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»Ja, das ist eine Omega Speedmaster Moonwatch Professional«, antwortete Eric und seine Stimme klang fast eine Spur herablassend.
Alfreds Augen blitzten begehrlich auf. Er ahnte, was so ein Modell wert sein musste.
»Die erste Uhr auf dem Mond, fantastisch.« Alfred Edelmann hatte von der Legende dieser Uhr gehört. »Bestimmt ist es schwer eines dieser Modelle zu finden.« Lauernd beobachtete er Erics Reaktion.
»Hören Sie, ich bin nicht hier, um über Uhren zu philosophieren. Entweder wir reden über das Geschäft oder ich gehe. Meine Zeit ist kostbar«, wies Eric den Mann zurecht.
»Wie wäre es, wenn ich Ihnen 1000 Euro bezahle?«, schlug Edelmann vor.
»Dieses Angebot ist inakzeptabel. Aber damit dieser Schandfleck von einem Laden endlich renoviert wird, bin ich bereit, die Arbeit für 2800 Euro zu erledigen.«
Nach langem Feilschen einigten sie sich schließlich auf 2300 Euro.
»Ich werde meinen Anwalt beauftragen, die Papiere fertig zu machen. Die Summe wird bei Vertragsunterzeichnung fällig. Sobald ich das Geld erhalten habe, werde ich mit der Arbeit beginnen«, sagte Eric.
Er verabschiedete sich und verließ das Büro. Ein ungutes Gefühl nagte an ihm. Er hoffte, dass sich Alfred Edelmann an die Vereinbarung halten und ihm das Geld pünktlich zahlen würde. Erics Anwalt würde den Vertrag absolut wasserfest gestalten müssen, damit Edelmann ihn nicht über den Tisch ziehen konnte.
»Wir haben das Geld. Ich habe eine E-Mail von Eric erhalten«, berichtete Chris erleichtert.
Rena sah von dem Dokument auf, das sie gerade las. Chris saß ihr gegenüber am Esstisch. Sie lebten in einem Holzhaus, das neben einem Wohnzimmer und einem Schlafzimmer nur noch über einen kleinen weiteren Raum verfügte. Die Einrichtung war in Naturtönen gehalten. Die warmen Farben des Holzes, das in Wänden und Böden verarbeitet war, harmonierten mit der grünen Couch, die zum Entspannen einlud. Ein paar farbige Akzente verliehen dem Haus Behaglichkeit. Sie sah ihren Mann an. Er war groß und hatte rotblondes Haar. Sie erinnerte sich daran, wie sie ihm zum ersten Mal begegnet war. Seine Augen waren so strahlend blau wie der Himmel an dem schönen Sommertag, als ihr Chris als neuer Ranger vorgestellt worden war. Inzwischen hatten sich Sorgenfalten in sein Gesicht eingegraben. In den letzten Tagen hatte er sich ständig mit der Frage gequält, ob Eric ihnen helfen konnte.
»Wenn wir die billigsten Zugtickets nehmen, kommen wir mit unserem Geld bis nach Halifax.« Rena hatte viel Zeit damit zugebracht, die günstigsten Angebote für ihre Reise zu finden.
»Wäre es nicht besser, eine Kabine mit Bett zu nehmen? In deinem Zustand ist es nicht ratsam, mehrere Nächte in einem Zugsitz zu verbringen.« Chris warf seiner Frau einen besorgten Blick zu.
»Chris, das können wir uns nicht aussuchen. Wir haben nur noch 4000 Dollar. Alles andere ist für die Behandlungskosten meiner Mutter draufgegangen. Wenn wir die günstigsten Plätze im Zug nehmen, kostet das knapp 2000 Dollar. Außerdem brauchen wir Geld für Hotels. Wir haben zwischen den einzelnen Stationen unserer Reise an die Küste immer wieder ein paar Tage Aufenthalt.«
»Wie teuer ist eine Kabine?«
»Wenn wir eine Kabine für zwei Personen buchen, kostet uns die Zugfahrt 3400 Dollar. Die Reserve, die uns dann bleibt, ist zu gering. Glaub mir, ich hätte auf dieser Fahrt auch gerne ein Bett. Aber es muss leider ohne gehen. Ich werde das schon irgendwie schaffen.« Rena sah ihn entschlossen an.
