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Die Cru begutachtete sich im Spiegel, wurde von Shirley abgesegnet und war startklar. Sie posierten für die Fotos, badeten im lila Licht und die Nebelanlage legte eine Doppelschicht ein. Ein paar der Shots waren absolute Volltreffer – andere weniger. Dr. Dre, zu Späßen aufgelegt, alberte herum. Er hatte ja keine Ahnung, dass diese Fotos ihn eines Tages noch verfolgen sollten. „Ich sag euch was, zumindest hatte ich nichts aus Spitze an – das war Yella“, murrte Dr. Dre später.
Dr. Dres Production-Skills verbesserten sich rasant. Er und Cli-N-Tel richteten sich tagelang im Studio ein und schickten die anderen los, um ihnen Essen und frische Klamotten zu holen.
Die erste Show der Cru fand stand, als die Gruppe vor New Edition an der Fremont High School auftrat. Die Jungs fingen schon bald an, immer mehr Leute anzuziehen, die schwüle Dancefloor-Nummern und sexy Slow-Jams geboten bekamen. Als das Eve After Dark 1985 schloss, begann Lonzo, Partys im Dooto’s in Compton zu veranstalten. Die Cru trat dort ebenso auf wie auf der angrenzenden Rollschuhbahn, wo die Leute immer noch gerne langsam tanzten. Lonzo spielte das Umhängekeyboard. Der Song „The Bird“ von Morris Day and The Time inspirierte eine der Tanz-Choreografien der Cru – inklusive Gleitschritten, Hüftschwüngen und vogelartigen Armbewegungen. In purpurnen oder blauen Arztkitteln aus Satin ließ Dre seinem Vergnügen freien Lauf und das Publikum fuhr auf ihre Energie ab. „Die Frauen fühlten sich zu uns hingezogen“, erinnerte sich DJ Yella später.
Mit Lonzo am Steuer fing das smart herausgeputzte Quartett nun an, im ganzen Land aufzutreten und teilte sich die Bühne mit Funk- und R&B-Acts wie den Bar-Kays, Oran „Juice“ Jones und Rick James’ Protegées, den Mary Jane Girls. Sie ließen schon bald die Rollschuhbahnen hinter sich und traten bei einem frühen Hip-Hop-Event auf, dem Fresh Fest in der 12.000 Zuschauer fassenden Londoner Wembley Hall. 1986 ergatterte die Gruppe schließlich einen Plattenvertrag bei CBS, der ihnen 100.000 Dollar Vorschuss einbrachte.
Doch schon bald gab es auch Probleme, als Cli-N-Tel in der Buchhaltung der Gruppe auf Ungereimtheiten stieß. Das reichte aus, um der Cru noch vor dem nächsten Album, Rapped in Romance, das bei der CBS-Tochter Epic erschien, den Rücken zu kehren. Lonzo gestand, dass er es war, der den Löwenanteil der 100.000 Dollar in die eigene Tasche gesteckt hatte. Der neue BMW und das neue Haus waren wirklich nicht leicht zu übersehen. Er betonte aber, dass ihm das als Investor und Besitzer des Labels zustünde und er außerdem vernünftiger mit seinen Ressourcen umzugehen wusste.
Als Rapped in Romance 1986 floppte, schickte CBS die Gruppe in die Wüste. Die Lage war trist. Als sie mit ihrem auf eigene Faust veröffentlichten Song „Turn Off The Lights“ 1987 ihren größten Hit hatten, gab es die Gruppe schon nicht mehr. Dr. Dre hatte die Schnauze voll. Es war nicht nur eine Frage des Geldes. Er war auch das überkandidelte Image leid und der Ansicht, dass ihre glatten Kuppler-Balladen nicht mehr dem Zeitgeist entsprächen. Er wollte Musik mit Ecken und Kanten machen, so wie Run-DMC oder in der Art von Ice-Ts „6 in the Mornin’“. Aber Lonzo hatte keinen Bock darauf – Balladen waren ihr täglich Brot. „Sie wollten meine Songs nicht“, sagte Dre. „Sie sagten, meine Songs würden nie im Radio gespielt werden.“
Doch Dre wusste es besser. Run-DMC erschütterten das Eve After Dark bis in seine Grundfesten. Obwohl sie gerade einmal zehn Minuten auf der Bühne standen, hinterließ die Show bei Dre einen nachhaltigen Eindruck. Ihre taffen Reime und ihr kraftstrotzender Beat zeigten ihm, dass resoluter, megascharfer Hip-Hop sehr wohl das Publikum in seinen Bann ziehen konnte. Und er war sich sicher, dass er das auch drauf hätte.
