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Bedingungslos ergeben …?
Erneut schüttelte etwas ihr Gewissen wach und Isabel kämpfte energisch darum, die aufkeimenden Gedanken nicht an die Oberfläche dringen zu lassen. Aber erfolglos.
Es hatte ihn gegeben. Den bedingungslos Ergebenen. Cedrics jüngerer Bruder Till. Er und seine beiden älteren Geschwister lebten in dem großen Gut neben ihrem Zuhause aus Kinderzeiten. Und Till war es, dem sie wissentlich mehrmals das Herz gebrochen hatte. Ihre ganze Kindheit lang hatte er es ihr immer wieder zu Füßen gelegt. Erst hatte sie es genossen, seine ständige Aufmerksamkeit zu haben. Aber später wollte sie das nicht mehr und machte ihm das erbarmungslos klar, völlig davon überzeugt, dass sie eine Berechtigung dazu hatte, weil sie einen anderen liebte.
Du warst noch ein Kind!
Mit dieser Ausrede tröstete Isabel sich lange, wenn sie die Erinnerungen an ihre Kindheit überfielen und ihr Gewissen und ihr Selbstbewusstsein marterten. Ihr Gewissen litt bei den alten Geschichten, weil Isabel wusste, dass sie Till immer wieder wehgetan hatte, obwohl er ihr bester Freund gewesen war. Und ihr Selbstbewusstsein, weil sie sich selbst verletzt und ungeliebt gefühlt hatte, weil Cedric sie ignoriert hatte. Schließlich wollte sie nur ihn, doch der hatte sie nie auf seinem Radar.
Manchmal kam es ihr so vor, als hätte sie, bevor sie volljährig war, schon all ihr Pensum an Liebe verschossen, das dieses Leben für sie vorgesehen hatte.
Sie musste an ihr damaliges Zuhause denken, dass ihre Familie bewohnt hatte. Es war ein altes Heuerhaus, das im Schatten des riesigen Guts der Familie Schneider stand. Es war ein uraltes, wunderschönes Fachwerkgebäude gewesen, mit einer riesigen Diele und einem urigen Dielentor, kleinen Butzenfenstern und einem eigenen Brunnen, der ihre Fantasie immer besonders beflügelt hatte. Der Holzdeckel auf der etwa einen Meter hohen, gemauerten Einfassung verschloss die Untiefen einer anderen Welt vor ihrer und ließ weder die Monster aus der Unterwelt heraus noch die Frösche zum Küssen.
Sie hatte dieses Haus geliebt, aber es wurde ihr fast zum Verhängnis. Eines Tages brannte es lichterloh und ihr Vater hatte sie und ihre Schwester gerade noch rechtzeitig retten können. Deshalb waren sie damals weggezogen und sie musste ihrer schönen Kindheit Lebewohl sagen - und ihrer Liebe.
Nein, an Cedric wollte sie nicht mehr denken. Jeder Gedanke an ihn schmerzte seltsamerweise immer noch. Wahrscheinlich wird es das auch noch auf ewig tun. Er war der Mann, den sie für sich und ihr Leben auserkoren hatte, der sie sogar lange in ihren Träumen verfolgte und der sie niemals wollte. Vielleicht gab es keinen Märchenprinzen für sie, weil sie Cedric nicht bekommen hatte.
Hör auf mit dem Scheiß. Was hättest du bei ihm gehabt? Er ist nie auch nur im Ansatz ein Märchenprinz gewesen.
Für Isabel damals schon. Auch wenn er ein seltsamer, komplizierter Junge war, den sie nie ganz verstand und der ihr durchaus auch mal Angst machen konnte. Sie hatte erlebt, wie er seinen kleinen Bruder vor ihren Augen misshandelt und quält hatte. Er war eigentlich kein netter Mensch. Überhaupt nicht. Dennoch hatten ihre Gefühle sich auf ihn ausgerichtet. Sie mochte seine braunen Haare, seine braunen Augen und seine süße Nase. Er war nicht besonders groß, aber durchaus gut gebaut. Und wenn er sich ihr gegenüber mal ein wenig netter gab als bei allen anderen, dann konnte sie das richtig glücklich machen. Dann hatte sie das Gefühl, etwas Besonderes zu sein.