»Ich habe gehofft, dass es diesem Polizisten nach ein paar Tagen langweilig wird, dich zu beobachten. Aber das ist nicht der Fall. Wir müssen uns irgendetwas einfallen lassen, wie wir unbemerkt verschwinden können.«
Rena hatte auf der Polizeiwache Krämpfe vorgetäuscht. Chris war zunächst nicht klar gewesen, dass diese Probleme nur gespielt waren. Er dachte mit Schaudern daran, wie das Telefon geklingelt hatte. Die 81jährige Rebekka hatte beobachtet, wie ein Polizist Rena genötigt hatte, in einen Streifenwagen zu steigen.
Chris war sofort zur Polizeiwache geeilt. Der wachhabende Polizist war Colin. Er kannte den Mann, so wie er fast jeden in Fort Chipewyan kannte.
»Ist meine Frau hier?« Noch immer hatte Chris an eine Verwechslung geglaubt.
»Ja«, hatte Colin geantwortet.
»Ich will sie sehen.«
»Das geht nicht. Sie wird gerade verhört.«
»Was wird ihr vorgeworfen?«
»Darüber darf ich im Moment keine Auskunft geben.«
»Was kann eine Frau, die im sechsten Monat schwanger ist für ein Verbrechen begangen haben?« Der große Deutsche hatte sich bedrohlich vor dem Polizisten aufgebaut.
»Bitte geh jetzt, Chris!«
»Ich gehe erst, wenn ich mich davon überzeugt habe, dass es ihr gut geht!«, hatte Chris stur erwidert. Er hatte versucht sein Gegenüber mit purer Willenskraft zum Einlenken zu bewegen. Colin hatte den unverwandten Blick erwidert, mit dem Chris ihn bedacht hatte. Dann hatte er nachgegeben.
»Warte hier«, hatte er zu Chris gesagt und war um die Ecke verschwunden.
Einen Moment später hatte Chris Colins besorgte Stimme gehört, gefolgt vom schmerzhaften Aufstöhnen einer Frau. Das musste Rena sein.
Chris war zu ihr geeilt und hatte Colin beiseitegeschoben. Er hatte sie fürsorglich gestützt. »Was ist mit dir?« Seine Stimme hatte vor Besorgnis gezittert.
»Rena hatte die Augen geschlossen. »Das Baby«, hatte sie geflüstert.
»Sie muss sich hinlegen. Außerdem brauchen wir die Hebamme!« Chris hatte sich an Colin gewandt. Mit dem anderen Polizisten hatte er sich nicht abgegeben. Er wusste, dass dieser Mann kein Funken Mitleid besaß.
»Das Verhör ist noch nicht beendet.« Der Polizist war verärgert gewesen, dass seine Autorität untergraben worden war.
»Das ist ein medizinischer Notfall!«, hatte Chris ihn angeherrscht. Er hatte Rena auf die Arme gehoben und trug sie zum Ausgang.
»Bleiben Sie sofort stehen!«, hatte der Polizist ihm nachgerufen.
»Ich werde meine Frau nach Hause bringen und dafür sorgen, dass die Hebamme sich um sie kümmert. Danach können Sie mich verhaften, wenn Sie ernsthaft der Meinung sind, dass ich gegen ein Gesetz verstoßen habe«, antwortete Chris über die Schulter hinweg.
»Ich werde euch nach Hause fahren.« Colin hatte sich den Autoschlüssel des Streifenwagens geschnappt und war Chris und Rena nach draußen gefolgt.
Die Hebamme des Ortes hatte Rena gedeckt. Sie hatte bestätigt, dass die Schwangerschaft in Gefahr war. Sie verordnete ihr Bettruhe und verbot jegliche Aufregung. Das schloss Verhöre durch die Polizei aus. Seitdem konnte Rena das Haus nicht mehr verlassen. Besucher durften sie nur auf der Couch oder im Bett antreffen. Ihr fiel es schwer die kranke Frau zu mimen. Sie fühlte sich eingesperrt und zur Untätigkeit verdammt.
»Ich muss zur Arbeit«, bemerkte Chris. »Pass gut auf unser Baby auf und mach keine Dummheiten.«
Rena musste lächeln. So verabschiedete er sich in den letzten Tagen immer von ihr. Er gab ihr einen Kuss und streichelte sanft ihren Bauch. Sein Gesichtsausdruck wurde weich und zärtlich, als er eine Bewegung des Babys spürte.
Unvermittelt klopfte es. Erschrocken sah Rena ihren Mann an. Sie erwarteten keinen Besuch.
»Leg dich auf die Couch«, flüsterte Chris ihr zu.
Eilig erhob sie sich von ihrem Stuhl und ging die wenigen Schritte durch den Raum. Anspannung war in Chris Gesicht zu erkennen, als er die Tür öffnete.
»Hallo Ivy«, begrüßte er dann die Hebamme erleichtert. Chris lebte seit Tagen in der Angst, dass die Polizei sich nicht mehr länger vertrösten lassen würde.
»Hast du ein paar Minuten Zeit?«, erkundigte sich Ivy, während sie eintrat.
Chris nickte und schloss die Tür hinter ihr.
»Wie geht es dir?«, fragte Ivy, an Rena gerichtet.
»Gut«, erwiderte diese. Die Müdigkeit hatte allerdings deutliche Spuren in ihrem Gesicht hinterlassen. Vor wenigen Tagen hatte sie erfahren, dass ihr Vater schwer krank war. Er hatte Krebs. Es war ein Schock gewesen, das zu erfahren. Ihre Mutter war erst vor wenigen Monaten an dieser Krankheit gestorben. Die Sorge um ihren Vater und ihre eigene Sicherheit hielten sie nachts oft für viele Stunden wach.
Ivy nickte nach einem wissenden Blick in Renas Gesicht.
»Habt ihr euch Gedanken gemacht, wie es weitergehen soll?«, fragte sie. Die Hebamme war eine resolute Frau. Sie war schlank und wirkte beinahe drahtig. Ihr schwarzes Haar war von grauen Strähnen durchzogen.
»Ja«, antwortete Rena. Sie zögerte einen Moment, bevor sie weitersprach. »Wir wollen so schnell wie möglich aus Fort Chipewyan weg.«
»Das Problem ist, dass wir unter Polizeibeobachtung stehen. Wir wissen nicht, wie wir den Ort unbemerkt verlassen können«, ergänzte Chris.
»Ihr müsst weiter abwarten. Irgendwann werden sie es leid sein, eine bettlägerige Frau zu observieren. Wisst ihr, wo ihr untertauchen könnt?«, fragte Ivy.
»Vielleicht bei Tyrell«, überlegte Rena.
»Bei deinem Cousin?«, fragte Chris ungläubig.
»Tyrell ist als Unruhestifter bekannt. Ich glaube nicht, dass ihr bei ihm sicher seid«, gab Ivy zu bedenken.
»Aber möglicherweise kennt er jemanden, bei dem wir für eine Weile bleiben können«, warf Rena ein. »Außerdem könnte er uns ein Boot besorgen. Ich werde ihn anrufen.«
»Nein, lass mich das machen«, schaltete sich Ivy ein. »Du stehst unter Beobachtung und mit Sicherheit werden auch deine Telefongespräche überwacht.«
»Ich denke, inzwischen trauen sie dir auch nicht mehr über den Weg. Sie wissen nicht, ob du in Bezug auf Rena die Wahrheit sagst oder sie nur decken willst«, bemerkte Chris.
»Das ist richtig, aber ich habe meine eigenen Wege, um mit Leuten wie Tyrell Kontakt aufzunehmen, ohne dass ENTAL davon Wind bekommt. Tyrell hat regelmäßig Kontakt mit einem meiner Neffen. Wenn ich dem eine Nachricht hinterlasse, wird Tyrell mich auf dem Handy meines Neffen zurückrufen. Dann klingt das Ganze nach einem Telefongespräch, in dem eine Tante ihren Neffen fragt, wann er sie mal wieder besuchen kommt.«
»Also gut«, willigte Chris ein. Die Anspannung war ihm deutlich anzumerken. »Ich muss zur Arbeit. Ich bin schon ziemlich spät dran.« Er gab Rena einen Kuss, verabschiedete sich von Ivy und verließ das Haus.
