Die letzte Fähre ging um fünf

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Da der Eingang und somit das Foyer im Windschatten lagen, ließ Kolle es darauf ankommen und öffnete vorsichtig die Tür. Er wusste, dass auf der Leeseite eines Hauses im Sturm der Sog nicht zu vernachlässigen war. Die meisten Dachschäden durch sich lösende Dachziegel entstanden auf der windabgewandten Seite. Der Sog war vergleichbar mit dem Effekt, der oberhalb einer Tragfläche dafür sorgte, dass ein Flugzeug Auftrieb bekam. Die Hölle war eine nachtschwarze Regenwand.
„Äh“, Onne zögerte.
„Was?“, Kolle sah ihn an.
„Ich hoffe, dass du nicht wasserscheu bist. Du bist ruckzuck durch bis auf die Haut“, sagte Onne mit unschuldigem Augenaufschlag.
„Bin ich aus Zucker?“, fragte Kollerup.
„Ich meine ja nur.“ Damit war die Sache erledigt.
Nach zwei Minuten wünschte Kolle sich eine Regenjacke. Aber bei dem Sturm war es egal, ob man sich mit einer Regenjacke draußen aufhielt oder nicht, weil der Sturm, der jetzt zum Orkan geworden war, den Regen waagerecht vor sich hertrieb. Breitbeinig wie echte Seemänner auf einem stampfenden und rollenden Schiff, stramm gegen den Orkan, wankten sie zur Veranda. Stockfinster war es, nur die zitternden Lichtbalken der beiden Taschenlampen wiesen ihnen den Weg. Sie hätten genauso in einem schwarzen Windkanal sein können. Kolle ahnte es bereits, bevor sie um die nächste Ecke schlichen. Instinktiv riss er Onne zu Boden. Etwas Großes flog mit flappendem Geräusch über sie hinweg.
„Das war knapp!“, brüllte Onne in Kolles Ohr. Auf Händen und Füßen krabbelten sie zur Veranda. Dort lag der Tote. Oder zumindest ging Kolle davon aus, dass der Mann tot war.
Gesicht nach oben. Augen und Mund offen. Kein Puls, kein Atem. Seitdem der Mann an der Verandatür zusammengebrochen war, waren mindestens 15 Minuten vergangen. Die Farbe der Haut, der fehlende Puls und Kolles Intuition sprachen für seine Vermutung. Er sah zum Verandafenster und deutete den Zusehern im Restaurant mit einem Schulterzucken an, dass da nichts mehr zu machen sei.
„Rein mit ihm!“, nickte er Onne zu, und beide hoben den schweren, schlaffen Körper an.
Ein Blitz zuckte aus dem abziehenden Unwetter, und der Orkan ließ ein wenig nach. Aber immer noch blies er so heftig, dass sie beide sich lieber vorsichtig bewegten, als von fliegenden Gegenständen erschlagen zu wurden. Es war egal, sie waren jetzt eh so nass, als ob sie mit Kleidung geduscht hätten. Langsam wurde es Kolle auch zu kühl. Der Temperatursturz musste mindestens zehn Grad betragen, so kam es ihm jedenfalls vor. Als sie zur windabgewandten Seite kamen, wurde es schlagartig still. Ein Hurrikan, fragte sich Kolle. Er sah zum Himmel. Aus einem riesigen Loch im Himmel blinkten Sterne. Triefend nass patschten Kolle und Onne ins Haus und trugen den Toten durch das Restaurant.
„Wir haben nicht viel Zeit!“, rief er in die Runde. „Wo ist der Kühlraum?“
„Da lang! Hinter der Küche.“ Das Gesicht des Chefs wurde jetzt bleich wie Schnee. „Das ist ja der Wolters!“, rief er.
„Wer ist Wolters?“ Kollerup sah ihn scharf an.
„Unser Wattführer!“
„Ex-Wattführer, meinen Sie.“
„Ja. Er sollte heute eine Wattwanderung machen. Fiel ja aus.“
„Was hat er dann hier noch zu suchen gehabt?“
„Er hatte sich bei meiner Frau beschwert, und dann war es zu spät, um gefahrlos zurück durch das Watt zu laufen. Für solche Fälle haben wir ein Zimmer im Angestelltenhaus. Dort kann man dann übernachten.“
„Egal. Ab in den Kühlraum mit ihm!“
Zu dritt trugen sie die Leiche in den Kühlraum und legten sie auf einen Tisch.
