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Wir müssen langsam los, wenn wir rechtzeitig zu der Zeremonie kommen wollen,erinnerte Levitas ihn und riss Craibian damit aus seinen Gedanken.
War das heute?,fragte Craibian und schrak auf.
Ja, wir haben noch ’ne halbe Stunde. Craibian schaute auf seinen Kommunikator, den er um sein Handgelenk trug, und stellte überrascht fest, dass er wirklich schon seit zwei Stunden hier saß und grübelte. Die Sonne stand schon hoch am Himmel und bald war es schon wieder Mittag. Der Tag auf Atlantis dauerte aufgrund der schnellen Drehung des Planeten nur vierzehn Stunden, und davon war es zu dieser Jahreszeit nur sechs Stunden hell. Er packte rasch seine Sachen zusammen und machte sich auf den Weg in sein Quartier, das zum Glück nicht weit entfernt war, um sich umzuziehen. Heute war ein besonderer Tag für die jüngsten Mitglieder ihrer Gesellschaft und die einzigen Menschen, die unter ihnen lebten. Sie waren Kinder und zwischen sieben und zehn Jahren alt, die sie vor einem Angriff der Menschen auf die Unterwasserbasis der Atlantae in Sicherheit gebracht hatten. Eine Nuklearexplosion, die den Atlantae hatte gelten sollen, hatte damals kurzen Prozess mit den Inseln in der Nähe ihres Stützpunktes gemacht und alle Menschen, die dort gelebt hatten, getötet. Craibian und ein paar andere Atlantae, die Zufällig in der Nähe gewesen waren, hatten nur eine Handvoll Kinder retten können und diese dann auf ihre Odyssee mitgenommen. Es hatte einfach keine Möglichkeit mehr gegeben, die Kinder an die Menschen zurückzugeben und mittlerweile waren sie ein Teil ihrer Gemeinschaft. Heute sollten sie in einer feierlichen Zeremonie endlich ihre Interfaces bekommen und damit ebenfalls genetisch zu Atlantae umgewandelt werden. Craibian hatte dies eigentlich erst durchführen wollen, wenn die Kinder volljährig waren, doch sie hatten mehrfach darum gebeten, die Prozedur vorzuziehen und Craibian konnte es ihnen nicht verübeln. Sie waren die einzigen Menschen unter Hunderten von Atlantae und obwohl sie nicht anders behandelt wurden, waren sie doch anders. Es war für die Kinder schwer, ständig zu sehen, wie stark und mächtig alle waren, außer sie. Egal wie sehr sie sich anstrengten, alles, was sie taten, blieb hinter dem zurück, wozu ein Atlantae fähig war. Sie waren schwächer, langsamer und auch die Magie blieb ihnen verwehrt. Craibian hatte schließlich beschlossen, dass sie reif genug waren, um sich wirklich im Klaren zu sein, was eine Transformation bedeutete, und da es ansonsten keinen Grund gab, weiter zu warten, hatten sie einen Tag dafür festgelegt und die Implantation des Kerns in eine kleine Zeremonie verpackt. Als König von Atlantis musste er die Zeremonie eröffnen, bevor ihre Priesterin Leila übernahm. Seltsamerweise war er deswegen noch kein bisschen nervös. Vielleicht weil das atlantische Volk mehr wie seine Familie war als wirkliche Untertanen.
„Wir haben uns heute hier versammelt, um die Aufnahme von Lif, Coran, Quen, Duke, Relko, Zeri, Sarolf, Hathor und Jerri in die Gemeinschaft der Atlantae zu feiern“, rief Craibian laut. Er stand auf einem Steinpodium, das am Kopf des Tempels stand, in dem auch der erste Gottesdienst stattgefunden hatte, den Craibian vor zwei Monaten besucht hatte. Fast fünfhundert Atlantae waren heute hier versammelt und damit fast ihr gesamtes Volk. Die neun Menschenkinder saßen auf Stühlen zu seiner Rechten und sahen mit ernstem Blick zu ihm hinauf. Sie schienen alle ziemlich nervös zu sein. „Sie kamen nicht freiwillig zu uns, sondern durch ein furchtbares Unglück, an dem wir eine Mitschuld tragen und doch haben sie hier neue Freunde und ein Heim gefunden“, sprach Craibian weiter. „Nachdem sie so viel ertragen mussten und sich dennoch ihr Herz bewahrt hatten, ist das Mindeste, was wir tun können, ihnen dieselben Gaben zu geben, mit denen auch wir beschenkt wurden.“ Damit übergab er das Podium an Leila und stellte sich neben die neun Menschenkinder. Im vorbeigehen lächelte er ihnen aufmunternd zu.
