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Nach einiger Zeit vernahm er bekannte Geräusche, die aus dem Schlafzimmer seiner Mutter zu kommen schienen. Es waren die gleichen Geräusche, die er früher vernommen hatte, wenn sein Vater Bier getrunken hatte und er im Bett lag und sich die Ohren zuhielt. Er hörte wieder dieses Stöhnen. Doch seine Mutter weinte im Gegensatz zu früher nicht. Er hörte ihre helle Stimme lachen. Auch schimpfte dieser Mann, den sie Bernd nannte, nicht mit ihr.
Vorsichtig stieg er aus seinem Bett und schlich auf nackten Füßen zum Schlafzimmer seiner Mutter. Die Geräusche wurden lauter. Bernd stöhnte laut, wogegen seine Mutter spitze Schreie ausstieß und Worte zu Bernd sagte, die er nicht kannte, die sich aber obszön und schmutzig anhörten.
Vorsichtig näherte er sich der nur angelehnten Schlafzimmertür. Nein, ein Zurück gab es jetzt für ihn nicht mehr. Er musste wissen, was da drinnen vor sich ging.
Mit spitzen Fingern drückte er gegen die Türe, bis sich ein kleiner Spalt ergab, durch den er ins Zimmer blicken konnte. Was er dort sah, ließ ihm den Atem stocken.
Seine Mutter und Bernd waren nackt. Bernd lag auf dem Rücken. Seine Arme und Beine waren gespreizt und mit Riemen am Bettgestell angebunden. Seine Mutter saß auf Bernd wie auf einem Pferd, den Oberkörper nach vorne gebeugt. Ihre Brüste pendelten schlaff vor dem Gesicht von Bernd hin und her. Beide bewegten sich im Takt auf und ab, wobei seine Mutter mit den Fäusten auf den Brustkorb von Bernd hämmerte, der immer lauter stöhnte. Manchmal hörte es sich an, als wenn er „nein“ stöhnte, dann wieder meinte David ein stöhnendes „ja“ zu vernehmen.
David schlug eine Hand vor den Mund, fuhr herum und lief so schnell er konnte zur Toilette, wo er sich übergab. Dann eilte er wieder zu seinem Zimmer und verkroch sich unter die Decke, bis nichts mehr von ihm zu sehen war. Er hielt sich mit den Händen wie früher beide Ohren zu. Er schluchzte.
„Was macht meine Mutter da drinnen bloß mit Bernd?“, fragte er sich.
„War es das, was Frauen und Männer unter Sex verstehen?“
Er war schockiert. So etwas Ähnliches hatte er schon mal aus Gesprächen der Schüler der höheren Klassen entnommen.
Nun wusste er, dass diese nicht gelogen hatten. Er kannte jetzt die eklige Tatsache. Wie konnte seine Mutter Bernd nur so behandeln. Bernd tat ihm fast leid. Und seine Mutter – die hasste er jetzt noch mehr.
„Verhalten sich alle Frauen so?“, fragte er sich.
„Wenn das der Fall ist, will ich nichts mit Frauen zu tun haben“, entschied er spontan.
In den folgenden Monaten und Jahren brachte seine Mutter immer häufiger verschiedene männliche Besucher mit nach Hause. David stellte fest, dass das Geschehen im Schlafzimmer immer gleich ablief. Er empfand, dass seine Mutter alle ihre Männer quälte und erniedrigte. Eine dauerhafte Beziehung entstand mit keinem der Männer.
Seine Mutter war für ihn das Abbild aller Frauen und durch ihr Verhalten wuchs in ihm eine Abscheu gegen die Frauen im Allgemeinen.
Trotzdem konnte er nicht leugnen, dass ihn im Laufe der nächsten Jahre das Äußere mancher Mädchen magisch anzog und erregte. Er konnte sich dennoch nie überwinden, ein Mädchen anzusprechen oder sogar den Versuch zu unternehmen, eine Freundschaft zu beginnen.
Nun war er auch nicht gerade der Typ, auf den die jungen Frauen flogen. Er wirkte depressiv und hatte daher auf seine Mitmenschen eine negative Ausstrahlung. Es kam ihm vor, als hätten seine depressiven Stimmungen irreversible Schäden in seinem Gesicht hinterlassen, die für alle Mitmenschen sichtbar waren. Es kam sehr selten vor, dass er lachte und seine Zahnlücke zwischen den oberen beiden Schneidezähnen machte ihm das Leben auch nicht leichter. Um es mit einem Wort zu sagen, er war nichtssagend.
