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1970 fällte ein Richter das Urteil, dass der Los Angeles Unified School District Rassentrennung betrieb, und ordnete an, diesen Missstand zu beheben. Anfang der Achtziger wurde Cube in ein integratives Schulbus-Programm aufgenommen und besuchte ab der Junior-High eine Schule im San Fernando Valley. Die Schulen in seiner Nachbarschaft galten als problematisch. Die nächstgelegene High School, die Washington Preparatory, war zum Beispiel eine Hochburg der Crips. Die William Howard Taft High School war hingegen ein ferner, fast schon irrealer Ort, der von Eukalyptusbäumen gesäumt und von retro-futuristischer Architektur geprägt war. Die Schule verfügt über einen riesigen Outdoor-Sportkomplex und ist von Multimillionen-Dollar-Villen umgeben, wurde jedoch im Laufe der Jahre auch Schauplatz von Schießereien. Auch Sir Jinx besuchte kurzzeitig diese Schule und beschrieb sie als „Promi-Schule“ für reiche Kinder, die in Porsches vorfuhren. Zu ihren Absolventen zählen etwa Justine Bateman, Lisa Kudrow und Mitglieder von House of Pain. Cube war ein guter Schüler, der Einsen und Zweien nachhause brachte. Er spielte gemeinsam mit seinem Freund T-Bone, einem Tailback, als Fullback im Footballteam. Doch sein wahres Interesse war die Musik. Er und Sir Jinx formierten mit ihren Freunden Darrell Johnson (bekannt als K-Dee, was für Kid Disaster stand) und Barry Severe, der mit Cubes Schwester Patricia ausging, eine Gruppe. Da Severe älter war und schon ein Auto besaß, konnte er sie ins Studio chauffieren, wo man professionell klingende Tracks aufnahm. Sie nannten sich selbst Stereo Crew und waren Entertainer und keine Gang-Mitglieder. Laut K-Dee war Cubes erster Rap-Name eine Hommage sowohl an Ice-T als auch an Prince: Purple Ice.
Die Tracks klangen roh. Severe, der mittlerweile als Bewährungshelfer in Sacramento lebt, ließ mich an drei sehr raren Songs der Stereo Crew aus den frühen Achtzigerjahren teilhaben. „Sie klingen sehr altbacken“, warnte er mich – und tatsächlich finden sich hier scheppernde Drumcomputer gepaart mit mechanischen Stimmeffekten und einfachem Scratching, wie es im frühen Hip-Hop in L.A. üblich war. (Und dann noch diese bizarr heulenden Gitarrensolos!) „Bust It Up“ zieht sich über fast sechseinhalb Minuten. Cube wird darin von den anderen vorgestellt: The Ice is frozen, the Cube is fire / You will drop as he gets higher.
Doch Cube schien von Anfang an zu wissen, was er wollte. So swingte er etwa auf einem Track namens „To Reach the Top“: I never use a gun, or a knife / And I’ll be at the top for the rest of my life. Er rappt rasant und verständlich in seiner präpubertären Stimme. Sogar noch unwiderstehlicher ist die Anti-Gewalt-Hymne „Gangs“, die Randalierer anprangert, die alte Ladys ausrauben und nicht die Namen von Schützen preisgeben. Cubes Strophe ist das Highlight. In gerade einmal 45 Sekunden spinnt er eine tragische Geschichte von einem mit einer .44er bewaffneten Gang-Mitglied, dessen Normalo-Freund bei einem Drive-by abgeknallt wird. Der Gangster reagiert, indem er die Angreifer umbringt, was ihn schließlich auf den elektrischen Stuhl bringt. Es war eine für Cube typische Story mit moralischer Botschaft, die ein wenig seine Rolle in Boyz n the Hood vorwegnahm.
Als Teenager vertritt man mitunter starke Überzeugungen – und verabschiedet sich auch wieder von ihnen. Angesichts des explosiven Materials, das sie schon bald bei N.W.A produzieren sollten, ist es verblüffend, wie ablehnend sowohl Cube als auch Dre dem Thema Gang in ihren frühesten Aufnahmen gegenüberstanden.