California Shake
Eric Wright hatte 1986 mit einem seiner Drogen-Partner Streit. Einer von Erics VW-Käfern brannte direkt in der Einfahrt seiner Eltern völlig aus, woraufhin Eric im Gegenzug das Auto seines Kontrahenten in Flammen aufgehen ließ. Allerdings wusste keiner, warum sich die beiden eigentlich zofften. „Es ging entweder um Kohle oder Frauen“, sagte Mark Rucker. Aber die Situation war eskaliert. Nicht einmal seiner eigenen Crew konnte Eric trauen. Sein Bote J.D. bediente sich selbst bei der Ware, um sich zuzudröhnen. Er stahl sogar Erics Autoradio.
Eric fühlte sich zusehends frustriert. Die Goldmine, die ihm sein erschossener Cousin Horace Butler hinterlassen hatte, war versiegt und Eric musste sich nun wie jeder andere Dealer auch um seinen Nachschub kümmern. Was einst wie leicht gemachtes Geld gewirkt hatte, war nun zu einer stressigen Aufgabe geworden. Andere Dealer hatten ihn auf dem Kieker und waren scharf auf seine Position. „Es gab ständig Todesdrohungen gegen Eric“, sagt sein Freund Arnold White.
Nur wenige wussten von Erics großer Leidenschaft, von der er sich erhoffte, das Drogengeschäft hinter sich lassen zu können: Hip-Hop. Mit seinem Freund MC Ren kaufte er Platten auf dem Roadium Swap Meet. Dieser Markt fand auf dem Grundstück eines ehemaligen Autokinos in Torrance statt und bot seinen Kunden Stände so weit das Auge reichte. Dort konnte man alles vom Waschmittel bis zu Airbrush-Shirts kaufen. Eric und Ren suchten regelmäßig den Stand von Steve Yano auf, einem Psychologiestudenten japanischer Abstammung, der aber sein Studium geschmissen hatte, um Plattenverkäufer zu werden. Einst hatten er und seine Frau Susan Disco-Partys bei sich zu Hause veranstaltet, doch mittlerweile wurde ihre Marktbude von Kids auf der Suche nach den neuesten heißen Scheiben frequentiert. Die Lage ihres Verkaufsstandes war optimal, direkt gegenüber einer Snackbar, von seiner Markise hingen Plattencover wie Michael Jacksons Thriller und im Tapedeck liefen Cassetten, um die Kids zu ködern. Eric wusste es damals zwar nicht, aber ein paar der Tapes, die die Yanos spielten, stammten von einem gewissen Andre Young. Eric kannte Young flüchtig aus dem Viertel, hatte aber keine Ahnung von seinen Turntable-Skills oder davon, dass er die angesagtesten Rap-Hits von Acts wie den Fat Boys, King Tee oder Rob Base & DJ E-Z Rock auf 60-Minuten-Cassetten kompilierte und ihnen seine typischen Scratches hinzufügte. Im Gegenzug für diese Tapes deckten die Yanos Andre mit Breakbeat-Platten ein, die er für seine eigenen Songs samplen konnte.
„Er sagte zu Steve: ‚Das hier wird ein Hit, diese Platten musst du pushen‘“, erzählt Susan Yano. „Und er lag immer richtig.“ Irgendwann fingen die Yanos an, seine Tapes mit Titeln wie ’86 in the Mix für zehn Dollar zu verkaufen, woraufhin diese Cassetten selbst zu gefragten Produkten wurden. Es war zwar nicht wirklich legal, Musik zu verticken, an denen sie eigentlich keine Rechte besaßen, aber wie hätten sie es sonst geschafft, die Kids zu erreichen? Hip-Hop kam größtenteils aus New York und fast niemand sonst verkaufte ihn in Los Angeles. Die Tapes wurden schließlich so populär, dass Rapper wie Tone Loc und Young MC fragten, ob Dre sie nicht auch in seinen Mixtapes berücksichtigen könnte. Dre fügte auch seine eigenen Songs hinzu, was Eric besonders beeindruckte. „Was ist das?“, fragte er eines Tages, als er einen neuen Track hörte. Als Steve Yano ihn aufklärte, dämmerte es ihm: Es war die Musik seines Nachbarn! Er kaufte umgehend all seine Musik, die Yano auf Lager hatte, auf – und bezahlte mit einem Geldbündel, das er aus seinem Socken zog.
