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Nachdem die Delegation bereits wieder drei Wochen unterwegs gewesen war, gelangte sie nach Chabua im Assam-Tal. Ein Überflug des Himalaja mit einer US-Maschine wurde ihnen aber definitiv verweigert. Mithilfe einiger chinesischer Funktionäre erhielten sie letztendlich Tickets der chinesischen Fluggesellschaft und konnten so nach Kunming weiterreisen.
Endlich in China – mit Magenbeschwerden
Am 12. Juli 1945 betrat die Schweizer Delegation endlich chinesischen Boden. Von den ersten Eindrücken war Hans Schindler überwältigt: «Die Fahrt auf den rickshaws durch Kunming war wie ein Traum. Camions, Jeeps, Limousinen, rickshaws, Frauen mit schlafenden Kindern auf dem Rücken, uralte Männer mit Bärten, viel Volk, Soldaten, Gerüche.» Die nächsten Tage waren gefüllt mit Treffen mit den wichtigsten Industriellen in Kunming und einigen Fabrikbesichtigungen. Schindlers allgemeiner Eindruck war, dass die Chinesen mit einfachen Mitteln und in primitiven Einrichtungen sehr brauchbare Waren produzierten. Weitere Zusammenkünfte mit offiziellen Würdenträgern und üppige Essen rundeten das strenge Besuchsprogramm ab. Das ungewohnte Essen und der hohe Alkoholkonsum forderten bei Schindler ihren Tribut: «Mir war elend zumute und ich konnte knapp eine Magenexplosion vermeiden.» Die Delegation verschob deshalb die Reise nach Chongqing, weil Schindler dort nicht mit Fieber eintreffen wollte. Auch Miao war einverstanden, da er so endlich wieder einmal die Gelegenheit hatte, seine Eltern zu sehen. Nach der Genesung und einem Besuch beim Coiffeur reisten sie schliesslich in die chinesische Hauptstadt weiter.
Besuchsmarathon in Chongqing
Am Flughafen in Chongqing empfing ein kleines Empfangskomitee des Wirtschaftsministeriums die Delegation. Man verfrachtete sie ins neu erbaute Demonstration Hostel und überliess ihr einen ganzen Bungalow samt drei Dienern. Im Empfangszimmer hingen eine chinesische und eine Schweizer Flagge unter dem Bild von Chiang Kai-shek. «Ich bin zum Heulen gerührt», schrieb Schindler. Die Delegation war froh, endlich einmal die Koffer auspacken zu können und sich neben modernen Ventilatoren gemütlich aufs Bett zu legen. Bei einem ersten Treffen mit Vizewirtschaftsminister Tann, zuständig für wirtschaftspolitische Fragen, erläuterte Schindler den Zweck der Mission. Man wolle sich mit Fabrikbesuchen und Besprechungen einen Überblick über die Lage in China verschaffen. In erster Linie gehe es um Vorschläge für Kraftwerke, die Bahnausrüstung und die Papierherstellung. Bei Bedarf nach weiteren Industrieprodukten könnte er nach Rücksprache in der Schweiz ebenfalls Vorschläge machen oder sogar weitere Personen aus der Werkzeugmaschinenindustrie, der Textilmaschinenindustrie, der chemischen Industrie und der Uhrenindustrie kommen lassen. Weiter gebe es viele Sachverständige für Technik, Medizin, Hygiene und Landwirtschaft, die gerne nach China kämen und im Auftrag der Regierung Fragen des Fachgebiets bearbeiten könnten. Auch die MFO würde falls gewünscht ihr Wissen beim Aufbau einer elektrotechnischen Fabrik zur Verfügung stellen. Und schliesslich, meint Schindler, müsse ja auf lange Sicht der Import und Export Chinas ins Gleichgewicht gebracht werden, was Gespräche mit Handelsexperten nötig mache.
Die Delegation liess es sich nicht nehmen, zur Zerstreuung auch den Alltag in Chongqing besser kennenzulernen. Schindler engagierte für sich einen Chinesischlehrer, sie erkundeten mit Rikschas selbstständig die Stadt («geht glatt, nur kleine Überbezahlung») und vergnügten sich – mit Einschränkungen – an einer Tanzveranstaltung: «Die Chinesinnen sind schon sehr klein und ich schwitze vor Angst, ihnen auf die Füsschen zu treten. Nach drei Tanzversuchen gebe ich es auf. Allemand und Miau sind etwas erfolgreicher, kommen aber auch vor 11 Uhr zurück.»

