Die letzte Fähre ging um fünf

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„Was wolltest du mir eigentlich sagen?“
„Nicht so wichtig.“
„Das klang aber eben anders.“
„Morgen.“
„Na gut. Musst du wissen. Ich bin dann mal drüben, mir die Kirche ansehen.“
„Gibt nich’ viel zu sehen. Is’n Schafstall jetzt.“
„Ach ja? Na denn ...“
„Gibt ja nich’ viel hier.“
„Schon mal deine Bilder irgendwo ausgestellt?“
„Ja.“
„Wo?“
„Och, New York und so.“
„Echt?“ Kolle konnte nicht glauben, dass solche Bilder reißenden Absatz fanden. Aber Kunst ist eben Kunst, dachte er sich.
„Ja. Mit denen hier aber nicht.“
„Welche denn?“
„War früher mal.“
„Was haste denn früher gemalt“?
„Abstrakte Bilder. Gefühle in Formen und Farben.“
„Aha.“
Da er den Eindruck hatte, dass er jetzt stören würde, verabschiedete er sich von Onne. Der stand völlig vertieft mit krauser Stirn vor der Leinwand und wirbelte wie irre mit einem Pinsel herum.
Da es inzwischen schon nach zwölf Uhr war – Kolle hatte nicht bemerkt, wie schnell die Zeit verflog –, ging er zum Hotel zurück. Mal sehen, ob es außer Muscheln und Fisch auch was Essbares gibt, grübelte er. Auf dem Asphaltweg rauschte ihm ein E-Bike fast in die Hacken.
„Ey! Kampfradler!“, rief er hinterher. Aber der Fahrer war schon um die Hotelwarft herum. Das darf ja wohl nicht wahr sein! Aber was ärgerte er sich eigentlich? Er hatte Urlaub.
Im Restaurantbereich gab es nur drei Gäste. Er achtete nicht weiter darauf und setzte sich an einen Tisch am Eingang zur Terrasse. Nee. Lieber draußen. Er stand auf und setzte sich unter einen Sonnenschirm. Ein leises Lüftchen regte sich und verstärkte noch das Gefühl, im Strahl eines Föhns zu sitzen. Drinnen war es kühler, weil die Klimaanlage auf Hochtouren lief, aber da er Raucher war, musste er sich der Hitze im Schatten aussetzen. So saß er und ließ seinen Gedanken freien Lauf. Der Onne war schon seltsam. Während er über das bizarre Treffen mit dem malenden Freizeitschafhirten sinnierte, dudelte im Hintergrund irgendein privater Radiosender. „Die ältesten und seltensten gespielten Titel der 70er-Jahre“, säuselte der Sprecher. Love is like oxygen von Sweet lief gerade. Selten? Kolle schüttelte den Kopf. Leider nur die Singleversion. Er blickte sich um. Jemand schien auf dem Tisch, an dem er saß, seinen Tablet-PC vergessen zu haben. Auf den anderen Tischen lag auch jeweils einer. Komisch. Er nahm sich das flache, an eine alte Kreidetafel erinnernde Teil der modernen Gesellschaft. Kaum hatte er ihn vor sich, erwachte das Display zum Leben.
