Elduria - Die Entscheidung

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»Wird der Renovo-Spruch den Abrieb der schwarz angelaufenen Silberklammern entfernen?«
»Offenbar versuchst du das gleich. Obwohl ich dir vorschlagen wollte, die Partikel mit dem Evoco-Zauber herauszuholen.«
»Dann hältst du die Anwendung des Spruchs in diesem Fall nicht für komplett idiotisch? Ich hätte eher gemeint, dass sich der Zauberspruch hauptsächlich auf Dinge, also auf Sachen bezieht. – Soll ich das probieren oder besser die Zeit nutzen, um mit Paia von hier zu verschwinden?«
»Du hast offenbar noch wenige Augenblicke, wenn das soeben ein Blick in die Zukunft gewesen ist. Trotzdem solltest du dich beeilen.«
»Kann ich überhaupt mittels magischem Sprung von hier flüchten? Du sagtest doch, Creulon habe eine Art Ring um den Wald gewoben.«
»Nutze den Spruch, um an den inneren Waldrand zu kommen. Nimm am besten die Stelle, an der du zusammen mit Dragon eingedrungen bist. Dadurch läufst du nicht Gefahr, wie ich zurückgeworfen zu werden. Du bewegst dich dann mit Atropaia um einige Schritte nach außerhalb und nutzt erst danach den magischen Sprung, um in mein Haus in Ochsenham zu fliehen. Ich erwarte euch dort.«
»Einverstanden!«
Runa meint bereits, fernen Hufschlag hören zu können. Sie hastet mit der Schnelligkeit einer Elfe zu Atropaia und spricht den Renovo-Zauber, um die geschwärzten Stellen an Hand- und Fußgelenken zu entfernen. Sie staunt, weil das tatsächlich gelingt. Offenbar hat der Spruch die Haut erneuert.
Das Trommeln vieler Hufe auf dem Waldboden dringt ins Innere. Das Mädchen webt schnell einen magischen Schutz aus Protego und Sgiath um sich und ihre Amme. Die Tür birst unterdessen mit einem blendend hellen Blitz und lautem Getöse. Das Eindringen grimmig blickender Männer in die Wohnstube bekommt sie schon nicht mehr mit. Sie befindet sich im gleichen Augenblick an der Stelle innerhalb des Elfenwaldes, wo Dragon und sie, vor dem Nebel fliehend, mit Mühe hineingelangten. Außerhalb des Waldes zucken Blitze wild über den Himmel und dicke Regentropfen scheinen waagerecht auf die Flüchtenden zuzustürmen. Sie fallen jedoch am Waldrand zu Boden und bilden dort kleine Bachläufe. Sollte das Unwetter durch einen weiteren Zauber Creulons verursacht werden?
Atropaia, die ihre Augen kaum offenzuhalten vermag, will sich ermattet auf den Waldboden setzen. Sie versteht nicht, warum Runa das zu verhindern sucht. Die überlegt, ihr noch einmal Lebensenergie zu übertragen, doch das unterlässt sie vorsichtshalber. Sie befürchtet, ihre ganze Kraft zu benötigen, um Danryas Haus zu erreichen. Sie bückt sich und legt sich die Arme Atropaias um den Hals, wobei sie deren Körper auf ihrem Rücken balanciert. Sie beginnt, sich mit Mühe aufzurichten. Sobald beide stehen, beißt Runa die Zähne zusammen und versucht, sich dem nur einen Schritt entfernten Waldrand zu nähern. Das gelingt nur äußerst langsam, da die Amme wie ein schweres Gewicht auf ihren Schultern liegt.
Sobald sie sich genau auf der Grenze nach draußen befinden, hallt ein schriller Schrei durch die Luft. Der dichte Regen trifft sie und wirkt wie ein Wasserfall, nur dass er nicht von oben herabfällt. Die Elfe und das Mädchen sind sofort klatschnass. Atropaia reißt erschrocken die Augen auf und schnappt unwillkürlich nach Luft. Sie weiß nicht, was geschieht und klammert sich zitternd an Runa. Die zuckt fast gleichzeitig zurück, weil bernsteinfarbene Augen sie aus dem feuchten Nass heraus anstarren. Sie stützt die Amme immer noch und zieht sie weiter. Das kalt blickende Augenpaar kommt näher. Es blickt so wütend, wie der Sturm inzwischen tobt. Der starke Wind versucht, sie zurückzudrängen.