„Richte Andre aus, dass ich mich gerne mit ihm treffen möchte“, sagte Eric und erkundigte sich gleich auch nach dessen Nummer. Yano willigte ein, telefonisch ein Treffen der beiden zu arrangieren. „Als nächstes“, erzählte Yano später, „unterhielten wir uns zu dritt um zwei Uhr nachts am Telefon. Eric wollte einen Plattenladen eröffnen. Ich sagte ihm, dass er das besser lassen solle, weil es kein gutes Geschäft sei. Ich könnte ihm zeigen, wie es ginge, riet ihm aber, die Finger davon zu lassen. „Yano riet ihnen stattdessen, ein Plattenlabel zu gründen. Eric ließ sich die Sache durch den Kopf gehen. In der Zwischenzeit suchte Andre einen neuen Sponsor. Er hatte ein paar neue Acts getroffen, brauchte aber Geld, um sie im Studio aufnehmen zu können. Er kannte zwei Leute, die ihm vielleicht unter die Arme greifen würden. Einer war ein lokaler Drogendealer namens Laylaw, der mit ihm an ein paar frühen Songs gearbeitet hatte, zum Beispiel 1985 an einem Halloween-Track mit dem Titel „Monster Rapping“, den Dre und Lonzo produzierten, während Laylaw mit seiner gruseligsten Bela Lugosi-Stimme darauf rappte.
Der andere Typ war Eric. Und genau ihn rief er nun an.
High Powered Crew
Nachdem Lonzo sich den BMW gegönnt hatte, überließ er Dr. Dre seinen alten Mazda RX-7. Es war ein auffälliger Wagen und Andre häufte eine ganze Latte von Verkehrsdelikten an, bis schließlich sogar ein Haftbefehl gegen ihn erlassen wurde und er hinter Gittern landete.
Als Eric davon erfuhr, rief er Lonzo an. „Dre sitzt im Knast“, sagte er. „Gib mir Geld, damit ich ihn rausholen kann.“ Lonzo hatte Dre schon in der Vergangenheit immer wieder ausgelöst. Aber nun war er gerade knapp bei Kasse und zog es vor, seinen BMW abzubezahlen. Dre sollte für seine Rücksichtlosigkeit im Gefängnis schmoren. Eric beschloss, selbst für die Kaution aufzukommen, wodurch sich ihre Bindung weiter vertiefte. Dre schlug Eric vor, einen Teil seiner Gewinne aus dem Drogengeschäft in ein musikalisches Projekt zu investieren. Außerdem wollte er mit ihm Songs machen, die härter und mehr „aus dem Bauch heraus“ wären. Dre und Eric, beide nun Anfang zwanzig, begannen, in einem improvisierten Studio in Erics Garage Tapes zu bespielen und rappten dabei zu populären Instrumentalstücken. Unter ihren Kollaboratoren war auch DJ Pooh, der 1995 als Co-Autor des Films Friday Berühmtheit erlangte. „Wir wollten nicht einfach nur Mixtapes machen, sondern Musik, die es auf anderer Leute Mixtapes schaffte“, erklärte DJ Pooh. Und Erics Mutter kümmerte sich darum, dass ihnen das Kool-Aid nicht ausging. Dre und Eric begannen, bei Haus- und Poolpartys sowie Schulbällen als mobiles DJ-Team High Powered Crew aufzutreten. „Wir entschieden uns für diesen Namen, weil wir immer Geld in unseren Taschen hatten“, erklärt Horace „Mr. Sheen“ Taylor, Erics Cousin, weshalb sie diesen Begriff aus der Geldwirtschaft wählten.
