Verblüffend einfach Ziele erreichen

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Ein Mitarbeiter hat wieder einmal eine Aufgabe nicht richtig verstanden und liefert ein unbrauchbares Ergebnis ab. Der Chef merkt, wie er den Mitarbeiter wieder zurechtweisen will: »Herrje, zum wievielten Mal habe ich Ihnen das jetzt schon erklärt? Wann kapieren Sie das denn endlich? Machen Sie das so …!« Doch halt, hat eine Zurechtweisung des Mitarbeiters in der Vergangenheit zu guten Ergebnissen geführt? Nein? Dann wäre jetzt vielleicht ein guter Zeitpunkt, einmal etwas ganz ander(e)s zu machen. Der Chef könnte seinen Mitarbeiter zum Beispiel einmal fragen, welche Unterstützung ihm helfen würde, um besser zu arbeiten. Er könnte mit dem Mitarbeiter auch in die Besprechungsecke gehen und erst einmal eine Tasse Kaffee mit ihm trinken. Um einmal etwas ganz anders zu machen, ist es hilfreich, wenn wir einmal etwas ganz anderes machen, zum Beispiel den Kontext wechseln – weg vom Schreibtisch, hin zur Besprechungsecke oder zur Kaffeeküche.
Wenn das, was wir schon immer tun, nicht (mehr) funktioniert, dann hören wir also am besten damit auf und machen etwas ander(e)s. Klingt eigentlich ganz einfach, allerdings sind wir es gewohnt und geschult darin, wenn etwas nicht funktioniert, noch mehr desselben zu tun und es noch härter zu versuchen. Try hard, try harder. Wenn es dann immer noch nicht klappt, dann haben wir einfach noch nicht genug getan – denken wir. Manchmal stimmt das auch. Manchmal müssen wir noch mehr und noch härter arbeiten, um unser Ziel zu erreichen. Aber ganz oft stimmt es auch nicht. Ganz oft holen wir immer und immer wieder unseren Hammer aus der Schublade, obwohl wir schon längst Schrauben in die Wand drehen wollen.
Ich erinnere mich noch ganz genau an jenen heißen Tag im Juni 2014, als ich den »Hammer« nicht aus der Hand legen konnte. Ich hatte mir die Pfingstwoche freigenommen, um in aller Ruhe zu schreiben. Eine Woche keine Termine. Telefon aus. Autoreply im E-Mail-Account. Frau alleine im Urlaub. Freunde und Familie informiert. Jetzt nur noch mein Mac-Book und ich an meinem großen Holztisch in Freiburg mit Blick über den Schwarzwald. Ein Traum. In den vergangenen Wochen hatte ich mich auf eine Fragestellung für mein neues Buch »Erfolg durch Willenskraft« konzentriert. Dazu hatte ich viele Gespräche geführt, Artikel gelesen und Notizen gesammelt. Und jetzt war wieder Schreibwoche: früh morgens aufstehen, unmittelbar danach an den Rechner, anfangen zu schreiben, den ganzen Tag. Unterbrochen nur von einigen kurzen Pausen. Bis spät in die Nacht. Am nächsten Morgen das gleiche Programm. Flow-Erlebnis pur.
Die ersten beiden Tage liefen wunderbar. Pfingstmontag wollte ich genauso weitermachen. Irgendwie hat es aber nicht geklappt. Keine Konzentration. Schon am Vormittag 25 Grad. »Egal«, dachte ich. »Ich habe einen Plan: schreiben, bis ich einschlafe.« Nach vier Stunden am Rechner hatte ich fünf Sätze geschrieben. Immer wieder kamen mir Gedanken ans kühle Wasser im nahegelegenen Schwimmbad in den Sinn. »Nein. Selbstregulation. Du musst schreiben.« Nachmittag. Die Luft steht in der Wohnung. Dachgeschoss. 37 Grad. Ich sitze und schwitze und versuche zu schreiben, weil das mein Plan ist und bislang auch immer geklappt hat. Sitzen und konzentriert schreiben, bis etwas Brauchbares dabei rauskommt. Mittlerweile habe ich schon fast eine Seite geschrieben – in sieben Stunden. »Schwimmbad? Nein! Du musst schreiben, das ist dein Plan.« Abend. Immer noch über 30 Grad. Jetzt habe ich die Seite vollgeschrieben – und gelöscht. War nichts. Ich will raus, weg vom Holztisch und dem Rechner und schaffe es nicht.
