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Mitunter zerriss das Geschrei von Papageienschwärmen das gleichmäßige Murmeln der Schiffsmotoren. Das Kreischen der grünen Vögel durchschnitt die klare Luft über dem Fluss dann derart laut und schrill, dass es noch im Ohr hing, auch wenn der Schwarm längst auβer Hörweite war. In der Nacht sangen, trommelten oder brummten Frösche und Kröten in unterschiedlichsten Stimmlagen. Absolute Stille gab es eigentlich nie.
Nach einigen Tagen wandelte sich die Faszination für die Natur in der Flussebene in gleichmütiges Gefallen, schlussendlich in Langeweile. Das vorbeiziehende Landschaftsbild wiederholte sich im Laufe der abgefahrenen Kilometer immer wieder. Abwechslung vom stundenlangen Hinausstarren boten nur noch die wenigen angesteuerten Häfen. Diese Häfen waren eigentlich nichts weiter als Anlegestellen und bestanden aus einer Hütte, mit Palmenstroh oder Wellblech gedeckt, und einem Landesteg aus Holzbohlen mit wackeligem Geländer. Hier wurden neue Passagiere aufgenommen, andere verlieβen den Kahn. Arthurs Vater beobachtete, wie manche Ankömmlinge mit groβem Hallo in Empfang genommen und zur Heimfahrt auf einen Ochsenkarren mit unendlich groβen Rädern aus sonnengebleichtem Holz kletterten, andere lieβen sich auf einer Wartebank beim Hafengebäude nieder. Diese Unterbrechungen dauerten jedoch selten länger als eine halbe Stunde.
Erst die Ankunft im Hafen von Asunción sollte der langweiligen Ruhe, die sich letzten Endes als der einzige Luxus der Flussfahrt herausgestellt hatte, ein jähes Ende setzen. Von der sprichwörtlichen Gelassenheit der Südamerikaner sah Arthurs Vater hier im Hafen zunächst einmal gar nichts. Beim Entladen von Kisten, Koffern, mit dünnen Hanfschnüren zusammengehaltenen Bündeln und Körben aller Art herrschte ein unübersehbares Chaos. Wie beim Antritt der Schiffsreise erinnerte auch hier das Gewühl der umhereilenden Menschen an ein Ameisenvolk, das durch äußere Umstände in Unruhe geraten ist. Überall hörte man unverständliches Geschrei, koffertragende Reisende schienen planlos hin und her zu hetzen, alle Regeln der Höflichkeit vergessen. Wie ein kurzer, heftiger Sturm fegte die Aufregung der Schiffsankunft über den Hafen. Arthurs Vater hatte in dem hektischen Gewühl keine Möglichkeit, den geschäftig umherlaufenden Hafenarbeitern rechtzeitig klar zu machen, welche Gepäckstücke ihm gehörten. Immer wieder sah er sich nach jemandem um, der den Eindruck machen könnte, nach ihm zu suchen. Irgendwer musste doch erscheinen, um ihn aus dem Gewirr von Reisenden und Hafenarbeitern herauszuholen. Niemand kam. Der Laderaum im Bauch des umgebauten Frachtkahns glich einer Rumpelkammer. Laut rufend versuchte er, irgendjemandem klar zu machen, dass seine Gepäckstücke noch nicht vollzählig neben dem Hintereingang des Hafengebäudes aufgestapelt waren. Und der Kahn wollte offensichtlich wieder ablegen, um das nächste Ziel, Puerto Casado, weiter im Norden anzusteuern. Er sah sich um. Wo blieb der Mann bloß, der ihn abholen sollte? Eine der dickleibigen Señoras vom Schiff kam auf ihn zu, drückte ihm sein Kind in den Arm, strich dem Kleinen über den Blondschopf und rief immer wieder: „Adiós, mi angelito“, und „Dios te bendiga, Dios te bendiga...“ Dann drehte sie sich um und stapfte mit wogenden Hüften und rudernden Armbewegungen zurück auf den Kahn.