Dre und seine Mutter Verna stritten sich häufig, da sie wollte, dass er entweder zur Schule ging oder sich eine Arbeit suchte – und DJ-Gigs ließ sie nicht als solche gelten. Da Dr. Dres Stiefvater Curtis Crayon gleichzeitig der Onkel von Sir Jinxs war, zog er, als sie ihn schließlich hinauswarf, zu seinem jüngeren Stiefcousin, der mit seinen Freundinnen in wilder Ehe lebte. Cube und seine Stereo-Crew-Kumpels waren begeistert, dass ein angehender Star bei ihnen im Block wohnte. Immerhin hatte sich Dre mit „Surgery“ lokal einen Namen gemacht. Die Stereo-Crew-Mitglieder wollten unbedingt mit ihm arbeiten, doch anfangs hatte Dre nur wenig Bock auf diese kleinen Rabauken. „Mann, ich will echt nichts mit denen zu tun haben“, sagte er. „Das ist mein Cousin und er geht mir auf die Nerven.“
Irgendwann gab Dre aber nach und willigte ein, sich Stereo Crew in der Garage anzusehen. Er war beeindruckt, vor allem von Cube, dessen Talent schon mit 15 offensichtlich war. Dre und Cube wurden rasch enge Freunde, gingen zu Rap-Shows, düsten mit dem Auto nach Crenshaw, fuhren Achterbahn in Disneyland oder baggerten Mädels an. Trotz des Altersunterschiedes – Dre ist vier Jahre älter – hatten sie nicht nur musikalisch viel gemeinsam. Beide interessierten sich für Bauzeichnen, hassten Gangs und hatten den Tod von Geschwistern verkraften müssen. „Ich schwänzte die Schule und er holte mich ab“, erzählte Cube. „Ich fuhr den ganzen Tag mit ihm herum. Wir hingen ab.“ Sogar wenn man sie heute sieht, wirkt es noch so, als wäre Dr. Dre Cubes großer Bruder.
Ungefähr zu dieser Zeit sponserte der Radiosender KDAY einen Rap-Wettbewerb unter dem Motto „Best Rapper in the West“, dem Gewinner winkte ein Plattenvertrag. Nachdem die Stereo Crew die Juroren in den ersten Runden noch mit Killer-Rhymes hatte überzeugen können, fielen sie im Finale, das im Hollywood Palladium stattfand, einem technischen Missgeschick zum Opfer: Der DJ ließ ihre Cassette an der falschen Stelle laufen. „Cube war stinksauer und ging rüber zum DJ und sagte: ‚Was machst du da? Du verkackst unsere Show!‘“, erinnert sich Severe an den Vorfall, der vermutlich schlechten Eindruck auf die Juroren machte. Sie belegten letztlich den zweiten Platz.
Doch zum Glück hatte die Gruppe bereits Kontakt zu einem Label, und zwar über Alonzo Williams, der sie durch Dre kennengelernt hatte. Lonzo half ihnen, einen Deal für einen Song bei Epic Records zu landen. Er und Dre produzierten schließlich gemeinsam den Track „She’s a Skag“, der 1986 veröffentlicht wurde. Obwohl der Song eher pillepalle war, enthielt er ein paar witzige Zeilen. Cube veralbert das Objekt seiner Begierde als schmuddeliges Girl, weil sie seine Avancen zurückweist. I said, ‚I’m Ice Cube from the Stereo Crew‘, rappt er. She looked at her friend and they both said ‚Who‘?