„Machen wir, dass wir hier rauskommen!“ Kollerup war total durchgefroren. Onne hatte in der Zeit die Fragen der Anwesenden beantwortet. Ein Hurrikan! Kannte man eigentlich nur aus dem Fernsehen. Aber hier? An der Nordsee? Wasserhosen, ja, die kannte man, oder die in der letzten Zeit auftretenden Tornados, die auf dem Meer riesige Wassermassen in große Höhen sogen. Aber vielleicht war es ja nur ein Orkan. So genau kann man das bei den heutigen Wetterkapriolen ja nie sagen.
„Haben wir ein Netz, Onne?“
„Kolle, du willst jetzt Fische fangen?“
„Nein. Kein Netz“, kam ihm der Hotelchef zuvor.
„Scheiße.“ Kolle dachte nach.
Kollerup wandte sich an den Hotelchef. „Gibt es in diesem Haus Satellitenverbindung?“
„Das hängt am Stromnetz und ist nicht autonom. Wer rechnet denn auch mit so einem Blitz, der alles lahmlegt?“ Fast schien es, als fühlte sich der Chef verantwortlich für den Blackout. „Das Einzige, was wir noch haben, ist das Gas für die Küche.“
„Ich brauche eine Liste der Gäste.“ Kolle betete im Stillen, dass es eine solche Liste gab. Aber als er das Gesicht des Chefs sah, sank seine Zuversicht.
„Aber Nele kann Ihnen sagen, wer eingecheckt hat. Warten Sie.“ Er wandte sich zum Restaurant und rief: „Nele! Komm mal bitte.“ Die schlanke nordische Schönheit mit dem blonden Pagenschnitt kam.
„Ja?“ Große braune Augen sahen ihren Chef an.
„Sag mal bitte dem Herrn Kommissar, wer alles eingecheckt hat.“
Und sie begann ohne Zögern, alle Gäste aufzuzählen.
„Moment, Moment!“, lachte Kolle und bat Onne, die Namen zu notieren. Der bekam ein Tablet und einen Stift, mit dem man auf dem Display schreiben konnte. Dauerte eine Sekunde, bis Onne die App aufgerufen hatte und bereit war.
„So“, Kolle sah Nele an. Als sie fertig war, bekam sie bewundernde Blicke.
„Eidetisches Gedächtnis“, hauchte der Chef des Hotels ergriffen. „Nele ist Gold wert.“
„Das ist sicher hilfreich in Ihrem Beruf“, sagte Kolle trocken. Die Angesprochene schien das kaltzulassen.
„Ist aber auch manchmal ein Fluch. Man vergisst so schnell nichts“, sagte sie und etwas schien sie plötzlich traurig zu stimmen.
Insgesamt gab es zehn Zimmer im Hotel. Oben sechs und unten vier. Im Obergeschoss waren vier belegt, unten zwei. Dann bedankte er sich bei Nele und dem Chef.
„Ach ja, ...“, ihm fiel etwas ein. „Wer kümmert sich eigentlich um die Haustechnik?“
„Jan-Ole“, antwortete der Hotelchef. „Soll ich ihm sagen, dass er sich den Schaden mal ansehen soll?“
„Ja. Gute Idee!“ Kolle nickte zufrieden. „Wie ist es mit der Verbindung zum Festland?“, wollte er wissen.
„Das müssen wir sehen, wenn wir Strom haben. Das Festnetz ist jedenfalls tot. Und wann wir Strom vom Festland bekommen, wissen wir, wenn die Smartphones wieder über Satellit funktionieren.“ Der Hotelchef sah hinaus und meinte trocken: „Aber bei diesen dichten und hohen Wolken sieht es schlecht aus.“
„Hoffen und beten“, murmelte Kolle. „Schicken Sie jemand nach oben, der sich die oberen Stockwerke ansehen soll. Ich müsste mal duschen und etwas Trockenes anziehen. Und der da auch.“ Er deutete auf Onne, der jetzt in eine Decke gehüllt auf einem Stuhl saß und etwas Heißes trank. Der Chef gab einen Wink, und ein junger Bursche trabte los. Nach 15 Minuten kam er zurück.