Das Schiff legte ab und ganz plötzlich legte sich der Sturm im Hafen. Innerhalb von Minuten kehrte Ruhe in das ganze Hafengelände zurück. Allein Arthurs Vater war alles andere als ruhig. Zwei der Kisten, die er aus Europa mitgebracht hatte, waren noch auf dem Schiff, als es sich langsam wieder in Bewegung gesetzt hatte. Niemand vom Hafenpersonal schien sich davon irgendwie betroffen zu fühlen, dass der Fremde mit dem Kind auf dem Arm protestierend umherlief. Keiner verstand, was er sagte. Warum sollte man sein lautes, nervöses Gerede also beachten?
Der kleine Arthur spürte die hilflose Aufregung seines Vaters und musste sich übergeben. Eine weiβliche, käsig riechende Brühe ergoss sich über die linke Schulter, an der sich der Vierjährige krampfhaft festhielt. Das Gesicht des Vaters wurde blass. Blass vor Wut. Er merkte, dass niemand auch nur ansatzweise daran dachte, ihm behilflich zu sein. Am liebsten hätte er sich heulend wie sein Kind in eine Ecke gesetzt und darauf gewartet, dass irgendjemand seine Situation in Ordnung brächte. Er war der Meinung gewesen, seine Ankunft sei im Voraus ausreichend durchdacht, geplant und organisiert gewesen. Hier empfing ihn jedoch nichts anderes, als ein fremdes unübersichtliches Chaos. Und dieses Chaos schien völlig alltäglich zu sein, denn keiner außer ihm reagierte darauf mit Erstaunen oder gar verärgert. Alle machten Gesichter, als schienen sie sich in diesem Durcheinander auszukennen, sich darin sogar heimisch zu fühlen.
Arthurs Vater fühlte sich plötzlich verlassen. Fremd, allein und hilflos.
Über seine Freunde in Deutschland war die Abmachung mit einem gewissen Julius Deisenhofer in Paraguay getroffen worden, dass dieser in der Woche vom 18. bis zum 25. April täglich am Hafen nach ihm ausschauen würde. Immer wieder fragte Arthurs Vater am einzigen Schalter aufgebracht nach Julius Deisenhofer, aber die Hafenangestellten schüttelten nur verständnislos den Kopf. Je deutlicher sie zeigten, wie wenig wichtig sie die unverständlich hervorgebrachten Fragen nahmen, desto lauter wurde Arthurs Vater in seinem Tonfall. Und je lauter, ärgerlicher und unverständlicher er seine Gesuche um Auskunft formulierte, desto deutlicher zeigten die Hafenangestellten ihr Desinteresse.
Das Hafengebäude hatte sich geleert. Lediglich ein paar Straβenverkäufer, Zeitungsjungen und Schuhputzer lungerten am Schalter bei den Angestellten herum. Leute von der Putzkolonne fegten und wischten laut miteinander schwatzend den Fuβboden. Mitunter schüttelten sie den Kopf und warfen sich untereinander vielsagende Blicke zu, wenn Arthurs Vater mit schweiβnasser Stirn und nach Übergebenem riechend von einer Ecke in die andere lief, während er leise vor sich hin fluchte. Er war wohl nicht auf die Idee gekommen, sich drauβen im Schatten der Flammenbäume, hier Chivatos genannt, niederzulassen und dort auf seine Abholung zu warten. Die stickige warme Luft im Inneren des Gebäudes lieβ den Schweiβ in kleinen Rinnsalen an seinem Hals hinunterlaufen, sein blaukariertes Hemd klebte am Rücken. Wenigstens war der kleine Arthur inzwischen eingeschlafen. Er lag auf dem Fußboden, das Köpfchen auf eine weiche Reisetasche gestützt.
Schon auf der Flussfahrt waren Arthurs Vater viel von seiner Unternehmungslust und seinem Pioniergeist abhandengekommen. Aber dass ihn jetzt niemand abholte, das war zu viel. Schlichtweg zu viel!
Allmählich stieg die dunkle Ahnung in ihm hoch, dass er auf irgendwelche Märchen hereingefallen sein könnte. Phantasiegeschichten. Ein zynisches Grinsen zog über sein Gesicht, als er an die Gespräche in der Kneipe dachte. An die begeisterten Vorträge über Paraguays farbenprächtige Fauna, die vielfältigen und unkomplizierten Geschäftsmöglichkeiten, die Versprechungen. Ihm dämmerte langsam: nur weil er zufällig etwas von Tierhäuten verstand, hatte hier, südlich des Äquators, niemand sehnsüchtig auf seine Ankunft gewartet.