Leila unterdessen erhob ihre Stimme in einem beschwörenden Tonfall: „Ich rufe zu euch, ihr Elemente. Ich bin Leila, eure ergebene Dienerin. Seht diese Kinder, die wie wir ohne euren Segen geboren wurden.“ Sie machte eine kleine Pause und Craibian musste sich zusammenreißen, um nicht die Augen zu verdrehen. Leila war ihm manchmal etwas zu theatralisch. Er glaubte kaum, dass die Magie sie wirklich hören konnte. Außerdem war die Transformation in einen Atlantae ein rein wissenschaftlicher Prozess. Das, was Leila gerade machte, war nur etwas, was mit einer Art Taufe zu vergleichen war. Der Segen der Elemente sollte darüber bestimmen, welche Magieströme die Kinder nutzen konnten, doch alle bisherigen Atlantae hatten auch ohne diesen Segen ihre Magie nutzen können. Leila holte tief Luft und setzte erneut an: „Ich beschwöre euch nun, gebt ihnen euren Segen, auf dass sie ganze, vollwertige Mitglieder unserer Glaubensgemeinschaft werden können! Infreet, leihe ihnen deine Kraft. Gaia, stärke ihren Willen. Undine, kühle ihr Blut. Sylph, befreie ihren Geist. Luna, verstecke sie vor Gefahren. Aska, gebe ihnen ein Licht in der Dunkelheit. Martel, erfülle sie mit Leben. Und Theis, schüre ihre Neugier.“ Neun Atlantae traten nun aus der Menge und stellten sich hinter die Kinder, eine Hand auf ihre Schultern gelegt. Die Kinder hatten sich diese Atlantae ausgesucht und sie sollten ihnen nun den Kern implantieren. „Nun frage ich euch meine Kinder, nehmt ihr das Geschenk der Elemente an und alle Verpflichtungen, die damit einhergehen?“, richtete Leila ihr Wort nun an die Kinder.
„Ja, das tun wir“, riefen sie im Chor.
„Dann empfangt den Segen der Magie und erwacht als Kinder von Atlantis.“ Bei den letzten Worten kam Craibian ein säuerlicher Geschmack hoch. Die Kinder von Atlantis. So hatten sie sich den Menschen gegenüber genannt. Es gefiel ihm überhaupt nicht, dass Leila diesen Namen nun für ihre Kirche erwählt hatte, wo er doch einst ihr ganzes Volk repräsentierte. Doch er konnte schwer etwas dagegen sagen. Staat und Religion agierten getrennt voneinander, und das war auch gut so. Er würde Leila genauso wenig vorschreiben, wie sie zu predigen hatte, wie sie ihm sagen würde, wie er zu regieren hatte. Die Atlantae hinter den Kindern drückten nun ein kleines Metallröhrchen an die Schultern der Kinder und implantierten damit den erbsengroßen Interfacekern. Von jetzt an würde es nur noch wenige Tage dauern, bis es genetisch gesehen keine Menschen mehr unter ihnen gab. Auf der einen Seite freute Craibian es, dass die Kinder nun vollkommen zu ihnen gehörten, auf der anderen Seite kam es ihm nun vor, als hätten sie damit etwas verloren. Die Menschen waren immerhin ihre Vergangenheit und mit diesem Schritt hatten sie erneut einige Bande an sie verloren. Alles in allem jedoch würde dieser Schritt mehr Probleme beseitigen als verursachen. „Lasst euer altes Leben nun hinter euch und tretet ein in euer neues“, schloss Leila. „Mögen euch die Elemente durchdringen und über euch wachen.“
Nach der Zeremonie folgte eine allgemeine Feier auf dem Tempelgelände. Als Craibian Ranora in der Menge fand, stellte er sich zu seiner alten Freundin und begann mit ihr zu reden, während die anderen Atlantae sich entweder selbst unterhielten oder zurück zu ihren Wohnungen gingen. „Fandest du die Zeremonie auch etwas übertrieben?“, fragte er sie direkt.