Was dich an ihm hängen ließ war dein gottverdammtes Helfersyndrom. Du glaubtest ständig ihm helfen zu müssen.
„Er hatte es auch nicht leicht. Sein Vater war früh bei einem Treckerunfall ums Leben gekommen und Cedric musste das Gut führen, als er nicht mal fünfzehn war“, verteidigte Isabel sich und ihn in Gedanken.
Aber er wollte deine Hilfe nicht. Er wollte nichts von dir und hat dir das auch gezeigt, wo er konnte. Du hast das bloß nicht geschnallt!
Doch, das hatte sie. Aber sie konnte das nicht glauben. Sie war damals der Meinung, wenn sie sich in jemanden verliebt, so richtig, mit Herz und Verstand, dann wird er das auch erwidern.
Du warst schon immer dumm und naiv. Wieso glaubst du, dass dich überhaupt jemand will!
Erbarmungslos drängen sich ihre Reinfälle mit dem anderen Geschlecht an die Oberfläche als würden sie ihr etwas klarmachen wollen. Dabei war sie in den letzten Jahren mit ihren Ansprüchen schon ganz schön in den Keller gegangen. War sie nicht sogar schon dazu übergegangen, jeden für in Ordnung zu befinden, der sich nicht ganz so dämlich anstellte und ihr netterweise das eine oder andere Getränk spendierte, was ein gewisses Maß an Interesse an ihr zeigte? Wenn sie nun so darüber nachdachte, musste sie sich eingestehen, dass ihre letzten Liebhaber sowieso nur noch einem Minimum dessen entsprachen, was ihr eigentlich so vorschwebte. Manchmal nicht mal mehr das.
Wieder marterte sie ihr Selbstwertgefühl und versuchte ihr klarzumachen, dass ihre Chancen längst verspielt waren. Das brachte ihr Selbstmitleid auf den Plan, das heiße Tränen über ihre Wangen rollen ließ.
Isabel starrte mit verschwommenem Blick auf das Gemisch gelber Soße, aus dem noch hier und da ein weißes Fleischstück herausragte, sowie ein paar Morcheln und Bambussprossen. Ein Häufchen Reis schien die gelbe Flüssigkeit magisch anzuziehen.
Sie schob energisch den Teller noch weiter von sich weg.
„Wo bist du nur geblieben, Traumprinz? Wo nur?“ Ihr Blick lief wie zufällig zu dem kleinen Eckregal mit den Rosen in der weißen Vase.
Die roten Rosen! Wenn sie nicht von Hardy waren, von wem dann?
Sie zählte in Gedanken ihre Verflossenen auf, die ihr vielleicht so noch einmal einen netten Gruß zum neuen Jahr senden wollten. Aber Isabel konnte sich nicht denken, warum sie die Rosen vor die Tür gelegte hatten und nicht hereingekommen waren?
Vielleicht hatte derjenige nur Angst, dass du dich ihm voller Verzweiflung an den Hals wirfst und ihn mit Selbstmord drohst, wenn er dich nicht in den nächsten fünf Minuten zu einem Traualtar schleppt und mit dir ein Kind zeugt.
Das war gemein. So verzweifelt war sie gar nicht. Und sie wollte doch gar nicht heiraten. Ein Mann für immer - daran glaubte sie sowieso nicht mehr. Wenn sie darüber nachdachte, fiel ihr auch niemand ein, mit dem sie wirklich jeden Tag zusammenhocken wollte, dem sie die Wäsche waschen und den sie bekochen und bemuttern wollte. Nein, dazu war sie wahrscheinlich schon zu lange Single, um damit noch zurecht zu kommen.
Aber ein Kind …!
Isabel seufzte auf und unterdrückte die erneut aufsteigenden Tränen.
Warum gab es keine Automatik, die bei einer Frau den Kinderwunsch nur einschaltete, wenn sie den passenden Mann dazu hatte? Ansonsten blieb man von jeglichem Gedanken an so ein kleines Wesen verschont. Und warum war es so schwer, einen passenden Mann zu finden?
