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Ich hatte genug.
Ich verabschiedete mich hastig, nahm meine Sachen und ging. Meine Mutter versuchte sich noch in der Tür für den Alten zu entschuldigen. Ein trauriges Spiel. Ich unterbrach es schnell und versprach ihr wiederzukommen, wenn er nicht da war.
Ich lief einige Treppen in dem grauen öden Treppenhaus zu Fuß hinunter. Ich konnte nicht verbergen, dass ich ne ganz schöne Wut im Bauch hatte. Mein Alter und ich hatten uns schon so oft angebrüllt. Ich konnte diesen Schwachsinn von ihm einfach nicht begreifen und war von ihm noch ganz andere Sachen gewöhnt.
Mein Vater war ein Musterexemplar des Beamtentyps: korrekt, ordentlich, streng aber gerecht. Er arbeitete irgendwo in einem riesigen Büro, gab Unterschriften, sah Akten durch, diktierte an einem Computer, telefonierte. Es war zweifelhaft, ob er überhaupt wusste, was durch seine Tätigkeit in Gang gesetzt wurde. Ein Tastendruck von ihm konnte nichts bedeuten oder jemandem die Existenzgrundlage rauben. Er befehligte eine Armee von Boten, Maschinen und Kaffee kochenden Sekretärinnen -, falls diese nicht ebenfalls durch Maschinen ersetzt waren. Ich war zwei- oder dreimal dagewesen und hätte am liebsten losgeschrien. Seine Arbeit musste für einige hohe Herren ziemlich wichtig sein, denn er bekam ne ganze Stange Bucks dafür. Im Grunde ein einsamer, nervöser Mann, der genauso funktionierte, wie es gewünscht wurde.
Als mir die Luft vom Stufenspringen ausging, nahm ich den Lift. Ich kam aus dem Wohnblock und stand auf einmal recht verloren da. Ich schauderte - Rush Hour. Es war gegen fünf Uhr und ich hatte kein Ziel mehr.
»Hey, Brother!«, hörte ich eine kräftige Stimme aus dem Schatten der Mauer.
Ich drehte mich misstrauisch um und stand meinem Bruder gegenüber. Er lachte laut und trat seine Zigarette aus.
»Lass uns irgendwo hingehen«, schlug er vor.
Ich sah ihn an: ein großer, stämmiger Typ mit Lederjacke und einer dieser neuen ich-weiß-nicht-was-Hosen. Sein Gesicht war reichlich zerdeppert. Er hatte bestimmt ne Schlägerei hinter sich. In dem breiten Gürtel seiner Hose steckten ein Dolch und eine Waffe, von der ich nicht wusste, was sie darstellte.
»Guck nicht so dumm und komm«, forderte er mich barsch auf. »Ich habe keine Lust, meine Beine krumm zu stehen.«
»Gut, wenn du mich nicht in eine Runde kraftstrotzender, lauter Typen verschleppst.«
»Quatsch! Steig auf!«
Ich kannte seine Art und störte mich eigentlich nicht daran, außer wenn es zu viel wurde. Er zeigte auf ein Motorrad, ein blitzendes, neues Modell, das sich statt auf Rädern per Antigravitation fortbewegte und wahrscheinlich Geschwindigkeiten erreichte, die man kaum ausnutzen konnte. Es sah eher aus wie einer dieser Schlitten aus der Vergangenheit, wie ich sie von Bildern kannte. Das Armaturenbrett war voll von Knöpfen, Schaltern und Tasten. Ich konnte erkennen, dass auch nachträglich einige Sachen eingebaut waren.
Vic beobachtete mich. Er grinste.
Ich hatte nicht gewusst, dass Vic so ein Ding besaß. Er musste an Geld rangekommen sein.
»Los, mach schon!«, drängelte er.
Er saß vorn und ließ das Ding an. Es gab ein blubberndes, donnerndes Geräusch von sich, das mich zurückschrecken ließ. Doch ich überwand meine Abneigung und setzte mich - meine Tasche über der Schulter - hinter ihn. Und es war bequem. Man wurde irgendwie festgehalten. Ich fand Griffe für die Hände und Einbuchtungen, wo ich Beine und Füße unterbringen konnte. Es war nicht übel!