»Das kann nicht Dragon sein«, durchfährt das Mädchen ein warnender Gedanke. »Seine Pupillen lassen ein dahinterliegendes Feuer erahnen. Das hier ist …«
»Das ist die Spiegelung eines grauen Wolfes!«, warnt Danrya über Gedankenverbindung. »Creulon setzt sie gerne als Späher ein. Er will euch daran hindern, den Ring um den Elfenwald zu durchbrechen. Gleiches soll der entfesselte Wind bewirken. Der dunkle Magier steht in Verbindung mit dem Tier und nutzt hin und wieder dessen Augen. Sobald er dich sieht, wird er herbeieilen! Du musst aus dem Bereich des Zauberrings herauskommen, erst dann gelingt der Ortswechsel mit Zauberkraft.«
Das ist leichter gesagt, als getan. Der Untergrund außerhalb des Waldes ist von den Wassermassen derart aufgeweicht, dass er rutschig wie Schneematsch ist. Einen Fuß vor und einen halben zurück, ist mehr, als das Mädchen mit jedem Versuch an Abstand zum Waldrand gewinnt. Soll Runa jetzt den magischen Sprung nutzen? Sie atmet heftig und ihr Herz klopft zum Zerspringen.
»Portaro«, versucht sie, doch der Regen klatscht weiter in ihr Gesicht. Von hinten, also aus der Tiefe des Waldes, dringen näherkommende Huftritte. Werden dort die Bewaffneten erscheinen, die soeben die Tür aus ihren Angeln gesprengt haben? Runa rutscht aus, fällt erst auf beide Knie und dann flach auf den Bauch. Das Gewicht ihrer Amme drückt sie unbarmherzig nieder. Werden die Häscher sie jetzt doch bekommen? Das Trommeln der Pferdehufe ist bereits nahe und ein echter Wolf, nein, ein kleines Rudel, steht drohend nur wenige Schritte vor ihr im Dauerregen. Im Fallen lässt sie unbewusst die Arme Atropaias los. Die gleitet vom Rücken des Mädchens und auf die grauen Räuber zu. Die weichen etwas zurück und ducken sich, bevor sie ihre Mäuler öffnen. Das wirkt so, als würden sie lachen. Ihr Hecheln ist trotz des strömenden Regens zu hören. Runa meint sogar, ihren Atem als feinen Nebel vor den Schnauzen zu erkennen. Sie rollt sich entschlossen auf die Raubtiere zu. Der Leitwolf legt die Ohren an, hebt die Lefzen und knurrt drohend. Sie überlegt im Rollen, einen Zauber auf die Tiere zu schleudern. Der vorderste Wolf duckt sich und setzt zum Sprung an. Da stößt die bereits erhobene Hand des Mädchens gegen den Körper der Amme. Es greift nach dem Arm der Elfe und ruft fordernd: »PORTARO!«
Igoreth und Ingbert
Igoreth kerkert die von Owain gefangenen Elfen in Einzelzellen ein. Sie tragen silberne Fesseln um Fuß- und Handgelenke. Das verhindert nicht nur, dass sie mittels Magie fliehen, sondern auch, dass sie sich untereinander verständigen können. Aber jeder Versuch, in ihre Gedanken einzudringen, ist dadurch ebenso unmöglich. Die wahre Absicht dieser als Spione eingesetzten Elfen bleibt deshalb dem Hexenmeister und Owain, und somit auch Drakonia, verborgen. Igoreth könnte zwar deren Fesseln lösen, befürchtet jedoch, dass sie das nutzen werden, um sofort zu fliehen.
Er verspottet sie als unfähige Spione, die sich von einem Nichtmagier fangen ließen. Die Elfen waren in der Nacht durch Owain und seine Männer überrascht und in silberne Netze gewickelt worden, wodurch deren Zauberkräfte aufgehoben wurden. Dass der Heerführer ihrer Magie somit nicht hilflos gegenüberstand, lässt der Hexenmeister absichtlich unerwähnt.
