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Mit dem sehr sensiblen Bruder Werner, der nur ein Jahr älter war, hatte Hans Schindler später am meisten zu tun, weil auch er sich später in die MFO «einspannen liess», wie Hans Schindler es ausdrückte. Er litt allerdings stark darunter, dass er von seinem Vater nie voll anerkannt und Hans ihm vorgezogen wurde. Werner Schindler machte eine kaufmännische Ausbildung und reiste ganz im Sinne von Lehr- und Wanderjahren längere Zeit durch Europa, Nord- und Südamerika. Er war sehr belesen und fühlte sich besonders zu theologischen und philosophischen Werken hingezogen.
Die Geschwister wuchsen in einer sehr frommen Umgebung auf. Insbesondere Grossmutter Elise Schindler-Escher und ihre Schwester Pauline Escher wirkten mit einem gewissen missionarischen Eifer. Vor allem die Töchter und Schwiegertöchter litten unter der «Mischung aus Zwängerei und Frömmigkeit». Hans Schindler erinnert sich, wie er und die anderen Enkel jeweils am Mittwochnachmittag in der Villa «zum oberen Engenweg» (heute: Gemeinschaftszentrum Schindlergut) versammelt wurden, um im grossen Garten oder in der hinteren Stube zu spielen. Die Stimmung glich derjenigen eines «patriarchalen Gutsbetriebs». Abends mussten sie Körbe voller Sauerkraut und missionarische Zeitschriften nach Hause tragen. Grosstante Pauline Escher finanzierte noch im hohen Alter einen Kirchenbau der orthodoxen Minorität Unterstrass, einer evangelikalen Gemeinschaft, die sich für eine wortgetreue Auslegung der Bibel einsetzte. Der Bekanntenkreis der Familie bestand standesgemäss nur aus Protestanten, Katholiken waren wenig angesehen: «Der Katholizismus ist recht für Dienstmädchen», soll der Vater stets gesagt haben. Die Ansichten im Haus der Grosseltern Huber waren offener und sehr liberal. Peter Emil Huber beschäftigte sehr viele Juden in seinen Unternehmen. Von dem damals grassierenden Antisemitismus und Nationalismus war nichts zu spüren. Seine Frau, Anna Marie Huber, war Gründungspräsidentin des Frauenvereins für Mässigkeit und Volkswohl (später: Zürcher Frauenverein), der sich unter der Ägide von Susanna Orelli-Rinderknecht mit dem Betrieb von alkoholfreien Kaffeestuben für die Verbesserung der Volksgesundheit und für die Besserstellung der Frau in gastgewerblichen Berufen einsetzte.
Die Freiheit währt nur kurz
1909 kam Hans Schindler ins Kantonale Gymnasium, das er als anregend und befreiend empfand. Endlich war kritisches Denken gefragt. Mit neunzehn Jahren meldete er sich ein Jahr früher als üblich zum Dienst in der Armee, da er schon als Knabe vom Militär geschwärmt hatte – sehr zur Missbilligung der «wirklichkeitsnahen» Grossmutter Huber. In der Rekrutenschule und im ersten Aktivdienst «balancierte» er zwischen seiner Rolle als Unteroffiziersanwärter und Kamerad der Mitsoldaten aus Arbeiterkreisen. Danach absolvierte er die typische Offizierslaufbahn. Seine Vorgesetzten waren allerdings von seinen militärischen Führungsqualitäten nicht sonderlich überzeugt und hielten ihn zu einer strengeren Hand an. Zudem liess sein Orientierungssinn im Gelände zu wünschen übrig. Er war allerdings zu ehrgeizig, um sich mit dem Grad eines Kompaniekommandanten zu begnügen. Zuletzt befehligte er im Zweiten Weltkrieg als Oberstleutnant ein Grenzbataillon.
Kurz vor dem Studium wollte Schindler im Welschland sein Französisch aufbessern. Man schickte ihn für kurze Zeit zum Pfarrer in Genthod bei Genf. Beim Studienfach liessen ihm die Eltern freie Wahl. Er entschied sich 1916 für ein Chemieingenieur-Studium an der ETH Zürich. Ob seine Studienwahl mit seinem Onkel Martin Schindler-Escher zusammenhing, der bei der Aluminium Industrie Aktiengesellschaft (AIAG) als Generaldirektor wirkte, ist nicht bekannt, wäre aber durchaus denkbar. Bei der AIAG in die Fussstapfen seines Chemiker-Onkels zu treten, wäre allerdings nach dem Rauswurf von Martin Schindler als Generaldirektor im Jahr 1920 kaum mehr möglich gewesen. Aus der Matrikel geht hervor, dass Hans Schindler sein Studium im gleichen Jahr mit der hervorragenden Gesamtnote von 5,59 abschloss. Die Freifächer, die der Student neben dem Hauptstudium wählte, zeigen anschaulich, wofür er sich sonst noch interessierte: für Militärisches (u. a. «Taktische und technische Entwicklung des Stellungskrieges von Napoleon bis zur Gegenwart») und für philosophische Fragen (u. a. «Einleitung in die Philosophie», «Rousseau, der Genfer Republikaner über Gesellschaft, Naturzustand und Naturerziehung»).
Mit dem Diplom in der Tasche war der Weg ins Ausland endlich frei. Hans Schindler ging 1920 für seine Promotion nach Cambridge und danach als Postdoktorand ans Collège de France in Paris. Welch eine Befreiung! Erstmals befand er sich nicht im Machtbereich des Elternhauses. Anfänglich fand er in England nur Zugang zu indischen Studenten und den Kollegen aus dem Labor. Über das Cellospiel knüpfte er schliesslich auch gute Kontakte zu musikbeflissenen Engländern und «dear old ladies», die gerne einem Musikquartett in ihrer Wohnung lauschten. Mit Boris Ord, dem Leiter des Knabenchors am King’s College, durfte er als Cellist an einem fantasiereichen Musikschauspiel mitwirken. Schindler empfand endlich das «volle, unbeschwerte Leben».
1924 war die kurze Zeit der Freiheit allerdings vorbei. Sein Vater, flankiert vom späteren Verkaufsdirektor F. E. Hirt, machte ihm den Vorschlag, in die MFO einzutreten. Und Hans Schindler willigte ein. Warum? Einerseits wohl aus der antrainierten Pflicht zum Gehorsam, andererseits auch aus einer Unsicherheit heraus, da ihn die Laufbahn als Chemiker in unbekanntes Gefilde geführt hätte. Im Nachhinein war für ihn aber klar: «Das war eine Weichenstellung, die für mich nicht von gutem war.» Sogar seine Mutter hatte ihm abgeraten, diese Stelle zu übernehmen. Er war nun «eine Figur im Machtspiel des Vaters» und musste ab diesem Zeitpunkt als präsumtiver Nachfolger des Vaters «Kronprinz» spielen. In Paris erhielt er eine Schnellbleiche in Elektrotechnik an der École supérieure d’électricité und verbrachte wenige Praxiswochen in der von Hirt geleiteten französischen Tochterfirma, bevor er im Mutterhaus in Oerlikon ab 1925 erste Aufgaben übernahm. Er arbeitete ein paar Jahre im chemischen Labor, dann war er inoffizieller Adjunkt beim technischen Direktor, zuletzt im Büro des Vaters.

Hans Schindler mit seinem Vater Dietrich, 1921.
Heirat mit Ilda Baumann
1928 heiratete Hans Schindler die neun Jahre jüngere Ilda Baumann. Zuvor hatte seine Mutter zweimal von einer Heirat mit anderen Frauen abgeraten, dieses Mal hatte er sich schon entschieden, «und das Fragzeichen der Mutter blieb ohne Wirkung». Ildas Vater Moritz Baumann-Naef war einer der führenden Köpfe in der Schweizerischen Wagons- und Aufzügefabrik Schlieren. Ilda wuchs mit ihrem Bruder Walt und ihrer Schwester Vera in der «Palme» auf, einem Herrschaftssitz mit Umschwung, den ihr Urgrossvater Caspar Baumann, ein Seidenfabrikant, 1862 erworben hatte. Das Anwesen lag auf den ehemaligen Bleicherwiesen zwischen Zürichsee und Bleicherweg, umgeben vom pulsierenden Stadtleben. Ilda stammte aus einer ausgesprochen sportlichen Familie. So gehörten die Baumanns zu den allerersten Skifahrern. Vater Moritz galt gar als sportlicher Draufgänger, der seine Ausdauer und Geschicklichkeit gerne auch mit Wetten unter Beweis stellte. Tochter Ilda erbte das sportliche Talent und war eine sehr begabte Alpinistin und Reiterin.