Vic band sich sein langes, strähniges Haar zusammen, setzte einen Helm auf und reichte mir auch einen. Das Gefährt machte einen Satz und schob sich heulend in die Schlange der Autos.
Es war Feierabend. Etwas Schlimmeres konnte ich mir nicht vorstellen. Doch Vic meisterte es wirklich fantastisch. Er brauste zwischen den Wagen hindurch, wo ich keine Lücke entdecken konnte. Manchmal benutzte er die obere Spur für Schnellfahrzeuge, was für Motorräder verboten war. Dann spürte ich den Sog der über uns fliegenden Gleiter. Wir brauchten nur fünfzehn Minuten durch eine stinkende, schwitzende Hölle bis zur City. Vic fuhr in eine Nebenstraße und hielt vor einem glitzernden Gebäude, das ich nicht kannte. Doc Farner stand in riesigen Leuchtbuchstaben über dem Eingangstor. Auch mit dem Namen konnte ich nichts anfangen. Vielleicht war es auch nur ein Fantasieprodukt. Die Fassade schimmerte in allen möglichen Farben. Sie schien in sich selbst zu verschwimmen. Es behagte mir schon jetzt nicht.
»Komm rein«, knurrte Vic mich an.
Etwas ungeschickt kletterte ich von dem Motorrad.
Unten in dem Haus war ein Restaurant, poppig und teuer. Wir stiegen in den Aufzug und fuhren fünf Etagen höher. Vic ging voraus. Er sagte nicht viel - im Gegensatz zu sonst, wo er mir manchmal die Ohren mit lauter krausem Zeug vollquatschte.
Wir kamen in einen hohen Raum ganz in Grün mit dämmrigem Licht. Eine Musikbox orgelte ohrenbetäubend. Es roch nach Drogen und Halluzinogenen, obwohl ich nicht viele Leute erkennen konnte. Es war noch zu früh. Überall standen niedrige Tische und Bänke herum. Von der Decke hingen irgendwelche Horrorfiguren an Fäden herab, die sich ab und zu bewegten, indem sie die Glieder verrenkten und blöde Schreie von sich gaben.
Vic dirigierte mich in eine Ecke, wo der Lärm auf die Hälfte reduziert war.
»Glaubst du etwa, mir gefällt es hier?«, fragte ich provozierend. »Mir auch nicht, aber das interessiert auch nicht.«
Langsam reichte es mir. Andererseits war ich neugierig, was er von mir wollte. Es schien jedenfalls nicht auf eine seiner üblichen Spinnereien rauszulaufen. Wir setzten uns. Es war weitaus unbequemer als auf dem Motorrad.
»Willste was trinken?«, fragte Vic mich. Er holte ein paar Buckies aus der Tasche.
»Wenn du was ausgibst. Ich bin völlig pleite.«
Er steckte die Münzen in einen Schlitz an der Seite des Tisches. Auf der Platte erschienen augenblicklich zwei Bier. Auch dieses Automatic-System war mir neu. Es schien, als wäre ich etwas Out of Time. War mir aber auch egal. Aber vielleicht hatte ich mich wirklich zu lange zurückgezogen. Erst in meine Bude und dann nach draußen.
Vic schien etwas unruhig. Sein Blick wanderte von Tisch zu Tisch. Er zog seine rote Lederjacke aus und holte eine dieser Halu-ci-gars hervor.
»Wartest du auf jemanden?«, riet ich.
Das Bier schmeckte scheußlich synthetisch.
»Ja, aber egal. Außerdem ist es immer gut, sich dort umzusehen, wo man hinkommt. Jedenfalls in meiner Situation. Obwohl es hier einigermaßen sicher ist.«
Ich glaube, es kostete ihn Überwindung weiterzureden, um auf sein eigentliches Anliegen zu kommen.
