Currys für Connaisseure

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»Chi-chi!«, sagte Panicker chilischarf und hielt das Kärtchen zwischen Daumen und Zeigefinger von sich weg. »Dogdor Spiegel-Ei. Wie inderessand.« Er schnippte die Karte auf den Schreibtisch.
Angus sah sich, auf der dringenden Suche nach Konversationsstoff, im Zimmer um. An der Wand hing ein riesiges, goldgerahmtes Foto: Der Thronfolger schüttelte Panicker die Hand. »Kennen Sie Prinz Charles?«
»Er isd in der Dad ein guder Freund. Für meine bescheidene Undersdüdzung der bridischen Undernehmer mit indischem Hindergund had mir seine Mudder den Didel MBE verliehen. Eine viel zu große Ehre, würde ich sagen. Aber bidde, wie gönnde ich unserem Gönigshaus etwas abschlagen? Man weiß auch nie, was in den Sdernen stehd. Vielleichd werde ich eines Dages noch mehr geehrd. Harde Arbeid machd sich bezahld! Das sollden gerade junge Menschen sich hinder die Ohren schreiben!«
Die beiden Detektive warteten auf weitere Ausführungen, vergeblich.
»Was bedeuded das G. A. auf Ihrer Visidengarde, Misder Vidiello?«
»Mein Freund ist zu bescheiden, darüber zu sprechen«, sagte MacDonald. »Stimmt es nicht, Alberto?«
»No, senza problema, es steht für …«
»Mister Vitiello ist ein Experte im gastronomischen Bereich, besitzt ein Hotel.«
»So?«, antwortete Panicker, sichtlich interessiert. »Dann sind wir also beide Geschäfdsleude. Nadürlich, ohne sie zu beleidigen zu wollen, Misder MacDonald.«
»Überhaupt nicht, mein Herr.«
»Als Hodelier besidzen Sie besdimmd einige audhendische Rezebde, Signor Vidiello?«
»Si, aber eher italienische …«, erwiderte Alberto zaghaft und sah zum Photo vom Thronfolger. »In meinem Garten wohnt auch ein Charles!«
»Oh ja? Namensvedder des Prinzen?«
»Nein, mein Fasan.«
»Ich wussde nichd, dass man in einem schoddischen Hodel solche Deligadessen bekommd.«
»Charles ist ein Haustier!«
»Machd er viel Schmudz?«
»Nennen wir ihn eben Gartentier, aber geschlachtet wird er nicht!«
MacDonald schüttelte den Kopf. »Mister Panicker, wir möchten Sie nicht um Ihre kostbare Zeit bringen. Wäre es möglich, dass wir über den Anlass meines Besuches sprechen?«
»Selbsdversdändlich. Sie schreiben ein Buch, ja?«
»Die indische Küche«, stotterte MacDonald. Fast hätte er vergessen, was seine Tarnung war! »So ist es.«
»Wir haben eine Vielzahl von Exberden, die Ihnen helfen gönnen. Werden Sie unsere Firma im Buch nennen?«
Fragte Panicker plump oder sehr plump, und wer würde ihm nun Auskunft geben? Der Meister oder ein Angestellter? »Bei den Danksagungen. Natürlich, ist doch Ehrensache, Sir.«
Panicker grinste. »Ehrlich währd am Längsden. So denge ich auch, und schlimmer, als eine schlechte Dad zu begehen, ist, sie zu leugnen.«
»Also, äh …«
»Gud, gud, was möchden Sie wissen?«
»Sie kommen aus Mumbai?«
»Wo ist das denn?«, fragte Alberto.
»Im bridischen Embire als Bombay bezeichned, Misder Vidiello.«
»Im Norden. Stimmt’s? Trotzdem haben Sie eine schöne Bräune.«
Der Geschäftsmann hob die Hände in die Luft und blickte dann interessiert auf seinen Laptop. »Was haben Sie gesagd?«
»Ich dachte, nur Südinder haben so einen schönen Teint. Zumindest ist das im Internet so zu lesen.«
MacDonald wusste, dass es jeden Moment zu spät sein konnte, den Joker zu zücken und griff in sein Jackett.
