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Die Abende, wenn alle Kinder schliefen, verbrachte er allein mit Luisa im Garten. Auch dieser Teil der neuen Routine machte ihn nur nervös. Innerlich fluchte er darüber, dass Justina nie dabei sein wollte. Offenbar war sie krankhaft menschenscheu.
Justina saβ jeden Abend nach dem Putzen der Küche allein am groβen Esstisch. Sie las in der Bibel. Mit dem Zeigefinger der rechten Hand folgte sie Zeile um Zeile dem Text, den ihre Lippen tonlos mitsprachen. Wieder und wieder hatte sie sich im Laufe der Jahre durch sämtliche Bücher der Bibel gekämpft. Sie war immer erleichtert, wenn sie mit dem Alten Testament fertig war und sich dem Neuen Testament zuwenden konnte. Ihre Gewissenhaftigkeit erlaubte es ihr aber nicht, sich ausschlieβlich mit dem Neuen, bei Weitem leichter lesbaren Bibelteil zu befassen. Das Hinwegblättern über den ersten Teil ihrer Lutherbibel wäre ihr frevelhaft erschienen.
Zwar war sie nie wirklich offiziell aus der „Mennoniten Brüdergemeinde“ ihres Heimatortes hinausgeflogen, aber ihr fehlte aus gutem Grunde der Mut, in ihrer Kirche zu erscheinen – auch nicht in der Brüdergemeinde hier in der Hauptstadt. Denn das, was sie damals vor vielen Jahren in Filadelfia erlebt hatte, kam einer Exkommunikation gleich. Durchaus verdiente Exkommunikation, fand sie selbst. Die täglich in der Küche zelebrierte Abendandacht würde, so hoffte und betete sie inständig, die Gottesdienste in der Kirche ersetzen. Göttliche Gnade und Vergebung all ihrer Sünden waren ihr einziges Lebensziel.
Ihr ganzes Leben, alles was sie tat und nicht tat, auch das Leben ihrer Tochter Hildegard und alles, was sie an dieses Kind weitergeben wollte, sollte einzig und allein dazu beitragen, dass sie für sich doch noch erhoffen könnte, Göttliche Gnade zu finden.
Hildegard, dieses stille, äuβerst schüchterne, leicht verstört wirkende Mädchen lieβ bei allen so etwas wie Mitleid aufkommen. Sie schien die beinahe verbissene Ernsthaftigkeit ihrer Mutter geerbt zu haben wie die Form der Nase oder der Augen. Ganz selten hörte man sie lachen oder mit den anderen Kindern herumalbern. Auch ihre gesamte Garderobe schien nur aus der Pflichtuniform für die Schule und dunklen, knielangen Hemdblusenkleidern mit steifen Kragen zu bestehen. Ihr haselnussbraunes Haar flocht sie jeden Morgen blitzschnell in zwei lange Zöpfe, die ihr fast bis an die Taille reichten. Und die dunkelgrünen Augen, mit einem grauen Kranz in der Mitte, blickten mit stechender Aufmerksamkeit in die Welt. Sie schienen nichts zu übersehen. Niemand hätte sagen können, was in diesem fast unheimlich wirkenden Kind vor sich gehen mochte. Aber jeder, der sie ansah, konnte ahnen, dass sie schon sehr bald eine junge Frau von auffallender Schönheit sein würde.
Täglich machte sie sich frühmorgens auf den Weg, um auf der Don Bosco einen Bus zu nehmen, später in eine der langsam ruckelnden Straβenbahnen umzusteigen, die sie schlieβlich bis zur Goethe-Schule auf der Calle España brachte. Die etwa zwanzigsitzigen Busse, die durch die Innenstadt donnerten, waren um diese Tageszeit meist völlig überfüllt. Dieselgestank und wolkiger Qualm von Zigarro Poí, den einige Passagiere den Mitreisenden ungeniert ins Gesicht bliesen, machten den täglichen Schulweg für Hildegard zu einem ständigen Kampf mit der Übelkeit.