In den letzten Jahren hatten alle bei ihr eine faire Chance gehabt, außer … na gut, Michael hatte sie mit vielen bösen Worten rausgeschmissen, nachdem sie ihn mit einer anderen Frau auf ihrem Sofa erwischt hatte. Dieses Schwein!
Sie schüttelte mit zusammengekniffenen Augen den Kopf. Der bloße Gedanke an ihn ließ ihren Magen noch mehr rebellieren. Dabei hatte sie ihm einen Job besorgt und ihn bei sich wohnen lassen, weil er angeblich eine schlimme Zeit hinter sich hatte.
Der hatte ihr bestimmt keinen netten Neujahrsgruß gesendet. Sie hatte die Frau nackt vor die Tür gejagt und ihm ein blaues Auge verpasst.
Aber auch sonst fiel ihr keiner ein. Detlef war ihr erster fester Freund mit Beziehungsstatus gewesen. Aber das hielt nicht, weil er nach England ging, um zu studieren. Charly folgte und machte Schluss, nachdem ihn endlich die Frau erhört hatte, die er eigentlich liebte. Dann folgte Ronny, der mit ihrem Wesen nicht klarkam. Er wollte eine Frau, die genauso gerne jede Party mitnahm wie er und die abends gerne bei einem Joint entspannte und der freien Liebe frönte. Es folgten etliche No-Name-Nummern, bis sie Carsten traf, mit dem sie das Geruchsproblem hatte. Danach kam Michael, den sie von der Straße aufgabelt hatte und bei sich wohnen ließ. Aber der gabelte auch mit Vorliebe Menschen von der Straße auf, während sie arbeitete. Und zwar vornehmlich weibliche. Nach ihm begann sie sich darauf zu konzentrieren, einen Mann für gewisse Stunden zu finden, um einfach nur schwanger zu werden. Aber das bescherte ihr mehr Desaster, als ihr lieb war und brachte nichts. Und dann die Sache mit Hardy auf der Weihnachtsfeier, was wohl eine völlige Kurzschlussreaktion gewesen war.
Eigentlich sollte ihr mittlerweile klar sein, dass dieses Leben nicht dafür gedacht war, es mit einem Mann glücklich und in trauter Zweisamkeit zu verbringen. Das sah ihr Seelenplan wohl nicht vor … oder sie war irgendwann falsch abgebogen.
Der Gedanke machte sie noch trauriger.
Verdammt, was soll das? Hatten wir nicht gerade erst eine klare Vereinbarung getroffen? Warum hängst du jetzt schon wieder hier rum und denkst an nichts anderes als an das, an das du nicht mehr denken wolltest?
Isabel ignorierte ihr Gewissen. Der Gedanke mit dem falschen Weg hatte sie schon oft befallen. Aber sie wusste nicht, wann sie einen anderen Weg hätte einschlagen können oder wann ihr Leben nicht mehr dem Plan gefolgt war? Vielleicht schon in ihrer Kindheit, als alles so schrecklich konfus war und sie schon viele falsche Entscheidungen getroffen hatte, an die sie aber nicht mehr denken will. Außerdem gab es damals nicht die Möglichkeit, etwas anders laufen zu lassen, weil ihre Gefühle nicht mitgespielt hatten, oder derjenige ihre Gefühle nicht erhörte, dem sie ihre für immer schenken wollte.
Sind wir wieder an dem Punkt, den Schuldigen zu benennen? Der, dem du deine Gefühle ein Leben lang vor die Füße kippen wolltest und der sie mit den Selbigen trat, bis sie nur noch Mus waren.
Oh Mann, bloß nicht! Cedric war tiefste Vergangenheit. Ein Kindheitstraum. Er konnte sie nur noch in ihren Träumen erreichen, die ihn aber immer mal wieder heraufbeschworen, als könne etwas in ihr ihn einfach nicht loslassen.