„GUTEN TAG!“, brüllte ihn der Text an. Darunter dann: „Wenn Sie bestellen möchten, drücken Sie jetzt BESTELLEN“, wurde er aufgefordert. Er drückte auf BESTELLEN. Sofort erschien ein neuer Text: „Möchten Sie etwas essen oder trinken? Oder essen UND trinken? Oder dürfen wir Ihnen das Menü für heute Abend empfehlen? Dann drücken Sie den entsprechenden Button.“ Darunter gab es mehrere Möglichkeiten. Er drückte auf ESSEN UND TRINKEN. Eine kurze Liste der zur Mittagszeit angebotenen Speisen erschien. LUNCH stand darüber. Und daneben eine Liste mit Erfrischungen. Lunch? Er seufzte. Gute alte Zeiten! Mittags gab es was Anständiges! Aber er wollte nicht auffallen. Er hatte ja Urlaub! Alles inklusive. Er entschied sich für eine „Sandhexe vom Thunfisch“ und Salat „Schafskälte mit Grünzeugs“. Dazu eine Apfelschorle. Das kalte Bier von Onne lag ihm im schwer im Magen. Dann musste er seine Zimmernummer eingeben und den zehnstelligen Code seiner elektronischen Zimmerkarte eingeben. Zum Abschluss kam die Meldung, dass seine Bestellung bearbeitet werden würde. Er spielte noch ein wenig mit dem Gerät herum und sah sich das Menü für den Abend an. Überwiegend Fisch, Rotbarsch und Kabeljau in zehn verschiedenen Variationen. Als Fleisch gab es nur Rind. Angeblich „Salzwiesenrind“. Kolle lachte über diesen Scherz. Allerdings in acht Variationen. Gut, dann ist der Abend gerettet, freute er sich. Als Dessert gab es Fruchteis oder Panna Cotta. Auch in verschiedenen Varianten. Getränke, wie üblich in jedem Hotel, in großer Auswahl. Die Biersorte war ihm unbekannt, aber na ja, verdursten würde er nicht. Als er genug herumgespielt hatte, kamen sein Essen und das Getränk. Scheinbar hatte der Besitzer sämtliche Schönheitsköniginnen der Westküste Schleswig-Holsteins unter Vertrag. Seine Bestellung wurde von einer echten nordischen Schönheit serviert. Blonder Pagenschnitt, Sommersprossen und eine Figur, nicht zu sexy und nicht zu dürr. Dazu noch braune Augen. Leider war sie zu schnell wieder verschwunden. Kommt Zeit, kommt Rat, grinste Kolle und widmete sich seinem „Lunch“. Zu seiner Zeit sagte man „Imbiss“ oder, wenn es unbedingt ein Anglizismus sein musste, auch schon mal „Snack“. Aber wann war „seine Zeit“? Eher so 70er-Jahre, als das Leben aufregend war. Gut, heute war es auch noch aufregend. Aber es fehlte diese zitternde, innere Unruhe. Er mampfte am Sandwich herum, das zu seiner Zeit „belegtes Brot“ hieß. Das gerade aus den versteckten Lautsprechern wispernde Sweet Home Alabama wurde von einer Durchsage unterbrochen:
„Wir unterbrechen unser Programm für eine aktuelle Unwetterwarnung. An der Westküste kommt es heute Abend und in der Nacht zu Starkregen, heftigen Gewittern mit Orkanböen. Auch Tornados und gefährliche Windhosen sind möglich. Erwartet werden die ersten Ausläufer eines Sturmtiefs gegen 20 Uhr. Das Unwetter hat bereits auf der britischen Insel große Schäden angerichtet. Ein unerwarteter Tornado an der Ostküste hat mehrere Kraftwerke lahmgelegt. Mindestens zehn Ortschaften waren stundenlang von der Stromversorgung abgeschnitten. Wir melden uns wieder, wenn es Neues über das zu erwartende Unwetter gibt.“
Kolle sah zur Nordsee hinaus. Er fand, dass zu viel Panik gemacht wurde, wenn ein Gewitter im Anzug war. Einige Tagesgäste kamen vom Strand. Scheinbar wollten sie wieder zum Festland. Quengelnde Kinder mit genervten Müttern.
„Nein! Du hast gehört, was der Mann im Radio gesagt hat. Und wenn es losgeht, will ich zu Hause sein!“
„Aber Mama, ...!“
Kolle verdrehte die Augen. War er eigentlich auch so gewesen? Aber Mama! Ein Protest, der nichts bringt. Die Bedienung kam und räumte ab. Anschließend brachte sie ein Schild an der Verandatür an. „Heute Abend bleibt die Veranda geschlossen. Danke für Ihr Verständnis.“ Kolle war es egal. Er sah auf seine Uhr. Siestazeit. Als er an der Bar vorbeikam, lief dort der Fernseher. Katastrophenmeldungen aus dem Vereinigten Königreich. Er fand, dass das nun ziemlich übertrieben war. Aufgeregte Reporter standen vor rauchenden Resten einer Umspannstation und berichteten mit gespielt pathetischen Floskeln über die Schäden und die mögliche Zahl der eventuell verletzten Menschen. Ob es Tote gäbe, wurde der Korrespondent vor Ort vom Moderator gefragt, und man sah es dem Journalisten im Studio an, dass er gar nicht froh war, dass diese Frage mit einem Schulterzucken beantwortet wurde. Scheinbar waren nur Orte an der Ostküste betroffen. Da das Umspannwerk einen Teil des Stroms der Offshore-Windräder aufnahm, um ihn ins Land zu transportieren, war die Stromversorgung für drei Stunden abgebrochen. Die Anlagen in der Nordsee mussten vom Netz genommen werden, um nicht durch Überspannung den Schaden zu vergrößern. Dann wurde umgeschaltet auf überschwemmte Gebiete der Marschgebiete, die hier ohne Deiche offen der Nordsee gegenüberlagen. Kollerup schauderte bei dem Gedanken, so ganz ohne Deich zu leben. Gut, die Leute im Husumer Stadtteil Schobüll kannten das. Aber irgendwie fühlte er sich ohne Deich völlig schutzlos.