Nach dem Unterricht kehrte sie während der gröβten Mittagshitze auf demselben Weg zurück nach Hause. Die Heimfahrt hatte den Vorteil, dass es zu dieser Tageszeit meist möglich war, einen Sitzplatz zu ergattern. Die Nachmittage verbrachte sie in der Küche am Esstisch, wo sie unter Aufsicht der Mutter ihre Schulaufgaben erledigte. Damit war ihr tägliches Lernpensum jedoch längst nicht erfüllt: Justina lieβ sie unendlich lange Bibeltexte vorlesen und Verse oder auch Liedtexte aus einem Kirchengesangbuch auswendig lernen. Ganz selten erlaubte sie ihrer Tochter, sie bei den Einkäufen auf dem Markt zu begleiten, um ihr beim Tragen der schweren Einkaufsnetze zu helfen. Nur wenn sie einen Auftrag zum Schneidern hatte, und den ganzen Küchentisch in Beschlag nehmen musste, durfte Hildegard manchmal mit den anderen Kindern hinaus ins Freie.
Kapitel III.
Kapitel 3
Im vorigen Kapitel habe ich über Justina und ihre Tochter Hildegard geschrieben. Arthurs Vater hatte bei seiner Ankunft überrascht und hoch erfreut festgestellt, dass die beiden Deutsch sprachen.
„Ich will die Herkunft der beiden näher beschreiben“, sage ich zu Arthur, nachdem er den bisherigen Text gelesen hat.
„Wozu?“, fragt er und sieht mich überrascht an. „Ich kenne ihre Lebensgeschichte und sie hat nichts mit mir zu tun.“
„Falsch. Ich rede auch noch gar nicht von Justinas Geschichte im Speziellen, sondern von ihrem religiösen Hintergrund.“
„Auch die Geschichte der Mennoniten ist mir auch zur Genüge bekannt und auch sie hat nichts mit mir...“
„Nichts mit dir zu tun? Dass ich nicht lache! Immerhin bist du zu den Mennoniten ‘übergelaufen’ und einer von ihnen geworden.“
„Ich bin nicht ‘übergelaufen’! Die mennonitische Gesellschaft war die einzige, die ich hatte, nachdem wir von Asunción nach Filadelfia im Chaco umgesiedelt waren!“
„Richtig. Und deshalb halte ich es für wichtig, dass du dir die Herkunft und Entstehung dieser Gesellschaft noch einmal vor Augen führst und mir diese Geschichte genau erzählst.“
„Jetzt mach mich nicht schwach! Du hast genau wie ich in der Schule das Fach ‘Mennonitengeschichte’ durchkauen dürfen bis zum Geht-nicht-mehr! Auβerdem haben wir uns seit Jahren nächtelang über den Sinn und Unsinn von Abspaltungen in der Christlichen Kirche unterhalten.“
„Arthur, mein Freund, wir haben uns über alles unterhalten. Über dein ganzes Leben! Und trotzdem willst du jetzt, dass ich es aufschreibe. Es geht ja nicht um mich und was ich über dich und dein Leben weiβ, sondern darum, dass du alles, dein ganzes Leben schwarz auf weiβ lesen willst. Wenn ich über deine Begegnung mit Justina und Hildegard schreibe und ihr leicht verschrobenes Verhältnis zum Glauben, dann kommen wir doch an einer näheren Betrachtung der Mennoniten gar nicht vorbei. Schlieβlich sind Justina und Hildegard zentrale Figuren in deinem Leben geworden. Also – wie und wann sind die Mennoniten entstanden?“
„Im 16. Jahrhundert, wie du weiβt“, antwortet Arthur muffelig.
„Woher kommt der Name ‘Mennoniten’?“
Jetzt muss Arthur doch grinsen. „Ja, eigentlich hätten sie genauso gut ‘Simoniten’ heiβen können. Einer der ersten Anführer dieser Gruppe hieβ Menno Simons. Wenn sich die ersten Lutheraner auch nach dessen Vornamen benannt hätten, dann hieβen sie heute Martiniten und nicht Lutheraner.“
Ich gehe über diesen schlechten Witz hinweg und fordere Arthur auf, mir Näheres über Menno Simons zu erzählen.
