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Arabian Prince traf Dr. Dre in den lokalen DJ-Kreisen. Schon bald gingen sie gemeinsam auf Vinyl-Jagd, hingen am Strand ab und gaben sich alle Mühe, Frauen abzuschleppen. Sie fuhren sogar raus ins San Bernardino County, um Mitglieder der ebenso kessen wie charismatischen weiblichen Rap-Gruppe J.J. Fad zu treffen. Dre hatte ein Auge auf Anna Cash (alias Lady Anna) geworfen und Arabian Prince hatte es auf Juana Burns (alias MC J.B.) abgesehen. Die Mädchen wollten eine Platte aufnehmen, doch Dre war nicht überzeugt von ihnen. „Er fand uns abgedroschen“, erinnert sich MC J.B., die damals Cheerleaderin bei Los Angeles Express war, einem Team der kurzlebigen United States Football League.
Doch Arabian Prince stand noch etwas Studiozeit zur Verfügung. So half er den Mädchen, zwei Tracks – „Supersonic“ und „Another Ho Bites the Dust“ – zusammenzustellen. Der zweite ist ein nahezu in Vergessenheit geratener Beitrag zu den sogenannten „Roxanne wars“ Mitte der Achtzigerjahre. Dabei handelte es sich um einen verbalen Schlagabtausch zwischen MC Roxanne Shanté und der Gruppe UTFO, von der der Song „Roxanne Roxanne“ stammte. Obwohl J.J. Fad keine der involvierten Parteien kannten und auch sonst keinen Grund hatten, auf diese Leute sauer zu sein, ließen sie ihre besten Beleidigungen vom Stapel: Roxanne Shanté ain’t got no hair in her back/ She’s bald.
„Wer damals keinen Diss-Track am Start hatte, hatte nichts zu melden“, erklärt MC J.B. Die Nummer ließ ihre Hörer kalt, doch die B-Seite, auf der das ansteckende „Supersonic“ zu hören war, fing an, Wellen zu schlagen. So sah Eazy-E einen Auftritt der Gruppe im Club The Casa und war durchaus beeindruckt. Inzwischen umwarb Eazy Arabian Prince für eine „Supergroup“, die er plante und außer ihm noch Cube von C.I.A. sowie Dre und DJ Yella von der World Class Wreckin’ Cru umfasste. Obwohl er eine brandheiße Single am Markt hatte, war Eazy in Bezug auf seine Rap-Skills immer noch unsicher, weshalb er vermutlich dachte, dass es das beste wäre, sich mit einer Gruppe zu umgeben. Das Timing war gut. Dre und Cube waren ihren alten Acts entwachsen und so traf sich die Gruppe – erweitert um Eazys alten Kumpel aus dem Viertel, Lorenzo „MC Ren“ Patterson – im Haus der Mutter von Arabian Prince in der Van Ness Avenue in Inglewood, um dort gemeinsam einen Namen auszuknobeln. Trotz Eazys und Dres Neigungen war es noch keine ausgemachte Sache, dass sie in eine neue Hardcore-Richtung gehen würden. Immerhin waren gleich drei der Gründungsmitglieder – DJ Yella, Ice Cube (alias Purple Ice) und Arabian Prince – große Bewunderer von Prince. Auf eine Sache einigten sie sich jedoch rasch: Sie wollten ihre jeweiligen Herkunftsorte repräsentieren, so wie das auch die New Yorker Rapper taten. Arabian Prince schlug im Scherz ein Plattencover vor, auf dem die Jungs Waffen tragen sollten. Seine Idee für den Titel: From Compton With Love. Die Begeisterung hierfür hielt sich in Grenzen. Als er und Dre sich irgendwann beschwerten, dass sie für ihre Produzenten-Beiträge nicht bezahlt würden, sagte einer von ihnen, er würde sich fühlen wie ein „nigga with an attitude“. Kurze Zeit darauf schlug Eazy-E genau das als Name für die Gruppe vor: N.W.A – „Niggaz With Attitudes“. Es war ein Name, der genug Schock-Potenzial hatte, um aufhorchen zu lassen – gewürzt mit einer Prise selbstgerechter Empörung. Cube war einverstanden mit der Idee, dass „Schwarze dieses Wort verwenden, anstatt sich damit beschimpfen zu lassen“.