Kollerup legte sich angezogen auf das frisch gemachte Bett. Trotz der jetzt sengenden Sonne war es angenehm temperiert im Raum. Ob der Haubarg sturmsicher war? Ja sicher, beruhigte er sich selbst. Schließlich stand der mehrere Jahrhunderte, ohne Schaden zu nehmen. Auch die Warft war mit ihrer Höhe von knapp zehn Metern außerhalb jeglichen Wasserstandes der höchsten Sturmfluten. Mit den Gedanken an einen Haubarg, der auf dem Wasser treibend in der Ferne entschwebte, während die Welt unterging, dämmerte er langsam in den Schlaf.
Jemand hämmerte an seine Tür. Was zur Hölle sollte das! Es war der Chef des Hotels. Sah aus, wie gerade vom Golfplatz gekommen. Cremefarbene Kleidung.
„Moin. Wollte nur nachfragen, ob alles zu Ihrer Zufriedenheit ist.“
„Ja. Ist es.“
„Mit dem Zimmer zufrieden?“
„Ja, bin ich.“
„Ich wollte Sie auch fragen, ob Sie heute Abend im Restaurant essen möchten.“
„Ja, wie ... ja klar.“
„Na ja, es ist so, dass einige Gäste ihr Zimmer storniert haben, und da wollte ich fragen, ob der Koch sich auf spezielle Sachen vorbereiten muss.“
„Ja, wie ... spezielle Sachen ...?“
„Wissen Sie, bei fünf bis sechs Gästen rechnet sich ein reduziertes Angebot eher als bei einem voll belegten Haus.“
„Ach, Sie meinen wegen der Unwetterwarnung? Ach was! Ich bin Husumer und so ein Lüftchen erschüttert mich nicht. Da seien Sie mal beruhigt. Ich bleibe. Und was das Essen angeht, bin ich mit Bratkartoffeln und Fleisch vollauf zufrieden.“
Der Mann schien sichtlich erleichtert zu sein. Er entschuldigte sich und klopfte auch schon an der Zimmertür eines anderen Zimmers.
Storniert haben einige Gäste. Interessant. Er stand am Fenster und bemerkte, dass es schon später Nachmittag war. Vier Uhr durch. Er bediente sich jetzt aus der Minibar. Ein Bier nach Vier. Was Onne und seine Schafe bei dem Wetter wohl machen würden? Ach ja. Die alte Kapelle. Er stellte die leere Bierflasche auf die Minibar, schlüpfte in seine Sneakers und ging hinunter.
An der Rezeption gab es ein Durcheinander, weil mehrere Gäste auschecken wollten, andere wollten unbedingt wissen, wie das Wetter morgen werden würde und ob die Hallig auch sturmflutsicher sei. Die junge Frau hinter der Theke behielt den Überblick und versicherte den Gästen, dass das Unwetter keine Sturmflut auf der Hallig verursachen würde. Eher an der Küste, wo sich das Wasser stauen könne. Auch die Windrichtung mache es sehr unwahrscheinlich, dass es zu Landunter kommen würde. Einige Wellen würden sicher die Salzwiesen erreichen, aber das wäre nun wirklich alles völlig normal und harmlos. Außerdem würde zur Zeit des prognostizierten Sturmes Niedrigwasser herrschen.