»Nun wollen wir mal sehen, wie es dem Baby geht«, sagte Ivy an Rena gewandt.
Chris öffnete die Haustür und spähte in die Dunkelheit. Der große Wanderrucksack auf seinem Rücken versperrte Rena die Sicht nach draußen. Er gab ihr ein Zeichen und sie verließen lautlos ihr Haus. Die beiden eilten durch den Ort und verbargen sich in den Schatten der Häuser. Obwohl es mitten in der Nacht war, war es um diese Jahreszeit nicht so dunkel, wie sie es sich gewünscht hätten. Einen ungünstigeren Zeitpunkt für eine Flucht hätte man nicht wählen können. Doch Chris und Rena blieb keine Wahl. Sie hofften, dass die Leute im Ort jetzt tief und fest schliefen. Die Aufmerksamkeit der Polizei hatte in der letzten Woche endlich nachgelassen. In diesem Punkt hatte Ivy Recht behalten. Vor drei Tagen hatte Rena sich von ihrem Vater verabschiedet. Es ging ihm immer schlechter und er hatte nicht mehr die Kraft, sie jeden Tag zu besuchen. Chris hatte vermutet, dass sie nach einem Treffen mit Renas Vater wieder genauer beobachtet werden würden. Aus diesem Grund hatten sie ein paar Tage verstreichen lassen, bevor sie die Flucht wagten. Rena war es unglaublich schwer gefallen weiterhin Schwangerschaftsprobleme vorzutäuschen. Ihr Vater benötigte ihre Hilfe, doch sie war zur Passivität verdammt. Dieser Abschied lastete sehr schwer auf ihr, denn sie wusste, dass es ein Abschied für immer war.
Sie kamen am Friedhof vorbei und Rena blieb stehen.
»Was ist?«, wisperte Chris.
»Ich brauche einen Moment«, flüsterte Rena und betrat den Friedhof.
Die Morgendämmerung kam unaufhaltsam näher und sie war in der Lage die Grabinschriften zu lesen. Sie ging zum Grab ihrer Mutter und berührte mit der Hand den kleinen weißen Zaun, der das Grab umgab. In einem stummen Zwiegespräch verabschiedete sie sich ein letztes Mal. Sie ließ ihren Blick über die anderen Gräber schweifen. Viele der Menschen, die hier ihre letzte Ruhe gefunden hatten, hatte Rena gekannt. Mit einigen war sie befreundet gewesen.
»Wir müssen weiter. Es ist schon fast hell«, erinnerte Chris seine Frau und nahm ihre Hand.
Rena wandte dem Friedhof den Rücken zu und sie eilten weiter. Nachdem sie das letzte Haus passiert hatten, sahen sie eine Gestalt in den dunklen Schatten der Bäume. Rena hielt unwillkürlich den Atem an. Chris trat beschützend vor sie. Vorsichtig näherten sie sich. Dann erkannten sie Tyrell. Sie begrüßten den jungen Mann und folgten ihm.
»Ich habe das Boot am Ufer versteckt. Wir müssen eine halbe Stunde laufen. Näher wollte ich nicht an den Ort heranfahren. Sonst hätte der Motor uns verraten «, sagte Tyrell.
Sie fuhren in dieser Nacht nur ein Stück des Weges und versteckten sich am Tag im Wald. In der nächsten Nacht würden sie auf dem Athabasca River das Firmengelände von ENTAL passieren.
Isabella schreckte aus dem Schlaf hoch. Sie brauchte einen Moment, um sich in der Dunkelheit zurechtzufinden. Dann hörte sie das Geräusch wieder. Jemand hämmerte an die Tür. Sie spürte eine Bewegung neben sich im Bett.
»Zieh dich an«, wisperte sie dem Mädchen zu, das neben ihr geschlafen hatte.
Lautlos glitt Isabella aus dem Bett und schlüpfte in ihre Sachen. Sie öffnete die Tür des Schlafzimmers und sah auf dem Flur Tom, ihren Mitbewohner.
»Erwartest du jemanden?«, erkundigte sie sich flüsternd.
»Nein«, antwortete Tom ebenso leise.
Isabella schlich ins Büro und überprüfte an ihrem Computer die Bilder, die die Überwachungskamera an der Tür ihr lieferten. Sie sah drei Personen. Zwei davon hatte sie noch nie gesehen. Denjenigen, der an die Tür hämmerte, kannte sie.