Ranora schüttelte den Kopf. „Nein, eigentlich nicht, wieso?“
„Ach, nur so“, wich Craibian aus und wechselte rasch das Thema. „Ich hab gehört, du bist mit Evan zusammengezogen.“ Evan war ein Atlantae, der mit Cyran zusammen an KIs, Drohnen und Droiden arbeitete und mit dem Ranora sich seit ein paar Monaten immer wieder traf.
„Jep.“ Ranora nickte und ein Grinsen breitete sich auf ihrem Gesicht aus.
„Geht das nicht etwas schnell?“, fragte Craibian skeptisch. „Ich meine, so lange kennst du ihn doch noch gar nicht.“
„Finde ich nicht“, widersprach Ranora. „Außerdem macht das die ganze Sache auch etwas aufregend.“
Craibian schüttelte nur den Kopf und musste nun auch lächeln. „Du scheinst ja richtig verliebt zu sein.“ Ranora lächelte nur und erwiderte gar nichts darauf. „Wie geht’s mit deiner Arbeit voran?“, fragte Craibian sie nach einer Weile.
„Ganz gut“, meinte Ranora, „jetzt, da die meisten Häuser stehen, kann ich mich wieder auf andere Sachen als Architektur konzentrieren. Ich hab schon über hundert verschiedene Arten gefunden und musste dafür noch nicht einmal die Stadt verlassen.“
„Klingt gut.“
„Hm“, murmelte Ranora. „Wie lief eigentlich dein Date mit Arieana?“
Craibian lief fast sofort rot an. „Es war kein Date, wir wollten uns nur treffen“, versuchte er klarzumachen und es stimmte ja auch. Er hatte nie explizit nach einem Date gefragt. Craibian wusste aber, dass er seiner besten Freundin nichts vormachen konnte.
„Sicher“, gab Ranora zurück und rollte mit den Augen. „Also, wie lief dein Treffen?“
„Hat nicht stattgefunden.“
„Schon wieder?“, stellte Ranora mit hochgezogenen Augenbrauen fest. „So viel kann doch keiner arbeiten.“
„Sie hat wirklich viel zu tun“, verteidigte Craibian sofort Arieana, auch wenn er selbst nicht sicher war, ob das gerechtfertigt war.
„Na ja. Willst du ein weiteres Treffen arrangieren?“, fragte Ranora ihn, ohne weiter darauf einzugehen.
„Weiß nicht“, wich Craibian der Frage aus. Natürlich wollte er weiter versuchen, sich mit Arieana zu treffen, aber vielleicht war es klüger darauf zu warten, dass sie einmal ein solches Treffen vorschlug. Geduld war zwar nicht gerade seine Stärke, aber die Sache war für ihn wichtig genug, dass er auch längeres Warten ertragen würde.
Ranora schien zu spüren, dass ihm das ganze Thema sichtlich unangenehm war und tat ihm den Gefallen, das Thema zu wechseln. „Ich weiß übrigens, welche Atlantin demnächst Mutter wird und ich kenne auch den Vater.“
Craibian sah interessiert auf. „Echt?“ Arieana war vor ihrer aller Ankunft auf Atlantis herausgerutscht, dass sie eine Patientin gehabt hatte, die plötzlich keine Magie mehr hatte wirken können und bei der sie dann bei ihren Untersuchungen eine Schwangerschaft festgestellt hatte.
„Ja, und es war doch ziemlich offensichtlich“, stellte Ranora fest.
„Und wer ist es?“
„Filki und Aiden.“
„Und sie hat mir noch nichts gesagt“, stellte Craibian gespielt gekränkt fest. Filki war ihre Quartiermeisterin auf der alten Basis, auf der Erde und später auf dem Mars gewesen und Aiden gehörte zu Talons Technikercrew. Craibian kannte beide relativ gut, hatte aber Filki seit zwei Monaten nicht mehr gesehen. „Wann ist es so weit?“, fragte er Ranora neugierig.
„Soweit ich weiß, in drei Monaten. Also Erdenmonaten“, stellte sie schnell klar.
„Das wären dann ...“, begann Craibian zu rechnen, „ in ungefähr hundertfünfzig Tagen, also fast einem Jahr.“
„Das ist so verwirrend mit den neuen Zeiten“, stellte Ranora kopfschüttelnd fest.