Hinter der Rezeption gab es eine Tür zu einem Büro, die jetzt offenstand, und er sah eine Dame mittleren Alters aufgeregt telefonieren. Einiges konnte er verstehen, weil das Telefonat sehr laut geführt wurde. Scheinbar ging es um eine geplante Wattwanderung, die morgen stattfinden sollte. Mehrmals versuchte die Frau ihren Gesprächspartner zu beruhigen. „Ja nun, dafür kann ich ja nichts, wenn einige Gäste abreisen! Das Wetter habe ich nicht zu verantworten!“
Kolle verließ dieses Irrenhaus und war erstaunt, wie heiß es draußen war. Vom drohenden Unwetter war nichts zu bemerken. Strahlend blauer Himmel. Mit einer brennenden Zigarette schlurfte er zum Rundweg, der um die Hallig führte. Wegen des ablaufenden Wassers, das nach seiner Meinung heute besonders ausgeprägt war, roch das Watt in der brütenden Sonne extrem nach Schlick und Salz. Links sah er in der Ferne die Schafe grasen, dahinter die alte Kapelle. Ein kleiner Punkt wieselte herum und begann die Schafe auf die Warft der Kapelle zu treiben. Kein leichtes Unterfangen. Er musste grinsen, als er Onne zwischen den Schafen sah.
Am Anleger machte gerade die Strandkrabbe fest. Eine Gruppe Touristen konnte es kaum erwarten, die letzte Fähre des Tages zum Festland zu nehmen. Es sah aus wie eine Flucht vor einer ganz schlimmen Katastrophe, fand Kolle. Tiere besitzen einen sechsten Sinn für nahende Unwetter, sinnierte er. Vielleicht haben einige Menschen diesen Fluchtinstinkt behalten und andere eben nicht. Just in dem Moment zog ein Schwarm Möwen vorbei und verschwand in Richtung Festland.
Kaum hatte die Fähre um Punkt 17 Uhr abgelegt, kam ein kleines Boot mit Außenbordmotor angetuckert. Ein Mann, ungewöhnlich für das Wetter in Cordhose und gesteppter Weste gekleidet, fand Kolle, stieg aus. Sorgfältig vertäute der Mann seine Nussschale. Dann bemerkte er Kollerup auf der Hotelhallig. Eine Sekunde lang stand der Typ nur so da und sah herüber. Kolle winkte nur mal so zum Spaß. Keine Reaktion. Der Mann nahm seinen Rucksack und kam zum Hotel. Kollerup nahm an, dass das vermutlich der Wattführer war und sich nun persönlich beschweren wollte. Er war der Meinung, dass das nicht sein Problem sei und wendete sich zum Strand.
Auf den Liegen räkelten sich einige Gäste herum und schlürften aus Gläsern bunte Getränke, während Reggae leise dahinplätscherte. Er erkannte den Titel Whole Lotta Love von Led Zeppelin. Nein! Als Reggae! Er setzte sich an die Südseebar-Imitation und schnippte nach dem Kellner.
„Sagen Sie mal ... wer sucht eigentlich die Musik aus?“
„Ich verstehe nicht?“, grinste der Keeper.
„Diesen Musiksirup da im Hintergrund, meine ich.“
„Ach, Sie meinen die Loungemusik!“
„Ja, genau. Diese trübe Suppe, Musik genannt.“
„Das macht irgend so ein Typ im Internet.“
„Wie Internet?“
„Das kommt aus dem Internet.“
„Die Musik?“
„Ja, Internetradio.“
Internet! Hat den niemand mehr eigene CDs? An LPs wagte er erst gar nicht zu denken. Oder wenigstens einen MP3-Player? Kolle sah die Musikbranche den Bach runtergehen. Aus Trotz bestellte er einen „Swimmingpool“. Eigentlich wollte er fragen, was der Barkeeper denn heute empfehlen könne, aber wenn die Musik aus dem Internet kam und von irgendeinem anonymen Menschen ausgesucht wurde, wollte er erst gar nicht daran denken, welche Getränke das Internet bei dem Wetter empfehlen würde.
