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„Vielen Dank. Ja, es ist noch viel zu tun. Aber ich muss jetzt erst mal Geld verdienen, sonst sind die Rücklagen schnell aufgezehrt. Heute ist es gut gelaufen. Ich habe den ersten Auftrag bekommen und einen Mitarbeiter gefunden.“
Die beiden nippten an ihrem Sekt, sie hatten die Sandalen abgestreift und die nackten Füße auf den Tisch gelegt. Eine angenehme Brise wehte durch die Terrassentür herein.
„Worum geht es in deinem Fall? Mord und Totschlag?“
„Natürlich nicht. Solche Aufträge nehme ich nicht an. Aber ich kann dir keine Details erzählen. Wenn ich in den Ruf komme, über meine Fälle zu reden, kann ich den Laden gleich wieder dichtmachen.“
„Ist klar. Obwohl, neugierig bin ich schon.“
„Das verstehe ich. Übrigens, hast du von dem toten Mädchen im Dornheckensee gelesen?“
„Ja, schrecklich. Ob sie aus Bonn stammt?“
„Wohl kaum, sonst hätte man sie doch längst identifiziert.“
„Wer weiß? Es gibt viele Illegale in der Stadt, die im Verborgenen leben. Wer ihr das wohl angetan hat?“
Laura zuckte die Schultern. „Ein Perverser. Sie werden ihn hoffentlich bald finden. Es ist ein unangenehmer Gedanke, ihn auf freiem Fuß zu wissen.“
„Das arme Mädchen.“ Barbara senkte den Kopf und fuhr mit dem Finger über den Rand des Glases. „Keinen interessiert es, wer sie war. Alles, was man von ihr in Erinnerung behalten wird, ist, was ihr Mörder ihr angetan hat.“
„Ja, Liebende werden durch den Tod getrennt, Opfer und Täter auf ewig miteinander verbunden. Das ist perfide.“
„Etwas pathetisch formuliert, aber leider richtig.“
Laura nickte und starrte nachdenklich auf ihr Glas. Schweigen breitete sich aus und lastete schwer wie eine Decke. Auf der Straße lachten ein paar Jugendliche, das brach den Bann.
„Jetzt lass uns nicht trübsinnig werden. Heute ist dein großer Tag, den sollten wir feiern. Erzähl mir von deinem Detektiv. Wie sieht er aus? Was für ein Typ ist er? Sag bitte nicht, dass du einen Rentner mit Bierbauch eingestellt hast.“
„Beworben haben sich jedenfalls genug. Ich hatte die Hoffnung schon aufgegeben, jemand Vernünftiges zu finden. Zum Glück hat sich Marek gemeldet. Seine Pensionierung ist noch in weiter Ferne. Allerdings scheint er eher ein Einzelgänger zu sein, der gerne seine eigenen Entscheidungen trifft.“
„Also ganz anders als du.“ Aus Barbaras Worten war die Ironie nicht zu überhören.
„Du hast ja recht.“ Laura lachte. „Ich bin auch nicht der geborene Teamworker. Aber wenn der Laden laufen soll, müssen wir zusammenarbeiten. Ich bin gespannt, ob es funktioniert.“
„Du machst dir zu viele Gedanken. Entspann dich, es wird schon klappen. Und wenn nicht, suchst du dir einfach einen anderen Detektiv. Sieht er gut aus? Wäre doch schön, wenn du mal wieder auf andere Gedanken kämest.“
„Was redest du da? Er ist sympathisch, aber irgendwelche emotionalen Geschichten sind das Letzte, woran ich zurzeit denke. Ich möchte die Agentur ans Laufen bringen. Alles andere ist sekundär.“ Sie holte tief Luft und fügte nach einer kurzen Pause hinzu: „Außerdem glaube ich nicht, dass er der Typ für eine feste Beziehung ist.“
Barbara lachte laut auf. „Dann passt ihr gut zusammen. Du willst ja seit dem Desaster mit Hendrik auch keine feste Bindung mehr. Ich freue mich schon darauf, ihn kennenzulernen. So, meine Liebe, ich muss los.“
Sie sprang auf, schlüpfte in ihre Sandalen und schwang sich die reich verzierte Tasche über die Schulter. An der Verandatür drehte sie sich um.