Sie stellten Rapper vor und spielten Songs wie „My Adidas“ von Run-DMC. Damit traten sie überall in South L.A. auf, von Downey bis Lakewood. Dorthin gelangten sie in Erics schrottigem Ford, den sie „California Shake“ tauften, da die Kiste zu vibrieren begann, sobald sie schneller als 55 Stundenkilometer fuhr. Dre war ganz klar der Star, während Eric, der selbst ein wenig deejayen konnte, der Finanzier des Unternehmens war. Er kaufte die notwendige Ausrüstung und teilte die paar hundert Dollar auf, die die beiden pro Auftritt kassierten.
Nicht jeder wusste sich auf dieses Duo – hier der taffe Straßenjunge, dort der extravagante Entertainer – einen Reim zu machen. „Ich hielt ihn für schwul, weil er zwei Ohrringe trug“, sagte Mark Rucker über Dr. Dre. „Eric sagte, dass er cool wäre und sie zusammen dieses Musik-Ding durchziehen wollten.“
Als Eric Zwischenbilanz zog, kam er zu dem Schluss, dass er ziemliches Glück hatte. Anders als viele andere Dealer, war er noch am Leben und in Freiheit. Horace Butlers Schicksal belastete ihn schwer. „Ich begriff, dass es das nicht wirklich wert war, ich meine, mein Leben“, sagte Eric. „Mir wurde klar, dass ich zur Abwechslung auch mal was richtig machen könnte.“
Allerdings wollte er auch nicht unter der Fuchtel von irgendjemand stehen. Wie schon im Drogengeschäft zog er es vor, unabhängig zu arbeiten. „Wenn ich für mich selbst arbeitete, konnte ich meine eigenen verdammten Regeln aufstellen“, sagte er. Dre schlug ihm vor, gemeinsam ein Plattenlabel zu gründen. Eric mochte die Idee, aber sein Partner im Drogengeschäft dachte, er hätte nicht mehr alle Tassen im Schrank. „Was weißt du denn schon über Musik?“, fragte ihn Rucker. Das war ein berechtigter Einwand. Eric konnte definitiv nicht rappen. Doch die Skepsis verwandelte sich in Dankbarkeit, als Eric ihm ein paar Unzen Crack überließ. Er sollte sie verkaufen, denn Eric war fertig damit.
Es stand fest. Eric und Dr. Dre würden die Sache ernsthaft in Angriff nehmen. Allerdings waren sie noch immer nicht vollzählig. Erst mussten sie sich noch mit einem überaus selbstsicheren Jungen aus South Central verbünden, der immer noch jeden Tag mit dem Bus zur Schule fuhr.

O’Shea Jacksons aufreibender Schulweg vom eingeschossigen, ordentlichen Elternhaus in der Van Wick Street bis zu seiner High School im San Fernando Valley dauerte morgens eine Stunde oder länger und der Rückweg am Nachmittag ebenfalls. Wenn er nachhause kam, besuchte er regelmäßig seinen Freund Sir Jinx, der einen Block entfernt wohnte. O’Shea wusste, dass er willkommen war, wenn das kaputte Garagentor mittels eines Besenstiels offengehalten wurde.
Draußen tobte ein Bandenkrieg. Doch drinnen befand sich der Hip-Hop-Himmel. Sir Jinx – er hieß eigentlich Tony Wheaton – war ein aufstrebender junger Produzent mit einer übergroßen Brille. Er besaß Turntables, eine DJ-Kabine und einen Cassettenrecorder, der an Lautsprecher angeschlossen war. Im Werkunterricht hatte er sich eine sargförmige Box gebastelt, in der er sein Mischpult und seine Plattenspieler unterbrachte. Die Turntable-Akrobaten des Viertels lieferten sich Battles. Breakdancer verrenkten sich auf Linoleum mit Schachbrettmuster. Angehende Produzenten bastelten Beats auf Sir Jinxs Drumcomputer, obwohl das Ding nicht sehr raffiniert war. Kein Wunder, schließlich hatte er es von einem befreundeten Drogendealer, der es von einem Crackhead in Zahlung genommen hatte.