Cli-N-Tel verließ World Class Wreckin’ Cru noch vor ihrem Album Rapped in Romance, das 1986 erschien, und wurde durch Barry Severe ersetzt. Er wollte sich nun Master B nennen, doch Dr. Dre war der Meinung, dass „Shakespeare, the Poet of Love“ besser zu ihrer Mädchenschwarm-Truppe passte. Die verbliebenen Stereo-Crew-Mitglieder nannten sich von nun an C.I.A., was ursprünglich für „Criminals in Action“ stand, aber dann zu „Cru in Action“ abgeschwächt wurde. Sie traten in Clubs wie dem Eve After Dark auf und veröffentlichten 1987 einen Tonträger mit drei Tracks auf Alonzos Label. Ihr Beastie-Boys-Einfluss war besonders stark und mit „Ill-Legal“ eiferten sie ganz klar Licensed to Ill nach. Auch parodierten sie populäre Songs. So wurde Run-DMCs „My Adidas“ zu „My Penis“ und aus „Pee-Wee Herman“ wurde „VD Sermon“, ein humorvoller Schwank über Geschlechtskrankheiten, der beim Publikum großen Anklang fand. In dieser Phase, die dem Gangsta-Rap vorausging, waren solche Parodien schwer angesagt. Toddy Tee verwandelte Whodinis „The Freaks Come Out at Night“ in „The Clucks Come Out at Night“ – mit Clucks waren Crackheads gemeint. Sein von Dr. Dre produzierter Hit „Batteram“ war einerseits als Kommentar zu Daryl Gates’ bevorzugtem Kriegsgerät zu verstehen, andererseits aber auch als Anspielung auf Shane Browns „Rappin’ Duke“, das seinerseits eine Art Parodie war, die sich John Wayne als Rapper ausmalte. Auch Notorious B.I.G. nahm in „Juicy“ darauf Bezug: Remember ‚Rappin‘ Duke, duh-ha, duh-ha?
Jeder Radio-DJ, der etwas auf sich hielt, lieferte Parodien von Radiohits. Die Gruppe von DJ Russ Parr von der KDAY-Morgenshow, Jimmy & the Critters, verwandelte „Rumors“ (Look at all these rumors/ surrounding me every day) vom Timex Social Club in „Roaches“ (Look at all these roaches/ Around me every day.). Dieser Trend wurde sicherlich auch durch den Erfolg von „Weird“ Al Yankovic befeuert, der 1983 mit Songs wie „I Love Rocky Road“ und „Another One Rides the Bus“ auf der Bildfläche erschienen war. Immerhin war Yankovic in Lynwood aufgewachsen, das im Norden an Compton angrenzte. Die frühen Achtzigerjahre waren eine freundlichere, sanftmütigere Zeit für Westküsten-Hip-Hop. Und Ice Cube alberte nicht weniger herum als alle anderen auch – bis er überraschend den Kurs korrigierte.
Skateland
Rollschuhbahnen waren lange Zeit wichtige Brutkästen der urbanen Jugendkultur. Sie stehen nicht nur für guten, sauberen Spaß inklusive Zuckerschock für Kids mit Knubbelknien, sondern dienten auch Jugendlichen als Einstieg in die Nachtclub-Szene, die noch zu jung zum Trinken waren. „Miami bass“-DJs wie der Southern-Rap-Pionier Luke Campbell, der für seine Arbeit mit der 2 Live Crew bekannt wurde, legte in den Achtzigern auf Rollschuhbahnen Platten für Teens auf. Three 6 Mafia fanden in der Rollschuhbahn Crystal Palace in Memphis ein Zuhause und der Rapper Nelly nahm mit seiner Gruppe St. Lunatics in einer auf, die den Namen Saints trug. ATL, ein Jugend-Drama von 2006, das sich an die Realität anlehnte, zeigt den Rapper T.I., wie er eine Bahn in Atlanta namens Cascade unsicher macht.
Zwei Rollschuhbahnen waren von kritischer Bedeutung für den Hip-Hop der Achtzigerjahre in Los Angeles. Die eine, World on Wheels in Mid-City, wurde von Crips bevölkert. Der Teppich war verklebt mit Süßigkeiten und Limo und Bilder von Rollschuhen mit Flügeln zierten die Wände. Die Hartholzbahn selbst funkelte. „Jheri-Curl-Frisuren waren in Mode und es wurde so heiß da drinnen, dass die Böden nass wurden“, erinnert sich der KDAY-Programmgestalter Greg Mack. Im World on Wheels legte seine DJ-Crew Mixmasters Platten mittels einer speziell präparierten Telefonleitung für ein Live-Publikum zu Hause auf.
