Das gefälschte Testament und andere Mordfälle aus Mitteldeutschland

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Mit dem Pelzhandel hatte Isidor Fisch Erfahrung. Am 26. Juli 1905 war er als Sohn eines Leipziger Pelzhändlers geboren worden. Ihr Geschäft betrieben die Fischs in der Jahnstraße (heute Industriestraße) 45. Isidors Schwester Hannah verkaufte bei Tobias Braudes Pelze auf der Katharinenstraße. Bruder Pinkus besaß ein eigenes Unternehmen der Branche, Brühl 47, II. Etage. Auch Isidor hatte den Beruf eines Kürschners erlernt. 1925 wanderte er nach Amerika aus. Tuberkulose ließ ihn in die Heimat zurückkehren. Die Hauptmanns gaben für den Freund ein Abschiedsessen. »Es war der letzte Sonnabend, ehe er nach Deutschland reiste. Herr Fisch kam gegen 9 Uhr. Da meine Frau zu der Zeit gerade im Kinderzimmer war, ging ich an die Tür, als er läutete, und ließ ihn ein. Wir gingen am Vorderzimmer vorbei, dessen Tür offen war, in die Küche. Hier gab er mir ein kleines Paket und bat mich es an einem trockenen Ort aufzubewahren. Ich fragte ihn: ›Haben Sie Papiere darin?‹ Ich glaubte, dass er einige Kleinigkeiten vergessen habe, wie Briefe und Fotografien, und dass er diese Dinge in ein kleineres Paket geschnürt habe. Ich entsinne mich nicht mehr genau, wie er sich zu meiner Vermutung äußerte. Wenn er mir gesagt hätte, dass das Paket Geld enthielte, würde ich mich anders verhalten haben. Ich hätte ihn wenigstens gefragt, woher es stamme. Da wir in der Küche waren, legte ich das Paket auf das obere Brett des Küchenschrankes. Wir benutzten dieses Brett selten, da wir dorthin Dinge stellten, die wir nicht häufig brauchten. Dennoch war das Brett ziemlich voll, sodass ich erst Platz für das Paket machen musste. Es ist deshalb leicht erklärlich, dass meine Frau es nicht bemerkte, und selbst wenn sie es gesehen hätte, würde sie nur gedacht haben, es enthielte etwas, was ich nicht mehr brauchte, aber nicht wegwerfen wollte. Die ganze Geschichte mit dem Paket war mir so unwesentlich, dass ich sie bald vergaß.« Doch dann überführt das Päckchen Bruno Hauptmann des Verbrechens des Jahrhunderts.
Die Geschwister Hannah und Pinkus Fisch werden zum Sensationsprozess geladen. Denn Pinkus hatte nach dem Tod des Bruders wegen etwaiger Außenstände bei Bruno Hauptmann angefragt. »Ich schlug drei Wege vor, den Nachlass zu ordnen. Er solle selbst herüberkommen, um alles in die Hand zu nehmen, wobei ich ihm, so gut wie es ginge, helfen würde. Falls sein Geschäft keine längere Abwesenheit von Deutschland zuließe, solle er mir alles Nötige schicken und mir notarielle Vollmacht geben. Oder er würde die ganze Angelegenheit einem Rechtsanwalt übergeben. Von letzterem Vorschlag riet ich ab, weil am Ende nicht viel übrig bleibt, wenn die Sache den Rechtsanwälten übergeben wird.« Quittungen besaß weder Pinkus Fisch in Leipzig, noch hatte Bruno Hauptmann für die Pelzgeschäfte Unterlagen.
