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»Lass uns jetzt aufs Zimmer gehen und unsere Koffer packen«, meint Anna.
»Geh du schon vor, ich muss mich noch von den Pferden verabschieden«, entgegnet Eila. Sie trennen sich. Anna kehrt zum Mädchenhaus zurück, während Eila zur Pferdekoppel geht.
Eila ruft mit heller Stimme die Pferde mit ihren Namen. Bereits nach dem zweiten Namen kommen alle schnaubend, mit wehenden Mähnen, zu ihr ans Gatter galoppiert. Sie krault sie nacheinander zwischen den Ohren und tätschelt ihre Hälse. Das Mädchen lehnt seinen Kopf an die der Pferde und pustet ihnen langsam in ihre Nüstern.
»Ich bin für einige Wochen bei Großvater, aber ich komme wieder. Vergesst mich nicht und seid brav!« Einige der Pferde wiehern leise, sie bewegen nickend den Kopf auf und nieder, so als ob sie verstanden hätten. Eila verlässt die Pferde, blickt sich auf dem Weg zum Mädchenhaus aber noch einmal kurz um. Die Pferde stehen noch am Gatter und schauen ihr nach.
Anna ist mit dem Packen fertig, auch Eila benötigt nicht lange dafür. Anschließend lesen sie noch etwas und legen sich dann schlafen. Am nächsten Vormittag werden alle Schüler durch die Schulleiterin in die Ferien entlassen. Einige Schüler verabschieden sich etwas traurig von ihren Lehrern, besonders die jüngeren unter ihnen. Viele Schüler werden bereits von ihren Eltern mit Kutschen abgeholt. Der Vorplatz bietet kaum genügend Platz für alle.
In der Mitte des Kiesplatzes ist ein großes Blumenrondell angeordnet, das durch eine niedrige Buchsbaumhecke eingefasst ist. Das Beet ist in zwölf Kreissegmente geteilt. Felder mit dunkelroten und weißen Rosen wechseln sich ab, jeweils durch eines der insgesamt sechs, sehr schmalen Lavendelfelder getrennt. Die Felder mit den roten und weißen Rosen stehen sich jeweils gegenüber. Das Blumenbeet stellt das Wappen der Schule nach, das oben in der Front über dem Eingang angebracht ist. Heute ist das Gegenstück des Wappens nicht zu sehen, da die Kutschen es dicht an dicht umschließen.
Die von weiter entfernt kommenden Schüler, die nicht abgeholt werden, nutzen bereit stehende Fuhrwerke. Sie werden damit in Begleitung einer Lehrkraft zum Bahnhof der nahen Stadt gebracht. Natürlich nutzen Eila und Anna nebeneinander liegende Plätze in einem dieser Transportmittel. Im Bahnhofwartesaal sitzen sie noch eine halbe Stunde zusammen, dann muss Eila in den Zug Richtung Norden. Annas Zug Richtung Süden kommt erst in einigen Minuten.
»Viel Spaß in den Ferien, und pass auf den schmalen Bergpfaden auf, wohin du trittst!«, lächelt Eila, trotz ihres mahnend erhobenen Zeigefingers.
»Und du pass auf, dass du dich nicht in irgendein Fabelwesen verzauberst!«, entgegnet zwinkernd Anna.
Beide umarmen sich, dann eilt Eila zum bereits eingefahrenen Zug und steigt ein. Als sie ein freies Abteil gefunden hat, öffnet sie das Fenster und winkt zu Anna zurück, während der Zug bereits losdampft.
Im Weidenweg
Eila weilt bereits seit einigen Tagen bei ihrem Großvater, in einem kleinen Dorf im Norden des Landes. Sie hat die Hektik, Zwänge und Vorschriften des Lebens im Internat schon fast vergessen. Das Gedränge in der nahen Stadt, die sie etwa einmal im Monat zusammen mit Mitschülern der Oberstufe besuchen darf, ist ebenso schon fast vergessen.
Wie meistens sind ihre Eltern auch in diesen Ferien auf einer Forschungsreise. Sie reden nicht oft über ihre Arbeit. Aber das, was Eila darüber weiß, findet sie sehr spannend. Sie würde ihre Eltern sehr gern begleiten, doch das ist zu gefährlich, sagt ihr Vater John jedes Mal. Seine Stirn umwölkt sich dabei, und er blickt sie etwas traurig an. Vermutlich denkt er dann an den Tod seiner Eltern, auf deren letzter Forschungsreise.