Comptons Antwort auf diese Starthilfe für Nachwuchsrapper hieß Skateland U.S.A., eine voluminöse Anlage, in der bei Partys und Konzerten bis zu 2.000 Kids Platz fanden. Skateland war Comptons erste Rollschuhbahn, die 1984 ihre Pforten öffnete, nachdem ein Vater-Sohn-Team eine über 3.700 Quadratmeter große, abgebrannte Bowlingbahn übernahm, in der sämtliche Kupferverdrahtungen und Rohrleitungen herausgerissen worden waren und deren Dach mit Löchern übersät war. „Der Schimmelgeruch war so intensiv, dass man ihn mit einem Messer hätte schneiden können“, erzählt Besitzer Craig Schweisinger. Er und sein Vater hatten die Immobilie einst für einen Spottpreis erstanden. Der jüngere Schweisinger verdiente sich seinen Ruf als „verrücktester weißer Mann in Compton“, da sich Skateland in der Nähe der West Piru Street, also inmitten des Stammesgebietes der Bloods befand. Die Events glichen einem Meer aus roten Hosen und Hüten. Nie sah man Leute in Blau. „Es gab nur einen Ein- und Ausgang“, so Sir Jinx. „Wenn du dich dorthin verirrt hattest, prügelten sie dir die Scheiße aus dem Leib.“
Das Vorgehen der Schweisingers war durchaus altruistisch. Sie renovierten die Einrichtung und ließen 1.500 Quadratmeter Boden aus hartem Ahornholz verlegen. Nach der Eröffnung von Skateland mussten alle Besucher durch Metalldetektoren hindurchgehen, um Waffen draußen zu halten, obwohl es Kids laut Schweisinger dennoch gelang „Stanley-Messer, Rasiermesser und chirurgische Scheren“ hineinzuschmuggeln.
Anlässlich einer besonders verrückten Show von Eric B, in die sie 2.600 Leute packten, bewaffneten sie zwei Security-Leute sogar mit Uzis. Dies sorgte für Unmut bei Feuerwehr und Polizei, die daraufhin mit einem Hubschrauber und Hunden anrückten. Dre trat bei der Eröffnung 1984 mit der World Class Wreckin’ Cru auf. Er wurde rasch zum Stammgast und spielte mit DJ Yella und Eric Wright spätnachts Domino an der Snackbar. Sie arbeiteten an Texten und übten in der DJ-Kabine. Allerdings musste sie Schweisinger ermahnen, ihre Cocktails – Pepsi mit E&J Brandy – nicht auf dem Mischpult zu verschütten.
Dr. Dre und Ice Cube gaben ebenfalls eine gemeinsame Show im Skateland. Der warnte Cube, dass das Publikum Mittelmäßigkeit nicht tolerieren würde. „Ich erklärte ihm, dass er diesem Publikum etwas bieten müsste, weil sie dir sonst volle Becher auf’n Arsch warfen“, sagte Dr. Dre. Sie brachten schmutzige Parodien, so wurde aus Salt-N-Peppas „I’ll Take Your Friend“ zum Beispiel „I’ll Fuck Your Friend“. Dre scratchte und Cube rappte, unter anderem eine frühe Version von „Gangsta Gangsta“.
„Es war ein schwieriges Publikum“, sagte Cube. „Ich war mir unsicher, ob unser gemeinsamer Kram funktionieren würde.“ Ihre Unsicherheit war unbegründet, denn das Skateland-Publikum liebte ihre Show – und fuhr auf jede Pointe ab. Die Wreckin’ Cru heuerte Cube an, um ihnen mit ein paar Tracks behilflich zu sein, darunter auch „Cabbage Patch“, das mit seinen Anspielungen auf die gleichnamigen pausbackigen Puppen einen landesweiten Tanztrend auslöste. Aber ab 1986 hatten Cube, 17 Jahre alt, und Dre, nun 21, die Scherz-Nummern satt. Ihr Potenzial übertraf zunehmend jenes ihrer Gruppen.