O’Shea und Jinx lebten in einem gemeindefreien Teil von L.A. County, zwischen South Central und Inglewood. Mitte der Achtzigerjahre gab es im ganzen Süden von Los Angeles solche inoffiziellen Einrichtungen wie Sir Jinxs Garage. Aus der Sicht von Eltern waren diese Hip-Hop-Garagen ideal. Einerseits waren sie nahe genug am Haus, um ein Auge auf die Kids werfen zu können, andererseits aber auch weit genug vom Elternschlafzimmer entfernt, um nachts seine Ruhe zu haben. Ein aufstrebender DJ namens Battlecat werkelte in seiner Garage im Westen von South Central. Nur wenige Blocks von O’Sheas Haus entfernt lebte sein zukünftiger Mitstreiter bei Westside Connection namens WC. WCs Bruder DJ Crazy Toones lud wiederum Kids in seine Garage ein. In der nahegelegenen Haas Avenue tummelten sich vielversprechende DJs mit Namen wie DJ Slip oder Rockin’ Tom in der Garage von DJ Fat Jack, ließen die Disco-Scheiben ihrer Eltern rotieren und sammelten Loops für zukünftige Tracks.
O’Shea war besessen von Hip-Hop. In seiner Vorpubertät hatte ihn 1979 der erste große Genre-Hit, „Rapper’s Delight“ von der Sugarhill Gang, hypnotisiert. What you hear is not a test / I’m rappin’ to the beat. Später diskutierte O’Shea mit einem Mitschüler namens Terry „Kiddo“ Hayward während des Schreibmaschinenkurses der neunten Klasse an der Parkman Middle School über Hip-Hop.
„Hast du schon mal versucht, einen Rap zu schreiben?“, fragte ihn Kiddo.
O’Shea schüttelte den Kopf.
„Lass uns versuchen, einen zu schreiben“, sagte Kiddo. „Du schreibst einen und ich schreib einen – und dann schauen wir, welcher am besten ist.“
O’Shea dachte eine Minute lang nach und legte los: My name is Ice Cube and I want you to know/ I’m not Run-DMC or Kurtis Blow. Es war die erste Zeile, die er je gerappt hatte.
Seinen Spitznamen verdankte er seinem neun Jahre älteren Bruder Clyde, der ihn beschützte. Dieser zog seinen kleinen Bruder auf, weil er versuchte mit Clydes Freundinnen zu flirten, wenn diese anriefen. „Als er das herausfand“, so O’Shea, „fing er an, mich im Scherz Ice Cube zu nennen, weil er fand, dass ich versuchte, zu cool rüberzukommen.“
Doch wenn es ums Rappen ging, war O’Shea nicht gerade zimperlich. In einer Abwandlung der Freestyle-Circles in New York, wo MCs im Kreis standen und nacheinander Reime improvisierten, übten sie ihre Rhymes und rappten jeweils vier bis acht Takte lang. Wenn einer fertig war, gab er das Mikro an den nächsten weiter. Dabei ging es darum, einen smoothen Übergang hinzulegen und den Beat zu halten.
Die Garagenwände waren mit Graffiti geschmückt. Es war der Versuch der Jungs, Beat Street nachzuahmen, einen New Yorker Hip-Hop-Film aus dem Jahr 1984. O’Shea und seine Freunde waren besessen von New Yorker Acts wie den Beastie Boys, Slick Rick und Run-DMC, was sich auch in ihren Outfits widerspiegelte: große Brillen, Kangol-Kappen, Adidas-Pullis, Armeejacken und Goldketten. Ihr Treffpunkt war frei von Drogen, Alkohol und jeglichen Gang-Wahnsinns. O’Shea rügte persönlich all jene, die er beim Kiffen erwischte. Wen kümmerte es da schon, wenn der Geruch von Scheiße in der Luft lag? Jinxs heißgeliebte Hündin Princess legte gerne mal ein Ei in die Garage und die Jungs fanden sich des Öfteren inmitten eines Minenfeldes wieder. Es mochte zwar alles ein wenig heruntergekommen wirken, doch unter dem kaputten Garagentor duckte sich eine Reihe heißer Talente hindurch, so auch Candyman, der es 1990 mit seinem Hit „Knockin’ Boots“ in die Billboard-Top-10 schaffte.
O’Shea entwickelte schon bald jene Skills, die ihn zu Ice Cube machen sollten, einen fulminanten MC, der eine Strophe in ihre Einzelteile zerlegen und wieder zusammenfügen konnte.
