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»Mama, Mama!«, piepste sein Stimmchen unter Tränen, »aua, aua!«
Die schwatzhafte Mutter lief aufgeregt in die Wohnung und erstarrte für einen Moment. Dieser Unglücksrabe! Der Korb lag umgefallen da, zwei Flaschen waren zerbrochen, Zucker, Fett, Mehl und Salz schwammen in einer Pfütze aus Essig und Petroleum! Eilig versuchte die Frau zu retten, was zu retten war. Dann stürzte sie sich auf den Kleinen, der immer noch weinte, und schlug unter heftigem Gezeter erbarmungslos auf ihn ein.
»Du Hund, du, du Teufelsbraten! Groschen um Groschen spart man sich vom Mund ab, und so eine Missgeburt richtet nur Schaden an! Ich werd noch wahnsinnig! Aber ich bring dir schon noch bei, dass du deine Finger nicht überall dran haben musst!«
In diesem Moment erschien ein fünf- oder sechsjähriges Mädchen, die Tochter der aufgebrachten Frau. Angesichts der furchteinflößenden Szenerie näherte es sich ängstlich und versuchte, sich an der Mutter vorbei in die Wohnung zu schwindeln. Die aber ließ den wie am Spieß brüllenden Buben los, schnappte sich die Kleine und verpasste ihr eine Ohrfeige. Mit einer Schimpforgie drosch sie mehrmals in das zarte Gesicht der Tochter und riss sie an den Haaren.
»Du unnötiger Parasit, du! Die ganze Zeit frisst du nur und faulenzt oder streunst auf der Gasse herum, aber einmal auf deinen kleinen Bruder aufpassen – dazu bist nicht imstand! Aber ich brech dir deine Knochen, bevor du zur Hure wirst und zur Verbrecherin!«
Jetzt konnte sich Karl, der zunächst wie gelähmt schien, nicht mehr zurückhalten. Rasch entriss er das Mädchen der überraschten Mutter und maßregelte diese in ungewöhnlicher Schärfe. Da mischte sich aber die zweite Nachbarin ein, sodass das laute Geschrei weitere Personen herbeilockte und schließlich ein gewaltiger Wirbel entstand, weil die gute Mutter das Eingreifen eines Fremden in ihre mütterlichen Rechte selbstverständlich nicht widerspruchslos hinnahm.
Karl sah zu, dass er wegkam, während aufgeregte Worte der Entrüstung noch lange von einer Tür zur anderen quer über den Gang hallten.

Es war noch dunkel, als Martha Groner erwachte. Sie setzte sich im Bett auf, um ein Streichholz auf dem Nachtkästchen zu suchen. Augenblicklich flammte der Schmerz in ihrem Kopf und an anderen Körperstellen, auf und erneut schossen ihr die furchtbaren Ereignisse des letzten Abends in den Sinn. Im Licht des Streichholzes erkannte sie, dass die Uhr noch nicht fünf zeigte und ihre Mutter im Bett des Vaters schlief, der also nicht heimgekommen war.
Weil noch mehr als eine Stunde Zeit war, legte sich Martha wieder hin, auch wenn sie nicht mehr einschlafen konnte. In ihrem Inneren jagte ein Gedanke den anderen, und sorgenvolles Grübeln trug dazu bei, dass ihr Kopfweh nicht nachließ.
Der Vater verbrachte die Nacht offensichtlich in der Gefängniszelle, vielleicht geplagt von Gewissensbissen. Martha war nun fast selbst überzeugt, dass er im Innersten nicht so schlecht war, wie es manchmal den Anschein hatte. Er war invalide, und wer weiß, was er schon alles an körperlichen und seelischen Qualen durchgestanden hatte! Vermutlich war das, was die Mutter sagte, richtig: Sie wären eine glückliche Familie, wenn der unselige Krieg nicht alles kaputtgemacht hätte.