Ganz so einfach verlief die Festnahme dann aber doch nicht. Die überraschten Elfen erwachten sofort und bewegten sich mit der ihnen typischen Schnelligkeit. Sie versuchten sofort, die Netze abzustreifen. Das wollten einige von Owains Männern durch ihren Zugriff verhindern und kam manchen von ihnen teuer zu stehen. Die Nordelfen zogen trotz der Enge der Umhüllung ihre Schwerter und stießen damit mehrfach zu. Die Netze erhielten durch die Schärfe der Klingen große Risse, konnten aber nicht abgeworfen werden. Als es den vereinten Kräften aller schließlich gelang, sie zu fesseln und sicher zu verschnüren, waren drei der Bewaffneten tot. Die wurden schnell verscharrt, dann brachte Owain die Elfen zu Igoreth in die Festung Elfenstein.
Der ruft seine Kollegen, die Hexenmeister der Burganlagen Menschenzwinge und Drachenhorst zu Hilfe. Gemeinsam mit Owain zeigen sie den Gefangenen die versteinerten Elfen in der Umgebung der Burg als Warnung, aber die Nordelfen geben sich unbeeindruckt. Sogar die Folterung und der Tod zweier von ihnen bleiben ohne Wirkung auf den letzten von ihnen. Von der Absicht der Späher und damit der Elfenführerin, erfahren sie nichts. Der überlebende Gefangene schweigt eisern. Enttäuscht zieht Owain von dannen, um weiter nach Elfen zu forschen.
Igoreth ist ebenso unzufrieden. Er hatte gehofft, durch die eingekerkerten Spione sein womöglich verlorenes Ansehen bei Drakonia zurückzugewinnen. Er fürchtet immer noch, dass das Entkommen der zehn jungen Eldurianer zu seiner Entlassung führen kann. Dass sie entflohen sind, während er der Königin über deren Ergreifung berichtete, wird ihn kaum entlasten. Er würde das jedenfalls nicht als Entschuldigung gelten lassen! – Warum hört er nur nichts vom Hauptmann der Wache und dem Kerkermeister, die den Flüchtigen mit mehreren Bewaffneten folgen? Sollten sie sich gegen ihn verschworen haben? Dass das nicht so ist, hofft er zwar, hält aber genau das Gegenteil für wahrscheinlicher. Er geht in seiner Einschätzung unbewusst davon aus, wie er sich an ihrer Stelle verhalten würde.
Ingbert flieht mit seinen Freunden inzwischen zum Gebiet der Nordelfen. Den aus dem Kerker Entkommenen gereicht es zum Vorteil, dass sie in aller Ruhe die besten Pferde auswählen konnten. Die bringen sie schnell voran. Nachteilig ist allerdings, dass ihnen die Gegend unbekannt ist. Deshalb ist es kaum verwunderlich, dass sie einem Weg folgen, der nur scheinbar direkt gen Norden führt. In unwegsamem Gelände biegt der dann unerwartet nach links, Richtung Westen ab. Das bemerken die Flüchtlinge zwar, sind aber zuerst voller Hoffnung, dass das lediglich dem Umstand geschuldet ist, dass sie einem alten Flusslauf folgen. Schon bald erkennen sie jedoch ihren Irrtum. Die Gegend ist felsig und schroff ansteigende Berge versperren jede Möglichkeit, das Flusstal zu verlassen, das sich immer weiter in die Höhe schlängelt. Einer der Berggipfel vor ihnen leuchtet weiß im Sonnenschein. Sollte dort Schnee liegen? So friedlich dieser Anblick auch anmutet, Ingbert fordert seine Freunde schließlich auf, anzuhalten.