Obwohl man ihn heute als raubeinigen Pionier des Westcoast-Rap kennt, wuchs Tracy Marrow alias Ice-T eigentlich in einer gediegenen Vorstadt von New Jersey namens Summit auf. Innerhalb von nur vier Jahren starben beide seiner Eltern an Herzanfällen, weshalb er Anfang der Siebzigerjahre zur Schwester seines Dads nach View Park, einer Mittelklasse-Gegend in South Central, umzog. Allerdings besuchte er dort von nun an die Crenshaw High School, an der ein explosives Klima herrschte. In den frühen Tagen des Bandenunwesens hatten damals sowohl die Hoover Crips als auch ihre Rivalen in Rot, die Brims, die später in den Bloods aufgingen, das Sagen. „Die Crips ließen ihr Tuch aus der linken Tasche hängen und piercten sich das linke Ohr. Die Brims taten alles rechtsherum – wie ein Spiegelbild“, schrieb Ice-T in seiner Autobiografie. Doch binnen kurzem fingen Mitglieder anderer Gangs an, überzulaufen, und schon bald war in den Augen anderer jeder, der die Crenshaw besuchte, egal, ob er überhaupt in einer Gang war, ein Mitglied der Crips und lief Gefahr, von deren Rivalen Prügel zu beziehen. Laut Ice-T schaute der Anführer der West Side Crips, Stanley „Tookie“ Williams, in Begleitung seines nicht minder muskelbepackten Partners Jimel Barnes manchmal in der Crenshaw vorbei. „Meistens kleideten sie sich in identischen Farmer-Latzhosen, bei denen der Latz runterhing, sodass man ihre nackten Oberkörper, Schultern und Arme sehen konnte“, schrieb Ice-T und fügte hinzu, dass ihnen ein Rattenschwanz junger Crips auf Partys folgte, die sich ihre Muskeln mit Babyöl einrieben, um die Girls zu beeindrucken. Ice-T schloss sich nie formell den Crips an, aber er hing mit jenen Mitgliedern ab, die er durch seine Freundin, die in einer von den Hoover Crips dominierten Nachbarschaft wohnte, kennenlernte. Wie für so viele andere ließ sich der Hauptanreiz der Gang für ihn mit einem Wort auf den Punkt bringen: Zuneigung. „Meine Tante sagte nie, dass sie mich liebte“, schrieb er. „Meine Mutter und mein Vater waren, was dieses Wort anging, auch nicht sonderlich gut. Aber an der Crenshaw hattest du Freunde, die zu dir sagten: ‚Dir wird nie etwas passieren, Homey. Du bist sicher. Ich liebe dich.‘“
Mit 17 zog er bei seiner Tante aus. Sie willigte ein, ihm die 250 Dollar, die sie monatlich an Fürsorgeunterstützung für ihn erhielt, an ihn weiterzuleiten, damit er sich ein billiges Apartment und Dosenravioli leisten konnte. Noch bevor er seinen Abschluss machen konnte, schwängerte er seine Freundin, die die zehnte Klasse besuchte, woraufhin er sich der Army anschloss. Er diente vier Jahre lang auf Hawaii und wurde zum M60-Maschinengewehrschützen ausgebildet. Nach seiner Entlassung geriet er auf die schiefe Bahn und stahl Schmuck, Rolex-Uhren, Gucci-Taschen und auch Pontiacs. Als seine Partner anfingen, für viele Jahre hinter Gittern zu verschwinden, begann sich sein Interesse an Hip-Hop auszuzahlen.
Er hatte bereits zahlreiche „Crip-Rhymes“ getextet, die voller Drohgebärden und triumphalem Gedöns wie Gedichte und ohne musikalische Untermalung vorgetragen wurden:
He said ‚Fuck a Crip nigga – this is Brim!‘
So we pulled out the Roscoe, Roscoe said crack
I looked again the nigga was shootin’ back
So we fell to the ground, aimed for his head
One more shot, nigga was dead
Walked over to him, took his gun
Spit in his face, and began to run.
Sein Künstlername war vom ehemaligen Zuhälter und späteren Bestseller-Autor Iceberg Slim inspiriert. Er und seine Crew kreuzten in Clubs auf und gaben den DJs 500 Dollar, damit er die ganze Nacht lang rappen konnte. Nachdem er schließlich 1983 in einem Schönheitssalon namens Good Fred, wo er sich die Haare machen ließ, entdeckt wurde, als er die Mädchen mit seinen Raps zu beeindrucken versuchte, willigte er ein, eine Platte mit dem Titel „The Coldest Rap“ aufzunehmen, auf der er alle Reime, die er drauf hatte, vom Stapel ließ. Die Platte brachte ihm 250 Dollar ein, verkaufte sich lokal beachtlich und begeisterte die Besucher des Underground-Clubs The Radio in MacArthur Park. Dort hielten DJs wie The Glove und Egyptian Lover sowie Pop-Locker wie Lil’ und Boogaloo Shrimp Hof. Der Laden war der Inbegriff von Hipness. Man konnte zwar keinen Alk bestellen, durfte aber seinen eigenen mitbringen. Dort traten nicht nur Afrika Bambaataas Gruppe Soulsonic Force und die Cold Crush Brothers auf, sondern sogar Madonna. „Madonna zog uns auf die Bühne und versuchte uns auszuziehen und so’n Scheiß“, berichtet etwa The Glove.
