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Ihre Beziehung umfasste auch Privates. Heller half Eazy dabei, seinen Führerschein zu machen und sein erstes Bankkonto zu eröffnen. Eazy verhalf Heller wiederum zu einer neuen Aufgabe.
„Eazy liebte seinen Vater, aber sie unterhielten sich nicht oft“, sagt Charis Henry, die später Eazys persönliche Assistentin wurde. Während Eazys Vater Richard sich eher introvertiert gab, übernahm Jerry eine aktivere Vaterrolle für ihn. „Er sagte, dass Jerry für ihn wie ein Vater war.“
Der, ganz auf die Musik konzentriert, überließ die Logistik, die dahinter steckte, Ruthless als Firma zu etablieren, lieber anderen. Aber auch er war anfangs angetan von Heller, was daran lag, dass der Manager der World Class Wreckin’ Cru dabei geholfen hatte, ausstehendes Geld bei ihrer Plattenfirma einzutreiben.
Eine von Eazy und Hellers ersten Entscheidungen war, J.J. Fad unter Vertrag zu nehmen, was sich schon bald auszahlen sollte. Nachdem er die Songs gehört hatte, die die Girls mit Arabian Prince aufgenommen hatten, tat er sie nicht länger als „abgedroschen“ ab. Er überarbeitete „Supersonic“ und co-produzierte ihr gleichnamiges Debütalbum, das die Gruppe mit einer neuen Besetzung aufnahm. Eazy wollte Ruthless zwar als härtestes Label weit und breit etablieren, doch es war durchaus sinnvoll, zuerst einmal eine jugendfreie Gruppe zu veröffentlichen. „Jerry und Eric sagten: ‚Wir wollen wie ein seriöses Label wirken, also bringen wir zuerst die Mädels heraus‘“, berichtet MC J.B. Die Warner-Tochterfirma Atco Records verpflichtete sich, die Scheibe zu vertreiben. „Supersonic“ wurde 1988 im Windschatten von Salt-N-Peppas „Push It“ ein Riesenhit und heimste prompt eine goldene Schallplatte ein.
J.J. Fad und N.W.A traten am Valentinstag 1988 bei einer Benefizveranstaltung für unterprivilegierte Kinder im Hotel L’Ermitage in Beverly Hills auf. Moderiert wurde die Sause vom Mädchenschwarm Scott Valentine, der im Film Familienbande Mallorys Freund mit Bad-Boy-Allüren spielte. N.W.A performten einen „kinderfreundlichen“ Song, an den sich keiner mehr genau zu erinnern scheint, doch die Hauptattraktion beim jungen Publikum waren J.J. Fad. „Supersonic“ wurde 1989 sogar als „Best Rap Performance“ für einen Grammy nominiert. Es war das erste Mal, dass in dieser Kategorie ein Preis verliehen wurde. J.J. Fad trugen zur Zeremonie maßgeschneiderte Smokings und Miniröcke. Da die Grammy-Verleihung jedoch nicht im Fernsehen gezeigt wurde, boykottierten andere Nominierte wie Salt-N-Peppa sowie die Gewinner DJ Jazzy Jeff & The Fresh Prince die Preisverleihung.
Handwerk und Fachsprache
Trotz des Erfolgs von J.J. Fad hatte weder Atco noch ein anderes Label Interesse an N.W.A, deren Sound und Image viel gewagter wirkten. Als nun die Zukunft der Gruppe in der Schwebe hing, begann Ice Cube nach seinem High-School-Abschluss 1987 andere Pläne zu schmieden. Er folgte dem Rat eines seiner Lehrer, bestieg einen Zug nach Arizona und studierte ein Jahr lang architektonisches Zeichnen, für das er ein Zertifikat des mittlerweile geschlossenen Phoenix Institute of Technology erhielt.
Die anderen Mitglieder der Gruppe ließen weiterhin nicht locker, doch Cube zog es vor, seinem Plan B zu folgen. Er erinnert sich an einen zermürbenden Stundenplan und Arbeit, die intensive Konzentration voraussetzte. „Bei architektonischem Zeichnen geht es vor allem um Präzision und darum, das Handwerk und die Fachsprache zu lernen, damit du sie anwenden kannst“, erörtert er. „Die Zeichnungen wurden immer komplizierter, je länger das Jahr dauerte.“ Der Erfahrung verdankt er, wie er sagt, selbstständig leben gelernt zu haben. Er rappte nun mit der Crew seines Kumpels Phoenix Phil, doch dadurch ergab sich nichts Handfestes.