»Und so sitze ich hier, zehn Fuß vom elektrischen Stuhl entfernt und wenn nichts getan werden kann, um mir zu helfen, wenn nichts getan werden kann, um jemanden dazu zu bringen, die Wahrheit zu sagen über die Art und Weise, wie die gegen mich verwendeten Beweise beschafft wurden, oder wenn nicht jemand die Wahrheit über jene sagt, die tatsächlich an diesem Verbrechen beteiligt waren und es begangen haben, werde ich mich nächsten Dienstagabend um acht Uhr als Antwort auf den Ruf meiner Wärter zum letzten Mal von meiner Pritsche erheben und werde jene letzte Meile gehen; ich werde durch die Tür gehen, die ständig vor mir war – die Tür, die diese kleine Welt, in der ich gelebt habe, in zwei Teile spaltet: den Teil, der das Leben beherbergt, und den Teil, der nur in die Ewigkeit führt. Ich vermute, es werden einige in der Kammer anwesend sein, die einen Anteil an der Vorbereitung für die Strafverfolgung in meinem Fall hatten. Ich bin fest davon überzeugt, dass ihr Leiden, ihre Qual größer sein wird als meine. Meine wird sofort vorbei sein. Ihre wird so lange andauern, wie das Leben selbst dauert.«
Viele Fragen hat der Hauptmann-Prozess nicht beantworten können. Die Witwe kämpfte bis zum Lebensende darum, die Unschuld ihres Mannes nachzuweisen. Anwälte setzen bis heute das Rehabilitationsverfahren fort. Unglücklich auch das Schicksal von Isidor Fischs Geschwistern. Nach Deutschland zurückgekehrt, fällt die Familie unter die Nürnberger Gesetze. Ihre Spuren verlieren sich in den Konzentrationslagern Bardejow und Auschwitz. Das Grab Isidor Fischs befindet sich auf dem Neuen Jüdischen Friedhof.
»Das wichtigste Rezept für den Krimi«, meinte Agatha Christie, »der Detektiv darf niemals mehr wissen als der Leser«. Hercule Poirot hat Isidor Fisch aus Leipzig nicht gekannt.
Hans Girod
Nichts für schwache Nerven
Zwei Fälle von Kannibalismus
Es ist das Jahr 1969, und es ist Herbst. Ein höchst offizielles Jubiläum kündigt sich an: Zwanzig Jahre schon hat die Arbeiter- und Bauernmacht die gesellschaftlichen Geschicke in festem Griff. Die DDR hat sich zur zweitgrößten Industriemacht innerhalb des Ostblocks gemausert und ist auf bestem Wege auch zu internationaler Anerkennung. Der Jahrestag soll würdig gefeiert werden. Auch in der sächsischen Kreisstadt Glauchau, dem traditionsreichen Industrieort der Tuchmacher und Leinenweber, laufen die Vorbereitungen. Der Kultur- und Sozialfonds in den volkseigenen Betrieben darf mit vollen Händen ausgeschöpft werden. So auch im VEB Spinnstoffwerk »Otto Buchwitz«. Eine große Kulturveranstaltung mit anschließendem Tanz bis zum Morgengrauen wird angekündigt.
Für die meisten Gäste ist der Abend ein nachhaltig schönes Erlebnis, für zwei jedoch das unscheinbare, heimtückische Vorspiel einer Tragödie, die zwei Jahre später großes Entsetzen in der kleinen Stadt auslöst. Denn in dieser Nacht führt der Zufall die Akteure dieses Dramas zusammen: Ihn, Michael, zweiunddreißig Jahre alt, ein ruhiger, gutmütiger Typ, der als Betriebsschlosser eine zuverlässige Arbeit verrichtet, und sie, die neunundzwanzigjährige Maschinenarbeiterin Hannelore, mollig, resolut, blond, mit üppigem Busen und drallem Po. Viel Tanz und viel Wein lassen die Gefühle regelrecht explodieren. Hinter beiden liegen etliche gescheiterte Partnerschaften. Doch Alkohol verklärt, und auf den Barhockern sitzend, besprechen sie bereits an diesem Abend ihre gemeinsame Zukunft und kommen noch in der gleichen Nacht auf einer gemeinsamen Matratze zu einem Eheversprechen und ihrem ersten, lustvollen Höhepunkt.
Bereits wenige Wochen später geben sie sich auf dem Standesamt das Ja-Wort und geloben Treue, bis der Tod sie dereinst scheiden wird. Ganz in der Nähe der Stadtkirche St. Georg beziehen sie eine heruntergekommene Zweizimmerwohnung, guten Willens, ein Leben in ehelicher Harmonie zu führen. Der Honigmond ist ausgefüllt mit der Wohnungsrenovierung, dem Herbeischaffen notwendigen Inventars aus dem Fundus der Gebrauchtmöbelläden, vor allem aber mit stürmischen Kopulationen, denen ausgedehnte Kneipengänge vorausgehen. Doch bereits nach wenigen Wochen ziehen die ersten dunklen Wolken über den Ehehimmel. Schon banalste Meinungsverschiedenheiten werden alsbald mit unverhältnismäßig großer Heftigkeit ausgetragen, und körperliche Attacken bleiben nicht aus. Derweil Michael sich während der ehelichen Gefechte meist defensiv verhält, lässt Hannelore den Angetrauten die Kräfte ihres fülligen Körpers spüren, auch Haushaltsgegenstände fliegen ihm um die Ohren. Nur der Alkohol sorgt für einen zeitweiligen Waffenstillstand.