»Wenn wir dem Flusslauf weiter folgen, führt uns der offensichtlich ins Hochgebirge. Es sieht so aus, dass zumindest auf einer der Bergkuppen Schnee liegt. Für diese tiefen Temperaturen sind wir nicht ausgerüstet. Ob es von dort eine Möglichkeit gibt, ins Gebiet der Nordelfen zu gelangen, kann ich nicht sagen. Deshalb kehren wir besser um. – Bildet eine Vorhut aus zwei Mann, die in Rufweite vorausreiten sollen. Wir haben für den Ritt in die falsche Richtung Zeit vergeudet und müssen davon ausgehen, den bisherigen Vorsprung eingebüßt zu haben. Die Verfolger können uns schon bald begegnen. Achtet auf auffliegende Vögel und nutzt eure Ohren. Der Hufschlag ist vermutlich eher zu vernehmen, als dass die Reiter zu sehen sein werden.«
Doch damit liegt der vorsichtige Mann falsch. Sie haben zwar erheblich an Zeit verloren, befinden sich dadurch jedoch nun im Rücken ihrer Häscher. Das erkennen sie, als sie an einem abzweigenden Pfad Richtung Norden abbiegen und bald darauf einen weiteren Wasserlauf erreichen. Hier wurden die Tiere der Verfolger zum Wasser geführt und haben tiefe Hufabdrücke hinterlassen. Da an dieser Stelle das Zählen der Huftritte unmöglich zu einem sicheren Ergebnis führen kann, verschieben sie das auf später. Um zu den Nordelfen zu gelangen, folgen sie der Spur. Überall dort, wo die Reiter durch die Umgebung nicht daran gehindert wurden, folgten sie keiner festen Formation. Sie schienen dann voller Eifer im Galopp geritten zu sein. Sie schwärmten sogar manchmal in die Breite, so dass deren Anzahl an dieser Stelle einfach zu ermitteln ist.
»Es sind zweiunddreißig Reiter!«, stellt Ingbert fest. »Wir sind zwar gut bewaffnet, aber sie bestimmt nicht schlechter. Hinzu kommt, dass sie gut trainiert und ausgebildete Soldaten sind. Wenn wir sie nicht überraschen können, sind wir ihnen gegenüber schon allein wegen unserer geringeren Zahl unterlegen. – Ich wundere mich jedoch über ihren Eifer, mit dem sie offenbar voranpreschen. Das spricht dafür, dass der Hexenmeister den Männern eine große Strafe angedroht haben muss, wenn sie uns nicht fassen. Aber eine große Belohnung für unsere Ergreifung könnte auch der Grund sein. Das würde wiederum erklären, dass sie sich gegenseitig im Vorankommen überbieten wollen. Dabei fällt ihnen nicht auf, dass es hier außer ihren frischen Spuren keine weiteren gibt. Das sollte sie doch stutzig machen und darauf hinweisen, dass wir nicht vor ihnen sein können. Oder sollten die Reiter nicht hinter uns her sein und einen anderen Auftrag ausführen? – Hm. Egal, was der Grund ist, wir müssen uns vorsehen, um nicht mit ihnen zusammenzutreffen.«
Sie folgen, wo immer es möglich ist, im schnellen Galopp, wobei zwei Männer erneut als Späher agieren. Nicht nur diese, auch die Nachfolgenden reiten hintereinander. Dadurch bilden sie eine lange Linie und verraten ihre geringe Zahl nicht an mögliche andere Verfolger.
In der Nacht rasten sie, sobald sie in der Ferne ein Feuer erblicken. Obwohl es kühl wird, entfachen sie keines, sondern wickeln sich stattdessen lieber in Decken. Ingbert und ein weiterer Mann schleichen Richtung Feuerschein und finden ihre Vermutung bestätigt.
Am Rand eines Kiefernwäldchens haben die Soldaten ein Nachtlager aufgeschlagen. Die Pferde sind mit langen Leinen an die Bäume gebunden, damit sie von dem mageren Gras am Waldrand fressen können. Die Bewaffneten haben sogar mehrere Zelte errichtet, die um das Feuer gruppiert sind, dessen Flammen hoch auflodern.
Ingbert überlegt, ob er mit seinen Männern einen Überfall versuchen soll. Doch der Platz scheint zu gut bewacht, als dass das erfolgreich sein könnte. Vier Posten umrunden gegensätzlich laufend das Lager, wobei zwei in jeder Richtung etwa die Hälfte des Kreises als Abstand zueinander einhalten. Sobald er das feststellt, zupft Ingbert am Hemd seines Nachbarn. Beide kriechen unbemerkt durch das Gras zurück.
Bei den wartenden Kameraden angekommen, schildern sie ihre Beobachtungen. Dann halten sie eine kurze Besprechung, wie es weitergehen soll.