In seiner provokanten Art war der Name genial. Manche waren begeistert, andere wiederum erschauderten. „In frühen Interviews machte MC Ren sich die unterschiedlichen Voraussetzungen zunutze und verleitete Reporter, so auch mich, dazu, ein Wort auszusprechen, das manche nicht einmal stammeln konnten“, schrieb Jonathan Gold. „Wenn du den Köder geschluckt hast, warst du ein Rassist. Und wenn nicht, so wie ich, ein Weichei. Es gab nichts dazwischen.“ Eazy hielt die Zügel in der Hand. Inzwischen hatte er sich völlig vom Drogengeschäft verabschiedet und teilte seine Zeit zwischen seinen Solo-Projekten und N.W.A auf. Die erste EP der Gruppe mit dem Titel Panic Zone erschien 1987 und enthielt zwei Songs, die Geschichte schreiben sollten, sowie einen weiteren, der das nicht tat. „8 Ball“ war eine Ode an Olde English 800, eine Starkbiermarke. I don’t drink Brass Monkey legt Eazy los, eine direkte Antwort auf den Lobgesang der Beastie Boys auf ihr bevorzugtes Elixier (tatsächlich bediente sich der Song sogar eines Samples von „Fight For Your Right“ der weißen New Yorker). Interessanterweise tranken damals weder Eazy noch der Autor des Songs, Ice Cube. Sir Jinx verriet, dass seine Flasche mit Apfelsaft gefüllt war, wenn Eazy auf Konzerten dem Publikum zuprostete.
Auch „Dope Man“ stammte aus Ice Cubes Feder und nahm den zukünftigen Sound sowie das Image der Gruppe vorweg. Hier brachte Dr. Dre zum ersten Mal den „funky worm“ zum Einsatz, jenen unwiderstehlichen, hohen Moog-Synthie-Sound, dessen Name die Siebzigerjahre-Funk-Band Ohio Players geprägt hatte. „Dope Man“ glorifizierte und verdammte abwechselnd den Drogendealer und seinen Lifestyle und endete mit einer Warnung aus dem Mund des mexikanisch-amerikanischen Rappers Krazy Dee: You sold crack to my sister and now she’s sick/ But if she happens to die because of your drug/ I’m putting in your culo a .38 slug!
Die erste Single von N.W.A war aber der Electro-Track „Panic Zone“, ein apokalyptischer Bericht aus den raueren Vierteln von Los Angeles:
Ice Cube is from L.A., he’s in the panic zone Eazy-E is from Compton, he’s in the panic zoneArabian Prince from Inglewood, he’s in the Panic Zone.
Obwohl er ein lokaler Hit war, ist er heute fast in Vergessenheit geraten. Die Roboter-Stimmen hatten schon ausgedient und wurden von, nun ja, Gangsta-Songs wie „The Boyz-N-The-Hood“ abgelöst. Um Kapital aus der wachsenden Popularität von N.W.A zu schlagen, stellte Macola ein Album mit dem Titel N.W.A and the Posse zusammen. Das geschah aber ohne die Zustimmung der Gruppe, womit es zur bizarren Situation kam, dass die Band sich über ihre eigene Platte das Maul zerriss. „Diese Platte war echt schlechter Shit“, fand MC Ren.
Egal, Posse funktionierte als gelungene Compilation der frühen Arbeiten der Gruppe. Neben den Songs von Panic Zone tummelten sich hier unter anderem noch „Boyz“ sowie „Fat Girl“, bei dem Eazy und Ron-De-Vu die mollige Titelfigur hochleben ließen, oder auch die humoristisch-misogyne Nummer „A Bitch Iz A Bitch“, die Cubes Einstellung zu Mädchen zum Ausdruck brachte, die nicht nach seiner Pfeife tanzten.
Garantierter Reichtum
Heute kennt man N.W.A and the Posse vermutlich vor allem wegen des Plattencovers, einer Achtzigerjahre-Momentaufnahme, die ein knappes Dutzend Leute aus dem engeren Umfeld der Band ins rechte Licht rückte, wie sie vor einer mit Graffiti und Müll übersäten Kulisse in der Nähe der Macola-Fabrik in Hollywood den wilden Mann markierten.