In der Schule nahmen ihn seine Mitschüler nicht ernst und trauten ihm nichts zu. Er beteiligte sich fast nie am Unterricht und von den Lehrern wurde er übersehen oder kritisiert, falls er einmal eine Antwort gab.
Er lebte sein junges Leben für sich und entwickelte einen unbändigen Eifer, was die Computertechnik betraf. Er konnte sich abschotten und eine Zeitschrift über IT-Technik mit der gleichen Leidenschaft verschlingen, wie er mit den Fingern über die Tasten seines Notebooks flog.
Mit fast neunzehn Jahren geschah es dann doch. Er ging zum allerersten Mal eine nähere Beziehung zu einer Frau ein. Eva war eine zierliche, kleine Person, allerdings mit einem ausgeprägten Willen. Der Kontakt wäre aus seiner Sicht nie entstanden, wenn nicht Eva die Initiative ergriffen hätte. Auch zu Liebkosungen und der gegenseitigen Erforschung des Körpers ermunterte ihn Eva. Bis zu diesem Punkt genoss er das Zusammensein. Als Eva eines Tages, seine Mutter hatte für einige Stunden die Wohnung verlassen, mehr von ihm wollte als nur oberflächliche Zärtlichkeit und Streicheln, war er schockiert. Vor seinem inneren Auge spielten sich die Szenen seiner Mutter mit ihren Männern ab. Nein, er wollte von einer Frau nicht so erniedrigt werden, wie seine Mutter die Männer erniedrigte.
Direkt und ohne Umschweife forderte er Eva auf, die Wohnung zu verlassen. Eva war bestürzt und beleidigt, zumal David ihr keinerlei Erklärung für sein Verhalten gab.
In den nächsten Jahren hatte David hin und wieder kurze Beziehungen zu Frauen, die jedoch an dem entscheidenden Punkt immer wieder endeten. Zu sehr waren die Erinnerungen an seine Mutter und deren Männer und den damit verbundenen Ekel präsent.
Irgendwann zog er bei seiner Mutter aus und brach den Kontakt zu ihr ganz ab.
Inzwischen kam es auch nicht mehr zu kurzen Beziehungen zu Frauen. David begnügte sich mit dem Beobachten von willkürlich ausgewählten Frauen, das ihm zu einer gewissen Befriedigung verhalf.
In der Folgezeit legte er sich ein hochwertiges Fernglas sowie eine Kamera mit starkem Zoomobjektiv zu, die sein Vorhaben enorm unterstützten. Er entwickelte sich immer mehr zu einem krankhaften Voyeur.
Da er keine direkte Beziehung mehr zu Frauen hatte, verblassten im Laufe der Zeit auch die Erinnerungen an die schreckliche Zeit seiner Kindheit zu Hause.
In der Folgezeit griff ihn die Polizei mehrfach auf, als er die Persönlichkeitsrechte von Frauen verletzte, indem er sie mit einem Fernglas beobachtete oder mit der Kamera fotografierte.
Im vergangenen Jahr wurde er am Badesee verhaftet, als er aus einem Versteck Frauen mit seiner Kamera nahe heran zoomte und fotografierte.
Die letzte Verhaftung erfolgte Anfang des Jahres am Rande des Stadtparks. Er saß spätabends versteckt in einem Gebüsch. Mit seinem Fernglas beobachtete er in der gegenüberliegenden Wohnung eine junge Frau beim Entkleiden. Ein älterer Mann, der seinen Hund Gassi führte, überraschte ihn und rief die Polizei.
Der Ermittlungsrichter war einfühlsam und sah in David einen jungen Mann, der durch äußere Einflüsse vom Weg abgekommen war. Der Richter vermutete, dass die Grundlagen für seine Erkrankung bereits durch familiäre Erlebnisse in der Pubertät entstanden waren. Da er bisher nie gewalttätig in Erscheinung getreten war und sich seine Erkrankung lediglich auf das Beobachten von Frauen beschränkte, fand der Richter, dass man ihm eine Chance geben sollte. Er erließ keinen Haftbefehl. Durch intensive fachärztliche Hilfe sollte er wieder in die Gemeinschaft integriert werden.