„Es lag ihm einfach im Blut“, so sein Freund Cli-N-Tel von der World Class Wreckin’ Cru. „Damals knurrte er noch nicht, das kam erst später. Aber er hatte diesen Drive, diese Bereitschaft, alles zu tun, um besser zu werden.“
„Er war ein echt guter Geschichtenerzähler“, weiß Doug Young, der Promoter von N.W.A. „Bei ihm gab es Subjekte. Und Prädikate. Wenn man Ice Cube rappen hört, siehst du die Geschichte in deinem Kopf. Er malt ein Bild.“
Obwohl Ice Cube viele Stunden in Sir Jinxs Garage verbrachte, bezog er seine Inspiration für seine Raps immer mehr aus der explosiven Welt, die sich außerhalb dieser vier Wände befand.
Die Worte „South Central“ lösen bei manchen Leuten Angst aus. Doch es lassen sich nur schwer allgemein zutreffende Wahrheiten über diesen 130 Quadratkilometer großen Distrikt von Los Angeles formulieren, da die Bevölkerung und die Landschaft einfach zu mannigfaltig sind. Der nordwestliche Part umfasst das historische Viertel West Adams sowie die vornehmen Baldwin Hills, die auch „das schwarze Beverly Hills“ genannt werden. Die Central Avenue beheimatete in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine Jazz-Szene von Weltruf und Leimert Park kann mit afrozentrischen Läden und kreativen Nonprofit-Organisationen aufwarten. Außerdem befand sich dort einst das Good Life Café, wo die Open-Mic-Nights des Labels Project Blowed gediegene (aber dennoch hammermäßige) Acts wie Freestyle Fellowship und Jurassic 5 anlockten.
Sozialbausiedlungen ragen neben bunten, gedrungenen Residenzen in die Höhe und zwischen heruntergekommenen Häuserblöcken finden sich Häuser mit unglaublich detailverliebten Verzierungen und Gittern vor den Fenstern. Hier gibt es stattliche Kirchen, blühende Parks und Vorgärten mit Zitronenbäumen und Palmen, mitunter so groß wie Wassertürme, Latino-Minimärkte, Grillstellen, koreanische Schnapsläden und von Mexikanern betriebene Burgerbuden. Auf so manchem Rasen rosten alte Karren vor sich hin. Man kann auf Flohmärkten shoppen, sich in unabhängigen Boutiquen mit Beauty-Produkten eindecken, einen Moped-Laden besuchen oder etwas bei Garage Sales erstehen. So wie in jeder armen Gegend, gibt es hier eine starke Second-Hand-Kultur.
Immobilienmakler, die nördlich der Interstate 10 tätig sind, benennen mit Feuereifer Nachbarschaften um, um sie dadurch reizvoller zu machen. Die Gegend von Los Angeles, in der ich eine Zeitlang lebte, war nacheinander unter den Namen Mid-City, Miracle Mile, Mid-Wilshire und Picfair Village bekannt. Doch Ice Cubes Viertel war eher vom Bandenunwesen als von schönen Ortsnamen geprägt. Der Block entlang der Van Wick Street, wo er aufwuchs, stand unter der Kontrolle der 111 Neighbor Hood Crips, die sich nach der 111th Street, die sich zwei Blocks südlich befand, benannt hatten. Alternativ kennt man die Gang auch unter der Bezeichnung N-Hood. Und wenn man sich noch weiter südlich begab, über den Imperial Highway hinaus, landete man im Territorium der 115 Neighbor Hood Crips. In der Nähe gab es noch weitere Untergruppierungen der Crips, die jeweils Gebiete, die sich über zehn Blöcke oder weiter erstreckten, für sich in Anspruch nahmen.
Gang-Mitglieder kamen direkt auf einen zu, um zu fragen, woher man kam – und falls ihnen die Antwort missfiel, verpassten sie einem eine Abreibung. Man musste selbst gar kein Crip sein, um sich von deren Konkurrenz eine Tracht Prügel einzufangen. Es reichte schon aus, einfach nur in einem von Crips dominierten Viertel zu wohnen. Darum trauten sich die Kids aus Cubes Block auch nicht oft in die nahegelegene South Van Ness Street, die ausgewiesenes Bloods-Territorium war. Nicht einmal ahnungslose Kinder kamen ungeschoren davon. Als er die zweite Klasse besuchte, setzte sich Sir Jinx im Schulbus neben ein Mädchen, das sich nach seinem „Set“ erkundigte. „Set?“, fragte er. „Was ist das denn?“ Er sollte es noch früh genug erfahren.