Familie Baumann in Adelboden, um 1910.
Ilda Baumann studierte – nach der Matura am privaten Freien Gymnasium Zürich – in München Gesang und Geige, brach das Studium allerdings ab, da ihr das Talent zur Spitzenmusikerin fehlte. Zurück in Zürich spielte sie in diversen Kammermusikformationen Geige. Beim gemeinsamen Musizieren lernte sie schliesslich Hans Schindler kennen, der Cello spielte – weil sein Vater hohe und kratzende Geigentöne hasste. Sie fanden offenbar Gefallen aneinander. Hans Schindler imponierten Ilda Baumanns Intelligenz und Eigenständigkeit. Sie war keine Frau, die sich einfach dem Mann unterordnete. In den späteren Tagebüchern, als die Ehe schon zerrüttet war, bemerkte er einmal, dass er damals eine Frau heiraten wollte, die auf seine Umgebung Eindruck machen würde. Und das tat sie zweifellos. Über ihre Motivation weiss man weniger – ebenso über gegenseitige Gefühle. Gesellschaftlich passten sie aufgrund der Stellung ihrer beiden Väter in der Zürcher Wirtschaftselite jedenfalls sehr gut zusammen. Noch im Jahr der Hochzeit 1928 wurde das erste Kind, Werner, geboren. Es folgte Annemarie 1930. Doch Ilda Schindler wollte nicht nur Hausfrau und Mutter sein. Und so nahm sie nach der Geburt des zweiten Kindes ein Medizinstudium auf, das sie 1937 als 32-Jährige mit der Promotion erfolgreich abschloss. Hans Schindler stand diesem Unabhängigkeitsdrang nicht im Wege. Er spürte, dass seine Frau als klassische Hausfrau nicht glücklich werden würde. Noch während des Studiums war 1935 das dritte Kind Peter geboren worden. Besonders schmerzvoll war für Ilda Schindler der Tod des vierten Kindes Rudolf, das erst halbjährig im Frühling 1939 verstarb. Immer wieder erwähnte sie in Briefen an ihre Freundin Sus Öhman die seelischen Qualen: Das Leben gehe unerbittlich weiter, und sie müsse die «normale Maske» aufsetzen. Sie freue sich jeweils auf die Nacht, wenn sie unter der Decke ungehemmt weinen könne. Sie versuchte aber, den Kummer für sich zu behalten, um ihren Mann Hans damit nicht zu belasten.
Während des Zweiten Weltkriegs arbeitete Ilda Schindler als Ärztin in der Poliklinik unter Prof. Paul Henri Rossier am Kantonsspital Zürich, mit kürzeren Pausen während weiterer drei Schwangerschaften mit Hans (geb. 1940), Elisabeth (geb. 1943) und Ruth (geb. 1944). Durch die Abwesenheit vieler Männer während der Mobilmachung im Krieg konnte Ilda Schindler sehr schnell verantwortungsvolle Positionen übernehmen, was jedoch auch sehr viel Arbeit bedeutete. Als Ehefrau eines Wirtschaftsführers war ihre berufliche Karriere zu dieser Zeit doch ziemlich ungewöhnlich – und anstrengend. Sie befand sich in einer Dreifachrolle als Mutter von sechs Kindern, als Industriellengattin mit repräsentativen Aufgaben und als praktizierende Ärztin. Dazu kamen ihre zum Teil sehr ambitionierten sportlichen Aktivitäten, die wohl auch als Ausgleich dienten. Der Effekt war, dass beide Eltern oft nicht zu Hause waren. Doch die Mittel für einen gut organisierten Stab an Bediensteten, insbesondere auch für die Kinderbetreuung, waren natürlich vorhanden. Bevor die Familie Anfang 1938 in den «Wyggisser» – die repräsentative Fabrikantenvilla des verstorbenen Vaters von Hans Schindler – zog, wohnte sie bis Mitte der 1930er-Jahre im frei stehenden, spätklassizistischen Mehrfamilienhaus Bürgli in Zürich Enge.