Panicker beobachtete ihn unauffällig. »Bas! Gendlemen, ich bin undrösdlich. Gerade habe ich eine E-Mail erhalden, die mich zur Fabrik rufd. Wir müssen unser Gespräch leider verschieben.«
MacDonald sah, nach Fassung suchend, von Panicker zu Alberto und zurück, räusperte sich umständlich. Dem Mann von Welt war klar, dass nichts mehr zu machen war. Versalzene Suppe! »Sie müssen entschuldigen, Sir. Mein Freund ist etwas zerstreut, hat sanitäre Probleme und sucht dringend einen Klempner, der ihm ein Badezimmer installiert.« Etwas Besseres fiel ihm auf die Schnelle nicht ein. Alberto hatte es vermasselt!
»Darf man fragen, was sich der Herr bei seinen Beleidigungen dachte?«, fragte Angus auf dem Weg zum Wagen. Ein kleiner Trost war, dass es nun erst einmal bergab ging.
»Was willst du denn von mir? Hab überhaupt nichts getan!«
»Schön, beginnen wir mit dem Anfang. Du gibst Mister Panicker deine Visitenkarte mit dem erfundenen Titel und benutzt dazu die linke Hand!«
»Ja, und?«
»In Indien wird die für gewisse sanitäre Zwecke benutzt.«
»Red deutlich. Ich kann dir nicht folgen.«
»Den Popo wischt man sich damit, wenn du es genau wissen willst!«
»Pfui, Teufel! Wie ekelhaft! Warum denn? Es gibt so viele Sorten Toilettenpapier, farbig, grau, geblümt. Da findet jeder seinen Typ.«
»Andere Länder, andere Sitten. Uns muss es nicht kümmern.«
»Meinst du, Panicker macht das auch?«
»Ich vermute nein. Nur gibt es eben in seinem Land eine sehr lange Tradition, den Mitmenschen die rechte Hand zu reichen. Vom Standpunkt der Hygiene ist es nach Ansicht mancher Experten gar nicht so verkehrt.«
»Silenzio! Mehr muss ich über das Thema nicht wissen.«
»Um die Liste deiner Fauxpas abzuschließen: Sage einem Inder niemals, dass er eine schöne Bräune hat.«
»Was ist daran so falsch, Schlaukopf?«
»Die Menschen der niedersten Kaste sind meist dunkelhäutig. Der Absatz an Cremes, welche die Haut aufhellen, ist in Indien allgemein sehr hoch.«
»Ist das alles difficile. Da kann ich nur hoffen, dass ich keine indischen Gäste bekomme.«
»Was haben wir für unseren Fall gelernt?«
»Niente? Nichts.«
»Ich widerspreche. Mister Panicker war sehr aufgeregt. Hast du das komische Geräusch nicht bemerkt?«
»Natürlich, aber ich dachte, es sei vielleicht ein Haustier.«
»Nein, als Katzenfreund kann ich dir versichern, dass es diese Tiergattung nicht war und sicher auch kein Hundchen. Panicker hat sich unter dem Tisch vehement die Hände gerieben.«
»Ein nervöser Tick?«
»Möglich.«
»Wie wolltest du ihn denn zum Sprechen bringen, Angus?«
»Ich hatte vor, ihm ein Gläschen von mir versalzene Pathia-Soße zu präsentieren.«
»Ho capito. Damit er uns sein Herz ausschüttet.«
Angus verschwieg seinem Freund, dass Panicker die Spitze des Gläschens sah und eventuell deswegen die Konversation abbrach: Alberto hätte sich wieder bitter beschwert, nicht eingeweiht worden zu sein. Wie man sah, gelang es ihm aber auch ohne alle Informationen blendend, sich in die Nesseln zu setzen! Eine simple Erklärung für Panickers Verhalten wäre also: Er wollte seine Angelegenheiten alleine regeln. Oder er glaubte an die Geschichte mit dem Kochbuch und ärgerte sich über Albertos ungebührliches Benehmen. »Was sagst du zu dem Karton, den der Butler wegbrachte?«
»Wenn der bei mir arbeiten würde!«
»Schlichte Nachlässigkeit also? Ich frage mich, ob es sein Karton war.«
»Glaube ich nicht. Eher ein Geschenk des Inders für irgendjemanden.«
Eine Schnellantwort, über die Alberto nicht nachgedacht hatte. In der letzten Zeit verhielt er sich oft unbesonnen, und MacDonald ging davon aus, bei diesem Fall den Löwenanteil der Ermittlung übernehmen zu müssen. »Noch etwas: Panicker scheint mit einem noch bedeutenderen Titel als MBE zu rechnen. Schlechte Publicity kann ihm sehr schaden.«
»Was denn für ein Didel bitte?«
»Darüber könnten wir spekulieren. Doch ein kluger Detektiv ermittelt.«
»Ich verstehe nicht, warum Panicker diskrete Hilfe ablehnt. Benutzt er die verdorbene Soße als Vorwand, um den Bräutigam zu schmähen?«
»Daena teach yer Granny tae souk eggs!«
Das Ei will klüger sein als die Henne!
Hausgemachte Probleme
MacDonald brachte Alberto nach Fountainbridge und beschloss, den Rest des Tages ebenfalls zu Hause zu verbringen. Nach dem unergiebigen Treffen hatte er sich eine Stärkung verdient. Alle Alkoholika lagerten im Tresor namens Leibwächter, offiziell zur Wahrung von Unterlagen erworben – im Keller! Seine kleine Flüssigreise nach Aberdeenshire machte ihm einen Heidenspaß. Indian Summer Gin vereinte unter anderem Koriander, Zimt, Orangenschalen und Safran! Drei Stunden später wachte er ob eines eigentümlichen Geräusches im Bett auf. Spatenstiche? Was kümmert es mich?, dachte er und schnarchte weiter. Weil ein Fenster leicht geöffnet war, weckte ihn ein stechender Geruch endgültig auf. Er nahm seine Schlafmaske ab, ging zum Fenster und rieb sich die Augen. Handelte es sich um drei Gläschen Pathia-Soße, die sie einbuddelte, oder ein durch Schläfrigkeit induziertes Trugbild? Er schlüpfte in seine Pantoffeln und zog den Bademantel an. Niemals zuvor gelangte er so schnell in den Garten. Miss Armour trug Blue Jeans, klobige Gummistiefel und natürlich ihren unvermeidlichen Pullover. Ob sie ihn je auszog? Je näher er kam, umso schlimmer wurde der Gestank. Er rührte von dem Erdhaufen, den sie in weiten, ausholenden Bewegungen mit einer Schaufel verteilte. MacDonald zog den Gürtel seines Mantels straffer. Von den Gläschen war nichts mehr zu sehen. »Darf man erfahren, was für ein seltsames Happening Sie in meinem Garten veranstalten?«
Miss Armour war so sehr in ihre Arbeit vertieft, dass sie ihn, obwohl nur wenige Meter entfernt, nicht bemerkte.
»Hallo! Hallo! Wäre es möglich, mit der Ökotrophologin Armour zu sprechen? Es geht um Fragen der Gesundheit.«
Seine Mitbewohnerin rammte die Schaufel in den Boden. »Ja, bitte?«
»Vergraben Sie Pathia-Soße?«
»Auf keinen Fall!«
»Schön, aber wer trug Ihnen auf, meine Grünfläche zu kontaminieren?«
»Thommie hat mir gesagt, dass Sie dem Projekt Ihren Segen erteilten.«
»Gut, nehmen wir einmal an, es sei so gewesen, mit welcher Intention?«
»Sie stellen komische Fragen! Um Gemüse anzubauen natürlich. Kein Mensch dieses Planeten wird erleben, dass ich mit künstlichem Dünger hantiere. Gesunde Ernährung beginnt auf der eigenen Scholle!«
»Sagt wer?«
»Angus Thinnson MacDonald schrieb es.«
Hatte sie in seinen Unterlagen gestöbert, den Computer durchforstet? »Wann habe ich denn die Erlaubnis erteilt?«
»Vorgestern«, antwortete Miss Armour und stützte sich auf der Schaufel ab.