Aber wie sollte es jetzt weitergehen? Der Vater würde sicher bald wieder daheim sein. Sie hatte trotz allem nicht vor, gegen ihn auszusagen. Wenn wenigstens Karl ein Einkommen hätte! Dann könnten sie eine Heirat in Erwägung ziehen. Einen »arbeitsscheuen Tagedieb« nannte ihn ihr Vater ungerechterweise. Karl würde gerne eine Anstellung annehmen, wenn er nur eine bekäme. Bestimmt litt er selbst schwer unter seiner Arbeitslosigkeit. Er war ein so feiner, mitfühlender junger Mann! Bedauerlicherweise etwas zu weich. Martha wünschte sich einen Lebenspartner mit mehr Energie und Entschlossenheit …
Schließlich wurden ihr das Herumliegen und das Sinnieren unerträglich. Sie stand auf, machte Licht und kleidete sich an. Davon erwachte auch die Mutter und erhob sich.
»Guten Morgen, Mamsch!«, grüßte Martha leise. »Du kannst im Bett bleiben. Es ist noch sehr zeitig, und ich mach heut das Frühstück.«
»Nein, nein! Ich kann eh nicht mehr liegen. Ich muss nachschauen, was mit dem Vater los ist. Mir hat heut Nacht was Furchtbares geträumt.«
»Kennst du die Sprichwörter: ›Träume sind Schäume‹ und ›Was der Traum dir bringt – mit dem Traum verklingt‹«.
»Wenn’s nur so wär. Schon öfter hat sich ein Unglück durch einen Albtraum angekündigt. Zum Beispiel, als der Vater verwundet worden ist, hab ich eine fürchterliche Vision gehabt. Wie geht’s dir, Martha, kannst arbeiten?«
»Danke, Mamsch! Ich bin gesund, ich geh heut ins Büro.«
Sie tranken ihren Kaffee ohne etwas dazu. Weder die Mutter noch die Tochter brachten eine Scheibe Brot hinunter. Ihre Kehlen waren zugeschnürt von Trauer und einer düsteren Ahnung. Schweigend gingen sie los. Ein Stück des Weges legten sie gemeinsam zurück, danach lenkte Mutter Groner ihre Schritte in Richtung Bezirkshauptkommissariat, während Martha mit der Tramway zur Arbeit fuhr.
Es war ein schöner Morgen im März. Weil noch Zeit blieb, bevor sie ins Büro musste, verbrachte das Mädchen eine halbe Stunde mit einem Bummel durch die nahe Umgebung. Die sanften Strahlen der noch milden Sonne streichelten angenehm ihre Wangen, zeigten ihr die Welt in einem freundlichen Licht und verliehen den Menschen um sie herum einen Ausdruck von Fröhlichkeit und Güte. Die Erinnerung an die schrecklichen Ereignisse verblasste mehr und mehr, und in ihrem Herzen keimte neue Hoffnung.
Der Frühling kommt!, dachte Martha verträumt. Und am Ende kommt er auch für mich!
Später, an ihrem Schreibtisch im Büro, konnte sie sich des unangenehmen Eindrucks nicht erwehren, dass die Kollegen sie eigenartig, ja, mitleidig ansahen. Offenbar wechselten sie vielsagende Blicke, und anders als sonst herrschte sogar in Abwesenheit des Büroleiters drückendes Schweigen im Zimmer.
Hatten sie etwas bemerkt? Martha betrachtete ihr Gesicht heimlich im Taschenspiegel und musste sich eingestehen, dass Spuren der Schläge des Vaters sehr wohl sichtbar waren. Im Übrigen wirkte sie ziemlich blass und kränklich. Aber konnte man daraus die Wahrheit erahnen? Warum fragte man sie nicht, was geschehen war, wie üblich, wenn jemand unpässlich, traurig oder irgendwie verletzt schien?
Dieses Schweigen irritierte sie zunehmend. Und sie brach es selbst mehrere Male mit gespielter Fröhlichkeit, aber ihre Blicke trafen auf derart seltsame Mienen, und die Antworten der Angesprochenen waren so knapp und einsilbig, dass Martha schließlich verstummte. Tief gekränkt beschloss sie, ihre ganze Aufmerksamkeit auf die Arbeit zu richten. Was war nur los? Was wussten sie? Welche Schande, wenn man hier über ihre familiären Angelegenheiten im Bilde wäre!

Karl stand wartend in einer unabsehbaren Reihe Arbeitsloser, die sich vom Auszahlungsschalter über einen sich endlos erstreckenden Korridor, durch das Haustor und noch dutzende Meter auf dem Trottoir vor dem Arbeitsamt wie eine gewaltige Schlange dahinzog. Polizisten sorgten für Ordnung.