Hans Schindler bezeichnet in seinen Memoiren die Heirat mit Ilda Baumann als «wohl ernsteste Fehlhandlung meines Lebens». Er musste feststellen, wie heikel und wenig lenkbar das menschliche Zusammenleben ist. Schon in den ersten Jahren der Ehe fehlte die gegenseitige Liebe. Trotzdem blieben die beiden bis 1959 zusammen – «vom familiären und gesellschaftlichen Rahmen gehalten». Scheidungen waren nicht opportun.

Hans Schindler und Ilda Schindler-Baumann als frisch vermähltes Paar, 1928.

Hans und Ilda Schindler in den Ferien im Wallis, um 1930.
Einstieg in die Firma
Als Hans Schindler 1925 in die MFO eintrat, fand er sich in einem Unternehmen wieder, das massgeblich durch seine Verwandten mütterlicherseits und seinen eingeheirateten Vater geprägt worden war. Ihren Erfolg verdankte die Maschinenfabrik Oerlikon der Schwierigkeit der Firma Escher Wyss, hochwertige Schmiedestücke zu beschaffen. Der damals in der Dampfmaschinen- und Schiffbauabteilung tätige Peter Emil Huber-Werdmüller und der englische Ingenieur M. M. Jackson kamen deshalb auf die Idee, eine eigene Zulieferfirma zu gründen. Sie kauften eine Wiese beim Bahnhof Oerlikon und starteten 1863 mit der Produktion von Gussteilen. Als in England wesentlich billigere Wellen und Kurbeln hergestellt werden konnten, standen die Öfen ab 1867 still. 1872 übernahmen die Werkzeugmaschinenbauer Daverio, Siewerdt & Giesker aus Rorschach die Liegenschaft und verlegten ihre Produktion vom Bodensee nach Oerlikon. Nach diversen Reorganisationen gründete schliesslich erneut Peter Emil Huber 1876 die Aktiengesellschaft Werkzeug- und Maschinenfabrik Oerlikon, mit Friedrich Adolf Siewerdt als erstem Werkstattleiter. Erster Verkaufsschlager wurde ein Porzellanwalzenstuhl, der das Getreide schonender und schneller mahlte als herkömmliche Mahlsteine. Daneben stellten sie unter anderem Drehbänke, Kräne sowie Bohr-, Fräs- und Schleifmaschinen her. 1884 gelang es Huber, seinen ehemaligen Meister bei Sulzer nach Oerlikon zu holen. Charles Brown eröffnete die elektrische Abteilung und brachte seine Söhne Charles Eugene und Sidney Brown als Techniker mit. Nachdem sein Vater das Unternehmen nach wenigen Monaten bereits wieder verlassen hatte, übernahm Charles E. Brown die Leitung der Abteilung. Ab 1885 assistierte ihm Walter Boveri als Montageleiter. Mit der erfolgreichen Gleichstromübertragung bei einem aufsehenerregenden Wirkungsgrad von über siebzig Prozent zwischen den acht Kilometer auseinanderliegenden Ortschaften Kriegstetten und Solothurn gelang ihnen 1886 ein Meisterstück, das die Fabrik international bekannt machte.
