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»Es geht auch mehr um die Lebensformen, die da beschrieben werden«. Ich war schon wieder in so ner Verteidigerrolle.
»Leider gibt's die ja nicht. Was hat es also für einen Sinn, sich damit zu beschäftigen?«
Wollte Flie schon wieder ne Diskussion anfangen? Yuka kam wieder rein. Sie hatte sich ne Hose und nen Pullover von Flie angezogen.
»Es könnte solche Lebensformen aber geben«, nahm ich den Faden wieder auf.
»Siehst du welche?«, fragte Flie ironisch.
»So weit bin ich auch schon, aber ich weiß nicht, was das bedeutet oder ob es was bedeutet.« Ich hatte keine Lust mehr.
Yuka blickte uns fragend an und dann stand Lucky auf.
»So, ich muss jetzt gleich weg. Was hast du denn nun vor, Speedy?«
»Na, ich muss wohl Arbeit suchen. Und wenn nur für einige Wochen. Aber ich brauche Bucks. … Bevor du gehst, kannst du mir mal das Buch zeigen, das der Typ dir in der Bibliothek gegeben hat.«
»Ja, klar. Hätte ich ganz vergessen.«
Lucky verschwand kurz in seinem Zimmer. Flie stellte das Geschirr zusammen - alles eklige Plastiksachen, aber es gab nix anderes oder es war wahnsinnig teuer - und ließ Wasser einlaufen. Die anderen aus der Wohngemeinschaft waren schon lange zur Arbeit.
Lucky brachte das Buch. Der Titel sagte mir überhaupt nichts: Zone Null.
»Ich lese einige Stellen daraus immer wieder. Aber ich begreife die ganze Sache einfach nicht. Ich lese sonst ja kaum was, aber davon komm ich nicht weg.«
Lucky war wieder ziemlich durcheinander, als er von dem Buch sprach. Mich machte sein ganzes Verhalten neugierig. Er sah auf die Uhr und sprang auf.
»Jetzt muss ich aber los, sonst feuern sie mich.«
»Kannst du mir das Buch mal ausleihen?«, rief ich ihm hinterher. »Ja, klar. Aber behalt's nicht zu lange. Ich les auch immer drin.«
Ich packte das Buch weg und fragte Yuka und Flie danach. Aber sie hatten es nicht gelesen und interessierten sich auch nicht sonderlich dafür. Ich fragte Flie ein bisschen über die Schule aus, aber sie hatte - verständlicherweise - keine Lust darüber zu sprechen.
»Immer derselbe Mist«, wehrte sie ab. »Unterricht nach Programm und nichts davon kann man gebrauchen. Das einzige, wo ich was Nützliches lerne, ist der Selbstverteidigungskurs. Ich glaube immer noch, dass da beim Computer ne Schraube locker war, sonst hätten wir das bestimmt nicht.«
»Da habt ihr ganz schön Glück«, warf Yuka ein. »Nachts kann man sich allein kaum noch auf die Straße trauen. Und als Frau schon gar nicht. Ich habe den Eindruck, dass die Gangs schon fast die Stadt beherrschen.«
»Genau«, bekräftigte Flie. »Neulich lief so ne Truppe in der City rum und schlug wahllos Leute zusammen und räumte ihnen die Taschen aus. Keiner half den Leuten. Einige sahen sogar interessiert zu.«
»Und die Cops?«, fragte ich.
»Ach, die ließen sich gar nicht erst blicken. Sie kamen, nachdem alles vorbei war, und gaben den Leuten gute Ratschläge, wie sie sich besser schützen sollten.«
Yuka knirschte mit den Zähnen. »Da haben die Leute sogar noch Glück gehabt. Neulich haben die Cops sich an einer dunklen Ecke ne Frau gegriffen, ihr das Geld abgenommen und sie vergewaltigt. Ich hab nur den Anfang gesehen, dann bin ich weggerannt Zuhause musste ich erst mal kotzen.«
Ich fühlte mich plötzlich sehr schlecht und so überflüssig.
»Als ich wegging, war doch mit den Gangs nicht viel los«, sagte ich leise.