Isabel stand auf und schlurfte ins Wohnzimmer. Sie warf sich auf das kleine, geblümte Sofa und schaltete den Fernseher ein, um alte Erinnerungen nicht wieder hochquellen zu lassen. Sie hatte viele Jahre gebraucht, um sich von ihnen zu lösen und den Plan, mit Cedric das Leben zu leben, nicht mehr als ihre Bestimmung anzusehen. Sie hatte lange nicht verstanden, warum Cedric ihr gegenüber all die Jahre so unnahbar geblieben war, obwohl sie damals davon überzeugt war, dass er sie lieben muss oder dies irgendwann tun wird. Schließlich wollte sie mit ihm alles durchstehen, ihm bei allem helfen und hätte für ihn vom Morgengrauen bis zur Abenddämmerung auf dem Gut geschuftet.
Sie hatte sich lange damit getröstet, dass es nur der Hausbrand gewesen war, der diesen Traum zerstört hatte.
Isabel verdrängte mit aller Kraft die alte Geschichte. Es liefen die Nachrichten des Tages und sie konzentrierte sich auf die. Aber auch da war alles was sie sah: Das Leben ist nun mal beschissen, gewöhn dich daran.
Vielleicht sollte sie mal wieder bei ihrer alten Schulfreundin Kerstin anrufen? Sie könnte sie fragen, wie es ihr so geht und was sie so macht und ihr nachträglich ein gutes, neues Jahr wünschen.
Kerstin hatte es tatsächlich geschafft in ihrem hohen Alter von sechsunddreißig Jahren noch einen Kerl abzubekommen, der sie sogar vor kurzem geheiratet hatte. Unglaublich!
Natürlich war Peter kein Mann, den Isabel genommen hätte. Aber Kerstin meinte, dass er wirklich lieb und toll ist, sie liebt und man die Witwenrente als verheiratete nicht außeracht lassen darf, wenn er den Löffel abgibt. Doch Isabel hatte keine Lust sich den Bericht der tollen Hochzeitsreise anzuhören, der dann anstehen würde.
Ihr fiel ihre andere Schulfreundin ihres damaligen Dreiergespanns ein. „Na gut, dann rufe ich halt Britta an.“
Britta hatte sie seit mehr als einem Jahr nicht mehr gesprochen. Das lag daran, dass die wenig Zeit hatte, seit sie den Buben zur Welt gebracht hatte. Außerdem herrschte dort wieder ungetrübte Familienidylle, seit der Zuwachs die Zweisamkeit mit ihrem Mann wieder gefestigt hatte. Davor sah es kurz so aus, als würden sie sich scheiden lassen.
Isabell wählte deren Nummer und drückte den Hörer ans Ohr, obwohl sie alles wollte, nur nicht telefonieren.
„Rittler!“
„Hallo, Britta. Ich bin es, Isabel!“
„Oh, Isabel! Das ist wirklich nett, dass du mal anrufst. Aber …“ Ein kurzes Stöhnen war zu hören. „Ich kann jetzt leider nicht! Nils holt gerade den Wagen aus der Garage. Wir bekommen unser zweites Baby!“ Halb weinend, halb lachend drangen ihre Worte an Isabels Ohr.
„Mein Gott, das ist ja …!“ Isabel wusste nicht, wie sie das finden sollte. „Okay, ich wünsche dir alles Gute! Meldet euch, wenn es da ist.“
„Machen wir! Ich muss jetzt!“ Brittas gepresste Stimme wurde undeutlich und machte dem Besetztzeichen Platz.
Isabel saß wie betäubt vor dem Telefon und hielt den Hörer immer noch an ihr Ohr. Sie beneidete ihre Freundin. Sie hatte alles. Einen mittlerweile wieder netten Mann, ein Haus und bekam gerade das zweite Kind. Gerade jetzt, in diesem Augenblick.
Isabel legte langsam den Hörer auf und schüttelte über sich selbst den Kopf. Sie wusste, sie wollte nichts mehr von Britta und ihrem neuen Baby hören. Das riss sie nur noch tiefer in eine Depression.
Eigentlich hattest du doch immer dein Leben vor allen als Perfekt hingestellt, und die Frauen als bemitleidenswert bedauert, die sich abhängig von ihren Männern machten, indem sie sich durch ein Kind an den Haushalt banden.