Trotz allem war die Straße, in der außer Cube und Jinx auch viele brave Angestellte lebten und von wo aus man an klaren Tagen den berühmten Hollywood-Schriftzug sehen konnte, keine so schlechte Gegend. Zumindest relativ gesehen. Dane Webb, der frühere Chefredakteur von Rap Pages, beschreibt das Viertel als „mit Gangs übersät“, betont aber auch, dass es eher die „gehobene Arbeiterklasse“ repräsentierte.
„Es sieht zwar wie eine nette Nachbarschaft aus, aber sobald es dunkel wird, kannst du Schüsse hören“, erklärte Cube einmal. In seiner Kindheit wurde auch sein eigenes Zuhause beschossen: „Überall lagen Patronenhülsen, die die Polizei einsammelte. Direkt auf dem Rasen.“
Juice
Cube war untersetzt, gut gebaut, ein sportliches Naturtalent, das sowohl beim Basketball als auch beim Football mehr als eine gute Figur machte. Seine Freunde und er lieferten sich raue Football-Partien auf der Straße. Ihr Abschnitt der Van Wick Street gegen andere Blocks. Es war nichts Außergewöhnliches, wenn einen jemand vom Spielfeld auf den Rasen hinter dem Bürgersteig schob – oder sogar in geparkte Autos rammte. Cube spielte auch in der lokalen Pop-Warner-Liga, wo er als Outside Linebacker und Fullback zum Einsatz kam. Sein Bruder nannte ihn gelegentlich Juice (wie in „Orange Juice“), da er dieselben Initialen wie der ehemalige NFL-Star O.J. Simpson hatte.
O’Shea wuchs als jüngstes von vier Geschwistern in einer sich nahestehenden Familie auf. Als er älter wurde, kauften seine Eltern ihm einen VW-Käfer – damals der letzte Schrei. Sie arbeiteten an der UCLA, seine Mutter Doris in der Verwaltung und sein Vater Hosea als Platzwart. Der gradlinige Hosea besaß eine Garage voller Werkzeug und mähte vielen Leuten im Viertel den Rasen. Hosea brachte Cube bei, ein Anführer zu sein, wie er sagte, während ihm Clyde einbläute, dass Gangs Zeitverschwendung seien. „Mein Bruder hatten den ganzen Scheiß schon hinter sich, also sagte er, Mann, du brauchst das nicht zu tun“, erklärte Cube später. „Es ist echt nicht ganz ohne, immerhin sind ein paar dieser Motherfuckers von N-Hood mittlerweile echte Killer. Ich frage mich, wie ich mich ohne diese Familienstruktur entwickelt hätte.“
So wie alle anderen erlebte auch Cube schlimme Dinge. Am schlimmsten war aber, als am 29. Juni 1981, er war gerade zwölf, seine Halbschwester Beverly Jean Brown, Hoseas Tochter aus einer vorherigen Beziehung, von ihrem Mann umgebracht wurde. Beverly war 22, wunderschön und voller Leben. Sie und ihr Mann Carl Clifford Brown waren noch keine zwei Jahre verheiratet. Laut der Los Angeles Times nahm Brown Beverly nach einem „Ehestreit“ daheim in der West 53rd Street in South Central als Geisel. „Polizeibeamte, die das Haus umstellten, sagten, sie hätten dumpfe Schüsse gehört. Dennoch versuchten sie weiterhin, Brown per Megafon und Telefon zu kontaktieren. Nach Mitternacht betrat eine Spezialeinheit das Haus und fand den verwundeten Brown und seine tote Ehefrau.“ Brown erlag den Folgen seines Selbstmordversuches schließlich am am 27. Juli 1981, nicht ganz einen Monat später.
„Er war ein Möchtegern-Bulle“, sagte Cube. „Er bewarb sich beim LAPD, wurde aber nicht genommen. Dann verfiel er in eine Depression.“ Brown war im letzten Jahr des Vietnamkriegs Sergeant bei der Air Force gewesen und anschließend noch drei Jahre im Dienst geblieben. Er und Beverly Jean hinterließen einen Sohn, der damals erst eineinhalb Jahre alt war.