»Einen Tag später haben sie praktisch die Stadt überschwemmt«, klärte Flie mich auf.
»Sie stecken alle unter einer Decke«, entfuhr es mir zornig.
Es war mehr oder weniger ein offenes Geheimnis, dass die Gangs von den Regs toleriert und zeitweise auch unterstützt wurden. Sie wurden draußen geduldet, und man unternahm nichts gegen sie, wenn ihre Überfälle in der Stadt ein gewisses Maß nicht überschritten. Ich vermutete, dass es Absprachen gab, zwischen irgendwelchen Behörden und den verschiedenen Banden. Und solange sie sich nur untereinander abstachen, störten sie ja auch niemand. Die Regs konnten es sich jedenfalls nicht leisten, sie zu Feinden zu haben, obwohl sie ab und zu Treibjagden auf sie veranstalteten, eine große Show, die die Bevölkerung beruhigen sollte. Ich dachte an meinen Bruder, der irgendeine wichtige Rolle bei den Gangs spielte. Ich hatte ihn ewig nicht gesehen. Eigentlich kannte ich ihn gar nicht. Trotzdem konnte ich mir nicht vorstellen, dass er solche Überfälle inszenierte. Aber ich konnte es mir wohl nur nicht vorstellen, weil er mein Bruder war. Ich wusste nicht, ob die Gangs die Regs ebenso hassten wie wir. Wenn ja, waren sie eigentlich potenzielle Verbündete …
Wir halfen Flie dann beim Abwasch, auch so ein Anachronismus. Nahezu 90% aller Haushalte besaßen eine Spülautomatik ebenso wie einen Abfallkonverter und einen Anschluss an das Rohrpostsystem, und viele hatten sogar eine Wareneinkaufsautomatik. Nichts davon hier. Die Bewohner mussten ihre Post abholen, einkaufen gehen, ihren Müll nach draußen stellen. Als die Leute hier einzogen, mussten sie alles renovieren - auf eigene Kosten natürlich. Mauern, tapezieren, streichen, abdichten usw. Alles ohne die Hilfe irgendwelcher Automaten, denn dafür war kein Geld da. Außerdem war es gut, die Arbeit mit den eigenen Händen zu tun, zu sehen, wie alles langsam Formen annahm, das Material zu fühlen und schließlich ein Endprodukt zu haben, in dem man selbst drinsteckte. Ich hatte damals ähnlich in meiner Wohnung arbeiten müssen, wenn man so was Wohnung nennen konnte. Da die Leute alle nur sporadisch arbeiteten, dauerte es ne ganze Zeit, bis es in der Wohngemeinschaft so aussah, wie jetzt.
Langsam kam mir zu Bewusstsein, dass ich mich ja nun mal auf den Weg machen musste zum Arbeitscomp. Mir grauste davor, aber mir blieb nichts anderes übrig.
»Vielleicht hab ich was für dich«, unterbrach Yuka das Geschirrklappern.
»Was meinst du damit?«
»Ich arbeite in einen Randbezirk – beim Bau. Dort sollen neue Wohnblocks entstehen - eng und hoch, stickig und monoton. Beton- und Plastikklötze wie alles, du weißt schon. Wir könnten mal fragen, ob sie was für dich haben. Ich hab mir zwar heute freigenommen, aber wir können zusammen hingehen. Es ist besser als am Fließband oder in einer Maschinenhalle.«
Na, wenn das keine Gedankenübertragung war!
»Begeistert bin ich zwar nicht, aber was Besseres wird sich wohl kaum finden. Wenn du Lust hast, deinen Arbeitsplatz auch heute zu sehen …«
Yuka lachte. »Von Lust kann wohl keine Rede sein.«
Ne Stunde später saßen wir im A-Grav-Bus. Es war voll und stinkig. Sitzplätze gab es nur wenig. Und alle waren unheimlich eng zusammengepfercht. Die Platzangst war ein Phänomen, mit dem man fertig werden musste. Aber das war man sozusagen von Kind auf gewohnt. Es sollte allerdings Leute geben, die dadurch krank wurden. Die staatliche Propaganda benutzte dieses Argument, wenn sie mal wieder Leute in ihre Irrenhäuser sperrten. Dort sollte es schlimmer zugehen als im Knast. Doch niemand, den ich kannte, hatte jemals eine solche Anstalt von innen gesehen. Ich wusste nur, dass dorthin die »politischen Fälle« geschafft wurden, während im Knast die »einfachen Verbrecher« saßen.