Mit der Zeit verebbt das eheliche Intimleben. Der Alltag besteht letztlich nur aus Schichtarbeit im Spinnstoffwerk und abendlichen Streitereien. Überhaupt, Hannelores sexuelles Bedürfnis wird immer mehr durch das nach Bier und Schnaps verdrängt. Michael bleibt mit seinen Wünschen allein. Weil die Angebetete in nüchternem Zustand kaum mehr zu einer sexuellen Annäherung bereit ist, erhält der Alkohol mit der Zeit eine wichtige kuppelnde Funktion. Michael bereitet den ehelichen Beischlaf damit vor, dass er für einen optimalen Alkoholpegel seiner Gattin sorgt. Dann darf er sich an ihr bedienen. Hannelore dosiert ihr Entgegenkommen mit kühler Überlegung, indem sie ihm zunächst eine Annäherung erlaubt, um ihn sogleich wieder auf Distanz zu bringen. Das stachelt ihn an und fördert seine Spendierfreude. Michael ist emotional so eingeengt, dass er nicht spürt, wie sie ihn auf diese Weise manipuliert. Liebesverlust quält, neurotisiert, steigert aber auch die Lust auf das so schwer Erreichbare und zwingt zu demütigenden Zugeständnissen. Geld oder Schnaps für Sex. Zwischen diesen Alternativen findet das Sexualleben des Ehepaares Ewald nun statt.
Im Gegensatz zu Hannelore hält sich sein Quantum an geistigen Getränken in erträglichen Grenzen. Sie hingegen verfügt über eine erstaunliche Kondition, die es ihr trotz chronischer Alkoholexzesse ermöglicht, am nächsten Tag im Betrieb unauffällig zu erscheinen. In Wirklichkeit aber befindet sie sich schon längst auf dem schnurgeraden Weg in die Alkoholabhängigkeit.
Die Kneipengänge zehren am gemeinsamen Geldbeutel. So dauert es auch nicht lange und wirtschaftliche Nöte belasten das Ehepaar zusätzlich – ein weiterer Grund für Auseinandersetzungen. Mangel an Geld bedeutet Mangel an Alkohol. Das macht Hannelore noch aggressiver, unberechenbarer und unleidlicher. Michael ist unfähig, sich ihrer Stimmungsausbrüche zu erwehren, fühlt sich hilflos ihren Launen ausgesetzt und muss bald in sklavischer Unterwerfung ansehen, wie Hannelore ohne ihn die Kneipenbesuche fortsetzt, dabei fragwürdige Männerbekanntschaften schließt, sich aushalten lässt und nächtelang nicht nach Hause kommt. Kraftlos setzt er sich den Schmähungen aus, kuscht vor seiner resoluten Frau. Unterwürfigkeit ist ein Charakterzug, den ihm seine autokratische Mutter dereinst einprügelte.
Längst hat er begriffen, dass Hannelore ihn nur erduldet, trotzdem buhlt er leidenschaftlich um ihre Gunst. Doch schroff weist sie ihn ab, macht aus ihren Seitensprüngen keinen Hehl und kündigt schließlich ihre endgültige Trennung an. Michael bittet sie inständig, bei ihm zu bleiben, droht mit Selbstmord. Vergeblich: Ende des Jahres 1970 packt sie auf Betreiben ihres aktuellen Liebhabers ihre Siebensachen und bezieht einige Straßen weiter bei Frau Thieme, einer betagten Dame, ein Zimmer zur Untermiete. Von nun an sehen sich die Eheleute nur im Spinnstoffwerk, wenn sie die gleiche Schicht haben. Dann gehen sie höflich miteinander um, rücksichtsvoll und ohne Nörgelei. Michael frisst die Eifersucht in sich hinein und macht Hannelore unverdrossen weiterhin den Hof. Doch sie reicht auf dem Kreisgericht Glauchau die Scheidung ein. Michael ist außer sich. Verzweiflung und Schwermut befallen seine Seele. Sein erbärmlicher Zustand muss das Herz des Richters erweicht haben, denn dieser setzt das Scheidungsverfahren aus, verordnet den Eheleuten eine weitere Bewährungszeit. Halbherzig willigt Hannelore ein, teilt nun das Ehebett wieder mit Michael. Doch die Harmonie ist nur von kurzer Dauer. Manchmal fasst sich Michael ein Herz und moniert ihre Seitensprünge. »Ich lasse mich sowieso von dir scheiden. Was ich mache, geht dich nichts an«, wehrt sie sich und ergeht sich in üblen Beschimpfungen, die wie Hagelstürme auf ihn niederprasseln.