Er schlürfte lange an dem Cocktail, der eigentlich ein Longdrink war. Anschließend verwickelte er den Mann hinter der Theke in ein Gespräch über Swimmingpools und die Farbe der Bikinis der Frauen, die in einem Swimmingpool schwimmen. Und dann kamen sie zum Thema Klimawandel und heiße Sommer. Der Typ hinter der Theke, er hieß Maik, war der Meinung, dass das nur gut für den Tourismus sei. Kolle war da anderer Meinung. Denn globaler Klimawandel würde nicht bedeuten, dass es hier schlagartig dauerhaft wärmer werden würde. Er verwies auf die Unwetterwarnung, dass heute Abend ein Unwetter auf die Westküste treffen solle.
„Ach. Unwetter! Was die als Unwetter bezeichnen, ist doch nicht zu vergleichen mit einem Herbststurm Stärke 12. Und selbst das“, der Barkeeper wies auf den Haubarg, „macht diesem alten Kasten nichts aus. Alte, gute Wertarbeit. Absolut sturmsicher und sturmflutsicher. Allerdings“, er sah zum Hotel hoch, „müssen wir den Strand vermutlich nach dem Sturm neu aufspülen lassen.“
Kolle fand, dass das das geringere Problem war. Er dachte an die Schafe und Onne. Er fragte Maik danach.
„Och, der kommt dann heute Abend zu uns, wenn es zu dolle wird“, winkte er ab. „Aber ansonsten ist seine Hütte auch sicher und hoch genug für ein Sommerhochwasser. Genauso sicher wie die Schafe in der alten Kapelle.“
Hinter ihm wurde es nun laut. Jemand beschwerte sich über irgendwas, und er hörte: „Scheißegal, was passieren würde! Ich lasse mich nicht so abschieben! Das haben SIE zu verantworten!“
Dann eine weibliche Stimme: „Was kann ICH dafür, wenn es ein Unwetter gibt!“
„Ach, es geht doch nicht um das Wetter! Es geht darum, dass SIE dem Frerk Carstens MEINE Tour gegeben hatten! MEINE!“ Die Stimme des Mannes kippte ins Hysterische. „DAS wird ein Nachspiel haben! NACHSPIEL!“
Nachspiel? Wird denn hier auch Fußball gespielt? Kolle amüsierte sich. Es gibt einen Minigolfplatz, aber einen Fußballplatz habe ich hier auf der Hallig noch nicht gesehen. Vielleicht ein juristisches Nachspiel, wer weiß das schon?
Maik verdrehte die Augen und flüsterte vertraulich über die Theke: „Das ist Kai, der Wattführer. Der ist sauer, weil die Chefin eine andere Tour mit einem anderen Wattführer gebucht hatte. Aber das fällt ja nun flach.“ Kolle sah auf die Uhr. Sechs Uhr durch. Holla, wie die Zeit vergeht! Er gab Maik seine Zimmernummer und ging hoch zum Duschen.
Für den ersten Tag seines Urlaubes gar nicht mal so schlecht, fand er. Eine interessante Bekanntschaft gemacht und ansonsten hatte er absolut nichts mit Mord und Totschlag zu tun gehabt. Manchmal dachte er, dass die Menschheit verrückt geworden war. Die Fälle, mit denen er zu tun hatte, ließen ihn oft am Verstand der Menschen zweifeln. Nicht weil einige zu leicht zu lösen waren, denn es gab ja auch harte Nüsse, die er zu knacken hatte, sondern weil seit Bestehen der Menschheit die Motive immer dieselben waren. Rache, Habsucht, Eifersucht, Neid und so weiter.
Vorsichtig stieg er in die Duschkabine und ganz sachte zog er an den Hebeln und drehte nur an den Wasserhähnen, die für das Wasser von oben zuständig waren. Irgendwann gibt es sprachgesteuerte Duschen, wie in den Science-Fiction Filmen, dachte er. „Wasser von oben, 23 Grad!“, rief er probeweise. Er fiel fast durch die Glastür der Kabine, als eine weibliche Stimme antwortete: „Wenn Sie jetzt noch freundlich ‚Bitte‘ sagen, kommt das Wasser.“
„Was ist das denn!?“
„Ich bin die automatische Duscheinstellung Betty.“
„Bitte, ich hätte gerne warmes Wasser von oben.“
„Gerne. Wie viel Grad?“
„23.“
„Das Zauberwort?“
„Bitte?“
„Im ganzen Satz.“
„Bitte, ich hätte gerne 23 Grad warmes Wasser von oben.“
„Mit welchem Druck?“
„Welchen kannst du mir anbieten?“
„Hart, Mittel und Weichei.“
„Weichei?“
„Ja, für Warmduscher und Dünnbrettbohrer.“
„Mittel.“ Er bemerkte sofort seinen Fehler und fügte ein „Bitte“ hinzu.