An Platz wurde gespart, da es dem Staat überflüssig erschien, mehr als gerade eben notwendig bereitzustellen, und es kostete ihn schließlich was, neue Häuser bauen zu lassen. Der ganze Bausektor war zwar in staatlicher Hand, aber die Zulieferungsfirmen mussten bezahlt werden - und die Arbeiter. Ich glaubte, wenn man alles aufschlüsseln würde, blieben im Endeffekt gerade vier oder fünf Konzerne übrig, die alles beherrschten. Der Staat war der größte. Opposition dagegen gab es nicht. Gewerkschaften waren abgeschafft - wozu auch in einem Wohlfahrtsstaat? - Parteien gab es noch - Wahlen auch - aber sie unterscheiden sich nur in der Farbe ihrer Kleidung.
Der A-Grav-Bus flog kreischend etwa fünf Meter über der Straße dahin und ich konnte die Menschen sehen, die sich auf den Bürgersteigen drängten. Jetzt ging es ja noch, aber bei Feierabend wurden manchmal Menschen auf dem Heimweg zerquetscht.
An der nächsten Station geschah etwas, das etwa alle zehn Minuten außerhalb der Wohnung üblich war. Zwei Robot-Kontrolleure stiegen ein. Die Maschinen sagten keinen Ton, doch die Prozedur war allgemein bekannt. Wir mussten unsere Identitätsplaketten überprüfen lassen, wurden nach staatsfeindlichen Waren durchsucht und unsere Fahrtmarken wurden kontrolliert. Die Robots schoben rücksichtslos alte Leute und Kinder beiseite, um sich Platz zu schaffen. Widerstandslos ließen wir alle diese unwürdige Behandlung über uns ergehen. Dann erwischten die Roboter eine ältere Frau, die anscheinend ihre Plakette vergessen hatte. Verzweifelt suchte sie in ihren Taschen und beteuerte immer wieder, dass sie die Plakette nicht etwa verloren hatte, denn darauf stand eine hohe Strafe. Schließlich wurde sie gepackt und zum Ausgang gezerrt, wobei ein Mann, der unbeabsichtigt im Weg stand, von den Automaten niedergeschlagen wurde. Keiner sagte ein Wort. Wir waren alle abgestumpft und wehrlos. Fast jeden Tag war man Augenzeuge solcher Vorfälle. Nur ein Kind fing an zu weinen, wurde aber schleunigst von seiner Mutter wieder beruhigt. Yuka und ich versuchten, den am Boden liegenden Mann wieder auf die Beine zu kriegen. Ein Typ reichte uns schweigend ein Taschentuch, mit dem wir das Blut abwischen konnten. Langsam erholte er sich wieder. Er sah uns nur erstaunt an und stieg an der nächsten Station aus. Hätte er sich was gebrochen, kein Krankenhaus hätte ihn aufgenommen, und er hätte Schwierigkeiten gehabt, einen Arzt zu finden, der ihn behandelte. Jemand, der durch die Kontrollorgane in Schwierigkeiten geriet, hatte keinen Anspruch auf Hilfe.
Wir brauchten bestimmt ne Stunde Fahrtzeit, und als wir ausstiegen, fühlte ich mich elend und dreckig und wäre am liebsten wieder umgekehrt. Ich kannte die Gegend nicht, aber es sah aus wie überall. Graue Hochhäuser mit kleinen Fenstern. Bei vielen konnte man die obersten Stockwerke nicht mehr erkennen. Mir schwindelte leicht, und ich sah mich nach Yuka um, die ein ganzes Stück vorausgegangen war.