Er fragte David, ob er einer solchen Behandlung zustimmen wolle. David, der um seine krankhafte Veranlagung selbstverständlich wusste, schämte sich grundsätzlich wegen seiner Neigung. Ohne Zögern stimmte er einer Behandlung zu. Natürlich war die Möglichkeit einer Strafe zu entgehen ebenfalls sehr verlockend. Er wolle ein anderer Mensch werden, versprach er dem Richter. Durch Kontakte des Richters konnte er bereits wenige Tage später eine ambulante Behandlung in der Tagesklinik beginnen.

An diesem Abend im Bett in der Klinik spult sich sein bisheriges Leben nochmals in seinen Gedanken ab. Er hat die blinde Frau kennengelernt und es ist alles nicht mehr so, wie es war oder wie es werden sollte. Das Versprechen, das er dem Richter gegeben hat, schiebt er in die entlegenste Windung seines Gehirns.
Er denkt an Konrad, seinen Freund und Mitbewohner. Konrad kennt Davids Veranlagung und versteht ihn. Manchmal, wenn sie abends im Bett lagen und rumalberten, zog Konrad ihn mit seinen Frauen auf und machte sich lustig über ihn. Natürlich nur im Spaß. Beide lachten und David erzählte ihm dann Geschichten seiner Beobachtungen, die er reichlich ausschmückte. Er war dann richtig stolz auf sich.
Konrad hatte nie etwas zu erzählen. Er hatte weder etwas mit Frauen, noch mit Männern. Für ihn gab es nur seine Arbeit und in der Freizeit seinen Computer.
David fragt sich: Will er so werden wie sein Freund? – Nein, das möchte er nicht.
Es mehren sich die ernsthaften Bedenken, ob er weiterhin die Kraft und Ausdauer aufbringen kann, eine Änderung seines Verhaltens herbeizuführen.
Vor allem hat er Zweifel, ob er diese Behandlung hier noch will.
Irgendwann fallen ihm die Augen zu und er versinkt in einen unruhigen Schlaf.
8

Er drückt auf alle Knöpfe der Klingelanlage.
„Guten Morgen, hier ist Der Tiefkühlfavorit. Wären Sie so freundlich und würden mir bitte die Haustür öffnen?“, spricht der gutaussehende Mann höflich in die Sprechanlage eines Mehrfamilienhauses.
Der Türöffner summt mehrere Male, ohne dass sich ein Hausbewohner durch die Sprechanlage meldet.
Der Verkaufsfahrer kennt sich gut aus in den Wohnanlagen dieses Viertels der Stadt und der überwiegende Teil ihrer Bewohner ist ihm bekannt, vorzugsweise aber die Bewohnerinnen. Die jungen, hübschen, blonden Frauen und auch manche Schwarzhaarige haben es ihm angetan. Wenn er irgendwo klingelt, lässt man ihn immer ohne jegliche Nachfrage ins Haus. Er ist halt allgemein bekannt und beliebt.
Seinen Transit mit dem reichhaltigen Angebot an Tiefkühlkost parkt er an einer zentralen Stelle im Hochhausviertel. Sternförmig beliefert er von dort die Kunden. Wenn er sich in einem Haus längere Zeit aufhält, ist dies nicht auffällig. Die Frauen kennen ihn und lieben seine unverbindliche und manchmal etwas frivole Art der Kommunikation. Er weicht nie einem Gespräch aus, sofern seine Gesprächspartnerin hübsch und attraktiv ist. Dann kann sich der Besuch auch über eine längere Zeit erstrecken.
Heute steht unter anderem Frau Blumenröder auf seiner Liste. Eine blonde, attraktive Mittzwanzigerin. Er findet sie reichlich naiv, freut sich aber immer wieder auf das Gespräch mit ihr. Er fühlt sich ihr weit überlegen. Die eine oder andere seiner, mit einem Lächeln verpackte, etwas anstößige Bemerkung, lässt Frau Blumenröder immer die Röte ins Gesicht schießen. Er nimmt dies wohlwollend zur Kenntnis und registriert mit Freude, wie sich eine gewisse Begierde auf diese junge, hübsche Frau bei ihm einstellt.