Die weißen Kids im The Radio kannten bereits jedes einzelne Wort von „The Coldest Rap“ auswendig, als Ice-T dort schließlich auftrat. Er wurde sogar zum Haus-MC und fuhr jedes Wochenende in seinem durch kriminelle Aktivitäten finanzierten Porsche vor. Außerdem trat er in Breakin’ auf, einem Breakdance-Film, der seine Inspiration aus exakt diesem Club bezog. In diesem eher abgeschmackten Streifen verbündet sich die weibliche, an Mary Lou Retton erinnernde Hauptfigur mit taffen Straßenkids, die komplett ausgerüstet sind mit Nietengürteln, Ketten und mit Spikes besetzten Armbändern. Im Anschluss an Breakin’ zog der Club in die Innenstadt und benannte sich in Radiotron um.
Ein anderer Hotspot, der für gute Vibes stand, war das I Fresh in Leimert Park, ein „Rap-Workshop“, der teilweise vom Bundesstaat finanziert wurde. Von 1984 bis 1989 konnten junge MCs dort an ihren Skills feilen, so auch die Rapperin Yo-Yo aus South Central, die von ihrer Englischlehrerin auf die Einrichtung aufmerksam gemacht worden war und später noch mit Ice Cube aufnehmen sollte. „Sie war echt gut unterwegs, lebhaft und sehr kreativ“, erinnert sich der Organisator von I Fresh, Ben Caldwell. Eazy-E war hingegen weniger angetan von dem Etablissement und weigerte sich, auf Caldwells Forderungen einzugehen, seine frauenfeindlichen Texte zu entschärfen. I Fresh wurde später zu einer wöchentlich stattfindenden Open-Mic-Session im nahegelegenen Good Life Café, aus der wiederum die Project-Blowed-Sessions hervorgingen. Vor Anbruch der Gangsta-Ära in Los Angeles standen I Fresh und The Radio für eine optimistische Phase, in der sich ethnisch und sozialökonomisch gemischte Gruppen von Kids gemeinsam vergnügten. Sogar der New Yorker Hip-Hop-Impresario Afrika Bambaataa war beeindruckt von der Szene in L.A. „Sie vereinte Punkrocker, New Waver und Hip-Hopper“, sagte er. „Du hörtest Funk, Reggae, alles im selben Club. Es war, wie George Clinton gesagt hatte: ‚Eine Nation unter einem Groove vereint.‘“
Ice-T steckte inzwischen in einer Art Identitätskrise fest. In den frühen Achtzigerjahren trug er die damals angesagten engen Lederoutfits mit Spikes und Biker-Handschuhen, so wie das auch Melle Mel vom New Yorker Act Furious Five tat. Seine frühen Songs waren nicht sonderlich taff. Doch eines Tages, als er und sein Freund Randy Mack zum Beastie-Boys-Song „Hold It Now, Hit It“ jammten, machte Mack einen gewagten Vorschlag. Ice-T sollte sich seines „Kostüms“ entledigen und über die Details seines kriminellen Lifestyles rappen, den er gerade erst hinter sich gelassen hatte. Daraus resultierte 1986 das bahnbrechende „6 in the Mornin’“ – eine Schilderung des Lebens auf den Straßen von South Central. Der Protagonist des Songs, dessen Titel von den frühmorgendlichen Batteram-Razzien inspiriert war, entflieht der Polizei, schlägt Frauen und streckt seine Kontrahenten nieder. Schon bald wurde die Nummer ein lokaler Hit.