Das Album rückte außerdem ein weiteres außergewöhnliches Talent in den Vordergrund – Tracy Curry, einen Rapper aus Dallas, der auf Posse mit einer Gruppe namens Fila Fresh Crew zu hören war. Ihr Beitrag umfasste die Alk-Ode „Drink It Up“ (eine beduselte Parodie auf „Twist and Shout“) sowie den Track „Dunk the Funk“, bei dem Curry seine beachtlichen Rap-Skills besonders behände unter Beweis stellen durfte. Seine textliche Akrobatik glich nichts, was man bis dahin an der Westküste gehört hatte. Außerdem stellte sich heraus, dass Curry auch ein meisterhafter Songwriter war. Curry wurde N.W.A von Dr. Rock vorgestellt, einem DJ aus L.A. und ehemaligen Mitglied der World Class Wreckin’ Cru. (Dre hatte Rocks Position in der Gruppe geerbt, als dieser zum Studieren nach Austin umzog. Später machte er sich als Radiopersönlichkeit beim Sender K-104 in Dallas einen Namen.) Rock hatte Currys Performance auf einer Party in Dallas gesehen. „Ich war hin und weg“, erzählt Rock. „Ich wollte den Jungen auf Platte pressen.“ Curry nannte sich ursprünglich Doc, da die Schwester eines Rap-Kollaborators als Labortechnikerin arbeitete, und er fand, dass er gut in ihrem Kittel aussah. Später begann er, sich selbst D.O.C. zu nennen. Die Punkte ergänzte er, um eine Assoziation zu N.W.A zu wecken. Fürs Erste schloss er sich aber Dr. Rock und einem gewissen Fresh K an, um gemeinsam als Fila Fresh Crew in Aktion zu treten. Dre, der Tracks mit ihnen aufnahm, von denen welche auf N.W.A and the Posse landeten, war hingerissen. „Er sagte: ‚Nigga, du bist echt der Shit‘“, berichtete D.O.C. „‚Wenn du an die Westcoast kommst, dann garantiere ich, dass du reich wirst.‘“ D.O.C. zog schon bald nach Compton um und wohnte fortan in einem Haus hinter der Centennial High School, das einem Bekannten aus Dallas gehörte. Bald darauf kratzte Dre genug Geld zusammen, um aus Sir Jinxs Haus auszuziehen, und bezog ein Apartment mit zwei Schlafzimmern in Paramount, östlich von Compton. DJ Yella zog ebenso ein. Die beiden ließen von nun an D.O.C. auf dem Fußboden ihres leerstehenden Wohnzimmers schlafen. Trotz der spartanischen Umstände – D.O.C. hatte gerade einmal einen Schlafsack – freundeten sich die Jungs immer besser an. „Dass wir beide gerne tranken, war meine erste echte Gemeinsamkeit mit Dre“, verriet D.O.C. Am Morgen überwanden sie den Kater und fuhren in einem arg mitgenommenen Toyota Corolla, in dem Public Enemy in voller Lautstärke dröhnte, ins Studio. Audio Achievements in Torrance teilte sich ein Gebäude mit einem mexikanischen Restaurant und gehörte einem freundlichen, langhaarigen Studiotechniker namens Donovan „The Dirt Biker“ Smith.
Im Studio ging D.O.C. im Handumdrehen in der Ruthless-Crew auf und wurde ein inoffizielles Mitglied von N.W.A Seine erste Aufgabe bestand darin, Texte zu Eazys Solo-Song „We Want Eazy“ zu verfassen. Es war tatsächlich D.O.C. (dem MC Ren ein wenig half), der Eazy E zu jenem zotigen Gangsta stylte, den man heute kennt. Auch zu Straight Outta Compton trug er viel bei.
Da war es schon ironisch, dass D.O.C., der in Texas aufgewachsen war, eigentlich keine Ahnung von der Street Culture in L.A. hatte. Allerdings nutzte er seine Naivität zu seinem Vorteil. „Als ich in L.A. eintraf, war Hip-Hop etwas, das nicht nur das weiße Amerika, sondern auch das mittelständische schwarze Amerika verängstigte. Die hatten alle Angst davor, hielten es für Nigger-Shit“, sagte D.O.C. Außerdem fügte er noch hinzu, dass er Eazy-E eine ähnlich „komische“ Rolle auf den Leib schneiderte, wie sie Flava Flav bei Public Enemy bekleidete, um so ernste Botschaften mithilfe von Humor zu transportieren. Eazy-E bediente sich eines altgedienten Archetyps eines heroischen Dealers, der umgeben von Statussymbolen und Frauen seine Gegner bezwingt, aber dabei nie seine Herkunft vergisst. Die Melodien luden zum Mitsummen ein und sein Unterton war oft ironisch. So rappte er bei „No More ?’s“:
Walked in, said: ‚This is a robbery‘
Didn’t need the money, it’s just a hobby
Fill the bag, homeboy, don’t lag
I want money, beer, and a pack of zig-zags.