Strassenszene in Chongqing, 1944.
Am 7. August trafen auch Corti und Winkler ein. Die Stimmung unter den fünf Herren war gut, auch wenn Schindler einige Tage zuvor von Miao verlangen musste, ihm alle Telegramme in die Schweiz vorzulegen, sofern sie nicht komplett privater Natur waren. Offensichtlich vermutete er, dass Miao nicht nur für die Delegation arbeitete, sondern auch noch für weitere Leute in der Schweiz Erkundigungen einholte. Namentlich stand er in Kontakt mit seinem Freund Tang, der bei der BBC, dem Hauptkonkurrenten der MFO, arbeitete. Nachdem die Delegation endlich komplett war, fing man zusammen mit der staatlichen National Resource Commission (NRC) an, konkrete Projekte auszuarbeiten. Im Mittelpunkt stand ein Projekt für ein Kraftwerk am Jangtsekiang. Die NCR verlangte in erster Linie Vorschläge zur Finanzierung, die Delegation aus der Schweiz erwartete Grundlagen zur Ausarbeitung einer technisch einwandfreien Offerte. Statt Detailpläne erhielten die Schweizer vorerst Daten über den Fluss und einen groben Situationsplan – viel konnte man damit nicht anfangen.
Erfreuliche Nachrichten verbreiteten sich in den Abendstunden des 10. August: Japan hatte bedingungslos kapituliert. «Mein Chinesisch-Lehrer führte einen Freudentanz auf und jedermann ist sehr glücklich. Feuerwerk, viel Volk auf der Strasse.» Doch was bedeutete das Kriegsende für die Mission der Schweizer Delegation? Erlangte sie eine erhöhte Bedeutung aufgrund der grösseren Aktualität eines friedlichen Aufbaus? Oder war die Delegation gar nicht mehr erwünscht? Weiter war nun auch ungewiss, wie lange die einflussreichen Leute überhaupt noch in Chongqing bleiben und wann die Regierung wieder in die Hauptstadt Nanking ziehen würde.
Trotz Siegesfeierlichkeiten gingen die Fabrikbesuche und die Besprechungen mit privaten Industriellen und mit Staatsvertretern weiter. Es kristallisierte sich immer mehr heraus, dass die Chinesen grundsätzlich bereit waren, in der Schweiz zu bestellen, jedoch nur zu sehr grosszügigen Zahlungsbedingungen. Ein Wirtschaftsführer fasste die Situation so zusammen: Die chinesischen Industriellen würden gerne kaufen, hätten aber die nötigen Barmittel nicht; die europäischen und amerikanischen Industriellen möchten verkaufen, geben aber die nötigen Kredite nicht. Immerhin signalisierten Bankenvertreter eine gewisse Bereitschaft, Zahlungsgarantien abzugeben, auch in US-Dollars.