Vielmehr vermisste er seine Freunde zu Hause. „Sie riefen mich an und erzählten, dass sie nach Chicago und Atlanta fliegen würden“, erzählte er. „Und ich hatte noch sechs Monate Schule vor mir! Das war das schlimmste Jahr meines Lebens. Meine Träume ließen mich im Stich.“
In Cubes Abwesenheit trat MC Ren in den Vordergrund. Auch er war ein paar Jahre jünger als die anderen Mitglieder der Gruppe. Sein älterer Bruder war mit Eazy befreundet und die beiden Familien lebten in Compton nur zwei Block voneinander entfernt. Als Junge war Ren ein Jünger von DMC gewesen (und nicht von Run, wie die meisten anderen) und stand, wie Eazy auch, den Crips nahe. Er war sogar schon angeschossen worden. Während sich seine Rap-Skills entwickelten, schloss er sich mit einem Beatboxer namens Chip zum Duo Awesome Crew 2 zusammen. Den jugendlichen Künstlern gelang es schließlich, einen Gig im Roxy auf dem Sunset Strip zu ergattern. Als sie Ice-T im Publikum erkannten, schoss ihr Puls rasch in die Höhe. Immerhin war er gerade dabei, sein Label Rhyme Syndicate an den Start zu bringen, das später unter anderem Everlast und das Duo Low Profile veröffentlichte. Leider, so erinnert sich Ren, lief die ganze Sache schief. Der DJ gab an einer Stelle das falsche Tempo vor und brachte sie aus dem Rhythmus. „Wir mussten so schnell rappen, total abgefuckt“, erzählt er. „Als wir dann von der Bühne kamen, sagte Ice-T: ‚Nicht schlecht.‘“ Leider war das purer Sarkasmus.
Ren wollte sich der Army anschließen, brachte es jedoch nicht übers Herz, dem Hip-Hop den Rücken zu kehren. Er verblüffte Eazy mit seinen Freestyle-Raps in dessen Stucco-Garage, die sich inzwischen zu einem gediegenen Proberaum samt Turntables, Drumcomputern und einem Asteroids-Videospielautomaten entwickelt hatte.
Ren war ein Spitter, der in der Lage war, den Beat zu dominieren und noch etwas Extra-Würze ins Spiel zu bringen. Eazy nahm ihn zunächst solo unter Vertrag, erkannte jedoch schon bald seine Vorzüge als Ghostwriter. Ren schrieb die Raps zu „Eazy-Duz-It“, „Radio“ sowie „Ruthless Villain“, die 1988 auf Eazys Solo-Album Eazy-Duz-It landeten. Doch „Ruthless Villain“ war zu rasant für Eazys bescheidene Rap-Skills. „Also sagte Dre: ‚Mann, lass Ren das machen!‘“, erinnert sich Ren. Bald schon wurde er eingeladen, sich N.W.A anzuschließen.
Die erste N.W.A-Show fand am 11. März 1988 im Skateland statt. „Mein Homeboy Eazy-E und die ganze N.W.A-Posse sind am Start“, verkündete MC Ren und hinterlegte die Pausen zwischen den Strophen von „Boyz“ mit seinen Shout-outs. Viele der Texte waren abgeändert worden, um Schimpfwörter zu vermeiden. Die Gruppe trat schon bald auch auswärts auf und quetschte sich dafür in Eazys blauen Minivan, einen Ford Aerostar, und teilte sich billige Motelzimmer. Zuerst traten sie noch vor einer von Alonzo neu aufgestellten Formation der World Class Wreckin’ Cru auf, was in Anbetracht der unterschiedlichen Styles sowie der Tatsache, dass Dre und Yella ebendort ausgestiegen waren, eher unangenehm war. Aber ab 1988 teilten sich N.W.A schließlich die Bühne mit Acts wie Salt-N-Peppa, MC Hammer, Heavy D und UTFO. Mit ihren Jheri-Curl-Frisuren ernteten sie verwirrte Blicke. „Wer zum Geier seid ihr Niggas?“, wurden sie etwa gefragt. Als Cube im Laufe des Jahres 1988 zurückkehrte, blieb Ren der Gruppe erhalten.