N.W.A waren nicht nur die „gefährlichste Gruppe der Welt“, wie sie sich selbst nannten, sondern auch Gangstas, die sich zu amüsieren wussten. Mit der Hilfe von D.O.C. und seinem Songwriting wurden sie zu den bösen Jungs, die man einfach anfeuern musste.

Mountain View Estates, ein Viertel voller Multi-Millionen-Dollar-Villen in der noblen Vorstadt Calabasas, befindet sich im Santa-Monica-Nationalpark. Von der Innenstadt von L.A. aus fährt man 40 Minuten gen Westen – wenn kein Verkehr herrscht, was aber nie der Fall ist. Nur mit einer Einladung wird man in diese „gated community“ eingelassen. Sobald man vom Wachpersonal durchgewunken wurde, erwartet einen ein monumentaler Springbrunnen, der feinen Sprühregen in die Luft ausstößt. Außer einer sanften Brise herrscht hier Stille. Gelegentlich rollt ein Nobelschlitten aus einer Einfahrt. An einem freundlichen Nachmittag im Oktober 2014 genießen hier die Bewohner all die suburbane Pracht, während ein paar lateinamerikanische Arbeiter die Häuser und Grundstücke in Schuss halten. Ziegeldächer, schmiedeeiserne Skulpturen und auch bei Dürre makellos getrimmte Rasenflächen soweit das Auge reicht.
Mit seiner pompösen wie seelenlosen Architektur ist Calabasas ein Anzugspunkt für Reiche und Berühmte, die gerne zeigen, was sie haben. Mountain View Estates liegt genau westlich von Hidden Hills, das sich in den letzten Jahren einen Namen dank besonders prominenter Anwohner wie Kanye West und Kim Kardashian, Jennifer Lopez oder Drake gemacht hat.
Vier Monate lang hatte ich Jerry Heller erfolglos wegen eines Interviews genervt. Als ich ihm sage, dass ich gerne das Haus sehen würde, in dem Eazy-E gelebt hat, zwei Häuser von seinem entfernt, kündigt er zu meiner Überraschung dem Security-Mann mein Kommen an. Ich schieße ein paar Fotos von Eazys alter Bude: Großer Pool, atemraubender Ausblick, eine skurrile Statue von zwei Jungs auf dem Rasen, von denen einer eine Geige hält. Anschließend empfängt mich Heller vor seiner Garage für drei Autos, in der ein Jaguar und ein VW parken. Hellers 450 Quadratmeter großes, 1990 erbautes Haus hat ein Dach im spanischen Stil, ein großes Aussichtsfenster an der Vorderseite sowie einen schmuckvollen Balkon.
„Wir können uns unterhalten, aber kein Interview“, informierte mich der ehemalige Manager von N.W.A in einer E-Mail. Ich habe keine Ahnung, was das bedeuten soll, folge ihm aber, halb beklommen, halb neugierig, in sein Haus. So ziemlich jeder hat eine Meinung zu Jerry Heller. Er war die Zielscheibe von mindestens ebenso vielen Diss-Tracks wie Tipper Gore – und ich bin neugierig darauf, ihn privat kennenzulernen. Mittlerweile in seinem achten Lebensjahrzehnt angekommen, sieht man ihm sowohl sein Alter als auch die Nachwirkungen einer von Konflikten geprägten Karriere an: Sein Gesicht hängt herunter, seine weißen Haare sind ausgedünnt und sein Gang wirkt zaghaft. In seinen weißen Tennisschuhen und seinem blauen Poloshirt nimmt er einen Anruf entgegen, während ich die Einrichtung seines Wohnzimmers begutachte. Auf seinem Tisch stapeln sich Artikel aus Magazinen über ihn und N.W.A und alte Alben der World Class Wreckin’ Cru. Auch eine frühe Platte von Eazy-E und Ron-De-Vu mit dem Titel „L.A. Is The Place“ liegt dort. Die moderne Kunst an den Wänden wirkt kostspielig und über dem Kamin hängt ein Bild von ihm und seiner blonden, vollbusigen und viel jüngeren Exfrau Gayle Steiner. Die beiden verband eine Leidenschaft für Rettungshunde.