Das war alles nur Show. Isabel konnte sich vielleicht nicht mehr vorstellen einen Mann fest in ihr Leben zu integrieren. Aber sie wollte auch nicht für immer allein sein. Sie sah ihr Leben als in eine Sackkasse gefahren an, wenn es so blieb, wie es war. Sie brauchte endlich einen anderen Einfluss in ihrem Leben, der es aufwertete. Und sie wusste genau, was das sein konnte. Sie wollte ein Kind. Aber woher nehmen, wenn nicht stehlen?
Wenn du mit einem Mann ins Bett gehst, bloß um ein Kind zu bekommen, ist das auch eine Form von stehlen.
Quatsch. Das ist etwas ganz anderes. Außerdem würde sie es nur darauf anlegen, wenn Gefühle mit im Spiel waren. Oder zumindest Achtung voreinander, gepaart mit der Bereitschaft, dem Schicksal eine Chance zu geben.
Isabel seufzte tief auf. Ja, ein Kind wäre ihr Traum. Aber der Gedanke daran brachte auch ein gewisses Maß an Unbehagen mit sich, wenn sie sich die letzten Zusammentreffen mit Männern vor Augen hielt. Sie konnte sich eigentlich nicht vorstellen, ein Kind anzusehen und sich nur an dessen Vater als versoffenen Willigen auf einer Party zu erinnern, der nur hirnlos einen wegstecken wollte.
Ach so? Komisch, ich kann mich an den einen oder anderen besoffenen Willigen ohne nennenswerten Gefühlsparameter erinnern, der nur vögeln wollte.
Isabel schüttelte unwillig den Kopf und ging zum Sofa zurück, um sich darauf zusammenzurollen.
Das war dumm und nur eine Kurzschlussreaktion. Mehrere Kurzschlussreaktionen. Oh Mann! Was soll sie nur tun?
Sie war verzweifelt und sah für sich keinen Ausweg.
Um ihre Gedanken zu übertönen, machte sie den Fernseher lauter. Sie musste sich auf das konzentrieren, was dort ablief. Und das war mittlerweile ein Film, in dem eine Frau darüber sinnierte, ob sie den richtigen Mann am nächsten Tag heiraten würde, oder ob sie doch besser den Jugendfreund nahm, den sie als Trauzeugen eingeladen hatte und der sie mit heißer Sehnsucht in den Augen die ganze Zeit anstarrte.
Isabel drehte sich vom Fernseher weg und schloss die Augen.
Du musst dir eine Perspektive suchen, einen neuen Weg, irgendetwas, was dich aus dieser Ausweglosigkeit befreit.
Ihr Verstand suchte nach einem Ziel, das sie sich setzen konnte und das sie ausfüllen würde. Sie brauchte unbedingt endlich etwas, das sie glücklich machen würde und ihr die Einsamkeit nahm. Es musste doch irgendetwas für sie geben!
Aber ihr wollte einfach nichts einfallen.
Doch so reichte ihr das Leben nicht mehr. Sie brauchte mehr! Vielleicht sollte sie sich doch einen Hund anschaffen? Aber der würde ihr viel Arbeit machen und herumbellen. Außerdem waren keine Tiere in den Wohnungen erlaubt.
Ein Goldfisch, mit dem sie reden konnte, der ihr nie widersprechen würde und wenn sie ihn nicht zu oft fütterte, sich sogar freuen würde, wenn er sie sah und sie ihm etwas in sein kleines Glas warf. Das wäre noch eine Möglichkeit.
Wenn sie ihn aber zu oft vergaß? Sie war in letzter Zeit sehr vergesslich. Ob der das wohl ein paar Tage aushielt? Er würde sich noch nicht einmal durch Rufen bemerkbar machen können.
Nein, der würde bei ihr bestimmt einen qualvollen Tod sterben. Sie war also weiter dazu verdammt, allein und einsam zu leben … und vielleicht sogar bald beurlaubt.
Erschöpft und traurig ließ sie sich nur zu gerne in den Schlaf fallen, der sie immer mehr übermannen wollte. Schlafen hieß vergessen und vergessen hieß, dass alles erträglicher erschien. Zumindest für eine Weile.
