt auf dem Boden kniete. Er unterdrückte das laute Stöhnen, das ihm unwillkürlich entschlüpfen wollte, da sein Brustkorb und der Unterarm bei jeder Bewegung heiße Wogen voller Schmerz durch seinen Körper jagten. Aber immerhin hatte er bei der Auseinandersetzung mit dem Dämon keine lebensbedrohlichen Verletzungen erlitten. Die Schmerzen musste er ertragen. Und wenn er die Zähne zusammenbiss, würde er auch die kurze Strecke bis zu seiner Pistole schaffen.
Unter Aufbietung aller Reserven, die sein Organismus zur Verfügung stellen konnte, kam Michael auf die Beine. Doch kaum stand er aufrecht, wurde ihm schwarz vor Augen. Er wankte bedrohlich von einer Seite zur anderen wie ein dünnes Schilfrohr im Wind. Im letzten Moment konnte er sich abfangen, bevor er umfiel und erneut zu Boden krachte. Der Lärm hätte sicherlich seine Gegner alarmiert und zu unverzüglichem Handeln veranlasst. Darüber hinaus bezweifelte der Inquisitor, dass er den soeben gemeisterten Kraftakt noch ein weiteres Mal schaffen würde. Nein, wenn er das nächste Mal am Boden lag, würde er aus eigener Kraft nicht mehr so schnell auf die Beine kommen! Langsam lichtete sich die Dunkelheit vor seinen Augen, und er kniff die Augen mehrmals zusammen, um seinen Blick zu fokussieren.
Während er mit der rechten Hand den verletzten Arm eng an den Körper gepresst hielt, setzte er vorsichtig einen Fuß vor den anderen und schlurfte durchs Zimmer. Es handelte sich um wenige Meter, die er zurücklegen musste. Unter normalen Umständen eine Sache von wenigen Sekunden. Aber in seinem angeschlagenen Zustand kam es ihm wie ein 50-Meter-Lauf vor und strengte ihn schätzungsweise genauso an.
Doch nach einer gefühlten Ewigkeit hatte er es geschafft.
Im Flur war der Lärmpegel währenddessen enorm angestiegen, als sich wachsende Ungeduld und zunehmende Unruhe unter den Luziferianern weiter ausgebreitet hatten.
Michael befürchtete, das Gleichgewicht zu verlieren, wenn er sich zu seiner Waffe hinunterbeugte. Aus diesem Grund ließ er sich zunächst auf die Knie nieder, setzte sich in der dunklen Ecke auf den Boden und ließ sich mit einem erleichterten Seufzer gegen die Wand sinken. In dieser Position sparte er nicht nur Kraft, sondern war gleichzeitig gegen Angriffe von hinten geschützt.
Als Erstes holte er das Ersatzmagazin aus der Innentasche seiner Lederjacke und legte es zwischen seinen gespreizten Schenkeln auf den Boden, wo er es griffbereit hatte. Anschließend tastete er mit der unverletzten rechten Hand nach seiner Dienstwaffe und hob sie vom Boden hoch. Als sich der Griff der Automatik in vertrauter Weise in seine Handfläche schmiegte, fühlte er sich sofort wohler und zuversichtlicher.
Zehn Patronen befanden sich noch in der Pistole, siebzehn weitere steckten im Ersatzmagazin. Wenn der Lärm der Schritte im Treppenhaus Rückschlüsse auf die tatsächliche Zahl seiner Gegner zuließ, erschien ihm sein Munitionsvorrat nicht im Mindesten ausreichend. Aber immerhin konnte er seine Feinde mit gezielten Schüssen eine Weile auf Abstand halten und vielleicht dazu bringen, vorerst in Deckung und draußen im Flur zu bleiben. Er durfte bloß nicht in Panik geraten, wild drauflos ballern und kostbare Munition vergeuden.
Die ersten Schläge donnerten gegen das Holz der Tür, wurden mit jedem Mal kräftiger und lauter, bis sie wie Donnerschläge durch den Raum hallten und das Türblatt heftig erbeben ließen.
Michael hob die schussbereite Waffe und zielte auf die Tür, die dem wachsenden Druck allmählich nachgab. Eine der Angeln wurde knirschend aus dem Rahmen gerissen, bevor die Tür komplett aufgesprengt wurde, ins Zimmer fiel und krachend auf dem Parkett landete. Durch die verdrängte Luft wurde eine Staubwolke aufgewirbelt und sämtliche Kerzen schlagartig ausgeblasen.