Ausser Spesen wenig gewesen
Am Vorabend der grossen Dinner-Party, zu der die Delegation als Schlusspunkt ihrer Mission eingeladen hatte, besprachen die Mitglieder in ihrem Bungalow nochmals die kleine Ansprache, die Schindler halten sollte. Es war für eine Teamsitzung gesetzter Geschäftsherren ein eher ungewöhnliches Setting: «Wir fünf sitzen mit nackten Oberkörpern, shorts oder langen Hosen und slippers im schlecht erleuchteten Zimmer (die Spannung ist bis zehn Uhr abends immer miserabel, so dass man zum Schreiben fast nichts sieht) und jeder trägt seinen Senf zur Ansprache bei.» Am nächsten Tag waren 71 Gäste an dem Galadinner anwesend, darunter auch der Wirtschaftsminister, Vizeminister Tann und weitere Regierungs-, Rüstungs-und Bankenvertreter. Schindler empfand seine Rede, die er nach dem Essen hielt, als wenig gelungen, weil er mehrmals gestockt habe und der Ton gepresst gewesen sei. Nach einer freundlichen Replik des Wirtschaftsministers wurden noch drei Filme über die Aluminiumherstellung, die MFO und über Schweizer Sanatorien gezeigt. Beim letzten Film fragte sich Schindler, ob hier nicht zu viel Luxus gezeigt worden sei und dies auf die chinesischen Gäste protzig gewirkt haben könnte: «Schon nach zwei Monaten Abwesenheit von der Schweiz erscheinen die Bilder von Zürich-Stadt, von den Kliniken etc. wie eine Erzählung aus einem technischen Paradies.» Gegen Ende des Abends unterhielt er sich unter vier Augen mit dem Wirtschaftsminister. Dieser erzählte ihm von einem sehr weitgehenden Handelsvertrag, der mit den Amerikanern geplant sei und viele Ressourcen beanspruche. Den Handelsbeziehungen mit der Schweiz könne man sich dann wieder zuwenden, wenn dieser Vertrag abgeschlossen sei. Dennoch wurde am nächsten Tag ein chinesisch-schweizerischer wirtschaftlicher Verein gegründet, der die Wirtschaftsbeziehungen der beiden Länder vertiefen sollte. Der Besitzer einer chinesischen Zementfabrik wurde zum Präsidenten ernannt, Schindler zum Vizepräsidenten. Es wurde geplant, zusammen mit dem chinesischen Gesandten in Bern eine Schweizer Gruppe dieses Vereins zu gründen. Alle am Export nach China interessierten Firmen sollten diesem Ableger beitreten.
Das Fazit einer letzten Besprechung mit den Chinesen fiel ernüchternd aus. Man war übereinstimmend der Meinung, dass man unter den herrschenden Verhältnissen nicht mehr erreichen konnte. Die Regierungsprojekte für hydraulische und thermische Kraftanlagen waren noch nicht reif für eine Auftragserteilung. Auf Schweizer Seite haperte es abgesehen vom Fehlen eines Schweizer Gesandten mit der Kreditvergabe. Weitere Verhandlungen wurden als zwecklos erachtet, da die Regierungsstellen allesamt mit dem Umzug nach Nanking beschäftigt waren. Auch den Geschäften der MFO war kein Erfolg beschieden: Die Offerte für fünf Motoren für eine Getreidemühle war wesentlich höher als die einer englischen Firma. Trotz Rabatten ging der Auftrag verloren. Und ein anderer Industrieller schlug im letzten Moment auch noch eine Transformatorenofferte aus.
Am Abend vor dem Abflug war die Delegation noch zu einem sogenannten schwarzen Kaffee beim Vorsteher der Politischen Abteilung des Ministerpräsidenten eingeladen. «Der schwarze Kaffee besteht aus etwa 5–10 kalten Platten, darunter Rieseneier, die mit Zucker gegessen werden, normalen Hühnereiern und präparierten (sog. faulen) Eiern. Nachher kommt eine Schicht süsser Platten, das ganze übergossen von sehr viel süssem und daneben sehr starkem liqueurartigem Wein.» Doch auch die üppigste Platte konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Mission im Grunde kaum zählbare Resultate hervorgebracht hatte.
Rückkehr in Etappen
Am 12. September flog die Delegation vorerst nach Kunming, wo Miao verabschiedet wurde. Er wollte in Schanghai ein Import-Export-Geschäft aufziehen oder für Ingenieurarbeiten in die Mandschurei oder nach Taiwan reisen. Er gab zu, oft gereizt gewesen zu sein, aber das seien alle Chinesen. Er sei nur mit Mühe auf seinem Posten geblieben. Schindler und die übrigen Mitglieder bedankten sich für seine Dienste und anerkannten seinen guten Willen und seinen Einsatz. Der gesamten Delegation hatten das feuchtheisse Klima in Chongqing, der grenzenlose Dreck auf den Strassen, die gleichgültige Bedienung und Mahlzeitenzubereitung, die prekäre Strom- und Wasserversorgung sowie das Fehlen von europäischen Zeitungen und Radionachrichten zugesetzt. Mit der Landung in Dinjan im Assam-Tal endete der zweimonatige Aufenthalt auf chinesischem Territorium.