Bald war den Ingenieuren bei der MFO klar, dass die Stromübertragung über noch weitere Strecken nur mit hochgespannten Wechselströmen möglich ist. Doch die hohen Spannungen lösten grosse Ängste aus, und Pioniere wie Thomas Alva Edison favorisierten den Gleichstrom. Die Organisatoren einer internationalen elektrotechnischen Ausstellung in Frankfurt hatten allerdings die Absicht, mit einem gross angelegten Versuch mit Wechselstrom die Systemfrage zu entscheiden. Da vielen Herstellern der Mut fehlte, durften am Schluss die MFO und die Allgemeine Elektricitäts-Gesellschaft (AEG) die Versuchsanlagen bauen. Tatsächlich gelang es ihnen im August 1891, die Energie störungsfrei zwischen dem Kraftwerk Lauffen am Neckar und dem 175 Kilometer entfernten Frankfurt mit einem Wirkungsgrad von 75 Prozent zu übertragen. Die MFO gelangte mit ihrer elektrotechnischen Abteilung zu Weltruhm, der ihren hervorragenden Ruf begründete und die Auftragsbücher füllte. Gerade in der Schweiz war die Gewinnung des «weissen Golds» und die wirkungsvolle Stromübertragung von Kraftwerken in den Alpen zu den Verbrauchern in den wachsenden Städten ein Gebot der Stunde. Doch auch international war die Nachfrage enorm. Insbesondere der Bau von Generatoren florierte, aber auch Zubehör wie Transformatoren und Schaltanlagen war gefragt. Die gefeierten Ingenieure Charles E. Brown und Walter Boveri verliessen jedoch noch im gleichen Jahr die Firma und gründeten mit der Brown, Boveri & Cie. (BBC) in Baden ihre eigene Firma, die sich auf dem Gebiet der Elektrotechnik rasch zur stärksten Konkurrentin der Oerlikoner entwickelte.
Ein Krokodil für den Gotthard
Eine weitere Sparte der MFO ging auf den Eintritt von Peter Emil Hubers Sohn Emil Huber-Stockar im Jahr 1891 zurück. Nachdem sein Vater immer mehr an Sehkraft verloren hatte, trat er dessen Nachfolge an. Unter der Leitung des Physikers Hans Behn-Eschenburg gelang es der MFO im Jahr 1904, einen Bahnmotor für Einphasenwechselstrom zu konstruieren, der im Gegensatz zum Dreiphasenwechselstrom, auf den die BBC beim Bahnmotorenbau setzte, nur eine einfache Stromleitung benötigte. Um ihr System zu testen, elektrisierte die MFO die Versuchsstrecke Seebach–Wettingen. Der erste Auftrag für eine Einphasenwechselstrombahn kam 1907 von der Valle-Maggia-Bahn, später lieferte die MFO auch die Ausrüstung der Lokomotiven für die Lötschbergstrecke. Emil Huber verliess 1910 wegen interner Querelen die MFO und widmete sich für die Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) der Elektrifizierung der Gotthardstrecke. Nach dem Ersten Weltkrieg lieferte die MFO für diese Route die ersten elektrischen Güterlokomotiven, die legendären «Krokodile», nachdem sich schliesslich auch die SBB und andere europäische Bahnen 1919 für das System der MFO entschieden hatten. In kleineren Dimensionen war die MFO auch an der Elektrifizierung der Zürcher Strassenbahn beteiligt. Sie baute diverse Tramtypen mit Elektromotoren, Leitungsnetze und Kraftanlagen zur Stromversorgung. Ausserdem unterhielt sie bis 1927 mit einer von ihr finanzierten Betriebsgesellschaft die Tramlinie vom Central über Oerlikon bis Seebach.