Dennoch musste er nicht lange anstehen. Die Reihe bewegte sich behäbig, aber stetig vorwärts, und Karl zwängte sich bald durch den Eingang in das Innere des Gebäudes. Nach wenigen Minuten nahm er seine Unterstützung – siebzehn Schilling – in Empfang und konnte gehen. Als er vor zwei Jahren zum ersten Mal hier gewesen war, hatte die Organisation noch sehr zu wünschen übrig gelassen, und der wöchentliche Auszahlungstag war für einen Arbeitslosen ein Martyrium des Wartens gewesen.
Aber heute erschien Karl sogar die Viertelstunde, die er hier zubringen musste, beinahe endlos. Eine seltsame, unerklärliche Unruhe bohrte in ihm. Als er das Haus durch ein anderes Tor verlassen hatte, lenkte er seine Schritte nicht wie üblich zur nächsten Tramwayhaltestelle, sondern in Richtung des achten Wiener Gemeindebezirks, zu Marthas Arbeitsplatz. Er hatte vor, dort auf sie zu warten und sie nach Hause zu begleiten.
Bis zum Arbeitsschluss zu Mittag war noch reichlich Zeit, dennoch lief Karl mehr als er ging, bis er schließlich vor dem riesigen Firmengebäude stand. Dort wurde ihm klar, dass seine Freundin erst nach Ablauf einer vollen Stunde herauskommen würde, wenn sie heute überhaupt da war. So schlenderte er erst ein wenig vor dem Haus auf und ab. Als ihm das zu eintönig wurde, beschloss er, einen nahen Park aufzusuchen. Die Sonne schien frühlingshaft und wunderbar warm, also nahm er auf einer Bank Platz. An einem Kiosk hatte er eine Zeitung gekauft, die er nun zu lesen begann.
Es war widerlich! Die Arbeitslosigkeit stieg und stieg, aber die Regierung war entschlossen, das Gesetz zur Arbeitslosenunterstützung zu verschärfen. Gleichzeitig kündigte sie an, die Umsatzsteuer auf Massenartikel zu erhöhen … Acht Menschen hatten mit unterschiedlichem Erfolg versucht, ihr armseliges Leben wegzuwerfen … Alkoholexzesse, Familientragödien – diese Rubrik beachtete Karl nicht, es waren doch immer die gleichen traurigen Geschichten … Brutale Angriffe der Polizei gegen eine Demonstration verzweifelter Arbeitsloser und wieder schamlose Urteile von Klassenjustiz. Ein Fall zeigte auf ganz besonders empörende Weise die barbarische Willkür des heimischen Strafrechts: Ein wegen Diebstahls vorbestrafter und der Stadt verwiesener Mann war unerlaubt wiedergekommen und hatte aus einem Geschäft eine Wurst gestohlen. Und weil selbiges »nach Überwindung gewisser Hindernisse« geschah, wie die Anklage des Staatsanwalts blumig formulierte, wurde der Mann wegen »Raubes« und unerlaubten Betretens der Stadt zu einem Jahr Kerker verurteilt. Ein faschistischer Rotzbengel hingegen, der einen Arbeiter schwer verletzt hatte, ging straffrei aus – »weil seine Handlung in Notwehr erfolgte« … Eine Frau hatte zwei Monate in Untersuchungshaft verbracht, bis schließlich ihre vollständige Unschuld erwiesen war. Und jetzt wollte man ihr nicht einmal die Haftentschädigung erstatten, die ihr als Schadenersatz und Schmerzensgeld zustand. Widerlich! Widerlich!