Nach zehn Stunden starrend vor dem Bildschirm muss ich plötzlich laut über mich selbst lachen. »Prima, HG, hast den ganzen Tag verbockt. Nix zu Papier gebracht. Nicht im Schwimmbad gewesen. Rückenschmerzen.« Ich wollte zu sehr mit meiner üblichen Schreibstrategie, die ja immer prima funktioniert hat, das Kapitel zu Ende schreiben und habe dabei versucht, »mit dem Hammer Schrauben in die Wand zu klopfen«. Doch mehr desselben Verhaltens war nicht die Lösung. Ich hätte einfach aufhören und etwas ganz ander(e)s machen können. Eben ins Schwimmbad gehen und danach frisch und erholt einige Seiten zu Papier bringen. Das wäre viel besser gewesen, als dazusitzen und den Bildschirm anzuglotzen. Am nächsten Tag habe ich freigemacht. Wenn etwas nicht funktioniert – dachte ich mir –, dann hör auf damit und mach etwas ander(e)s.

Unser Weg nach Tamanrasset, ein ehemaliger Karawanenstützpunkt und heute die größte Oase im Süden Algeriens, ist anspruchsvoll. Der Himmel bleigrau, die Luft voller Sand. Asphaltierte Straßen verschwinden, weil sich durch die Hitze und den LKW-Verkehr der Asphalt auflöst. Übrig bleiben Pisten. Unser Weg entsteht oft dadurch, dass wir uns eine Spur durch den Sand pflügen. Auf den unendlichen Kilometern nach Süden begreife ich zum ersten Mal, wie es sich anfühlt, wenn kein Weg mehr vorgegeben ist. Ich denke mir: Da kann man auch verloren gehen. Das muss man echt wollen und aushalten können.
Wenn Sie das nächste Mal über einer Aufgabe brüten – so wie ich an meinem Schreibtag bei 37 Grad – und einfach nicht weiterkommen, wenn Sie mit Ihrem Partner streiten und erfolglos versuchen, ihn davon zu überzeugen, dass natürlich Sie recht haben, wenn Sie versuchen, mit noch effizienteren Zeitmanagementtechniken Ihr Karriereziel zu erreichen, es aber einfach nicht klappt, dann wäre es vielleicht einen Versuch wert, einmal etwas ganz ander(e)s zu machen. Erlauben Sie sich, es auszuprobieren.
3. ANFANGEN
Wenn du weißt, was funktioniert, fang damit an.
Manche Leute erwarten im Coaching etwas Gewaltiges, etwas Spektakuläres, das sie von Grund auf verändern wird. Einige Leute kommen mit der Vorstellung von viel Puff und Paff ins Coachinggespräch – und mit dem ebenso nachvollziehbaren wie unrealistischen Wunsch, auch große Ziele »über Nacht« zu erreichen. Doch wirksames Coaching ist unspektakulär. Es geht dabei sehr häufig um eine ganz einfache Erkenntnis: Wenn du weißt, was funktioniert, fang damit an.
Du willst ein Buch schreiben? Du kannst schreiben? Fang damit an! Du willst eine Stunde auf dem Laufband trainieren? Du kannst laufen? Fang damit an! Du willst für eine Prüfung lernen? Du weißt, welche Themen abgefragt werden? Fang damit an!
Leider ist es nicht so einfach, mit etwas anzufangen, das uns anstrengt. Wie oft sind wir hoch motiviert, wissen genau, was zu tun ist, tun es aber nicht, obwohl wir genügend Zeit dafür haben? Stattdessen machen wir tausend Dinge, die leichter und schneller zu erledigen sind und die uns sofort eine Befriedigung geben: telefonieren, Mails beantworten, einkaufen, duschen, ja sogar Fenster putzen oder den Keller aufräumen.

Frühjahr 1996. USA – im Südwesten. An der Grenze zwischen Arizona und Utah. Ich bin seit zwei Monaten und schon einige Tausend Kilometer unterwegs. Der Weg zum Monument Valley, einer Hochebene des Colorado Plateaus mit seinen einzigartigen Tafelbergen, ist weit. Aber ich habe ein Ziel und weiß, wie ich da hinkomme: Ich mache das Mögliche und verliere das große Ziel nicht aus den Augen.
