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»Nicht einfach«, sagte er nachdenklich und kniff die Augen zusammen.»Ich fühle mich nur in letzter Zeit so komisch. Aber ich weiß nicht, woran das liegt. Ich bin unruhig und nervös und finde keinen Grund dafür.«
Er hörte wieder auf zu sprechen, und ich wusste auch nicht, was ich dazu sagen sollte. Ich hatte in den vergangenen Wochen viel zu wenig Kontakt zu ihm gehabt, sodass ich auch keine Vermutungen anstellen konnte, warum er unruhig war. Und dann erzählte er auf einmal was ganz anderes.
»Neulich bei der Arbeit«, fing er an - er arbeitete jetzt schon fast ein Jahr in der größten Bibliothek der Stadt, der Job war vielleicht ne Ecke besser wie so mancher andere - »du weißt ja, was ich mache, und dass ich mich nie so für die Bücher, die da rumstehen, interessiert habe. Ich bin eben der Meinung, dass das ganze Gewäsch niemandem helfen kann. Heutzutage werden kaum noch Bücher geschrieben außer Krimis, Heldengeschichten, Pornos und Love Stories. Ich habe früher einiges von dem alten Zeug konsumiert, aber ich finde, es ist einfach für heute nicht mehr interessant oder nicht anwendbar.«
Er war wieder ne Weile ruhig und ich drängte ihn nicht, weiterzumachen. Ich fand alles nur ziemlich unzusammenhängend und verstand noch nicht, worauf er hinauswollte, oder ob er überhaupt auf etwas hinauswollte. Aber irgendwas musste ihn ganz schön aufgerüttelt haben. Er wirkte direkt etwas hilflos auf mich.
»Also, pass auf!« Plötzlich sprudelte er los. »Neulich kam ein Typ bei uns rein, so kurz vor Mittag. Er ging sofort auf mich zu, obwohl Louis viel näher bei ihm stand. Er fragte mich etwas unbeholfen nach einem ganz bestimmten Buch. Also ehrlich, ich hatte weder Titel noch Verfasser jemals vorher gehört. Ich ging also rüber zum Computer und fragte in der Zentralkartei nach, aber das war auch negativ. Ich sagte dem Typ also Bescheid und fragte mich im Stillen, woher er den Titel hatte oder ob das vielleicht ein Index-Buch war. Da griff der plötzlich ins Regal und holte ein Buch raus. Er zeigte es mir, und es war genau das Buch, das er haben wollte.«
«Was?«, machte ich ungläubig. »Das gibt es doch gar nicht.»
«Tja, das dachte ich auch. Aber er hielt es mir hin und machte mich an, dass ich es nicht rausgesucht hätte. Ich erklärte ihm, dass das Buch nicht in der Kartei war, und fragte ihn, wie er es gefunden hätte. Er grinste mich ein bisschen blöd an, und weißt du, was er dann machte? Er hielt mir das Buch hin und sagte, ich sollte es mir mal gut durchlesen. Dann haute er wieder ab.«
»Ist der bekloppt?« Ich konnte das nicht begreifen. »Erst gibt er sich so viel Mühe, an das Buch ranzukommen und dann gibt er es dir.«
»Was meinst du, was ich dachte. Ich stand echt da wie ein Hampelmann.«
»Merkwürdig. Muss ich schon sagen. Hast du das Buch denn eigentlich gelesen?«
Jetzt wurde er ganz unsicher. »Ja, ich bin gestern damit fertig geworden. Aber ich bin nicht ganz durchgestiegen. Ich will es noch mal lesen.«
»Muss ja interessant sein, wenn du schon was liest und dann gleich doppelt.«
»Weißt du, es ist einfach ne Beschreibung. Ne Beschreibung, wie es auf der Welt heute aussieht und was aus ihr mal wird.«
»Das gibt es ja gar nicht«, wiederholte ich mich. »Bestimmt ein verbotenes Index-Buch.«
»Okay. Ich kann es dir ja zeigen, wenn wir oben sind.«
Wir waren nämlich inzwischen bei dem alten, grauen Wohnblock angekommen, in dem Flie, Lucky und noch fünf andere Leute zusammen wohnten. In den zwei anderen Wohnungen lebten ebenfalls Wohngemeinschaften.