»Man merkt dir an, dass du ne Zeit weg warst«, sagte sie neugierig. Doch ich wollte nicht darüber reden. Ich wusste auch nicht, was ich dazu sagen sollte.
»Was machst du denn auf'm Bau?«, fragte ich sie.
»Ich zeichne Pläne, bediene ein paar Maschinen und koch Kaffee für den Chef.«
»Schöner Job«, murmelte ich.
»Ich will auch sehen, dass ich ihn behalte, wenn ich nicht zu viel Zugeständnisse machen muss.»
Ich verstand, was sie meinte.
Nach einem zehnminütigen Fußweg durch diesen Häuserdschungel kamen wir zu der Baustelle. Ein riesiges Gelände, vollgepfropft mit Sand, Beton, Plastikmaterial und ungeheuren Maschinen, die brummende, wütende Arbeitsgeräusche von sich gaben.
viele Arbeiter konnte ich nicht entdecken. Wahrscheinlich lief das meiste vollautomatisch und computergesteuert. Yuka führte mich zu einem Wellblechschuppen gleich vorne an.
»Lass mich allein reingehen. Du weißt ja, als Frau …«
Ich wusste. Auch das alles gab es noch immer. Mit einem netten Lächeln konnte eine Frau immer noch mehr erreichen als eine ganze Horde Männer mit einem Sack voll Argumenten. Das sollte allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Frauen in allen Belangen den Männern untergeordnet waren. Sie bekamen zwar für gleiche Arbeit gleichen Lohn, aber das besagte nichts, da sie nur in den seltensten Fällen die gleiche Arbeit bekamen. Sie hatten in der Regel die stupidesten und monotonsten Arbeiten zu verrichten, die natürlich auch am schlechtesten bezahlt wurden. Der Slogan war nur dazu da, der Regierungspropaganda von der Gleichberechtigung zu helfen.
Ich lehnte mich an die Hütte und versuchte mich an den Gedanken zu gewöhnen, dass ich hier arbeiten sollte. Ich konnte es nicht. Es hatte alles nichts mit mir zu tun. Ich konnte mich mit nichts und niemandem identifizieren. Alle Gefühle in mir reagierten mit Abwehr. Ich konnte mir tausendmal sagen, dass es besser war, als die anderen Jobs, die ich gemacht hatte. Es half nichts. Ich fluchte lautlos herum und danach überkam mich wieder das Gefühl einer wahnsinnigen Einsamkeit und Leere. Ich war hilflos, wir alle waren hilflos. Und Hoffnung hatte ich auch keine - worauf auch? Aber ich wollte irgendwie leben. Es gab Leute, mit denen ich alles irgendwie über die Runden bringen konnte. Wir waren doch irgendwie eine merkwürdige Gemeinschaft, wo sich alle gegenseitig halfen und wieder auf die Füße stellten.
Yuka kam heraus und sagte mir, dass ich morgen anfangen könnte. Ich sollte die Maschinen sauber halten und andere solche Dreckarbeiten verrichten. Der Boss wollte mich nicht mal mehr sehen heute. Ich war nur eine Nummer, ein weiterer Arbeitssklave. Yuka bestätigte mir, dass hier sowieso nicht viele arbeiteten. Es war ja auch alles genormt und vorgegeben, sodass es leicht von den Maschinen allein erledigt werden konnte. Menschliche Fantasie oder Eigeninitiative waren unerwünscht.
Auf dem Rückweg fiel mir etwas ein.
»Arbeit habe ich ja jetzt«, sagte ich langsam zu Yuka. »Aber keine Wohnung. Und bei Flie und Lucky kann ich auch nicht immer wohnen. Ich komme mir da schon etwas blöd vor. Schließlich habe ich schon mal zwei Monate da gewohnt. Und das ist doch ein bisschen reichlich.«
»Und bei deinen Eltern?«
»Das geht auf keinen Fall!« Ich zuckte richtig zusammen.
»Da würde ich es nicht mal zwei Tage aushalten.»