Das kleine Zimmer bei der alten Frau Thieme hat Hannelore nicht aufgegeben. Es ist ihr Hort des stillen Genusses und der Ausnüchterung. Ihr ebenfalls trinkfester Galan hatte ihr dazu geraten. Michael bleibt wieder häufig allein. Sein Intimleben ist auf die Erlebnisse in seinen Vorstellungen beschränkt, in denen Hannelores aufreizender Hintern einen wichtigen Part übernimmt. Die aufgezwungene Triebunterdrückung führt zu einer nahezu krankhaften Besessenheit, mit der er auch in der Folgezeit seine lüsternen Gedanken auslebt, ohne die Hoffnung aufzugeben, dass sich das Objekt seiner Begierde eines Tages real wieder mit ihm vereint. Die sexuellen Entbehrungen, aber auch die Eifersucht wühlen Michaels Seele auf, massive Phantasien entstehen, Hannelores Körper bald zu besitzen, koste es, was es wolle.
Fast ein halbes Jahr dauert dieser Zustand an. Mitte Juli nimmt Michael seinen Jahresurlaub. Es ist eine triste, langweilige Zeit des Ausschlafens und des Müßiggangs. Anfangs verschafft er sich durch Tapezierarbeiten bei Nachbarn einen kleinen Nebenverdienst, dann verbringt er viele Sonnenstunden im Freibad und die Abende in einer Kneipe seines Kiezes. Hannelore hat er schon tagelang nicht gesehen. Doch dauernd muss er an sie denken.
Am Nachmittag des 29. Juli 1971 beabsichtigt er, seine Mutter in Meerane mit einem Besuch zu überraschen. Auf dem Wege zum Bahnhof erblickt er zufällig auf der anderen Straßenseite Hannelore. Er wagt es zunächst nicht, sie anzusprechen. Als sie ihn bemerkt, steuert sie jedoch unverdrossen auf ihn zu. Schon ihre Art zu gehen zeigt ihm, dass sie nicht mehr ganz nüchtern ist. Der Alkohol lässt ihre Augen matt glänzen. Sie lächelt den Gatten freundlich an: »Gehst du mit mir einen trinken?«
Sofort schlägt Michael sein Vorhaben, nach Meerane zu fahren, in den Wind, beginnt ein Gespräch über die Widrigkeiten seines Lebens in Trennung, fragt, was er tun müsse, um sie wieder für sich zu gewinnen, und gibt unmissverständlich zu erkennen, dass sein Verlangen nach ihr übermächtig sei.
»Leih mir zwanzig Mark«, fordert sie. »Montag gibt’s erst wieder Lohn, dann kriegst du sie zurück!«
Michaels Gesicht zeigt herbe Enttäuschung, was ihr nicht entgeht, denn sie korrigiert ihre Forderung mit einer Offenheit, die ihn verblüfft: »Die alte Thieme ist bis nächsten Monat in Bremen, besucht ihre Kinder. Kauf ’ne Pulle Klaren und wir gehen zu mir. Dann kannst du mich ficken.«
Dieses verlockende Angebot will er sich keinesfalls entgehen lassen. Doch Hannelores Untermieterbude, der Ort, an dem sie sich mit ihrem Liebhaber verlustiert, ist ihm verhasst. Er will ins vertraute eheliche Schlafzimmer. Deshalb schwindelt er: »Ich hab nicht so viel bei mir. Komm mit nach Hause, du kriegst das Geld.«
Das Paar trottet in scheinbarer Eintracht in Richtung der ehelichen Wohnung. Dort angekommen, sind sie sich über den absonderlichen Deal schnell einig: eine kleine Flasche Apfel-Korn und fünf Mark gegen einen Geschlechtsverkehr. Michael wird derart von seiner Begierde beherrscht, dass er Hannelore schnell zur Sache drängt. Als er die Flasche aus dem Schrank hervorholt und das Geld überreicht, stellt sie leidenschaftslos ihren Körper zur Verfügung. Michael macht sich über sie her, schnell ist alles vorbei. Hannelore bringt den Gatten sofort wieder auf Distanz, erkennt aber auch, dass der potente Mann durchaus zu einem wollüstigen Marathon fähig wäre. Während sie ihr Haar ordnet und das Kleid richtet, stellt sie zu seiner großen Freude in Aussicht, am Abend wiederzukommen. »Was lässt du dafür springen?« Michael muss nicht lange überlegen. »Zehn Mark und ’ne Pulle«, ist seine spontane Antwort.