Ein letzter Strohhalm
Obwohl N.W.A auf Tour Fuß fassten, halfen Jerry Heller seine Kontakte in der Musikbranche nicht viel weiter. Ende 1987 stand die Gruppe immer noch ohne Plattenvertrag da. Die Gründe dafür waren nicht allzu schwer zu verstehen. Zwar regierten schwarze Stars wie Michael Jackson und Prince die Charts, doch wurde von ihnen erwartet, dass sie sich artig verhielten. Die eine oder andere versteckte Anzüglichkeit wurde akzeptiert, doch N.W.A waren einfach zu brutal und zu real.
Rap war noch nicht einmal vor einem Jahrzehnt im Mainstream angekommen und viele Labels hielten es immer noch für einen vorübergehenden Trend. Der Vorstandsvorsitzende von Capitol erklärte Heller, dass N.W.A nie Platten verkaufen würden. David Geffen hingegen störte, wie sich N.W.A über Schwule äußerten. (Die weiße Geffen-Band Guns N’ Roses sollte sich auf ihrem Track „One in a Million“ schon bald selbst homophober und rassistischer Ausdrücke bedienen.)
Schließlich klammerte sich Heller an seinen letzten ihm verbliebenen Strohhalm und ließ sich im August 1988 auf ein Meeting mit Bryan Turner und Mark Cerami von Priority Records ein. Obwohl sie über einen tollen Vertrieb verfügten, war Priority nicht gerade eine Top-Adresse. Ihr größtes Zugpferd waren die California Raisins, getrocknete Weintrauben aus Knetmasse, mit denen regionale Rosinen beworben wurden. Wenn sie Motown-Klassiker und andere nostalgische Hits sangen, lieh ihnen Buddy Miles, der einst mit Jimi Hendrix gearbeitet hatte, seine Stimme. Der Look der Truppe variierte dabei zwischen einer Soul-Gruppe, im Trend liegenden B-Boys und einer Ansammlung von Scheißhaufen.
Die Raisins sollten letztlich über drei Millionen Tonträger absetzen. Dabei war dieser Erfolg alles andere als ein Zufallsprodukt. Turner und Cerami hatten beide bei K-Tel Records gearbeitet, wo sie alte Hits in Genre-Compilations neu verpackten, die spätnachts im Fernsehen beworben wurden. Heller vertraute auf Prioritys Fähigkeit, Musik abseits des Radios zu vermarkten, wo N.W.A aufgrund ihrer Kraftausdrücke chancenlos waren. Und so trafen er und seine Crew sich schließlich in einem verrauchten Konferenzzimmer in Hollywood mit Vertretern von Priority Records. Eazy, dessen Pager in seinen Hosentaschen surrten, platzierte lässig seine Air Jordans auf dem Tisch, während Ren finster aus der Wäsche blickte. Irgendwann gesellte sich Dre dazu und legte ein Tape mit „Gangsta Gangsta“, dem aktuellsten und bis dahin wohl auch derbsten und fokussiertesten Track der Gruppe, ein. Drinkin’ straight out the eight bottle, rappt Ice Cube nach einem Polizeisirenen-Intro über einen Midtempo-Beat und ein funkiges Gitarrenriff, das man sich bei Steve Arrington geborgt hatte.
Do I look like a muthafuckin role model?
To a kid lookin’ up to me: Life ain’t nothin’ but bitches and money.
Der Kanadier Turner fand sich nicht sofort damit zurecht. „Ich konnte nicht glauben, dass die Dinge, über die sie da sprachen, tatsächlich passierten“, sagte er später. Doch nach einem Auftritt der Gruppe auf einer Rollschuhbahn in Reseda war auch er hundertprozentig überzeugt. Das Publikum sang „Fuck tha Police“ wie aus einer Kehle – dabei war diese kontroverse Street-Hymne gar nicht offiziell veröffentlicht worden: Stattdessen verteilten Straßenteams, die aus Kids bestanden, die N.W.A in der ganzen Stadt bewarben, kostenlose Kopien an potenzielle Fans. Priority stimmte zu, sowohl Eazy-Es Solo-Album als auch das Debütalbum von N.W.A unter der Schirmherrschaft von Ruthless Records zu finanzieren und zu vertreiben. „Es war das beste aus beiden Welten – die Schlagkraft eines Major-Labels mit effektivem Indie-Vertrieb“, schrieb Heller.