In Kalkutta verpasste die Delegation den Weiterflug mit einem britischen Flugzeug und verbrachte sechs Tage in der indischen Metropole. Schindler nutzte die Zeit zum Ordnen und Vernichten von Akten und machte eine Aufstellung über die Kosten der China-Mission. Für die MFO rechnete er mit Ausgaben von 4800 Franken (entspricht heute rund 25 000 Franken). In Kairo wohnte Schindler dann wieder auf der Luftwaffenbasis. Er blieb noch ein paar Tage in der ägyptischen Hauptstadt, um MFO-Kunden zu besuchen. Die übrige Zeit nutzte er zum Besichtigen einiger Sehenswürdigkeiten. Er sah unter anderem die Grabbeigaben für Tutanchamun und lobte die schönen kunstgewerblichen Gegenstände. Doch das ganze «Mumienzeugs» sei recht makaber und «eine grosse Verirrung des menschlichen Geistes».
Am 29. September flog Schindler über Athen nach Neapel. Einen Tag später ging die Flugreise weiter über Marseille nach Paris. Für die letzte Etappe nahm er den Zug und kam am 1.Oktober 1945 endlich wieder zu Hause in Zürich an. Seine Ehefrau Ilda schrieb in einem Brief an ihre Freundin Sus Öhman, dass ihr Ehemann Hans alles erstaunlich gut ausgehalten habe und blühend aussehe, obwohl die ganze Reise sehr strapaziös gewesen sei. Jedenfalls sei alles hochinteressant gewesen, so ihr Eindruck.
Da Hans Schindler erst am 18. Dezember 1945 nach einem dreimonatigen Unterbruch wieder mit dem Tagebuchschreiben anfing, ist über die Nachbearbeitung der Chinareise relativ wenig bekannt. Die Mission fand jedenfalls im offiziellen Bern Widerhall, als es darum ging, in China endlich die versprochene Gesandtschaft zu errichten. In der Botschaft des Bundesrats vom 7. September 1945 heisst es zur handelspolitischen Bedeutung einer offiziellen Vertretung: «Das grosse Interesse, das unsere Exportkreise an der Wiederbelebung und am Ausbau unserer Handelsbeziehungen mit China haben, geht schon aus der Tatsache hervor, dass Mitte Juli dieses Jahres eine private Abordnung schweizerischer Industrieller sich trotz aller Unzukömmlichkeiten und Schwierigkeiten auf den Weg nach China begeben hat, um mit den massgebenden dortigen Kreisen Fühlung zu nehmen.» Aus weiteren offiziellen Dokumenten geht hervor, dass Hans Schindler als Berater der Behörden in Sachen Wirtschaftsbeziehungen zu China sehr gefragt war. Und auch als Vortragsredner tourte er offenbar durch die Schweiz. Beim Vortrag über die Chinareise an der Generalversammlung der Neuen Helvetischen Gesellschaft im Dezember 1945 wunderte er sich auf jeden Fall, der wievielte seiner Vorträge über China dies wohl gewesen sei. Im März 1946 entsandte die Schweiz mit Henri de Torrenté schliesslich einen Gesandten nach Nanking.
Die Reise nach China machte auf Hans Schindler einen sehr nachhaltigen Eindruck. In seinen Memoiren bezeichnet er seinen Aufenthalt als beträchtliche Horizonterweiterung. Er erlebte, wie man sich als Fremdling fühlt, und begriff gleichzeitig, wie grenzenlos schwierig es ist, das Leben und Denken der anderen Kultur zu verstehen. In wirtschaftlicher Hinsicht blieb die Mission von bescheidener Wirkung. Der erneut aufgeflammte Bürgerkrieg in China band fast alle Ressourcen, der Wiederaufbau stockte. Mit der Vertreibung der Kuomintang-Regierung unter Chiang Kai-shek nach Taiwan durch die Kommunisten gingen ab 1949 auch die Vorteile persönlich geknüpfter Beziehungen ins Reich der Mitte verloren. Es sassen nun Mao Zedong und seine Leute an den Schalthebeln der Macht. An fruchtbare Wirtschaftsbeziehungen mit dem kommunistischen Regime war vorerst nicht mehr zu denken.