Aber Arthur schnaubt nur ärgerlich. „Wenn du meinst, dass das hier wichtig ist, dann erzähle doch, was wir beide in der Schule über die Geschichten der Mennoniten gelernt haben. Ich habe nichts dagegen. Aber ich habe absolut keine Lust, diese ganze Geschichte noch einmal durchzukauen. Schlimm genug, wenn ich das Ganze nachher lesen muss.“
Ich lasse mich nicht beirren in meiner Meinung, dass die Entstehungsgeschichte der Mennoniten und ihre „Völkerwanderung“ Teil seiner eigenen Geschichte sind. Immerhin war Justina im Jahr 1933 zusammen mit einer gröβeren Gruppe dieser Religionsgemeinschaft nach Paraguay eingewandert. Und Arthur muss zugeben, dass sie ein Teil seines Lebens geworden war, genauso wie Luisa und Maria Celeste. Auf die beiden kommen wir sicherlich auch noch näher zu sprechen.
Menno Simons war im Jahr 1524 in Friesland, einer Provinz der Niederlande, katholischer Priester geworden, ohne je die Bibel in der Hand gehabt zu haben. Nur ganz wenige Kirchenmänner hatten damals das Vorrecht, eine Bibel zu besitzen. Das muss man sich einmal vorstellen: da predigt einer jahrelang, und weiβ gar nicht genau, welche Botschaft er eigentlich vertritt. Es gab damals in sämtlichen kleineren Kirchgemeinden nur so etwas wie mündliche Unterweisung. Simons muss zu Gute gehalten werden, dass er sich trotzdem eine Bibel beschafft und sie genau durchstudiert hat. Keine Selbstverständlichkeit zu jener Zeit.
Er stellte fest, dass es nirgendwo in der Bibel heiβt, Säuglinge müssten getauft werden. Diese Feststellung hatten vor ihm auch andere namhafte Priester gemacht und versucht, diese Tradition als unbiblisch abzuschaffen. Aber die Säuglingstaufe war ein fester katholischer Brauch. Fast alle Aufwiegler waren deshalb durch die katholische Kirche, die ja das Glaubensmonopol innehatte, grausam hingerichtet worden. Trotzdem entstanden irgendwann so genannte Wiedertäufer-Bewegungen. Das heiβt, erwachsene Gläubige lieβen sich erneut taufen, weil laut Bibel eine überzeugte Glaubenshaltung der Taufe vorausgehen sollte.
Durch diese Erwachsenentaufe grenzte sich eine Gruppe von den anderen Protestanten ab. Einer dieser anderen Protestanten war Martin Luther gewesen, der ja schon sieben Jahre bevor Menno Simons zum Priester geweiht wurde, eigene Verbesserungsvorschläge öffentlich gemacht hatte.
Neben der Taufe im Erwachsenenalter machte sich Simons unter anderem dafür stark, dass Gewalt und Kriegsdienst sich für einen Gläubigen nicht gehören. Gewalt hatte lediglich in der Kindererziehung ihren Platz, nicht aber im öffentlichen Leben. Ebenso wenig wie das Schwören. Alles, was einer Vereidigung bedurfte, wurde abgelehnt. „Eure Rede sei ‘ja’ und ‘nein’, was darüber ist, ist von Übel“, heiβt es schließlich in der Bibel.
Simons fing damals an, kleine Traktate zu schreiben und wurde dadurch in seinen Kreisen immer bekannter und gefragter. Historischen Berichten zufolge wurde er von einer Gruppe tiefgläubiger Menschen gebeten, ihr „Ältester“ zu werden. Er reiste daraufhin eine Zeit lang predigend durch die Gegend, was zu jener Zeit, um 1545, keine leichte Aufgabe gewesen sein dürfte. Es gab viele Feinde seitens der staatlichen Kirche. In Aufzeichnungen heiβt es, Simons sei „einer der wichtigsten Führer der verfluchten Sekte der Wiedertäufer“ gewesen. Seine Ansichten und Hartnäckigkeit passten offensichtlich vielen Politikern und auch Kirchenmännern nicht, zumal er, wie andere Reformer und Wiedertäufer auch, vehement dafür sprach, dass Staat und Kirche voneinander getrennt werden sollten. Das bedeutete für ihn, dass er damals gefährlich lebte. Sie haben ihn aber, soweit ich weiβ, nie gekriegt, denn er soll eines natürlichen Todes gestorben sein. Aber bevor er starb, war es ihm gelungen, eine relativ groβe, in sich geschlossene Gruppe von gläubigen Christen zusammenzubringen, die sich streng an seine Grundsätze halten würde.