„Sie hatten Leute fürs Marketing, einen ganzen Stab. Sie brachten die Platten in die Läden. Fast wie eine Westcoast-Version von Def Jam“, sagt Violet Brown von Wherehouse Records. „Sobald Priority mit von der Partie war, ging die Post ab.“

Mit einer selbstsicheren Ansage eröffnete Dr. Dre 1988 das bahnbrechende N.W.A-Debütalbum Straight Outta Compton und versprach darauf die detaillierte Schilderung eines jugendlichen Lebens, das geprägt war von Überlebenskampf und institutionalisierten Erniedrigungen: You are now about to witness the strength of street knowledge.
Dre, Eazy, Cube, Ren, DJ Yella und Arabian Prince waren die ultimativen Antihelden, Rockstars, die Amerika auf die Ära nach Reagan einstimmten, in der die Unterscheidung zwischen Gut und Böse nicht mehr so eindeutig sein würde. Die Zeile ist echt dope – und auch prophetisch. Nichts sollte mehr so sein wie zuvor.
Die denkwürdigsten Songs des Albums bestechen mit jeder Menge aggressiver Texturen, marschierenden Drums, Sample-Fragmenten und Breakbeats, die sich direkt zum Roadium Swap Meet zurückverfolgen ließen. Der bombastische Sound auf Straight Outta Compton nimmt es problemlos mit der Rhetorik des Albums auf. In Armut heranwachsende Kids konnten hier zustimmend nicken, während privilegiertere Bürger vor Schrecken nach Luft rangen. MC Ren hat die Tracks 3 bis 13 als Füllmaterial bezeichnet. Ich widerspreche ihm. Doch es stimmt, dass die ersten beiden Songs, „Straight Outta Compton“ und „Fuck tha Police“, am meisten Power ausstrahlen. Die selbstbezogenen Protagonisten, bei denen die Grenze zwischen Rapper und Kunstfigur verschwimmt, sind schwer bewaffnete Raubeine, die die Korruption erkennen und sich zur Wehr setzen. Am meisten schockiert dabei aber, dass sie zugleich politische Soldaten und nihilistische, mörderische Kriminelle sind.
Amerika war dafür noch nicht bereit. Aber es hatte keine andere Wahl, als sich anzupassen. Die aggressive Rhetorik des Albums ist so unbarmherzig eloquent, dass sie bis heute nicht an Wirkung eingebüßt hat: Police think they have the authority to kill a minority, rappt Ice Cube bei „Fuck tha Police“, bevor er hinzufügt:
Fucking with me ’cause I’m a teenager
With a little bit of gold and a pager
Searching my car, looking for the product
Thinking every nigga is selling narcotics.
Die Zeit für vernünftige Debatten war vorüber. Aber Cubes Feinde waren nicht nur die Cops. Jeder, der ihm in die Quere kam, musste sich in Acht nehmen. So warnte er in „Straight Outta Compton“:
Crazy motherfucker named Ice Cube
From the gang called Niggaz With Attitudes
When I’m called off, I got a sawed-off
Squeeze the trigger and bodies are hauled off.
Was machte es da schon, dass sein Gönner Eazy-E tatsächlich mit Drogen dealte? War es nicht egal, dass Ice Cube nichts mit Gangs am Hut hatte und nicht der Irre war, der er vorgab zu sein? Der Zorn und der aufgestaute Frust, die er im Namen aller Leidensgenossen zum Ausdruck brachte, war echt.