„Alles klar oben. Fenster haben gehalten und das Dach scheint unbeschädigt zu sein. Das grenzt an ein Wunder, Chef.“ Der erwiderte nur: „Ist ja alles für viel Geld sturmsicher gemacht worden.“ Damit schien für ihn der Fall erledigt zu sein.
Kolle war es egal. Während draußen der Orkan wieder zunahm, freute er sich unter der Dusche, dass er noch warmes Wasser hatte. Allerdings ohne Kommentare der sprechenden Dusche Betty.
Als er nach seiner Kleidung im Schein der Taschenlampe suchte, gingen die Lichter wieder an. Nach einem Flackern erloschen sie wieder. Dann gab es wieder Strom. Kolle wartete etwas ab, bevor er seine Lampe ausschaltete. Als er nach zwei Minuten immer noch Licht hatte, atmete er auf.
Auf dem Flur traf er Onne, der gerade eines der nicht belegten Zimmer verließ. Die Hose, die man ihm gegeben hatte, war an den Beinen mehrmals umgeschlagen und das viel zu große Sweatshirt schlabberte an seinem Körper.
„Sag nichts!“, wies dieser Kolle mit einem Finger drohend zurecht.
„Ich sag ja nichts. Ich stelle mir vor, wie deine geliehene Unterhose aussehen mag.“
„Welche Unterhose?“, erwiderte Onne trocken.
Jetzt mussten beide lauthals lachen. An der Bar orderte er als Erstes zwei dreifache Whiskeys. Irischen wollte er jetzt haben. Ohne Eis und ohne Wasser.
Zum Hotelchef, der in der Küche stand, um mit dem Koch die Lebensmittellisten durchzugehen, sagte er: „Sie können die Gäste in ihre Zimmer schicken. Wir versuchen, eine Runde zu schlafen. Bei dem Wetter flüchtet niemand. Schließen Sie aber alle Türen sorgfältig ab. Und ihre Angestellten bleiben bitte auch im Haus. Niemand verlässt das schwankende Schiff.“
Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: „Gibt es was Neues vom Techniker?“
Der Hotelchef schien erleichtert zu sein, als er sagte: „Ja. Er hat sich eben über sein Funkgerät gemeldet. Sieht übel aus, aber er meint, er könne es provisorisch richten.“
Als Kollerup und Onne in den tiefen Clubsesseln hingen, zündete Kolle sich zwei Zigaretten an. Mit Spezialtabak. Das hatte er sich verdient, fand Kolle, und bot Onne auch einen Joint an. Der zuckte nur einmal mit einer Augenbraue und nahm das Angebot an. Irgendwann saßen sie kichernd und trinkend – der Barkeeper war so nett gewesen, die Flasche auf die Theke zu stellen – in den bequemen Loungesesseln und lauschten leiser Fahrstuhlmusik. Es blieb nicht bei einem Joint. Stunden später dämmerten sie zu den Klängen von ACDCs Whole lotta Rosie, natürlich in einer kitschigen Piano-Lounge-Version, in einen leichten Schlaf.
„Gottlob hat Angus damals nicht Klavier gelernt, sondern Gitarre“, hauchte Onne noch.
Hotel
Erster Tag nach dem Unwetter
08:00 Uhr
Der nächste Morgen erwachte genauso wie unsere beiden Helden in der Bar: grau und vernebelt. Jemand hatte die Musik gewechselt.
„Soll wohl aufmunternd sein“, stöhnte Kollerup. Bei diesem Musiksirup kam er nicht auf Touren! Er schleppte sich zur Rezeption.
Per Klimmzug zog er sich am Tresen hoch und lallte mit schwerer Zunge: „’allo! Jeman’ da?“ Maik kam aus dem Büro.
„Moin, Herr Kommissar!“, begrüßte er Kollerup.
„Pschscht!“ Kolle zischte mit Zeigefinger am Mund: „Nich’ so laut!“
Entschuldigend hob Maik beide Hände und etwas leiser: „Was kann ich für Sie tun?“
„Sie könn’ mir sagen, wie ich normale Musik hören kann.“
„Normal?“
„Ja, normale Musik. Rockmusik, handgemacht. Normale, wie sie jeder normale Mensch hört.“
„Rock?“
„Ja.“
„Moment.“ Er ging ins Büro. „ACDC und so?“, rief er.
„Nicht heute Morgen! Irgendwas 60er-Jahre oder 70er-Jahre.“
„Pink Floyd?“
Kolle stöhnte erleichtert. „Ja!“
Sekunden später erklangen die ersten Noten von Shine on you crazy diamond.