Gegen 19.30 Uhr ist sie wieder zur Stelle. Sie trägt ein knallrotes Minikleid, das die Konturen ihres molligen Körpers unterstreicht. Der aufreizend herbe Duft ihres Parfüms kaschiert die Alkoholfahne. Michaels Blut gerät in Wallung. Er präsentiert seiner Frau zwei Flaschen »Nordhäuser Doppelkorn«, von denen eine flugs in ihrem Kunstlederbeutel verschwindet. Aus der anderen gießt er zwei Gläser randvoll und prostet ihr auffordernd zu. Er will sich Zeit nehmen, braucht ein erotisches Vorspiel, glaubt insgeheim, auf diese Weise auch Hannelore in Leidenschaft zu versetzen.
Und während beide auf dem Sofa sitzend die Flasche leeren, lenkt Michael das Gespräch immer wieder auf eine Versöhnung, appelliert an ihr Gewissen, will die Gründe wissen, warum sie ihn ablehnt und das Scheidungsbegehren nicht aufgibt. Sein larmoyantes Gebaren macht Hannelore nur noch abweisender und kälter. Ihr wiederholtes schroffes »Nein« versetzt ihn schließlich in Zorn. Mit einem Mal ist ihm nämlich die Aussichtslosigkeit seiner Bemühungen bewusst geworden: Er hat sie verloren. Die Enttäuschung versetzt ihn in Rage. Er brüllt seine ganze Wut über die verkorkste Ehe und ihre Trinksucht heraus und überschüttet Hannelore mit Vorwürfen. Sein Gebrüll reizt jedoch auch sie. Unmissverständlich donnert sie ihm entgegen: »Lass den Scheiß! Ich bereue jede Minute mit dir, und du willst einfach nicht wahrhaben, dass es aus ist. Begreife endlich, ich liebe einen anderen!«
Sie erhebt sich grollend und will die Wohnung verlassen. Michael ist außer sich: Wenn Hannelore jetzt geht, ist er wieder allein in seinem kalten, leeren Heim. Sie hingegen vergnügt sich bald wieder in den Armen eines anderen. Nein, das verkraftet er nicht. In seinem Gehirn toben wirre Überlegungen, bis er zu einem Entschluss kommt, furchtbar und mit normalem Menschenverstand nicht nachvollziehbar: »Wenn ich sie schon nicht kriege, soll sie der andere auch nicht haben!«
Später vor Gericht wird er diesen Satz, der wie eine schwache Rechtfertigung anmutet, mehrmals wiederholen. Wie ferngesteuert ergreift er die leere Schnapsflasche. Noch ehe Hannelore die Gefahr erkennt, trifft ein wuchtiger Hieb ihren Schädel. Ohne einen Laut von sich zu geben stürzt sie zu Boden. Augenblicklich schwinden ihr die Sinne. Michael beugt sich über sie, die Flasche, die den Schlag unversehrt überstanden hat, in der Hand. Aus einer Platzwunde am Schädel sieht er etwas Blut herausquellen, das in ihrem blonden Haar versickert. Reglos liegt sie zu seinen Füßen. Nur ein kaum wahrnehmbares Röcheln verrät, dass sie nicht tot ist. Sonst ist Stille. Seine Wut verfliegt im Nu. Neue, absonderliche Gedanken schwirren durch sein Hirn: Jetzt ist sie mein! Jetzt kann ich sie haben!
Michael eilt in die Küche, ergreift ein Messer, um ihr den Hals aufzuschlitzen. Jetzt ist er ganz dicht bei ihr, Körper an Körper, so wie er es sich immer gewünscht hat. Ihr Leben ist in seinen Händen. Dann sticht er zu. Zu seiner Verwunderung tritt verhältnismäßig wenig Blut aus der klaffenden Wunde. Dafür vernimmt er ein stoßweises keuchendes Gurgeln, das bei jedem Atemzug der Bewusstlosen die in die Wunde eintretende Luft verursacht. Nach einigen Minuten ist es vorbei. Er kann nicht wissen, dass Luft in Hannelores Blutgefäße drang und das Herz schnell zum Erlahmen brachte. Michael erhebt sich.