Diese Gruppe von Christen, die von anderen Protestanten und Katholiken spöttisch „Mennisten“ genannt wurde, wuchs immer weiter. Man war darauf bedacht, Gemeinschaft untereinander und Traditionen zu pflegen. Allerdings waren die Gebiete, in denen das möglich war, stark begrenzt, obwohl gewisse Staatsoberhäupter bemerkten, dass dort, wo Mennoniten ansiedelten, Fortschritt und wachsender Reichtum die Folge waren. So war es ihnen beispielsweise gelungen, die Sumpflandschaften der Weichselniederung trockenzulegen und in Weideland zu verwandeln. „Betet und arbeitet“ war einer ihrer wichtigsten Grundsätze geworden.
Die Landstriche aber, die sie über mehrere Generationen lang bewirtschaften und dabei die eigene Lebensweise pflegen durften, wurden zu eng. Man brauchte weitere Ausdehnungsmöglichkeiten. Und man hat sie bekommen: In Russland, am Schwarzen Meer, gab es genug Ländereien, wo freiwillig und ohne schwerwiegenden Grund niemand hin wollte. Katharina die Groβe hatte von den ganz und gar nicht arbeitsscheuen Mennoniten gehört...
Etwa 900 Mennoniten waren im Jahr 1788 nach Russland ausgewandert. Neuer Reichtum an den Ufern des Dnjepr und der Wolga! Diesem neuen Reichtum waren, wie ich gerechterweise erwähnen muss, harte Arbeit und viele Entbehrungen vorausgegangen. Es war ihnen sicherlich nichts geschenkt worden. Wenn ihnen der Kommunismus erspart geblieben wäre, hätten sie in Russland heute sicherlich groβe Landesteile besiedelt. Aber der Kommunismus sollte kommen und viele der deutschstämmigen Siedler, die in ihren Kirchen kein Deutsch mehr singen und predigen durften, sind nach Kanada, in die USA und von dort aus auch nach Mexiko gezogen. Und eine Gruppe beschloss eben, nach Paraguay auszuwandern, weil es hieβ, dass man dort in Ruhe beten und arbeiten, aber auch deutsche Predigten hören dürfte.
Justina war in Russland geboren worden und hatte als kleines Mädchen an dem Teil der Wanderung teilgenommen, der eine relativ kleine Gruppe des „mennonitischen Volkes“ von Russland über Deutschland nach Paraguay gebracht hat.
„Mennonitisches Volk!“, hat Arthur gerufen, nachdem er meinen extrem zusammengefassten Bericht über den Ursprung der Mennoniten gelesen hatte.
„Sie sind doch kein Volk, sondern eine Religionsgemeinschaft! Zuerst so etwas wie eine Abspaltung der Protestanten, dann eine ganz eigenständige Bewegung. Jeder kann sich heutzutage auf den mennonitischen Glauben taufen lassen und einer von ihnen werden!“
„Das ist schon richtig, aber du wirst mir wohl kaum widersprechen, wenn ich sage, dass sie sehr genau wissen, wer seine Wurzeln in der ursprünglichen Gemeinde hat und wer nicht. Selbst ihre alte, plattdeutsche Mundart grenzt den Kern ihrer Gruppe ganz stark gegen alle dazugekommenen Mitglieder ab. Bis heute.“
„Na gut, das mag stimmen.“
Justina konnte sich nur noch dunkel daran erinnern, jemals in einem anderen Land als Paraguay gelebt zu haben. Schlieβlich war sie bei der Auswanderung aus Russland erst ganze sechs Jahre alt gewesen. In ihren Erinnerungen schwebten noch langsam verblassende Bilder vom ukrainischen Dorf, in dem sie als Kleinkind gelebt hatte. Ganz deutlich erinnerte sie sich allerdings an die Ungewissheit und die niedergedrückte Stimmung, die auf der Flucht spürbar gewesen waren. Niemand hatte ihr damals erklärt, warum sie alles stehen und liegen lassen mussten und wohin die lange Reise gehen sollte.
Das Leben hatte im Chaco neu angefangen... und war dort für sie auch in gewisser Weise zu Ende gegangen. Zwischen ihrem jetzigen Dasein in der Stadt und dem behüteten Leben, das sie in der mennonitischen Siedlung im Chaco geführt hatte, herrschte ein krasser Gegensatz. Sie hatte sich „der Unzucht schuldig gemacht“. Schande und Verbannung in die Stadt. Ausbürgerung. Kein Weg zurück. Deshalb war sie jetzt fest entschlossen, überhaupt nicht an dem städtischen Leben teilzunehmen.