Also verbringt Eila die Ferienzeit wieder einmal bei ihrem Großvater auf dem Land. Es ist nicht so, dass es ihr hier nicht gefällt. Sie ist hier groß geworden und genießt die Ruhe der sie umgebenden Natur. Sie riecht die duftenden Gräser und hört das Gesumme der Insekten. Sie saugt täglich die Bilder der leicht gewellten Hänge, der hügeligen Berge und Täler, in sich auf. Die Flächen sind mit Gras oder auch mit Heide bewachsen. Die Heidebüschel sind vereinzelt schon leicht violett überhaucht. Es dauert sicher nur noch kurze Zeit, bis alle voll erblüht sind.
Auf von Steinmauern eingefassten Weideflächen sind zottelige Schafe zu sehen, die, oft in großen Gruppen langsam weidend wandern. Manchmal ist das Geblöke von allen Seiten zu hören, trotz Eilas Entfernung zu ihnen. An vielen Stellen ist der Pflanzenbewuchs aber eher karg, so dass oft Gestein oder Geröll zum Vorschein kommt. Bäume sind dort meist nur vereinzelt zu sehen. In den saftig grünen Wiesen, in der Nähe vom Flusslauf im Tal, stehen sie auch schon mal in größeren Gruppen. Eila liebt diese Gegend, die trotz des teilweise rauen Eindrucks viel Ruhe und Frieden ausstrahlt.
Das kleine Haus des Großvaters, mit den weiß gerahmten Fenstern und einer ebenfalls weißen Eingangstür, steht etwas abseits zum Dorf, an einer, sich durch sanfte Hügel windenden Straße. Es ist von einem nicht mehr ganz weißen Holzzaun umgeben, der an vielen Stellen einen grünen Überzug aus Flechten oder Moosen aufweist.
Die altmodischen, roten Dachschindeln sind von Flechten und Moos überzogen. Durch eine mittlerweile wackelige Pforte im Zaun führt ein, mit roten Ziegeln eingefasster, gerader Kiesweg, durch die Beete des Vorgartens zum Eingang des Hauses. Dieser Vorgarten, zwischen Zaun und Haus, hat früher einmal sehr schön ausgesehen, jetzt haben sich die Stauden und Blumen aber ungehindert im Beet ausgebreitet.
Seit Eilas Großmutter vor zwei Jahren plötzlich gestorben ist, wird der Vorgarten etwas vernachlässigt. Der Großvater verlässt das Haus nur ungern, viel lieber liest er stundenlang in einem seiner vielen Bücher. Großmutter und Großvater haben sich sehr geliebt, so dass das Alleinsein für Brian nicht einfach ist. Eila ist sich sicher, dass er sich genauso auf die gemeinsame Zeit mit ihr freut, wie sie auch. Sie hat ihren Großvater sehr gern.
Innen ist das Haus heimelig eingerichtet. Vom Eingang gelangt man in einen kleinen Flur, von dem es nach rechts in eine kleine Küche mit niedriger Decke geht. Der Fußboden besteht dort aus Sandsteinplatten. Ausgestattet ist die Küche mit einem alten Herd, einem Sideboard mit dem Tagesgeschirr, einem schon wackeligen Küchenschrank für Töpfe und die Vorräte, einer Spüle und einem kleinen Ess- und Arbeitstisch mit vier Stühlen. Die Spüle befindet sich unterhalb eines zweiflügeligen Fensters mit Oberlicht, von dem aus der Vorgarten und der Weg zum Eingang einsehbar sind.
Von der Eingangstür liegt linker Hand vom Flur das Wohnzimmer. Es ist ein sehr großer Raum mit vielen Teppichen auf dem Sandsteinboden. An den Wänden stehen, bis zur Decke reichende, mächtige Bücherregale mit unzähligen Bänden. Trotzdem stapeln sich unzählige Bücher in allen Ecken auf dem Boden, für die in den Schränken und Regalen kein Platz mehr ist. Mittig im Zimmer steht ein großer, dunkelbrauner Tisch mit ovaler Platte, um den vier Stühle angeordnet sind. Zwei Ohrensessel und ein Sofa laden zum Verweilen ein. Ein offener Kamin gibt dem Zimmer, zusammen mit den Regalen und den vielen Büchern, eine besonders gemütliche Atmosphäre.