Er verlangsamte sein nervöses Hin- und Herlaufen. Beschämt zwang er sich zur Ruhe und begann darüber nachzudenken, wie er sich selbst aus der geradezu peinlichen Lage befreien könnte. Unsicher wandte er sich erneut an die beiden Männer am Schalter. Er versuchte – höflich – die wenigen Spanischbrocken anzuwenden, die er inzwischen gelernt hatte, und den Beamten seine Bedrängnis klar zu machen. Immer wieder machte er dabei Pausen, um in seinem Wörterbuch nachzusehen. Sein Gestammel dürfte sich etwa so angehört haben: „Ich…kommen von Deutschland,… erwarten Señor Julius Deisenhofer, … mich und Sohn abholen. Er nicht kommen…“ und so weiter. Der Wandel seines Verhaltens erzeugte einen überraschenden Effekt: Während der aufgeregt vor sich hin schimpfende Fremde bei den Umherstehenden lediglich ein Gefühl von Ablehnung oder sogar Verachtung hervorgerufen hatte, bewiesen jetzt alle plötzlich freundliches Interesse an seinen Gesprächsversuchen. Nach wenigen Minuten fand sich Arthurs Vater von einer Traube von Männern umgeben. Selbst die Leute von der Putzkolonne stellten ihre Besen oder Putzzeug in die Ecke und näherten sich dem Schalter. Ebenso die Händler von der Straβe und die Zeitungsjungen. Höchst interessiert bis neugierig und voller Hilfsbereitschaft beteiligten sich alle am nun einsetzenden Gespräch, wie in einer Art Ratespiel. Es ging darum, für jede Handbewegung, jede Geste und jede begleitende spanisch-deutsche Worterklärung den passenden Sinn zu treffen. So gelang es Arthurs Vater, den Leuten deutlich zu machen, dass er einen gewissen Señor Deisenhofer treffen wollte. Dieser Deisenhofer würde zwar eine Stadtwohnung in Asunción besitzen, sein fester Wohnsitz liege jedoch irgendwo im Landesinneren.
Bei dieser Gelegenheit, an seinem allerersten Tag in Asunción, stellte Arthurs Vater fest, dass es in Paraguay immer irgendjemanden gibt, der jemanden kennt, der wiederum die Person kennt, von der die Rede ist. Wie ein Bienenschwarm summte es um ihn herum, nachdem er seine Erklärungsversuche beendet hatte. Scheinbar redeten jetzt alle gleichzeitig. Jeder, der etwas beizutragen hatte, redete lauter als sein Vorredner. Bis sich alle plötzlich einig waren, wer dieser gewisse Deisenhofer denn nun sei und wo er wohne. Jeder Zweifel am gefundenen Ergebnis schien ausgeschlossen. Triumphierende Zufriedenheit in allen Gesichtern.
Ein Hafenangestellter, der sich offensichtlich in seiner speckig glänzenden Uniform sehr wichtig fühlte, schickte einen Zeitungsjungen los, um einen Wagen zu rufen. Kaum eine Viertelstunde später fuhr ein klappernder Pferdewagen aus Holz vor den Eingang des Hafengebäudes. Der Alte, der den Wagen lenkte, brachte den mageren Gaul zum Stehen, zeigte aber mit keiner Miene, dass er eifrig darauf aus gewesen wäre, irgendeinen Auftrag zu erfüllen. Zusammengesunken saβ er auf einem quer über den Wagen gelegtes Brett, und wartete einfach. Der Hafenangestellte schien dem alten Kutscher genau einzuschärfen, wo das Stadthaus von Julius Deisenhofer zu finden sei.
Nachdem alle Gepäckstücke auf den Wagen gehoben worden waren, kassierte der Mann vom Hafenpersonal einen willkürlich angesetzten Betrag von Arthurs Vater, lieβ einige Scheine in die Tasche seiner Uniform wandern und knautschte den Rest in die Hand des ausdruckslos vor sich hin starrenden Kutschers. Dieser warf einen kritischen Blick auf die Scheine in seiner Hand, schien dann aber augenblicklich aus seiner Lethargie zu erwachen. Schwungvoll lieβ er die ledernen Zügel auf den Rücken des Pferdes klatschen und lenkte das knochige Tier mit riesigen Scheuklappen zielsicher durch die holprigen, kopfsteingepflasterten Straβen. Schlieβlich machten sie, nur wenige Straβen vom Hafengebäude entfernt, unter einem Mangobaum vor einer weiβ getünchten Mauer Halt.