„Das stimmt“, seufzte Craibian, „aber es wäre noch verwirrender, wenn wir das alte Zeitsystem behalten würden, das ja auf die Erde ausgelegt ist.“
„Vielleicht gewöhnen wir uns ja irgendwann noch an das neue Zeitsystem“, meinte Ranora, klang dabei aber nicht sonderlich überzeugt. „Ich hab aber vorgestern erst zu Evan gesagt, er solle um fünfzehn Uhr zu mir kommen, als mir aufgefallen ist, dass das hier genauso sinnig ist wie 25 Uhr auf der Erde.“
Craibian musste lachen. Einige umstehende Atlantae schauten interessiert zu ihnen herüber. „Woher weißt du eigentlich, dass Filki diejenige ist, die Mutter wird?“, fragte er Ranora, nachdem er sich wieder beruhigt hatte.
Ranora sah ihn leicht verständnislos an. „Man, äh, man sieht es.“
„Ach so“, erwiderte Craibian und kam sich jetzt etwas dumm vor. Natürlich sieht man es,schalt er sich selbst. Ich Idiot. Ein Donnergrollen verhinderte, dass Ranora ihn aufgrund seiner dummen Frage aufziehen konnte und kündigt den täglichen Wolkenbruch an, der nach der Mittagszeit auf den ganzen Planeten herabfiel. Einzelne Tropfen begannen auf die Umstehenden zu fallen und schnell machten sich die meisten auf den Weg zu den Baumhäusern, um Schutz vor dem Unwetter zu suchen. Craibian erzeugte einfach eine magische Blase um sich und Ranora, von der der Regen einfach wie an Glas abperlte. „Wir sollten lieber auch gehen“, stellte Craibian trotzdem fest.
„Jep, ich hab sowieso noch eine Menge zu tun“, stimmte Ranora zu. „Und du kannst uns zwar vom Regen abschirmen, aber ich möchte hier nicht auf nassem Grund stehen, wenn ein Blitz in der Nähe einschlägt.“ Das stimmte. Dank der Kohlenstoffröhrchen, die durch ihre Nanotechnologie nun durch die Bäume verliefen, hatte jeder Baum quasi einen eigenen Blitzableiter, aber wenn der Strom durch die Röhrchen in dem Boden lief, konnte es für sie unangenehm werden. Da sie selbst einen Graphenpanzer unter ihrer Haut hatten, der den Strom ableiten konnte, waren Blitze für sie nicht lebensgefährlich, aber ein Stromschlag tat trotzdem höllisch weh. Einige von Talons Technikern hatten diese Erfahrung schon ein paarmal machen können. Der Himmel verdunkelte sich immer mehr und der zuvor noch leichte Regen schwoll rasant an.
„Man könnte fast meinen, die Welt geht unter“, stellte Craibian fasziniert fest.
Valentina genoss den warmen Regen, der durch das Blätterdach auf sie herabfiel. Sie war schon völlig durchnässt, aber das war ihr egal. Sie befand sich weit außerhalb der Stadt zusammen mit dem Pionierteam Alpha. Ihre Bewerbung war angenommen worden und nun erkundete sie zusammen mit fünf anderen Atlantae die Flora und Fauna ihres neuen Planeten. Valentina hatte sich so gefreut, als sie erfahren hatte, dass sie dabei war. Das Einzige, was sie an ihrem neuen Job nervte, war, dass ihr Bruder Hector ihre Teamkameraden angehalten hatte, auf sie aufzupassen. Hector wäre vermutlich selbst mitgekommen und ihr auf Schritt und Tritt gefolgt, wenn er nicht Käpten der Lazarus wäre und durch das Trainingsprogramm seines Generals andere Dinge zu tun hätte. Seitdem sie stark genug gewesen war, um das erste Mal nach ihrer Transformation ihr Bett verlassen zu können, war Hector ihr quasi auf Schritt und Tritt gefolgt. Er hatte sogar bewirken wollen, dass sie in der letzten Schlacht auf der Erde im Bunker bleiben konnte, obwohl ihr Volk damals jeden Kämpfer gebraucht hatte. Zu Valentinas Erleichterung war sein Vorgesetzter nicht darauf eingegangen und stattdessen war Hector ihr in der Schlacht keine Sekunde von der Seite