Seine sexuelle Erregung ist plötzlich abgeklungen und wird durch ein umfassendes Wohlbehagen ersetzt, ausgelöst durch das Gefühl des Sieges. Das Gefühl ist so überwältigend, dass es weder Angst vor Entdeckung noch Schuldgefühle aufkommen lässt. Michael will es genießen, die uneingeschränkte Macht über die Frau auszuüben, auf die er so lange verzichten musste. Dass sie tot ist, erscheint ihm dabei nebensächlich. Überlegungen zur Beseitigung ihres Leichnams und aller Spuren unterdrückt er, verschiebt sie auf einen späteren Zeitpunkt. Sie sollen seinen Siegesrausch nicht stören.
Bei leiser, anheimelnder Radiomusik entkleidet er die tote Frau. Der Anblick ihrer Pobacken mobilisiert erneut das Gefühl der Macht. Die Erregung ist übermächtig. Doch wie kann er seine Lust befriedigen? Vor einem regelrechten Geschlechtsverkehr mit der Toten schreckt er zurück. So liegt er länger als eine Stunde dicht bei der Toten, liebkost den noch warmen Körper, insbesondere die Gesäßpartie. Es ist ein makabrer Vorgang, absurd und zugleich zärtlich. Der Mörder sucht die absolute Nähe zu seinem Opfer.
So verrinnt die Zeit und mit ihr das bisherige Wohlbefinden. Schließlich packt ihn doch die Angst vor Entdeckung seiner Tat. Eines ist gewiss, er muss sein Verbrechen vertuschen. Er ist zuversichtlich, ungeschoren davonzukommen, wenn er es richtig anstellt. Er will die Tote zerstückeln und die Teile im Glauchauer Stausee versenken. Dazu holt er sich aus dem Arsenal seiner Werkzeuge eine Tischlersäge. Bevor er sein schauerliches Werk beginnt, wendet er die rücklings auf dem Wohnzimmerfußboden liegende Tote auf den Bauch, um die Säge in der Mitte der Wirbelsäule ansetzen zu können. Doch dann hält er inne: Erneut versetzt ihn der Anblick des üppigen Pos in lüsterne Erregung. Mit teuflischer Lust schneidet er mit dem Küchenmesser zwei große Stücke aus dem Gesäß, tranchiert sie säuberlich, legt das Fleisch in einen großen Tiegel, deckt ihn sorgfältig ab und deponiert das Gefäß in der kühlen Speisekammer. »Ich wollte mich später wieder daran erregen«, gibt er in der späteren polizeilichen Vernehmung an.
Ins Wohnzimmer zurückgekehrt zersägt Michael die Leiche seiner Frau in zwei Teile, umwickelt diese mit Plastikfolie und verpackt sie in alte Kohlensäcke. Den Sack mit dem Torso des Oberkörpers zwängt er in einen Koffer und stellt diesen im Schlafzimmer ab, um ihn bei nächster Gelegenheit im Keller zu vergraben. Den anderen Sack, der sich mühelos auf der Lenkstange seines Fahrrads transportieren lässt, bringt er zum Stausee und versenkt ihn im flachen Uferwasser.
Müde und abgespannt kehrt Michael nach Hause zurück, reinigt den Fußboden des Wohnzimmers und verbrennt Hannelores Sachen. Vorsorglich hat er ihre Hausschlüssel an sich genommen. Gegen drei Uhr sinkt er ermattet in die Kissen, um einige Stunden tief zu schlafen.
Gegen sieben Uhr ist Michael wieder auf den Beinen. Doch seine Bemühungen, im Keller eine Grube auszuheben, scheitern, der harte Kellerboden widersteht den Attacken der Kohlenschaufel. Deshalb bringt er den Koffer mit dem grausigen Inhalt wieder ins Schlafzimmer zurück und setzt die Reinigungsprozedur fort. Kurz vor Mittag beendet er die Spurenbeseitigung. Nun ist er zufrieden.
Wollüstige Gedanken stellen sich wieder ein, als er sich plötzlich an den in der Speisekammer abgestellten Tiegel erinnert. Ihn überkommt ein unbezwingbarer Appetit auf dieses Fleisch. Die Idee, ein Stück von Hannelores Körper zu verzehren, lässt ihn nicht mehr los und erweckt Schauder und Lust zugleich.