„La casa del Señor Deisenhofer“, soll der alte Kutscher gesagt haben, wobei er den Namen etwa wie Däisenchoffe aussprach. Dann sprang der Alte mit überraschend federnder Leichtigkeit ab und stellte die Koffer und Kisten mit Arthurs Vater zusammen an den Straβenrand. Der Kleine Arthur stand schlaftrunken, mit glühend roten Wangen dabei und beobachtete die beiden Männer.
Der Wagen fuhr bereits wieder ab, als Arthurs Vater mit der flachen Hand an das Holztor klopfte, dabei mit lauten Hallo-Rufen versuchte, sich bemerkbar zu machen.
Somit endet der geradezu extrem zeitgeraffte Bericht über Arthurs Reise und Ankunft in Paraguay.
Ich habe versucht herauszufinden, was Arthur heute über die Entscheidung seines Vaters denkt, hier in Südamerika auf’s Geratewohl ein neues Leben zu beginnen. Arthurs Zukunft war davon schlieβlich auch betroffen gewesen.
„Wäre es für dich nicht besser gewesen, wenn du in Deutschland bei deinen Tanten aufgewachsen, eine Ausbildung gemacht, vielleicht irgendwann den Betrieb deines Groβvaters übernommen hättest?“
Arthur hat mich angesehen und sich viel Zeit mit seiner Antwort gelassen: „Komisch. Sonst bist doch du immer derjenige, der mir sagt, ich würde mir zu viele Gedanken machen. Ich nehme es einfach, wie es ist – ich bin hier, basta.“
„Jetzt tu’ nicht so, als hättest du dir diese Frage noch nie gestellt! Ich weiβ doch, dass du oft den Tag verflucht hast, an dem du hierher in den Chaco gekommen bist!“
„Das ist ja auch etwas anderes! Auf jeden Fall habe ich nie, absolut nie! über den Tag geschimpft, an dem mein Vater und ich in das Deisenhofer’sche Hinterhaus gekommen sind. Dass wir schon wenige Jahre später von dort aus wieder fortgegangen sind, um hier im Chaco von vorne anzufangen, hat meine ganze Kindheit kaputt gemacht. Hierher in diese Gegend zu kommen war der schlimmste Fehler meines Vaters. Falsch für mich – für ihn selbst offensichtlich nicht.“
„Du sagst also, dass du nicht die Auswanderung nach Paraguay falsch findest, sondern…“
„Genau! Hier in diese mennonitische Kolonie zu kommen, war verkehrt. Verkehrt für mich!“
„Warum?“
„Was soll diese Frage! Du weiβt ganz genau, was mir erspart geblieben wäre, wenn ich diese Gesellschaft nie kennen gelernt hätte! Wenn ich nie als Außenseiter in eine Gemeinschaft eingedrungen wäre, die arrogant genug ist, sich selbst die Note ‘sehr gut’ auszustellen!“
„Natürlich weiβ ich das. Es geht ja auch darum, deine Begründung für deine Ansichten zu finden, um sie aufzuschreiben.“
„Du hattest mich aber gefragt, ob es nicht besser gewesen wäre, in Deutschland aufgewachsen zu sein. Das ist etwas anderes, mein Lieber! Wenn gewesen wäre, hätte, könnte! Das ist der Konjunktiv – nicht existent!“
„Du solltest bedenken, dass der Konjunktiv die Ausgangsbasis für viele philosophische Betrachtungen ist. Das, was du so hochtrabend als ‘Selbstfindung’ bezeichnest, ist schlieβlich nichts anderes als die Analyse deines Egos, ergo auch die Analyse deines Charakters, und Charakteranalyse kommt an Philosophie nicht vorbei. Du hast dich ja auch jahrelang mit Philosophen, Weltkritikern und dergleichen befasst.“
„Jawohl, habe ich. Das hat aber nichts damit zu tun, was ich vielleicht andernorts getan hätte!“
„Da muss ich dir Recht geben, Arthur.“, habe ich eingeräumt. „Trotzdem möchte ich gern wissen, ob dir nicht so mancher Gewissenskonflikt erspart geblieben wäre, wenn du nicht …“
„Was? Hier in der Mennonitenkolonie zum Mennoniten geworden wäre? Ja, natürlich wäre alles anders gewesen! Aber wenn du damit anfängst, könnte ich dir auch sagen, dass die ganze Menschheitsgeschichte anders verlaufen wäre, wenn… wenn Eva den Apfel nicht gegessen hätte!“
Dieser Vergleich hat mich zum Lachen gebracht. Und ich habe beschlossen, vorerst einfach weiterzuschreiben über das, was gewesen ist.