»Schön, machen Sie weiter. Vielleicht könnten Sie sich aber etwas beeilen? Der Gestank ist beträchtlich.«
»Gut Dung will Weile haben.«
»Sagte ich das auch?«
»Weiß ich nicht!«, antwortete sie und warf die Schaufel wieder in die Luft. »Karen wird nichts gegen meine natürliche Kompostierung haben, oder?«
Meine Güte!, dachte MacDonald. Schon einige Zeit hegte er den Verdacht, dass sie Frau Doktor gegen ihn aufhetzte. Von Thomasinas dauernder Präsenz in seinem Haus wusste Karen nichts. Alberto hatte deshalb, als er ihn danach fragte, in ein Hornissennest gestochen. Ihm wiederum hatte niemand erläutert, womit die junge Dame ihren Lebensunterhalt bestritt, und jetzt noch zu fragen, wäre unpassend gewesen. Im Arbeitszimmer rief er William an, um zu eruieren, welchen neuen Titel Panicker sich erhoffte. Als MSP, Mitglied des schottischen Parlaments, hatte sein Bruder gute Kontakte und würde sich gerne für ihn erkundigen.
Alberto wälzte wieder das Branchenbuch. Die Firma Robertson, Klempner Peters letzter Arbeitgeber, befand sich wie die Villa Buongiorno in Fountainbridge und so ging er zu Fuß. Sympathisch war der Laden: Regale aus dunklem Holz, ein spiegelblank gewienerter PVC-Boden und ordentlich gereihte Waren. Mister Robertson, ein dickbäuchiger, blasser Schotte Ende vierzig, stand hinter dem langen Tresen und bediente einen Kunden, nach Albertos Einschätzung allzu geflissentlich. Der hat immer noch ein schlechtes Gewissen, dachte er, gut, dann wird er keine Schwierigkeiten machen. Robertson war anderer Meinung. »Sie wünschen!«, blaffte er ihn an, nachdem der Kunde gegangen war und klappte ein Brett im Tresen, das Alberto erst jetzt bemerkte, kraftvoll nach oben.
Der ließ sich nicht einschüchtern. »Kennen Sie mich noch?«
»Natürlich, der Mann, der uns aus seinem Haus warf!«
»Sie müssen mir helfen«, erwiderte Alberto.
»Ich muss überhaupt nichts!«
»Okay, Sie können mir helfen. Ich möchte nur eine bescheidene Auskunft.«
»Sehe ich wie ein Informationsbüro aus?«
»Bei Ihnen hat Peter früher gearbeitet. Er ist Mitte dreißig und Ire. Man kann ihn gut an seinem Glatzkopf erkennen.«
»Empfehle Ihnen das Branchenbuch!«
»Grazie! Als ob ich das nicht längst studiert hätte!«
»Auf Wiedersehen.«
»Gut gesagt, denn ich komme auf jeden Fall wieder!«
Robertson hatte nicht die geringste Vorstellung, auf was er sich einließ. Alberto suchte das Geschäft in den folgenden Stunden wieder und wieder auf. Jedes Mal kaufte er etwas: Dichtungsringe, dann einen Wasserhahngriff, wieder Dichtungsringe. Wie beiläufig erkundigte er sich bei den Angestellten nach dem netten, jungen Mann Peter. Kurz vor Feierabend verließen Robertson die Nerven. Als er Alberto auf das Geschäft zusteuern sah, rannte er in den rückwärtigen Hof. »Gebt ihm alles, was er will! Ich muss in einem vergangenen Leben schreckliche Dinge begangen haben, dass man mich derart heimsucht! Das ist ja wie in Indien!«, konnte man ihn rufen hören. So kam Alberto zu Peter Piries Telefonnummer. Wie eine Trophäe trug er den Zettel vor sich her und war zu Hause so nervös, dass er sich vertippte und wildfremden Menschen die einstudierte Rede aufsagte. »Vermutlich kennen Sie mich nicht mehr. Mein Name ist Alberto Vitiello. Ich führe ein Guest House in der Leamington Terrace in Fountainbridge. So, ja, ich verstehe, Sie sind kein Klempner. Entschuldigen Sie bitte vielmals.« Beim vierten Anlauf klappte es tadellos. Pirie war am Apparat und er erinnerte sich auch an Alberto, hatte er ihm doch damals ein saftiges Trinkgeld in die Hand gedrückt. Das Erfreulichste aber war, dass er bereits am nächsten Tag die Arbeit aufnehmen würde. Vitiello konnte es kaum fassen und selbst Maria war überwältigt. Allerdings kannte sie die Konditionen für den Auftrag nicht …