gewichen, obwohl sie sehr gut auf sich selbst aufpassen konnte. Für ihn war sie anscheinend immer noch das hilflose Mädchen, das alleine nicht überleben konnte. Zum Glück ließ ihre Arbeit nicht zu, dass ständig eines der anderen Teammitglieder sie begleitete, aber sie fragten sie immer wieder über Kom wo sie war und wie es ihr ging. Valentina hoffte, dass das irgendwann einfach aufhören würde. Ich glaube, ich bin selbstständig genug, um keinen Babysitter zu brauchen,dachte sie, als wieder ein Kom-Ruf zu ihr geschickt wurde. Diesmal mit der Bitte, sich irgendwo unterzustellen, bis der Regen vorbei war. Ich bin ja nicht aus Zucker. Sie bückte sich und untersuchte ein Pflanze, die sie zuvor noch nie gesehen hatte. Eine prächtige violette Blume spross aus ihr hervor. Sie machte ein holografisches Bild von ihr und zupfte zwei Blätter von ihr ab, eines für die Untersuchungen und die Gendatenbank und eines für sie selbst. Sie sollten immerhin alles Neue hier erforschen und Valentina erforschte die Dinge nicht nur mit ihrem Scanner oder mit ihren Augen. Mit etwas Übung scannte sie das Blatt und als die Anzeige keine Giftstoffe anzeigte, kaute sie ein wenig darauf herum. Sofort spuckte sie die bitteren Blätter wieder aus.
Ich wünschte, du würdest das lassen,stellte Galizia seufzend fest. Das ist vielleicht einer der Gründe, warum dein Bruder weiterhin denkt, dass du auf Hilfe angewiesen bist.
Warum?,fragte Valentina im Unschuldston. Ich hab doch vorher überprüft, ob sie giftig ist.
Ja, aber niemand nimmt einfach irgendwelche Dinge in den Mund,versuchte die alte Atlantin ihr wieder einmal klarzumachen.
Aber wie soll man denn dann wissen, wie etwas schmeckt?,fragte Valentina stur. Es ist doch auch nicht falsch, etwas Neues anzusehen oder daran zu riechen.
Nein, aber, also ... Galizias Frustration war für Valentina deutlich zu spüren. Man macht es einfach nicht,wiederholte sie nur erneut, was sie ihr schon oft bei einigen Dingen gesagt hatte. Valentina hatte zwar in Rekordzeit Galizias Wissen über Biologie, Geologie, Physik und Astronomie erlernt, aber was gesellschaftliche Regeln anging, erwies sie sich als erstaunlich lernresistent. Ihr fehlte es oft an Empathie, Einfühlungsvermögen oder Respekt, doch bisher hatte sich noch niemand darüber beschwert. Auch wenn dieser Techniker Aiden sie etwas komisch angesehen hatte, als sie einfach in seine Wohnung gekommen war und ihn aufgefordert hatte, ihren Replikator zu reparieren, der bei einem ihrer Experimente wohl etwas überfordert gewesen war. Wenn sie mit anderen Atlantae zusammenarbeiten musste, kam es dadurch hier und da mal zu kleineren Problemen, doch bei ihrem neuen Job war sie die meiste Zeit allein und sie war gut in dem was sie tat. Niemand aus dem ganzen Pionierteam hatte in so kurzer Zeit so viele neue Tier- und Pflanzenarten entdeckt wie Valentina. Sie nahm alles Neue in ihrer Umgebung überdeutlich wahr und erkannte sogar kleinste Unterschiede von sehr nah verwandten Arten. So unterschieden sich fünf der Käfer, die sie heute eingefangen hatte, nur durch die Anzahl der Streifen auf ihrem Panzer. Außerdem war sie mit einem Elan bei der Arbeit, mit der sich wohl niemand messen konnte.
„Was haben wir denn da?“, murmelte Valentina und schritt schnell und leichtfüßig durch das nasse Moos zu der Stelle, wo sie etwas hatte glitzern sehen. Eine Art übergroßer Tausendfüßer schlängelte sich durch die Farne und sein durch das Wasser glänzender Panzer hatte ihn nun verraten. Er war in etwa so groß wie Valentinas Unterarm.