Wenn wir vor einer anstrengenden Aufgabe stehen, werden wir oft sehr erfinderisch, um den Anfang hinauszuzögern. Wir lenken uns ab und fangen oft genug überhaupt nicht an. Eine der größten Hürden auf dem Weg zu unseren Zielen besteht darin, überhaupt erst loszulegen. Dafür brauchen wir definitiv einen guten Trick. Und den gibt es auch:
Der Fang-an-bevor-du-anfängst-Trick
Wir können damit anfangen, anzufangen, indem wir uns sagen: »Ich mach das jetzt zehn Minuten lang.« Wenn die zehn Minuten um sind, erteilen wir uns die Erlaubnis, aufzuhören, wenn uns dann noch danach ist. Wir fangen also gar nicht »ganz« damit an, sondern machen nur den ersten Schritt – wir begrenzen damit die Anstrengung.
Den 10-Minuten-Effekt kennen wir schon andersherum: Damit haben wir es bereits geschafft, einer Versuchung, einer schnellen Belohnung zu widerstehen und mit etwas aufzuhören, zum Beispiel damit, ständig zum Smartphone, zu den Gummibärchen, der Schokolade oder der Chipstüte zu greifen. Hier drehen wir den Trick einfach um.
Wer zum Beispiel Englisch lernen will, genau weiß, wie das funktioniert und auch genügend Zeit dafür hat, es aber trotzdem nicht schafft, damit anzufangen, kann sich sagen: »Ich mach das jetzt zehn Minuten lang. Wenn ich nach zehn Minuten nicht mehr will, erlaube ich mir, aufzuhören.« Auch hier gilt, dass man sich während der zehn Minuten das wichtige längerfristige Ziel ins Gedächtnis rufen sollte, das man erreicht, wenn man anfängt, beispielsweise: »Ich will fließend Englisch sprechen können, bis der neue Chef aus England kommt, um beruflich aufzusteigen.«
Wenn wir erst einmal angefangen haben, entwickelt die Tätigkeit in Verbindung mit unserem Ziel und der Selbsterlaubnis, nach zehn Minuten wieder aufhören zu dürfen, eine verblüffend große Anziehungskraft. Dann wollen wir nach zehn Minuten gar nicht mehr aufhören, sondern weitermachen.
Der Fang-an-bevor-du-anfängst-Trick
Wenn ich mit einer Aufgabe anfangen will, aber es einfach nicht schaffe, kann ich zumindest damit anfangen, anzufangen, und die Aufgabe zehn Minuten lang ausführen. Wenn die zehn Minuten um sind, erteile ich mir die Selbsterlaubnis, aufzuhören, wenn mir dann noch danach ist. Und während der zehn Minuten denke ich an mein Ziel, das ich erreiche, wenn ich an der Aufgabe dranbleibe.
Der Trick funktioniert, weil unser Gehirn keine unerledigten Aufgaben mag: Wenn wir erst einmal angefangen haben und nach zehn Minuten eine Unterbrechung droht, will es weitermachen und einen Abschluss herstellen.
Wichtig ist dabei allerdings, dass wir unsere Umgebung während der zehn Minuten ablenkungsarm gestalten, um unsere Aufgabe konzentriert angehen zu können. Es ist riskant, wenn während der wertvollen zehn Minuten jemand zur Tür hereinkommt oder das Smartphone surrt. Denn bereits eine 20 Sekunden lange Störung schneidet den Sog des 10-Minuten-Effekts ab.
Wir können uns den 10-Minuten-Anfang sogar noch einfacher machen, indem wir uns alles, was wir benötigen, um anzufangen, schon zuvor bereitlegen. Wollen wir vor der Arbeit joggen, stellen wir uns die Sportschuhe ans Bett. Wollen wir nach Feierabend lernen, räumen wir den Schreitisch zu Hause auf und legen die Bücher bereit – sodass wir abends an den vorbereiteten Lernplatz kommen. Damit setzen wir einen zusätzlichen Anfang vor dem 10-Minuten-Anfang. »Anfangen« ist Schwerstarbeit, da brauchen wir jede noch so kleine Hilfe, die es uns leichter macht.
Gleichgültig, ob wir die jährliche Steuererklärung machen oder das Haus putzen wollen, ob wir ein Buch schreiben oder uns auf das Medizinexamen vorbereiten wollen, ob wir für die Besteigung des Mount Kinabalu trainieren, Englisch lernen oder regelmäßig joggen wollen, der 10-Minuten-Trick funktioniert, um damit anzufangen.