Flie stieß die Tür auf. Es war stockduster. Wir stolperten im Eingangsbereich über ein Chaos von Abfall und Müll.
»Da hat schon wieder jemand den Müll umgekippt«, schimpfte Flie. »Der wird auch schon seit Wochen nicht mehr abgeholt.«
Der Block war nicht an das automatische Versorgungs- und Verwertungsnetz der Stadt angeschlossen. Normalerweise wurde der Müll regelmäßig abgefahren.
Auch das Licht funktionierte nicht, und wir tasteten uns im Dunkel die steinerne Treppe rauf.
»Ich glaube, die wollen uns hier vergraulen«, knurrte Flie.
»Ach was, die wollen nur testen, was wir aushalten können«, widersprach Lucky. »Sie haben uns hier besser unter Kontrolle als auf der Straße. Aber was anderes - wir könnten mal versuchen, jemand mit Wagen aufzutreiben, der uns den Dreck wegfährt.«
»Kennst du etwa jemand, der sich nen Wagen leisten kann?«, fragte Flie ironisch.
Sie öffnete die Wohnungstür und wir betraten einen kleinen Flur. Links lagen Bad und automatische Küche, rechts ging es zu den Zimmern. Alles war eng und niedrig. Ab und zu tropfte das Wasser von den Wänden, und es quietschte und knarrte bei jedem Schritt. Es hatte auch keinen Zweck, hier noch großartig was zu renovieren. Hier war wirklich alles zu spät und die Leute hatten gerade genug Bucks, um die notwendigsten Reparaturen durchführen zu können.
Wir schlichen durch Bowlers Zimmer - er schlief schon - dahinter lag Flies. Sie zündete schnell ein paar Kerzen an, die dem Raum ein warmes, gemütliches Licht gaben. Hinten links lagen mehrere bezogene Matratzen mit einer bunten Decke auf dem Boden - Flies Bett -, davor lag ein weicher, brauner Teppich. Eine VID-Kompakt-Anlage, einige persönliche undefinierbare Gegenstände und eine wuchtige Holztruhe mit ihren Klamotten füllten das winzige Zimmer ganz aus.
Wir setzten uns auf den Teppich und Flie stellte leise Musik an. Sie setzte sich mir gegenüber. Ihr langes, schwarzes Haar fing das Licht einer Kerze ein. Ich kannte sie schon lange, länger als Lucky oder Stucker. Und ich war vor einigen Jahren ne ganze Zeit mit ihr zusammen gewesen. Noch bis vor Kurzem hatten wir manchmal Tage und Nächte gemeinsam verbracht, bis ich mich von allem zurückzog.
Lucky war vor ungefähr vier Monaten aufgetaucht und einer ihrer besten Freunde geworden - und einer von meinen, wenn nicht überhaupt der beste, einzige. Er war hier eingezogen, nachdem die vorige Bewohnerin ihr Leben durch einen Sprung von der grünen Mauer beendet hatte. Ich hatte sie nicht gekannt, aber die Nachricht von ihrem Tod rief in mir wieder all die Gedanken über Selbstmord hervor, die ich schon tausendmal im Schädel gehabt hatte. Es führte zu nix, außer dass ich einige Tage wie besoffen in den Straßen rumhing. Im übrigen war die grüne Mauer natürlich nicht grün. Sie war nur von irgendwelchen Leuten so genannt worden, um an Gras und Pflanzen zu erinnern. Ich hatte noch nie Gras gesehen und ich glaubte auch nicht, dass es noch welches gab.