Kapitel II.
Kapitel 2
Hier war man nun also vor dem Haus, das der Kutscher als „Casa del Señor Deisenhofer“ bezeichnet hatte. Arthurs Vater klopte zuerst mit flacher Hand, dann mit der Faust an das Holztor und rief zuerst auf Deutsch „Hallo!“, dann auf Spanisch „Hola!“, bis endlich Schritte zu hören waren. Das groβe Tor wurde von einer freundlich lächelnden Frau geöffnet. Sie war schätzungsweise Mitte dreiβig, mittelgroβ, recht schlank, aber dennoch wohlgerundet und auffallend schön. Sie trug eine bestickte, kurzärmelige Bluse und einen weiten, knallbunten Rock, der ihr fast bis an die Knöchel reichte. Ihr volles, tiefschwarzes Haar hing in einem losen Zopf über der Schulter. Ein kleines, ausgesprochen mageres Mädchen schlüpfte ebenfalls sofort mit durch den Torspalt hinaus und beäugte den Fremden und sein Kind mit unverhohlener Neugier. Die Señora begrüβte Arthurs Vater mit fragendem Blick und verstand ihn sofort, als dieser umständlich versuchte zu erklären, dass er der Deutsche sei, den Herr Deisenhofer am Hafen hätte treffen sollen.
Daraufhin stellte sich die Frau als Luisa vor und lieβ einen nicht enden wollenden Redeschwall los. Ausholende Gesten begleiteten ihren Vortrag. Plötzlich unterbrach sie sich, Zweifel stand ihr im Gesicht. Sie musste gemerkt haben, dass der dümmlich dreinblickende Gringo kein Wort verstanden hatte. Sie lachte. Dann holte sie Luft und setzte neu zu erklären an. Langsam und mit eindeutigen Handzeichen machte sie Arthurs Vater deutlich, dass Herr Deisenhofer nicht wie geplant aus Independencia in seine Stadtwohnung hatte kommen können. Der Grund dafür schien keine Rolle zu spielen.
Mit der typischen Selbstverständlichkeit einer paraguayischen Frau nahm sie Arthur auf den Arm, strich dem Kleinen liebevoll über die rotglühenden Wangen und forderte seinen Vater auf, ihr am Haupthaus vorbei in den Hinterhof zu folgen. Das beinahe knochige Mädchen, offensichtlich ihre Tochter, lief ohne ein Wort zu sagen neben ihnen her.
Das schlichte Vorgärtchen gleich hinter der Mauer ließ keinerlei Vorstellungen von der bunten Üppigkeit des weiter hinten gelegenen Patios aufkommen. Und die Fassade der weißgetünchten, nicht allzu großen Villa wirkte trotz ihrer vielen Schnörkel irgendwie ernst … gediegen.
Ganz anders zeigten sich Einfahrt und Hinterhof. Wo einst eine relativ breite Auffahrt vom großen Holztor zum Hinterhaus geführt hatte, ließen heute riesige, buntblättrige Büsche gerade mal genügend Freiraum, um zu zweit nebeneinander her zu gehen. Die Farben der Krotons reichten von schwarz-roten, über gelblich orangefarbenen, hin zu gelbgemaserten, tiefgrünen Blättern in verschiedenen Größen und Formen. Diese bunte Blätterpracht war durchwachsen von hohen Drachenbäumen, Yuccas und anderen Grünpflanzen.