Hochlieder auf Compton anzustimmen, war damals nicht sehr angesagt. Doch N.W.A pflegten damit eine etablierte Rap-Tradition: Sie standen in einer Reihe mit Boogie Down Productions, die der South Bronx ebenso Tribut zollten wie Run-DMC ihrer engeren Heimat, dem Stadtteil Hollis in Queens. „Wir wollten alle Compton und L.A. präsentieren“, sagte MC Ren. Cube war zwar nicht aus Compton, „aber es fühlte sich komisch an ‚South Central‘ zu brüllen, wenn alle anderen ‚Compton‘ schrien“, betont er. „Und außerdem sind Compton und South Central zwei Seiten ein und derselben Medaille.“
Den größten Einfluss auf Straight Outta Compton hatten wohl Public Enemy aus Long Island, New York, deren eigenes bahnbrechendes Album It Takes a Nation of Millions to Hold Us Back nicht einmal zwei Monate zuvor erschienen war und Rap-Fans wie auch hippe, politisch wache Rockfans mit seiner Message von schwarzer Einheit und seinen Aufrufen zur Revolte gegen die Strukturen der Macht in seinen Bann zog. Public Enemy brachten revolutionäres Gehabe in Mode und läuteten das goldene Hip-Hop-Zeitalter Ende der Achtziger- und Anfang der Neunzigerjahre ein, zu dessen Vertretern auch A Tribe Called Quest und De La Soul gehörten. Es war eine Zeit positiv gesinnter Afrozentrik und erbaulicher Reime, bevor Macho-Posen die Oberhand über das Genre gewannen. N.W.A waren ein Teil dieser Bewegung – gleichzeitig aber auch nicht. Straight Outta Compton, das mehr einer Anarchie-Erklärung als einer durchstrukturierten Abhandlung glich, hatte wenig mit Public Enemys überschäumender positiver Einstellung gemein. Ice Cube empfand ein starkes Verantwortungsgefühl, doch Dr. Dre bezeichnete die Vorstellung, die Gruppe wäre politisch, als „Nonsens“. „Die schwarzen Polizisten in Compton sind schlimmer als die weißen“, sagte Eazy-E. „Chuck D kümmert sich um all den Schwarzen-Kram. Wir nicht. Scheiß auf den ganzen Black-Power-Shit! Uns ist das scheißegal. ‚Free South Africa‘? Uns doch egal. Ich glaube nicht, dass irgendwer in Südafrika einen Button mit ‚Free Compton‘ oder ‚Free California‘ trägt.“„Straight Outta Compton“ war dreist und schwungvoll, aber auch destruktiv. „Es war der beste Song auf dem Album“, sagte DJ Yella. „Er kam gleich zur Sache. Ohne Schönfärberei. Dort kommen wir her. Und es war ein Song, der nicht viel Zeit in Anspruch nahm, um ihn zu machen. Ein paar Tage vielleicht.“ Es gab damals kaum Präzedenzfälle für solch unverschämte, anarchische, im Straßenjargon vorgetragene Polemik. Cubes schlüpft in eine wütende, arrogante Rolle und will jeden zur Strecke bringen, der ihm keine Achtung entgegenbringt. Eazy-E ist ebenso gefährlich, aber gerissener – er will den großen Coup landen. Die explosive Figur, der MC Ren seine Stimme verleiht, könnte jeder Zeit hochgehen. Gemeinsam bilden sie ein überaus potentes Trio. Umso bemerkenswerter ist, dass Cube und Ren, der Eazys Parts schrieb, gerade einmal 19 Jahre alt waren, als das Album veröffentlicht wurde. Die beiden, die an aufeinanderfolgenden Tagen im Juni 1969 zur Welt gekommen waren, erreichten als Performer bereits einen ersten Höhepunkt und pushten sich bei den Aufnahmesessions gegenseitig. Nach Mitternacht verbrachten sie den Rest der Nacht im Studio. Sogar wenn sie schon etwas abgeschlossen hatten, kam es vor, dass sie noch einmal eine Strophe veränderten, wenn der andere eine schärfere Performance hingelegt hatte.
Fuck tha Police
Der zweite Track des Albums, „Fuck tha Police“, wurde zu einem der bekanntesten Protestsongs in der Historie des Rap, wenn nicht sogar der Geschichte. „Fuck tha Police“, ein Protest gegen die Behandlung von Minderheiten durch die Polizei, diente seit den L.A. Riots 1992 bis zu den Demonstrationen in Ferguson, Missouri, die 2014 auf die Tötung des unbewaffneten 18-jährigen Michael Brown durch einen weißen Polizisten folgten, als Hymne von Protestbewegungen. Hunderte, wenn nicht tausende von Rappern, haben dem Song ihre Ehre erwiesen.