Mit Lucky hing ich damals oft zusammen. Tagelang waren wir sozusagen unzertrennlich. Er konnte einfach auf Leute eingehen, wie ich es noch nie erlebt hatte. Und er hatte ähnliche Gedanken im Kopf wie ich. Wir erzählten uns gegenseitig, wie wir uns ein besseres Leben vorstellten und lauter so 'n Zeug. Wir packten Sachen gemeinsam an, die keiner von uns allein geschafft hätte. Er half mir, manchen Job durchzustehen. Ich besuchte ihn oft in der Bibliothek. Es konnte uns natürlich nie gelingen, eine alternative Lebenspraxis zu entwickeln. Das waren halt immer nur Überlegungen. Bis ich es dann nicht mehr aushielt und alles hinschmiss. Lucky konnte da etwas mehr ertragen. Er hatte auch einen nicht allzu schlechten Job.
Ich hatte dann weder Wohnung noch Arbeit. Ich konnte eben die Wuchermiete ohne Arbeit nicht bezahlen. Der Staat aber ließ einen nicht verhungern. Das passte nicht in das Image einer Wohlfahrtsstadt. Er war so großmütig, dass er jedem erlaubte zu leben - unter seinen Bedingungen. Bloß wie soll man mit 300 Bucks im Monat auskommen. Das war gerade so viel, dass man nicht verhungerte. Und so arbeitete man eben meistens lieber.
Aber ich konnte nicht mehr arbeiten, nicht in den riesigen, brutalen Maschinenhallen. Und was anderes kriegte ich nicht ohne so ne Scheiß Uni-Ausbildung. Da nahm ich doch lieber den entmenschlichenden Gang zum Wohlfahrtsamt auf mich und bettelte um das Geld, um mich so gut ich konnte durchzuschlagen. Jedes Mal machten mich die Verwaltungstypen an, dass sie mir gar kein Geld zu geben brauchten. Ich hätte ja selbst Schuld, dass ich mein Studium aufgegeben hätte. Und wenn ich schon nicht studieren würde, sollte ich wenigstens arbeiten. Sie saßen da lässig zurückgelehnt in ihren Stühlen, laberten gnädig wie Pfaffen, elende Arschkriecher. Sie wussten genau, dass sie Menschenleben entscheidend beeinflussen konnten, dass die Leute, die zu ihnen kamen, von ihnen abhängig waren. Und so zwangen sie einen, ihre Predigt bis zum Schluss anzuhören, nichts dagegen zu sagen, nur stumm zu nicken, sich selbst zu verleugnen. Widerlich!
Gerade das mit der Uni hatten kaum Leute verstanden. Denn mit so einer Ausbildung hätte ich ja selbst einer von diesen Blutegeln werden können. Oder vielleicht Oberaufseher in einer Fabrik, immer vergnügt die Leute zur Arbeit anhaltend. Oder Jurist, um einen Computer um Gnade für einen Systemschädling anzuflehen. Oder Architekt, um einen prunkvolleren Regierungspalast zu entwerfen. Oder … nein danke. Das reicht wohl. Und man kann sich vorstellen, mit was für Leuten ich da zusammengekommen bin. Ich weiß gar nicht mehr genau, wie ich es eigentlich geschafft habe, mich von dieser erlauchten Gesellschaft abzusetzen. Ich hatte ja damit nicht nur einen Beruf verloren, sondern gleichzeitig alle Rechte. Als Abschaum der Gesellschaft wird man von niemandem akzeptiert außer von denen, die auch in dem Schaum rumspülten.
Tja, so waren mal wieder die Gedanken mit mir durchgegangen. Lucky hatte längst Bier aus seinem Zimmer geholt. Eine leichte Unterhaltung über Gott und die Welt war in Gang gekommen. Ich erfuhr, dass das fremde Mädchen Yuka hieß und das Glück hatte, in einem der Randbezirke im Büro zu arbeiten. Ich beteiligte mich kaum an dem Gespräch, denn ich war eigentlich schrecklich müde und überlegte dauernd, ob ich mich in Luckys Zimmer schlafen legen sollte.
Und dann geschah auf einmal etwas Merkwürdiges mit mir.