Irgendwann beendet er sein Telefonat. Wir unterhalten uns ein paar Minuten lang, bevor er erneut einen Anruf erhält. Es hat irgendetwas mit dem Filmemacher Jim Sheridan zu tun, von dem er sagt, dass er dafür vorgesehen sei, seine Autobiografie Ruthless zu verfilmen. Schließlich schenkt er mir aber doch seine ungeteilte Aufmerksamkeit.
„Darf ich mein Aufnahmegerät anstellen?“, frage ich ihn irgendwann. Seine Antwort darauf ist eindeutig: „Du kannst einen Scheißdreck haben!“ Er erklärt mir, dass die ständig wiederholten TV-Interviews, die er vor Jahren gegeben hat, ihm keinen Pfifferling eingebracht hätten. Außerdem hätten andere Autoren vor mir ihn schlecht aussehen lassen. (Er verklagte – erfolglos – den Autor und den Verlag des 1998 erschienenen Buches Have Gun Will Travel, das von Death Row Records handelt, weil er sich unfair dargestellt fühlte. Darüber hinaus läuft zur Zeit ein von ihm angestrengtes Verfahren gegen die Macher des Biopics Straight Outta Compton aus dem Jahr 2015.) Heller gibt sich abwechselnd ruhig und aufgebracht. Einerseits behauptet er, dass es ihm egal sei, was die Leute über ihn sagten, andererseits streitet er vehement verschiedene Anschuldigungen ab. Irgendwann gelingt es mir, ihm ein paar Zitate zum Album sowie tonnenweise spannende Hintergrundinformationen abzuringen. Als ich aufbreche, behalte ich ihn sowohl als abweisend als auch als ziemlich spendabel in Erinnerung. Als ein Jahr später meine Großmutter verstirbt, drückt er mir via Facebook sein Beileid aus.
Und so ist Heller auch. Mehr als an jeder anderen Person in diesem Buch scheiden sich an ihm die Geister. Viele Insider rund um Ruthless Records bestätigen seine wichtige Rolle bei der Entwicklung der involvierten Künstler. Es gibt einen Grund, sagen sie, warum N.W.A zu einem internationalen Phänomen aufstiegen, wohingegen anderen Gangsta-Rappern dieser Ära der große Wurf verwehrt blieb. Andere wiederum spucken förmlich auf den Boden, wenn sein Name fällt. DJ Speed, der Turntable-Künstler von N.W.A, nannte ihn mir gegenüber einen „Gauner“ und im Gespräch mit HipHopDX eine „Schlange“. (Heller revanchierte sich, indem er Speed als „Laufbursche, der Erics Wäsche machte“, bezeichnete.) Als Heller 2013 in der Murder Master Music Show, einem Podcast, zu Gast war, wurde er von einem Anrufer als „Zinswucherer“ beschimpft. Als er ein Jahr später erneut in der Show auftrat, wiederholte ein anderer Anrufer diesen Vorwurf.
Wie viele wissen, hat Ice Cube, nachdem die Stimmung zwischen ihm und Heller gekippt war, antisemitische Dinge über ihn gesagt. Doch es gab eine Zeit, in der sein Background – zumindest in den Augen vieler Acts, die er umwarb – als Qualität wahrgenommen wurde, es Geld regnen zu lassen. „Er war ein weißer, jüdischer Typ, der Leute kannte. Er wurde bei Plattenfirmen vorgelassen, zu denen wir nicht durchdringen konnten“, erzählt Arabian Prince. „Es war ja schon schwer genug für uns, Geld von unseren eigenen Konten abzuheben.“
Eines bestreitet aber niemand: Mit Hellers Hilfe mauserte sich Ruthless Records von einem regional erfolgreichen zu einem landesweit hochangesehenen und zugkräftigen Unternehmen.