Karl steckte die Zeitung ein. Er sah auf die Uhr des Kirchturms, der sich über den Platz erhob. Halb zwölf, also noch eine halbe Stunde, bis Martha das Büro verlassen würde. Die Sonne hatte sich hinter Wolken versteckt, und jäh empfand Karl die Kälte. Er stand auf und ging im Park umher. Dann nahm er die Zeitung wieder heraus und las zum Zeitvertreib nun auch die Rubrik »Aktuelles«. Kind von Auto überfahren, tot … Sturz eines Hausmädchens aus einem Fenster des dritten Stocks, weil die Herrschaft nicht – wie gesetzlich vorgeschrieben – dafür gesorgt hatte, dass sie beim Fensterputzen einen Sicherheitsgurt anlegte … Messerstecherei unter Betrunkenen … Familientragödien – die eine aufgrund großen Elends, die andere aus Eifersucht … Selbstmord in Arrestzelle …
Karl überflog all diese Berichte beiläufig, ohne besonderes Interesse. Aber beim letzten Artikel blieb er mit weit aufgerissenen Augen hängen, und nach den ersten Zeilen las er den folgenden Beitrag aufmerksam noch einmal von Anfang an:
»Selbstmord in Arrestzelle. Montagabend wurde der fünfzigjährige Kriegsinvalide Matthias Groner, Wien X, Turmstraße 4, ein leicht erregbarer, bereits zweimal in der Nervenheilanstalt ›Am Steinhof‹ internierter Mann, wegen eines heftigen Tobsuchtsanfalls verhaftet. Betrunken und offenbar aufgebracht wegen des späten Heimkommens seiner Tochter prügelte er auf diese ein und drohte, sie umzubringen. Die verzweifelten Hilferufe der jungen Frau und der Mutter alarmierten die Nachbarn. Diese drangen in die Wohnung ein und überwältigten den Rasenden. Die daraufhin verständigten Polizisten führten den Mann, der auch heftigen Widerstand gegen die Staatsgewalt leistete, ins Bezirksgefängnis ab. Dort wurde der wild um sich Schlagende in eine Einzelzelle gesperrt. Als man nach einiger Zeit nach ihm sah, fand man Groner an seinen Hosenträgern erhängt. Alle Wiederbelebungsversuche blieben erfolglos.«
Erschüttert faltete Karl die Zeitung zusammen und steckte sie ein. »Schrecklich, schrecklich!«, murmelte er.
Mit einem Mal kam ihm ein Gedanke, ein hässlicher, egoistischer, aber durchaus natürlicher Gedanke: Jetzt ist Martha frei, wir müssen unsere Liebe nicht mehr verstecken. Und er erhob sich mit einem freudigen Gefühl. Gleich darauf schämte er sich dafür. Wie würde Martha das aufnehmen? Dieser Mann war immerhin ihr Vater!
Plötzlich wurde Karl wütend. Mit zorniger Stimme sprach er halblaut zu sich selbst:
»Und sogar den vollen Namen gibt die Polizei preis! Dieselbe Polizei, die taktvoll die Privatsphäre von korrupten Bankdirektoren und anderen Schurken aus der bürgerlichen Klasse in ihren öffentlichen Berichten schützt, kennt weder Anstand noch Gnade, wenn es sich um einen Arbeiter handelt! Arme Martha, sogar deinen Namen hat man in den Schmutz gezogen mit den bösartigen Worten ›wegen des späten Heimkommens seiner Tochter‹!«
Als Karl schließlich mit seiner Freundin im Wagen einer Elektrischen saß, war er sich nicht sicher, ob sie schon über das Schicksal ihres Vaters Bescheid wusste. Aber er wagte nicht, sie zu fragen. Schweigend saßen sie nebeneinander. Gedankenverloren blickte er vor sich hin, wie in eine unbestimmte Ferne. In seiner linken Hand hielt er Marthas rechte und mit der anderen streichelte er unaufhörlich dieses zarte Händchen. Martha saß da, als würde sie sich schämen, mit gesenktem Kopf und halb geschlossenen Augen. Mehrmals setzte Karl an zu reden, aber er konnte keinen Anfang finden. Auch wollte er in der Öffentlichkeit nicht wirklich über den Zeitungsartikel sprechen. So schleppte sich die Fahrt, die den beiden so lang vorkam wie nie zuvor, zu ihrem Ende.