Ein neuer Weg
Etwas riss Isabel erbarmungslos aus dem wundervollsten aller Träume. „Nein, nicht aufwachen …!“
Lautes Getöse, quietschende Reifen, Gebrüll und jede Menge Schüsse prasselten auf sie ein und ließen sie sich erschrocken aufsetzen. Einige Augenblicke starrte sie noch auf das Szenario auf dem Bildschirm, dann drückte sie mit der Fernbedienung den Fernseher aus. Sofort folgte Stille und seichte Dunkelheit.
Fassungslos ließ sie sich auf das Sofa zurückfallen und versuchte den unglaublich schönen Traum wieder heraufzubeschwören, den der Kugelhagel im Fernsehen gnadenlos beendet hatte. Oder war es ihr Herz gewesen, das sich aufgebäumt und sie damit in die Gegenwart gerissen hatte?
Ein tiefer Seufzer drang aus ihrem Inneren empor und ließ alles in ihr wohlig und zugleich aufgebracht vibrieren, während sie dem Traum nachsinnierte.
Sie sah sich erneut die Straße vor ihrer Wohnung hinunterlaufen, seltsam verängstigt und verstört, als wäre sie vor etwas auf der Flucht. Plötzlich, wie aus heiterem Himmel, war Cedric vor ihr aufgetaucht. Sie hatte ihn die Straße hochkommen gesehen … beschwingt, jugendlich, schön. Seine braunen, welligen Haare fielen auf seine Schultern und seine braunen Augen leuchteten ihr entgegen. Sein Lächeln ließ ihr Herz höherschlagen und seine Schritte wurde schneller, als er sie erkannte. Ja, so war es in ihrem Traum gewesen. Ganz genau so. Er freute sich darüber, sie zu sehen. Es war, als hätte er sie gesucht und endlich wiedergefunden. Als er sie erreicht hatte, nahm er sogar ihre Hand fest in seine, dass es Isabels Herz fast sprengte - und er zog sie mit sich mit, als wolle er sie nie wieder verlieren. Sein Blick war dabei voller Freude auf ihr Gesicht geheftet und er hatte leise aber bestimmt zu ihr gesagt: „Komm Isabel. Ich nehme dich mit zu mir.“
Und sie hatte seine Zuneigung zu ihr regelrecht spüren können, hatte in seinen Augen gesehen, dass er sie wollte und alles in ihr hatte glücklich zu strahlen begonnen. Denn sie wollte nichts anderes als ihn und seine Zuneigung. In dem Moment war sie die glücklichste Frau auf der Welt.
Ein Traum mit Cedric. Sie hatte schon lange keinen mehr geträumt, und daher barg dieser eine gewaltige Kraft, die ihr Innerstes erwärmen konnte.
Nein, lass es nicht wieder zu. Das ist Kinderkram. Cedric ist Kinderkram. Du bist jetzt eine gestandene Frau Mitte dreißig und darfst dich nicht mehr von einem Traum mit Cedric, und nur durch ein Lächeln und Händchen halten, einlullen lassen. Das ist falsch! Alles an den Träumen mit Cedric ist falsch. Du weißt das!
Isabel wusste das tatsächlich. Aber ihn zu sehen und zu fühlen war so unsagbar tröstlich gewesen. Und es weckte die alte Sehnsucht zu ihm, wie jedes Mal, wenn sie in den letzten Jahren von ihm geträumt hatte.
Nein, mach das nicht. Du hast nur verdrängt, was damals wirklich war … wie er wirklich war.
Isabel wollte das schöne Gefühl und die Vertrautheit und Geborgenheit, die sie in ihrem Traum kurz gespürt hatte, nicht verlieren. Auch wenn ihr klar war, dass es nur wieder ein dummer Traum war. Cedric hatte ihr in Wirklichkeit nie auch nur im Ansatz diese Gefühle entgegengebracht. Aber sie hatte viele Jahre ihrer Jugend damit verbracht, sich das zu wünschen und immer wieder auszumalen.
Nun ließen sich die Gedanken nicht mehr zurückhalten. Nun war das Tor zu ihren Erinnerungen aufgerissen und sie ließen sich nicht mehr stoppen.
Isabel schloss betroffen die Augen und ließ sie hochquellen.