„Ich kenne jemanden, der dich bei dem organisatorischen Kram unterstützen könnte. Eine junge Frau, eher der ungewöhnliche Typ, mit vielen nützlichen Fähigkeiten. Du kannst sie dir ja mal anschauen. Ich schicke sie dir morgen vorbei. Und lass deine Haare wieder wachsen.“
5
Marek verfolgte Koscewskij seit Stunden.
Nach dem Wutausbruch vor der Villa in Bad Honnef hatte Koscewskij sich in sein Auto gesetzt und war kreuz und quer durch die Gegend gefahren. Marek hatte den Eindruck, dass er sich erst klar werden musste, was er als Nächstes tun sollte. Schließlich fuhr er auf die Autobahn Richtung Köln und dreißig Minuten später stellte er sein Fahrzeug in der Parkgarage unter dem Dom ab.
Marek folgte ihm in die zwielichtigen Gässchen des Viertels hinter dem Hauptbahnhof. Eine Spelunke reihte sich an die andere, in dunklen Ecken wurden Drogen verkauft und Prostituierte boten ihre Dienste an. Koscewskij steuerte eine Kneipe an, schaute kurz in den Gastraum und setzte dann seinen Weg fort zur nächsten Schenke. Marek überlegte, ob er den Besitzer der Hochsicherheits-Villa suchte. Allerdings war es schwer vorstellbar, dass die Gestalten, die sich hier herumtrieben, solche Häuser besaßen.
Inzwischen waren sie bis zum finsteren Herz des Viertels vorgedrungen. Marek hatte Gerüchte gehört, dass dieser Ortsteil fest in krimineller Hand war und dass sogar die Polizei einen Bogen darum machte. Koscewskij schien das nicht zu stören. Ohne zu zögern, öffnete er die Tür der berüchtigtsten Kneipe der Stadt. Und dieses Mal kam er auch nicht gleich wieder heraus.
Marek seufzte, dann stürzte er sich in die Nacht.
IV. Polen, Ende April 1940
Es war sein Geburtstag. Er war dreizehn geworden, aber er fühlte sich schon lange wie ein Erwachsener. Von seinem Vater und von den Brüdern, die in den Krieg gezogen waren, hatten sie seit letztem September nichts mehr gehört. Er vermied es, darüber nachzudenken. Solange sie fort waren, kümmerte er sich um die Familie.
Es war das erste Mal, dass es an seinem Geburtstag keinen Kuchen gab. Seit die Deutschen einmarschiert waren, war es schwer, an Butter, Zucker oder Eier zu kommen. Mutter hatte deswegen geweint. Das war ihm peinlich gewesen. Er brauchte keinen Kuchen. Jetzt war Krieg, da musste man auf vieles verzichten.
Die Deutschen sind Bestien, sagte seine Mutter immer.
Es gab furchtbare Geschichten, die nur hinter vorgehaltener Hand erzählt wurden. Von Erschießungen im Wald und von Leuten, die zum Arbeiten nach Deutschland verschleppt wurden. Jeder ab vierzehn Jahre war verpflichtet, sich zur Arbeit zu melden. Doch seit es die Gerüchte gab, wie die Menschen behandelt wurden, ging die Angst um. Viele versuchten, unterzutauchen. Militärtrupps zogen durch die Straßen und jeder, der halbwegs arbeitsfähig aussah, wurde aufgegriffen und mitgenommen. Eigentlich glaubte er das alles nicht, es war einfach zu schrecklich, um wahr zu sein. Trotzdem ging er den Deutschen aus dem Weg. Ab und zu sah er sie in ihren Militärautos vorbeifahren, in schneidigen Uniformen und mit geradeaus gerichtetem Blick, viele mit den kleinen Schnurrbärten unter der Nase. Sie sahen aus wie echte Sieger, insgeheim wünschte er sich sogar manchmal, zu ihnen zu gehören.
Es war ein sonniger Tag und er war mit seiner Schwester Zula unterwegs. Sie hatte sich nicht abwimmeln lassen, an seinem Geburtstag hatte sie ihn unbedingt begleiten wollen. Obwohl sie Zwillinge waren, hatten sie an verschiedenen Tagen Geburtstag. Er war eine Viertelstunde vor Mitternacht geboren worden, sie eine halbe Stunde später am nächsten Tag. Der Frühling hatte die Landschaft mit zartem Grün überzogen, es wehte ein laues Lüftchen und endlich war es nicht mehr so kalt. Er hatte seine Wollstrümpfe heruntergerollt und fühlte die Sonne warm auf den nackten Beinen. Krieg, Angst und Hunger schienen weit weg zu sein.