Nachdem sie ein Stück des Weges von der Haltestelle nach Hause gegangen waren, blieb Martha stehen und flüsterte: »Karl, danke, dass du gekommen bist. Aber jetzt müssen wir uns trennen, damit man uns nicht zusammen sieht. Wir werden uns jetzt wohl auch länger wieder aus dem Weg gehen müssen.« Und als sie sah, dass Karl traurig den Kopf sinken ließ, fügte sie hinzu: »Ich bin ja selber unglücklich darüber, aber wir müssen uns eben in Geduld üben.«
Nach kurzem Überlegen antwortete Karl mit mitleidigem Blick: »Martha, mein Engel, es fällt mir wirklich schwer, aber ich muss dir was sehr Trauriges zeigen. Weil du anscheinend noch nichts drüber weißt und es besser ist, du erfährst es jetzt von mir, als später von jemand andern. Sei tapfer, Schatz, und lies das!«
Mit diesen Worten überreichte er ihr die Zeitung und zeigte auf den Artikel, der vom tragischen Tod ihres Vaters berichtete. Alarmiert begann Martha zu lesen und sank dann mit einem Aufschrei des Entsetzens in Karls Arme.
»Jessas, Vater! So ein schreckliches Ende …! Arme Mamsch! Und ich bin schuld! Das überleb ich nicht!«
Sie weinte so bitterlich, dass Passanten neugierig stehen blieben. Karl brachte die Willenlose unter zärtlich tröstendem Zureden in ihre Wohnung, die er zum ersten Mal in seinem Leben betrat. Unterwegs begegnete er sonderbar fragenden Blicken und auf der Treppe vernahm er hinter sich mitleidiges Tuscheln.
Als sie durch die dunkle Küche gingen, hörten sie aus dem Zimmer heftiges Schluchzen. Frau Groner saß auf dem Kanapee und wurde von Weinkrämpfen durchbebt. Wer weiß, wie lange sie da schon saß! Ihr Gesicht in den Händen vergraben, achtete sie nicht auf das Kommen der beiden jungen Leute.
Karl grüßte sie rücksichtsvoll und drückte mit einfachen Worten sein Beileid aus, aber die Frau schien ihn nicht zu hören. Martha sah die Mutter für einen Moment aus tränenverschleierten Augen an, dann ging sie auf sie zu und setzte sich zu ihr. Sie umarmte sie und drückte sie an sich in stillem, schmerzlichem Einvernehmen und mit dem bitteren Gefühl der Schuld.
Selbst schwer erschüttert zog sich Karl zurück, Mutter und Tochter diskret ihrer Trauer überlassend.
2
Acht Wochen waren seit Groners Tod vergangen.
Das Leben der beiden Hinterbliebenen, Witwe und Tochter, ging ruhig und ereignislos weiter. Mit anderen Menschen hatten sie jetzt weniger denn je zu tun. Bloß Karl Weber war ein oft und gern gesehener Gast. Nicht nur Martha freute sich über seine Besuche, auch der Mutter wuchs der ruhige, empfindsame Bursche mehr und mehr ans Herz. Er konnte mit zärtlichen Worten Trost spenden, und es gelang ihm, die beiden von ihrer Unschuld an Groners tragischem Tod zu überzeugen, ohne ihnen zu nahe zu treten oder ihre Gefühle zu verletzen. Auch in praktischen Belangen machte er sich mithilfe seiner Kraft und Geschicklichkeit nützlich.
Da Martha ihre Mutter nicht alleine lassen wollte, diese aber nur selten Anlass sah, außer Haus zu gehen, verbrachte Karl, um mit seiner Liebsten zusammen zu sein, ausgiebig Zeit in der Groner’schen Wohnung. So saß er auch eines Samstagnachmittags Martha gegenüber beim Tisch, auf dem verschiedene Handwerksutensilien lagen: Spulen mit isolierten und nicht isolierten Drähten, kleine Holzbretter, Schrauben, Nägel, Schalter und anderes für die Herstellung eines Radioapparates Erforderliche.
Frau Groner war für zwei bis drei Stunden fortgegangen, und die beiden jungen Leute wollten diese Zeit nützen, um sie bei ihrer Rückkehr mit einem selbst gefertigten Radio-Empfangsgerät zu überraschen.
Martha hatte mit ihrem ersparten Taschengeld nach Karls Anweisungen das nötige Material besorgt und dieser hatte ein geliehenes Buch über den Selbstbau von Radiogeräten studiert. Nun entstand unter ihren Händen in fröhlicher Zusammenarbeit ein einfaches, aber ansehnliches Kästchen, in dem Spulen, Kondensatoren, Elektronenröhren und andere Dinge montiert und miteinander verbunden wurden, die elektrische Impulse einer Antenne in geeigneten Strom umwandeln sollten, stark genug, um einen Lautsprecher zum Klingen oder Reden zu bringen. Schweigsam, mit vor Eifer rot glühenden Wangen machte sich das Paar mehr als zwei Stunden lang daran zu schaffen. Plötzlich warf Karl den kleinen Hammer von sich und sprang auf.