Gegenüber der Tür befindet sich ein großer Schreibtisch mit einem festen Aufsatz. Dieser besteht aus jeweils drei übereinander angeordneten Schubkästen an der linken und rechten Seite und einem offenem Fach dazwischen, mit einem Ablagebrett auf halber Höhe. Diese Schubfächer sind nie abgeschlossen und scheinen auch nichts von besonderem Wert zu enthalten. Auf dem Aufsatz stehen Bilder von Großvater zusammen mit Großmutter, je ein einzelnes von Großmutter und Eila, und eins von ihren Eltern vom letzten Treffen in den Winterferien, vor einem großen, geschmückten Baum. Links von der Tür befindet sich wiederum ein zweiflügeliges Fensters mit Oberlicht und Blick in den Vorgarten.
In diesem Zimmer liest Brian oft in einem der Bücher oder schaut sich Fotografien in Alben an. Eila kann sich ebenso wie er völlig in ein Buch versenken. Sie liest gerne, so dass sie sich mit den vielen Büchern in Großvaters Wohnzimmer wie im Paradies fühlt. Gerade wenn das Kaminfeuer lustig prasselnd wohlige Wärme abstrahlt und die Flammen Schatten und Muster über die Bücherschränke und in die Ecken wandern lässt, wirkt das Wohnzimmer zauberhaft und friedlich. Ein heißer, dampfender Kakao oder auch ein Kräutertee passen dabei vorzüglich zu den Butterplätzchen von Frau Dixon.
Die Großeltern hatten vor fünf Jahren Frau Dixon in ihre Dienste genommen. Mairead konnte Haushalt und Garten wegen ihres Alters nicht mehr bewältigen und hatte sich damals für die Pflege des von ihr angelegten Gartens entschieden. Frau Dixon übernahm die Tätigkeiten im Haushalt. Seit Großmutters Tod kommt sie weiterhin zwei bis drei mal in der Woche und unterstützt den Großvater.
Ein dringender Auftrag
Mitten in Nordland stürmt ein junger Mann in das Studierzimmer von Roarke.
Roarke ist ein älterer Mann in unbestimmbarem Alter. Er hält sich gerade und überragt die meisten seiner Landsleute. Um seine langen, etwas gewellten, dünnen Haare trägt er ein dunkelgrünes Stirnband, damit sie nicht ständig vor seine Augen fallen. Sie sind weiß mit einem leichten, silbernen Schimmer. Die Augenbrauen sind etwas buschig und ebenso wie sein langer Bart von gleicher Farbe wie sein Haar. Sein wettergegerbtes Gesicht ist oval und etwas gebräunt. Wenn die blau-grauen, mit grünen Sternchen gesprenkelten Augen auf sein Gegenüber blicken, scheinen sie bis tief in dessen Seele schauen zu können. Roarke trägt ein langes, weißes Gewand, um die Taille mit einem grünen Gürtel gerafft. Die Hände sind feingliedrig und haben lange Finger. In der linken Handfläche ist ein Sonnensymbol zu sehen. Seine Fußbekleidung ist unter dem Gewand nicht zu sehen, es sind jedoch weiche, warm gefütterte Lederschuhe.
»Maireads Armreif wurde in ihrem Haus aktiviert«, sprudelt es aufgeregt aus dem jungen Mann heraus. Er hat weder an die Tür geklopft, noch eine Anrede abgewartet. Roarke saß bis zu diesem Moment lesend und immer wieder nachdenkend in einem bequemen Lehnstuhl. Er hat dabei eine Pfeife geraucht und kleine Rauchringe in die Luft gepafft. Damit muss er bereits längere Zeit verbracht haben, da in dem Zimmer eine dichte Wolke schwebt.