Ein hoffnungsvoller Spross
Wer war dieser Mann, der mutig, aber wohl auch etwas voreilig noch mitten im Krieg nach China aufbrach, um für die Schweizer Exportindustrie eine erste Türe zu diesem riesigen Absatzmarkt aufzustossen? Der jüngere Stammbaum von Hans Schindler liest sich wie ein «Who’s who» der einflussreichen Zürcher Familien. Stammvater der Schindler-Familie war allerdings ein Glarner, der erst 1842 nach Zürich kam und hier das Landgut Kreuzbühl erwarb. Dietrich Schindler-Schindler wurde 1795 in Mollis geboren, studierte Recht in Deutschland und war Teilhaber der Textilfirma Jenny & Schindler in Hard bei Bregenz. Bekannt wurde er allerdings in seiner Heimat als Politiker, der massgeblich an der Ausarbeitung der Glarner Verfassung beteiligt gewesen war. Er plädierte als Liberaler insbesondere für die Aufhebung der konfessionellen Landesteilung. 1837 wurde er zum Landammann gewählt und musste zuerst den katholischen Widerstand brechen. Auf Ausgleich bedacht feindeten ihn nun die radikalen Kräfte an, weil er angeblich gegenüber der katholischen Geistlichkeit zu nachgiebig war. Zermürbt stellte er sein Amt schliesslich zur Verfügung und ging nach Zürich. Sein Sohn Kaspar, der Grossvater von Hans Schindler, heiratete 1853 mit Elise Escher, der Tochter von Martin Escher (vom Glas), eine Angehörige des Zürcher Patriziats. Frei von finanziellen Sorgen betätigte sich der studierte Agronom Kaspar Schindler als Philanthrop für gemeinnützige Institutionen und Hilfsaktionen bei Katastrophen. Er sah in der Wohlfahrt breiter Volksschichten die Lösung der sozialen Frage und regte unter anderem Arbeitereigenheime als Grundlage eines gesunden Familienlebens an. Zu seiner Ehre wurde eine Strasse in Zürich Unterstrass nach ihm benannt. Seine Frau Elise war die geborene Gutsherrin: selbstsicher, energisch, intelligent. Sie betonte stets, dass die Seidenbeuteltuchfabrikation, die ihr Mann nebenher betrieb, eigentlich ihr «Gwerb» sei, da von ihrem Vater Martin Escher übernommen.
Das Paar hatte fünf Kinder, die wiederum standesgemäss heirateten und sich mit den Familien Syz, von Schulthess und weiteren Escher-Zweigen verknüpften. Der Zweitälteste unter den fünf Geschwistern, (Samuel) Dietrich Schindler, heiratete 1888 in eine angesehene Familie aus Zürcher Industriellenkreisen ein. Seine Frau Anna Barbara Huber war die Tochter von Peter Emil Huber-Werdmüller, der mit der Gründung der Maschinenfabrik Oerlikon und der Aluminium Industrie AG Neuhausen als einer der wichtigsten Pioniere der Metall- und Maschinenindustrie in der Schweiz gilt.
Das Ehepaar Schindler-Huber, die Eltern von Hans Schindler, liess 1900 auf dem weitläufigen Areal des Kreuzbühls einen eigenen repräsentativen Wohnsitz bauen: die Villa Wyggisser. Die Benennung nach dem Hausberg von Mollis war als Ehrerbietung für Landammann Schindler gedacht, der sich trotz seiner schlechten Erfahrungen in seiner glarnerischen Heimat im Schatten des Wyggis begraben liess. Als Architekt waltete Gustav Gull, der bereits das neoklassizistische Landesmuseum erbaut hatte und den historisierenden Stilmix auch in die Gestaltung der Villa einfliessen liess. Die burgähnliche Fassadengestaltung und das schwere geschnitzte Eichentäfer im Innern trugen zur eher behäbigen Anmutung bei. Anlässlich der Hauseinweihung 1901 wünschte sich der Vater von Hans Schindler, dass darin «ein Geist strenger Selbstzucht und gewissenhafter Pflichterfüllung, gepaart mit warmer Nächstenliebe, herrsche». Wie sich herausstellen sollte, überliess der Vater jedoch den letzten Punkt vollständig der Mutter. Anna Barbara Schindler beherzigte dies nicht nur in der eigenen Familie, sondern auch als Präsidentin des Damenkomitees, das am Kinderspital Zürich für das Wohl der kleinen Patienten und der weiblichen Angestellten sorgte.

Die vier Geschwister Werner, Hans, Gertrud und Dieter mit zwei Mägden vor dem Baugespann des «Wyggisser», 1900.