Cedric war damals nicht wie in ihren Träumen. Er lächelte fast nie, er schien nicht mal zu Gefühlen fähig zu sein und neigte eher dazu, schnell durchzudrehen. Er erschien vielen damals als seltsam verschlossen und einige Leute hielten ihn sogar für verrückt. Aber Isabel wollte nichts davon wissen. Sie glaubte, dass es die Umstände waren, die ihn zu dem gemacht hatten, was er war. Und sie wollte ihm beistehen. Es schien ihr, als wäre es ihre Aufgabe, ihm, wobei auch immer, zu helfen.
Aber Cedric wollte diese Hilfe nie. Da war eine Kluft zwischen ihnen gewesen, die sie nicht zu überbrücken geschafft hatte. Und Cedric wollte diese Kluft auch nicht überbrücken, obwohl er bestimmt wusste, was sie für ihn empfand. Während sie alles tat, um ihm nahe zu sein, hielt er sich immer möglichst von ihr fern.
Cedric war damals fast zwanzig und dennoch hatte er sie nie geküsst oder auch nur angefasst. Sie selbst war damals fünfzehn und zu allem bereit.
Als sie sich einmal auf einer Party trafen, was schon unglaublich selten vorkam, tat sie so, als wäre sie angetrunken und setzte sich auf seinen Schoß.
Erst war er etwas pikiert darüber, dann scheuchte er sie schnell auf einen Stuhl neben sich, als würde er sich sonst an ihr verbrennen. Als sie einen erneuten Versuch startete, ließ er sie wenigstens auf seinem Schoß sitzen und sie war einen Augenblick glücklich. Aber er blieb kalt und zurückhaltend und als sie sich in seinen Arm kuscheln wollte, von ihrem Erfolg beseelt, stieß er sie zu Boden.
Es schien immer so, als könne er mit ihrer Nähe nicht umgehen. Dann wurde er nervös und fast ein wenig panisch.
Aber sie war so unglaublich auf ihn fixiert gewesen. Da halfen nicht mal die Sprüche über Cedric, in denen er als durchgeknallt deklariert wurde. Isabel glaubte an das Gute in ihm und nichts konnte die Liebe zu ihm zerstören, bis eines nachts ihr Haus zu brennen begann und ihre Familie gerade noch rechtzeitig daraus fliehen konnte. Es hieß damals, dass Cedric das getan hatte.
Aber sie glaubte das keinen Augenblick. Cedric hätte ihr so etwas niemals angetan.
Sie zogen erst in die nahe Stadt zu ihrem Onkel und dann dort in eine Wohnung, wofür Isabel die Schule wechseln musste. Ihre Eltern wollten nicht in das Haus zurückkehren, obwohl es wieder aufgebaut und erneut vermietet wurde. Isabel erklärten sie nie, warum. Und für Isabel begann ein neues Leben und sie ging bald darauf weit weg in eine Lehre und lernte Detlef kennen.
Mit diesem Brand hatte für sie die erzwungene Abnabelung von Cedric begonnen. Das alles war wie das Bekämpfen einer Sucht gewesen, die sie erst in den Griff bekam, als sie sich auf andere einließ.
Seitdem folgten viele Männer und dennoch träumte sie nur von ihm so unglaublich mitreißend. Dabei hatte sie nie etwas Vergleichbares mit ihm erlebt. Denn den Cedric aus ihren Träumen gab es nicht und seine Ablehnung von damals steckte ihr bis heute in den Knochen. Dabei glaubte sie, dass er sie eigentlich mochte. Sie glaubte es sogar so fest, dass sich dies wohl in ihre Träume hinübergerettet hatte und sie bis heute immer noch bestimmte. Aber was wirklich damals alles geschehen war, hatte sich irgendwie aus ihrem Inneren herausgespült. Sie konnte sich kaum noch an etwas, außer ihren Gefühlen zu Cedric, erinnern, die von ihren Träumen aufrechterhalten wurden. Nur an den Schmerz, als sie gehen musste, konnte sie sich erinnern, auch wenn er heute nur ein Abklatsch dessen war, was sie damals wirklich gefühlt haben musste. Diese Zeit war irgendwie wie mit einem dunklen Tuch überdeckt, dass das wirkliche Ausmaß bestimmt nur übertünchte.