Sie wanderten über die Wiese zum Waldrand und achteten darauf, dass sie von der Straße aus nicht gesehen werden konnten. Es war seine Idee gewesen, in den Wald zu gehen, um nach Kräutern zu suchen. Wenn es schon keinen Kuchen gab, sollte ihm seine Mutter wenigstens am Abend eine leckere Suppe zubereiten. Er war fest entschlossen, erst dann den Heimweg wieder anzutreten, wenn sie ihre Beutel gefüllt hatten. Zula hatte seine Hand genommen und je tiefer sie in den Wald vordrangen, umso ängstlicher drückte sie sie.
Plötzlich sahen sie das Reh.
Es stand ruhig auf einer Lichtung und schien sie nicht bemerkt zu haben. Aufgeregt hatte er Zula ein Zeichen gemacht, dass sie nur ja keinen Laut von sich gab. Fleisch hatten sie schon lange nicht mehr gegessen. Natürlich war es verboten, Tiere zu jagen. Das war den Deutschen vorbehalten. Aber der Hunger brachte die Menschen dazu, die Regeln zu missachten und zu wildern, auch wenn sie damit ihr Leben riskierten. Im Wald und in der Umgebung des Dorfes gab es deshalb kaum noch Wildtiere. Auch keine Hunde und Katzen. Aufgeregt stellte er sich vor, was seine Mutter sagen würde, wenn er einen solchen Braten mit nach Hause brächte. Sie würden genug zu essen haben für die nächsten Wochen. Aber wie konnte er das Reh fangen?
Das Verhängnis kam ohne Vorwarnung.
Später hatte er immer wieder darüber nachgedacht, ob etwas zu hören oder zu sehen gewesen war, was sie beide hätte warnen können. Aber er war zu sehr auf das Reh fixiert gewesen. Plötzlich hatte sich eine Hand in seine Schulter gekrallt. Eine Hand, die viel zu hart zugriff und die nicht mehr losließ. Sie waren wie erstarrt gewesen. Voller Panik hatten sie aufgeblickt und in eine rotbackige Fratze mit bösartigem Grinsen gesehen.
Der Rest war in seiner Erinnerung zu einem beängstigenden Chaos zusammengeschmolzen. Dunkel erinnerte er sich an den Transporter, in dem sich angstvoll schweigende Menschen gedrängt hatten. Seine Schwester war von ihm getrennt worden, er hatte keine Ahnung, wo sie sich befand. Dann stand er vor einem Schreibtisch mit spiegelblanker Oberfläche, dahinter ein dicker Offizier in Uniform, der in einem Register blätterte. Dessen Worte hatte er nicht verstanden, aber neben ihm hatte ein dünner Mann mit ausgefranstem Schnurrbart und schlechten Zähnen gesessen. Den hatte er verstanden.
„Du wolltest wohl wildern? Das ist ein schlimmes Verbrechen. Aber jetzt gehst du arbeiten. Bist schon groß genug. Wir schicken dich nach Deutschland.“
Er hatte verzweifelt gerufen, dass er noch zu jung war, erst dreizehn, keine vierzehn, aber als Antwort kam nur: „Bist groß genug.“
Immer wieder hatte er nach seiner Mutter gefragt, er müsse doch seine Sachen holen, sich verabschieden, sie mache sich doch Sorgen. Aber der Dünne hatte nur gelacht.
„Wir kümmern uns um alles.“
Als Nächstes erlebte er qualvolle Enge und wildes Gedränge, zuerst in einem umzäunten Hof, der in der Nacht taghell erleuchtet war, dann in einem stinkenden Viehwaggon. Hunger, Durst, Erschöpfung und Angst, Angst, Angst!
Irgendwann stand er in einer sternenklaren, kalten Nacht auf einem Bahnsteig in Deutschland, zusammen mit müden, eingeschüchterten Gestalten, umringt von schreienden Männern in Uniformen.
Als er auf die Jacke sah, die sie ihm gegeben hatten, leuchtete ihm ein lilafarbenes P auf einer gelben Raute entgegen.
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