Wie ein heiliges Ritual zelebriert Michael die Vorgänge der nächsten anderthalb Stunden: Er schneidet eine große Portion aus einem der Fleischstücke, gibt sie in einen Topf, füllt Wasser auf, fügt Gewürze hinzu, als würde er eine schmackhafte Kraftbouillon zubereiten wollen, und kocht das ungewöhnliche Mahl, bis das Fleisch gar ist. Dann isst er ein Stück davon und trinkt von der Brühe.
Später, als er von der Kriminalpolizei aufgefordert wird zu beschreiben, was er dabei empfand, gibt er an, derart aufgeregt gewesen zu sein, dass er sich nicht mehr an alle Einzelheiten erinnern könne. »Darüber zu sprechen ist mir sehr peinlich«, sagt er schließlich. Und dass er habe probieren wollen, wie Menschenfleisch sei – in der Tat: Es habe ihm geschmeckt.
Eine weitere »Verkostung« nimmt er nicht vor. Skrupel hindern ihn, aber auch die Befürchtung, die Tat nur unvollständig zu verschleiern, wenn er das restliche Fleisch nicht auch beseitigen würde. Rationale Überlegungen steuern jetzt sein weiteres Handeln: Am Abend nimmt er den Sack mit dem Oberkörper seiner toten Frau aus dem Koffer und versenkt ihn in der Abortgrube des Wohnhauses. Dann reinigt er gewissenhaft Tiegel und Kochtopf und verbrennt den Koffer. Auch die restlichen Blutspuren werden sorgfältig beseitigt. Vom blutigen Wischwasser behält er allerdings etwas zurück. Dieses und den benutzten Scheuerlappen stellt er beiseite, um damit die perfekte Verschleierung des Verbrechens zu inszenieren. Denn: Sein Plan sieht vor, einen anderen Tatort vorzutäuschen und die Tat dem Liebhaber seiner Frau anzulasten.
Im Schutze der Nacht schleicht Michael zur Wohnung der alten Frau Thieme. Die vorsorgliche Zurückbehaltung von Hannelores Wohnungsschlüssel erweist sich jetzt ebenso als günstiger Umstand wie die reisebedingte Abwesenheit der Vermieterin. Unbemerkt dringt Michael in die fremde Wohnung ein und bedient sich der mitgebrachten Requisiten: Er taucht den Scheuerlappen in das Blutwasser und verspritzt es in der Küche, auf dem Korridor und in Hannelores Stube, wo er auch den Lappen zurücklässt. Unbemerkt kann er die Wohnung verlassen.
Michael kann nicht ahnen, dass bereits Stunden vorher ein Angler einen Sack aus dem Glauchauer Stausee gefischt hat, in dem sich die untere Hälfte eines weiblichen Körpers befindet. Die Maschinerie der VP läuft bereits auf Hochtouren. Am nächsten Tag schon wird die Glauchauer Bevölkerung aufgerufen, der Polizei zu melden, wo eine weibliche Person vermisst wird. Da Hannelore Ewald am 30. Juli nicht zur Arbeit erschienen war, erwarten die Kollegen von Michael, dass er eine Vermisstenanzeige erstattet. Widerwillig gibt er dem Drängen nach und meldet offiziell seine Frau als vermisst. Innerhalb zweier Tage gelingt es den Ermittlern, die Tote zu identifizieren. Angesichts der vermeintlichen Tatspuren in der Wohnung der immer noch verreisten Frau Thieme nehmen sie Hannelores verdutzten Geliebten fest. Michael ist beruhigt. Sein Plan scheint aufzugehen.
Doch die Angaben in seiner Vermisstenanzeige sind unvollständig und widersprüchlich, seine erneute Vernehmung ist erforderlich. Er verfängt sich in weiteren Widersprüchen. Schnell hegt die Polizei Argwohn und sucht die Wohnung der Ewalds auf. Das spurenkundliche Ergebnis bestätigt alsbald den Verdacht seiner Täterschaft. Michael Ewald wird verhaftet. Kraftlos lässt er das Klicken der Handschellen über sich ergehen. Sich der Ausweglosigkeit seiner Lage und des Scheiterns des vermeintlich perfekten Vertuschungsplans bewusst, hält er es für besser, ein umfassendes Geständnis abzulegen.