»Ist wohl reichlich schlimm?«
»Mit meiner Mutter gehts ja noch. Aber der Alte … weißt du, er versteht einfach nichts. Er kann seine Vorstellungen und Ansichten um keinen Deut mehr ändern. Und so geraten wir uns nach zehn Minuten immer in die Wolle, wenn wir uns unterhalten. Ich müsste mich da total zurückhalten oder unterordnen und das kann ich nicht. Und meine Mutter gibt ihm am Ende immer Recht oder verteidigt ihn, obwohl sie sonst manchmal versucht, sich in meine Sachen reinzudenken. Aber sie hat eben ihre Normen und aus denen kommt sie nicht raus.«
»Hm. Bei mir ist es so ähnlich, nur andersherum. Mein Vater ist manchmal sogar richtig lieb und weiß ziemlich gut über mich Bescheid.«
Sie lächelte, als fiele ihr dabei was ein.
»Du kannst ja ne Zeit bei mir wohnen, bis du was Eigenes hast«, schlug sie vor.
»Ja, aber …« Ich kam mir wirklich etwas bescheuert vor. Das hatte ich ja nun nicht gewollt. Oder?
»Oh, es macht nichts«, sagte sie fröhlich. »Ich hab ne ziemlich große Wohnung. Zwar nur ein Zimmer, aber wir werden das schon hinkriegen. Hast du was zum Schreiben?«
Ich nickte. Sie war auf einmal furchtbar lebendig. Da kam ich überhaupt nicht mit, denn mir war das Ganze noch immer unangenehm. Wir waren schon wieder beim Bus-Stop angelangt, und sie schrieb mir ihre Adresse auf. Dann kam auch schon der Bus. Da ich erst mal gar nicht wusste wohin, blieb ich stehen. Sie gab mir noch schnell einen Kuss und rief aus der Tür:
»Tschau, Speedy. Ich bin heute Abend zuhause.«
Dann war sie weg - und alles noch etwas vertraute mit ihr. Ich merkte, dass ich sie eigentlich recht gerne mochte. Ich hatte zwar schlechte Erinnerungen an zusammen mit ner Frau wohnen, aber jetzt kam es mir gar nicht mehr so schlecht vor. Und außerdem war der Vorschlag von ihr gekommen und so war ich für sie wohl nicht irgendein blöder Macker.
What do you get for pretending the danger's not real
Meek and obedient you follow the leader
Down well trodden corridors into the valley of steel
What a surprise!
A look of terminal shock in your eyes
Now things are really what they seem
No, this is no bad dream.
Pink Floyd - »Sheep«
4.
Ich wollte mich irgendwo ausruhen - wovon wusste ich auch nicht recht. Aber es war kein Platz da zum Hinsetzen. Leute strömten um mich herum, ich wurde gestoßen und gedrängt. Ich musste weg von der Straße, bevor es Feierabend wurde. Der Gedanke, was ich zu tun hatte, war schon länger in meinem Kopf gewesen, doch ich hatte es bisher abgelehnt, mich damit zu befassen. Jetzt musste ich es.
Es blieb nichts anderes zu tun, als zu meinen Eltern zu gehen. Einerseits, weil ich Geld brauchte, um wenigstens die erste Zeit über die Runden zu kommen, bevor ich den ersten Lohn bekam. Alle anderen Leute, die ich kannte, hatten ebenso wenig Geld wie ich. Außerdem hatte ich bei vielen von ihnen schon Schulden, die ich auch wenigstens teilweise zurückzahlen wollte. Andererseits fühlte ich mich noch immer verpflichtet, mich ab und zu bei meinen Eltern sehen zu lassen. Und ich war bestimmt drei Monate nicht bei ihnen gewesen. Die Vorstellung allerdings, mit meinem Alten zu sprechen und in diesem scheußlichen Wohnzimmer zu sitzen, war mir unerträglich. Trotzdem nahm ich den nächsten Bus und klingelte völlig erschöpft ne halbe Stunde später an ihrer Haustür.
Sie lebten in einem dieser riesigen Wolkenkratzer, anonym wie in einem Ameisenhaufen. Ich musste den Lift benutzen, denn sie hatten ihre Wohnung im 85. Stockwerk, wo ich nicht mal aus dem Fenster sehen konnte, ohne dass mir schwindelig wurde. Man konnte auch sowieso kaum was erkennen, da hier die Abgase und der Smog in dicken Schwaden vorbeizogen.