Hellers Vater betrieb ein Geschäft für Altmetall. Er liebte es, Sportwetten abzuschließen, und bewegte sich in den Kreisen der jüdischen Mafia. Irgendwann ließ er sich dann mit seiner Familie in einem wohlhabenden Vorort von Cleveland namens Shaker Heights nieder. Als einer der wenigen ortsansässigen Juden fühlte sich Heller, wie er in Ruthless beschrieb, jedoch als Außenseiter. Nachdem er an der University of Southern California einen Abschluss in Wirtschaftswissenschaft gemacht hatte, schwang er sich in den Sechziger- und Siebzigerjahren in der Musikbranche in schwindelerregende Höhen auf. Er arbeitete als Agent für Marvin Gaye und CCR, lotste Elton John und Pink Floyd zu ihren ersten Amerika-Touren über den großen Teich und diente dem Musikmanager Irving Azoff als Mentor. Außerdem steckte er 1975 hinter der ersten US-Tour der deutschen Electronik-Pioniere Kraftwerk. Abgesehen davon machte er nicht weniger Party als die Rockstars, die er betreute.
Doch während der New-Wave-Ära verlor Heller den roten Faden. 1985 musste er nach seiner Scheidung auf dem Sofa seiner Eltern in Encino schlafen, als ihn sein Freund Morey Alexander, ein weiterer Musikmanager, anrief und ihn darüber informierte, was sich gerade so bei Macola abspielte. Heller traf sich daraufhin mit Don Macmillan und Rudy Pardee, einer Hälfte des L.A. Dream Teams, um sich von ihnen die brandheiße Electro-Hip-Hop-Single „The Dream Team Is In the House!“ vorspielen zu lassen. Heller willigte ein, die Band in puncto Management zu unterstützen, und war außerdem sehr angetan von J.J. Fad, die auf demselben Label wie Dream Team waren.
Nachdem Heller infolge eines Auffahrunfalls auf dem Freeway eine Abfindung erhalten hatte, zog er in eine Eigentumswohnung im Simi Valley um und machte ernst in Bezug auf die urbane Musikszene von L.A. Er verhökerte Platten auf dem Roadium Swap Meet und stimmte zu, Acts wie die World Class Wreckin’ Cru und C.I.A. zu managen.
Mitte der Achtzigerjahre verbrachte Heller viel Zeit im Macola-Foyer und versuchte, „Acts aufzugabeln“, wie es Don Macmillan formulierte. Heller machte sich an Rapper und DJs heran, von denen er glaubte, dass ihr Talent nicht adäquat zur Geltung gebracht würde. „Ich kann mich an mehrere Situationen erinnern, in denen Produzenten mir gegenüber von Aufnahmeequipment schwärmten, das sie für 200 Dollar bei Toys ’R’ Us erstanden hatten“, schrieb er.
Sein Ruf war der eines Machers aus einer vergangenen Zeit. Vor allem Eazy konnte es nicht erwarten, ihn zu treffen. Er bezahlte Alonzo Williams sogar dafür, sie einander vorzustellen. Am Morgen des 3. März 1987 fuhr Eazy-E, begleitet von MC Ren, in seinem burgunderfarbenen Suzuki Samauri vor. Eazy hatte sich extra dafür herausgeputzt: Er trug Locs, brandneue niedrige Converse All-Stars, ein strahlend weißes T-Shirt und eine Golduhr, „der man ansah, dass sie echt war“, wie sich der Promoter Doug Young erinnerte. Young wohnte dem Treffen ebenfalls bei. Er hatte Eazy noch nie zuvor getroffen, doch eilte diesem sein Ruf voraus.
„Woher weißt du, dass sie das sind?“, erkundigte sich Heller bei Young, als Eazy und Ren auf der Bildfläche erschienen.
„Weil sie wie zwei Gang-Mitglieder aussehen.“
Nachdem Alonzo alle einander vorgestellt hatte, zog Eazy seine Kohle aus der Socke und bezahlte ihn. Dann begaben sie sich in Don Macmillans Büro, wo die Unterhaltung zunächst ein wenig ungelenk ablief. Heller fragte Eazy, ob er der „Dope Man“ aus dem gleichnamigen Song sei. Eazy verstummte, aber Heller ließ nicht locker.
„Ich habe einen Geldbaum im Garten stehen“, sagte Eazy schließlich.