Sie arbeitet als Friseurin und hat montags ihren freien Tag. Auf seiner heutigen Tour hat er sie daher eingeplant.
Er klingelt an ihrer Wohnungstür, die sich erstaunlicherweise sofort öffnet. Wahrscheinlich hat sie seinen Wagen bereits vom Fenster aus gesehen und erwartet ihn.
„Guten Morgen Frau Blumenröder. Wie geht es Ihnen heute? Hatten Sie eine schöne Nacht?“, sprudelt es fröhlich aus seinem Mund.
Ein leichtes Lächeln, nicht zu provokant, umspielt seine Mundwinkel. Die junge Frau wird verlegen und in ihrem Gesicht steigt eine ihr unangenehme Röte auf. Sie schlägt die Augen nieder und ist zu keiner schlagfertigen Antwort in der Lage. Sie fühlt sich ertappt. Sie wohnt in der Wohnung zwar allein, aber ihr Freund hat die letzte Nacht wieder einmal bei ihr verbracht. Es war tatsächlich eine schöne Nacht, findet sie.
Verschämt streicht sie sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und meint mit leisem Ton:
„Zwei Tüten Suppengemüse, drei Pakete Maultaschen und zwei Tüten Leberkäse, bitte. Das wäre für heute alles.“
Wie selbstverständlich drängt der Verkaufsfahrer Frau Blumenröder zurück in die Wohnung und kann auf diese Weise den kleinen Wohnungsflur betreten. Er notiert die Bestellung auf dem eigens dafür vorgesehenen Bestellbogen, den er hierzu auf einem kleinen Schränkchen ablegt. Dabei fällt das Schlüsselbund, das auf dem Schränkchen liegt, in sein Blickfeld. Reflexartig, ohne zu überlegen, lässt er das Bund in seiner Kitteltasche verschwinden.
„Gerne, Frau Blumenröder. Ich hole eben die Sachen und bin sofort wieder bei Ihnen. Lassen Sie die Tür nur offen, es dauert nicht lange.“
Mit diesen Worten lässt er Frau Blumenröder allein, eilt die Treppen hinunter und mit großen Schritten zu seinem Lieferwagen. Ihm ist klar, jetzt ist Eile angesagt. Im Wagen hat er für solche Fälle ein Set mit Knetmasse. Geschickt stellt er damit einen Abdruck des Wohnungsschlüssels her. Schnell die bestellte Ware in den Korb legen und dann zurück zu Frau Blumenröder, bevor diese bemerkt, dass er ihren Schlüssel kurz ausgeliehen hat.
Etwas außer Atem erreicht er wieder die Wohnungstür von Frau Blumenröder, die ihn erwartet.
Ihre Wangen haben noch immer diese bezaubernde, rote Tönung.
„Da bin ich wieder. Habe ich mich nicht beeilt?“, fragt er lächelnd, um seine Atemlosigkeit zu begründen.
„Ja, das stimmt“, antwortet die Kundin erwartungsgemäß.
Er stellt den Korb in der Diele auf dem Schränkchen ab und lässt dabei den Schlüssel geräuschlos aus seiner Hand gleiten.
„So, jetzt noch eine Unterschrift hier unten, Frau Blumenröder. Der Rechnungsbetrag wird wie immer von ihrem Konto abgebucht.“
„Ja, ist in Ordnung.“
Frau Blumenröder unterschreibt den Beleg, den der Verkaufsfahrer ihr hinhält.
„Auf Wiedersehen. Noch einen schönen Tag“, sagt dieser und verschwindet eilig in Richtung Treppenhaus.
Frau Blumenröder kann gerade noch ein „Vielen Dank“ hinterherschicken, bevor sie ihn aus den Augen verliert.
Kopfschüttelnd schließt sie die Tür. Sie findet es ungewöhnlich, dass der Verkaufsfahrer heute so kurz angebunden ist. Irgendwie mag sie ihn und seine Art, auch wenn er sie manchmal in Verlegenheit bringt.
Wenn ihm jemand begegnet wäre, hätte dieser sicherlich sein Grinsen, das von einer gewissen Vorfreude herrührt, bemerkt. So aber verschwindet er unbemerkt aus dem Haus und besucht pflichtbewusst seine weiteren Kunden. Diese finden ihn heute besonders freundlich und sogar etwas aufgekratzt.
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