Ice Cube wird das Konzept des Songs zugeschrieben – und er wusste, wie provokativ die Message sein würde. „Wir hatten es satt, von der Polizei drangsaliert zu werden, bloß weil wir jung und schwarz waren. Daryl Gates hatte den Gangs den Krieg erklärt“, sagte Cube. „Und wenn man glaubt, dass jeder schwarze Jugendliche in einer Gang ist, dann heißt das, dass ein Krieg gegen alle schwarzen Kids geführt wird.“ Dre war anfangs nicht so begeistert. Ihm gefiel die Idee, aber er wollte seine persönliche Situation nicht noch verschärfen. Aufgrund seiner Verkehrsvergehen musste er 1988 an den Wochenenden einsitzen und wurde nur für die Werktage entlassen. „Er wollte nicht, dass der Song erscheint, während er noch ständig in den Knast einrücken musste“, erklärt Cube. „Aber als er das hinter sich gebracht hatte und ich die Idee noch mal aufbrachte, war er damit einverstanden.“
Laut Jerry Hellers Buch hingen die Mitglieder der Gruppe im Herbst 1987 vor Audio Achievements in Torrance ab, als aus dem Nichts die Polizei vorfuhr, die Musiker auf ihre Knie zwang und sie aufforderte, ihre Ausweise vorzuzeigen. Eine ähnliche Szene zeigt auch der Film Straight Outta Compton, woraufhin Cube einen Entwurf zu „Fuck tha Police“ schreibt. Alonzo Williams vermutet einen anderen Vorfall als Inspiration für den Song. Er erinnert sich an eine Spritztour von Eazy, Dre und anderen, bei der sie auf dem Harbor Freeway mit Paintball-Knarren auf andere Autos schossen. Als sie angehalten wurden, drückte man ihnen zunächst Pistolen an die Schläfen und legte ihnen Handschellen an, bevor die Cops sie wieder gehen ließen. „Sie kamen zu mir nachhause, zitterten wie Espenlaub an einem windigen Tag und waren den Tränen nahe“, schrieb Lonzo in seinen Memoiren. „Mann! ‚Fuck tha Police!‘“ Vielleicht meinte Eazy ja diesen Vorfall, als er sich gegenüber einem TV-Interviewer auf polizeiliche Schikanen bezog: „Ich wurde aus meinem Wagen gezerrt, mir wurde eine Waffe an den Schädel gehalten und ich wurde auf dem Freeway zu Boden gedrückt.“ Dre konkretisierte die Struktur des Songs und ahmte eine Aussage eines angeklagten Cops nach. In der Rolle des Richters verkündet Dre das Urteil: „Guilty of being a redneck, white bread, chickenshit motherfucker!“ D.O.C. verkörperte den verurteilten Polizisten mit besonders „weißer“ Stimme: „Fuck you, you black motherfucker!“
Reality-Rap
Die Mitglieder von N.W.A waren eigentlich eher schüchterne Zeitgenossen. Dr. Dre gibt selbst zu, an einer Sozialphobie zu leiden, und Eazy sagte während Meetings oft kein einziges Wort. Auch MC Ren war recht schweigsam. Arabian Prince war nicht allzu lange mit von der Partie. Und DJ Yella „konnte sich im Raum aufhalten, ohne das man ihn bemerkte“, schrieb Alonzo Williams. Cube war der einzige, den man nicht als introvertiert bezeichnen konnte. Aber zusammen war ihre Musik sogar noch aggressiver als die von Schoolly D oder Ice-T. „Die Mentalität dieser Typen hatte sich so stark verändert, dass ich sie gar nicht mehr richtig kannte“, ergänzte Lonzo. Überzeugt davon, dass ihr neuer Style die Aufmerksamkeit der Leute auf sich ziehen würde, blies die Gruppe mit Straight Outta Compton Gangsta-Rap zu einem ganzen Hip-Hop-Subgenre auf. Allerdings nannte es niemand Gangsta-Rap, vielmehr bevorzugten sie den Begriff „Reality-Rap“. „Wir erzählen die wahre Geschichte darüber, wie es ist, an Orten wie Compton zu leben. Wir vermitteln die Realität. Wir sind wie Reporter. Wir erzählen den Leuten die Wahrheit. Die Leute bei uns zu Hause hören so viele Lügen, dass sich die Wahrheit stark davon abhebt“, sagte Eazy. Das war nicht das retuschierte, optimistische schwarze Amerika, das die Bill Cosby Show oder DJ Jazzy Jeff & The Fresh Prince repräsentierten. „Was Jazzy Jeff und andere Rapper wie er aussagen, ist doch verlogen“, sagte MC Ren. „Sie berichten von Dingen, mit denen sich die weiße Welt und die weißen Kids identifizieren können. Wenn du ein schwarzer Jugendlicher von der Straße bist und jemand darüber rappt, dass dich deine Eltern nicht verstehen, dann kannst du nur lachen. Vielleicht hast du gar keine Eltern, oder sie sind auf Crack oder Prostituierte.“ Eazy behauptete weiterhin, dass es ihm nur ums Geld ging. Es war das Musikgeschäft, dem zuliebe Eazy mit dem Dealen aufgehört hatte – keine politischen Aspekte oder weil er so musikalisch begabt war wie Cube und Dre. Was Eazy an Rap-Talent fehlte, machte er mit seinem Weitblick und Marketing-Grips wett. Er bemerkte, dass im Radio nur saftlose Waschlappen gespielt wurden, und wollte diese Lücke schließen. Er machte keinen Hehl daraus, schockieren und einschüchtern zu wollen.