Als MacDonald am nächsten Morgen erwachte und das Schlafzimmerfenster öffnete, hatte sich der Gestank etwas verflüchtigt und im Erdgeschoss wurde gehämmert. Keine Frage, wer es war: Miss Armour rückte einer pestidizierten Flugananas zu Leibe! Er ging ins Badezimmer und duschte. Seitdem die Damen bei ihm wohnten, empfand er es als unschicklich, sein Frühstück im Bademantel einzunehmen. Er kleidete sich an und sah wieder in den Garten. Sir Robert, sein fuchsroter Kater, ließ sich seltener denn je blicken. Mit Miss Amour stand er auf Kriegsfuß, spürte, dass sie ihn nicht mochte. MacDonald schritt nach unten. Vor der Küche holte er tief Luft. »Guten Morgen.« Seine Nemesis hockte mit einer Kokosnuss auf dem Boden. »Wie ich sehe, sorgen Sie für Abwechslung auf Ihrem Frühstücksteller.«
Armour senior nickte heftig. Einem Menschen mit schwächerer Halsmuskulatur wäre der Kopf weggepurzelt. »Eben schnaubten Sie wie ein Wasserbüffel.«
»Wenn Sie meinen, dass ich … oh, guten Morgen, Miss.« Thommie war ins Zimmer getreten. Ihren Kopf krönte ein Turban und der Rest des Körpers war mit einem T-Shirt bedeckt, das weit oberhalb der Knie endete. Schuhe oder Socken trug sie keine. Angus wusste nicht, wie er diese leichtschürzige Kostümierung ignorieren sollte.
»Hallo, Mister Mac. Haben Sie gut geschlafen?«
Er räusperte sich. »Oh ja, danke. Sie hoffentlich auch? Ist Ihnen nicht kalt?«
Sie schüttelte den Kopf, weitaus reizender als die Frau Mama, und holte sich Cornflakes aus dem Schrank, die sie ohne ein Quentchen Milch fingerspitzig zu sich nahm, stehend, mit Blick in den Garten. Im Gegensatz zum Hausdrachen mochte die junge Frau Sir Robert. Ihre Mutter hob zum finalen Schlag an und spaltete die Kokosnuss in zwei Teile. Kein Wunder, dass sein Kater das Weite suchte. »Es ist geschafft!«
»Darüber sind wir alle sehr froh, Miss Armour.«
»Ihre Gesundheit würde von Vitaminen ebenfalls profitieren! Weil wir gerade beim Thema sind: Haben die Waddells sich gemeldet?«
»Bei mir nicht, äh, ich meine, Sie riefen bislang noch nicht an.« Hohe Zeit für einen Themenwechsel! »Thomasina, wir waren bei Mister Panicker.«
»Super! Hat er Ihnen helfen können?«
»Wobei bitteschön?«
»Er interessiert sich für spirituelle Erleuchtung, hat sogar einen Berater.«
»Wie interessant! Ich bezog mich jedoch auf das Soßenproblem.«
»Die Pathia-Soße?«, fragte sie lächelnd. »Stimmt’s?«
»Äh, durchaus, ja. Leider fand unser Gespräch ein abruptes Ende. Mein Kollege Vitiello setzte sich, seiner Unerfahrenheit mit der indischen Lebenswelt geschuldet, etwas in die Nesseln.«
Thomasina sah ihn mit offenem Mund an. Ihre Mutter, die länger Umgang mit dem Vielfraß hatte, übersetzte: »Sein kleiner Italiener hat sich blamiert, woraufhin Devasrees Vater die Nase voll hatte und die beiden rauswarf!«
»Nun ja, das ist etwas drastisch formuliert, Miss Armour. Wir sind nicht als genuine Feinde geschieden.«
Thomasina nickte. »Er ist ein empfindlicher Mann. Das hatte ich Ihnen ja gesagt.«
»Kennen Sie den Herrn gut?«
»Er ist Devasrees Vater.«
»Wissen Sie etwas über das Malheur mit seinem Sitz im House of Lords?«
»In Westminster, England?«, fragte Miss Armour lauernd und sehr neugierig.