»Wir könnten versuchen, sie zu überfallen, doch das scheint mir wenig aussichtsreich zu sein.«
»Eine Alternative wäre, unsere Pferde um ihr Lager herumzuführen. In ausreichender Entfernung sitzen wir auf und reiten davon.«
»Da wir die Gegend nicht kennen, und der abnehmende Mond heute Nacht hinter dichten Wolken verborgen ist, werden wir bis zum Morgen nur einen geringen Abstand vor den Verfolgern erreichen können. Sie wiederum brauchen nur den Spuren zu folgen und werden uns schnell einholen.«
»Um das zu verhindern, könnten wir ihre Pferde stehlen.«
»Das würden die Wachen bemerken. Das Wiehern nur eines Tieres würde die Hölle um uns ausbrechen lassen.«
Ingbert schlägt nach weiteren Überlegungen vor, am aktuellen Ort zu übernachten und den Verfolgern am kommenden Tag mit sicherem Abstand und vorsichtig zu folgen. Wenn die Bewaffneten wie bisher gen Norden unterwegs bleiben, finden die Flüchtlinge hoffentlich eine geeignete Stelle, um sie zu überholen. Spätestens an der Grenze zum Reich der Nordelfen werden die Soldaten eine andere Richtung einschlagen. Dann können Ingbert und seine Freunde erleichtert aufatmen und die Verfolger hinter sich lassen.
Der neue Tag verläuft wie der vergangene, sogar das Wetter ist identisch. Die als Späher vorausreitenden zwei Männer werden stündlich abgelöst. Die andauernde Aufmerksamkeit und volle Konzentration dürfen zur Sicherheit nicht nachlassen. Sollte ihnen ein Halt der Bewaffneten entgehen, würden sie schnell wieder gefangen sein. Die kommende Nacht und der darauffolgende Tag vergehen wie zuvor. Bis auf die beständig fallende Temperatur scheint es keine Änderung zu geben. Und die verbinden die Männer mit ihrem Ritt in den Norden.
Im Verlauf des Nachmittags bemerkt Ingbert, der dieses Mal die Spitze des Trupps bildet, dass die verfolgten Reiter das Tempo verlangsamen und schließlich anhalten. Sollten sie ihr Lager heute früher als bisher üblich aufschlagen wollen? Er gibt ein Handzeichen. Die Nachfolgenden kommen langsam näher und halten neben ihrem Führer im Schutz eines Gebüsches. Der rätselt, warum die Bewaffneten vor ihnen angehalten haben. Da sie nicht beginnen, ihre Zelte aufzubauen, wird es einen anderen Grund für den Stopp geben. Könnten sie Elfen vor sich erspäht haben? Ingbert ist überzeugt, dass sie der Grenze allmählich nahe sein werden, da wäre das nicht auszuschließen. Werden die Soldaten womöglich umkehren und auf sie zu preschen? Dann sollten sie ebenfalls wenden und ihr Heil in der Flucht suchen. Das Gebüsch ist nicht groß genug, dass es ihnen als Versteck dienen könnte.
In diesem Moment hören sie einen Pfiff, der ein Signal sein muss. Die Männer zerren an den Zügeln, um die Pferde zu wenden und zu flüchten, da stoppt Ingbert sie. Die Bewaffneten vor ihnen stürmen auf ihren Tieren los. Mit lautem Geschrei, das von fehlender Disziplin zeugt, biegen sie von der bisherigen Richtung nach rechts ab. Ingbert fordert seine Männer auf zu warten und reitet vorsichtig voraus. Schon bald gelangt er zu der Stelle, wo der Trupp gehalten hatte. Hier erkennt er ihre breite Spur, die nach Osten führt. Was mag der Grund für den Richtungswechsel sein? Er richtet sich in den Steigbügeln auf und versucht, etwas in der Ferne zu erkennen. Aus dieser leicht erhöhten Position heraus bemerkt er jetzt, was die Ursache für das Abbiegen der Bewaffneten gewesen sein muss. Ein schlankes Gebäude mit einer Plattform dicht unterhalb der Spitze scheint sich dort aus der Grasebene zu erheben. Er gibt seinen Männern ein Zeichen zu ihm zu kommen und an dieser Stelle zu warten. Dann reitet er vorsichtig in Richtung des Turmes.