In diesem Teil der Stadt hatten sie angefangen, in der Höhe des zehnten Stockwerks eine zweite Fußgängerebene zu bauen. So wurde, das Ganze noch verschachtelter unübersichtlicher und abstoßender. Vor den Fenstern in dieser Höhe erstreckte sich praktisch eine riesige Baustelle, und der Krach war ohrenbetäubend. Auf der unteren Ebene würde man nicht mal mehr den Himmel sehen können. Das Wort Natur war längst nicht mehr im Sprachgebrauch, es sei denn fürs Wetter. Auch ich hatte noch nie Gras gesehen, geschweige denn Bäume oder gar irgendein Tier außer Ratten und Katzen. Das kannte ich alles nur aus Büchern und Abbildungen.
Ich schwang mich behutsam aus dem Lift - ich war diese Technik nicht so recht gewohnt und immer auf Defekte gefasst. Zögernd drückte ich auf den Summer und meine Mutter öffnete mir. Sicher hatte sie vorher den Spion aktiviert, um nicht irgendeinen Strolch reinzulassen.
»Spike!«, rief sie überrascht.
Ich hatte diesen Namen so lange nicht gehört und verzog schmerzhaft das Gesicht. Er stand für eine Vergangenheit, die ich lieber vergessen hätte.
»Du hast dich ja ewig nicht blicken lassen. Wir dachten schon, es wäre was passiert!«
Es ging schon wieder los. Das übliche Gerede. Ich murmelte nur was vor mich hin. Ich hatte es längst aufgegeben, gegen diese Bevormundung zu protestieren. Es hätte weder was genützt noch was geändert.
Sie zog mich herein. Ihr Gesicht war noch grauer und spitzer geworden. Auch das neue Kleid (war es neu?) konnte eine gewisse Bitterkeit nicht übertünchen - trotz der grellen gelben Farbmuster auf dem Plastikstoff.
Sie machte mir was zu essen, stellte tausend Fragen und ich versuchte, so gut wie möglich, zu antworten. Hauptsächlich betrafen die Fragen meine Gesundheit und mein Auskommen, und sie spiegelten die Furcht wieder, dass ich irgendetwas Ungesetzliches tun könnte, was mich noch weiter außerhalb der Gesellschaft stellen würde. Sie hatte immer noch Hoffnung, dass ich irgendwas Richtiges lernen würde, das mir ein sicheres Auskommen und einen Platz in der Maschinerie ermöglichte. Meine Mutter schwelgte in Erinnerungen an die Zeit, in der ich mit Winnie zusammen gewesen war und studiert hatte. Das war für mich längst vergangen, aber sie klammerte sich daran.
Mein Bruder war ausnahmsweise auch da, ein wild aussehender breitschultriger Typ, der in irgendeiner Bande eine gute Stellung hatte. Er schaute nur kurz rein, knurrte einige den Lauten nach freundliche Worte und verschwand wieder. Meine jüngere Schwester wurschtelte in der Küche rum und backte zur Freude der Familie gerade Kuchen für den nächsten Kaffeeklatsch. Sie schwatzte uns die Ohren voll von irgendwelchen dämlichen Gesangsstars und wie sie sich am besten gegenüber ihren Schulfreundinnen herausputzen konnte. Ich konnte es nicht ertragen.
Es war üblich, dass die Kinder so spät wie möglich das Elternhaus verließen. So sparte man länger Raum für neue Wohnungen, denn die Geburten übertrafen bei Weitem die Todesfälle - trotz allerlei Verhütungsmittel. Unter gewissen Umständen konnte man sogar bestraft werden, wenn man zu früh auszog. Mich hatten sie nicht halten können. Aber das war eine Ausnahme. Auch mein Bruder wohnte woanders - ich wusste nicht wo - und hatte sein Zimmer hier nur noch pro forma.