„Nicht an dem Leben in der Stadt teilzunehmen! Was soll denn das schon wieder heiβen?“ Arthur kann es nicht lassen, an meinen Formulierungen herumzumeckern.
„Dann schreib doch selber, wenn es dir nicht passt!“
„Es geht nicht darum, ob es mir passt oder nicht, ich finde deine Ausdrucksweise nur manchmal ein bisschen seltsam, so melodramatisch, fast theatralisch!“
„Was ist daran theatralisch, wenn ich behaupte, Justina hätte am Leben nicht teilgenommen! Sie ging in Asunción nie aus, hatte keine Freunde, die sie besuchten, sie hörte noch nicht einmal Radio!“
„Ja, ja, das stimmt ja alles.“ Arthur denkt eine Weile nach. Dann sagt er: „Vielleicht war es mir nur bisher nicht wirklich bewusst, dass es ihr eigener Entschluss war, sich vollkommen auszugrenzen.“
„Ich fand es, nach allem was du mir über eure Zeit im Hinterhaus erzählt hast, immer ganz offensichtlich, dass sie sich selbst bestrafen wollte, indem sie das Leben einer Büβerin lebte. Sie muss ja sehr wohl mitgekriegt haben, dass andere Stadtbewohner, obwohl sie oft arm waren, so etwas wie Lebensfreude zeigten. Es gab in der Nachbarschaft Feste und Feierlichkeiten, es gab selbst in der nächsten Nachbarschaft Kneipen oder Restaurants in denen getrunken, gelacht und getanzt wurde. Wahrscheinlich hat sie diese öffentlich zur Schau gestellte Lebensfreude als das erkannt, was man bei ihr zu Hause als ‘verderbliches Verhalten’ bezeichnet hatte. Und davor war sie schlieβlich, neben der ‘Unzucht’, immer gewarnt worden, seit sie denken konnte.“
„Hm. Ja. Sie hat ihre eigenen kategorischen Grenzen gezogen, weil sie die Groβstadt als mögliche Rutschbahn in den Sündenpfuhl gesehen hat.“
„Musste sie ja! Schlieβlich war vorher, in ihrem Dorf im Chaco alles gut, richtig und gottgefällig gewesen. Hier war alles ganz anders, also schlecht. Aber ganz offensichtlich hatte sie die Hoffnung nicht aufgegeben, am Ende doch noch von höherer Instanz als guter Mensch bewertet zu werden. Sie hat ja ihre abendliche Andacht nie versäumt, wie wir von deinem Vater wissen. Auch die permanent gut gelaunte Luisa hatte es längst aufgegeben, sie zu einem Abendspaziergang oder zu einem Plauderstündchen am Lagerfeuer einzuladen. Justina soll bei solchen Angeboten immer nur mit ernster Miene den Kopf geschüttelt und gesagt haben: ‘Ich muss in meiner Bibel lesen, ich will nie wieder meinen Weg verfehlen’.“
Arthur denkt lange nach ohne ein Wort zu sagen.
Schlieβlich sage ich: „Übrigens, bei aller Kritik an meiner Schreiberei: Ob es dir passt oder nicht, ich schreibe auch solche Gespräche auf, wie das, das wir gerade geführt haben.“
„Wenn du meinst“, sagt er nur, zuckt die Achseln und geht aus dem Zimmer.
Kapitel IV.
Kapitel 4
Julius Deisenhofer hatte sein Eintreffen in der Hauptstadt angekündigt. Zwei seiner Arbeiter waren von ihm als Begleiter eines Holztransportes vorausgeschickt worden. Der Verkauf von Brennholz an das staatliche Elektrizitätswerk in Luque machte einen nicht unerheblichen Teil seiner Geschäfte aus.
Am späten Nachmittag schlenderten zwei Arbeiter, Miguel und Adalberto, gemächlich und mit fröhlichem Grinsen im Gesicht über den Patio zum Hinterhaus. Ganz offensichtlich waren sie nicht zum ersten Mal hier, denn sie kamen unbefangen und wie selbstverständlich bis unter das Vordach. Auch auf das übliche In-die-Hände-Klatschen, welches hier in Paraguay zum guten Ton gehört, um sich bemerkbar zu machen, hatten die beiden verzichtet. Einer der Männer versuchte durch die offen stehende Tür in Luisas Schlafzimmer zu schielen. Maria Celeste bemerkte den Schatten in der Tür, erkannte den Arbeiter und sprang ihm sofort entgegen. Auch ihre Brüder empfingen die beiden mit fröhlichem Geschrei.