Schon bald vermutet er, einen Militärstützpunkt Drakonias vor sich zu sehen. Dieses Fort dient offenbar als Basis für Grenzkontrollen. Es besitzt eine Palisade aus angespitzten Baumstämmen, die mehrere niedrige Gebäude und den Aussichtsturm umschließt. Anders als der Turm lugen die spitzen Dächer der Bauwerke nur soeben über die umlaufende Schutzmauer. Die Soldaten hielten vermutlich genau nach diesem Stützpunkt Ausschau und waren froh, die kommende Nacht nicht im Freien verbringen zu müssen. Der Grund für den Jubel werden die erwarteten besseren Schlafgelegenheiten, aber auch die üppigere Versorgung mit Essen gewesen sein.
Bei den Nordelfen
Ingbert kehrt zu seinen Freunden zurück und berichtet, was er gesehen hat. Dann reiten sie schnell in der bisherigen Richtung weiter. Die Dämmerung bricht nach einer Stunde an und die Männer überlegen, ob sie rasten sollen. Da ihnen das zu nahe bei dem Fort ist, wollen sie vorher noch mehr Abstand gewinnen. Die Nacht scheint gut dazu geeignet zu sein, da die Mondsichel dieses Mal nicht von Wolken verhüllt wird. Sie folgen dem Pfad und gelangen in einen lichten Wald. Die Buchen stehen genügend weit auseinander, um Platz zum Reiten zu lassen und sogar das Mondlicht erreicht stellenweise den Boden. Die Pferde prüfen die Luft und schnauben, bevor sie leise wiehernd vorwärtsgehen. Die Männer kommen jedoch nicht weit, weil ihre Tiere plötzlich scheuen. Manche bäumen sich zuerst auf, werden dann aber schnell ruhiger und halten unaufgefordert an.
Ingbert will sein Tier antreiben, doch es gehorcht nicht. Im nächsten Moment schreckt er zusammen. Sein kleiner Trupp ist von mehreren Kriegern umstellt, die aus dem Boden gewachsen zu sein scheinen. Woher die Männer und Frauen so unerwartet gekommen sind, ist ihm unerklärlich. Einige von ihnen murmeln unverständliche Worte, womit sie offenbar die Tiere beruhigen. Dabei zielen alle mit gespannten Bogen auf die Reiter.
Beim Blick auf die Bewaffneten befürchtet Ingbert zuerst, von den Soldaten des Hexenmeisters gestellt worden zu sein. Doch dann fällt ihm ein Stein vom Herzen. In Drakonias Militär sind nur männliche Kämpfer zu finden. Deshalb werden das hier Elfen, genauer gesagt, Nordelfen sein! Sie haben glatte blonde oder krause, rötliche Haare. Es gibt auch vereinzelt dunkle und schwarze, aber allen gemein ist, dass sie bis auf die Schultern hinabreichen. Ihre Kleidung ist widerstandsfähig und deren grünliche und graue Farben dienen offenbar dazu, dass sie sich im Wald einfacher verbergen können. Passt das zu dem Bild, dass er sich von diesen Wesen gemacht hat?
Er gibt seinen Freunden das Zeichen, ihre bereits gezogenen Waffen zurückzustecken. Er geht mit gutem Beispiel voran und wendet sich dann an die fremden Krieger.
»Wir haben friedliche Absichten. Wir sind Flüchtlinge aus Elduria und bitten um euren Schutz.«
Die Elfen senken weder die Waffen, noch geben sie zu erkennen, ob sie die Worte verstanden haben. Sollten sie eine andere Sprache nutzen?