»Du kannst dir denken, dass wir nicht zum Spaß in dieser lausigen Kaschemme sitzen.«
»Also, fang an!« Ich hatte genug von dem hin und her.
»Okay. Was weißt du über die Gangs?«
»Machen wir ein Ratespiel?«
Vic lehnte sich zurück, und ich fragte mich plötzlich, was zum Teufel ich mit ihm zu tun hatte.
»Es ist wichtig. Sonst muss ich nachher alles dreimal erzählen,« fuhr er fort.
Ich ließ mich also drauf ein und gab so das Übliche von mir. Ich musste gestehen, dass mir nicht sehr viel zu dem Thema einfiel. Die alten Geschichten und meine Vermutung, dass sie sich irgendwie mit den Regs arrangiert hatten.
»Stop!«, unterbrach mich mein Bruder. »Das sind die typischen Sachen, die überall rumgeistern, weil sie von den Regs selbst unter die Leute gebracht werden. Erstaunlich, dass du überhaupt auf die Idee von einer Zusammenarbeit zwischen Regierung und
Gangs gekommen bist. Übrigens, dass du selbst draußen gewesen bist, hätte ich dir gar nicht zugetraut.«
Er grinste herüber zu mir. Ich wurde etwas ärgerlich.
»vielleicht bin ich nicht so, wie du dir das vorstellst. Du kannst dir also dein Geschwafel sparen.«
»Schon gut«, beschwichtigte Vic mich. »Ich will nicht mit dir rumstreiten.«
Er kam wieder auf das Thema zurück.
»Worum es mir in erster Linie geht, ist, dass dir meine Situation ansatzweise verständlich wird. Und darum spreche ich über die Gangs und die Vorurteile, die da bestehen. Du hast auch insoweit recht, dass ein Teil der Banden wirklich mit der Regierung rummauscheln. Sie kriegen sogar Bucks und Waffen dafür. Als Gegenleistung dürfen sie die Bevölkerung nicht zu sehr beunruhigen, das heiß, die Zahl der Toten und Verletzten muss sich in Grenzen halten. Aber das geht eher mich was an. Es ist nicht dein Problem und ich will es auch nicht dazu machen. Was wichtig ist, ist der andere Teil der Gangs, der weitaus größere, ich schätze so 70%. Wir - du kannst mich dazu zählen - haben eine Zusammenarbeit mit allem, was die jetzige Ordnung aufrechterhält, immer abgelehnt. Wir alle hassen den Staat und sind damit seine größten Feinde - das sogenannte Outsider-Problem. Aus Überlebensgründen haben wir wiederum unsere Abmachungen mit den von den Regs geförderten Gangs, von denen ebenfalls nicht wenige Mitglieder mit uns sympathisieren. viele von denen sind nur aus Bequemlichkeit oder Angst da, denn wir werden gejagt und müssen eben Zusehen, wie wir uns durchschlagen. So kann letzten Endes der Staat nicht an uns ran, obwohl er es manchmal möchte. Aber erstens können die nicht eine Gang von der anderen unterscheiden und zweitens halten im Notfall alle Banden zusammen.»
»Und was gebt ihr dafür, dass die anderen Banden euch nicht an die Cops verraten?«
»Wir unternehmen nichts gegen sie und geben ihnen einen Teil der Beute.«
Er sagte das alles so cool, dass er dabei wohl ganz vergaß, was sie eigentlich anstellten!
»Jetzt hör mir mal zu, Vic! Ihr schlagt ohne Grund Leute tot, Leute, die euch nichts getan haben, raubt ihnen noch das letzte Hemd und plündert sie aus, und du stellst es so dar, als wärt ihr ne Art Stammtisch!«
»Ich glaube, du bist da reichlich falsch informiert.«
»Ja klar, das wird dann immer gesagt. Habt ihr euch mal überhaupt überlegt, was ihr damit gegen das System ausrichtet? Nämlich gar nichts! … Ach, was soll's. Ich habe damit jedenfalls nichts zu tun und lass mich auch von dir da nicht reinreißen.«
Wenn er glaubte, er könnte mich zu irgendwas überreden, hatte er sich jedenfalls geirrt. Ich stand auf, aber Vic packte mich am Arm.