„Gerne. Wenn Sie fertig sind, beenden Sie den Duschvorgang mit ‚Stopp‘. Ich wünsche Ihnen angenehmes Duschen.“
„Danke sehr.“
„Bitte sehr.“
Nach dem Duschen, aufdringliche Düfte der hoteleigenen Hygieneartikel verströmend, bewunderte er die schwarze Wand, die sich von Westen heranschob und die Sonne verschluckte. Schlagartig wurde es deutlich dunkler. Er liebte Unwetter. Da merkt man doch erst, dass man lebt, sagte er immer, wenn sich jemand über schlechtes Wetter beschwert. Stundenlang konnte er am Fenster sitzen und wenn möglich draußen die Atmosphäre genießen, die ein nahendes Gewitter verströmte. Die Luft schien jedes Mal elektrisch geladen zu sein und die Wolkenformationen mit ihren gelb-schwarzen Fetzen, die als Vorhut das Unwetters ankündigten, waren wie das Intro zu einem bombastischen Konzert. Thunderstruck von ACDC war die Musik, die ihm bei diesen Gelegenheiten einfiel. So war es auch dieses Mal, als die Wand sich am Himmel hochschob. Und es war drückend schwül dabei. Er schloss bedauernd das Fenster und ging nach unten in den Restaurantbereich.
Nele, die junge hübsche Dame, die er von der Rezeption kannte, führte ihn zu seinem Tisch. Der Raum war mit Kerzen beleuchtet, und leise Musik plätscherte aus versteckten Lautsprechern. Er schien der Erste zu sein. Während er seine Bestellung aufgab, persönlich und Auge in Auge mit einem Menschen, füllten sich die Tische mit den Gästen. Aber das interessierte ihn nicht, wer wo und warum saß. Durch die Verandatür konnte man das Naturschauspiel im zweiten Akt bewundern. Er schien der Einzige zu sein, der es genoss. Alle anderen schienen sich kopfschüttelnd über die Gefährlichkeit und die möglichen tödlichen Folgen zu grämen. Kolle schnaubte verächtlich. Memmen!
Sein erster Gang, Eisbergsalat mit Fenchel, begann von einem Gewitterblitz begleitet. Der zweite Gang wurde von prasselndem Hagel an den Verandatüren beklatscht. Stimmt, der Applaus ist berechtigt, dachte er. Selbst er als Hobbykoch hätte es nicht besser machen können. Der erste Biss vom Steak wurde mit einem rollenden Donner kommentiert, der so lange dauerte, bis Kollerup das zerkaute Rindfleisch schluckte. Sein Bier wurde gebracht und der erste Schluck hatte eine Sturmböe im Gefolge, die die Bar draußen umwarf. Hach! Herrlich! Kollerup genoss die Vorstellung. Während die Mitarbeiter gelassen durch aufgeregt debattierende Gäste schreitend die Bestellungen aufnahmen oder Menüs servierten, ging es draußen jetzt zur Sache. Im Dämmerlicht über der Nordsee, kurz grell erhellt von Blitzen, sah man dichte Regenschauer hinwegziehen. Er sah auf seine Uhr. Verdammt! Das musste er sich abgewöhnen, immer auf die Uhr zu sehen. Urlaub, Kolle! Es war jetzt 21 Uhr. Die Zeit hatte hier auf der Hallig scheinbar ihre eigenen Gesetze. Er rülpste verhalten und dann gingen das Licht und die Musik aus. Kolle war der Meinung, dass das kleine Bäuerchen ja nun nicht diese Aufregung wert sei.
Eine Dame gab ein quietschendes Geräusch von sich und ein Glas zersprang mit einem Klirren auf dem Boden.