»Du kannst aufmachen, es ist Tyrell«, rief sie Tom zu. Sie überprüfte die Bilder der Infrarotkameras, die sie im Wald verteilt hatte. Niemand schien die drei zu verfolgen. Isabella ging in den Flur, um ihre nächtlichen Besucher näher in Augenschein zu nehmen.
Eine hochschwangere Frau und ein Mann mit rotblonden Haaren hatten die Hütte betreten. Tyrell folgte ihnen und stellte die Besucher als Chris und Rena vor.
Rena schwankte vor Erschöpfung und Isabella beeilte sich, sie in das winzige Gästezimmer zu bringen. Sie zog ihr die Schuhe aus. Rena ließ sich ansonsten voll bekleidet auf das Bett sinken.
»Danke«, murmelte Rena und versuchte ihre Augen aufzuhalten, um die blonde Frau näher in Augenschein zu nehmen.
»Schlaf erst einmal. Alles andere hat bis morgen Zeit«, sagte Isabella und deckte Rena zu.
»Wie heißt du?«
»Mein Name ist Amy«, antwortete Isabella und nannte den Namen, den sie sich an dem Tag zugelegt hatte, als sie kanadischen Boden betreten hatte.
Rena schloss erschöpft ihre Augen und war fast im selben Moment eingeschlafen.
Nachdem Rena sich ausgeschlafen hatte, versorgte Isabella sie mit Essen.
Fragend sah Rena sich um. Isabella verstand ihren Blick richtig. »Tom und Chris sind nach Fort McMurray gefahren. Chris wollte Kontakt mit einem Freund aufnehmen und wir hielten es für sicherer, wenn er es an einem belebten Ort tut, an dem viele Leute das Internet nutzen.«
»Und wo ist Tyrell?« Rena nippte an ihrem Tee und aß den Haferbrei, den Isabella für sie gemacht hatte.
»Er bringt das Boot zurück.«
Rena nahm ihr Gegenüber genauer in Augenschein. Die Frau hatte grüne Augen und musste um die 30 Jahre alt sein.
»Kommst du aus Deutschland?«, fragte Rena unvermittelt und griff nach dem Apfel, der vor ihr auf dem Tisch lag.
»Wie kommst du darauf?«
Rena glaubte einen Anflug von Besorgnis aus ihrer Stimme herauszuhören.
»Dein Akzent erinnert mich an den meines Mannes. Er ist vor einigen Jahren aus Deutschland nach Kanada gekommen.«
»Meine Eltern sind aus Schweden eingewandert, als ich noch ein Kind war. Ich bin meinen Akzent nie richtig losgeworden«, erklärte Isabella beiläufig.
Rena wusste nicht, wie Schwedisch klang. Doch sie würde Chris fragen, ob es dem Deutschen ähnlich war.
Am Nachmittag kehrten die Männer zurück. Chris hatte eine merkwürdige Nachricht von Eric erhalten.
»Unser Freund hat mir nahegelegt, in einem Onlineshop eine Publikation zu kaufen«, berichtete Chris seiner Frau. Sie hatten beschlossen, keine Namen zu nennen und auch ihr Reiseziel nicht zu verraten. »Ich habe sie gekauft, aber ich verstehe nicht, was das soll. Ich habe gedacht, darin will er mir irgendwelche Informationen weitergeben. Doch ich kann nichts entdecken.«
»Zeig mal«. Rena streckte die Hand aus. Sie studierte den Text intensiv, doch auch sie konnte keine tiefere Bedeutung erkennen.
»Kann ich es mir einmal ansehen?«, fragte Isabella.
Sie überflog das Geschriebene. »Das ist eine Branchenstudie über erneuerbare Energien in Kanada. Es gibt keinen Grund, für diese Informationen Geld zu bezahlen. Die kann man auch kostenlos herunterladen.« Chris und Rena sahen sich ratlos an. »Wie hast du bezahlt?«, fragte sie weiter.
»Es gab nur die Möglichkeit, per Bankeinzug zu zahlen«, antwortete Chris.