Na ja, es lief alles so wie üblich … Ich legte mich auf das Sofa im Wohnzimmer und schloss die Augen. So konnte ich mich besser ausruhen und brauchte gleichzeitig diesen grässlichen Raum nicht länger anzustarren. Es war alles künstlich, Stühle, der Tisch, die Tapete … aus Plastik oder einem Leichtmetall und in abscheulichen grellen Farben. Das war modern. Meine Eltern fanden das auch nicht gerade toll, aber es gab kaum was anderes und die Nachbarn hatten es auch. Außerdem hatten sie sich so daran gewöhnt, dass sie es nicht mehr wahrnahmen. Manchmal hatte ich den Eindruck, dass sie sich an alles gewöhnen konnten, wenn es nur nicht wieder Krieg gab. Irgendwie war es ja auch verständlich. Sie kannten zum Beispiel noch Vögel, Gras und das ganze Zeugs vor dem Krieg. Aber sie hatten wohl schon damals nicht gewusst, was dies für sie bedeutete, und so war das Ausrotten der Natur anscheinend nicht weiter aufgefallen, auch wenn meine Mutter manchmal etwas traurig über ihre Kindheit sprach. Und das Argument, dass keiner den Krieg ungeschehen machen konnte, und es eben keine Natur mehr gab, konnte ich schlecht widerlegen.
Leider dauerte die Ruhe nicht allzu lange. Mein Alter kam nämlich von der Arbeit. Nicht, dass er sich nicht freute, mich zu sehen.
Oh nein, er war anfangs sogar richtig nett und brachte sogar ein Lächeln auf seinem sonst so harten Gesicht zustande. Doch dann setzten die unvermeidlichen Fragen ein: Was machst du gerade? Wo wohnst du? Lernst du was Ordentliches? Was, du hast die ganze Zeit herumgegammelt? Du hast keine Wohnung? Warum hast du nur dein Studium aufgegeben? Dann würdest du jetzt nicht so dastehen! Schließlich habe ich dich die ganze Zeit finanziert! Du bist auch nicht besser als dein Bruder! Wir rackern uns hier ab, und was ist der Dank dafür? Wo soll das noch hinführen? Alle Leute in deinem Alter haben ne ordentliche Arbeit! Man muss sich ja direkt für seine Kinder schämen usw. usw.
Meine Mutter hatte uns Kaffee gemacht und wir saßen alle, außer meinem Bruder, um den Tisch herum. Sie versuchte vergeblich irgendwie einzugreifen, oder das Gespräch auf ein anderes Thema zu lenken. Doch der Alte ließ sich nicht stoppen. Er war in seinem Fahrwasser und jetzt ging alles automatisch. Er gab mir kaum Zeit zu antworten, und nach zwei Sätzen hörte ich sowieso auf, denn gegen so viel Unverständnis und Borniertheit kam ich nicht an.
Es war einfach eine andere Welt, andere Werte, genormte Werte, andere Vorstellungen, eine andere Lebensweise und eine widerliche, unterdrückende Moral. Es zeigte sich mal wieder die ganze Abhängigkeit von Regeln, Gesetzen und Normen, die dieser Staat seit Generationen versuchte jedem einzuimpfen und das mit großem Erfolg. Denn er war liberal. Jeder konnte hier und da abweichende Meinungen vertreten, es gab einen weitläufigen Spielraum - immer im Rahmen der herrschenden Ordnung - versteht sich. Der Staat war elastisch, aber was ihn ernsthaft gefährden konnte, wurde nicht geduldet. Nach dem Motto: Wehret den Anfängen! wurden solche Ansätze ausgemerzt. Eine Mischung aus bürgerlicher Scheindemokratie und abschreckender Härte.
Ich trank, so schnell ich konnte, den Kaffee aus und ergriff die Flucht. Es war umsonst. Hier konnte ich nichts erben. In dieser Stimmung meinen Vater um Geld zu bitten, wäre Wahnsinn gewesen. Erstens hätte ich nichts bekommen und zweitens wäre seine Wut in Gebrüll ausgeartet. Ich kannte das und wollte es uns ersparen.