Ebenso auffallend wie die Farben und das üppige Grün war der feine, süßliche Duft, welcher schwer über der Auffahrt hing. Bei jedem Schritt, mit dem man an der Villa vorbeiging und sich dem Patio näherte, wurde der Duft betörender. Sein Ursprung, die kaum mehr als Daumennagelgroßen, strahlend weißen Blüten, führten bei der überwältigenden Farbenpracht des Gartens eher ein Schattendasein. Sie verdeckten wirkungsvoll die verwitterte Außenmauer, die das Grundstück zum rechts gelegenen Nachbarn hin abgrenzte.
An derselben Mauer befand sich ein kleines Holzhäuschen. Der herzförmig ausgesägte Abzug in der Tür wies eindeutig auf den Zweck dieses wie weggestellt wirkenden Häuschens hin.
Palmen, deren buschige Wipfel dazu zwangen, den Kopf weit nach hinten zu legen, um ihre hoch über dem Boden schwebenden, meterlangen Blätter sehen zu können, umgaben den Innenhof wie eine Mauer aus lebenden Säulen.
In der Mitte des Patios befand sich, umrahmt von rot und gelb blühenden Hibiskus-Sträuchern, eine nicht allzu große Rasenfläche, die jedoch nicht aussah, als würde sie regelmäßig abgemäht oder mit Sorgfalt gepflegt. Das herumliegende Holzspielzeug, einige herumstehende Hocker und Stühle aus Korbgeflecht schienen genauso in den Patio zu gehören wie der hüfthoch ummauerte Brunnen, der eindrucksvoll in der Mitte posierte, als wüsste er über seine Unverzichtbarkeit genauestens Bescheid. Er war Quell frischen Wassers und somit das Zentrum, basta. Auch die hölzerne Seilwinde, die wie eine überdimensionierte Garnspule darüber hing, wirkte wie ein Bollwerk von Unzerstörbarkeit.
Das Herumhüpfen der zahllosen Spatzen, die sich scheinbar pausenlos im Patio aufhielten, versetzte das Gesamtbild des Hinterhofes auch dann in Bewegung, wenn sich gerade kein Mensch dort aufhielt. Ihr lautes, heiteres Zwitschern wurde nur hin und wieder von Hundegebell aus der Nähe oder weiter Entfernung unterbrochen.
Hier im rundum eingemauerten Garten voller Leben und dennoch friedvoller Atmosphäre setzte Luisa den kleinen Arthur ab. Direkt vor ihm befand sich, den Innenhof nach hinten hin abschließend, das Hinterhaus, welches in den kommenden Jahren sein Zuhause sein sollte.
Ihn interessierte das alles nicht. Er hatte weder Augen für die prachtvollen, bunten Büsche und Blumen, die den gnadenlos zubeißenden Zahn der Zeit an Außenmauern und Gebäuden mit großzügiger Schönheit verdeckten, auch nicht für die auffallend vielen herumflatternden Vögel oder das Spielzeug, das einladend im Rasen lag. Er sah das Mädchen, das scheu in der Nähe seiner Mutter blieb, aber neugierig zu ihm herüber schaute und einmal mit dem Kopf nickte, nachdem Luisa irgendetwas zu ihr gesagt hatte.
Die beiden Erwachsenen machten sich daran, die Koffer vor das Hinterhaus zu schleppen. Die Kisten stellten sie an den Rand der Auffahrt. Unendlich erleichtert darüber, dass er hier offensichtlich erwartet worden war, versuchte Arthurs Vater der hilfsbereiten Luisa, die allem Anschein nach als Haushälterin in Deisenhofers Stadthaus lebte, seine Dankbarkeit klar zu machen und irgendetwas Nettes zu sagen. Sie lachte nur über sein unbeholfenes Gestammel und zeigte ihm, wo er die Koffer abstellen sollte.
Arthur und das Mädchen standen sich währenddessen einfach nur gegenüber und sahen sich an. Sie lächelten nicht, der Ausdruck auf ihren Gesichtern war auch nicht besonders ernst, oder gar feindselig, sondern drückte einfach Interesse aus.