»Wenn der Onlineshop eurem Freund gehört, hat er auf diese Weise eure Kontodaten erhalten«, stellte sie fest.
»Natürlich, das ist es. Jetzt kann er uns das Geld überweisen, ohne dass wir unsere Bankverbindung per E-Mail verschicken müssen«, sagte Chris erleichtert.
Nachdem sie die Gastfreundschaft von Tom und Isabella eine weitere Nacht in Anspruch genommen hatten, nahmen Rena und Chris den Bus nach Edmonton. Sie verbrachten einen Großteil des warmen sonnigen Tages in einem der vielen Parks der Stadt. Am Abend begaben sie sich zum Bahnhof. Sie waren nervös, aber die Polizei schien den Bahnhof nicht zu überwachen. Der Zug nach Toronto fuhr kurz vor Mitternacht.
Rena verbrachte drei unbequeme Nächte auf ihrem Sitz und hätte alles für ein Bett gegeben. Sie war erleichtert, als sie Toronto erreichten und sie den Zug verlassen konnte. In Toronto wollten sie Geld von der Bank abholen. Falls die Polizei diese Transaktion beobachtete, hätte sie einen Hinweis auf ihren Aufenthaltsort. Aus diesem Grund wollten sie nach dem Termin bei der Bank unverzüglich in den nächsten Zug steigen und die Stadt verlassen. Toronto bot viele Reisemöglichkeiten in verschiedene Richtungen und sie hofften, so ihre Spur verwischen zu können.
Chris prüfte den Kontostand und musste feststellen, dass das Geld nicht da war. Sie waren gezwungen sich ein Hotel zu suchen und zu warten. Rena war zunächst erleichtert, dass sie die Nacht in einem richtigen Bett verbringen konnte, doch die unbequeme Matratze in dem billigen Hotel brachte nicht die gewünschte Erleichterung. Auch am nächsten Tag war das Geld nicht eingetroffen. Die beiden wurden immer nervöser und beratschlagten, was sie tun sollten. Sie beschlossen, noch einen Tag abzuwarten. Wenn sich in dieser Zeit nichts tat, würden sie das Risiko eingehen und Eric kontaktieren.
Am nächsten Nachmittag war das Geld endlich eingetroffen. Chris holte es von der Bank ab und sie setzten ihre Reise nach Montreal fort. Ihren Anschlusszug nach Halifax verpassten sie um eine halbe Stunde. Sie mussten drei Tage in Montreal verbringen, bis der nächste Zug nach Halifax ging.
Noch einmal stand Rena eine unbequeme Nacht in einem Zug bevor, dann hatten sie endlich die Küste erreicht. Sie hatten durch ihre ungeplanten Aufenthalte fünf Tage verloren. Das Schiff, das sie nach Deutschland bringen sollte, hatten sie verpasst.
Sie fuhren zum Hafen, um ein anderes Schiff zu finden. Sie erfuhren, dass in vier Tagen das nächste Schiff einlief, das Passagiere mit nach Europa nahm. Wieder waren sie gezwungen sich ein Hotel zu suchen. Ungeduldig erwarteten sie die Ankunft des Schiffes, das sie endlich aus Kanada wegbringen würde.
Vier Tage später gingen sie zum Hafen, um mit dem Kapitän den Preis für die Überfahrt auszuhandeln. Doch nach einem Blick auf Renas dicken Bauch lehnte er es ab, sie mitzunehmen. Er wollte keine Probleme mit einer Schwangeren haben. Das Schiff verließ den Hafen ohne sie. Sie mussten eine weitere Woche abwarten, bis sich ihre nächste Chance bot. Diesmal blieb Rena im Hotel, während Chris die Passage buchte.
Als sie gemeinsam an Bord gingen, trafen sie nur ein paar Mannschaftsangehörige an. Einer kontrollierte ihr Ticket. Ansonsten bedachte er sie nur mit einem flüchtigen Blick. Vorsichtshalber blieben sie in ihrer Kabine, bis das Schiff den Hafen verlassen hatte. Nun gab es für den Kapitän keine Möglichkeit mehr, ihnen die Überfahrt zu verweigern.