»So ist es. Panicker soll ein Sir werden. Nun kommen aber Gerüchte auf, dass Bestechung im Spiel sei.«
»Muss uns das wundern? Menschen sind von Natur aus neidisch«, sagte Armour senior. »Bestimmt hat jemand dieses Gerücht ausgestreut, um ihm zu schaden.«
Warum nahm sie den Vater in Schutz, wenn sie von der Tochter nichts hielt?, dachte MacDonald. »Möglich. Man munkelt jedenfalls, dass eine großzügige Spende an die Conservative Party eine Rolle spielte.«
»Ist doch egal! Man hat seine Pathia-Soße versalzen. Darum geht es.«
»Herzlichen Dank für den Hinweis, Miss Armour. Das eine lässt sich vom anderen nicht trennen. Möglicherweise steckt derselbe Feind dahinter und …«
»Sicher nicht!«
Angus seufzte tief und lang anhaltend.
»Da haben Sie es wieder!«
»Bitte?«
»Ihr Schnauben.«
»Nächster Schritt?«, fragte Thomasina.
»Da Mister Panicker die Kommunikation vorerst abbrach, will ich mich dem Geheimnis der Pathia-Soße widmen. Vielleicht öffnet sich so die Büchse der Pandora.«
»Wieso denn das?«, fragte Thomasina bang.
»Eventuell will ein Konkurrent Panicker aus dem Geschäft drängen. Die Pathia-Soße beschert ihm großen Umsatz. Ich muss also wissen, ob sie leicht zu kreieren ist. Falls nicht, bleibt einem geschäftlichen Widersacher nur die Möglichkeit, sie zu verunglimpfen. Bringt er dann eine billige Kopie auf den Markt, steigt der Absatz.«
Thomasina hatte folgendes Problem: »Aber was ist, wenn sich jemand an den Geschmack des Originals erinnert?«
»Es gibt andere Firmen, die Pathia-Soße produzieren«, ergänzte Miss Armour, »was sollte ein Übeltäter also davon haben, nur Panicker vom Markt zu entfernen?«
»Wir wissen nicht, was der Kriminelle danach macht. Vielleicht ist der Plan, weitere Konkurrenten ebenfalls zu verdrängen. Selbstverständlich werde ich weitere Soßen verköstigen. Sie erwähnten vorhin einen spirituellen Berater Panickers, Thomasina. Was hat es damit auf sich?«
»Ich weiß nur, dass Aadi in der letzten Zeit psychisch instabil war und so eine Art Guru aufsuchte.«
»Haha, dass ich nicht lache! Sämtliche Probleme der Welt lassen sich mit einer ausgewogenen Diät beheben.«
MacDonald schüttelte den Kopf, freute sich, eine Marschrichtung zu haben. »Wo ließe sich mit diesem Herrn reden?«
»Was soll das denn bringen?«, fragte Thommie quengelnd.
»Vielleicht kennt er Mister Panickers Feinde.«
»Sie glauben ans Spirituelle?«
»Tja, es ist nicht unbedingt eine viel versprechende Spur. Doch im Moment bin ich über jeden Strohhalm froh.«
»Ich werde mich darum kümmern«, sagte Miss Thomasina ominös. »Wollen wir uns jetzt an die Soße machen?«
MacDonald stutzte. Wieso hatte die junge Dame Interesse an einem spezifischen, kulinarischen Test? Für gewöhnlich kochte sie allenfalls Wasser …
Alberto fuhr zum Waitrose-Supermarkt auf der Morningside Road, um auf eigene Faust zu ermitteln. Normalerweise war das Geschäft nicht seine erste Wahl beim Shoppen. Viel zu teuer und posh waren die Artikel, durch und durch ein Supermarkt der Upper Class. Wer benötigte Dutzende Sorten Mineralwasser? San Pellegrino reichte aus! Alberto steuerte zielsicher die Sektion mit indischen Lebensmitteln an. Panickers Pathia-Soße war in großer Zahl vorhanden. Er kaufte drei Gläschen und fuhr gemächlich nach Hause. Als er die Tür aufschloss, kam Maria ihm entgegen. »Wieviel Geld hast du dem Mann gegeben?«
»Wovon redest du?«, fragte er mit gespieltem Entsetzen.