Gangster Boogie
Der Dichter und Spoken-Word-Performer Gil Scott Heron – sein bekanntestes Werk war „The Revolution Will Not Be Televised“ – hatte zweifellos Einfluss auf den frühen Hip-Hop. Dasselbe gilt für politisch orientierte Spoken-Word-Gruppen wie The Last Poets und die Watts Prophets. Doch früher Rap war zu einem großen Anteil geprägt von zotigem Klamauk, der in der ludenmäßigen Tradition schwarzer Comedy stand, zu deren Vertretern etwa Rudy Ray Moores obszöne Witze erzählende Filmfigur „Dolemite“ sowie der für seinen Fäkalhumor bekannte Komiker Blowfly zählten. Auch der Einfluss von traditionellen afroamerikanischen kreativen Betätigungen wie dem Beleidigungsspiel „The Dozens“ sowie prahlerischen Erlebnisberichten über gewisse Charaktere in Reimform ist nicht von der Hand zu weisen. Während des Übergangs von den Siebziger- zu den Achtzigerjahren fingen Disco, derbe Comedy-Platten und Rap an, miteinander zu verschmelzen. Man könnte sagen, dass der erste Westcoast-Gangsta-Rap-Song eine obskure Nummer aus dem Jahr 1980 mit dem Titel „Badd Man Dann Rapp“ war, in der von durchgeknalltem Sex, Homosexualität, Prostitution und Gewalt die Rede ist. Für den quietschfidelen Rap zeichnete sich King Monkey verantwortlich – ein Pseudonym, hinter dem sich der Comedian Jimmy Thompson verbarg.
Doch wie sooft im frühen Hip-Hop fehlte auch hier der harte, perkussive Sound, den wir heute mit Rap assoziieren. Der Run-DMC-Song „Sucker MCs“ von 1983 stellte mit seinem reduzierten Drumcomputer-Beat, der sich toll auf Ghettoblastern anhörte, einen Richtungswechsel dar. Run-DMC waren zwar keine Gangsta-Rapper, doch beeinflussten sie jenen Mann, dem man nachsagt, den Gangsta-Sound ins Rollen gebracht zu haben: Schoolly D.
Jesse Bonds Weaver Jr., so sein bürgerlicher Name, wuchs in West Philadelphia als eines von neun Geschwistern auf und wurde in seiner Kindheit Zeuge von zwei Morden. Er war eine einschüchternde Persönlichkeit und schrieb, performte und presste seine eigenen Platten. Einmal bedrohte er laut eigenen Angaben sogar einen Mitarbeiter eines Presswerks mit einer Knarre, da er ihn verdächtigte, Bootlegs seiner Machwerke anzufertigen. Der Protagonist seines Tracks „Gangster Boogie“ aus dem Jahr 1984 dealt mit Weed, knutscht mit den Ladys und hält einem potenziellen Dieb seine 8-Millimeter-Pistole unter die Nase. Doch es ist der Song „P.S.K. What Does It Mean?“, den Schoolly D im Jahr darauf veröffentlichte, der als erster Gangsta-Rap-Track gilt. Die Initialen „P.S.K.“ stehen für Schoolly D’s lokale Gang Parkside Killers. Die Nummer schildert die Abenteuer eines Unruhestifters, der durch die Stadt cruist, Weed raucht und Bier trinkt.
Got to the place, and who did I see
A sucker-ass nigga tryin’ to sound like me
Put my pistol up against his head
And said, You sucker-ass nigga I should shoot you dead.
Schoolly D griff anfangs in seinen Songs noch nicht auf derbe Kraftausdrücke zurück, wurde jedoch stärker wahrgenommen, als er anfing, „wie die Leute auf der Straße zu sprechen“. Und „P.S.K“ wurde bald zum Phänomen. Die Lo-Fi-Qualität vermittelt ein schauriges Gefühl, die Drums wirken gewaltig und das boshafte Scratching hallt wie durch einen großen Saal. „Mir stand der Mund offen“, schrieb Ice-T darüber. „Ich drehte mich zu meinem Homey und sagte: ‚Yo, der Shit ist so abgedreht!‘ Es klang anders als der übliche Hip-Hop – als wärst du high.“
„P.S.K.“ diente Ice-T als Inspiration für „6 In The Mornin’“, der dem taffen, zukünftigen Hip-Hop noch näher kam. Produziert wurde der Track von Unknown DJ, einem mysteriösen frühen Mitglied der World Class Wreckin’ Cru, das sich nie fotografieren ließ. Das Quietschen der Adidas des Protagonisten, sein nobler Truck, das Geräusch eines Pagers, das Anrollen der Batteram – alle Details werden hier genau beschrieben:




