Currys für Connaisseure

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»So, das sind die Sachen«, sagte Thomasina. »Zitronenchutney, Curry mit Lamm und das Allerbeste, Pathia-Soße. Kennen Sie die?«
»Gewiss, wenn auch nicht als Fabrikprodukt.« MacDonald musterte die Produkte mit hochgezogener Augenbraue. Auf allen prangte das lächelnde Gesicht des Fabrikanten Aadi Panicker.
»Kosten Sie doch mal, Mister MacDonald.«
Die Armour legte die Ellbogen auf den Tisch und beugte sich vor. »Thomasina, erzähle uns, worum es geht!«
»Ach so, ja. Devasree möchte so bald wie möglich ihren Schatz heiraten. Die Eltern sind einverstanden. Aber immer wenn sie über den Termin spricht, bekommt sie keine richtige Antwort.«
»Was heißt das, Miss Thomasina?«
»Ihre Mutter sagt, sie solle Vater fragen. Der spricht in Rätseln und will nur seine Geschäfte in Ordnung bringen.«
»Ohne einen Termin zu nennen?«
»Ja, das stimmt.«
»Welcher Religion gehören die Panickers an?«
»Hindus.«
»Ist der zukünftige Gatte auch Hindu?«
»Glaub ich eher nicht.«
»Vielleicht lehnt Panicker den Herrn aus anderen Gründen ab. Es ist zwecklos«, sagte MacDonald, »kein Hase liegt im Pfeffer.«
Thomasina sah hilflos zu ihrer Mutter.
»Unser Herbergsvater übernimmt nur Fälle, die mit Essen oder Trinken zu tun haben.«
»Meine Damen! Ich möchte mich an die Arbeit für mein Buch machen.«
»Wie auch mit der Diät beginnen!«
»Meinethalben! Ich bin übrigens nicht Ihr Herbergsvater!«
»Devasrees Problem hat mit Essen zu tun!«, erklärte Thomasina freudig. »Jemand vergiftet die Pathia-Soße. Mister Panicker liebt sie und kann kaum ertragen, was abläuft. Aber ich verstehe total, wenn Sie keine Zeit finden. Hab ihr gleich gesagt, dass es schlecht aussieht.«
Angesichts ihrer geweiteten Pupillen war MacDonald chancenlos: »Wie wird vergiftet?«
»Mit Salz.«
»Das ist kein Gift.«
»Schon Paracelsus wusste: Im Übermaß kann alles schädlich werden«, dozierte Miss Armour senior.
MacDonald starrte sie wie eine fehlgezündete Silvesterrakete an. »Hat der Erpresser sich schon gemeldet?«
»Welcher Erpresser denn?«
»Derjenige, der die Pathia-Soße versalzt.«
»Von Erpressung hat niemand was gesagt. Nur, dass bei Waitrose auf der Morningside Road Gläschen mit zu viel Salz drin auftauchten.«
»Aber woher weiß Ihre Bekannte dann, dass die Soßen wegen Böswilligkeit ungenießbar sind? Es könnte ein Produktionsfehler sein. Immerhin handelt es sich um Fabrikerzeugnisse.«
Thomasina schwieg, drehte sich mit dem Zeigefinger eine zusätzliche Locke.
»Wie lange kennen Sie diese Devasree schon, Miss Thomasina?«
Sie zeigte mit den Händen einen meterlangen Abstand an.
»Also einige Jahre?«
Thomasina zuckte mit den Schultern.
»Ich frage nur, weil Sie sehr gut über die familiären Verhältnisse Bescheid wissen?«
»In der letzten Zeit sehen wir uns nicht mehr so oft.«
»Warum bitte?«
»Puh, manchmal entwickelt man sich eben auseinander.«
»Ehrenvoll, dass Sie sich trotzdem engagieren.«
»Was sollte ich denn machen?! Devie hat schrecklich geheult. Hab ich ein Problem mit!«
»Ich werde den Herrn mit meinem assoziierten Detektiv aufsuchen. Mal sehen, was wir eruieren können.«
Thomasina blickte ihn wie einen fremdsprachigen TV-Moderator an.
»Er und dieser Vitiello kümmern sich darum«, dolmetschte ihre Mutter.
»Fein! Vielen Dank. Sie sind der Größte, Mister MacDonald! Da gibt es allerdings ein Problem …«
Als Alberto die Villa Buongiorno betrat, rief er. »Peter Pirie, der Ire! Dass ich nicht früher daraufgekommen bin.«
Maria rannte ihrem Mann entgegen. »Ist alles in Ordnung?«
»Hab mich selten besser gefühlt.«
»Darf man deine Freude teilen?«
»Ich habe einen Klempner aufgetrieben!«
»Sitzt er in deiner Jackentasche?«
»Princess Street«, sagte Alberto.
»Ist das nicht die Einkaufsstraße in der Innenstadt?«
»Haha, sehr gut! Erinnerst du dich an die Firma Robertson?« »Si, mein Gatte hat die Installateure aus dem Haus geworfen.«
Alberto atmete kräftig durch. »Zu Beginn, mit diesem jungen Klempner, lief alles tadellos. Peter arbeitete gut und schnell. Heute ist er auf der Princess Street an mir vorbeigefahren. Wie es aussieht, hat er sich selbstständig gemacht. Nun muss ich nur noch seinen Nachnamen und die Geschäftsadresse ausfindig machen.«
»Eine weitere Herausforderung für Alberto Vitiello.«
Das Telefon klingelte.
»Die Ironie habe ich überhört, liebe Frau.«
Maria reichte ihm das Telefon. »Hast du Zeit, ein Gespräch zu führen?«
Alberto nickte. »Pronto. Du bist es, Angus. Schon wieder ein Fall für uns kulinarische Detektive? Ich weiß nicht so recht.«
Maria drückte sich die Hände auf den Kopf und rannte in die Küche. Diese Zeremonie kannte sie zur Genüge. Er wollte von Angus ausgiebig um Hilfe gebeten werden.
»Du kämst also ohne mich nicht aus? Sisi, dann mache ich natürlich mit. Wie, jetzt gleich? Da muss ich Maria fragen …« Alberto riss die Tür zum Garten auf, doch seine Frau fand er nicht. »Angus, bist du noch dran? Sie muss hinten in ihrem Gewächshaus sein. Nein, warum sollte Maria etwas dagegen haben? In zehn Minuten also. Ciao.« Wie hatte Angus das gemeint: Indien ist in Not? Bei ihrem ersten Fall1 wäre er im Zuge der Ermittlungen in einem indischen Restaurant fast gestorben, so scharf war das Curry Vindaloo! Sein Freund erwartete doch hoffentlich nicht, dass er erneut sein Leben aufs Spiel setzte?
MacDonald war wieder auf die Minute pünktlich, rangierte seinen tuckernden Käfer in eine Parklücke. Die Aktenmappe in der Linken, klingelte er dezent. Vitiello riss die Tür auf und sprudelte los. »Hab überhaupt keine Zeit, muss einen Klempner auftreiben.«
»Freut mich ebenfalls, dich zu sehen, Alberto. Darf ich reinkommen?«
»Natürlich, entschuldige.«
MacDonald nickte. Er hatte eine Vermutung, was das Problem war.
»Ich mache uns Tee«, sagte Alberto umgänglicher.
»Schwarztee bitte!«
Vitiello schüttelte den Kopf. »Anderen habe ich gar nicht. Es ist sehr einfach, Angus: In dieses indische Restaurant gehe ich nie mehr im Leben. No, no!«
Bombay Palace hatte längst geschlossen. Nur das Kebab Mahal hielt sich mit seinen exzellenten Speisen am Nicholson Square und sollte dort oder anderswo eine Ermittlung notwendig werden, würde MacDonald sich darum kümmern. »Natürlich, mein Freund.«
»Versprochen?«
»Aber ja. Mach dir keine Sorgen.«
»Molto bene. Miss Thomasina steckt also in Schwierigkeiten?«
»Eine Freundin von ihr. Sie heißt Devasree Panicker.«
»Der Name kommt mir bekannt vor.«
»Vielleicht hast du dir schon einmal die Produkte ihres Papas einverleibt. Er fabriziert Fertigsoßen, Chutneys, Pickles und dergleichen Dinge. Alle tragen sein glückliches Konterfei.«
»Solche Sachen esse ich nicht.«
Angus räusperte sich, denn Pesto im Glas kaufte sein Freund durchaus. »Wie auch immer. Ein Unhold versalzt sein erfolgreichstes Produkt, die Pathia-Soße, und wir müssen herausbekommen, wer es ist.«
»Was sagt denn Karen dazu?«
»Wozu?«, fragte MacDonald unleidlich.
»Allora, diese junge Dame wohnt bei dir und nun kümmerst du dich auch noch um ihre Freundinnen …«
»Frau Mutter ist als Anstandswauwau präsent, wie du sehr genau weißt.«
»Du solltest ihr etwas Schönes schenken, Angus.«
»Wem, Miss Thomasina?«
Alberto drohte ihm spaßeshalber mit dem Zeigefinger. »Verbrenn dich nicht. Karen meine ich natürlich.«
»Ihr Geburtstag ist erst in ein paar Monaten.«
»Eine Geste der Versöhnung, etwas Romantisches.«
»Doch keinen Ring? Das wirkte überstürzt!«
»Angus, willst du mich nicht verstehen?«
»Doch, doch, ich habe Karen bereits zu einem Dinner eingeladen.«
»Ich bezweifle, dass ein Abendessen reicht, Frau Doktor wegen deiner verschleppten Diät gnädig zu stimmen. Habt ihr einen Termin ausgemacht?«
»Nein, sie wollte sich noch melden.«
»Da haben wir es schon. Lass dir vom verheirateten Mann etwas sagen. Zum Abendessen muss auf jeden Fall ein Ausflug kommen.«
»Vielleicht nach Islay. Ich wollte ohnehin wieder bei den örtlichen Destillerien vorbeischauen. In der Bruichladdich-Destillerie machen sie auch Gin. Ihr Werk heißt ›The Botanist‹«, mit 22 handgepflückten Pflanzen der Insel, darunter Stechginster und wilde Minze. So wunderbar!«
»Das Geschenk soll für Karen sein und nicht für dich! Jetzt habe ich es: eine Bootstour.«
»Auf dem Meer?«
»Nein, vergiss Islay, besser eine Fahrt auf unserem Kanal.«
»Wer sollte den Motor starten? In solchen Dingen bin ich völlig unerfahren.«
»Dann mietest du eben ein Ruderboot oder ein Paddelboot mit aufgeschraubtem Fahrrad. Gestern habe ich in der Zeitung gesehen, dass es das jetzt auch gibt.«
Welch körperliche Anstrengung!, dachte MacDonald. »Einverstanden, das mache ich.« Ein Schluck Schwarztee heiterte ihn auf. »Zurück zum Thema: Ich habe über Panicker recherchiert. Interessiert dich das Resultat?«
»Ma si, aber ja! Schieß los.«
»Schön. Der Mann ist vor 40 Jahren aus Indien nach Edinburgh gekommen, übte alle möglichen Gelegenheitsjobs aus und gründete dann eine kleine Import-Export-Firma.
»Keine Probleme mit Rassisten?«, wollte Alberto wissen. »South Queensferry ist ein verschlafener kleiner Teil Edinburghs, und mit den vielen neuen Immigranten …«
»Nein, Panicker integrierte sich gut. Er und seine Frau haben zwei Söhne und eine Tochter. Die Söhne sind Mitte dreißig, die Tochter ist Anfang zwanzig. Eine Geschichte, auf die ich bei meiner Recherche immer wieder stieß, geht folgendermaßen: Als die Jungs noch klein waren, kehrte einer von beiden einmal völlig aufgelöst aus der Schule zurück, weil er wegen der schlechten Qualität indischen Essens gehänselt wurde.«
»War das Curry zu scharf?«
»Warte bitte. Der Mitschüler bezog sein Wissen vom Verzehr eines abgepackten Curry. Mister Panicker ging schnurstracks in den nächsten Supermarkt und erwarb ebenfalls eine Packung. Die Familienmitglieder probierten es und spuckten aus. An diesem Tag entstand der Plan für eine zweite Firma, welche den Reichtum der Familie begründete. Der Herr des Hauses komponierte am eigenen Herd die Pathia-Soße und verfeinerte sie über die nächsten Tage. Panicker fuhr zur nächsten Sainsbury’s-Filiale, wo er mit dem Manager zu sprechen begehrte. Der wies ihn darauf hin, dass in Großbritannien ohne Termin kein Meeting stattfindet. Panicker nutzte den nächstmöglichen Zeitpunkt, zwei Wochen später. Nicht bei Sainsbury’s, sondern, Strafe musste sein, bei Waitrose. Der dortige Manager, ein reservierter Zeitgenosse, probierte, nahm zwei Nachschläge und am Ende hatte er die Soße fast alleine gegessen.«
»Hm.« Alberto fuhr sich mit der Hand übers Kinn.
»Was ist?«
»Ist das auch deine Meinung? Es handelt sich um Industrie-Essen …«
»Ich habe nur zitiert«, erwiderte MacDonald diplomatisch.
»Hat er noch weitere Abnehmer?«, wollte Alberto voller Misstrauen wissen.
»Tesco zum Beispiel.«
»Ho capito. Wenn sie so gut im Geschäft sind, gibt es viele Feinde. Wusste der Manager damals, dass er die Soße zu Hause kocht?«
»Ich könnte mir vorstellen, dass sie sich in dieser Beziehung irgendwie durchmogelten. Panicker besaß ja bereits die Import-Export-Firma und ein findiger Geschäftsmann kann bei einer Zusage schnell neue Räumlichkeiten mieten.«
»Oder der Manager des Supermarktes war auch Inder …«
»Wie gut, dass wir keine Vorurteile haben!«
»Genau! Aber woher weiß der Konservenkönig, dass seine Soße nur versalzen ist? Vielleicht wurde noch mehr manipuliert. An seiner Stelle würde ich sie in einem Labor analysieren lassen.«
»All das werden wir ihn fragen. Wobei es nicht einfach sein wird, denn er ist ein Patriarch, der selbst guten Rat als Einmischung in persönliche Angelegenheiten betrachtet. Thomasinas Freundin hat ihr erzählt, dass er fuchsteufelswild werden kann. Wir treffen ihn morgen früh um zehn Uhr.«
»Sag mal, ist die indische Miss ebenso hübsch wie Thomasina?«
MacDonald fuhr sich durchs Haar. »Ich, äh, habe sie noch nicht gesehen. Diese Devasree möchte gerne heiraten und wegen der Kalamität des Herrn Papa ist das gegenwärtig nicht möglich.«
»Wer hat unser Treffen arrangiert?«
»Die Tochter. Ohne sein Wissen. Ich werde offiziell als Autor erscheinen, der ein Buch über die indische Küche schreibt.«
»Si, und ich?«
»Du bist mein Assistent.«
»Grazie! Das ist ja nichts Neues! Aber wie sollen wir den Mann dazu bringen, von seinem Problem zu erzählen, wenn er so schweigsam und eigenwillig ist?«
»A body can like a haggis weel eneuch that wadna like the bag blaudit on his chafts.«
Mäßigkeit erhält den Leib.
1 »Das Auge des Feinschmeckers«
Breakfast de Luxe
Angus hatte Alberto vorgeschlagen, ihn um acht Uhr zu Hause in Fountainbridge abzuholen. Das wies er von sich, wollte erst nach getaner Arbeit kommen: »Ich muss Spiegeleier braten für meine Gäste!« Also saß MacDonald alleine im Restaurant »Orocco Pier« in South Queensferry und ließ sich sein überreichliches schottisches Frühstück schmecken: Würstchen, Schinken, Spiegeleier, Tomate, Pilze, Tattie Scone, würzige Bratkartoffeln, Haggis, Black Pudding und Bohnen.
»Molto interessante! Ist das deine neue Fett- und Salzdiät?« Alberto war im Stillen an den Tisch getreten und reichte seinem Freund eine Visitenkarte mit einem kleinen, mittigen Foto: Alberto im Zugspeisewagen.
»Dr. Spiegel-Ei«, las Angus laut vor. »Du hast dein Vorhaben also in die Tat umgesetzt. Der Mann, der 60.000 Eier briet. Was bedeuten K. A. und C. S.?«
»K. A. steht für Kitchen Administration und C. S. ist Common Sense. Heutzutage heißt sogar ein Putzgehilfe Cleaning Manager. Da muss ich mit meinen Fähigkeiten nicht hinter dem Berg halten.«
»Der Bindestrich zwischen Spiegel und Ei ist orthographisch falsch, wenn ich das bemerken darf.«
»Weiß ich, aber man muss den Menschen immer etwas zum Nachdenken geben.«
Angus strich den Zeigefinger über die Nasenspitze. »Es wäre mir fast lieber, du händigst bei unserem Meeting keine Karte aus. Nicht alle Menschen haben Sinn für Humor.«
Vitiello schüttelte den Kopf. »Verrätst du mir jetzt, wie du den Mann zum Plaudern bringst?«
»Lass dich überraschen.«
Alberto, der mit Geheimnissen schwer zurechtkam, sprang vom Stuhl auf. »Wir können zu Fuß gehen. Es ist nicht weit. Hab’s mir im Internet angesehen. Wir marschieren die Hauptstraße entlang und nach einer Weile rechts hoch. Ein kleiner Verdauungsspaziergang wird dir guttun, amico.«
Kalorien benötigte MacDonald als Arbeitsgrundlage. Warum sollte er sie mutwillig verbrennen? Hanebüchen! Die malerische High Street war ihm eine Erquickung. Ihre Häuser auf der höher gelegenen, anderen Seite hatten die Bewohner schön weiß gestrichen, unverputzt belassen oder nur in der unteren Hälfte mit Farbe versehen. Ein angenehmer Kontrast, der MacDonald an sein geliebtes Wohnviertel Dean Village erinnerte. Nach wenigen Metern blieb er stehen.
»Willst du dir noch ein Sandwich als Wegzehrung kaufen, Angus?«
»Haha, wie originell, nein, auf die Forth Road Bridge sehen. Sieh nur, wie hinreißend.«
»Ich kenne die Brücke, von weitem, als Autofahrer und darüber geflogen bin ich auch schon häufig. Ein bisschen Weg haben wir aber noch vor uns …«
»Ist gut, Alberto. Sag mal, hast du in der letzten Zeit etwas von meinem Dad gehört?«
»Io? Er mag mich nicht besonders, wenn ich dich daran erinnern darf?«
»Irgendwie kann ich mich des Gefühls nicht erwehren, dass er uns von der anderen Seite aus beobachtet.«
»Nur weil er in North Queensferry wohnt, bedeutet das kaum, dass er ständig mit dem Feldstecher am Ufer sitzt. Stellt er noch der alten Armour nach?«
»Ist das eine Redeweise! Ich weiß es nicht. Sie gibt mir keine Antwort und er sendet mir schottische Weisheiten.«
»Molto interessante! Hauptsache, er will uns nicht wieder bei den Ermittlungen helfen. Jetzt müssen wir rechts abbiegen und den Hang hoch.«
»Ojemine!«
»Ist es das erste Mal, dass Panicker in geschäftlichen Schwierigkeiten steckt?«, fragte Alberto, und ging auf das theatralische Gestöhne nicht ein.
»Soweit ich weiß, ja. Thomasina meint, wir sollen den Gentleman bauchpinseln. Inder mögen es, wenn man zum Beispiel ihr Land und Essen lobt.«
»Mit dem Essen ist das so eine Sache …«
»Keine Sorge, ich werde die Introduktion übernehmen. Vergiss nicht, du bist mein Assistent.«
»Wir sind da, Angus! Sieh dir diese Villa an. Hat bestimmt ein Vermögen gekostet. Sein Geschäft scheint gut zu gehen. Komm, wir gehen einmal um das Grundstück herum.«
»Puh«, erwiderte MacDonald und schleppte sich hinterher. Panickers Anwesen durfte man mondän nennen: mehrere aneinandergereihte Häuser, mit Flachdach und schrägen Vordächern, die auf Säulen ruhten. In Indien wären sie hundert Jahre zuvor nicht aufgefallen. Dem schottischen Regen waren die saftigen und perfekt ziselierten Grünanlagen zu danken. Vor der Tür parkten ein goldener Rolls Royce und ein weißer Ambassador mit den personalisierten Kennzeichen P – AP 1 und P – AP 2. »Nicht zu fassen!«, sagte Angus und beäugte den gut fünfzig Jahre alten, geräumigen Oldtimer. Seiner rundlichen Form halber nannte man ihn auch schwangerer Büffel.
»Zwei Wagen, ja«, antwortete Alberto, für den ein Auto nur der schnellen und bequemen Fortbedienung diente, trocken.
»Einen Amby sieht man in Edinburgh nicht alle Tage!«
»Altes Auto, neu lackiert.«
»Weit gefehlt. Ein Ambassador darf Unikat genannt werden. Sein Besitzer fühlt sich in die Fünfziger Jahre gezaubert.«
Hinter den Gebäuden lag ein ausgedehnter Garten. Exotische Früchte fehlten, doch mit zwei geräumigen Treibhäusern wehrte sich der Besitzer gegen den meteorologischen Nachteil. »Im Vergleich sind die Peperoncini in unserem Gewächshaus Zwerge. Gut, dass Maria das nicht sieht. Sie würde Depressionen bekommen. Ich frage mich, ob er den Schuppen heizt.«
Angus zückte sein gutes Baumwolltaschentuch im Familientartan, tupfte sich die Schweißperlen von der Stirn und drückte mit Zeige- und Mittelfinger auf den großen Klingelknopf.
Ein Diener in maßgeschneiderten, schwarzen Hosen, weißer Livré und Handschuhen öffnete die Tür. Er war offensichtlich überrascht, die Herren zu sehen. »Sie wünschen?«, fragte er mit schottischer Intonation.
Von seiner immens großen Nase und dem stark geölten Haar waren beide Besucher irritiert. »Wir, äh, haben eine Verabredung mit Mister Panicker.«
»Treten Sie bitte ein, Gentlemen, und nehmen Sie Platz.«
»Wo sollen wir uns denn hinsetzen?«, flüsterte Alberto.
»Wäre es hier kommod, mein Herr?«, fragte der Diener und zog einen großen Vorhang zur Seite: zwei vollschlanke Sessel und ein Sofa tauchten auf. Auf einem der Sessel stand ein gelbwurzfarbener Karton mit Pathia-Soße, den er eilig an sich nahm. »Wer den wohl hier vergessen hat?«, sagte er mehr zu sich selbst. »Ich bin gleich zurück, Gentlemen.«
Alberto sah zu Angus, der nickte, weil ihm dieses Benehmen auch ungewöhnlich vorkam.
»Mister Panicker wartet in seinem Arbeitszimmer. Wenn Sie mir bitte folgen wollen?« MacDonald erhob sich ächzend. Die Hand, mit der Alberto ihn hochziehen wollte, wies er ab. Sie gingen im Gänsemarsch durch eine majestätische Halle, geflutet von mehreren Kronleuchtergebinden. Die monatliche Stromrechnung musste horrend sein und Vitiello wollte auch gar nicht daran denken, was ein Palast dieser Größe kostete, teure Tapeten mit indischen Ornamenten, tadellos gebohnertes Parkett und erst die Antiquitäten, mannshohe Standuhren, ausgestopfte Tierköpfe, Ritterrüstungen; insgesamt ein Sammelsurium zweier Länder des ehemaligen Empire: Indien und Großbritannien. Das Haus hätte einem Raj gehören können, jenen Briten, die sich in ihrer Kolonie einst jedweden Luxus gönnten.
Nach etwa zehn Metern blieb der Butler vor einem hohen, verhüllten Gegenstand stehen. »Ich muss Sie nun inspizieren, meine Herren.«
»Was hat er gesagt?«, fragte Alberto.
»Dass ich Sie inspizieren muss.«
Der Italiener schüttelte den Kopf. »Angus, red du bitte mit ihm.«
MacDonald, über das seltsame Begehren ebenso erstaunt, hob an: »Das wird nicht nötig sein. Mister Vitiello und ich sind friedliebende Menschen.«
»Es tut mir sehr leid, doch Mister Panicker hat mir strikte Anweisung gegeben.«
Alberto sah seinen Freund frustriert an.