Erschrocken blickt er auf und überlegt laut: »Mairead ist seit etwa zwei Jahren tot. Wer hat dann dort ihren Armreif aktiviert? Wer ist dieser Zauberer? Ist ein Mitglied ihrer Familie ein auserwählter Zauberer, der jetzt den Reif nutzt? Falls ja, ist dieser wahrscheinlich unerfahren, obwohl er sehr viel magisches Potenzial haben muss, sonst wäre er nicht auserwählt. —
Die Aktivierung dieses Armreifs ist vielleicht auch von den dunklen Zauberern bemerkt worden. Ihre Macht wird bereits seit Längerem wieder größer. Konnte der Aktivierungsimpuls auch von ihnen lokalisiert worden sein? Ich befürchte, dass das so ist. Damit ließe sich das Verschwinden von mittlerweile drei oder sogar vier der Armreife erklären. Ich weiß, dass zwei bisherige Besitzer getötet wurden, Riley und Robert, aber deren Armreife konnten nicht sichergestellt werden. Außerdem wird Knuth, ein junger Träger eines der Armreife, seit mehreren Wochen vermisst. Falls ich Recht habe, und die Dubharan tatsächlich die Aktivierung eines Armreifs orten können, bedeutet das eine Bedrohung für uns! Ich muss sichergehen und das prüfen lassen!«
Im Bruchteil einer Sekunde weiß er, wer dafür geeignet ist. Er befiehlt dem jungen Mann: »Hole schnellstens Finley zu mir!«
Der Bote stürzt zur Tür, reißt sie wieder auf und will aus dem Zimmer stürmen. Dabei stolpert er fast über einen anderen jungen Mann, der gerade an die Tür klopfen will. Beide straucheln heftig.
Der zweite Jüngling mag etwa 20 Jahre alt sein und hat ein schmales Gesicht. Seine blonden Haare sind mit einem grünen Band zu einem kurzen Pferdeschwanz im Nacken gebunden. Er hat eine schlanke Gestalt, die durchtrainiert und etwas muskulös ist. Bekleidet ist er mit einem eng anliegenden, weißen Obergewand und einer grauen, grün abgesetzten Hose. Die Hose wird von einem dunkelgrünen Gürtel gehalten. Der Gürtel ist nur zu sehen, da das Obergewand durch den Zusammenprall etwas hochgerutscht ist. Dieser junge Mann blickt mit seinen graublauen, hellen Augen ernst zu dem anderen und öffnet den Mund.
Bevor er etwas fragen kann spricht ihn Roarke an.
»Es ist gut, dass du hier bist, Finley. Ich wollte dich gerade holen lassen. Eigentlich ist es nichts Ungewöhnliches, wenn einer der sieben Armreife aktiviert wird. Obwohl es in letzter Zeit des öfteren an ungewöhnlichen Orten geschah …«, er stockt kurz, um dann fortzufahren: »Ich habe gerade von der Aktivierung eines Armreifs an dem Wohnsitz eines Zauberers erfahren, der aber vor zwei Jahren gestorben ist. Du musst überprüfen, was das zu bedeuten hat. Stelle unbedingt sicher, dass der Armreif nicht durch einen der dunklen Magier genutzt oder erbeutet wurde. Der Aktivierungsimpuls kam aus Maireads Haus. Sei vorsichtig, vielleicht ist ein Angriff der Dubharan abzuwehren!«
Finley schaut Roarke an.
»Ich weiß, wo Maireads Haus steht, und werde das sicher mit Leichtigkeit schaffen, sei unbesorgt! Falls ich nicht gleich gegen mehrere Zauberer antreten muss, bin ich in wenigen Augenblicken wieder zurück! Falls doch, dauert das vielleicht etwas länger.«
Er hält seine linke Hand an eine Stelle seines Obergewandes vor der Brust. Unter dem Gewand trägt er, für andere unsichtbar, eine Kette mit einem goldenen Medaillon, auf dem kurz seine Hand ruht.
»Du musst vorsichtig sein!«, will Roarke noch sagen, während Finley: »Portaro«, spricht und schon verschwunden ist.
Plötzliche Bedrohung
Eila hat gerade im Wohnzimmer etwas aufgeräumt. Sie ist in dem hinteren Teil des Erdgeschosses, über eine etwas wackelige Stiege, in den Vorratskeller hinuntergegangen.