„Morgen kommen Onkel Julio und Tante Christa!“, rief Maria Celeste erfreut, als sie die Nachricht hörte. Adalberto packte das jubelnde Kind daraufhin bei den Händen und drehte sich um sich selbst, so dass Maria Celestes Füβe sich vom Boden lösten und durch die Luft wirbelten. Arthur stand dabei und wurde von ihrem Lachen angesteckt. Da packte ihn Miguel und lieβ ihn ebenfalls an den Händen durch die Luft fliegen. „Du musst Maria Celestes neuer Freund sein! Haben schon von dir gehört, kleiner Weißkopf!“
Übermütig tobten Deisenhofers Waldarbeiter mit den Kleinen herum und lieβen sich ständig neue Albernheiten einfallen, um die Kinder zum Lachen zu bringen. Alle wurden von der ausgelassenen Stimmung angesteckt. Selbst Hildegard erhielt von Justina die Erlaubnis, eine Viertelstunde mit den anderen zu spielen. Anfangs stand sie mit schüchternem Lächeln daneben. Aber als Maria Celeste und Arthur beim Packenspielen hinter ihr her jagten, konnte sie auch sie endlich einmal aus vollem Halse lachen. Selbst die Vögel schienen lauter zu zwitschern als sonst, die ganze Luft flimmerte vor Fröhlichkeit.
Erst kurz vor Sonnenuntergang rief Justina zum Abendessen. Eilig wuschen sich alle die Hände und kamen in die Küche. Arthurs Vater fiel auf, dass die beiden Besucher von einer Minute zur anderen wie ausgewechselt schienen. Es mochte an Justina liegen. Aus irgendeinem Grund schien in ihrer Gegenwart jedes Anzeichen von Ausgelassenheit und Freude unangebracht. Mit gesenkten Köpfen kamen Miguel und Adalberto in die Küche und fragten Luisa fast flüsternd, wo sie sich setzen sollten. Dann warteten sie schweigend, bis Justina ihr Tischgebet mit einem lauten „Amen“ beendet hatte und anfing, den Braten zu zerteilen. Auch beim Essen herrschte fast schüchterne Schweigsamkeit, obwohl die aufgetischte Mahlzeit wie immer üppig war und hervorragend schmeckte.
Und genauso plötzlich wie die Stille eingetreten war, verschwand sie auch wieder, als alle satt waren und Justina die Mahlzeit für beendet erklärte, indem sie aufstand und anfing, den Tisch abzuräumen.
Luisa zog Adalberto am Arm nach drauβen und forderte ihn in neckischem Befehlston auf, Brennholz bei der üblichen Feuerstelle aufzuschichten. Über alle Maßen witzige Bemerkungen schienen zwischen den Arbeitern und Luisa hin und herzufliegen, denn die wenig geistreichen Gespräche endeten immer wieder in Luisas perlendem Lachen. Arthurs Vater konnte annähernd den Sinn verstehen, als sie dann die Stimme senkte und zu Miguel sagte: „Du könntest die Korbsessel von der Terrasse in den Garten bringen, während ich mich um die Kinder kümmere. Und lass dir von der Küchenhilfe eine Flasche Wein und Gläser geben! Ich bin gleich wieder da.“
Küchenhilfe! Ich lag also gar nicht so verkehrt mit meinem Eindruck, dachte Arthurs Vater. Luisa spielt vor den Arbeitern die überlegene Hausherrin. Ich möchte mal sehen, ob sie genauso herablassend über Justina spricht, wenn die Deisenhofers da sind.
Miguel hatte seine Finger in die Öffnungen der vier Gläser gesteckt, um sie zusammen mit der Weinflasche in den Patio zu tragen. Arthurs Vater wollte behilflich sein, und Miguel etwas abnehmen, dieser ignorierte ihn jedoch. Also beeilte Arthurs Vater sich, einen Hocker bereitzustellen. Miguel nickte nur, stellte Flasche und Gläser ab, dann machte er sich ohne ein Wort zu sagen daran, eine Hängematte zwischen den Pfeilern des Vordachs aufzuspannen. Adalberto tat das Gleiche, ebenfalls in tiefes Schweigen gehüllt.