Der ist wohl etwas zu groß, um ihn im Ganzen mitzunehmen,stellte Galizia fest.
„Sorry, Kleiner“, flüsterte Valentina und tötete ihn mit einem schwachen Schuss aus ihrer kleinen Laserpistole. Sie nahm eine Probe und verstaute diese in einer kleinen Tüte, die sie mit AV 937 beschriftete. Team Alpha Valentina Probe Nr. 937. Danach besah sie sich den restlichen Tausendfüßer.
Nein, untersteh dich,warnte Galizia sie, doch Valentina ließ sich nicht von ihrem Vorhaben abbringen. Ein Stock, ein paar große Blätter als Regenschutz, ein kleiner Zauber und der Tausendfüßer brutzelte über einem magischen Feuer vor sich hin. Galizia war zwar eine Abenteurerin gewesen, aber was kulinarische Genüsse anging, war sie ganz und gar nicht entdeckerisch gestimmt. Als Valentina das erste Stück ihrer heutigen Mahlzeit probierte, weiteten sich sofort ihre Augen und sie rief laut in den Regen: „Wow, ist das gut!“ Ich muss mir davon unbedingt etwas für meinen Replikator zum einscannen mitnehmen,fuhr sie in Gedanken fort. So saftig und knusprig und ...
Ja gut, das ist wirklich lecker, zumindest wenn man nicht weiß, was es ist,musste auch Galizia zugeben.
Siehst du, und wenn ich es nicht probiert hätte, wüssten wir nie, was wir verpasst hätten,stichelte Valentina und schob sich ein weiteres Stück in den Mund und es knackte lautstark, als sie zubiss. Aber vielleicht sollte ich ihn schälen,dachte sie sich und musterte ihre Mahlzeit mit neugierigen Blicken.
Wie eine gigantische Krake zog das Metallkonstrukt seine Bahnen durch den Orbit um Atlantis. Die neue Werft war gerade fertiggestellt worden und würde in Kürze mit dem Bau des ersten Schiffs beginnen. Der ursprüngliche Entwurf der Hephaistos-Werft, aus der alle jetzigen Schiffe der atlantischen Flotte entsprangen, war von Talon und Aiden noch mal überarbeitet worden. Die neue Version war etwas größer und besaß, zusätzlich zu den acht großen Fertigungsarmen, kleine Hangars, in denen Drohnen, Shuttles und sogar Raumschiffe der Hermes-Klasse gefertigt werden konnten. Die Fertigungsarme wurden nur noch für Schiffe der Korvettenklasse oder noch größere Klassen benötigt. Gleichzeitig waren die Arme nun von außen mit Solarpaneelen verkleidet und der Reaktor im Inneren damit eingespart worden. Für die ersten Aufträge bezog die Werft ihre Rohstoffe noch von Versorgungsshuttles, die ihre Fracht aus den Minen auf Atlantis bezogen. Doch sobald ihre Erkundungstrupps geeignete Asteroiden im äußeren Gürtel gefunden hatten, würden die Ressourcen von dort kommen. Passende Minenschiffe von der Größe einer Fregatte waren bereits in Planung, ebenso wie Frachtschiffe, die mit jedem Flug Hunderttausende Tonnen an Rohstoffen transportieren konnten. Talon stand auf dem Beobachtungsdeck der Phönix und sah auf die Werft herab. Er hatte große Pläne und wenn Craibian ihm die Erlaubnis zu deren Durchführung gab, würde er diese gewaltigen Mengen an Ressourcen auch brauchen. Allerdings ging er fest davon aus, dass sowohl die geförderten Rohstoffe als auch die Kapazität der Werft von Nigel mit beansprucht werden würden. Wenn er ein Mensch gewesen wäre, hätte er vermutlich gesagt, sein Vorhaben wäre eine Lebensaufgabe. Als Atlantae hatte er aber alle Zeit der Welt, also wozu die Eile?