Ich lehnte an der Wand und hatte plötzlich den Eindruck, als ob sie nach hinten wegkippte. Ich fand keinen Halt mehr und fiel hintenüber. Mir kam flüchtig der Gedanke, dass irgendein Dope im Bier gewesen war, aber ich verwarf das sofort wieder, da ich keinem hier so was zutraute. Ich versuchte mich aufzurichten - vergeblich. Ich steckte irgendwie in einer dicken, zähen Suppe. Ich konnte weder rufen noch mich sonst irgendwie bemerkbar machen. Ich kriegte furchtbare Angst, da ich mir das alles nicht erklären konnte. Dann verschwand auch noch die gewohnte Umgebung, und ich sah nur noch ein milchigweißes Flimmern.
Und dann hörte ich auch noch Stimmen. Stimmen, die ich noch nie vorher gehört hatte. Ich dachte, ich würde durchdrehen. Von dem, was sie sagten, verstand ich immer nur einzelne Satzbrocken, weil sie manchmal so leise waren, dass sie bis auf ein Flüstern erstarben. Ich hörte:
»… funktioniert … wenig … Energie … sichtbar machen.«
Und die zweite Stimme;
»… Unsinn … nichts … anfangen … vor dem Rat.«
Es machte mich stutzig, dass vom Rat die Rede war, denn so nannte sich die Regierung.
Ehe sich mein Kopf noch weiter vernebelte, verschwand der ganze Spuk wieder und ich rappelte mich mühsam auf.
»Bist du eingeschlafen?«, fragte Flie.
Ich schüttelte vollkommen benommen den Kopf.
»Leg dich doch zu mir rüber. Ich muss morgen erst später hin. Wir können dann noch zusammen frühstücken.«
Das ließ ich mir von Lucky nicht zweimal sagen. Es war auch das Beste, was ich jetzt tun konnte. Mein Kopf fühlte sich an, wie ein Feuerwerk. Und dieser Spuk war richtig unheimlich gewesen. Er hatte den Eindruck hinterlassen, als hätte ich das alles nicht nur gefühlt und gehört, sondern mit dem ganzen Körper aufgenommen. Und das war trotz aller Angst ein gutes Gefühl gewesen. Es war heute einfach zu viel geschehen. Ich war unheimlich froh, als ich auf Luckys Bett lag. Ich brachte es gerade noch fertig, meine Klamotten auszuziehen, bevor ich einschlief.
I am a man who looks after the pigs
Usually I get along okay.
I am man who reveals all he digs,
Should be more careful what I say.
I'm getting put down,
I'm getting pushed round,
I'm being beaten every day.
My life's fading,
But things are changing,
I'm not gonna sit and weep again.
The Who - »The Dirty Jobs«
3.
Als ich aufwachte, schien die Sonne. Erstaunlich, wenn man bedenkt, dass die meisten Gebäude jetzt so hoch gebaut wurden, dass die Sonne keine Chance hatte, dazwischen durchzuscheinen. Aber hier mussten sie eine Lücke gelassen haben - wohl ein Konstruktionsfehler. Ob der Chef-Architekt deswegen degradiert worden war?
Ich hatte reichlich fest und tief geschlafen.
Nur langsam kamen die Erinnerungen an den letzten Tag hervor. Ich schüttelte ungehalten den Kopf. Ein andermal! Jetzt war ich wirklich nicht in Stimmung, darüber nachzudenken.
Neben mir vernahm ich die regelmäßigen Atemzüge von Lucky. Vorsichtig, um ihn nicht aufzuwecken, stützte ich mich auf meinen linken Arm und sah ihn an. Aber es war gar nicht Lucky. Es war Flie, die neben mir lag. Schon wieder eine Überraschung. Aber diesmal eine schöne, freudige. Ich hatte das Gefühl, als würde ich mit einer Gewaltkur aus meinem Gewohnheitstrott herausgerissen. Trotzdem war ich mir nicht sicher, ob es ausreichen würde.
Es sah aus, als hätte sich Flie im Schlaf in ihr Haar eingewickelt. Ihr Mund hatte sich zu einem kleinen Lachen verzogen. vielleicht träumte sie gerade was Angenehmes. Ich hatte nichts gemerkt, als sie zu mir ins Bett gekrochen war. Ich dachte kurz an die Zeit zurück, als wir näher und öfter zusammen waren. Mir fiel nur ein, dass sie oft verrückte Ideen im Kopf hatte und dass wir uns manchmal gestritten hatten, dass die Fetzen flogen.