Eila steht jetzt in dem etwas spärlich erleuchteten Kellerraum. Sie will als Mittagessen Kartoffelsuppe mit Stücken von durchwachsenem Speck kochen, Großvaters Lieblingsessen. Da dafür zu wenig Kartoffeln im Korb in der Küche sind, muss sie noch einige aus dem Keller herauf holen.
Abrupt steht Eila still. Da ist ein unbekanntes Geräusch. Das hört sich nicht nach Großvater an. Der saß gerade noch im Wohnzimmer und war in ein Buch vertieft. Und Frau Dixon kommt doch heute am Mittwoch nicht.
Knarrte gerade die Stiege? Kommt jemand in den Keller? Sie spürt ein Kribbeln im Nacken.
Da vernimmt sie ein leises Zischen: »Wo ist es, wo versteckt es sich?«
Eila fühlt, wie sich ihre Härchen im Nacken aufrichten. Kann es hier im Weidenweg eine Gefahr geben? Das ist in dem gemütlichen Haus, in dem kleinen Dorf, doch nicht vorstellbar.
Jetzt sind eindeutig tastende Schritte auf der Stiege hörbar. Ein Brett knarrt. Die Luft wird kälter. Etwas Bedrohliches ist auf dem Weg in den Keller.
Eilas Gedanken rasen, ihr Herzschlag beschleunigt sich. Trotz aufkommender Panik sucht sie nach einem Ausweg, nach Hilfe. Instinktiv spürt sie, dass sie sich nicht bemerkbar machen darf. Also kann sie den Großvater nicht zur Hilfe rufen. Fluchtmöglichkeiten gibt es nicht, da nur die Stiege aus dem Keller führt. Wie kann sie entkommen, sich vor der drohenden Gefahr schützen?
Ihre Gedanken überschlagen sich. In Büchern und Erzählungen gibt es doch immer einen Ausweg!
Das Zischen kommt näher: »Wo ist es, wo versteckt es sich?«
Plötzlich ist ein Gedanke in ihrem Kopf, eine vage Erinnerung. Eilas Eltern hatten vor einigen Jahren mit den Großeltern über ein Buch gebeugt am Kaminfeuer gesessen. Sie sprachen, wie so oft, über abenteuerliche Geschichten, voller Gefahren und Magie. Aber waren es erlebte oder nur ausgedachte Geschichten? Sie war damals noch zu klein, um den Unterschied zu wissen.
Ihr rechter Fuß steht nur noch mit den Zehenspitzen auf dem Boden, ihre Ferse dreht sich dabei immer wieder nach Rechts und Links. Ein Wort oder Begriff, ein ganzer Satz tauchen aus Eilas Erinnerung auf. Die Kellerbeleuchtung beginnt zu flackern. Eilas Atem gefriert in der Kellerluft und ist als weißer Hauch zu sehen. Das Zischen scheint immer näher zu kommen. Ein eisiger Schauer läuft über ihren Rücken.
Da sie keinen anderen Ausweg weiß, hofft sie auf Hilfe durch das vermeintlich Unmögliche. Voller Angst flüstert sie die Worte dieser Erinnerung: »Incantamentum cuddio diogelu«. Ihr Haar beginnt zu knistern und leuchtet kurz mit einem rotgoldenen Schimmer an den Spitzen.
Sie kann plötzlich die Art des Bodens unter ihren Füssen fühlen, obwohl sie nicht barfuß ist, sondern Schuhe trägt. Er ist lehmig, mit feinen Quarzkristallen durchsetzt, festgestampft und trocken. Sie versinkt im Boden. Panik steigt in ihr auf. Sie verspürt aber keinen Druck der Erde auf ihren Körper und kann ungehindert atmen. Obwohl sie im Boden zu sein scheint, kann sie hören und sehen, was im Keller geschieht.
Sie hört weiter das Zischen, sieht wie eine dunkle Gestalt sich suchend durch den Keller hin und her bewegt, während ihr Herz immer stärker hämmert.
»Wer oder was ist das? Was hat es vor? Was kann ich tun?«
Das Wesen scheint sie nicht wahrnehmen zu können, hat der Spruch das bewirkt?