»Und fertig!«, rief er freudig. »Probieren wir unser Werk gleich einmal aus! Wir müssen das Gerät nur noch mit dem Akkumulator und dem Lautsprecher verbinden – und los geht’s! Halt! Wir brauchen noch Antenne und Erdung!«
»Als Antenne können wir eine Matratzenfeder nehmen!«, schlug Martha vor. »Mit der Erdung wird’s schwierig, weil wir weder Leuchtgas- noch Stromanschluss in der Wohnung haben. Wir werden bald beides kriegen, ich hab schon um die Einleitung angesucht. Nur, müssen wir wirklich so lang warten?«
»Aber nein!«, war Karls entschiedene Antwort. »Ich frag die Hausmeisterin, ob sie uns erlaubt, dass wir einen Draht an der Wasserleitung befestigen, den wir dann von dort über den Gang in die Wohnung legen.«
Die im Erdgeschoß wohnende Hausbesorgerin war eine ehrwürdige Matrone, deren rundlicher Körper einem wandelnden Fass ähnlich sah. Nachdem der Liegenschaftseigentümer nicht vor Ort ansässig war, lag die Vollmacht in allen verwaltungstechnischen oder die Hausordnung betreffenden Fragen in ihren Händen. Das machte sie zu einer Ehrfurcht gebietenden Respektsperson. Sämtliche Arbeiten überließ sie ihren Kindern, während sie sich selbst ausschließlich in leitender Funktion sah. Sie hasste Geschwätzigkeit und Klatschsucht – bei anderen.
Als Karl seine Bitte ausgesprochen hatte, wiegte sie gravitätisch das kugelförmige Haupt mit dem roten Gesicht, in dem eine riesige Nase saß, die auch jeder männlichen Physiognomie beherrschend ihren Stempel aufgedrückt hätte.
Das Kopfwackeln war offenbar zustimmend und signalisierte Einverständnis, denn nach einem tiefen Seufzer sagte sie: »Na ja, wieso nicht? Das wird doch der Wasserleitung hoffentlich nicht schaden, wenn Sie einen dünnen Draht drüberwickeln. Und das Haus wird auch nicht schäbiger, wenn ein Draht am Gang liegt. Passen S’ aber auf, dass der niemanden stört. Sie wissen ja selber, was für streitsüchtige Kanaillen da herinnen wohnen.«
Karl wollte sich schon zufrieden davonmachen, aber so einfach ließ die Alte gewöhnlich kein Opfer gehen, das einmal in ihre Fänge geraten war.
»Na, na, junger Herr, nur nicht so eilig! Sie haben doch Zeit! Leider sogar viel Zeit, gell? Es ist zum Heulen heutzutag, dass junge, fleißige Leut mehr Freizeit haben, als ihnen lieb ist! So kommen der ganze Unfug zustande und all die Gaunereien! Es ist ja furchtbar, wenn man heut in die Zeitung schaut. Sagen Sie, wie geht’s denn den armen Frauen, den Gronerischen? Haben sie sich in ihrem Schmerz schon gefasst?« Sie atmete tief auf. Aber als Karl antworten wollte, fuhr sie rasch fort: »Dass sie nur nicht zu arg trauern, gell! Ehrlich gesagt haben sie nicht allzu viel verloren, ihr Leben ist jetzt sicher ruhiger. Der alte Groner – Gott hab ihn selig! – hat sie ja nur sekkiert. Es ist wirklich nobel, wie Sie sich um die zwei Frauen kümmern, die wären jetzt ganz auf sich gestellt, und bestimmt spricht das Herz da ein Wörterl mit, gell? Das Mädel ist aber auch eine Hübsche – und so anständig! Das muss ihr sogar der Neid lassen.« Bei diesen Worten rollte das schwatzende Fass vielsagend die Augen. »Wenn man heutzutag nur leichter Arbeit fänd – Sie haben ja auch keine, oder? Schauen Sie, ich hab zwölf Kinder, sieben sind verheiratet und die fünf ledigen wohnen noch bei mir. Von denen sind vier Söhne arbeitslos, und den Gatten von drei Töchtern geht’s nicht anders.«
»Zwölf Kinder!«, rief Karl staunend, eigentlich nur, um irgendetwas zu sagen.
