Und wieder war ich gerettet

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Unter den Augen der Öffentlichkeit setzten die Nationalsozialisten noch im selben Jahr (1938) die Innenräume der Synagoge in Brand. Die Beobachter machten keine gehässigen Bemerkungen. Ihnen war die Rechtswidrigkeit des Geschehens offenbar klar. Auch fünf Jahre nach dem Machtantritt Hitlers hatten sich in Breslau Teile der Bevölkerung nicht oder noch nicht vom Geist des Antisemitismus und der Intoleranz anstecken lassen.
„Als die Synagoge in Breslau in Brand gesetzt wurde, schauten Hunderte von Beobachtern schockiert zu.“
Anfang November 1938 wurden alle jüdischen Männer aus Breslau, darunter auch Alex’ Vater, in das Konzentrationslager Buchenwald verschleppt. Viele Juden wurden wieder entlassen; Adolf Ebstein ließ man nach etwa zwei Monaten, Weihnachten 1938, wieder frei.
Adolf Ebstein hatte wie viele andere jüdische Männer, darunter auch sein Bruder Sigismund, Deutschland im Ersten Weltkrieg als Soldat an der Front „gedient“. Er konnte sich deshalb nicht vorstellen, dass der deutsche Staat jüdische Deutsche wie ihn vernichten würde. Lange war er fest davon überzeugt, ihm könne nichts passieren. „Ich habe doch Deutschland im Weltkrieg gedient.“ Dass er aus dem KZ Buchenwald wieder freigelassen wurde, schien seine Sichtweise zu bestätigen.
Die zwischenzeitlichen Entwicklungen sprachen jedoch eine andere Sprache. Am 9. November 1938 hatte die Verfolgung der Juden mit der Reichspogromnacht einen vorläufigen Höhepunkt erreicht. In Paris hatte Herschel Grynszpan, ein jüdischer Jugendlicher, den deutschen Diplomaten Ernst Eduard vom Rath ermordet. Die deutschen Nationalsozialisten missbrauchten das Attentat auf den Botschaftssekretär als Vorwand für Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung in Deutschland und Österreich, das im März 1938 in das Deutsche Reich eingegliedert worden war.
„In dieser Nacht brannten überall in Deutschland die Synagogen. Nationalsozialisten demütigten und misshandelten jüdische Bürger und verwüsteten ihre Wohnungen und Geschäfte. Die Polizei griff nicht ein. Etwa 400 Juden wurden in dieser Nacht ermordet […]. Über 30.000 jüdische Männer wurden verhaftet, davon 25.000 in Konzentrationslager verschleppt.“[26]
Die Breslauer Synagoge „Zum Weißen Storch“
Die Synagoge an der Wallstraße wurde im Volksmund „Zum Weißen Storch“ oder kurz „Storch“ genannt, nach dem Gasthaus, das zuvor auf dem Grundstück nahe der Breslauer Altstadt gestanden hatte. Die zentrale Synagoge war 1829 eingeweiht worden, um die zuvor meist privaten Bethäuser zu ersetzen. Nach dem Bau einer neuen Synagoge in den Jahren 1866 bis 1871 wurde sie auch Alte Synagoge genannt. In der Reichspogromnacht am 9. November 1938 wurden die Neue Synagoge und alle noch bestehenden jüdischen Bethäuser Breslaus zerstört. Nur der „Storch“ blieb verschont und überstand die NS-Zeit. Die schon damals historische Synagoge war umgeben von bedeutenden alten Gebäuden, die in Mitleidenschaft gezogen worden wären, wenn man die Synagoge abgebrannt hätte. Allerdings wurden die Innenräume ausgebrannt. Nach dem Zweiten Weltkrieg verwahrloste die Synagoge mehr und mehr. Nach umfassender Sanierung wurde die Storch-Synagoge im Jahr 2010 erneut eingeweiht.

Abb. 8: Die Breslauer Synagoge „Zum Weißen Storch“, 2010
Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs 1939 radikalisierten die Nationalsozialisten ihre Judenpolitik. Den offiziell als „Reichsfeinde“ bezeichneten jüdischen Bürgern war es nicht mehr erlaubt, während der Sperrstunden[27] ihre Wohnung zu verlassen. Sie durften kein Radio und kein Telefon mehr besitzen und erst nach 15.30 Uhr einkaufen.
„Die Graupe“
Die Familie von Alex wohnte in Breslau zuletzt in der Innenstadt. Auf seinem Weg zur Schule ging Alex jeden Tag am Gefängnis vorbei. Es wurde „Die Graupe“ genannt, weil es sich an einer Straße befand, die „An der Graupe“ hieß. Ab März 1938 war Gertrud Pötzinger als verfolgte Zeugin Jehovas im Breslauer Gefängnis inhaftiert. Sie verbrachte dort dreieinhalb Jahre in Einzelhaft und danach mehrere Jahre im Konzentrationslager Ravensbrück. Nach dem Krieg lernte Alex Gertrud Pötzinger und ihren Mann, den Münchner Martin Pötzinger, persönlich kennen.[28] Es folgten zahlreiche Begegnungen der Ebsteins mit dem Ehepaar Pötzinger. Alex erwähnte wiederholt, dass er als Kind täglich an dem Gefängnis vorbeigegangen sei, in dem Gertrud Pötzinger zur selben Zeit inhaftiert war, ohne sich dessen bewusst gewesen zu sein. Im Rückblick hatte „Die Graupe“ für ihn eine andere Bedeutung erhalten. Gertrud und ihr Mann Martin, der sich damals, ab Juli 1938, im KZ Dachau und ab September 1939 im KZ Mauthausen befand, sollten nach der Befreiung eine große Rolle im Leben von Alex spielen.
Alex’ Mutter nimmt die vorbereitete Ausreise in die USA nicht wahr
Als gebürtige New Yorkerin mit amerikanischer Staatsangehörigkeit hätte Rachel Ebstein, die Mutter von Alex, in die USA auswandern können. Die dafür vom NS-Staat geforderten 10.000 USD – damals ein Vermögen – waren 1941 bereits zu diesem Zweck hinterlegt. Wie Alex weiter erzählte, durfte seine Mutter nach Aussage der Berliner US-Botschaft als US-Amerikanerin ausreisen. Rachels Ehemann und den Kindern, die nicht US-Amerikaner waren, war das jedoch vonseiten der Vereinigten Staaten nicht erlaubt. Doch ohne Ehemann und Kinder wollte Alex’ Mutter nicht ausreisen. Hätte die US-amerikanische Botschaft die Ausreise der ganzen Familie genehmigt, so hätte sich diese der Verfolgung durch die Nationalsozialisten entziehen können.

Abb. 9: Alex im Alter von zehn Jahren, 1936
„Meine Mutter hätte allein ausreisen sollen. Sie hätte dann von den USA aus die Ausreise der Familie organisieren können. Das wäre gut möglich gewesen.“