1993 äußerte sich Dr. Dre mehr als abfällig über Straight Outta Compton: „Ich kann das Album bis heute nicht ausstehen. Ich habe es in sechs Wochen zusammengekleistert, damit wir etwas hatten, um es aus dem Kofferraum heraus zu verkaufen.“ In einem aktuelleren Interview ergänzte er: „Damals dachte ich, dass die Refrains nur aus meinem Scratching bestehen sollten.“
Harsche Selbstkritik aus dem Mund eines Perfektionisten. Vielleicht hätte er besser sagen sollen: „Ich habe das Ding in einem obskuren Studio für weniger als 10.000 Dollar zusammengestellt und es wurde eines der besten Hip-Hop-Alben überhaupt.“ N.W.A schrieben und nahmen das Album tatsächlich in den abgelegenen Audio Achievement-Studios in Torrance auf. Dre und Yella übernahmen die Produktion, wobei ihnen Arabian Prince und der Studiobesitzer Donovan Smith assistierten. Sie orientierten sich an Public Enemys akustischem Flickwerk und deren Bombast. Das Debüt der Gruppe aus Long Island aus dem Jahr 1987, Yo! Bum Rush the Show, und dessen Nachfolger, It Takes a Nation of Millions, verließen sich auf die schwindelerregende, von abgehackten Samples geprägte Produktion der Bomb Squad, einem Public Enemy nahestehenden Produzenten-Team, das die Hip-Hop-Produktion in puncto Komplexität auf ein neues Level hievte. Allerdings setzte Dre auch auf Live-Instrumente wie Gitarren und Flöten, um Parts von anderen Platten nachzuahmen und es wie ein Sample klingen zu lassen. Auf diese Weise konnte er die jeweilige Lautstärke der Instrumente kontrollieren. „Bei einem Sample kannst du nicht die Bassgitarre oder die Gitarre hochfahren, ohne das gesamte Sample lauter zu drehen“, erklärte der Session-Gitarrist und Bassist Stan „The Guitar Man“ Jones. Dre gelang es mithilfe seines perfekten Gehörs, seiner Engelsgeduld und seines Einfühlungsvermögens unzählige Ideen miteinander zu verschmelzen. Eazy stellte zwar die Schecks für die Sessions aus, doch jeder wusste, dass Dre bei den Aufnahmen zum Album der Boss war. „Dre war so etwas wie das Über-Ohr“, sagte MC Ren. „Er gab dir Anweisungen, wie du etwas tun solltest, und sagte dann entweder ‚cool‘ oder ‚beschissen‘.“
Manche Tracks sind origineller als andere. Der Beat zu „Express Yourself“ ist nahezu identisch mit jenem des gleichnamigen Hits von Charles Wright & The Watts 103rd Rhythm Band von 1970, was Wright massiv verärgerte. (Priority Records stellte daraufhin Kontakt zwischen ihm und Ice Cube her. Cube „entschuldigte sich aufrichtig und ich erhielt meine Tantiemen“, sagte Wright.) Der Song war ein frühes wie rares Beispiel für einen schnellen Rap von Dr. Dre, der sich als geschickter Texter erweist, obwohl ihm die Anti-Drogen-Message später peinlich war: I don’t smoke weed or sess/ Cause it’s know to give a brother brain damage. Jones erzählte, dass er und Laylaw im Studio Weed rauchten und Dre einluden, sich ihnen anzuschließen. Er lachte sie jedoch aus und meinte nur, dass er „diesen Scheiß“ nicht nötig hätte.