Ich sah auf Luckys Uhr auf dem niedrigen Tisch neben dem Bett. Es war noch nicht so spät, wie ich gedacht hatte. Ob Flie noch immer diese blöde Schule besuchte? Dann hatte sie wohl Ferien.
Und wieder musste ich daran denken, was ich aus mir machen sollte. Ich war mir irgendwie sicher, dass ich es nicht aushalten würde, noch längere Zeit hier zu leben. Wenn man bloß irgendwie raus könnte! Mit ein paar Freunden. Außerdem brauchte ich dringend Geld. Ich hatte Schulden. Und dann wollte ich mir zwei oder drei bestimmte verbotene Bücher beschaffen. Ich kannte einen Typen, der welche vertickte, nicht weil er damit eine Überzeugung oder so verbreiten wollte, sondern weil es ihm nen Haufen Bucks einbrachte. Ich erinnerte mich, dass ich Lucky fragen wollte, ob er ein Buch verstecken konnte, das ich bei mir trug. Andere hatte ich draußen gelassen. Draußen … Ob ich jemals wieder so einen
Platz finden würde? Ich hatte Ruhe gehabt und Zeit. Aber es war auch nichts auf die Dauer.
Flie bewegte sich leicht und legte im Halbschlaf den Arm um meinen Nacken.
»Komm her, Speedy. Du siehst so traurig aus.«
Das stimmte wahrscheinlich. Aber nun hatte ich wirklich keine Lust mehr, über irgendwas nachzudenken. Ich begriff nur, dass sich zwischen uns nicht so viel geändert hatte, wie ich angenommen hatte. Ich kuschelte mich an sie und eine Welle von Wärme und Zärtlichkeit breitete sich aus. Zeit und Gegenwart verschwammen und hatten keine Gültigkeit mehr.
Es wurde ein glücklicher, beruhigender Tagesanfang. Ich hatte mich lange Zeit nicht mehr so wohl gefühlt. Welch ein Unterschied zu gestern, dieser Verwirrung und Niedergeschlagenheit! Da kam ich wirklich nicht so recht mit. Und trotzdem konnte ich mir vorstellen, dass meine Stimmung ebenso plötzlich wieder umschlagen konnte.
Irgendwann kam Lucky rein, setzte sich zu uns, nahm uns in die Arme und fragte, ob wir mit frühstücken wollten. Wir standen dann langsam auf, und ich glaubte, dass ich mich in Flie immer wieder verlieben konnte, ein unheimlich gutes, befriedigendes Gefühl. Wir hatten mal darüber gesprochen, und sie meinte, dass es ihr auch so ginge. Und so war die Beziehung wie eine immerwährende Wiederkehr zueinander.
Die Barriere von Misstrauen, Neid, Eifersucht und Konkurrenz hatte ich eigentlich ziemlich schnell überwunden, weil es sie unter diesen Leuten hier nicht gab. Das ganze Hin und Her um Zweierbeziehungen, Besitzansprüche, mit wem man schläft und mit wie vielen, konnte mich auch reichlich ankotzen. Nachdem ich das einmal durchgespielt hatte, reichte es mir für immer. Die Gesellschaft tolerierte alle Arten von Beziehungen offiziell. Aber unter der Hand waren Ehe und Zweierbeziehungen nach wie vor erwünscht. Niemand sagte etwas gegen Vielbeziehungen oder Kommunen. Aber man bekam die Benachteiligung auf andere Art zu spüren. Man erhielt nicht so schnell einen Job, kriegte weniger Geld als andere für die gleiche Drecksarbeit. Und man wurde von den ganzen gesellschaftlichen Etiketten, Traditionen und Zeremonien ausgeschlossen, was uns natürlich wenig kratzte, aber für viele ein Grund war, sich den Standardnormen zu unterwerfen. Denn ein Outsider lebt nicht besonders angenehm.