»In der Küche wartet dein Idol, Klempner Pirie.«
»Er ist schon hier? Viel zu früh!«
»Sag das ihm und nicht mir. Nun?«
»Ich verstehe überhaupt nicht, wer solch komische Sachen sagt, von wegen Geld geben.«
»Dein Freund hat es jemandem prahlerisch am Handy erzählt.«
»Du kennst den Betrag?«, fragte Alberto kleinmütig.
»Ja, aber ich hoffe immer noch, mich verhört zu haben. Hast du ihm eintausend Pfund gezahlt?«
Alberto nickte.
»Gütiger Gott! Was geschieht hier nur?«
»Wie soll ich denn einen guten Handwerker bei der Stange halten? Das verrate mir, Ehefrau.« Dass er die tausend Pfund der Sekretärin zu treuen Händen gegeben hatte, würde er niemals gestehen!
»Du bist unbelehrbar. Wenn er nach dem Termin heute wieder auftaucht, können wir uns glücklich schätzen.«
»Wo ist Peter Pirie?«
»In der Küche. Hab ich doch gesagt!«
»Va bene. Ich übernehme nun das Ruder.«
»Wie sehr mich das beruhigt! Der Herr des Hauses ist hier und ich kann mich zum Shopping aufmachen.«
»Tu das. Ciao, bella! E buon divertimento!
»Ich kaufe Toast und Orangensaft für unsere Gäste! Mal sehen, wieviel Vergnügen ich dabei haben werde!«
Maria packte ihre Tasche, die bereits am Eingang lag und verließ das Haus. Ihr Gatte ging in die Küche, wo Pirie leise vor sich hinpfiff. Als er Alberto sah, stand er auf und verneigte sich leicht. Er hatte einen teuren, hellbeigen Angorapullover und Hosen im selben Farbton an, eine exotische Handwerkertracht. Bäcker trugen ja auch keine Smokings! Auf seinem Kopf spross nicht ein Haar und so war die verbrannte Stirn sehr prominent. Alberto stellte seine Einkaufstüte auf dem Tisch ab. »Bleiben Sie sitzen. Tut mir leid, dass Sie warten mussten.«
»Macht nix, Mister Vitiello. Ich hab derweil Ihrem Fasan zugesehen«, sagte der Klempner lüstern. »Sie sind ein Feinschmecker?«
»Porca miseria! Charles wird niemals geschlachtet werden!«
»Sie essen gerne indisch ja?«
»Nein, das nicht.«
»Warum haben Sie sich dann Pathia-Soße gekauft?«
»Das ist eine lange Geschichte. Aber Sie sind ein scharfer Beobachter.«
»Bringt mein Beruf so mit sich.«
Was immer das heißen mochte, dachte Alberto.
»Der Produzent wohnt in South Queensferry. Hab vor kurzem in seinem Haus gearbeitet.«
»Molto interessante.«
»Sie glauben mir nicht?«
»Doch, natürlich.«
»Kennen Sie seinen Butler?«
Was sollte er darauf antworten? Immerhin war er als Detektiv zur Vertraulichkeit verpflichtet.
»Ist eine komische Type.«
»Könnten Sie etwas genauer sein?«
»Wüsste nicht warum.« Der Klempner merkte, dass er seinen Kunden zu unhöflich behandelte. »Man munkelt, dass er sich gerne etwas dazuverdient …« Pirie verneigte sich abermals vor ihm und legte die Hände aufeinander.
Von seiner Internetrecherche wusste Alberto, dass es der traditionelle indische Gruß war. »Haben Sie einen Bezug zu Indien?«
»Wenn ich ein Curry Vindaloo gegessen habe! Dann singt Johnny Cash in meinem Bauch.«
Vitiello musterte ihn fassungslos, und so langsam kamen ihm Zweifel an den handwerklichen Fähigkeiten des Mannes.
»Ring of Fire! Einen Feuerring habe ich im Bauch. Nach dem Curry. Verstehen Sie?«