Der Butler zog das Tuch zurück. Eine Security-Tür mit Beistelltischchen! »Wir wollen keine Flugreise antreten«, informierte MacDonald ihn und starrte die Utensilien an.
»Sie haben einen guten Sinn für Humor, Mister MacDonald. Wenn ich das sagen darf. Unsere Sicherheitsbestimmungen sind zugegebenermaßen dieselben. Schlüssel, Münzen und dergleichen Dinge legen wir bitte in das Kästchen auf dem Tisch. Dürfte ich auch um Ihre Aktenmappe bitten, Sir?« Er nahm an dem Tischchen Platz und sortierte ohne eine Gefühlsregung den Inhalt der Mappe: »Ein Notizbuch, Lederetui mit Füllfederhalter und Kugelschreiber sowie ein Päckchen Minzbonbons für frischen Atem.«
MacDonald zog sein Portemonnaie aus dem Harris-Tweed-Jackett und reichte es ihm. Der wichtigste Gegenstand würde unbemerkt in den Weiten seiner Innentaschen verbleiben …
Alberto sah ihm zu. Wenn er sich zum Gespött machen wollte, war das seine Sache! Als ob es nicht genügte, dass er die Fregatte bei sich wohnen ließ, um seine Chancen bei der jungen Frau zu steigern.
Angus ging durch die Tür. Der Diener bat ihn, die Arme zu heben, was er bereitwillig tat. Nun war Alberto an der Reihe.
»Wenn Sie so freundlich wären, Gentleman?«
Vitiello knirschte mit den Zähnen und warf mehrere Ein-Pfund-Münzen mit Wucht in das Kästchen. Dann ging er ebenfalls durch die Tür.
»Ich danke Ihnen, meine Herren. Es ist alles in Ordnung.«
»Bleibt die Tür hier stehen?«, erkundigte der Italiener sich. Angus schob ihn weiter. Sie gingen um die Ecke, dann noch einmal, und nach MacDonalds Berechnung befanden sie sich jetzt auf der Rückseite des Hauses, dem Garten zugewandt. Über der Bürotür des Hausherrn hing ein sinnträchtiger Spruch: A puir man is fain o little.
»Was heißt das?«, raunte Alberto, der kein Scots sprach, seinem Freund zu.
»Ein armer Mann schätzt auch kleine Dinge«, antwortete Angus leise.
»Porca miseria! Das sagt sich leicht, wenn man Multimillionär ist!«
»Haud yer wheesht! Schweigen sollst du! Gute Manieren sind kein Luxus, sondern die Säulen jeder zivilisierten Gesellschaft.«
Trainierte Nonchalance ließ den Diener diesen Zwischenfall ignorieren. Er zeigte mit gestrecktem Arm zur Tür. »Wenn die Herren so weit wären …?«
MacDonald nickte großbürgerlich. »Unbedingt!«
Das Faktotum öffnete die dicke Eichentür. »Sir, Mister MacDonald und sein Begleiter sind bereit.«
Panicker blickte von einem Stapel Unterlagen auf, stand auf und kam ihnen mit gewaltigen Schritten entgegen.
Meine Güte, Demonstration des gestressten Businessman!, dachte Vitiello.
»Wie freue ich mich, Sie zu sehen, Misder MacDonald.« Er zeigte zwei Reihen unnatürlich perfekter Zähne. »Nichd jeden Dag hat man einen Verdreder der schreibenden Glasse im Hause. Einen Mann wie mich, der nur bescheiden Lebensmiddel verkaufd, ehrd das sehr.«
Angus wusste sofort, warum sein Freund den Zeigefinger hob. Er wollte fragen, was Verdreder und Glasse bedeuteten. Also hauchte er ihm die Information zu: »Vertreter und Klasse.« In Kombination mit Panickers Oxford-Akzent wirkte diese indische Eigenart drollig. Nach dem Gespräch sollte er Alberto erklären, dass ein Inder es extrem übel nahm, wenn sein Gegenüber den Finger hob.
»Sie sind …?«, fragte Panicker in Albertos Richtung.
»Alberto Vitiello.« Er reichte ihm mit der linken Hand seine Visitenkarte.