„Sie haben mir das Leben gerettet, Maik!“
„Aus meiner Privatsammlung. Pink-Floyd-CD-Box.“
Zurück im Restaurant roch es nach Kaffee. Vorsichtigen Schrittes schlich Kollerup zur Anrichte, wo das Frühstück vorbereitet wurde, und schnüffelte an der Kaffeekanne. Hab’ ich es gewusst, triumphierte er innerlich. Letzte Dröhnung der schwärzesten Röstung. Onne schlürfte an einer Tasse und sog dieses Teerzeugs in sich hinein.
„Wenn ich auch so erschossen aussehe wie du, können wir locker in einem Zombiefilm mitspielen!“, begrüßte ihn sein neuer Freund.
„Ja, sicher, und das schwarze Zeugs schmieren wir uns ins Gesicht, das wird hammergruselig.“
Kolle wollte einen normalen Filterkaffee, den er bei Nele bestellte, die heute aussah, als ob sie auf einer Schönheitsfarm übernachtet hatte. Er setze sich. Kaum hatte er seinen Kaffee, kam Budnik, der Hotelchef.
„Guten Morgen, Herr Kommissar. Schlechte Nachrichten. Die Stromzufuhr vom Festland, das Festnetz und Satellitenverbindung sind unterbrochen.“
„Waren Sie schon draußen?“
„Ja. Der Anleger ist total zerstört. Da kann in den nächsten Tagen kein Schiff anlegen.“
„Das ist gut. Dann kann auch niemand flüchten“, freute sich Kolle.
„Ist eh gerade Hochwasser“, meinte Budnik. Kolle nickte und trank dankbar seinen normalen Kaffee.
„Aber“, der Hotelchef hob einen Finger, „wir haben Radioempfang!“
„Super!“
„Aber es sieht auf dem Festland nicht gut aus. Mehrere kleinere Schiffe, die an Land geworfen worden sein sollen, abgedeckte Häuser, entwurzelte Bäume. Gottlob keine Toten, allerdings mehrere hundert Menschen verletzt. THW und Bundeswehr räumen gerade auf. Vor morgen früh ist nicht mit einer Fähre zu rechnen. Die Inseln sind glimpflich davongekommen. Wie es auf den anderen Halligen aussieht, ist nicht bekannt.“
Kolle dachte nach. „Hubschrauber!“, rief er einem Einfall folgend.
„Alle im Einsatz, wie es heißt. In den Nachrichten und Sondersendungen wird berichtet, dass alle verfügbaren Helikopter in der Luft seien. An die Halligen und Inseln wird appelliert, noch einen Tag durchzuhalten.“
„So, heißt es das? Gut.“ Er sah auf seine Uhr. „Ich möchte gerne den Toten untersuchen. Meine dürftigen Kenntnisse müssen dieses Mal ausreichen. Ab elf Uhr werde ich erste Befragungen durchführen. Stellen Sie bitte sicher, dass sich Ihre Gäste dann zur Verfügung halten. Aber jetzt muss ich etwas essen.“
Nach dem Frühstück ging er mit Onne vor die Tür. Kühle Luft schlug ihm entgegen. Vom Wattenmeer war nicht viel zu sehen. Dichter Nebel begrenzte die Sicht auf höchstens 20 Meter.
„18 Grad“, sagte Onne mit einem Blick auf das Außenthermometer. Das, was sie sehen konnten, sah auf den ersten Blick nicht anders aus als sonst. Dann schlenderten sie den Rundweg entlang und mussten mehreren Baumresten ausweichen.
„Bäume!“, rief Kolle erstaunt.
„Ja. Vermutlich vom Festland oder von Hooge drüben. Weiß der Geier“, erwiderte Onne.
Vom Anleger war nichts übrig. Bestes Tropenholz und Eichenstämme, einfach weg. Dann wandten sie sich zur Kapelle. Onne war schon sehr nervös.
Als sie dort ankamen, drängelten schon die ersten Schafe ins Freie. Onne zählte schnell durch. Es waren genauso viele wie vorher. Exakt 200 Schafböcke. Der malende Schäfer atmete auf. Nur seine Hütte war nicht schadlos davongekommen. Das Dach fehlte. Außerdem waren sämtliche Fensterscheiben zerstört.
„Kann man wieder reparieren!“, rief Onne munter.