»Bleib hier, du verstehst nichts!«
»Lass mich los, ich bin nicht einer von deinen Sklaven.«
Das brachte ihn, ganz schön hoch.
»Du Blödmann! Am liebsten würde ich dir eine reinhauen. Hör doch wenigstens erst mal zu, was ich will!«
Aus dem Halbdunkel näherte sich eine Gestalt. Vic ließ mich endlich los.
»Wird auch Zeit, dass du kommst!«
»Hm«, machte die Gestalt. »Nun reg dich nicht über mich auf, wenn du Speedy meinst.«
Ich erkannte die Stimme sofort.
»Stucker!«, rief ich. »Was hast du hier zu suchen?«
»Nicht so laut«, zischte er. »Was ist denn bloß los mit euch? Man hört euch ja im ganzen Haus. Wollt ihr unbedingt die Cops anlocken?«
Der stille, schweigsame Stucker! Ich konnte es kaum begreifen. Ich kannte ihn als einen nachdenklichen, philosophischen Typen. Klein und hager mit einem mächtigen Bart und oft trug er eine alte Mütze. Ich erinnerte mich noch gut an seine traurige, zusammengesunkene Gestalt, als ich Flie und Lucky in der Kneipe getroffen hatte. Was hatte er mit meinem Bruder zu tun?
»Okay, Stucker. Setz dich hin. Du hast natürlich recht. Wir werden über alles in Ruhe reden.«
Vic tastete ihm ebenfalls ein Bier. Jetzt war ich natürlich auch wieder neugierig geworden und vergaß, dass ich ja eigentlich gehen wollte. Mein Zorn war auch schon abgekühlt.
»Um es kurz zu machen, Speedy«, fuhr mein Bruder in seiner Story fort, »wir killen niemand, höchstens in Notwehr. Und wir nehmen nur denen was weg, die sowieso schon genug haben. Die Schauermärchen im Tri-Video sind teilweise erfunden, um die Leute ängstlich und in Schach zu halten, teilweise machen die anderen Gangs diesen ganzen Shit und dafür würden wir sie am liebsten in die Stadt zurückjagen.«
»Ein moderner Robin Hood-Club, was?« Ich blieb skeptisch.
»Nun spiel mal nicht den Ironischen», meldete sich Stucker. »Die Tour kennen wir auch schon. Wir geben das Geld schließlich nicht als Almosen an irgendwelche armen Leute, sondern beschaffen uns dafür, was wir zum Leben brauchen und außerdem Waffen und andere Ausrüstung.«
Langsam merkte ich, worauf sie hinauswollten. Ich begriff es noch nicht ganz. Aber wenn ich richtig vermutete, war es ein gefährliches Spiel. Ein Tödliches.
»Wir haben ein paar Leute in der Hand, von denen wir Waffen kriegen«, sagte Stucker in seiner ruhigen Art.
Ich stellte die entscheidende Frage.
»Und was wollt ihr damit, wenn ihr sie nicht für Überfälle benutzt?«
»Wir werden sie schlagen!« Vic schlug mit der Faust auf den Tisch. »Und dann wird sich ganz schön was ändern.«
»Wen wollt ihr schlagen? Die Regs? Die sind doch viel zu stark«, sagte ich erregt.
»Nein, nicht wenn es nach unserem Plan geht.« Das Gesicht meines Bruders war ganz nahe bei mir. »Man muss nur die Nervenstellen kennen.«
»Aber die Cops und das Militär! Sie sind euch weit überlegen. Und die Bevölkerung wird euch bestimmt nicht unterstützen«, gab ich zu bedenken.