Das lockerte die Stimmung merklich auf und Eazy erklärte, dass er für seine neue Gruppe N.W.A einen rauen Sound und ein taffes Image anstrebte. „Sie wird Hip-Hop sein, sie wird richtiges Straßen-Feeling haben“, fuhr er fort. „Aber sie wird die Art repräsentieren, wie wir hier in L.A. sprechen, wie wir uns verhalten. Sie wird die L.A.-Fahne hochhalten.“
Heller konnte sich rasch für die Musik der Gruppe erwärmen – vor allem für „The Boyz-N-The-Hood“. Er und Eazy einigten sich darauf, gemeinsame Sache zu machen und verabredeten sich bald darauf bei Martoni’s, einem Restaurant am Cahuenga Boulevard. Ebenfalls anwesend waren Hellers Partner Morey Alexander und weitere Macola-Acts, mit denen sie zusammenarbeiteten: Rodney O & Joe Cooley, Rudy Pardee, Russ Parr, Unknown DJ, Alonzo Williams, Arabian Prince und Egyptian Lover.
Manche seiner Klienten nahmen Hellers zunehmend enge Verbindung zu Eazy mit gemischten Gefühlen auf, da sie nichts mit seinem vulgären Stil anfangen konnten. Laut Eazy verkündete Heller, dass er sich Eazys neuem Label verpflichtet hätte und jeder, der sich ihm nicht anschließen wolle, sich nach einer neuen Vertretung umsehen müsste. Alonzo behauptete hingegen, dass Acts wie Pardee und Unknown DJ ihm ein Ultimatum gestellt hätten: „Entweder wir oder Eazy.“ Wie auch immer es gewesen sein mag, Heller und viele seiner Klienten gingen von nun an getrennte Wege.
Seine Entscheidung, auf Eazy zu setzen, war hastig gefallen. Laut Heller bot Eazy ihm eine fünfzigprozentige Beteiligung an Ruthless an, doch er bestand darauf, nur 20 Prozent nehmen zu wollen. „Für jeden Dollar, den Ruthless einnimmt, bekomme ich 20 Cent“, will er Eazy gesagt haben. „Dir gehört die Firma, ich arbeite für dich.“ Heller sollte neben N.W.A noch weitere Ruthless-Acts als Manager betreuen, doch die wichtigen Entscheidungen traf Eazy.
Arabian Prince beschloss, sich der Ruthless-Crew anzuschließen, stand dem von Heller vorgeschlagenen Arrangement jedoch schon bald skeptisch gegenüber. Schließlich will niemand, dass sein Manager und der Manager des Labels ein und dieselbe Person sind. Immerhin wünscht man sich bei Verhandlungen, dass sich jemand um die eigenen Interessen – und nicht gleichzeitig um die eines anderen – kümmert.
Solche Arrangements sind im Hip-Hop zwar nicht ganz unüblich, aber wirklich ethisch sind sie nicht, sagt etwa David Kronemyer, ein Beobachter der Branche und ehemaliger Senior-Vizepräsident bei Atlantic Records. „Der Künstler wünscht sich etwa finanzielle Unterstützung für eine Tour oder ein Video oder um sich auf gewisse Märkte, wo er gut ankommt, konzentrieren zu können. Die Plattenfirma vertritt in Bezug auf all das aber manchmal eine andere Sichtweise.“
Heller hält dem entgegen, dass er nicht alle Ruthless-Acts gemanagt habe, er aber, wenn er dies doch tat, „immer auf der Seite des Künstlers“ gestanden habe – somit wäre er der einzige gewesen, der sich mit einem Interessenskonflikt hätte auseinandersetzen müssen. Er fügte noch hinzu, dass er in solchen Fällen auch nur eine Provision absahnte und sich nie doppelt entlohnte.
Heller und Eazys Geschäftsbeziehung repräsentierte das Rückgrat von Ruthless Records. Das war eine komplizierte Sache, die viele bis heute nicht verstehen, und viele versuchten, sich zwischen die beiden zu drängen. „Die Leute rufen mich an und fragen mich, warum ich einen weißen Mann als Manager habe“, sagte Eazy. „Als ich mich nach einem Manager umsah, schloss ich meine verdammten Augen und sagte zu mir, dass ich den besten haben will – und Jerry war nun mal der beste.“