„Ruhe bewahren, meine Damen und Herren! Die Generatoren werden sofort anspringen!“, rief eine männliche Stimme irgendwo aus dem Dunkel. Und schon wurde es wieder hell. Ein weiterer Blitz zuckte vor den Fenstern und eine bleiche männliche Gestalt erschien an der Verandatür, die mit blutigen Händen dicke rote Schlieren hinterlassend, an der Glasfläche langsam zu Boden rutschte. Dann wurde es zum zweiten Mal schwarz im Raum. Ein weiterer Blitz zuckte, der die auf der Veranda liegende Gestalt kurz beleuchtete. Seine Intuition sagte ihm, dass dieser Mensch tot war. Ein doppelter Donner, der die Gläser auf den Tischen klirren ließ, beendete diese Szene.
Hotel
Der Tag des Unwetters
21:00 Uhr
Wenn es vorher ein chaotisches Durcheinander gegeben hat, wurde es jetzt gefährlich. Tische wurden umgestoßen, panische Menschen riefen durcheinander, Kindergeschrei, scheppernde Gläser. Kolle tat, was das Beste in so einem Fall war: Er blieb sitzen.
Jemand stieß ihn an und er musste sich am Tisch festhalten. Dann zückte er sein Handy, klappe es auf und hielt es in die Höhe. Dieser Lichtschein genügte ihm, um gefahrlos auf einen Tisch zu steigen. Oben angekommen steckte er zwei Finger in den Mund und pfiff derart laut, dass es ganz sicher auch auf Föhr zu hören war. In Bruchteilen von Sekunden war es mucksmäuschenstill. „Jeder bleibt jetzt, wo er ist! Hier ist die Polizei! Kann mich der Chef dieses Hotels hören?“
„Ja ...“, kam es zögerlich aus der Richtung, wo Kollerup die Bar vermutete.
„Was ist mit Taschenlampen?“
„Haben wir!“
„Haben Sie eine dabei?“
„Nein. An der Rezeption liegen welche.“
„Hat jemand ein Smartphone?“
Plötzlich glommen vereinzelt mehrere bleiche Lichter im Raum. Man konnte wieder etwas erkennen. Kolle fand, dass es aber noch heller ging.
„Was ist mit den Tablets? Das Display von den Dingern gibt mehr Licht. Schalten Sie ihre Telefone aus. Schonen Sie Ihre Akkus!“
Kurz wurde es wieder dunkel und dann erhellten Tablets mehrere Personen an der Bar.
„Kommen Sie mit zwei von diesen Dingern hierher“, befahl Kollerup. Die fahlen Lichter der mobilen Geräte wankten zu ihm herüber. „Jemand verletzt?“, fragte er laut in die Runde.
„Ich hab’ mir mein Knie gestoßen“, beschwerte sich jemand kleinlaut.
„Sonst nichts?“ Knie gestoßen! Die Welt geht unter, dachte Kolle.
„Dem Kind geht es gut?“, wollte er jetzt wissen.
Eine Mutter meldete sich: „Nichts passiert. Alles gut.“
„Niemand verlässt den Raum.“ Er fügte ein „bitte“ hinzu, weil er ja durch die sprechende Dusche etwas gelernt hatte. „Sobald wir die Lage geklärt haben, dürfen Sie auf Ihre Zimmer. Aber hier ist es momentan am sichersten.“
Draußen hörte man den Sturm ums Haus pfeifen und die Wassermassen aus den Regenwolken auf das Haus und auf die Fenster prasseln.
„Kolle!“, schallte es von Eingang her. Onne!
„Onne!“ Kolle freute sich, den Knirps zu sehen.
„Den Schafen geht es gut!“, rief der Schafhüter.
„Was ist los, Onne? Weißt du mehr?“
„Ein Blitz muss im Generatorhaus eingeschlagen sein.“
„Wir müssen sehen, ob wir den da draußen noch retten können, Onne“. Kolle deutete in Richtung Veranda.
Zwei Angestellte kamen jetzt mit Taschenlampen. Kolle nahm eine, zwei weitere gab er an Onne und an den Hotelchef weiter.
„Folgendes: Ihre Leute bleiben hier bei den Gästen. Jemand sollte sich um die Verletzten kümmern und kleinere Blessuren versorgen. Kaffee oder Tee wären jetzt nicht schlecht.“ Allgemeines Murmeln erhob sich. Stühle und Tische wurden wieder auf ihre Plätze gestellt. Das Küchenpersonal machte sich in der Küche zu schaffen und irgendwie kam wieder Normalität auf.