Der neue starke Mann in der MFO nach dem Ausscheiden von Emil Huber wurde sein Schwager Dietrich Schindler-Huber, der Vater von Hans Schindler. Er war bereits 1893 aufgrund der zunehmenden Erblindung seines Schwiegervaters Peter Emil Huber und des Abgangs der beiden wichtigsten Ingenieure in die Geschäftsleitung berufen worden. 1899 nahm er eine grosse Kapitalerhöhung vor und überliess drei Viertel der Aktien einer Bankengruppe um die Schweizerische Kreditanstalt, die sie anschliessend breit streute. Die Familie hatte damit die Mehrheit verloren, blieb aber weiterhin bestimmend. Als Mitte der 1900er-Jahre der Absatz stockte, reorganisierte er das Unternehmen und schärfte dessen Profil. Die Werkzeugmaschinenfabrikation wurde an die Schweizerische Werkzeugmaschinenfabrik Oerlikon (später: Oerlikon-Bührle) abgestossen und die elektrotechnische Abteilung von Rieter übernommen. 1912 wurden Dietrich Schindler und Hans Behn-Eschenburg zu Generaldirektoren ernannt, ab 1919 zusätzlich zu Delegierten des Verwaltungsrats. Unter ihrer Leitung blühte das Geschäft wieder auf, und es gelang ihnen, riesige finanzielle Reserven anzuhäufen. Das Unternehmen war aber trotz Aufträgen aus aller Welt sehr schwach internationalisiert. In der Zwischenkriegszeit, als vermehrt Handels- und Zollbarrieren entstanden, wären ausländische Produktionsstätten eigentlich zu erwarten gewesen. Einzig in Frankreich jedoch richtete man 1919 in Ornans, im grenznahen Departement Doubs gelegen, eine Fabrik ein, die sich auf Bahntraktionen und Transformatoren spezialisierte. Der Sitz der Tochterfirma war in Paris. Für den Aufbau weiterer ausländischer Werkstätten fehlte es an geeignetem Führungspersonal zur Überwachung und an Mut für risikoreiche Investitionen. Zudem wollte Dietrich Schindler stets persönlich den Überblick über alle Geschäfte behalten, was gegen weitere komplexitätssteigernde Expansionsschritte ins Ausland sprach.
Hemmend für die Absatzchancen in einem sich verschärfenden Markt wirkte sich auch die fehlende Verbindung zu einer Finanzierungsgesellschaft aus. Die BBC hatte mit der Gründung der Motor AG für angewandte Elektrizität eine Gesellschaft gegründet, die Anlagen projektierte, finanzierte und später verkaufte, selbstverständlich mit Produkten der BBC. Mit einer weiteren Finanzierungsgesellschaft, der von der AEG gegründeten Elektrobank, war die MFO immerhin durch ihre Hausbank, die Schweizerische Kreditanstalt, verbunden. Die Bank war 1895 wesentlich an der Gründung der später in Elektrowatt umbenannten Gesellschaft beteiligt gewesen.
Dem Generaldirektor und Vater «beigegeben»
Hans Schindler trat 1925 auf Wunsch des Vaters und nach einem mehrwöchigen Praxistest beim französischen Ableger in Ornans ins Mutterhaus in Oerlikon ein. Vorerst arbeitete er als Chemiker in der Entwicklung von elektrischen Wasserzersetzern. Diese Elektrolyseure zerlegten mithilfe von Strom Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff. 1928, mit 32 Jahren, wurde er Adjunkt der technischen Direktion. Es war auch das Jahr, in dem er Ilda Baumann heiratete. Als Adjunkt beschäftigte er sich unter anderem mit Fragen der Organisation und des Absatzes im In- und Ausland. Sein Bruder Werner war bereits etwas früher als Hans ins Unternehmen eingetreten und setzte sich vor allem mit finanziellen Fragen auseinander. Als Prokuristen nahmen beide ab Ende der 1920er-Jahre auch immer öfter an Direktionssitzungen teil, insbesondere Hans Schindler in der Funktion als Protokollführer.

Werbeanzeige der MFO in der Romandie, 1901.
Nach dem Ausscheiden von Generaldirektor Hans Behn-Eschenburg und dessen Wechsel in den Verwaltungsrat war Dietrich Schindler alleiniger Generaldirektor. Der bisherige Leiter der französischen Tochtergesellschaft in Paris, F. E. Hirt, wurde 1929 zum Verkaufsdirektor ernannt. Er sollte als Verbindungsmann zwischen Verkauf, Konstruktion und Werkstätten eingesetzt werden. Dietrich Schindler gab damit zur Entlastung die Leitung der auswärtigen Verkaufsgesellschaften und Vertretungen ab, behielt aber die Oberleitung über das Gesamtunternehmen. Nachdem der Direktor der Fabrikation altershalber und der technische Direktor nach einem Konflikt mit Dietrich Schindler zurückgetreten waren, festigte Schindler seine Alleinherrschaft. Die beiden Abteilungen wurden fortan durch Vizedirektoren geleitet. Diese beiden Vizedirektoren, Jakob Brunner und Arnold Traber, nahmen zusammen mit Direktor F. E. Hirt und den beiden Schindler-Brüdern ab 1931 in einem neu geschaffenen Direktionskollegium Platz. Sie berieten abteilungsübergreifende Angelegenheiten und tauschten sich mit Generaldirektor Schindler aus. Als ebenbürtig in geschäftlichen Fragen sah Dietrich Schindler allerdings nur den Verwaltungsrat an, die Zusammenarbeit mit den Mitgliedern des Direktionskollegiums war marginal. Hans Schindler wurde «der Generaldirektion beigegeben», so der Verwaltungsrat. Er sollte bei Abwesenheit den Generaldirektor ersetzen und als Bindeglied zwischen den Abteilungen fungieren. Die neue Aufgabenteilung lässt erkennen, dass Dietrich Schindler wohl von Hirt als seinem ehemals präferierten Nachfolger abgerückt war und er Sohn Hans direkt als neuen Kronprinzen installieren wollte. Tatsächlich verschärften sich die Konflikte zwischen den beiden dominierenden Figuren der MFO immer mehr, weil Hirt in den Augen von Dietrich Schindler zu selbstständig agierte.