Da taucht plötzlich, wie aus dem Nichts, ein Glitzern auf, das sich zu einer weißen Gestalt verdichtet. Kurz darauf leuchtet ein Blitz in dem kleinen Keller auf. Er blendet fürchterlich, so dass Eila einige Zeit nichts sehen kann. Dafür hört sie aber Geräusche eines Kampfes. Die beiden Wesen poltern durch den Keller. Die Regale stürzen um, die Vorräte fliegen durch den Raum. Sie wird erstaunlicherweise weder verletzt noch bemerkt.
Nach einigen Minuten kann sie wieder etwas sehen und, obwohl einige Vorratsdosen direkt durch ihren Blick auf sie zu fliegen, fühlt sie sich nicht davon getroffen. Sie erkennt eine glänzend weiße Gestalt im Kampf mit der schwarzen. Der weiße Kämpfer ist ein junger Mann. Er hat ein schmales Gesicht und blonde Haare, die mit einem Band zu einem kurzen Pferdeschwanz im Nacken gebunden sind. Der schwarze scheint einem Menschen ähnlich, der aber zwei gebogene, kurze Hörner auf seinem Kopf hat. Es könnte sich aber auch um eine Art Kopfschmuck handeln, einen Helm mit daran befestigten Hörnern. Genaueres kann Eila nicht erkennen, da die beiden einander umklammern und ringend durch den Raum wirbeln.
Kurz darauf hört sie etwas, das wie »Dealanach« klingt. Ein erneuter Blitz erhellt den Keller, von dem der dunkle Kämpfer getroffen wird. Anschließend hört sie aus der Richtung noch »Portaro«.
Jetzt ist alles ruhig im Keller. Auch das Kribbeln in ihrem Nacken ist verschwunden.
»Sind die beiden fort? Ist sie die Gefahr vorbei? War sie wirklich bedroht?«
Nach einiger Zeit kann Eila in der Kellerbeleuchtung durcheinander geworfene Vorräte und zerstörte Regale erkennen. Das Zischen, die dunkle Gestalt und der weiße Kämpfer sind verschwunden. Nur eine dunkle, etwas rauchende Stelle ist noch zu sehen, dort hatte der schwarze Kämpfer zuletzt gestanden.
Sie will so schnell wie möglich aus dem Keller, sehnt sich nach der Beruhigung durch ihren Großvater. Eila möchte dringend eine Erklärung für das gerade erlebte bekommen, aber sie kann nicht aus dem Boden »auftauchen«.
Panik steigt wieder in ihr auf: »Wer war das, was ist hier passiert, warum kann ich nicht gehen?«
Sie zwingt sich zur Ruhe: »Denk’ nach. Es muss eine logische Erklärung geben.
Was ist alles geschehen, was hast du gesagt und was hast du gehört?«
In ihrer Angst hatte sie die Worte ausgesprochen, die in ihrer Erinnerung aufgetaucht waren. Langsam formen sich weitere Teile aus der Geschichte in ihrem Kopf. »Incantamentum cuddio diogelu« sind darin magische Worte. Sie wurden genutzt, wenn sich eine Person für andere unsichtbar im Erdreich verstecken und gleichzeitig einen Schutz für sich aktivieren wollte. Aufgehoben wurde dieser Zauber durch andere Worte, aber welche waren das nur? Diese Worte kamen ganz bestimmt auch in der damaligen Geschichte vor. Obwohl sie jetzt dringend von ihr benötigt werden, kann sie sich aber nicht erinnern! Die Gedanken rasen in ihrem Kopf.
Halt, was hatte sie gerade gehört, kurz bevor der Spuk vorbei war? Richtig, es klang nach einem lateinischen Wort. Latein kennt Eila aus der Schule. Auch eines der vorhin von ihr genutzten Worte ist lateinisch.
Kann mit Worten aus dieser und aus anderen Sprachen Zauberei bewirkt werden? Warum passiert dann in der Schule beim Lateinunterricht nichts Dergleichen?
Eila überlegt lange, welche Worte sie wählen soll. Falls sie Pech hat wird ihre Situation möglicherweise schlimmer. Vielleicht wirkt jetzt jedes von ihr gesprochene Wort magisch?