Hans (zuvorderst) mit seinen Geschwistern und seinen Eltern vor dem Eingang des «Wyggisser», um 1901.
Kindheit auf dem Millionärshügel
(Max) Hans Schindler kam 1896 als jüngstes von vier Kindern – einem Mädchen, drei Buben – zur Welt. Die ersten fünf Jahre verbrachte er im Patrizierhaus Talgarten am Talacker. Nach dem Umzug in den «Wyggisser» besuchte er eine private evangelische Primarschule, in der biblische Geschichten eine grosse Rolle spielten. Gemäss seiner autobiografischen Aufzeichnungen wurde grosser Wert auf Gehorsam und Genauigkeit gelegt, während selbstständiges Handeln und Denken nicht gefördert wurden. In der Schule wie auch zu Hause wurde nicht über Standesunterschiede gesprochen, dennoch waren sie spürbar. Die Schindler-Kinder trugen in der Primarschule zuweilen Matrosenkleider, die extra aus Deutschland beschafft wurden. Die Kinder vom «Millionärshügel», wie die Gegend über dem Stadelhofen genannt wurde, lebten in ständiger Angst vor den «Gassenbuben» in der weiter unten gelegenen Merkurstrasse. «Wir beiden jüngeren Brüder mit unseren Eaton-Kragen waren auffälliger für die Nachbarn, als wir selbst ahnten», schrieb Schindler später. In der Villa wohnten zwei Dienstmädchen, eine Köchin und ein Gärtner. Zudem kamen alle vier Wochen für ein paar Tage die Wäscherinnen und Glätterinnen vorbei. Die Beziehung zum Dienstpersonal war distanziert. Als Freunde kamen nur Kinder aus wohlhabenden Familien infrage. Ein Kommentar seines Vaters brannte sich bei Hans Schindler besonders ein: «Als etwa 12-jähriger Knabe hörte ich meinen Vater von einem Mann sagen, er habe eine Kellnerin geheiratet. Das war etwa so schlimm, wie wenn der Mann wegen Betrugs im Gefängnis gesessen hätte.»
Die vier Kinder wuchsen in einer behüteten Atmosphäre auf. Sie fürchteten sich jedoch vor ihrem übermächtigen Vater. Er war ein Schwerarbeiter, dem die Erfolge nicht einfach so in den Schoss fielen. Hans Schindler schrieb über ihn: «Er sah überall Pflichten, andererseits hatte er Angst vor den Versuchungen des leichten, üppigen Lebens. Er wollte seine Söhne durch strenge Erziehung davor bewahren.» Mit zunehmendem Alter nahm er immer mehr die Rolle des regierenden Patriarchen ein, nicht nur als Generaldirektor der Maschinenfabrik Oerlikon. Die Mutter war voll Liebe für die Kinder und versuchte, sie vor brutalen Übergriffen des Vaters zu bewahren. Sie behielt ihren kritischen Geist und war versöhnlich gegenüber Andersdenkenden. Die Kinder suchten oft Schutz bei der Mutter, die ihnen das Vertrauen gab, dass sie bei ihr immer willkommen waren. Sie waren deshalb umso stärker bemüht, die fürsorgende Liebe der Mutter nicht zu verletzen. Wie Hans Schindler in seinen Memoiren schreibt, prägte diese Konstellation die Kinder nachhaltig: «Das waren zwei Einflüsse, die uns bis ins reife Alter hinein vor Abenteuern bewahrten, uns allerdings auch hinderten, Konventionen zeitig über Bord zu werfen.» In der Familie galten Leistung, Benehmen, die Pflege von Familientraditionen und der Verzicht auf persönliche Freiheiten als oberste Maxime.
Anders als bei reichen Leuten üblich, etwa im Haus der Grosseltern Huber, fand im «Wyggisser» kaum gesellschaftliches Leben statt. Obwohl Dietrich Schindler in die höchsten Zürcher Kreise eingeheiratet hatte, war das gesellschaftliche Prestige noch nicht voll ausgebildet, so jedenfalls nahm er es wahr. Der Vater von Hans Schindler versuchte dieses Defizit mit zäher Arbeit auszugleichen – ganz im Sinne des sogenannten zwinglianischen Geistes in Zürich. Nur einmal wurde ein Ball für die heiratsfähige Tochter Gertrud veranstaltet. Gemäss Erinnerungsbericht von Hans Schindler hatte sein ältester Bruder dazu nur gemeint, es sei ein «typischer Ball in einem Parvenu-Haus» gewesen.