Grossmaschinenbau bei der MFO. Wandbild im Hauptgebäude der ETH Zürich, gemalt von Wilhelm Ludwig Lehmann, 1929.
Die MFO hatte bis Anfang der 1930er-Jahre floriert. Die Belegschaft betrug insgesamt 3400 Personen, davon 2500 Arbeiter in den Werkstätten. Nun traten jedoch erstmals Probleme bei der Einhaltung von Lieferzeiten und bei einer effizienten Organisation der Fertigung auf. Durch die ab 1931 in der Schweiz spürbare Weltwirtschaftskrise wurde die MFO doppelt hart getroffen. Neben dem krisenbedingten Rückgang der Bestellungen waren auch die Auslieferungen der letzten Lokomotiven für das Elektrifizierungsprogramm der SBB ausgelaufen. Es kam zu Lohnsenkungen und Entlassungen. Im ersten Halbjahr 1935 beschäftigte die MFO noch die Hälfte ihrer früheren Belegschaft. Trotz Verlusten wäre genügend Kapital vorhanden gewesen, um den Betrieb zu rationalisieren und konkurrenzfähig zu halten. Es fehlte auch nicht an Vorschlägen der Direktion. Dietrich Schindler stellte sich jedoch quer und sprach sich gegen jede Reorganisation und Investition aus. So wurde beispielsweise die oft geforderte Modernisierung der Kleinmotorenproduktion immer wieder aufgeschoben. Seine Devise zur Überwindung der allgemeinen Wirtschaftskrise war Sparsamkeit und Verringerung der Unkosten. Der Tod seiner Frau 1934 versetzte ihm zusätzlich einen schweren Schlag. Die Kräfte des 78-Jährigen schwanden, und die Gebresten des Alters nahmen langsam überhand. Umso mehr klammerte er sich an die Macht und wollte alles selbst entscheiden.
Die Palastrevolution
Im Frühling 1935 eskalierte die Situation bei der MFO, als Dietrich Schindler direkt mit den Bürochefs des Verkaufs über ein neues Preiskalkulationssystem verhandelte, ohne F. E. Hirt miteinzubeziehen. Hirt reichte in der Folge ein Rücktrittsgesuch ein, weil er seine Autorität als Direktor untergraben sah. Er stellte in Aussicht, bei der MFO zu bleiben, wenn er endlich jene Kompetenzen erhalte, die Direktoren in allen anderen Unternehmen auch hätten. Der Verwaltungsrat griff nun vermittelnd ein und versuchte die unterschiedlichen Positionen zu ergründen. Dietrich Schindler reagierte in einem Brief an seinen Schwager, den Verwaltungsratspräsidenten Max Huber, pikiert auf die Kündigungsandrohung. Hirt sei nicht zur Sparsamkeit erzogen, habe nie etwas Schöpferisches geleistet und trage Mitschuld am technischen Vorsprung der BBC. Hirt wolle «Herr und Meister» in Oerlikon werden, wie er es in der Tochterfirma in Frankreich gewesen sei. Dietrich Schindler schlug stattdessen vor, seinen Sohn Hans zum Direktor zu ernennen.