2. Ein schwieriges Projekt
Eric sah noch einmal seine Unterlagen für das Gespräch mit Alfred Edelmann durch, doch immer wieder schweiften seine Gedanken ab. Seit Wochen hatte er nichts mehr von Chris gehört. Er fragte sich, was passiert war. Er konnte Chris keine E-Mail schicken, denn er befürchtete, dass er Chris damit in Schwierigkeiten bringen würde. Eric war sehr vorsichtig gewesen. Er hatte sich von Hank, einem befreundeten Computerspezialisten, in Windeseile einen Onlineshop einrichten lassen, um Chris' Kontoverbindung zu erhalten. Sein Freund Marc hatte das Geld an Chris überwiesen. Marc leitete eine Umweltorganisation und lebte in Brüssel. Auf diese Weise führte keine Spur nach Berlin.
Eric riss seine Gedanken mühsam von diesem Thema los. Er musste sich darauf konzentrieren, Edelmann das Konzept für seinen Supermarkt vorzustellen. Es war an der Zeit, das Geld zu verdienen, das er Chris bereits überwiesen hatte. Er würde seine ganze Konzentration brauchen, damit Edelmann ihn nicht übervorteilte. Er packte seinen Laptop ein und zog seinen Anzug an. Er bemühte sich, mit dem Anzug auch wieder in die Rolle des arroganten Beraters zu schlüpfen. Seine Moonwatch hatte er verkauft. Sein Handgelenk fühlte sich ohne die Uhr nackt an.
Eric ging die zehn Minuten zum Edelmarkt zu Fuß. Er schritt durch den Laden und sah sich um. Er hatte das Gebäude in den letzten Wochen intensiv besichtigt und viele Verbesserungsmöglichkeiten erarbeitet, die sowohl den Energieverbrauch reduzieren würden, als auch ein angenehmeres Ambiente schaffen konnten.
Eric betrat das Büro des Besitzers. Er stellte seinen Laptop auf den Schreibtisch, begrüßte Edelmann und rief eine Animation des Supermarktes auf.
»Beginnen wir mit der Gebäudehülle Ihres Ladens. Diese ist bisher nicht gedämmt worden. Im Winter muss deutlich mehr geheizt und im Sommer stärker gekühlt werden, als es mit einer guten Außendämmung notwendig wäre. Außerdem sind die Fenster hier sehr alt. Ich schlage Ihnen vor, neue Dreischeiben-Wärmeschutzglasfenster zu installieren.«
»Das klingt aber ziemlich teuer«, warf Edelmann ablehnend ein.
»Durch diese Maßnahmen können Sie viel Geld für Heizung und Kühlung Ihres Ladens einsparen«, entgegnete Eric. Dann fuhr er mit seinem Konzept weiter fort. »Auf dem großen Flachdach können Sonnenkollektoren installiert werden, um Strom zu produzieren. Die Stromproduktion kann durch kleine Windturbinen auf dem Parkplatz ergänzt werden.«
»Windturbinen auf dem Parkplatz, das gefällt mir.« Edelmann nickte zustimmend.
»Ein Gebäude wie dieses verschlingt viel Energie für die Beleuchtung. Ich nehme an, dass Sie bereits alles auf LED-Lampen umgestellt haben?«
»Natürlich«, sagte Edelmann herablassend. Das Einsparpotenzial dieser Maßnahme hatte er selbst erkannt.
»Allerdings müssen Sie fast den gesamten Innenbereich künstlich beleuchten, da es nicht ausreichend Fenster gibt. Durch einen Einbau von Oberlichtern im Dach wird das Tageslicht besser genutzt und viele Ihrer Lampen sind dann überflüssig.«
»Sie wollen Löcher in mein Dach bohren?«, bemerkte Edelmann skeptisch. »Nicht, dass es dann undicht wird.«
»Ich versichere Ihnen, dass es Firmen gibt, die in der Lage sind Oberlichter einzubauen, ohne dass es hinterher in Ihren Laden tropft.« Eric war genervt von diesem Mann. »Oberlichter, die natürliches Licht in das Gebäude lassen, schaffen außerdem ein angenehmeres Ambiente. Das wäre gut für Ihre Mitarbeiter.«
»Ich gebe doch kein Geld aus, damit sich die Mitarbeiter hier wohl fühlen. Die sollen arbeiten. Mein Laden ist keine Wellnessoase!«