»Ja, zwölf Kinder!«, ratschte die Frau weiter. »Aber, was glauben Sie denn: Ich hätt neunzehn, wenn nicht sieben schon tot wären. Was hab ich getrauert und geweint um jedes einzelne, besonders um den letzten Buben! Der ist mit siebzehn an einer Verletzung gestorben, die er sich beim Fußballspielen zugezogen hat. Ich rat Ihnen: Spielen Sie um Gottes Willen nie Fußball, gell! Aber heut denk ich mir fast, es ist besser, dass sie tot sind. Die würden vielleicht Gott weiß was mitmachen, wenn sie noch am Leben wären. Na ja! Also, montieren Sie ruhig Ihren Kontakt am Wasserhahn, dass Sie schön Ihre Radiomusik hören, gell! Und grüßen Sie mir die lieben Frauen!«
»Danke! Auf Wiedersehen!« Karl, der die ganze Zeit nur ungeduldig auf das Ende des Wortschwalls gewartet hatte, wandte sich rasch zur Tür.
»Auf Wiederschauen, junger Herr!«
»Zwölf Kinder, neunzehn Mal gebären!«, murmelte Karl in Gedanken, während er die Treppe nach oben lief. »Furchtbar!«
Er entschuldigte sich bei Martha für sein langes Fortbleiben, aber sie lächelte nur.
»Ich hab selbst schon erlebt, wie schwer es ist, der Hausmeisterin zu entkommen. Es ist jetzt meine Aufgabe, jeden Monat bei ihr den Zins abzuliefern.«
Nun sahen sie zu, dass sie mit ihrer Arbeit fertig wurden. Schon bald drehte Karl an den Skalenscheiben, mit denen man die Funktion des Rheostats, der Kondensatoren und des Variometers graduell regulieren konnte. Und mit einem Mal war das Zimmer erfüllt von der Musik eines ganzen Orchesters, und das alles kam aus diesem Gerät!
Wie Kinder freuten sich die beiden jungen Menschen über das Werk ihrer Hände. Vor allem die musikbegeisterte Martha, die bisher leider nicht oft Gelegenheit gehabt hatte, gute Musik zu hören, war hingerissen. Es ist leicht, Angehörigen der besitzlosen Klasse eine Freude zu bereiten.
»Aber jetzt verlang ich eine Belohnung«, sagte Karl, als die Radiosendung Pause machte, »und ich will sie sofort!«
»Die sollst du haben!« Hingebungsvoll bot Martha ihre Lippen dar, denen Karl einen feurigen Kuss entriss.
»Na, ihr amüsiert euch ja prächtig!«, war im selben Moment Mutter Groners Stimme zu vernehmen. Ihr Eintreten war unbemerkt geblieben, weil die Liebenden in ihrer Seligkeit das Öffnen der Wohnungstür und die Schritte durch die dunkle Küche überhört hatten.
»Das war ein Honorar, Mamsch, das ich dem Karl schuldig war. Er hat sichs aber wirklich verdient«, erklärte Martha, ein wenig errötend. »Schau, was er für dich gemacht hat!«
Sie wollte eben auf den Radioapparat zeigen, aber in diesem Moment begann die Musikübertragung von neuem und das Gerät zog ganz von selbst die Aufmerksamkeit der Mutter auf sich.
»Zum Zeitvertreib«, sagte Karl, »wenn Sie allein zu Haus sind.«
»Na, ihr seid so lieb! Und ich sag euch noch was: Jetzt müsst ihr nicht mehr mit mir in der engen Wohnung hocken! Draußen lacht der Frühling! Gleich morgen macht ihr einen Ausflug, wenn das Wetter so schön ist wie heut. Die Martha braucht dringend frische Luft. Ich würd auch gern mitkommen, wenn ich an den Beinen nicht so bedient wär mit dem Rheumatismus. Das Heimgehen war für mich jetzt schon sehr anstrengend.«