Arthur behauptet heute, er könne sich an die Ankunft im Patio genau erinnern. Selbst der Duft der blühenden Gartensträucher steige ihm noch heute in die Nase, wenn er an die erste Begegnung mit Maria Celeste denkt. Sein Blick wird beinahe nostalgisch, wenn er sagt, in jenem Hinterhof habe seine Kindheit erst angefangen, und sei auch dort zu Ende gegangen.
Vielleicht hat ja der kleine Arthur dort im Patio tatsächlich schon damals genau begriffen, dass er einem Menschen gegenüberstand, der eine groβe Bedeutung in seinem Leben spielen würde.
Ich habe mich oft gewundert: An seinen kurzen Lebensabschnitt im Deisenhofer’schen Hinterhaus in Asunción kann sich Arthur rätselhafterweise erstaunlich gut erinnern. Ich schreibe „rätselhafterweise“ und „erstaunlich“, da es doch eher ungewöhnlich ist, dass man sich an die Zeit zwischen dem vierten und siebten Lebensjahr mit geradezu fotografischer Genauigkeit erinnert. Ich muss allerdings einräumen, dass ich ja außer Arthur kaum jemanden kenne, mit dem ich Unterhaltungen über Kindheitserinnerungen geführt hätte. Vielleicht ist die bildhafte Erinnerung an gewisse Kindheitserlebnisse oder gewisse Zeitabschnitte in der Kindheit ganz normal. Aber ich bezweifle – und das ganz entschieden! – dass ein vierjähriges Kind begreift, oder sogar voraussieht, welche Menschen in seiner Zukunft eine besondere Rolle spielen werden.
„Ich wusste, dass dieses Mädchen meine erste Frau sein sollte“, behauptet Arthur unbeeindruckt von meinen Zweifeln.
„Quatsch! Du hast dich in dem Moment wahrscheinlich einfach gefreut, ein Kind vor dir zu haben, das nur wenig gröβer war als du.“
Arthur widerspricht: „Fakt ist doch, dass Kinder ganz oft viel besser als die Erwachsenen spüren, welche Begebenheiten eine besondere Tragweite haben. Kleinkinder haben oft viel feinere Antennen für die Zukunft. Und das ist eigentlich auch überhaupt nicht verwunderlich: Für die ganz kleinen Wesen ist es noch nicht so lange her, seit sie aus dem zeitlosen Raum herausgetreten sind. Verstehst du, möglicherweise ist ja der Ort, wo Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft noch Eins sind, für Kleinkinder noch eine dunkle Erinnerung. Auβerdem ist in dem Alter vieles noch ‘selbst-verständlich’ im wahrsten Sinne des Wortes! Gerade weil man eben nicht versucht, Ahnungen, Stimmungen, diffuse Gefühle, beziehungsweise wortloses Wissen in Worte zu fassen. Die Sprache reicht doch für alle unsere Gefühle überhaupt nicht aus. Im Gegenteil: sie verkompliziert doch alles, was man meint, erklären oder begründen zu müssen. So wie ein Baby von Natur aus schwimmen kann und das sehr bald wieder verlernt, so hat doch ein Kind ein natürliches Verständnis für das Geschehen, für die Schwingungen im Ganzen, ohne in Zeit und Raum verhaftet zu sein. Als Erwachsene brauchen wir eine logische Folge der Abläufe um dann daraus Schlüsse zu ziehen. Ein Kind trägt das Wissen über den einzig möglichen Schluss noch in sich.“
„Na klar,“ kontere ich, „im Nachhinein lässt es sich leicht sagen, dass du es schon damals gewusst hast. Schwingungen! Wenn ich das schon höre!“
Für einen kurzen Augenblick trifft mich sein wütender Blick. Dann lächelt er und sagt: „Schreib einfach weiter!“
Nachdem Luisa das Tor wieder versperrt hatte, stellte sie eine riesige Wanne aus Zink auf die Rasenfläche, zog den kleinen Arthur aus und setzte ihn behutsam in das angenehm kühle Wasser. Er muss erfreut, vielleicht auch unerwartet laut gelacht oder gequietscht haben, denn das dabeistehende Mädchen, Maria Celeste, die bisher keinen Laut von sich gegeben hatte, fing ebenfalls an zu lachen. Ohne ihre Mutter zu fragen, zog sie sich Hemd und Höschen aus und stieg zu Arthur in die Wanne. Sie strahlte vor Freude.