»Richtig. Aber wir können dir schließlich nicht alles erzählen«, sagte Stucker. »Du bist hier, weil wir wissen wollen, ob du eventuell mitmachst. Hätte Vic dich nicht zufällig bei deinen Eltern getroffen, hätte ich dich gesucht. Überleg es dir. Ich weiß, dass du was tun willst gegen dieses verdammte System!«
»Es wird nicht funktionieren«, murmelte ich vor mich hin.
Ich konnte es nicht fassen. Der Gedanke an Gewalt in diesem Zusammenhang war einfach absurd.
Vic stand auf.
»Ich muss los. Man sollte uns nicht zusammen sehen. Stucker kann dir noch Einzelheiten erklären.«
Er ließ sein Bier stehen und ging. Ich hatte ihn nicht wiedererkannt. So hatte er nie vorher zu mir gesprochen. Besser noch: ich hatte ihn bisher nicht gekannt. Ich hatte nicht gewusst, was er dachte, was er tat. Und auch jetzt wusste ich nicht viel mehr. Jedenfalls nicht genug. Obwohl er mein Bruder war, war er mir nie aufgefallen. Irgendwann hatte ich gedacht, dass meine und seine Interessen zu verschieden waren, um sie miteinander vereinbaren zu können. Vielleicht war das falsch gewesen, und ich hätte mich mehr mit ihm auseinandersetzen sollen.
»Wenn du Näheres wissen willst …«, brach Stucker das Schweigen. »Nein, nein«, wehrte ich ab. »Ich muss ja erst mal überhaupt die Idee akzeptieren. Nur eins: wie kommst du da rein?«
»Du weißt, ich überlege viel. Und ich hab ja auch Zeit dazu, weil ich mir wegen des nötigen Geldes keine Sorgen zu machen brauche.« Ich erinnerte mich, dass er ne Menge Bucks von seinen Alten bekam. Wenn die wüssten, mit welchen Leuten er zu tun hatte …
»Eigentlich ist die Sache ziemlich einfach - letzten Endes. Ich sehe jedenfalls nur einen einzigen Ausweg, alles zu ändern: Gewalt. Gewalt gegen die Gewalt, die wir täglich erfahren, der wir immer ausweichen oder unterliegen. Und die Gewalt, der Terror von oben, ist nicht mit den Leuten zu brechen, die sich seit eh und je daran gewöhnt haben, sich angepasst haben und sie sogar als notwendig erachten. Fast alle in der Stadt sind psychisch total unter Kontrolle der Regs. Keine Krise oder Naturkatastrophe kann die Regs überraschen. Auf solche Situationen sind sie vorbereitet. Ein paar Knopfdrücke, und das entsprechende Programm läuft ab, die Bevölkerung ist beruhigt. Die Gegengewalt kann nur von außerhalb kommen und da gibt es nur die Gangs.»
Er machte eine Pause, trank ein paar Schlucke von seinem Bier.
»Ich hatte furchtbare Angst. Na, du kennst ja auch die Gerüchte, die über die Gangs verbreitet werden. Aber es gab keinen anderen Weg. Ich ging also nach draußen, und zum Glück traf ich auf jemand, der mir nicht gleich das Messer zwischen die Rippen stieß.
So bekam ich Kontakt mit Vic und erfuhr, dass die Idee nicht nur auf meinem Mist gewachsen ist, sondern schon seit Langem in gewissen Gangs diskutiert wird. Und der Zeitpunkt ist nicht mehr weit weg.«
Eine irre Geschichte. Und nebenbei wurde mir mal wieder klar, dass man oft nur eine Seite eines Menschen kennt. Man kennt ihn eben so, wie man ihm immer begegnet.
Und plötzlich überkam mich wieder dieses Gefühl, das ich in letzter Zeit so häufig hatte: ich musste weg, allein sein, nachdenken. Ich hielt es hier nicht mehr aus.