»Wir wollen euch nichts Böses und erbitten euren Schutz für uns«, versucht es Ingbert erneut, wobei er bewusst langsam spricht. Da die Krieger weiterhin nicht reagieren, wagt der junge Mann etwas Ungewöhnliches. Er fordert seine Freunde auf, langsam abzusitzen und alle Waffen vor sich auf den Boden zu legen. Er geht gleichzeitig beispielgebend voran. Die gespannten Pfeile bleiben auch dann noch auf seine Brust gerichtet, als er Schwert und Messer samt Gurt abgelegt und sich einen Schritt davon zurückgezogen hat. Den Zügel seines Tieres hat er gleich nach dem Absteigen losgelassen. Er fordert seine Männer mit Blicken auf, es nachzumachen. Erst, als ihm alle gefolgt sind, senken die Krieger ihre Bogen. Einige von ihnen treten vor und sammeln die Waffen ein, ohne ein Wort zu sagen. Die anderen nehmen ebenso schweigend jeweils die Zügel von zwei Pferden und führen sie fort. Dabei beobachten die Entwaffneten etwas Unwirkliches. Die Tiere werden mehrere Schritte geführt, um dann zu verschwinden. Sollten die Nordelfen Zauber nutzen? Ingbert hat davon berichten hören, es aber stets für eine Art Kindermärchen gehalten. Doch hier scheinen die Geschichten zur Wirklichkeit zu werden.
Die Elfen mit den aufgesammelten Waffen folgen den vorangegangenen Kriegern und lösen sich etwa an der gleichen Stelle in nichts auf, so wie zuvor die mit den Pferden. Zwei hochmütig blickende Nordelfen geben ein Handzeichen. Die noch staunenden Freunde werden gleichzeitig von einer wohlklingenden Stimme aufgefordert, zu folgen. Wer von den beiden gesprochen hat, bekommen sie nicht mit. Die Männer gehen voraus und drehen sich nicht einmal um. So sicher fühlen sie sich, dass die Fremden ihrer Aufforderung nachkommen werden.
Sechs weitere Elfen, es sind allesamt Frauen, stehen mit gesenkten Bogen rechts und links und bilden eine Gasse, durch die Ingbert, seinen Freunden vorneweg, den Vorausgehenden folgt. Er beobachtet genau was geschieht. Er kann weder auf dem Waldboden noch an den wenigen Bäumen, die er passiert, etwas Besonderes entdecken. Trotzdem erscheint urplötzlich eine beeindruckende Festung vor ihm, zu der die vorangehenden Elfen ihre Pferde und Waffen bringen. Sie steht auf einer großen Freifläche und ihre vielen Türme mit den wehenden Fähnchen auf ihren Spitzen wirken im hellen Mondlicht beeindruckend.
Ingbert reißt sich von dem Anblick los. Er dreht sich schnell um und sieht, wie seine Freunde offenbar aus dem Nichts hinter ihm erscheinen. Haben sie soeben eine Art Tor durchschritten? So wirkt es auf ihn, doch er bemerkt kein Anzeichen oder sonstiges Merkmal, das auf dessen Vorhandensein hindeutet. Sobald schließlich die sechs Frauen auftauchen, gibt es einen kleinen wellenförmigen Wirbel und danach eine Reflexion, in der die umstehenden Bäume kurzzeitig verzerrt wiedergegeben werden. Was es auch gewesen ist, es scheint nun nicht mehr dort zu sein, schlussfolgert Ingbert. Er dreht sich zurück und folgt den vorausgehenden Elfen.
Sie werden über einen mit feinen Steinchen bestreuten Weg, über eine Holzbrücke und durch ein Tor geführt, das mit einem hochgezogenen Fallgitter gesichert werden kann. Die zinnengekrönten Mauern weisen eine beachtliche Dicke auf. Der junge Mann schaut sich neugierig um und versucht, Vergleiche mit den drei Burgen der Triqueta anzustellen. Diese Anlage ist um vieles größer und mächtiger gestaltet. Der gesamte Innenbereich ist mit Feldsteinen gepflastert. Die Gebäude wirken gleichzeitig weniger bedrohlich, obwohl sein geübtes Auge erkennt, dass die Festung schwieriger zu erobern sein würde, als die ihm bekannten Burgen Drakonias.
Ingbert beschleunigt den Schritt. Sobald er sich dicht hinter den vorausgehenden Elfen befindet, wendet er sich an sie.
»Ihr sprecht unsere Sprache, wie ich hören konnte. Das freut mich. Wie vorhin schon gesagt, sind wir Flüchtlinge, die bei euch Schutz suchen. Gewährt ihr uns diesen?«