»Ich muss aber etwas versuchen«, denkt Eila. Sie kneift die Augen zu und spricht: »Incantamentum finito«. Sie hält kurz den Atem an. Nichts passiert. Trotz der stärker werdenden Angst versucht sie es mit einer kleinen Änderung noch einmal: »Incantamentum inhibeo«. Ihre Haare knistern und leuchten erneut kurzzeitig mit einem rotgoldenen Schimmer an den Spitzen.
Sie kann sich wieder bewegen und ist völlig unverletzt!
Eila hastet die Stiege hinauf und eilt durch den Korridor ins Wohnzimmer zum Großvater. Er sitzt in seinem Lieblingsohrensessel und ist mit einem aufgeschlagenen Buch im Schoß eingenickt. Er hat nichts von dem Lärm gehört!
Eilas Großvater Brian sieht mit seinem verwittertem Gesicht sehr charakteristisch aus. Es ist lang und hager mit einer Adlernase. Wenn Brian wach ist, lächeln einen ein Paar freundliche, aber auch etwas listig blickende, blau-graue Augen an. Jetzt sind geschlossene Lider mit feinen blauen Äderchen in den tiefen Höhlen unter überhängenden, buschigen Brauen zu sehen. Haar und Bart sind weiß, ebenso die Augenbrauen. Wenn Brian sich aufrichtet, ist er ein großer, mittlerweile aber etwas gebeugt gehender Mann.
Eila weckt ihn und erzählt aufgeregt das soeben Erlebte, wobei der Großvater immer beunruhigter wird. Trotzdem wirkt er nach außen ruhig. Er betrachtet Eila, die mit Spuren von Erde und Spinnweben von den Wänden des Kellers verschmutzt ist. Auch im Gesicht hat sie Schmutzstreifen, aber verletzt ist sie nicht.
Sie gehen zuerst etwas zögernd, gemeinsam nach unten in den Keller, danach vor und neben das Haus. Sie betrachten forschend die vorhandenen Spuren. Die Untersuchungen zeigen, dass sie es mit vorsichtigen und erfahrenen Einbrechern zu tun haben müssen, denn der Kiesweg zeigt keinerlei Fußstapfen. Nur unter dem Badezimmerfenster sind ein paar tiefere Eindruckstellen zu sehen. Ohne Zweifel ist von hier jemand ins Haus eingestiegen. Die Kampfspuren im Keller zeigen eindeutig, dass es sogar zwei gewesen sind. Aber warum im Keller, da gibt es doch höchstens Kartoffeln oder andere Vorräte zu holen? Und warum hatten sie miteinander gekämpft?
Eila erinnert den Großvater an die Blitze und wiederholt die gehörten und die von ihr benutzten Worte. Brian eilt darauf mit Eila ins Wohnzimmer und sucht im Schreibtisch.
»Wo ist Großmutters Armreif?«, fragt er aufgeregt.
»Ist dies der Armreif?«, antwortet Eila und zeigt ihr linkes Handgelenk. Ihr Arm ist eng von einem bronzenen, fingerbreiten, schlichten Reif umschlossen. Bis auf eine strahlende Sonne ist keine Verzierung darauf. Er blickt sie an.
»Genau, das ist er. Wann hast du den denn angelegt?«
Eila blickt etwas unsicher.
»Ich fand ihn heute Morgen, als ich die gestern Abend benutzte Lupe wieder in eine der Schubladen des Schreibtisches zurücklegen wollte. Der Armreif sieht so hübsch aus, dass ich ihn probehalber anlegte. Ich klappte den zweiteiligen Reif um mein Handgelenk zusammen. Es war ein leises klickendes Geräusch zu hören. Gleichzeitig schien der Armreif kurzzeitig etwas Wärme abzugeben. Ich bekam den Verschluss nicht wieder geöffnet und wollte dich später danach fragen.«
Brian steht ruhig da und überlegt einige Zeit. Schließlich nimmt er einen seltsamen Gegenstand aus Bronze aus einer der Schubladen. Zum Teil sieht er wie ein altmodischer Brieföffner aus. Der Griff ist aber wie ein Monokel geformt, das einen weißen Kristall einfasst. Nun sucht er in den Bücherregalen, nimmt nacheinander zwei alte, dicke Bücher heraus und legt sie auf den ovalen Tisch.