Die Kirche dagegen hatte kaum noch Einfluss, seitdem die Regs alles in die Hände genommen hatten. Das hatte wenigstens uns geholfen, veraltete Moral- und Lebensvorstellungen über den Haufen zu werfen. Denn wir hatten sowieso nicht vor, uns in irgendeiner Weise zu etablieren.
Wahrscheinlich war die Sexualerziehung nicht mehr so verklemmt wie vor dem Krieg, aber in einer solchen Gesellschaft ist Sexualität natürlich eine beliebte Ware und so blühte das Geschäft mit dem Sex und männliche und weibliche Prostitution standen hoch im Kurs. Von Liebe Zärtlichkeit und Gefühlen blieb dabei natürlich nicht viel übrig.
Unter Leuten in unserem Alter war es weiterhin üblich, Zweierbeziehungen einzugehen, allerdings oft ohne Ehe. Aber was besagte das schon. Die Eingeengtheit, Stumpfsinnigkeit und eingefahrenen Gewohnheiten machten sich genauso breit und lähmten jegliche Neugier und Erfahrungsmöglichkeit - sehr im Sinn der Regs und ihrer Bürokratie.
Wir waren Außenseiter - eine geduldete Minorität -, weil wir diese Tretmühle und die Scheinsicherheit in dieser Form des Zusammenlebens grundsätzlich ablehnten. Es klappte natürlich auch bei uns bei Weitem nicht alles - es war eben wahnsinnig schwierig seine Gefühle unter Kontrolle zu haben und gleichzeitig auszuleben -, aber immerhin besser als das sogenannte normale Gefühlsleben. Was wir im Großen und Ganzen überwunden hatten, waren Konkurrenzkisten und Eifersucht, großartige Szenen, in denen sich jeder beweisen musste, und die Brutalität einer eheähnlichen Lebensweise. Ich hatte den Kram ja mal praktiziert, und mir wurde schlecht vor mir selbst, wenn ich daran dachte.
Da wir mit mehr Leuten engen Kontakt hatten, waren wir sensibler geworden, empfänglicher für andere Gedanken und Handlungen, wir verstanden einander besser und konnten uns mehr aufeinander einstellen. Wir lernten viel mehr Anschauungen, Ideen, Lebensweisen, Fantasien kennen als der Durchschnittsbürger. Während meiner Studiumszeit an der Hohen Universität hatte ich oft mit Leuten diskutiert, die den Normen entsprachen und sie verteidigten. Das ganze Geschwafel, dass man sich eben nur auf eine Person konzentrieren könnte, eine besondere Geborgenheit brauchte, darum auch nur eine(n) lieben könnte und so weiter, durchschaute ich jetzt als mühsame Verteidigung vorgelebter Erfahrungen, alles schon etliche Male und Generationen vorexerziert, ohne jeglichen neuen Erfahrungswert für jemanden, der sich nicht an die überlieferten Schemata zu halten gedachte, teilweise mit einem progressiven Touch (»du kannst auch ruhig mit nem anderen Typen schlafen«), und teilweise ebenso verlogen, wenn man sich die Praxis der Leute ansah, die mit so vielen und nichtssagenden Worten um sich warfen. Ich hatte die Lebensgewohnheiten dieser Klugscheißer kennengelernt, ihre versteckten Streitereien, ihre nur notdürftig verborgene Geilheit auf andere Frauen und Typen, den wöchentlichen Gruppensex und seine wissenschaftliche Begründung, die Konkurrenten, die sich am liebsten duelliert hätten, und es sehr hinterhältig und versteckt auch taten, die Gutgläubigen, die immer eins aufs Dach kriegten, weil sie die Spielregeln nicht beherrschten, die dummen Mitspieler und die Leidenden (oft Frauen), die Macker und Regisseure, immer potenzkräftig, problemlos und modern gekleidet, die Redner und Zuhörer, die Zupacker und die Always Loser -, bis der morsche Bühnenboden unter mir krachend nachgab, und Unwissenheit und Unsicherheit meine sicheren Begleiter wurden.