Komisch, dachte Arthurs Vater, diese beiden Kerle scheinen nur mit Kindern und Luisa zu sprechen.
Er setzte sich. Miguel war mit dem umständlichen Knoten an seiner Hängematte fertig, also setzte er sich ebenfalls. Wenig später ließ sich auch Adalberto auf einen Stuhl fallen. Keiner der drei sagte etwas. Die Stille hing bleiern über ihnen, war irgendwie peinlich. Alle warteten auf Luisa.
Nachdem sie die Kinder ins Bett gebracht hatte, kam sie langsam, mit leicht wiegenden Hüften in den Patio. Sie streckte sich genussvoll, fuhr mit der Hand über ihren Nacken und löste dabei wie zufällig die Spange, die ihr langes schwarzes Haar in einem dicken Pferdeschwanz zusammengehalten hatte. „Nun Männer, kriege ich ein Glas Wein?“, fragte sie mit kecker Stimme. Und sofort griffen alle drei Männer nach dem Weinglas, das man für sie bereitgestellt hatte. Luisa lachte etwas zu laut.
Auch wenn sie sich betont fröhlich gab und versuchte, die Männer mit ihrer guten Laune anzustecken, war die Stimmung am Lagerfeuer eher angespannt. Von der lustigen Ausgelassenheit, die beim Spielen mit den Kindern geherrscht hatte, war bei Deisenhofers Arbeitern nun nichts mehr zu spüren. Jeder von ihnen bemühte sich, Luisa in ein Gespräch zu verwickeln, wurde aber früher oder später vom anderen unterbrochen.
Ich glaub es kaum!, dachte Arthurs Vater. Die Beiden versuchen anscheinend, sich bei Luisa einzuschmeicheln und sich dabei untereinander auszustechen! Allerdings, wie mir scheint, nicht zum ersten Mal! Und Luisa, dieses kleine Biest, scheint das auch noch in vollen Zügen zu genieβen! Jedenfalls kichert sie heute herum, wie ein Backfisch. Der Wein tut das Seinige dazu.
Auch wenn er jetzt so tat, als ginge ihn die kleine gesellschaftliche Runde nichts an, beobachtete und interpretierte Arthurs Vater mit lauernder Achtsamkeit alles, was die fremden Männer taten oder sagen mochten. Denn nicht einmal ansatzweise konnte er verstehen, was da wirklich zur Sprache gebracht wurde. Zu häufig glitten die Arbeiter, und damit auch Luisa, ins Guaraní ab, die eigentliche Muttersprache der meisten Paraguayer. Und sosehr er auch versuchte sich selbst einzureden, dass es ihm einerlei sei, worüber die untereinander offensichtlich befreundeten Arbeiter mit Luisa reden könnten, konnte er sich nicht dazu entschließen, die Runde einfach zu verlassen und ins Bett zu gehen. Luisas häufiges Kichern in leicht überhöhter Tonlage wirkte einerseits abstoßend auf ihn, andererseits hätte er nicht abstreiten können, dass es ihn auch irgendwie faszinierte. Er tat also, als sei er angestrengt mit dem Lagerfeuer beschäftigt, stocherte in der Glut herum, schob die brennenden Holzscheite immer wieder zurecht und beobachtete aus den Augenwinkeln die sich anbahnende Rivalität der beiden Arbeiter. Miguel bemühte sich gerade deutlich darum, irgendetwas Originelles zu erzählen und Luisas Aufmerksamkeit zu fesseln, irgendwann schien sein Tonfall immer persönlicher zu werden, schließlich redete er regelrecht schmeichelnd auf sie ein, bis Luisa anfing schelmisch zu kichern, dann laut zu lachen. Da mischte sich Adalberto in das Gespräch, das eigentlich ein Monolog gewesen war und redete seinerseits über irgendetwas Witziges, über das Luisa lachen konnte, um dann wiederum in einen schmeichelnden Tonfall überzugehen. Immer wieder versuchte einer von beiden, Luisas Aufmerksamkeit ganz für sich zu gewinnen.