Wenig Harmonie unter den Geschwistern
Zur oft angespannten Stimmung im Haus trugen auch die unaufhörlichen Zankereien unter den Geschwistern Dietrich (Dieter), Gertrud (Trudy), Werner und Hans bei. Die Differenzen legten sich auch im Erwachsenenalter nicht. Gemäss Hans Schindler hatte nur die drei Jahre ältere Schwester Gertrud den dominanten Charakter des Vaters geerbt. Sie habe aber die Herrschaft über andere Menschen in sehr konziliante Formen zu kleiden gewusst. Nach ihrer Ausbildung zur Krankenschwester am Kinderspital Zürich hatte sie den Wunsch, in einer Umgebung zu wirken, in der sie niemand kannte. Das Leben in der Upperclass gefiel ihr nicht, so ihre Tochter in einer Erinnerungsschrift. Sie ging unter anderem als Sozialhelferin in eine ärmliche Gegend von Chicago. 1921 heiratete sie den Arzt Theodor Haemmerli und führte mit ihm die Clinique Valmont in Glion. Zurück in Zürich engagierte sie sich stark für Frauenanliegen. So gründete sie unter anderem den Verein Mütterhilfe, war am Aufbau des Zivilen Frauenhilfsdiensts in Zürich beteiligt und von 1942 bis 1946 Präsidentin des Schweizerischen Zivilen Frauenhilfsdiensts. Sie präsidierte von 1947 bis 1954 die Frauenzentrale Zürich, später den Bund Schweizerischer Frauenvereine, war in den 1950er-Jahren in der Direktion des Schweizerischen Roten Kreuzes und half 1958 bei der Schweizerischen Ausstellung für Frauenarbeit mit. Offensichtlich war Getrud Haemmerli-Schindler eine Führungspersönlichkeit, wie Hans Schindler sie vielleicht gerne gewesen wäre oder zumindest hätte sein sollen, wenn es nach seinem Vater gegangen wäre.
«Bruder Dietrich war der intelligenteste, er rettete sich aus dem Herrschaftsbereich des Vaters, indem er eine akademische Laufbahn ergriff», schreibt Hans Schindler über seinen ältesten Bruder. Dietrich hätte auf Wunsch der Eltern als ältester Sohn die Nachfolge seines gleichnamigen Vaters in der MFO antreten sollen. Sie schickten ihn deshalb in die gymnasiale Industrieschule. Statt anschliessend an der ETH zu studieren, entschied er sich jedoch für die Juristerei, was ihn neben Zürich zwischenzeitlich auch an die Universitäten von Berlin und Leipzig brachte. Für seinen kleineren Bruder Hans öffneten die Briefe aus Deutschland damals den Blick in die grosse Welt und waren ein «Erziehungsmittel». Sie liessen in ihm den Wunsch aufkommen, später ebenfalls ins Ausland zu gehen. Trotz dieser ersten kleinen Flucht trat Dietrich Schindler 1916 in die MFO ein und war vor allem in Genf und in Frankreich mit rechtlichen Fragen beschäftigt. Er fand aber keine innere Befriedigung und konnte sich mithilfe seines Onkels Max Huber endgültig von seinem Vater und der Firma lösen. Dietrich Schindler wurde schliesslich Professor für Staats- und Verwaltungsrecht an der Universität Zürich, später kamen Völkerrecht und Rechtsphilosophie dazu. Er verfasste Gutachten zur Neutralitätspolitik der Schweiz im Zweiten Weltkrieg und nahm 1946 als Delegierter an den Verhandlungen zum Washingtoner Abkommen teil. In seinem Tagebuch beklagt er sich bitter über seine Eltern. Sie seien «so ungesellschaftlich als möglich» gewesen und hätten den Umgang mit anderen Menschen nicht gefördert. Er habe deshalb «die zürcherische Knorzigkeit» nicht überwinden können, und seine emotionalen Anlagen seien nicht vollständig entwickelt. Dies dürfte wohl auch auf seinen Bruder Hans zugetroffen haben, der aber mit seiner charmanten Art diese Defizite überdecken konnte.