Erst die Werft, dann der Raumhafen, dann der Rest,dachte er sich. Vielleicht konnte er Nigel mit in sein Team holen, wenn der von ihm geplante Planetenring auch einen militärischen Zweck verfolgen würde. Vielleicht kann ich einige Verteidigungswaffen in meine Pläne mit aufnehmen,überlegte er vor sich hin. Mit einem Knopfdruck aktivierte sich das Hologramm in der Mitte des Beobachtungsdecks und rief seinen Plan des Planetenrings auf. Der Ring bestand aus 50.000 einzelnen Segmenten mit einer Länge von etwas unter einem Kilometer und sollte sich in über dreihundert Kilometern Höhe einmal um den Äquator von Atlantis ziehen. Die Segmente unterschieden sich einzig in Dicke und Funktion. Bisher hatte Talon Segmente in Handelshafen, Werft, Forschungsstation und Orbitalstadtsegment unterteilt, doch aufgrund der geringen Anzahl der Atlantae konnte er von Letzterem wohl einige Module ersetzen.
Nigel würde vermutlich wollen, dass die Verteidigungssegmente in regelmäßigen Abständen kommen, damit der Planet von allen Seiten aus verteidigt werden kann,überlegte Talon. Dann ist der Planet zwar nur um den Äquator herum geschützt, aber immerhin etwas.
Ich hätte da noch eine Idee, aber das wird nicht einfach,meldete sich Leif zu Wort, der seit fast vier Jahren in Talons Kopf wohnte. Wenn wir es schaffen, die Reichweite des Energieschilds weiter zu verbessern und einige Tests durchführen, könnten wir den Planetenring mit einem Planetenschild ausstatten. Wir könnten den ganzen Planeten vor Asteroiden, Beschuss, Strahlung und Sonnenwinden abschirmen.
Wenn ich das Craibian vorschlage und ihm die notwendigen Mittel dafür nenne, wird er mich lynchen,stellte Talon trocken fest.
Nicht wenn Nigel dir Rückendeckung gibt,widersprach ihm Lief. Er steht zwar mehr auf Raumschiffe, aber ein Planetenschild würde uns im Verteidigungsfall so viele Vorteile verschaffen, dass er es unmöglich einfach abschlagen kann.
Dann müssen wir aber Berechnungen dazu anstellen und Versuche durchführen, bevor wir zu einem der beiden damit gehen,meinte Talon nachdenklich. Sonst schlagen die es trotzdem ab.
Ich bin sicher, wir schaffen das, bevor die Bauarbeiten an diesem Punkt angekommen sind, aber wir sollten vielleicht einige Sektionen für Schildgeneratoren und Energiespeicher einplanen,erwiderte Leif, und wenn wir den Planetenring mit Solarfolien autark bekommen, steigert das bestimmt die Chance, dass Craibian das ganze Projekt genehmigt.
Das erhöht zwar den Materialbedarf, senkt aber die Unterhaltskosten,überlegte Talon. Seitdem Craibian Geld und Bezahlung für die Atlantae eingeführt hatte, musste Talon sich auch mit solchen Fragen beschäftigen. Zuvor waren seine Projekte nur von den vorhandenen Ressourcen und der verfügbaren Arbeitskraft eingegrenzt worden, aber jetzt hatte er einen monatlichen Betrag, den er ausgeben durfte und musste irgendwie damit haushalten. Er konnte nicht einmal sicher sein, dass sein Etat in den nächsten Jahren oder Jahrzehnten gleich bleiben würde. Zum Glück waren die Minenschiffe, die sie gebaut hatten, staatlich und die damit geförderten Rohstoffe dadurch für ihn quasi kostenlos. Er musste nur seine Technikercrew bezahlen und eventuelle Hilfskräfte, die vielleicht anfallen würden. Wie er gehört hatte, hatten auch Ranora und Arieana Probleme mit dieser Umstellung gehabt. Besonders Arieana, die im Moment Grundlagenforschung in der Magie und Magietechnologie betrieb, hatte manchmal nicht genug Mittel, um alles so zu machen, wie sie sich es vorgestellt hatte. Nur Cyran, der einer der wenigen Atlantae war, die wirklich gute Arbeit in der KI-Programmierung und Droidenkonstruktion leistete, hatte diesbezüglich keine Probleme. Jeder Atlantae brauchte ihn, egal ob es um Droiden oder Intelligente Systeme ging und er verdiente sein Geld damit. Am Ende hat der Kerl noch mehr Geld als der ganze Staat,dachte sich Talon und musste einräumen, dass er doch etwas neidisch auf seinen Freund war. Vielleicht können wir irgendwann auch private Raumschiffe verkaufen und uns damit finanzieren,überlegte Talon weiter.