Dafür waren wir Ausgestoßene. Die Regs wussten, welches Potenzial in uns stecken konnte, in den Fragen, auf die es keine Antwort gab. Sollte es zum Vorschein kommen, würden wir radikal bekämpft werden. Es gab eine ungeschriebene, unausgesprochene Grenze, bis zu der wir uns bewegen durften. Und darüber hinaus war Sense.
Beim Frühstück fragte ich Lucky, ob er das Buch verstecken könnte, was ich bei mir hatte. Er war leicht erstaunt.
»Ja, sicher. Ich kenn genug Plätze. Aber ich wusste gar nicht, dass du noch welche liest.«
»Ich hab nie damit aufgehört.«
»Trotzdem begreife ich immer noch nicht, was du davon hast.«
»In den Index-Büchern steht zum Beispiel oft viel drin, was uns in der Schule oder an der Uni nicht erzählt oder falsch erzählt wird. Hauptsächlich so geschichtliche Sachen. Das ist heute oft ne richtige Fälschung. Hast du mal was von Gewerkschaften gehört?«
»Nee. Was soll das denn sein?«
»So genau weiß ich das auch nicht. Es stand mal in einem Roman über Arbeiter und die waren in einer Gewerkschaft organisiert. Und als ihnen die Löhne zu niedrig waren, hat es diese Gewerkschaft erreicht, dass sie mehr Geld kriegten.«
»Wie denn?«
»Tja, da hab ich auch nicht durchgeblickt«, musste ich zugeben. »Immerhin wird uns hier nie was davon gesagt, dass Arbeiter mal was gemacht haben.«
Lucky blieb skeptisch und Flie warf ein: »Woher willst du wissen, dass diese Geschichte nicht erfunden war, und das, was wir hier lernen richtig ist?«
»Weil ich das oft gelesen habe, dass es politische Bewegungen gab, die gegen die Regs gekämpft haben.«
»Meinst du wie die Gangs hier?«, fragte Flie.
»Seit wann kämpfen die denn?«, bemerkte das Mädchen mit dem merkwürdigen Namen Yuka. »Die tun doch nix.«
Ich sah sie jetzt das erste Mal bewusst an. Sie hatte kurzes braunes Haar und eine auffällige Narbe an der Nase. Sie trug ein kurzes Kleid mit lustigen Motiven aus irgendwelchen Comics.
»Und wie haben die gekämpft?«, bohrte Lucky nach. »Mit zehn Leuten und Steinen gegen Schocklader?«
»Mensch, das weiß ich doch nicht. Ich bin doch keine lebendige Bücherei!« Ich fühlte mich hilflos und wütend.
»Es greift dich doch keiner an«, beruhigte Yuka mich. »Wir können es uns eben nicht vorstellen.«
»Okay«, brummte ich. »Ich les ja auch noch andere Sachen.«
Flie musste krampfhaft lachen und prustete ihren Kaffee über den Tisch. Lucky brachte sich mit einem Satz in Sicherheit während Yuka die Brühe übers Kleid lief.
»Oh, Scheiße!«, rief sie, während ich nun auch noch lachen musste.
Daraufhin sah sie mich so komisch an, dass ich gar nicht mehr aufhören konnte zu lachen. Ich weiß nicht, was in dem Moment alles aus mir rausgekommen ist.
»Flie, ich brauch ein paar Klamotten von dir.«
Yuka ärgerte sich nicht mehr, hatte aber ihr Gesicht immer noch so komisch verkniffen. Lucky wischte den Tisch ab, Yuka ging sich umziehen und ich wühlte das Buch, das ich mitgenommen hatte, hervor. Flie nahm es mir aus der Hand.
»Zwanzig Sterne über mir«, las sie, während sie kaute. »Komischer Titel.»
»Es handelt von einem Typ, der zwanzig verschiedene Welten besucht und auf keiner leben kann«, versuchte ich zu erklären.
Lucky verzog das Gesicht. »Das ist ja schlimmer als hier. Wir haben wenigstens nur eine Welt, mit der wir fertig werden müssen.«