»Stucker, ich muss weg. Ich komm zu dir, wenn ich was wissen will. Mach's gut!«
»Okay. Und sag niemand was!«
»Ist doch klar.«
Ich hastete die Stufen runter, immer weiter, immer weiter …
Ich kam völlig außer Atem unten an. Ich sehnte mich nach draußen, fort von hier. Doch es wurde mir gleichzeitig bewusst, dass dies nur wieder Flucht bedeuten würde. Flucht vor Menschen, vor Entscheidungen, vor Gewohnheit und Arbeit und tausend anderen Sachen. Manchmal braucht man eine Flucht, aber sie ändert nichts, und wenn man zurückkommt, ist alles noch, wie es vorher war. Und wenn sich wirklich was geändert hatte, war man nicht beteiligt gewesen und steht außen vor. Flucht ist gut, um abzuschalten und sich über seine Identität, seine Wünsche, Bedürfnisse und Fähigkeiten klarer zu werden. Ab und zu gelingt das.
Und ich hatte das gerade hinter mir. Es wäre gerade jetzt falsch, es zu wiederholen. Nun gut, ich musste mich erst wieder an die Umgebung gewöhnen, aber ich musste ganz sicher Entscheidungen treffen, wie es für mich selber weitergehen sollte. Die Entscheidung zu arbeiten war ein erster Ansatz, obwohl er durch die Umstände diktiert wurde und mehr ein Zwang war. Außerdem musste ich vor mir selber zugeben, dass meine letzte Flucht in die Einsamkeit mir nur sehr wenig geholfen hatte. Ich war den wesentlichen Sachen nicht nähergekommen.
Im Grunde wusste ich immer noch nicht, was ich tun sollte. Für mich bedeutete dieser Zustand Hilflosigkeit, Angst und Unsicherheit.
Ich fühlte mich von Personen und Ereignissen zu Handlungen getrieben. Diese Aktionen gingen aber nicht von mir aus, sie wurden mir aufgedrängt. Und das ist wirklich ein schreckliches Gefühl.
Ich merkte, dass ich nicht Herr meines Lebens war, noch nicht mal da, wo ich vielleicht die Möglichkeit hätte, es zu sein. Meine Zukunft wurde von anderen verplant und verbaut. Ich hatte nicht die Illusion, vollständig autonom über mein Leben entscheiden zu können. Schließlich und glücklicherweise lebte man immer mit anderen zusammen und musste da was draus machen. Aber im Moment machte ich nichts draus. Ich ließ vielmehr zu, dass andere etwas mit mir machten. Wenn ich meine Identität noch weiter verlor, konnte ich ja auch gleich abtreten. Es musste sich was ändern!
Alle diese Gedanken wirbelten durch meinen Kopf, während ich im Eingang des Restaurants stand. Ich sah schon einen Roboter auf mich zukommen, der mich mehr oder weniger höflich auf die Straße setzen würde, wenn ich hier noch länger blieb. Also entfernte ich mich lieber vorher. Hier herumzustehen war ja auch schließlich unnütz. Und unnütze Sachen wurden nicht gern gesehen in dieser Welt.
They seek us in this unquiet zone
They chase us on from hole to hole
They hunt us down like carrion crows
They search us out like frightened moles
This surely is a dreadful war
An awful waste of guts and gore
An awful waste of human life
This senseless, bloody, bitter strife
We huddled close against the ground
Scared to make the slightest sound
And all around the great guns boom
The constant march of pending doom
Procol Harum - »The Unquiet Zone«
Zwischenbericht - Vic
Die Entscheidung war bereits getroffen. Soweit glaubte er seinen Bruder zu kennen. Das Verlangen nach Zeit zum Überlegen hätte nichts anderes zu bedeuten, als dass er nicht mitmachen würde.
Aber hatte er etwas anderes erwartet?
Scheiße! Da versuchte er nun, seinem Bruder irgendwie zu helfen, ihm etwas anzubieten, und der Typ schlug es geradewegs ab.
Vic stieg auf sein Motorrad und ließ es wütend an. Wie hatte er nur annehmen können, dass ein so anderer Mensch als er, in irgendeiner Weise auf sein Angebot eingehen könnte? Nicht, dass er Angst hätte, Speedy könnte etwas verraten, aber diese verschleierte Absage irritierte ihn doch ganz gewaltig, obwohl er sich so was hätte denken können.