Anfang 2011. Wie schon erwähnt, war ich nach meinen ersten drei Schreibjahren »ein bisschen« aus den Fugen geraten. Das lag an meiner Vorliebe für Gummibärchen, aber auch daran, dass ich aufgehört hatte, mich sportlich zu bewegen. Nun brachte ich 20,4 Kilogramm mehr auf die Waage, meine Hosen passten mir nicht mehr, und bei Vorträgen war ich immer öfter kurzatmig. Meine Hausärztin wollte mir nun sogar ein blutdrucksenkendes Mittel verschreiben.
»Ne«, dachte ich, »das kann nicht sein. Ich bin erst 42 Jahre alt. Ich muss wieder anfangen, Sport zu treiben. Macht mir doch eigentlich auch Spaß.« Aber fangen Sie mal damit an nach drei Jahren der Untätigkeit! Ist der Mensch erst einmal träge, schaffen es auch zehn Pferde nicht, ihn zu bewegen – so fühlte ich mich. Ich hätte heulen können, so schwer fiel mir die Selbstüberwindung. Und ich war ehrlich überrascht, wie viele Ausreden mir eingefallen sind, um mich davor zu drücken, zum Sport zu gehen: »Eigentlich habe ich heute ja zwei Stunden Sport eingeplant, aber jetzt gerade geht es leider gar nicht, ich muss noch eben … das Auto in die Werkstatt bringen, für heute Abend einkaufen, staubsaugen, die Wäsche aufhängen, ein Telefonat führen, ganz, ganz dringend E-Mails checken, eine wichtige Doku im Fernsehen anschauen, duschen …«
Natürlich führte kein Weg daran vorbei, mich wieder sportlich zu betätigen, wenn ich mein Normalgewicht erreichen, wieder in meine Anzüge passen, bei Vorträgen besser Luft bekommen und meiner Hausärztin beweisen wollte, dass ich meinen Blutdruck auch ohne Medikamente in den Griff bekomme.
Also habe ich den 10-Minuten-Trick genutzt, um mit dieser anstrengenden Aufgabe zu beginnen. Ich habe mir gesagt: »Mach es zehn Minuten. Wenn dir dann noch danach ist, kannst du ja wieder aufhören.« Währenddessen habe ich an mein Normalgewicht und meine Lieblingsjeans gedacht und daran, wie fit ich mal war und jetzt wieder werden wollte. Als ich dann erst mal auf dem Stepper stand und losgelaufen war und die Unterbrechung nach zehn Minuten drohte, wollte ich nicht mehr aufhören. Es war anstrengend, aber ich sagte mir immer wieder: »Noch zehn Minuten, dann kannst du ja aufhören.« Und ich hatte mein Ziel vor Augen: Normalgewicht (75 Kilogramm), die passende Jeans, Luft zum Atmen und auf jeden Fall keine Medikamente. Nach sechs Monaten war ich unter 80 Kilogramm, nach acht Monaten auf Normalgewicht. Blutdrucksenker habe ich bis heute nicht genommen.

Das Monument Valley liegt im Land der Navajo-Indianer, die das Nation-Reservation auch verwalten. Es ist Februar und ziemlich kalt hier. Ich campiere auf einer Fläche direkt im Navajo-Gebiet. Mein erster Blick am Morgen: atemberaubend. Kein Fünf-Sterne-Hotel hat so einen Ausblick. Ich höre die indianischen Gesänge der Navajo und denke: Ich habe parallel zum Studium ganz schön viel jobben müssen, um mir das Geld für diese Reise zu verdienen. Aber ich habe damit angefangen, und jetzt bin ich hier.
Viele Dinge werden einfacher, wenn wir damit anfangen, sie zu tun. Das gilt für alle unsere Ziele. Für die kleinen Ziele, wie beispielsweise die Steuererklärung, genauso wie für die großen Ziele, unsere Herzensziele, die wir nicht über Nacht erreichen. Deshalb lautet die Frage, die uns auf dem Weg zu unseren Zielen weiterbringt, nicht etwa: »Wie werde ich bloß damit fertig?«, sondern immer: »Wie fange ich damit an?«
Wenn Sie das nächste Mal vor einer anstrengenden Aufgabe stehen, nicht wissen, wie Sie eine Etappe auf Ihrem Weg schaffen sollen, und selbst überrascht darüber sind, mit welchem Erfindungsreichtum Sie den Anfang hinauszögern, dann können Sie durchatmen, lächeln und versuchen, anzufangen, bevor Sie anfangen. Nur zehn Minuten.
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