In der Hütte sah es aus wie nach einem Erdbeben. Nicht ein einziges Bild hing an den Wänden. Kolle war entsetzt! Das Werk eines Künstlers, weggewischt. Aber Onne schien guter Dinge zu sein. Ein Lied pfeifend, sah er sein ehemaliges Heim an. Er hob das eine oder andere hoch und sagte dabei: „Kann man alles reparieren.“ Dann ging er in die Ecke, in der die Nasszelle war. Sie gab es noch. Die Tür der Dusche war verschlossen. Mit einem theatralischen „Aha!“ riss Onne sie auf. Da lagen sie! Seine Bilder. Mit einer Plane sorgfältig festgezurrt. „Muss nachher alles ins Haus gebracht werden. Aber momentan liegen sie hier ganz gut.“ Onne verschloss die Tür der Dusche wieder sorgfältig und dann stolperten sie weiter.
„Sag mal, was denkst du über die letzte Nacht?“, fragte Kollerup.
Onne suchte im Schutt nach dem Kühlschrank. Er bemerkte, dass der Maler seine Frage nicht gehört hatte.
„Was machst du da!“
„Bier. Ich suche mein Bier.“
„Scheiß auf dein Bier! Da ist nichts mehr.“
„Doch. Muss.“
„Ist doch ganz normales Bier! Im Hotel gibt es die gleiche Sorte.“
„Nö.“
„Wie. Nö.“
„Im Hotel gibt es das nicht. Würde mich sehr wundern.“
„Da ist er! Hilf mal.“ Kolle stöhnte und half.
„Ha!“ Onne hielt triumphierend zwei braune Flaschen hoch. Sahen unscheinbar aus, fand Kolle. Gar nicht wie Bierflaschen, sondern eher wie alte Weinflaschen. Der Hals mit rotem Wachs versiegelt.
„Weißt du, was DAS ist?“ Onne fuchtelte damit vor Kolles Nase herum.
„Bier?“
„Ja, sicher! Aber welches?“
„Flens?“
„Ich bezweifele, dass die damit zu tun haben.“
„Du willst doch wohl nicht sagen, dass du das Bier unserer verfeindeten Nachbarn trinkst! Dithmarscher!“
„Ah! Nein!“ Onne freute sich wie Rumpelstilzchen.
„Also gut, ich gebe auf.“ Jetzt wollte Kolle es endlich wissen.
„Es ist das älteste Bier, das man hier in dieser Gegend haben kann.“ Onne liebte Rätsel. Jetzt stöberte er wieder herum und fand unter einem Holzstapel einigermaßen trockenes Zeitungspapier. Er wickelte die Flaschen sorgfältig ein und übergab eine davon Kollerup.
„Nicht fallenlassen“, ermahnte er ihn.
„Nicht trinken, wäre angebrachter jetzt“, grinste Kollerup.
Wortlos gingen sie zum Hotel. Kolle konnte warten. Wenn Onne so weit war, dann würde er ihm schon reinen Wein – oder passenderweise reines Bier – einschenken. Soweit sie es überblicken konnten, schienen die Wohnhäuser und das Hotel den Hurrikan fast schadlos überstanden zu haben.
Die Salzwiesen selber sahen natürlich nicht mehr so idyllisch aus wie vorher. Treibgut jeder Größe und Art lag herum. Sogar einige Wellblechdächer, vermutlich von einem Schuppen der Nachbarhallig. Ein großes Stück steckte wie ein abgestürztes Raumschiff schräg im Gras. Ansonsten alles das, was man nach einer Sturmflut üblicherweise immer vorfindet: Plastikflaschen, Kisten, Balken und Kanister. Und auch ein Kinderwagen, was Kolle zu denken gab. Er hoffte, dass die Mutter hoffentlich so schlau gewesen war, das Kind vorher in Sicherheit zu bringen.
„Sag mal. Hörst du das?“ Er blieb stehen und lauschte.
„Nö. Ich höre nichts.“
„Das meine ich doch!“
„Diese Ruhe?“
„Ja!“
Kein Wind, keine Möwen, selbst das Wasser lag irgendwo im Nebel völlig lautlos da. Keine Signalhörner der Schiffe. Sogar das bei einer solchen ruhigen Wetterlage kaum wahrnehmbare Wummern der Schiffsmotoren fehlte. Es war totenstill.
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