Was sollte man mit so einem Träumer anfangen? Speedy war immer auf der Suche, jagte irgendwelchen Hirngespinsten hinterher. Wahrscheinlich wusste er noch nicht mal, wonach er suchte. Na, es würde auch ohne ihn hinhauen. Schließlich waren sie nicht auf ihn angewiesen, es wäre nur ganz schön gewesen …
Während Vic die Stadt hinter sich ließ - unbehelligt von Cops -, musste er flüchtig an das Camp denken. vielleicht wäre Speedy dort besser aufgehoben. Er selbst konnte mit den Leuten nicht allzu viel anfangen. Er war überzeugt davon, dass dieses Experiment eines Tages in die Hose gehen würde. Der äußere Druck war einfach zu groß und wirkte sich zunehmend auf die ganze Gruppe aus. Es würde einfach auffliegen, mit einem Schlag. Er konnte daran nichts ändern. Diese Leute konnten höchstens durch das schnelle Zuschlagen der Gangs gerettet werden.
Es war eben schon richtig, erst in der Stadt selbst die Verhältnisse zu ändern. Und das war gar nicht mehr so lange hin. Er hoffte, dass diesmal nichts dazwischenkam. Die Vorbereitungen liefen auf Hochtouren.
Diese Gedanken gaben ihm wieder Auftrieb. Vic öffnete den Helm. Er donnerte mit Vollgas über die Brücke, welche die Stadt von draußen trennte. Die Abendluft schnitt ihm ins Gesicht. Manchmal glaubte er, die Cops wagten es gar nicht, ihn zu kontrollieren, da sie die Folgen fürchteten. Aber das war wohl nur eine Illusion. Drohend schüttelte er die Faust gegen das Stadtbild.
»Du wirst nicht mehr lange so stehen!«, rief er.
Und dann fühlte er sich wieder zu Hause. Ein warmes, sicheres Gefühl stellte sich ein, als er den gewohnten Schleichweg einschlug. Dies war sein Bereich, hier spielte sich zum großen Teil sein Leben ab, schon lange Zeit. Aber bald brauchten sie sich nicht mehr zu verstecken. Die Stadt und alles andere würde ihnen offenstehen. Es würde sich alles grundlegend ändern.
Er umfuhr spielend alle größeren Hindernisse und wich den gefährlichen Stellen aus. Hier war es schon dunkel. Kein Licht funktionierte mehr, die Ruinen, Straßenspalten und Steinklötze waren im Mond- und Sternenlicht kaum sichtbar. Aber er kannte sich aus, und es machte ihm wahnsinnig Spaß, die Maschine voll auszufahren, wo es ging.
Er hatte lange daran herumgebastelt. Wenn die Cops wüssten, was in ihr steckte, würden sie ihn bestimmt nicht noch mal ohne weitere Untersuchung durch eine Kontrolle lassen. Wahrscheinlich würde er nicht lebend durchkommen. Nicht nur die hohe Geschwindigkeit und der eingebaute A-Grav waren gesetzeswidrig, es gab einen Schutzprojektor gegen Energiewaffen und eine getarnte Mini-MP. Und auf unerlaubten Waffenbesitz stand seit eh und je die Todesstrafe. Außerdem war der Schlitten durch seine Kompaktbauweise enorm wendig und bot einen ungemein sicheren Halt. Er war schon ziemlich stolz darauf. Davon abgesehen war seine Gang sowieso eine der Bestausgerüstetsten. Schließlich hatte sie ja auch die Führungsrolle und damit die gefährlichste Aufgabe in der bevorstehenden Schlacht übernommen. Das kam hauptsächlich daher, dass sie die Pläne und die Strategie lange vor den anderen entwickelt hatten. Vic sorgte allerdings dafür, dass die anderen Gangs nicht überfahren oder bevormundet wurden. So etwas wie Streit im eigenen Lager war das Letzte, was sie gebrauchen konnten.




